Titel: Ein falsches Wort zur falschen Zeit...

Autor: T'Sihek

Serie: TOS

Paarung: K/S

Rating: PG-13

Zusammenfassung:  Kirk und Spock sind seit einigen Monaten ein Paar, als ihn

Spock um etwas bittet. Und Kirk sagt genau das falsche...

Feedback: Gerne!

Archiv: Für private Zwecke jederzeit.

Betaleser: Liliane und Caelicola, denen ich für ihre wunderbaren Vorschläge danke.

Disclaimer:    Spock und Kirk gehören Paramount/Viacom. Der Rest gehört mir und

ich beabsichtige nicht, einen Gewinn daraus zu erzielen - außer Spaß

zu haben. Wer unter 18 ist oder homoerotische Erzählungen nicht

mag, sollte bitte nicht weiterlesen.

 

 

 

 

Ein falsches Wort zur falschen Zeit...

 

 

Jims kühler Atem strich über seine Stirn, der eigentümlich langsame Puls, den er mehr fühlte als hörte, umhüllte ihn. Sein Kopf lag in der Halsbeuge des anderen vergraben. Sein Körper schmiegte sich an ihn, wollte am liebsten in ihn hineinschlüpfen. Er fühlte die sanften Hände, die zart über seine Schultern strichen...

 

"Schläfst du?" Es war nur ein Flüstern, doch Spock hörte es trotzdem.

 

"Nein. Ich spüre dich."

 

Er wusste, dass Jim jetzt lächelte, konnte die Erheiterung durch das Bewusstsein des Menschen perlen sehen. Es war ein feines, kaum wahrnehmbares Band, das sie verband. Und nur in Momenten wie diesem hier, wenn sie erschöpft den Nachklang ihrer Leidenschaft genossen, konnte Spock die Empfindungen seines Geliebten wahrnehmen.

 

Doch diese Momente waren viel zu schnell vorbei.

 

Spock unterdrückte seine Enttäuschung, als Kirk ihn zwar sanft aber bestimmt von sich schob.

"Komm Spock. Wir sind beide völlig verschwitzt und klebrig. Lass uns duschen."

 

Spock nickte nur, bemüht Jim nicht sehen zu lassen, wie sehr er sich nach seiner Nähe sehnte. Physisch und psychisch...

 

Ohne auf ihn zu warten, holte sich Kirk ein Handtuch und eine frische Uniform aus seinem Schrank und verschwand im Bad. So wie jeden Morgen seit 4,31 Monaten. So wie jeden Morgen, seit sie ein Paar waren...

 

Im Prinzip hatte Kirk recht. In 53,2 Minuten würde ihre Schicht beginnen und es war nicht logisch, noch länger im Bett zu verweilen. Dennoch war das gemensame Duschen ein Ritual, dass Spock zu hassen gelernt hatte. Anfangs war er Kirk gefolgt und sie hatten gemeinsam geduscht. Doch das wurde schnell unerträglich für Spock. Er war dann Kirk zwar näher, doch war er dann noch unerreichbarer für ihn. In der morgendlichen Routine blieb einfach kein Platz für Nähe...

So blieb er meist noch ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit einen Moment liegen und vergrub den Kopf in den Kissen, atmete Jims Duft, den er so liebte.

 

Jim... Er liebte ihn. Er liebte ihn mit allem was er war, mit allem was er dachte und fühlte.

 

Kummer ballte sich in seiner Kehle zusammen und bildete einen dicken Kloß. Er war Jims Geliebter, sein Bettgefährte. Doch vermutlich nicht mehr.

Es hatte ihn viel Kraft gekostet, sich damit abzufinden und er wusste, dass es irgendwann vorbei sein würde. Er kannte Jims Ruf, wusste von dessen vielen Liebschaften und Abenteuern.

 

Das Rauschen der Dusche verklang und es wurde Zeit für ihn aufzustehen. Er atmete noch einmal den so typischen Duft ein und stand dann auf.

