Titel: Family Ties
Autor: Lady Charena
Fandom: The A-Team
Episode: 93.
Glückstreffer (Family Reunion)
Pairung: Face, Murdock, Hannibal, BA, Frankie, Ellen Bancroft
Rating: gen, PG-13
Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: Der Tod von Face Vater und sein Streit mit Murdock sind noch nicht einfach so erledigt.

Zusammenfassung der Episode: AJ Bancroft hat seine Millionen nicht auf ganz legalem Weg verdient. Nun ist er ein alter Mann, der im Sterben liegt. Er kehrt aus seinem Exil auf Barbados zurück in die Staaten. Im Gegenzug für seine Tagebuchaufzeichnungen, die die Machenschaften korrupter Politiker aufdecken würden, fordert er von General Stockwell, dass das A-Team ihm zu einem Wiedersehen mit seiner Tochter Ellen verhilft. Er verließ ihre Mutter über zwanzig Jahre zuvor, weshalb die junge Frau nicht besonders gut auf ihren Vater zu sprechen ist. Außerdem gibt es da noch einen früheren Geschäftspartner von Bancroft, der von der Sache Wind bekommen hat und der die Veröffentlichung der Aufzeichnungen unbedingt verhindern muss, will er nicht ins Gefängnis wandern. Durch einen Zufall entdeckt Murdock, dass Bancroft ein Foto in seinem Besitz hat, das Face als Teenager zeigt. Bancroft gesteht daraufhin ein, dass er Face Vater ist – er ist das Ergebnis einer sehr jung geschlossenen Ehe zwischen Bancroft und einer Frau namens Samantha. Face richtiger Name ist Richard Bancroft. AJ verließ Samantha kurz nach der Geburt ihres Kindes. Sie verschwand später spurlos, und da Face unter einem anderen Namen ins Waisenhaus aufgenommen wurde, konnte AJ seinen Sohn nicht mehr ausfindig machen. Murdock will Face sofort die Wahrheit sagen, doch AJ bittet ihn, zu warten und ihm die Entscheidung über den richtigen Zeitpunkt zu überlassen. Der Pilot ist zwischen seiner Loyalität zu Face und der Bitte eines sterbenden Mannes hin- und hergerissen und verspricht schließlich schweren Herzens, zu schweigen. Er wird jedoch von heftigen Gewissensbissen geplagt, was zu einigen unbehaglichen Momenten mit Face führt, der natürlich bemerkt, dass mit seinem Freund etwas nicht in Ordnung ist. Dem Team gelingt es, Ellen zu befreien, die von Bancrofts früherem Geschäftspartner als Druckmittel entführt wurde und es kommt zu einem komplizierten Wiedersehen zwischen Vater und Tochter, das jedoch in einer Versöhnung endet. Doch dann stirbt AJ überraschend. Nach der Beerdigung erzählt Murdock Face endlich, dass Bancroft sein Vater war und Ellen daher seine Halbschwester ist. Verständlicherweise ein Schock für Face, der Murdock heftige Vorwürfe macht. Ellen bringt inzwischen die Aufzeichnungen ihres Vaters an die Öffentlichkeit. Die Folge endet damit, dass Face von Stockwell die Bestätigung erhält, dass Bancroft tatsächlich sein leiblicher Vater war. Zusammen mit Murdock und Ellen besucht er noch einmal das Grab von AJ Bancroft. Die Story beginnt mit dieser Szene.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.


“One thing about you and me I’ve always liked, Face, that’s our fights. ‘Cause we don’t have to stumble over our lips apologizing.” Murdock (Family Reunion)

“This is… this is like a dream.
Thank God.” Face (nachdem er die Bestätigung erhalten hat, dass AJ sein Vater war)



Murdock setzte sich in die offene Tür des Vans und beobachtete, wie Face zu Ellen trat, die vor dem Grab ihres Vaters stand und den Arm um ihre Schulter legte. Die beiden sahen auf die frisch aufgeworfene Erde hinunter, unter der AJ Bancroft lag und in der er das Etui mit den beiden Kinderfotos von Ellen und Face begraben hatte.

Er wusste nicht genau warum, aber es versetzte ihm einen Stich, sie so zu sehen. Da war eine Verbindung zwischen ihnen... es war eine andere Verbindung, eine andere Vertrautheit, als zwischen ihm und Face. Vielleicht rührte es auch daher, was Face über Ellen gesagt hatte – dass er noch nie eine Frau getroffen habe, mit der er sich so auf Anhieb verstanden habe, wie mit ihr.

Nun, zumindest hatte Face die Wahrheit noch erfahren, bevor er Ellen um ein Date bat...

In den zwei Tagen seit AJ Bancrofts Tod... es war nicht so... es waren keine bösen Worte zwischen ihnen gefallen. Eigentlich hatten sie überhaupt nicht miteinander gesprochen. Natürlich war es den anderen aufgefallen und als Hannibal ihn danach fragte, hatte Murdock ihn damit abgewimmelt, dass er und Erica einen Streit über Rogers Ernährung hatten. Der Colonel hatte die Augenbrauen hochgezogen, ihm auf die Schulter geklopft und es dabei belassen. Murdock wusste, dass er ihm nicht glaubte. Aber er wusste auch, dass Hannibal nicht nachfragen, sondern darauf vertrauen würde, dass er mit ihm sprach, wenn er dazu bereit war.

Der Colonel war mit BA und Frankie im zweiten Wagen nach Langley zurückgekehrt. Er wusste nicht, welche Ausrede Face benutzt hatte, um ihr Bleiben zu begründen. Mehr noch, er hatte es sogar fertig gebracht, dass BA ihnen seinen geliebten Van überließ, mit dem sie nach Virginia zurückfahren würden.

Er hatte nicht viel von seinem Freund gesehen in diesen zwei Tagen. Face blieb in der Hütte, die sie gemietet hatten, um Bancroft und Ellen zu verstecken. Aber Murdock brachte es nicht über sich, ebenfalls dort zu wohnen. In der Stadt wollte er auch nicht bleiben. Also hatte er im Van geschlafen. Nicht, dass er viel Schlaf fand. Wieder und wieder ging er in Gedanken die Ereignisse der letzten Tage durch. Aber genauso wenig wie nach dem Gespräch mit Bancroft wusste er, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Er wusste es einfach nicht.

Dann war Ellen überraschend zurück gekommen. Sie war vor dem Medienrummel geflohen, den die Veröffentlichung des Tagesbuchs ihres Vaters hervorgerufen hatte. Sie war überrascht und erfreut zugleich gewesen, dass sich noch zwei ihrer Retter am See aufhielten.

