Titel: the end of all dreams
Autor: Lady Charena
Fandom: Kung Fu - TOS
Pairing: Caine, Alex McGregor
Codes: POV, PG-13
Beta: T'Len
Archive: ffp, TOSTwins

Summe: Alex kann den charismatischen jungen Mann, den er angeschossen hat, nicht vergessen. Er folgt ihm nach Blackwater.

Die Ereignisse in dieser Story beziehen sich auf die Episode "Dream within a dream" (Zusammenfassung am Ende der Story) in der Caine eine Leiche findet, angeschossen wird, dem Bildhauer Alex begegnet und - wieder einmal - für einen Mörder gehalten wird.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern (Warner Brothers). Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Rechte zu verletzen. Zitate stammen von der engl. DVD-Fassung..

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"Gossip's murder. Thats what killed Jason." -- Alex
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Es ist später Nachmittag, als ich Blackwater erreiche. Die Sonne neigt sich, die Schatten der Häuser liegen auf der sandigen Straße wie achtlos weggeworfen. Das Licht hat sich zu einem staubigen Orange verfärbt, es verstärkt das Gefühl der Unwirklichkeit in mir. Ich hätte nicht hierher kommen sollen. Und doch bin ich hier.

Auf den ersten Blick unterscheidet die Stadt sich nicht sehr von Eldir oder anderen Städten, in denen ich gelebt habe. Eines der ersten Häuser ist ein Saloon mit angeschlossenem Mietstall. Ich lasse Jasons Schimmel in der Obhut eines Burschen.

Rose Norman hat ihn mir geschenkt - obwohl ich dieses Geschenk nicht wollte. Sie sagte, sie könne das Pferd nicht mehr sehen, ohne an ihren toten Ehemann zu denken. Und doch erwartet sie von mir, das Tier anzublicken und nicht daran zu denken, wie ich Jason Norman auf seinem Rücken habe stehen sehen - die Schlinge um den Hals. Mich selbst seinen Namen rufen hören - ein kraftloses, kaum hörbares Wispern, das sich im feinen Rauschen des Schilfs und dem ewigen Singen des Sumpfes verlor. Und doch musste er es gehört haben, denn Jason lächelte. Ich öffnete den Mund für einen Schrei, der niemals über meine Lippen kam. Wie soll ich mich nicht erinnern, wie er den Arm hob? Wie vergessen, wie die Reitgerte auf die weiße Flanke des Tieres klatschte? Den erschreckten Satz, mit dem das Pferd davon stürmte, in Panik versetzt von einer Grausamkeit seines Herrn, an die es nicht gewohnt war. Von ihm, der so viel Zärtlichkeit für alle lebenden Geschöpfe hegte. Wie soll ich das Bild vergessen, das in meine Lider eingebrannt scheint, wie eine Photographie auf eine Platte? Sein Körper, der sich in einem makaberen Spiel immer weiter um sich selbst dreht, als hätte eine unsichtbare Hand eine Feder in seinem Leib aufgezogen und ihn in eine endlose Reihe von Bewegung versetzt. Eingeätzt für die Ewigkeit - oder zumindest bis zu dem Moment, in dem ich zum letzten Mal meine Augen schließen werde. Doch das Schlimmste von allem war die entsetzliche Stille danach – als sich das Trommeln der Hufe im Marschland am Rande des Sumpfes verlor; als das Knarren des Astes, der sich unter Jasons totem Gewicht beugte, verklungen war. Selbst das Blubbern der ewig murmelnden Schlammlöcher, das Rauschen der sich aneinander wiegenden Schilfrohre, die gelegentlichen Schreie scheuer Sumpfvögel... alles war verstummt, als spürten Wind und Nebel und Stein genau wie die lebenden Bewohner dieses Ortes die Anwesenheit des Todes.