 

Würde er es wagen können? Er sehnte sich so sehr danach, Jim immer wahrnehmen zu können. Nichts hatte ihn auf diese Leere, auf die Einsamkeit vorbereitet, die ihn seit der gelösten Bindung von T'Pring umfing. Es fühlte sich an wie ein schwarzes Loch, dass mehr und mehr von ihm verschlang.

 

Jims Gegenwart, seine geistige Nähe wenn sie sich liebten, stillte einen Teil seiner Sehnsucht. Aber das war nicht genug. Und Spock wusste das. Er hungerte nach dem wenigen, dass Jim ihm gewährte, zog all seine Kraft aus den wenigen Stunden, in denen er nahe genug bei ihm sein konnte, um das feine Band wahrzunehmen, dass sich trotz aller Beherrschung gebildet hatte.

 

Kirk kam aus dem Bad und riss Spock aus seinen Gedanken.

 

"Hey, du neigst doch sonst nicht zu Tagträumen. Was ist heute los mit dir?"

Er grinste übermütig, das Haar zwar gekämmt aber noch feucht. Wie immer fiel ihm die widerspenstige Locke in die Stirn. Spock strich sie gedankenverloren zurück. Dann fing er Kirks Blick ein.

 

"Ich möchte dich um etwas bitten, Jim."

 

Kirk legte den Kopf etwas schief und musterte den plötzlich so ernsten Vulkanier. Noch vor nicht einmal einer halben Stunde hatte er ihn völlig in Ekstase gefangen in seinen Armen gehalten, hatte er die Leidenschaft in den dunklen Augen brennen sehen.

Doch jetzt war die vulkanische Selbstkontrolle wieder eingerastet. Er suchte in den so vertrauten Augen nach einem Hinweis, aber Spock beherrschte sich vollkommen. Das war kein gutes Zeichen.

 

Er setzte sich auf das Bett und zog seine Stiefel an. Spock stand steif aufgerichtet, mit auf dem Rücken verschränkten Händen vor ihm.

 

"Also, worum geht es? Du weißt, wir sollten uns beeilen, wenn wir noch frühstücken wollen."

 

Es klang so sachlich, so... kalt. Spock schloss kurz die Augen und sammelte seinen Mut zusammen. Dann begegnete er Kirks fragendem Blick.

 

"Jim, du weißt, dass ich seit der Trennung von T'Pring keine Bindung mehr eingegangen bin."

 

Kirk nickte und wollte etwas sagen, doch Spock hob die Hand. "Bitte, lass mich ausreden."

Wieder atmete er tief durch. Es war so schwer, die richtigen Worte zu finden, zumal er Kirks Ungeduld wahrnehmen konnte. Aber er wollte nicht mehr länger warten.

 

"Du bedeutest mir sehr viel, mehr als mir bisher bewusst war. Aus diesem Grund möchte ich dich bitten, in eine Bindung mit mir einzuwilligen."

 

Er wagte es nicht, Jim anzusehen. Als das Schweigen andauerte, suchte er dennoch seinen  Blick.

 

Kirk sah zu Boden, starrte auf seine Stiefelspitzen. Schließlich hob er den Kopf.

 

"Ich hatte damit gerechnet, dass du irgendwann danach fragen würdest. Trotzdem kommt deine Bitte etwas unerwartet."

 

Er stand auf, wanderte unruhig im Raum herum. Er gestikulierte vage, redete einfach drauflos.

"Wir sind doch erst seit einigen Monaten ein Paar. Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich schon das richtige für uns ist. Zudem hattest du doch erwähnt, dass sowohl deine Eltern, als auch T'Pau eine vulkanische Partnerin für dich vorziehen würden. Das dürfte ziemliche Schwierigkeiten..."

 

Spock hörte nicht mehr zu. Das Blut rauschte in seinen Ohren und er schloss sehr langsam die Augen, blockte alles ab, was von außen an seine Sinne drang. Er begriff nur eines: Jim wies ihn zurück. Er war ihm als Liebhaber willkommen, aber mehr auch nicht. Etwas zerbrach in ihm und er starrte blind auf die Scherben eines Glücks, dass er gestern noch empfunden hatte. Gestern? Nein, es war nicht einmal eine Stunde her...