Face hatte sich erboten, sie zu Bancrofts Grab zu begleiten. Ellen ging voraus, während sie beim Van stehen blieben, um auf Stockwells Anruf zu warten. Er hatte ihnen über Carla ausrichten lassen, dass er die Bestätigung, ob Face Bancrofts Sohn war, gegen Mittag haben würde. Als der Anruf endlich kam... Er wusste nicht, ob Face Reaktion darauf, dass AJ Bancroft tatsächlich sein Vater gewesen war, gut oder schlecht war. Zum ersten Mal seit vielen Jahren war es ihm einfach nicht möglich, im Gesicht seines Freundes zu lesen. „Das ist... das ist wie ein Traum. Gott sei Dank.“

Er öffnete den Mund, ohne recht zu wissen, was er sagen sollte, außer sich erneut zu entschuldigen – doch Face schüttelte den Kopf und ließ ihn beim Wagen stehen. Den Kopf in die Handfläche gestützt, beobachtete er, wie Face sich mit Ellen unterhielt. Und an ihrer Reaktion konnte er ablesen, dass Face ihr gesagt hatte, wer er war. Die Halbgeschwister umarmten sich.

Er fühlte sich mies dabei, sie in diesem Moment zu beobachten. Murdock kletterte aus dem Van und ging in die entgegengesetzte Richtung davon. Irgendwann fand er sich am Ufer des Sees wieder, setzte sich auf einen Stein und stützte den Kopf in die Hände.

Murdock wusste nicht, wie lange er so da saß, bis ihm schließlich auffiel, dass es ziemlich kühl geworden war, so dicht am Wasser. Er stand auf, überrascht wie steif seine Muskeln waren und zog seine Jacke enger um sich. Seine Mütze gerade rückend, ging er langsam zur Hütte zurück.

„Face?“, fragte er, als er ins Wohnzimmer trat.

„Wo zum Teufel hast du den ganzen Tag gesteckt?“ Face stand aus einem Sessel am Feuerplatz auf und sah ihn an.

Unwillkürlich ging Murdock einen Schritt zurück, als wäre er kurz davor, aus der Hütte zu fliehen. „Ich... ich dachte, du und Ellen... ich wollte euch Gelegenheit geben, ungestört zu reden.“

Mit einem Seufzen setzte sich Face wieder. „Okay. Entschuldige. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.”

„Okay“, erwiderte Murdock unsicher. „Wo... wo ist Ellen?“

„Sie macht sich frisch. Wir wollen zum Essen in die Stadt fahren. Kommst du mit?“

Der Pilot starrte auf Face Hinterkopf, mehr konnte er von ihm nicht sehen. „Oh, ich... ich habe keinen Hunger.“ Außer einem Twinkie, das er in einer Tasche seiner Jacke fand, hatte er den ganzen Tag über nichts gegessen. Aber er brachte es nicht über sich, mit den beiden zusammen an einem Tisch zu sitzen und so zu tun, als wäre nichts geschehen. „Falls ihr den Van nehmen wollt’, kann ich mir einen anderen Platz zum Schlafen suchen.“

„Murdock, das ist doch Schwachsinn. Du schläfst hier in der Hütte.“

„Okay, ich hole mir einen Schlafsack aus dem Van und...“

„Oh. Hallo, Murdock.“ Ellen trat zu ihnen. „Face hat sich schon Sorgen um Sie gemacht.“

Der Pilot stopfte die Hände in die Taschen seiner Jacke und sah verlegen zu Boden. Er sagte nichts.

Face stand auf und ging an ihm vorbei. Murdock hob den Kopf, als er seine Hand drückte. „Wir sprechen später weiter.“

„Okay.“ Murdock sah ihnen nach, lauschte auf das Geräusch des startenden Vans und darauf, wie es draußen wieder still wurde. Er setzte sich in den Sessel, den Face freigemacht hatte.





„Murdock? Hey, aufwachen.“

“Was?” Verschlafen blinzelnd setzte der Pilot sich auf, als ihn jemand an der Schulter nahm und leicht schüttelte. „Face?“, murmelte er und setzte sich auf. „Du bist schon zurück?“ Er zuckte zusammen, als seine steifen Muskeln protestierten. Sich den Nacken reibend, sah er sich um. „Wo ist Ellen?“

„Es ist bereits weit nach Mitternacht. Warum suchst du dir nicht einen bequemeren Platz zum Schlafen, als diesen Sessel.“

„Okay.“ Murdock gähnte. “Ich hole meinen Schlafsack aus dem Van und richte mich in der Küche ein. Du kannst das Sofa haben.“ Er wollte aufstehen, doch Face drückte ihn zurück. „Was ist?“

„Du kannst bei mir im Schlafzimmer bleiben.“

„Schläft Ellen nicht dort?“

Face schüttelte den Kopf. „Ich habe Ellen einen Mietwagen besorgt. Sie ist gleich nach dem Essen losgefahren. Sie will baldmöglichst zurück nach Florida und das ist ein langer Weg.“

Murdock musterte ihn. Aber noch immer wusste er nicht, was in Face vorging. „Ist... ist zwischen euch alles in Ordnung?“

„Ich weiß es nicht. Wir versuchen noch immer, uns daran zu gewöhnen, dass wir auf einmal eine Familie haben... eine Familie sind.“ Face strich sich übers Haar. „Hör’ mal, es ist spät. Lass’ uns schlafen gehen. Ich schätze, wir sollten morgen brav nach Langley zurückfahren, bevor Stockwell uns ein paar Abel schickt, damit sie uns nach Hause holen“, setzte er sarkastisch hinzu.

„Aber du wirst sie doch sicher wiedersehen, oder?“

„Ja. Irgendwann. Wenn das hier alles vorbei ist und wir frei sind. Das ist auch besser für Ellen.“ Face streckte die Hand aus, um ihm hoch zu helfen und lächelte. „Na komm. Das Sofa ist mörderisch und wenn du nicht ausgeschlafen bist, kannst du mich nicht beim Fahren ablösen. Ich habe nicht vor, die ganze Strecke alleine zu fahren.“

„Gleich. Ich... komme gleich nach.” Er blieb stehen, die Hände in die Hosentaschen gestopft und sah seinem Freund nach.

* * *

Die Hütte hatte zwei Schlafzimmer. Doch keiner von ihnen zog auch nur in Erwähnung, in dem Zimmer zu schlafen, in dem AJ Bancroft gestorben war.

Murdock trat zögernd in den Raum. Face schien ein wenig ihm gegenüber aufgetaut zu sein, seit Stockwells Anruf heute Mittag... Korrektur, gestern Mittag. Das war kein Thanksgiving gewesen, wie sie es sich vorgestellt hatten, bevor Stockwell mit ihrem neuesten Auftrag auftauchte...

Das Schlafzimmer war nicht besonders groß, es war gerade genug Raum für ein Doppelbett und einen Schrank. Nicht unbedingt Platz, um sich sehr aus dem Weg zu gehen, wenn man Streit hatte.

Face lag bereits im Bett. Er hatte die Decke über die Schulter hochgezogen und wandte ihm den Rücken zu.

Der Pilot seufzte leise und begann sich auszuziehen. Erst in Shorts und einem T-Shirt merkte er, wie kalt es in dem Raum geworden war. Er nahm das zweite Kissen und die zweite Decke vom Bett und begann damit, sich auf dem Fußboden davor ein Lager zu machen.