Und inmitten diese Stille trat er. Ein junger Mann, ein Fremder mit fremdartigen Gesichtszügen. Leise, melancholische Töne, wie das Weinen des Nordwindes, kamen aus einer langen Bambusflöte, die er an seinen Lippen hielt. Seine bloßen Füße verursachten kein Geräusch auf dem weichen Sumpfboden und so schien es fast, als schwebe ein Geist aus den trügerischen Nebelschwaden hervor. Und für einen Geist hielt ich ihn zuerst auch. Ein körperloses Wesen - wie die Geschöpfe, von denen ich auf den Knien meines Vaters am Herdfeuer im heimatlichen Glasgow, gehört hatte - das gekommen war, um Jasons Seele davon zu tragen. Ich sah ihn stehen bleiben, als er Jasons toten Körper erblickte - und ich war ihm nahe genug, wenn auch verborgen hinter einem hohen Bündel gelbgewordenem Schilfgrases, um zu sehen, wie sich seine Augen in Erstaunen, vielleicht auch Entsetzen weiteten.

Das ich die Hand um meinen Revolver geschlossen hatte, wurde mir erst da bewusst. Das Holz auf meinem Wagen ist nicht wirklich wertvoll, doch hier in den Sümpfen sind Menschen schon für weniger gestorben und so hatte ich mich notgedrungen daran gewöhnt, die Stadt nur bewaffnet zu verlassen. Ich erinnerte mich daran, wie Jason und ich an einem heißen Sommertag Schießübungen im Steinbruch veranstaltet hatten. Er ritzte mit einem Stückchen Kalkstein eine grobe Zielscheibe in das verwitterte, von den Elementen nachgedunkelte Holz der kleinen Hütte, in der die Steinmetze ihre Werkzeuge lagerten. Doch heute war niemand im Steinbruch außer uns beiden. Die Luft flirrte vor Hitze, gaukelte uns allerhand merkwürdige Verzerrungen und Spiegelungen vor, jeder Atemzug schmeckte nach Staub. Jason holte den Revolver aus seiner Satteltasche und drückte ihn mir in die Hand. Er zeigte mir, wie man die Waffe lud, entsicherte und hielt meinen Arm ruhig, als ich auf den unregelmäßigen Kreis zielte. Später lagen wir Seite an Seite im Schatten des einzigen Baumes, der im Steinbruch überlebt hatte. Eine mächtige Birke, wie man sie hier in der Gegend normalerweise nicht antrifft, die ihre fiedrigen Äste wie ein schattiges Dach über uns ausbreitete. Jason beugte sich über mich und meinte, dass ich ein lausiger Schütze sein würde und gut daran täte, immer in seiner Nähe zu bleiben. Dann lachte er und mir blieb das Lachen im Hals stecken, denn hinter seinen Worten lauerte eine hässliche Wahrheit, die Jason nicht sehen wollte - und die ich nicht immer ignorieren konnte. Er schob das auf meine schottische Herkunft; meinte, der Hang zur Schwermut wäre mir wohl in die Wiege gelegt worden. Obwohl er das Land, in dem ich geboren wurde, nur aus Erzählungen kannte. Ich wollte den Mund öffnen, wollte ihm sagen, dass ich mir nichts mehr wünschte, als in seiner Nähe zu sein; so dumm der Gedanke auch sein mochte - doch da küsste er mich und im nächsten Moment sprach er mit begeistert blitzenden Augen von der Schauspielertruppe, die er engagiert hatte.

Ein lang vergangener Sommer. Die beiden Männer, die damals unter dem fürsorglichen Schutz der Birke lagen, sind schon lange fort. Und manchmal, wenn ich im Steinbruch bin, um das Material für meine Arbeiten abzuholen, werfe ich einen Blick auf diesen verdammten Baum und glaube für einen Augenblick, dass wir immer noch dort sind. Das wir an diesem glühendheißen Tag einen Teil von uns für immer da gelassen haben, einen Abdruck unser selbst in der Zeit.