 

"Ich verstehe." Mehr brachte er nicht hervor. Mehr wagte er nicht zu sagen. Stumm drehte er sich um und ging durch das gemeinsame Bad in seine Kabine. Mit mechanischen Bewegungen holte er sich eine frische Uniform und kehrte ins Bad zurück. Er brauchte sich nicht auf die Morgenhygiene konzentrieren, erledigte alles mit seiner üblichen ruhigen Präzision.

 

Er verzichtete auf das Frühstück, hätte ohnehin nichts essen können. Plötzlich war er froh, dass er den größten Teil der heutigen Schicht in den Labors verbringen würde. Gestern noch hatte er es bedauert, nicht länger in Jims Nähe sein zu können. Jetzt erschien es ihm unerträglich, ihn auch nur kurz zu sehen. Jim wollte ihn nicht...

 

Innerlich war er wie betäubt. Er nahm seine Umgebung kaum wahr, erwiderte abwesend die Morgengrüße der Crewmitglieder, die ihm begegneten, als er kurz darauf zu den Labors ging.  Er wiederholte nur immer wieder in Gedanken die gleichen Worte: Jim wollte ihn nicht...

 

~~~~*~~~~

 

Kirk schluckte und starrte auf die Stelle, an der Spock eben noch gestanden hatte. Was sollte das nun wieder? Was verstand er? Er grübelte noch einige Minuten und schüttelte dann missmutig den Kopf. Er wollte sich jetzt nicht damit beschäftigen. Manchmal war Spock noch immer ein Rätsel für ihn, trotz allem was er für ihn empfand.

 

Sein Magen erinnerte ihn grummelnd ans Frühstück, so dass er sich schließlich auf den Weg zur Messe machte.

 

Schon lange hatte er sich nicht mehr so wohl mit einem Partner gefühlt. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb die Beziehung nun schon so lange anhielt. Für ihn fast schon eine Ewigkeit. Nun, vielleicht war es ja an der Zeit, Spock zu sagen, wie viel er für ihn empfand.

Und vielleicht würde er dann auch herausfinden, was heute mit Spock los war.

 

~~~~*~~~~

 

Die Messe war zu dieser Zeit gut besucht. Crewmitglieder die entweder ihr Frühstück oder ihr Abendessen einnahmen, füllten den  Raum mit einer anregenden Geräuschkulisse.

 

Fast schon wieder gut gelaunt setzte sich Kirk zu McCoy, der seinen Teller bereits halb geleert hatte.

"Guten Morgen, Bones."

 

"Na, ob dieser Morgen wirklich so gut ist, wird sich noch erweisen."

 

Kirks Kopf ruckte hoch und er verschluckte sich an seinem Kaffee.

"Was? Wovon redest du?"

 

Statt einer Antwort musterte ihn der Arzt mit einem scharfen Blick.

 

"WAS?" Kirk hob die Hände in einer fragenden Geste. "Könnte heute vielleicht irgend jemand mal deutlich mit mir reden?!" Er hatte genug. Zuerst Spock, der sich rätselhaft benahm, jetzt McCoy. Das fing ja gut an. Oder hatte er irgend etwas verpasst?

 

„Hattes du Streit mit Spock?“

 

"Häh? Warum sollte ich mich mit Spock gestritten haben? Wir sind gestern abend zusammen ins Bett gegangen, wenn du das meinst, und heute morgen zusammen aufgestanden. Dann allerdings hat er ohne weiteren Kommentar meine Kabine verlassen und ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen. Er wird schon auftauchen."

 

Er begann sich hungrig über sein Frühstück her zu machen, als ihn der Bordarzt erneut unterbrach.

 

"Dann kannst oder willst du mir nicht sagen, warum Spock heute morgen wie ein Schlafwandler direkt von seiner Kabine zu den Labors gegangen ist, ohne seine Umgebung auch nur im mindesten wahrzunehmen? Er sah aus, als hätte irgendjemand ihm einen gehörigen Tiefschlag versetzt. Und das will bei seinem dicken Fell was heißen.“

 

"Tut mir leid, aber ich weiß wirklich nicht wovon du redest. Er war ganz normal, als er in seine Kabine ging." Nunja... fast, fügte er in  Gedanken hinzu. 