Face drehte sich auf die Seite und setzte sich auf. „Was soll der Quatsch, Murdock? Du musst doch nicht auf dem Fußboden schlafen!“ Als der Pilot schwieg und auf den Boden starrte, seufzte er. „Ich bin nicht wütend auf dich, Murdock. Ich bin einfach nur müde und es gibt eine Menge, über das ich nachdenken muss. Na komm’ schon, es ist viel zu kalt, um hier herum zu stehen. Wir sind nicht mehr in Kalifornien.“

Nach kurzem Zögern sammelte der Pilot das Bettzeug wieder auf und schaffte es zurück ins Bett. Schließlich hatte er wieder alles in Ordnung gebracht und schlüpfte unter die Decke.

Face knipste das Licht aus.

Obwohl Face gesagt hatte, dass er nicht wütend wäre, war sich Murdock einfach nicht sicher, ob er ihm glauben sollte. Er wusste, dass Face eine Menge zu verarbeiten hatte – seinen Vater an ein- und demselben Tag kennen zu lernen und wieder zu verlieren. Aber da schien noch etwas anderes zu sein. Natürlich hielt Face seine Gefühle meistens ziemlich gut verborgen. Dennoch war er normalerweise in der Lage, die Distanz zwischen ihnen zu überbrücken und den Freund dazu zu bringen, zumindest mit ihm zu reden.

Murdock drehte sich auf die andere Seite und musterte ihn. Face hatte sich wieder von ihm abgewandt, die Decke erneut bis über seine Schultern hoch gezogen, fast als versuche er sich darunter zu verkriechen.

„Murdock“, fragte Face plötzlich leise. „Wenn ich dir etwas erzähle, versprichst du mir dann, dass das Thema damit endgültig erledigt ist und du es gut sein lässt?“

Der Pilot zögerte. „Ja, Face.“

„Ich bin... ich bin froh, dass du mir nicht sofort gesagt hast, dass AJ mein Vater ist. Ich glaube nicht, dass ich eine neue Zurückweisung ertragen hätte.“

Das hatte er nicht erwartet. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass Face... „Aber du... du weißt doch gar nicht, ob er dich zurückgewiesen hätte. Darum geht es doch. Es ist meine Schuld, dass du nie eine Chance hattest, es heraus zu finden.“

„Aber er hätte mir die Möglichkeit geben können, Murdock. Er wusste es, als er uns für diesen Job haben wollte. Er hat mit Ellen Frieden geschlossen. Ich... ich war bei ihm. Ich habe mit ihm gesprochen. Er fragte mich, ob ich denke, er würde das Richtige tun. Er... er sagte, jeder Vater könne auf einen Sohn wie mich stolz sein. Da war für einen Moment eine... Verbindung zwischen uns. Als... Gott, klingt das kitschig... als hätten sich für einen Moment unsere Seelen berührt. Aber er... er hat es vorgezogen, mir nichts zu sagen. Das ist doch ziemlich eindeutig, findest du nicht?“

Murdock hörte die müde Resignation in Face Stimme und wünschte, er könnte etwas tun, um den Schmerz seines Freundes zu lindern. „Aber...“

„Du hast versprochen, dass du es gut sein lässt“, sagte Face. Sein Ton machte deutlich, dass es das Ende dieser Unterhaltung war. „Ich wollte nur, dass du weißt, dass ich nicht auf dich wütend bin“, sagte er, jetzt schläfrig klingend.

Murdock schwieg und beobachtete ihn noch lange, nachdem Face eingeschlafen war. Obwohl schon allein der Gedanke daran weh tat, wusste er, dass er dieses Versprechen nicht halten konnte.

* * *

Wie üblich erwachte der Pilot früh. Es war kalt und draußen noch dunkel, als er sich aufsetzte und ausgiebig streckte. Er warf einen Blick auf Face, der noch immer tief schlief. Er hatte sich unter seiner Decke zusammengerollt. Sie hatten genug Nächte zusammen verbracht, dass er wusste, dass sich Face üblicherweise im Schlaf entspannte. Doch das ihm zugewandte Gesicht zeigte selbst jetzt noch Anspannung. Er fragte sich, was er tun konnte. Er hoffte, dass es überhaupt etwas gab, das er tun konnte.

Es war als ob Face spürte, dass er ihn beobachtete. Er schlug die Augen auf und sah ihn verschlafen an.

Murdock hielt den Atem an, als er in die blauen Augen seines besten Freundes sah. Face war noch nicht wirklich wach und seine Emotionen zeigten sich ungefiltert in seinem Gesicht. Angst. Verwirrung. Zurückweisung. Er kannte diesen Mann besser als sonst jemanden auf dieser Welt und er wusste, dass man – wenn Face seine Gefühle nicht kontrollierte – sein Herz und seine Seele in diesen strahlend blauen Augen sehen konnte. Er schluckte und streckte die Hand nach ihm aus, strich ihm das wirre, blonde Haar aus der Stirn zurück.

Face blinzelte, dann wurde sein Gesicht ausdruckslos. „Wie spät ist es?“, fragte er und drehte den Kopf weg, vielleicht auf der Suche nach seiner Uhr. Vielleicht aber auch, um die Berührung des Piloten abzuschütteln.

Murdock zog die Hand zurück. „Es ist noch früh. Schlaf einfach weiter.“

„Okay.“ Face nickte und schloss die Augen wieder.

Der Pilot war erleichtert, als er sah, dass Face tatsächlich weiterschlafen würde. Er stand leise auf und ging ins Bad.

* * *

„Crepes?“, fragte Face, als er zwei Stunden später in die Küche kam. Der Geruch hatte ihn schließlich dorthin geführt. „Die hast du ja schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gemacht. Ich glaube, du solltest häufiger bei uns in Langley übernachten. Die als Pfannkuchen getarnten Panzersperren, die uns BA zum Frühstück serviert...“ Er unterbrach sich, als er den Gesichtsausdruck des Piloten sah.

Murdock wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Pfanne zu. Wenn Face unbedingt das Thema wechseln wollte, okay, er konnte ihm den Gefallen tun. „Vielleicht sollte ich ein kleines Diner aufmachen, wie das Cup-A-Joe’s“, erwiderte er leichthin. „Dann könnt’ ihr Jungs zum Frühstücken zu mir kommen und Stockwell hat keinen Grund über meine Anwesenheit zu meckern.“ Er wies zum Tisch. „Setz’ dich. Ich bringe dir einen Kaffee.“

“Ich kann ihn mir selbst holen, du musst mich nicht bedienen.” Face trat neben ihn und holte eine Tasse aus dem Schrank über dem Herd. „Alles okay?“, fragte er, ohne den Piloten dabei anzusehen.

Murdock rieb an einem Teigspritzer an seinem Ärmel herum. „Alles okay“, sagte er schließlich leise und drückte Face einen Teller in die Hand. „Hier... iss das Zeug besser, bevor es kalt wird. Wir sollten besser bald von hier verschwinden... ich meine, bevor Stockwell...“

„Ja, du hast recht.“ Face setzte sich. „Du hast auf jeden Fall nichts verlernt“, meinte er nach ein paar Bissen. „Was hältst du davon?“

„Wovon?“ Murdock setzte sich ihm gegenüber.