Als der Geist die Flöte sinken ließ - was mir bewusst machte, dass kaum Sekunden seit seinem Auftauchen vergangen waren und nicht die Stunden, die ich geglaubt hatte - da wurde mir klar, dass der Fremde in Eldir erzählen würde, was er gesehen hatte. Die Menschen würden in den Sumpf strömen, sie würden Jason sehen, wie ich ihn sah, von einem Ast baumelnd wie ein Kinderdrachen, der sich von seiner Schnur losgerissen und im Geäst verfangen hatte. Sie würden seinen Namen in den Schmutz ziehen und Schande wäre alles, was von einem großen Mann übrigbleibt. Ohne zu denken, hob ich die Hand und zielte auf den Fremden, der noch immer reglos dastand, umweht von Nebelschwaden. Ich schoss auf ihn und meine Hand zitterte nicht.

Glücklicherweise streifte ihn meine Kugel nur an der Schläfe. Mir graut, wenn ich daran denke, dass ich fast dazu bereit war, zu töten, um Jasons Selbstmord zu verheimlichen.

Im Saloon erfahre ich, dass Caine tatsächlich hier in Blackwater ist. Er arbeitet bei einem alten Barbier, der offensichtlich nicht nur jemand zum Ausfegen des Ladens suchte, sondern vor allem jemand, der seinem endlosen Strom an Geschichten lauscht.

Doch als ich den windschiefen Laden mit seinem knarrenden Holzfußboden und holzwurmzerfressenen Stühlen betrete, ist niemand dort. Nach einer Weile schlurft ein alter Mann aus einem Hinterzimmer und als ich das Rasiermesser in seinen alterskrummen Händen zittern sehe; die Finger, die an knorrige Wurzeln erinnern; weiß ich, dass ich mich nicht von ihm rasieren lassen will. Zudem hört er sehr schlecht. Ich muss ihm meine Frage nach Caine in die Ohren brüllen, laut genug, dass man es draußen auf der Straße hören kann. Denn ein halbwüchsiger Bursche streckt den Kopf zur Tür herein - offenbar ist er kein Kunde dieses Etablissements, denn er könnte einen Haarschnitt gebrauchen - und meint, dass er den Chinaman vor einer Stunde in Richtung der Blackwater Hills habe gehen sehen, in die Wälder, die sich hinter der Stadt erstrecken. Während der alte Barbier den Jungen abkanzelt, weil er das Gespräch zweier Erwachsener unterbrochen hat, verlasse ich den Laden mit einem gemurmelten Dank.

Ich lasse den Schimmel, wo er ist. Zu Pferd dauert es einen ganzen Tag, um von Eldir nach Blackwater zu kommen. Ich hatte zwei Tage gebraucht, der Schimmel kaum weniger zögerlich als ich. Doch während ich wusste, dass das Tier mich nicht gewöhnt war, wusste ich nicht, was mich zögern ließ. Wie sollte ich auch. Ich wusste ja nicht einmal, warum ich nach Blackwater ritt.



"The day's over. The dream's done." -- Alex
"Yours was not an empty dream." -- Caine
"It was nothing." -- Alex
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Mehr als eine Ahnung der Kühle des anbrechenden Abends liegt in der Luft, als ich in die Schatten des Waldes trete. Ein schmaler Trampelpfad ist der einzige Weg durch das undurchdringliche Unterholz, das die hohen, schlanken Bäume umgibt. Unter meinen Stiefeln knirschen trockene Nadeln, steigt der modrige Geruch vorjährigen Laubes auf.