 

McCoy hatte sein Frühstück beendet und stand auf.  "Wie du willst. Er ist dein Liebhaber."

 

Kirk sah ihm sprachlos nach. Die gefüllte Gabel hing auf halben Weg zu seinem Mund in der Luft.

 

"Liebhaber?", murmelte er leise vor sich hin. Spock war weitaus mehr als das für ihn. Verdammt. Der Vulkanier bedeutete ihm mehr als jeder hier an Bord, McCoy eingeschlossen. Er sah nicht nur einen Liebhaber in ihm...

 

Er schaute auf seinen Teller hinab und schob ihn dann zurück. Sein Appetit hatte sich verflüchtigt, ebenso seine gute Laune.

 

Auf dem Weg zur Brücke rief er sich das Gespräch mit Spock in Erinnerung. Irgendetwas war heute morgen anders gewesen, als an den übrigen Tagen.

 

Als sich die Türen des Turboliftes vor ihm öffneten, huschte sein Blick als erstes zu Spocks Station. Einer seiner Wissenschaftler hatte den Dienst übernommen und Kirk erinnerte sich, dass Spock heute einige Versuche im Labor hatte betreuen wollen.

 

Er erwiderte die Grüße der anwesenden Brückenoffiziere und setzte sich dann in seinen Sessel. Die morgendliche Routine lenkte ihn etwas ab, aber schon bald begann er sich wieder mit dem seltsamen Gespräch mit Spock zu beschäftigen. 

 

Er versuchte sich zu erinnern, wann Spock aufgehört hatte, mit ihm gemeinsam zu duschen. Nun, Spock mochte Wasser nicht besonders und er selbst war am Morgen gern allein im Bad. Bisher hatte er immer geglaubt, es läge daran...

Ein anderer Morgen fiel ihm ein, als Spock ihn gebeten hatte, noch etwas bei ihm zu bleiben. Aber er mochte es nicht, wenn Sperma auf seiner Haut trocknete und war im Bad verschwunden. Danach war Spock ähnlich still gewesen wie heute morgen.

 

War diese Bindung wirklich so wichtig für den Vulkanier? Spock war heute morgen sehr ernst, sehr ruhig gewesen. Kirk wusste nicht viel über die entsprechende Bindungszeremonie oder die Bedeutung, die eine Partnerbindung hatte.

 

Und dabei war die letzte Nacht so schön gewesen. Wieder einmal hatte er Spock nach allen Regeln der Kunst verführt und der Vulkanier war ihm mit der gleichen Leidenschaft entgegengekommen. Und wieder hatte er kurz den Eindruck gewonnen, er würde etwas von Spocks Empfindungen wahrnehmen können. Sie waren anders gewesen, als das was er selbst empfand. Aber deswegen nicht weniger intensiv, nicht weniger fordernd.

 

Diesen Eindruck hatte er in letzter Zeit öfters gewonnen und es immer genossen. Auch, wenn sie nach ihrem Liebesspiel noch einige Zeit beisammen lagen und Spock sich an ihn schmiegte, hatte er dieses eigentümliche Gefühl empfunden. So als wäre er ein Teil von Spock und er ein Teil von ihm. Manchmal konnte er die ruhigen Gedanken des Vulkaniers spüren. Er mochte dieses Gefühl, mochte es, Spock so nahe zu sein. Der Vulkanier vertraute ihm völlig. Er ließ alle Schilde und jede Selbstkontrolle fallen, wenn sie allein waren.

 

Er wusste, dass er Spock auch manchmal auf diese seltsame Weise wahrnehmen konnte, wenn sie sich nicht berührten. Aus einem Impuls heraus, suchte er nach dieser ungewöhnlichen Verbindung.

Wann immer er Spock auf der Brücke auf diese Weise gerufen hatte, hatte sich der Vulkanier zu ihm umgedreht. Meist schwappte dann so etwas wie ein warmes Echo zu ihm zurück und in Spocks Augen erschien ein warmer Glanz.