“Bei uns in Langley zu wohnen. Ich meine, okay, du hast gerade eine neue Wohnung gefunden, aber bist du dieses ständige Umziehen nicht leid? Stockwell schuldet dir zumindest, dass du ein Zimmer bei uns bekommst.“

Der Pilot senkte den Kopf und schien sich ganz darauf zu konzentrieren, mit der Fingerspitze Kreise den Rand der Tasse entlang zu ziehen. „Er wird sich nie darauf einlassen. Stockwell hasst mich“, sagte er leise. „Er hasst mich, weil er mich für ein Risiko hält. Obwohl er weiß, dass ich euch nie im Stich lassen werde, kann er mich nicht kontrollieren.“ Murdock schüttelte den Kopf und lachte leise, bitter. „Dabei hat er mich genauso in der Hand wie dich und Hannibal und BA. Glaubst du nicht, dass er bei meiner Entlassung aus dem VA Krankenhaus nachgeholfen hat? Oh ja, ich weiß, er tat sehr überrascht, als ich in Langley auftauchte. Und sicher, ich habe Papiere und alles, aber es ist ein leichtes für ihn, mich wieder in ein Krankenhaus sperren zu lassen. Und trotzdem hat er mehr Angst vor mir, als ich vor ihm. Er hat Angst davor, was ich bereit bin, für euch zu tun. Ich habe seine Augen gesehen, als ich mit Frankie in seinem Flugzeug war. Er hatte Angst vor mir, obwohl zwischen uns eine kugelsichere Wand war und er den Finger schon auf dem Schalter für das Betäubungsgas hatte. Er wusste, wenn er nicht hinter der Glaswand gesessen hätte, hätte ich ihn dafür getötet, dass er euch...“ Er stoppte abrupt, zuckte dann mit den Schultern. „Ich schätze, das nennt man mexikanisches Unentschieden, nicht? Wenn er etwas gegen mich unternimmt, riskiert er, das A-Team für seine schmutzigen Aufträge zu verlieren. Und er weiß genauso gut, dass ich nie etwas tun würde, um eure Begnadigungen zu gefährden.“

Face starrte ihn an, sein Frühstück hatte plötzlich jeden Reiz verloren. Er hatte wieder einmal vergessen, was hinter Murdocks Fassade aus kindlicher Unschuld, seinen Spielen und Verrücktheiten wirklich steckte.

„Willst du noch Kaffee?“, fragte der Pilot, und seine Stimme klang wieder ganz normal. „Oder sonst etwas?“

Face räusperte sich. „Nein. Danke.“ Er begann, mechanisch weiter zu essen, obwohl er keinen Appetit mehr hatte. Er sah auf seinen Teller und fragte sich, ob Hannibal von diesem „kleinen Zwischenfall“ in Stockwells Jet wusste. Er sah wieder auf und der Mann, der eben noch mit kalter Stimme darüber gesprochen hatte, den General fast getötet zu haben, balancierte nun grinsend einen Löffel auf der Nase und schielte dabei vor Anstrengung, während er gleichzeitig Billy ermahnte, gut zuzusehen, damit er den Trick lernen könne.

Zu seiner Verwunderung war er erleichtert darüber, dass Murdock ihm einen Vorwand geliefert hatte, seine Gedanken auf der Fahrt zurück nach Virginia mit etwas anderem zu beschäftigen, als dem was-wäre-gewesen-wenn-AJ-Bancroft...





Sie waren eben erst von einer anstrengenden Mission zurückgekehrt.

Die Jungs waren drei Tage überfällig gewesen und Stockwell, der behauptete, keine Ahnung zu haben, was ihren Aufenthaltsort oder den Grund der Verzögerung betraf, hatte nichts dazu getan, Murdock zu beruhigen, der sich weigerte, das Haus in Langley zu verlassen.

Da er zwei Tage nicht zur Arbeit erschienen war, musste er gar nicht erst dort anrufen, um zu wissen, dass er wieder einmal einen Job verloren hatte. Seine Beziehung mit Erica war... nein, war eben nicht. Es war keine Beziehung. Sie waren ein paar Mal zusammen ausgegangen, er hatte sie bis zu ihrer Wohnungstür gebracht – und sich dann verabschiedet, um die restlichen drei Stockwerke zu seiner Wohnung zurück zu legen. Vielleicht waren sie auf dem Weg, Freunde zu werden. Seufzend strich der Pilot die Zeitung glatt, in der er eine Stellenanzeige eines Restaurants „Villa Cucina“ gelesen hatte, in der ein Kellner gesucht wurde.

Kellner...

Er war Pilot. Er hätte sein Team fliegen müssen, nicht einer von Stockwells Piloten. Er wusste nicht, ob ihre Verspätung etwas mit dem Flugzeug zu tun hatte, aber zumindest wäre er bei ihnen gewesen.

Er hasste das Warten und die Unsicherheit und es war ihm egal, dass Stockwell ihn dabei auf den Bändern seiner Überwachungskameras beobachtete.

Murdock ging nicht in sein Apartment zurück. Er überlegte, ob er es wie Goldilocks machen sollte, schlief aber dann doch auf der Couch ein. Er rief Erica an und bat sie, wieder nach Roger zu sehen, ihn zu füttern und ihm sein Wasser zu geben. Billy hatte er unter der Jacke versteckt nach Langley geschmuggelt. Billy liebte den großen Garten, in dem er so viel mehr Platz hatte, wie in seiner kleinen Wohnung... Murdock seufzte. Nur, da war kein Billy mehr. Weder draußen im Garten noch sonst wo. Billy war... verschwunden, auch wenn er manchmal so tat, als wäre das nicht so. Er wünschte, er könnte Dr. Richter anrufen und ihn nach der Bedeutung fragen... doch in diesem Moment hatte er einen Wagen vorfahren hören und war nach draußen gelaufen.

Einer der Abel fuhr einen Wagen vor das Haus und Face kletterte vom Beifahrersitz. Er sah sich fast erschrocken um, als er von dem erleichterten Piloten fast umgerannt wurde, der ihn umarmte und aufgeregte Fragen auf ihn abschoss. „Hey, hey, beruhige dich“, hatte er gesagt, sich aus Murdocks Klammergriff befreit, aber einen Arm um seine Schulter belassen. „Wir sind okay.“

„Okay?“, rief der Pilot aufgebracht, als Hannibal und Frankie BA aus dem Wagen halfen. Sein Gesicht war noch finsterer als sonst und Blutflecken zeigten sich dunkel auf seiner Hose. „BA ist verletzt!“

„Nur eine Streifwunde, Captain.“ Hannibals ruhiger Tonfall drang zu Murdock durch.

„Ja, nicht ernst genug, dass ich nicht noch ein Wörtchen mit euch darüber sprechen werde, dass ihr mich schon wieder in ein Flugzeug gesteckt habt“, knurrte BA.

Frankies Blick glitt unsicher zwischen dem Colonel und BA hin- und her. „Ähem... es war nicht meine Schuld.“ Er grinste und trat einen Schritt zurück, als BA mit Hannibals Hilfe die wenigen Schritte zur Eingangstür zurücklegte. Oder genauer gesagt, hoppelte.