Ich habe zu Caine von Jasons Liebe zur Poesie gesprochen; eine weitere Liebe, die wir teilten. Davon, dass ich einen anderen Jason Norman kannte, als die Menschen in Eldir, die in ihm den Mann der Bürgermeisterin sahen, den Bankier, den wohlhabenden  Geschäftsmann der sein Vermögen durch eine kluge Heirat verdoppelt hatte. Sie kannten nicht den verzweifelten Mann, der sich vor der Welt in meine Werkstatt flüchtete, Steinstaub atmete und sich vom Schlagen meines Hammers wie vom Herzschlag eines Riesen in den Schlaf lullen ließ, während ich versuchte, dem Felsen ein neues Kunstwerk abzuringen. Sie wussten nichts davon, dass ich mein Werkzeug weglegte, mich zu ihm setzte, seinen Kopf in meinen Schoß bettete und über seinen Schlaf wachte. Über die wenigen, raren Momente, in denen er sein konnte, wer er war - ein Mensch mit allen Schwächen und Fehlern menschlichen Fleisches, nicht stark und unbeugsam wie das steinerne Abbild, das ich auf seinen Wunsch hin anfertigte.

Mir ist kalt. Und es muss mehr sein, als der Wechsel vom Schein der Abendsonne in den Schatten des Waldes. Ich fühle mich, als würde ein Geist an meiner Seite gehen... Jasons Geist... während ich einem anderen nachjage. Diese Wälder erstrecken sich über viele Meilen. Caine könnte sonst wo sein. Ebenso hätte ich versuchen können, dem Mond nachzujagen, der blass und unendlich fern am Himmel erschien.

Seit Tagen - eigentlich seit Jasons Tod - habe ich kaum geschlafen. Die meisten Nächte habe ich in der Werkstatt verbracht, um die Statue fertig zu stellen. Das gesichtslose Abbild eines Mannes, dessen Züge mir so vertraut sind wie meine eigenen, doch die ich weder in das Antlitz des Tonmodells, noch in das der überlebensgroßen Statue prägen konnte. Also folgte ich Caines Rat und ließ die Arbeit unvollendet. Wo sich Augen, Mund und Nase zeigen sollten, habe ich den Stein nur glattgeschliffen. Ich glaube, Jason hätte es gefallen.

Ich erreiche eine Stelle, in der das Unterholz von den Äxten der Holzfäller zurückgedrängt worden ist und Baumstümpfe eine von Menschenhand geschaffene, kleine Lichtung umsäumen. Bei den Baumstämmen, die zu ordentlichen Wällen aufgeschichtet sind, handelt es sich um die gleichen, aus denen die Bretter geschnitten werden, die ich später zum Bau der Särge verwende. "Artist und Artisan" - "Künstler und Handwerker", so nennen mich die Leute in Eldir, weil ich genauso die Statuen für ihre Salons und Brunnen fertige, wie die Särge, in denen sie ihre Angehörigen zur letzten Ruhe betten.

Zu müde, um weiter zu gehen, setze ich mich in das weiche Gras, das gierig den freigemachten Platz in Anspruch genommen hat und lehne mich mit dem Rücken gegen einen Baumstumpf. Das Holz ist warm und ich schließe die Augen.

Eine Berührung lässt mich hochschrecken. Ich muss geschlafen haben, denn es ist dunkel, über mir glitzern die kalten Sterne, behütet von ihrem treuen Wächter, dem Mond. In der Mitte der Lichtung, von einem Steinkranz umringt, brennt ein kleines Feuer. Und neben mir, die Hand noch an meiner Schulter, kniet Caine.

"Du bist wirklich ein Geist." Ich sage das erste, was mir in den Sinn kommt.

Ein Lächeln erscheint auf den fremdartigen Zügen. "Ich bin... ein Mann", entgegnet er ruhig und ernst, genau wie er mir in der Werkstatt geantwortet hatte, als ich ihn fragte, welche Art Mann er sei.

Ich rapple mich auf und seine Hand fällt von meiner Schulter, scheint einen beträchtlichen Teil meiner Wärme mit sich zu nehmen. Oder war es seine Berührung, die mich gewärmt hat? "Wie hast du mich gefunden?"


Caine hebt nur eine Schulter, als wäre es entweder nicht wichtig oder er wisse es nicht - und vermutlich spielt es auch keine Rolle, da er mich gefunden hat.