 

Diesmal jedoch blieb alles still - und kalt.

 

Kirk richtete sich alarmiert in seinem Sessel auf. Was hatte das zu bedeuten? Er hatte Spock auch schon auf diese Weise rufen können,  wenn dieser nicht direkt neben ihm gewesen war. Warum konnte er ihn jetzt nicht mehr erreichen?

 

"Uhura, bitte stellen Sie Spocks momentanen Aufenthaltsort fest", wandte er sich unvermittelt an die Komspezialistin.

 

"Lab 4, Sir."

 

"Danke. Mr. Sulu, Sie haben das Kommando. Ich bin in Lab 4."

 

~~~~*~~~~

 

Spock vergrub sich in seine Arbeit. Er war noch wortkarger als sonst und die verwunderten Blicke, die ihm seine Mitarbeiter die hin und wieder hereinkamen, zuwarfen, nahm er überhaupt nicht wahr.

 

Rigoros hatte er alles, was ihn mit Jim verband, zerrissen. Das feine, kaum wahrnehmbare Band, das alles gewesen war, was er gehabt hatte, widerstand nicht lange. Jetzt war es fort. Er konnte nichts mehr von Jim wahrnehmen und wollte es auch nicht mehr.

 

Es war vorbei. Das, was er gefürchtet hatte, war schneller eingetreten, als er geglaubt hatte.

 

In zwei Wochen würden sie Starbase 3 anfliegen. Dort würde er von Bord gehen. Er hatte nicht nur Jim verloren, sondern auch seine Heimat, denn nichts anderes war die Enterprise für ihn. Es spielte keine Rolle mehr.

 

Er wusste, er würde es nicht ertragen können, Jim weiterhin zu sehen und zu wissen, was er für immer verloren hatte.

Denn nach diesem Morgen würde er es nie wieder ertragen können von Jim berührt zu werden. Oder gar zuzusehen, wenn er wieder eine seiner bisher so zahlreichen Eroberungen mit in seine Kabine nahm...

 

In den ersten Wochen ihrer Beziehung, hatte ihm die körperliche Nähe genügt. Doch nun wollte und brauchte er auch die geistige Verbindung. Eine Verbindung, die Jim nicht wollte. Denn wie sonst sollte er die Worte am Morgen verstehen?

 

Und es war so wunderbar gewesen zwischen ihnen. Nie zuvor hatte er sich derartig öffnen, so sehr einem anderen vertrauen können. In Jims Armen war es ihm gelungen sich völlig fallenzulassen. Jims Zärtlichkeit, die Leidenschaft, die sie beide geteilt hatten...

 

Der Abend im Bordpark fiel ihm ein, als er nach einem Zwischenfall, bei dem Kirk nur knapp mit dem Leben davongekommen war, versucht hatte, seine innere Ruhe wieder zu finden. Er kam nur selten hier her. Doch an jenem Abend riet ihm eine innere Stimme den relativ kühlen und für sein Empfinden feuchten Raum aufzusuchen.

 

Jim war dort gewesen. Und zum ersten Mal in seinem Leben hatte Spock seine Gefühle nicht verborgen. Er hatte ihn zur Rede gestellt, hatte ihm offen gezeigt, wie schwer es für ihn war, ruhig zu bleiben, wenn Jim wieder einmal an vorderster Front dabei sein wollte. Wie sehr er darunter litt, wenn er sich durch seine ungestüme Art in Gefahr brachte.

 

Und Jim hatte zwischen den Worten gelesen. Er hatte Sorge, Kummer und auch Wut in den dunklen Augen gesehen. Aber auch das, was sich Spock nicht einmal selbst wirklich einzugestehen wagte. Zumindest damals noch nicht.

 

Ohne auf seine Worte einzugehen, hatte ihn Jim einfach in den Arm genommen und geküsst. Es gab nichts, was Spock gegen die Leidenschaft hatte tun können, die ihn erfasste. Nie zuvor hatte er so etwas erlebt.

So viel Sinnlichkeit, so viel Zärtlichkeit. Immer, wenn Jim ihn berührte, fühlte er sich in ein anderes, glücklicheres Leben entführt.