„So, wie geht es Erica?“, fragte Face in lockerem Plauderton, während er Murdock hinter sich her ins Haus zog. „Kommt sie immer noch gut mit Roger zurecht?“

„Ja, ja, alles okay“, murmelte der Pilot halbherzig, während der Nachzügler Frankie ins Wohnzimmer kam.

Hannibal brachte BA nach oben in sein Zimmer und sah sich die Wunde noch einmal an. Frankie verschwand nach einem Umweg über die Küche ebenfalls in sein Zimmer, er behauptete müde zu sein, obwohl es erst früher Abend war.

So blieben nur Face und Murdock übrig.

Face warf sich auf eins der Sofas und streckte sich aus. Er seufzte und sah zu Murdock hoch, der sich auf die Armlehne bei seinem Kopf gesetzt hatte. „Sei froh, dass du Zuhause bleiben durftest“, sagte er. „Wir sind auf eine dämliche Schnitzeljagd geschickt worden, die am Ende auch noch erfolglos blieb.“ Er gähnte. „Stockwell wird nicht begeistert sein, wenn er erfährt, dass wir seine kostbaren Unterlagen nicht gefunden haben.“ Er gähnte erneut und drehte sich auf die Seite. Ein paar Minuten später schlief er tief und fest.

Murdock lächelte und schob ihm ein Kissen unter den Kopf, dann zog er ihm die Schuhe aus und breitete eine Decke über ihn aus. Er ging nach oben, um BA zu fragen, ob er ihm helfen könne und wurde mit der grummeligen Order, ihm Milch und etwas zu essen zu besorgen, wieder weggeschickt. Erleichterung, seine kleine Familie wieder vollständig und fast unversehrt um sich zu haben, ließ den Piloten auf dem Weg in die Küche vor Freude lauthals pfeifen. Erst als ihm einfiel, dass Face im Wohnzimmer schlief, beschränkte er sich auf ein Summen.

Eifrig machte er Sandwiches für BA und trug sie mit der Milch in sein Zimmer. BA saß auf dem Bett, einen sauberen Verband um die Streifwunde und grollte. Hannibal stand mit zufriedenem Gesichtsausdruck daneben. Ganz offenbar hatten die beide eine Auseinandersetzung hinter sich, die BA wohl verloren hatte.

Hannibal nahm den Arm des Piloten und führte ihn aus dem Raum, obwohl er bei BA hätte bleiben wollen. Schließlich konnte er den Großen doch von seiner Verletzung ablenken. Aber der Colonel hatte andere Pläne. „Murdock, ich möchte, dass du dich um Face kümmerst“, sagte er, während sie ins Erdgeschoss des Hauses zurückkehrten. „Ich weiß wirklich nicht, was zwischen euch vorgefallen ist und ich will den Grund für euren Streit auch nicht kennen. Aber er war nicht er selbst in den letzten Tagen. Bringt das in Ordnung, verstanden?“

Murdock sah zu Boden und nickte. „Verstanden, Colonel“, sagte er leise.

„Okay.“ Hannibal seufzte und fuhr sich übers Gesicht. “Gut. Stockwell hat mich in den Jet beordert, er will einen ausführlichen Bericht. Kommst du hier alleine zurecht?“ Er lächelte und klopfte Murdock auf die Schulter, als der ihn mit einem gespielt beleidigten Gesichtsausdruck ansah. „Okay“, wiederholte er. „BA sollte dir keine Schwierigkeiten machen, ich habe ihm befohlen, im Bett zu bleiben und sein Bein zu schonen. Frankie ist nur erschöpft, aber ihm ist nichts passiert.“ Hannibal holte eine Zigarre aus der Brusttasche seiner Jacke und zündete sie an. „Trotzdem darf er sich schon auf ein paar Runden im Hindernisparcours freuen, er ist viel zu langsam. Und was Face betrifft... ich hoffe, eine Aussprache zwischen euch wischt diese Schmollfalten von seinem Gesicht, bevor sie dort auf Dauer bleiben.“

* * *

Der Pilot lief die Treppe nach unten. BAs Laune hatte sich durch die Streifwunde nicht unbedingt verbessert und auch seine Geduld war wesentlich rascher aufgebraucht als ohnehin. Doch Murdock war entschlossen, ihn aufzumuntern und wich erst nach BAs Drohung, ihn aus dem Fenster zu werfen, von seiner Seite.

Als er ins Wohnzimmer kam, wo – wie er hoffte – seine Anwesenheit vielleicht eher geschätzt werden würde – war das Sofa leer. Was den Piloten jedoch stocken ließ, war die halbleere Whiskey-Flasche, die auf dem Couchtisch stand. Die Flasche war ein Geschenk von Sally Vogel gewesen. Nach ihrer Rückkehr hatte Hannibal sie irgendwo abgestellt und niemand hatte sich weiter darum gekümmert.

Murdock leckte sich nervös über die Lippen. „Face?“, fragte er zögernd. Es kam keine Antwort, aber er hörte leises Klirren und folgte dem Geräusch in die Küche. Er blieb am Durchgang stehen und beobachtete seinen Freund.

Face Bewegungen waren ein wenig langsam und die Tatsache, dass er ihn nicht in den Raum hatte kommen hören, sprach für sich.

Der Pilot schloss für einen Moment die Augen und holte tief Luft. Er hoffte, er machte jetzt keinen Fehler. „Hey, Facey. Kannst du ein wenig Hilfe dabei brauchen?“

Face sah über die Schulter und lächelte ihm zu. „Hey, was schleichst du hier so herum?“ Er hob sein Glas. „Ich hole mir nur ein wenig Eis. Willst du auch etwas trinken?“

Murdock schüttelte den Kopf. „Bist du sicher, dass du okay bist?“

„Natürlich bin ich okay. Was soll das, spielst du jetzt für alle die Glucke? Hat BA dich rausgeschmissen?“ Er wandte sich wieder von ihm ab.

„Ich will doch nur... du benimmst dich komisch.“

„Lass’ mich in Ruhe, Murdock. Es geht mir gut.“

Der Pilot trat neben ihn und nahm ihm das Glas aus der Hand, stellte es zurück auf den Küchentresen. „Vielleicht solltest du damit eine Pause einlegen. Findest du nicht, du hast schon genug?“

Face starrte ihn an, seine Augen färbten sich langsam dunkler. „Was soll das? Willst du mir auf die Nerven gehen? Ich trinke ein bisschen was, na und. Wir machen seit einem Monat nichts anderes, als von einem Auftrag zum nächsten zu hetzen. Ich will mich nur ein bisschen entspannen.“

„Es ist mehr als das“, sagte der Pilot leise. „Ich glaube, wir müssen miteinander reden.“

Face wandte sich ihm zu und verschränkte die Arme vor der Brust. „Über was?“, fragte er mit einem gelangweilt-geduldigen Tonfall.