Sein Blick hat eine Intensität, die einen verbrennt, wenn man zu lange in seine Augen sieht, also senke ich den Kopf. Caine ist jünger als ich, doch irgendetwas an ihm spricht von einer Weisheit, die älter ist als seine Jahre.

Ein verirrter Lichtfunke vom aufflackernden Feuer erzeugt ein goldenes Glühen an Caines Hals, als sie auf die Kette trifft, die ich ihm gegeben habe. Für einen Moment leuchtet die Sonne wie ihre große Schwester am Himmel, dann dreht sie sich an der dünnen Kette, das Aufflackern des Feuers erstirbt. Aus einem Impuls heraus greife ich nach ihr, will sie berühren, ihre vertraute Wärme spüren, wie ich es getan habe, seit mein Vater sie mir als Kind um den Hals legte. Doch meine Hand fällt zurück, als ich mich erinnere, dass ich sie
weggegeben habe - sichtbares Memento eines Teils von mir, der mit dem jungen Mann ging, als er Eldir verließ.

"Alex."

Ich sehe auf, lese die Frage in seinem Blick, die er nicht stellen wird - und beantworte sie ohne Nachdenken. "Ich... weiß nicht einmal, warum ich hier bin. Ich... bin allein."

Caine neigt den Kopf zur Seite, wartet geduldig auf mehr.

"Seit... seit Jasons Tod... ich fühle mich, als wäre ich mit ihm gestorben." Ich bringe es kaum über mich, die Worte auszusprechen.

"Jason Norman ist nicht tot."

Ich schüttle den Kopf. "Ich weiß, du hast das gleiche bei der Gerichtsverhandlung in Rose Normans Haus gesagt. Das Jason bei uns ist. Das er lebt, so lange, bis wir alle ihn begraben." Unruhe hält mich nicht mehr auf dem Boden und ich springe auf, wende mich von ihm ab. "Aber ich kann ihn nicht begraben. Was bleibt mir noch von ihm, wenn ich ihn begrabe?"


"Liebe."

Dieses eine Wort fällt in das Schweigen wie ein Stein ins Wasser und ich spüre die feinen Wellen, die von ihm ausgehen. Ich drehe mich langsam um, blicke auf Caine hinab, der auf dem Boden sitzen geblieben ist. Er hebt den Kopf, sieht zu mir auf und das halblange
Haar fällt aus seiner Stirn. Selbst bei dem mageren Licht, das die Feuerstelle erzeugt, kann ich die frisch-rote Narbe an seiner Schläfe
sehen, wo meine Kugel die Haut gestreift hat. Meine Hand zittert, als ich den Arm ausstrecke und vorsichtig zwei Finger über die Narbe lege, als könne ich sie so ungeschehen machen.

"Als sie dich hereinzerrten, die Hände gefesselt, und diese Posse einer Gerichtsverhandlung aufführten..." Meine Finger gleiten tiefer, streichen über wüstentrockene, gleichzeitig verblüffend weiche Haut. "...der Regen war wie Tränen auf deinen Wangen...hier und hier." Ich lasse die Hand von Caines Gesicht wegfallen. "Es war, als würdest du die Tränen weinen, die mir verboten sind. Rose darf an seinem Grab um ihn trauern, obwohl ihre Liebe zu ihm längst gleichgültig geworden ist."

"Trauer kennt keinen Ort, keine Zeit." Caines Hand beschreibt einen Bogen. "Trauere hier. Jetzt."

Erneut schüttele ich den Kopf. "Ich kann es nicht. Wie... ich habe ihnen vorgeworfen, dich als Jasons Mörder opfern zu wollen, um ihre Lügen, ihr Leben, aufrecht zu erhalten. Um nicht sehen zu müssen, dass sie es waren, die Jason getötet haben. Die Erwartungen, die sie an ihn gestellt haben... legten das Seil um seinen Nacken. Carol versuchte ihn dazu zu überreden, das Geld aus der Bank zu nehmen, damit sie Mercer verlassen konnte - am besten an Jasons Seite. Sie liebte seine Macht."