Doch nie hatte Jim von Liebe gesprochen...

Wenn die Nacht dem Tag gewichen war, fühlte er sich wieder allein. Jedes Mal...

 

Bitterkeit quoll in ihm empor. Eigentlich sollte er es gewöhnt sein. Zu oft war er in seinem Leben schon zurückgewiesen worden. Und dennoch hatte er gehofft, dass es diesmal anders sein würde...

 

Vertraute Schritte erklangen hinter ihm und er erstarrte innerlich.

Jim.

Was wollte er hier? Spürte er nicht, dass er allein sein wollte? Dass er allein war.

 

"Spock?"

 

Eine kühle Hand legte sich auf seine Schulter. Spock sah einen Moment lang unbewegt darauf hinab, dann wich er der Berührung aus und drehte sich um.

 

"Captain?"

 

Kirk zuckte zurück. Nur auf der Brücke nannte ihn Spock noch so und selbst dann war nie eine solche eisige Kälte in den Augen erschienen.

 

"Schon vergessen? Ich bin Jim."

 

"Tatsächlich?" Spocks Stimme war schneidend kalt. So kalt, dass Kirk unwillkürlich fror.

 

Er seufzte leise und setzte sich halb auf den Schreibtisch neben Spock. Der Vulkanier schwieg weiterhin, die Arme verschränkt, die Haltung steif und aufrecht. Es war eine Distanz zwischen ihnen, wie sie nur in den ersten Wochen  seines Kommandos da gewesen war.

 

"Worum geht es, Captain. Ich habe Arbeit, die erledigt werden muss."

 

Kirks Blick glitt zum Bildschirm, auf dem Formeln und Berechnungen sichtbar waren. Er hatte keine Ahnung, womit sich Spock derzeit beschäftigte, aber es sah kompliziert aus.

 

"Nein, Spock. Es gibt Dinge, die sind wichtiger."

 

Lediglich Schweigen und eine erhobene Augenbraue antworteten ihm. Wenn Spock sich so verschlossen gab, war es verdammt schwer zu ihm durchzudringen. Wieder versuchte Kirk, die feine Verbindung zu aktivieren, die er manchmal spürte. Nichts. Es war, als wäre sie nie vorhanden gewesen. Und dennoch war es Spock, sein Wissenschaftsoffizier, sein Erster Offizier, sein Geliebter und... ja verdammt - der Mann, den er liebte - der da stumm und unnahbar vor ihm saß.

 

Die Szene in der Kabine lief noch einmal vor seinen Augen ab und plötzlich begriff er.

 

"Heute morgen...". Sein Blick versuchte durch die Mauer aus vulkanischer Disziplin zu brechen, doch er prallte ab. Hilflos wie nie zuvor suchte er nach den richtigen Worten. Heute morgen waren es die falschen gewesen.

 

Er räusperte sich und begann erneut. "Du hast von einer Bindung gesprochen. Was genau meintest du damit?"

 

Spock schwieg einen Moment lang. Etwas huschte über seine Züge, doch er hatte es zu schnell wieder unter Kontrolle, als dass Kirk es hätte deuten können.

 

"Das ist jetzt nicht mehr von Bedeutung, Captain."

 

Die Stimme war noch immer so kalt, wie es Spocks ganze Ausstrahlung in diesem Moment war.

 

Kirk beugte sich impulsiv vor und packte Spock an den Armen. Zumindest wollte er das. Doch zwei kräftige Hände stießen ihn zurück und in den dunklen Augen blitzte es warnend.

 

"Fassen Sie mich nicht an, Captain. Nie wieder!"

 

Kirk saß wie erstarrt. Ohne dass er es wirklich begriff fielen die Puzzleteile an ihren Platz und er begann zu verstehen. Was hatte er getan? Was hatte er getan, um Spock so sehr zu verletzen?

Er schloss die Augen, betrachtete in Gedanken noch einmal Spocks unbewegte Mine, als er ihm heute morgen auf seine Frage - auf seine Bitte - geantwortet hatte. Sah, wie sich die dunklen Augen schlossen, beobachtete, wie die sinnlichen Lippen hart und schmal wurden. Und er hatte es nicht begriffen! Er hatte nicht verstanden, worum ihn Spock da gebeten hatte.

 