„Das weißt du genau. Wir... du... du kannst nicht einfach ignorieren, was passiert ist. Ich sehe doch, dass es dir nicht gut geht.“

„Es ist nichts.“

„Face, du kannst uns nicht immer ausschließen. Du musst uns dir helfen lassen. Ich... ich weiß, dass das alles nicht einfach für dich ist, aber du musst das nicht mit dir alleine ausmachen.“

„Warum zum Teufel machst du das?“, fragte Face wütend, jeden Anschein aufgebend, er wisse nicht, von was der Pilot spreche. „Warum kannst du mich nicht einfach damit in Ruhe lassen. Du hast es doch versprochen!“

„Das weiß ich.“ Murdock sah zu Boden, sein Gesicht blass, aber erfüllt mit einer geradezu trotzigen Entschlossenheit. „Ich weiß, dass ich es dir versprochen habe. Aber ich kann doch nicht einfach dabei zusehen, wenn es dir schlecht geht!“ Auch seine Stimme wurde lauter.

„Ach, das ist wirklich interessant. Du hattest also kein Problem damit, Bancroft gegenüber ein Versprechen zu halten. Aber es macht dir offenbar absolut nichts aus, mich anzulügen – Kumpel!“, entgegnete Face sarkastisch, als er sich an dem Piloten vorbeischob.

Murdock holte tief Luft und hoffte, dass er keinen Fehler machte. Er griff nach Face Arm und hielt ihn fest. Der Freund wirbelte zu ihm herum. „Wir sind noch nicht fertig“, sagte er. „Du kannst nicht einfach die Augen zumachen und hoffen, dass es vorbeigeht. Das wird nicht passieren.“

„Wunderbar!“, entgegnete Face schneidend. „Ratschläge von unserem ansässigen Verrückten. Nur weil sie dich aus der Klapse entlassen haben, heißt das nicht, dass du dich hier als Seelendoktor aufspielen kannst.“ Er bereute die Worte so bald er sie ausgesprochen hatte, aber es war zu spät, sie zurück zu nehmen. Und vielleicht ließ ihn Murdock dann endlich in Ruhe.

Der Pilot presste die Lippen zusammen und musterte Face, er hoffte in seinem Gesicht lesen zu können, was er wirklich fühlte. Aber selbst jetzt hielt er sich streng unter Kontrolle. So sehr seine Worte auch wehgetan hatten, sie verrieten ihm, dass Face nahe daran war, diese Kontrolle zu verlieren. Und wenn er jetzt nachgab, dann würde sein Freund damit weitermachen, seine Gefühle zu begraben. „Gut, dann weißt du ja, dass ich in genug Therapiesitzungen und Gruppengesprächen war, um zu wissen, wie es aussieht, wenn jemand trauert. Und diese Trauer verleugnet. Du hast... du hast gesagt, wie gerne du etwas über deine Eltern wissen würdest. Und jetzt, wo du die Chance dazu hast, tust du so, als hätte es dich nie interessiert!“ Er bereitete sich auf einen Ausbruch vor – und er wurde nicht enttäuscht.

„Was zum Teufel weißt du schon davon? Was geht es dich überhaupt an? Er ist tot. Was soll ich denn jetzt noch tun? Ihm eine Grabrede halten, wie wundervoll er war? Alles was ich von ihm weiß, ist dass er zwei Kinder im Stich gelassen hat. Und wer weiß, vielleicht gibt es da draußen noch mehr Kinder wie Ellen und mich, die sich fragen, was mit ihrem Vater AJ Bancroft passiert ist...“

„Was geht hier vor? Was ist los mit euch beiden?“, unterbrach sie eine Stimme. Die beiden fuhren herum und sahen Hannibal im Durchgang stehen.

„Nichts ist los“, erwiderte Face scharf und löste sich aus dem Griff des Piloten. Er ging an Hannibal vorbei ins Wohnzimmer.

„Das klang aber nicht nach ‚nichts’!“, entgegnete Hannibal und folgte ihm. Er sah mit einem Blick die Flasche auf dem Tisch, und musterte seinen Lieutenant. Seine Augen verengten sich.

„Ist aber so. Nichts.“ Face ging unruhig auf und ab. “Können wir das jetzt bitte lassen und einfach nur einen ruhigen Abend verbringen?”

Hannibal wandte sich Murdock zu, der elend wirkte. „Nun, Captain?“

Face wandte sich in die Richtung des Piloten. „Ich habe gesagt, es ist nichts“, sagte er kalt.

„Und ich frage Murdock“, erwiderte Hannibal kühl. Er nahm den Blick nicht von ihm.

Murdock zögerte, dann senkte er erneut den Kopf. „Es gibt nichts, was wir tun können, Hannibal“, sagte er leise. „Es war... es war falsch von mir, es zu versuchen.“

„Ich will wissen, was zwischen euch vorgefallen ist!“ Hannibals Ton machte deutlich, dass er langsam die Geduld verlor. „Jetzt. Und zwar die Wahrheit.“

Face wirbelte zu ihm herum. „Es ist mir schleierhaft, warum ihr so einen Wirbel um die Sache machen müsst, aber wenn es denn unbedingt sein muss – okay, gut. Die Wahrheit! Die Wahrheit ist, dass Bancroft mein Vater war. Zufrieden, Colonel?”

“Wie bitte?”, fragte Hannibal, er ging unwillkürlich auf Face zu. „Was hast du gesagt?“

Face ließ sich aufs Sofa fallen. „Du hast mich sehr gut verstanden“, entgegnete er mit gepresster Stimme. „Offensichtlich wusste er, wer ich war und hat uns deshalb für diese Mission... gebucht, was auch immer. Murdock hat es herausgefunden, als Bancroft ein Foto von mir hat fallen lassen und es aus ihm herausgeholt. Bancroft hat ihn gebeten, mir nichts zu sagen – dass er selbst mit mir sprechen würde. Aber er ist vorher gestorben. Ende der Geschichte“, schloss er bitter.

„Murdock?“, fragte Hannibal leise.

Der Pilot nickte und ließ sich in einen Sessel fallen, um das Gesicht in den Händen zu vergraben. Er sah so verloren drein, dass Hannibal zu ihm trat und ihm eine Hand auf die Schulter legte. Er sah hinüber zu seinem Lieutenant. Das war es also gewesen, über das sich Face und Murdock gestritten hatten. Er wusste, dass Face dazu neigte, seine Gefühle zu vergraben, versuchte mit allem alleine fertig zu werden. Manchmal funktionierte es. Doch meistens ging das ganze am Ende nach hinten los. Er drückte noch einmal die Schulter des Piloten, dann setzte er sich neben Face auf das Sofa. „Bist du okay?“

Face wusste nicht, was er darauf erwidern sollte, also sagte er gar nichts.

„Du hast den Mann gehört, Face“, grollte es von der Treppe und alle Köpfe fuhren in BAs Richtung, der ins Wohnzimmer humpelte.

„Wie lange stehst du schon da draußen?“, fragte Hannibal. „Hört’ hier noch irgendjemand auf mich? Du sollst dein Bein schonen.“

„Ich kann mein Bein auch hier schonen.“ BA humpelte zum anderen Sofa und ließ sich darauf sinken. „Und ich habe genug gehört, um zu wissen, dass der Spinner mal wieder Mist gebaut hat.“

„Das ist nicht wahr!“ Murdock sah auf.