Immer schneller kommen die Worte über meine Lippen - ich habe zu lange geschwiegen. Doch in Caines Augen lese ich kein Urteil, keine Abscheu, nur eine stille Akzeptanz. "Rose brauchte ihn, um ihre Position als Bürgermeisterin von Eldir zu halten. Wer traut schon einer Frau zu, eine Stadt zu regieren. Sie benutzte ihn als ein Podest, das sie größer machte."

Caine umschließt meine Handgelenke mit seinen Fingern, zieht mich zu sich herab, bis ich neben ihm knie. "Sie haben alle wie Coyoten an einem Kadaver an ihm gezerrt, jeder wollte ihn in seine Richtung ziehen und alles, was sie erreichten, war kleine Stücke aus ihm
heraus zu reißen, bis nichts mehr von ihm übrig blieb." Es ist, als ersticke ich, als wäre keine Luft mehr um mich herum. "Was ich ihm geben konnte, war nicht genug, um ihn zusammenzuhalten. Ich hätte mehr für ihn da sein sollen. Anstatt ihn aus Ton zu formen, wenn er mir Modell für die Statue saß, hätte ich ihn berühren sollen, ihn spüren lassen, dass er am Leben ist, dass ich... ich ihn liebe." Die letzten Worte sind nur noch ein Flüstern. Niemals zuvor habe ich es laut ausgesprochen. Nicht einmal Jason habe ich es gesagt. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich sie auf seinen Grabstein gemeißelt. Oder sie in die Nebel des Sumpfes hinausgeschrieen, als ich ihn dort begrub - und wie ich glaubte, das Geheimnis seines Todes mit ihm.

Aber unser Leben bestand aus zu viel Lügen - aus mehr, als man in einem Grab zur Ruhe betten kann.

Caines Hände berühren mein Gesicht, seine Fingerspitzen streichen entlang der Schläfen, der Augenbrauen, über meine Wangen und das Kinn und über die Tränen, die letztlich kommen.

"Ich hätte ihn retten müssen."

"Alex", sagt er leise. Wie er es in der Werkstatt getan hatte, als er mich dabei überraschte, wie ich das gesichtslose Tonmodell meines großen Kunstwerks liebkoste, versuchte unter dem kalten, starren Ton die Züge zu finden, die ich geliebt hatte. Seine Hand legt sich in meinen Nacken, als ich den Kopf beuge, meine Schande zu verbergen...

...und ich fühle mich wie ein Blatt, das haltlos auf einem Fluss treibt; einer Sinnflut, die Brücken wegreißt und Dämme zerbersten lässt und über und aus mir herausbricht, in einer Flut heißer Tränen, die ich nicht stoppen kann, die mich zerbrechen, wie das Ende meiner
Welt.

Aber da sind Arme um mich, die mich mit einer Kraft festhalten, die niemand in dem schmächtigen Körper vermutet hätte. Ich klammere mich an seine Stärke, als ich zum ersten Mal die volle Wucht des Schmerzes erfahre, das Loch, das Jasons Tod in meiner Seele hinterlassen hat.

Irgendwann finde ich mich auf dem kühlen, weichen Boden ausgestreckt wieder, Caines Arme noch immer um mich. Ich lasse ihn los, rolle auf den Rücken. Scham brennt heiß in mir. Seine Hand gleitet über mein Gesicht, wischt meine Tränen weg. Es kommen keine neuen nach. Ich bin leergeweint. Und genau so fühle ich mich jetzt - leer, ausgehöhlt. Seine Hand liegt auf meiner Stirn. Ich bin müde. Unendlich müde.

"Alex."

Mein Name. Ich bringe es nicht über mich, ihn anzusehen.

"Es gibt keinen Grund, sich zu schämen."