Kirk stand auf und begann im leeren Labor herumzuwandern. Abwesend betrachtete er einige der Versuchsaufbauten, nahm nur unbewusst das Chaos auf dem Arbeitsplatz eines Fähnrichs war.

Ein schon lange zurückliegendes Gespräch kam ihm in den Sinn. Spock hatte damals, eigentlich nur am Rand, erwähnt, dass die Grundlage vulkanischer Ehen vorwiegend auf einer größtmöglichen Kompatibilität auf geistiger Ebene beruhte. Diese fände ihren Ausdruck in einer sehr starken und dauerhaften mentalen Bindung. Je näher sich die jeweiligen Partner auch sonst waren, um so enger wäre die Bindung. Es gäbe sogar Fälle, in denen sich ganz spontan eine Bindung bildete. Und sie galt für ein ganzes Leben, gleichgültig wie sie entstanden war. Nur der Tod eines Partners sorgte dafür, dass die Bindung riss und tiefe mentale Wunden hinterließ, die oft dazu führten, dass auch der andere starb. 

 

Kirk wusste, dass die Verlobung mit T'Pring eine schwache Form einer solchen Bindung beinhaltet hatte. Er erinnerte sich, dass Spock einmal erwähnt hatte, dass er praktisch nie etwas von ihr wahrgenommen hätte. Eben weil sie beide keine große mentale Übereinstimmung aufwiesen.

 

McCoy hatte Spock nach dem Kon-ut-kali-fee noch stärker als sonst beobachtet. Er hatte vermutet, dass, so schwach die Verbindung auch gewesen sein mochte, sie dennoch tiefe Wunden hinterlassen hatte. Zumindest bei Spock, da dieser keine neue Bindung eingegangen war. Spock hatte diese Vermutung nie dementiert, wie Kirk plötzlich auffiel.

 

Sein Blick wanderte zu dem schlanken Rücken seines Freundes, der sich wieder mit seinem Terminal beschäftigte. Er wusste nur zu gut, welche körperliche Kraft in der schlanken Figur steckte. Doch er wusste auch, wie leicht verletzbar und empfindsam Spock in seinem Inneren war.

 

Er wusste es und dennoch hatte er ihm derartig weh getan. Wie konnte er nur so dumm und ignorant sein? Warum war er nur so blind gewesen... ?

 

Lautlos trat er wieder zu Spock, blieb nahe genug neben ihm stehen, um die höhere Körpertemperatur spüren zu können.

 

" Du hast mich heute morgen gebeten, eine Bindung mit dir einzugehen... Du meintest damit eine Partnrtbindung. Es war ein Antrag gewesen, nicht wahr?“

 

Kirk schwieg kurz und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. "Und ich Idiot habe es nicht begriffen. Ich habe schlichtweg nicht begriffen, dass du mich um das gebeten hast, was ich selbst mir schon seit Wochen wünsche. Was ich nur nie gewagt hatte auszusprechen.“

 

Spock saß reglos, starrte blind auf sein Terminal. Er wagte es nicht, sich zu bewegen. Fürchtete, es war alles nur ein Traum und würde wie eine Seifenblase zerplatzen, sobald er etwas tat.

 

Kirk betrachtete den plötzlich zitternden Rücken. Er sollte ihn halten, sollte ihm die Geborgenheit geben, die dieser einsame Mann sein ganzes Leben lang gesucht hatte. Und was tat er statt dessen?

Er wies ihn ab. Er wies ihn in genau dem Moment ab, in dem Spock am verletzlichsten gewesen war. Alles was er noch tun konnte, war ihm zu sagen, was er selbst empfand. Und dann konnte er nur warten und darauf hoffen, dass er nicht zu viel zerstört hatte.

 