Hannibal blickte seinen Sergeant fragend an – und nickte, als ihm klar wurde, worauf BA hinaus wollte. Er wusste, dass Face aufgebracht war, ansonsten hätte er Murdock nicht so angefahren. Aber er wusste auch, dass sein Lieutenant freiwillig nicht mit mehr herausrücken würde. Er wechselte einen Blick mit BA, der fast unmerklich nickte, dann sah er Murdock an. „Wie konntest du Face verschweigen, dass Bancroft sein Vater war?“, fragte er. Er hoffte, dass der Pilot verstand, worauf er hinaus wollte. Face hatte noch nie zusehen können, wie jemand Murdock angriff. Nicht einmal seine eigene Familie.

„Ja, Spinner.“ Wie immer wusste BA genau, was sein Colonel dachte. “Er hat sein ganzes Leben lang auf diesen Moment gewartet und du hast es für ihn ruiniert.” BA schüttelte leicht den Kopf, als der Pilot den Mund öffnete, um etwas zu erwidern.

Abwechselnd BA und Hannibal ansehend, wurde Murdock klar, was die beiden vorhatten. Er ließ den Kopf wieder sinken und antwortete nicht.

„Was ist hier denn los?“ Frankie gesellte sich gähnend zu ihnen und fuhr sich durch die Haare. „Habe ich was verpasst?“ Niemand schenkte ihm Aufmerksamkeit. Frankie setzte sich und sah von einem zum anderen. Er hatte absolut keine Ahnung, was hier vor ging, aber selbst er war nicht zu dickhäutig, um nicht die Anspannung im Raum zu spüren.

Der Colonel stand auf und ging wie drohend auf den Piloten zu. „Nun, Captain? Behandelst du so deinen besten Freund? Ich schätze es ist etwas wahres an dem alten Sprichwort, dass man seine Feinde zuerst unter seinen Freunden suchen soll.” Hannibal wartete auf eine Reaktion seines Lieutenant. Und er wurde nicht enttäuscht.

Face sprang auf und stellte sich zwischen die beiden. „Lasst’ ihn in Ruhe. Es war nicht sein Fehler.“

„Wie kannst du das sagen?“, reizte ihn Hannibal weiter. „Seinetwegen hattest du nie eine Möglichkeit, deinen Vater kennen zu lernen. Er hat sie dir weggenommen.“

„Ich habe gesagt, ihr sollt ihn in Ruhe lassen!“ Face schrie fast. Die lähmende Wirkung des Alkohol schien völlig verflogen zu sein.

„Wie kannst du ihn verteidigen, Mann“, stimmte BA mit ein. „Bancroft war dein Vater.“

„Er war nicht mein Vater!“, schrie Face. „Er war nur ein Mann, ein Mann, der...“ Er presste die Lippen aufeinander.

Hannibal hielt ihn zurück, als der jüngere Mann an ihm vorbei aus dem Zimmer laufen wollte. „Nur ein Mann, der was...?“ Er hasste es, Face so hart anzupacken – aber es war noch nie anders mit ihm gewesen. Es war niemals schön, aber es würde für alle am besten sein, wenn die Wahrheit endlich herauskam.

„Lass’ mich los!“, zischte Face und wehrte sich gegen seinen Griff, doch Hannibal gab nicht nach.

„Was, Face? Sag’ mir, was ich hören will und du kannst gehen.“ Hannibal blieb hartnäckig. Er griff nach den Oberarmen des jüngeren Mannes und drückte ihn zurück aufs Sofa. „Das wird nicht funktionieren, Kid. Hör’ auf damit, uns weg zu stoßen und sprich’ mit uns.“ Die Stimme des Colonels nahm einen besänftigenden Tonfall an.

Der Pilot sprang auf und kauerte sich an Face anderer Seite neben das Sofa. „Bitte Face“, sagte er leise und sah zu ihm.

Face fuhr zu ihm herum und hörte auf, sich gegen Hannibals Griff zu wehren. Er hob beide Hände in einer Geste der Resignation. Er musterte Murdock, dann blickte er seinen Colonel an. Seine Züge verhärteten sich. „Er war nur ein Mann, der mich nicht wollte. Macht euch das jetzt glücklich?“

„Nein“, erwiderte Hannibal sanft, als er ihn losließ. „Ich bin nicht glücklich darüber, dass du deinen Vater nicht kennen lernen durftest. Ich bin nicht glücklich darüber, dass du dich im Stich gelassen fühlst. Und ich bin extrem unglücklich darüber, dass du die ganze Zeit dachtest, alleine damit fertig werden zu müssen.“ Er senkte den Blick auf den Boden, konnte Face nicht mehr länger ansehen, ohne seine eigenen Gefühle zu verraten. Er fuhr sich müde mit beiden Händen übers Gesicht.

„Hey, Mann“, sagte BA. „Er hat sich immerhin genug um dich gekümmert, dass er versucht hat, dich zu finden, um Frieden mit dir zu schließen, bevor er stirbt. Manche Kinder wissen nicht einmal so viel.“

Face richtete sich steif auf. Er fühlte sich als würde aus allen Richtungen auf ihn eingeschlagen werden. „Das stimmt nicht, BA“, flüsterte er. „Er kam hierher, hat sich mich angesehen und es gefiel ihm nicht, was er vorfand. Er hat seinen Frieden mit Ellen geschlossen. Ich habe mit ihm gesprochen. Wir haben zusammengesessen. Wir haben uns unterhalten. Er hat nicht ein einziges Wort gesagt. Er wusste, dass er sterben würde. Er wusste, dass er nicht mehr viel Zeit hatte und er sagte kein einziges WORT! Er versuchte nicht einmal, mich zu erreichen. Er nahm mich nie in den Arm, hielt mich fest oder schüttelte mir auch nur die Hand. Er wollte mich als Kind nicht und er wollte mich auch jetzt nicht!“ Er hasste die Tränen, die ihm über die Wangen liefen, aber fand sich machtlos, sie zu stoppen. Er senkte den Kopf und presste die Faust gegen den Mund.

Es war sehr leise, nachdem er geendet hatte. Die anderen sahen sich gegenseitig an, doch keiner war sicher, was zu tun war. Nichts, was sie tun konnten, würde etwas ändern oder den Schmerz weniger real machen, den Face empfinden musste.

Hannibal berührte die Schulter seines Lieutenants und als Face aufsah, legte er beide Hände um sein Gesicht, wischte die Tränen weg. „Es ist in Ordnung, mein Sohn“, sagte er leise. Er hatte Face in der Vergangenheit schon so genannt, aber es war ihm noch nie so ernst und wichtig erschienen, wie in diesem Moment.

Fast gegen seinen Willen fühlte sich Face vorwärts gezogen. Er ließ sich festhalten, als er weiter versuchte, seine Gefühle in den Griff zu bekommen. Er weinte nicht. Er weinte einfach nicht. Er konnte diesen Schmerz nicht loslassen. Er hatte ihn vor langer Zeit tief in sich begraben. Er konnte diese Gefühle nicht zulassen. Nie wieder. Sie schnürten ihm die Kehle ab. Wenn er ihnen jetzt nachgab, nur ein klein wenig, würden sie ihn in Stücke reißen. Er fühlte sich, als würde er nie wieder aufhören können, wenn er jetzt den Tränen nachgab.

Hannibal ließ ihn nicht los. Er wusste, das Face um seine Fassung kämpfte und es war durchaus möglich, dass er seine Kontrolle zurückgewinnen und nicht mehr als die paar Tränen zulassen würde. So war es seit Vietnam gewesen.

Face wich zurück. „Ich bin okay. Nein, wirklich. Ich bin okay“, versicherte er ihnen. Er hielt den Blick auf seine Hände gerichtet, verlegen darüber, dass er sich vor den Augen der anderen so hatte gehen lassen. „Es tut mir leid. Ich habe zu viel getrunken.“

„Willst du jetzt mit uns darüber sprechen?“, fragte Hannibal leise.

Face schüttelte den Kopf. „Ich glaube, ich habe schon viel zu viel gesagt. Ich... ich brauche frische Luft.“ Er stand auf und verschwand durch eine der Fenstertüren nach draußen in die Dunkelheit.

* * *

Face trat ans Ende der Terrasse und blieb stehen, die Hände in die Taschen seiner Jeans vergraben. Er konnte sich nicht erinnern, dass er sich seit Vietnam wieder so verletzlich, so verletzt, gefühlt hatte. Er wusste, dass die anderen für ihn da sein wollten, sich um ihn sorgten. Er konnte nicht sagen, warum es für ihn so schwer war, sich ihnen anzuvertrauen. Nach allem, dass sie zusammen durchgemacht hatten.

Er holte tief Luft, straffte die Schultern und ging zurück ins Haus. Zumindest eine Entschuldigung schuldete er ihnen.

* * *

Die Stimmung im Raum hatte sich offenbar nicht geändert, während er im Garten gewesen war. Es schien sich niemand auch nur bewegt zu haben.

Frankie starrte noch immer mit weiten, fragenden Augen von einem zum anderen.

Hannibal kaute auf einer unangezündeten Zigarre herum.

BA starrte sein Bein an, als könne er die Wunde dadurch antreiben, schneller zu heilen.

Murdock saß auf dem Fußboden, neben der Couch, die Arme um die angezogenen Knie geschlungen.

Er durchquerte den Raum und kauerte sich neben ihn. Face holte tief Luft, als Murdock ihn ansah. „Es tut mir leid“, begann er leise – und hob die Hand, als der Pilot den Mund öffnete, um zu widersprechen. „Bitte, lass’ mich ausreden. Es gibt eine Menge Dinge, die ich bedauere, aber am meisten, dass dieses... diese Sache... zwischen uns gekommen ist. Unsere Freundschaft ist mir wichtiger als alles andere. Ich weiß, dass du mir nie absichtlich weh tun wolltest. Es tut mir leid, wie ich dich behandelt habe.“ Er stand auf und sah die anderen an. „Wie ich euch alle behandelt habe. Es tut mir leid, dass ich mich davon so in Anspruch nehmen lassen habe, dass ich euch... im Stich gelassen habe. Und ich kann nur hoffen, dass ihr mir vergebt.“

Murdock stand auf und umarmte ihn. „Erinnerst du dich daran, was ich dir über das Entschuldigen gesagt habe?“, sagte er leise zu ihm.

Face sah ihn an, lächelte und nickte, dass er verstanden hatte. So war Murdock. Er drückte ihn einen Moment an sich und wusste, dass ihm vergeben war. Dann wandte er sich den anderen zu, die Hände weiterhin auf den Schultern des Piloten, unsicher was er ihnen noch sagen konnte.

BA war der erste, der sich rührte. Er stand auf und humpelte zu den beiden, um Face eine Hand auf die Schulter zu legen. Worte waren zwischen ihnen nicht notwendig, als Face zu ihm aufsah und seine Hand auf BAs legte.

BA nickte und ließ sich von dem besorgten Murdock auf die Couch drücken. Er wehrte ihn mit einem gutmütigen Knurren ab, als der Pilot ihm ein Kissen in den Rücken schob und ihn drängte, sein verletztes Bein hoch zu legen.

Nachdem er auf diese Weise seinen Frieden mit BA und Murdock geschlossen hatte, wandte sich Face Hannibal zu. Er fühlte seine Unsicherheiten und Zweifel im doppelten Maße zurückkehren, als er Hannibal ansah. So oft während der letzten Tage war er zwischen dem Gefühl der Loyalität zu Bancroft und der Loyalität zu seinem Colonel hin- und hergerissen gewesen. Der eine Mann war sein Vater. Der andere Mann hatte ihn quasi großgezogen. Er trat langsam auf ihn zu.

Hannibal sah ihn an und steckte die Zigarre zurück in die Brusttasche seines Hemdes. Sein Herz war schwer mit dem Schmerz, den der jüngere Mann fühlen musste, während er auf ihn wartete. „Face“, sagte er leise. „Ich wünschte, du könntest mit mir sprechen.“

Face zuckte zusammen, als er Enttäuschung wahrzunehmen glaubte. Er senkte den Blick. „Ich wollte es. Es ist nur so... das... als wir die Akte über Bancroft gelesen haben. Ich meine... ihr habt sie auch gelesen.“ Er stockte.

Hannibal bemerkte, dass Murdock und BA ihn ansahen. Sie alle wussten, was Face nicht aussprechen konnte. AJ Bancroft war ein Krimineller gewesen, der seine Familie im Stich gelassen hatte. Nicht nur, dass Face mit dem Schock umgehen musste, seinen Vater zu finden, sondern auch noch zu erfahren, dass er ein gesuchter Krimineller war, der gleich zwei Familien verlassen hatte.

Hannibal war nicht sicher, was er sagen konnte. Dann streckte er die Hand aus und legte sie auf die Schulter des jüngeren Mannes. „Wir werden das zusammen durchstehen, Lieutenant. Genau wie wir es immer getan haben.“

Face sah auf und nickte. Die Bedrückung, die den Raum erfüllt hatte, schien sich zu heben.

„Du hast jetzt etwas, mit dem du beginnen kannst. Face, du warst immer in der Lage, an alle Informationen zu kommen, die ich von dir brauchte. Jetzt kannst du deine Fähigkeiten dazu einsetzen, Antworten auf deine Fragen zu finden. Vielleicht wird dir nicht gefallen, was du herausfindest, aber du musst da nicht alleine durch. Wir sind für dich da, wenn du uns lässt.“

„Oh, Mann. Ich werde euch Jungs nie verstehen.“ Die Blicke des Teams richteten sich auf Frankie, den sie völlig vergessen hatten, bis er das Schweigen brach. Der junge Puertoricaner blickte von einem zum anderen. „Ihr seid der verrückteste Haufen, den ich je getroffen habe.“

Face lachte unwillkürlich leise und wechselte einen Blick mit Hannibal, um dann Murdock und BA anzusehen. „Ja, das sind wir wohl. Ein ziemlich verrückter Haufen. Eine Familie.“

Ende