Leise fuhr er fort. "Seit einigen Wochen kann ich immer wieder eine feine Verbindung zu dir wahrnehmen. Wenn du in meinen Armen liegst oder manchmal auch auf der Brücke, wenn wir uns ansehen. Es ist, als wäre jeder ein Teil vom anderen. Ich mag dieses Gefühl. Ich glaube es ist etwas, wonach ich mich schon immer gesehnt habe. Doch jetzt ist es weg. So als hätte sich eine schwere Tür, die einen winzigen Spalt weit geöffnet gewesen war, für immer geschlossen."

 

Er schwieg, wartete atemlos auf eine Reaktion. Eine Geste, ein Blick, Worte. Irgendwas. Sekunden dehnten sich zu Minuten und zu kleinen Ewigkeiten. Noch immer saß Spock reglos vor seinem Terminal, das blinkend zu einer Eingabe aufforderte.

 

Es war die einzige Bewegung im Raum.

 

Dann - endlich - kam Leben in den erstarrten Vulkanier. Langsam, unendlich langsam drehte er sich um und sah zu Kirk auf. Nie zuvor waren seine Empfindungen so leicht in seiner Mimik zu lesen gewesen.

 

Und Kirk starrte entsetzt auf die Tränen, die über die hageren Wangen liefen.  Er sank vor dem Vulkanier auf die Knie und umfing ihn mit seinen Armen.

 

"Spock, oh Gott Spock. Du hast es nicht verdient, dass ich dich zum Weinen bringe. Ich liebe dich. So sehr, dass ich keine Worte finde. So sehr, dass es weh tut. Wie konnte ich dir nur so weh tun. Ich habe dir nicht zugehört, habe nicht begriffen, was in dir vorgeht. All die vielen Male, als wir uns geliebt haben. Du musst jedes Mal dieses Band gespürt haben. Jedes Mal hast du gelitten, weil du wusstest, dass es hinterher wieder fort sein würde... Und dabei brauchst du es, nicht wahr? Du brauchst dieses Band, die Verbindung zu einem anderen Bewusstsein..."

 

Spock hob langsam die Hände und strich sanft über Kirks Schultern. Es war kein Traum. Es war keine Seifenblase, die beim leisesten Windhauch zerplatzte. Jim war wirklich hier. Langsam zog er ihn hoch, bis sie beide eng umschlungen dastanden. Er verbarg sein Gesicht in der kühlen Halsbeuge des Menschen, atmete den vertrauten, geliebten Duft.

 

"Jim..." Er flüsterte nur, konnte jetzt nicht sprechen.

 

„Ich will diese Bindung Spock.  Ich will ein Teil von dir sein. Ich will dich spüren, auch wenn wir getrennt sind. Bitte. Du bedeutest mir mehr, als mir bewusst war.

Vorhin, auf der Brücke, habe ich versucht dich zu erreichen. Aber da war nur Leere und Kälte. Es tat fast weh, dich nicht mehr spüren zu können.

Sag mir, ob du dieses Partnerband wieder initiieren kannst. Oder müssen wir dazu nach Vulkan? Bitte sprich mit mir!“

 

Spock wagte kaum zu atmen. So viel Liebe, so viel Sehnsucht, klang in den hastig hervorgestossenen Worten mit. Jim meinte es wirklich so – er konnte es spüren.

Er schluckte trocken und zog Jim noch enger an sich. Langsam hob er den Kopf und suchte den Blick der goldbraunen Augen.

 

"Ich... Wir brauchen keine Hilfe dazu, Jim. Diese Verbindung, die du ebenfalls wahrgenommen hast, war tatsächlich ein schwaches Partnerband. Ich habe nur nie zugelassen, dass es stärker wird."

 

Kirk sah glücklich zu ihm auf, genoss es einmal mehr, dass Spock ein wenig größer war als er selbst.  "Also doch eine Tür, die einen Spalt weit offen war."

 

"Ein passender Vergleich." Spock konnte nicht mehr länger widerstehen und senkte den Kopf. Er fand sofort Jims kühle Lippen und küsste ihn hungrig, verlor sich in dem Glück, dass sie beide empfanden, als die Tür plötzlich weit aufschwang und schließlich ganz verschwand.

 

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