Trotz meiner Erschöpfung spüre ich, wie sich meine Lippen zu einem Lächeln verziehen. "Du bist ein guter Junge, Caine. Du solltest... dir deine Träume bewahren und immer die Sonne auf deinem Gesicht spüren..."

Ich bin so müde. Die Hand auf meiner Stirn ist warm, ist so besänftigend, dass das Chaos hinter meiner Stirn sich legt. Eine Flaute nach dem Sturm...

Jason...

Schlaf legt sich über mich wie ein dunkler Vorhang und ich gebe ihm nach.

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Breathe life into this feeble heart
Lift this mortal veil of fear
Take these crumbled hopes, etched with tears
We'll rise above these earthly cares.

by Loreena McKennitt,
from The Book of Secrets


Ende


Dream within a dream

Als Caine kurz vor der Stadt Eldir ein Sumpfgebiet durchquert, findet er einen erhängten Mann vor. Gleich darauf wird auf ihn geschossen. Die Kugel streift Caines Schläfe nur, aber er verliert das Bewusstsein. Der Bildhauer Alex McGregor, der mit einer Ladung Holz auf dem Weg zurück in die Stadt war, findet ihn und kümmert sich um ihn. Niemand schenkt Caines Schilderung Glauben, vor allem, da McGregor nichts gesehen haben will und auch der Suchtrupp des Sheriffs keine Leiche findet. Doch dann stellt sich heraus, dass Jason Norman, der angeblich die Stadt im Morgengrauen verlassen hat, um in die nächstgelegene Stadt Blackwater zu reiten, dort nie angekommen ist. Noch am gleichen Abend findet Caine Normans erklärten Feind erhängt in Alex' Werkstatt vor. Doch als er mit dem Sheriff zurückkehrt, ist nicht nur keine Leiche zu sehen, sondern der Mann spaziert putzmunter zur Tür herein. Damit ist jegliche Glaubwürdigkeit, die Caine besitzen mochte, verloren. Er verlässt die Stadt, um im Sumpf nach Normans Leiche zu suchen. Er findet allerdings nur eine Uhr, die Jason Norman von seiner Frau geschenkt bekommen hatte. Neben dem Saloonbesitzer Fleck, der vor Jahren von Jason Norman um eine Silbermine betrogen wurde, gesellt sich nun auch der Präsident der Bank, Mercer, deren Inhaber Norman war, zu den Verdächtigen. Er hat gleich zwei Motive: zum einen wollte Norman sein Geld aus der Bank nehmen, wodurch Mercer bankrott gewesen wäre, zum anderen soll Norman ein Verhältnis mit Mercers Frau gehabt haben. So gerät auch Normans Frau, die Bürgermeisterin von Eldir, in den Verdacht, ihren Mann aus Eifersucht getötet zu haben. Oder war es doch der Sheriff, der nicht nur von Norman geschmiert wurde, sondern ihn auch um eine große Geldsumme betrogen hat? Es ist jedoch viel einfacher, den Fremden des Mordes zu beschuldigen und die Uhr, die Caine zurück in die Stadt bringt, wird als Beweis gegen ihn verwendet. Doch bei der impromptu Gerichtsverhandlung, die abgehalten wird, bricht Alex McGregor sein Schweigen. Er hat - entgegen seiner früheren Aussage - den Selbstmord Jason Normans beobachtet und seine Leiche begraben, um zu verhindern, dass die Art seines Todes bekannt wird. Er hat auch in einem Anfall von Panik auf Caine geschossen. Doch er ist nun nicht bereit, für den guten Namen seines Freundes Caines Leben zu opfern. Er liest einen Abschiedsbrief vor, den Jason Norman hinterlassen hat und Caine wird von allen Anklagen freigesprochen. Bevor er Eldir verlässt, schenkt Alex Caine eine Kette mit einem Sonnenanhänger, den er als Kind von seinem Vater erhalten hat.

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"You know, you walk too much with your head down.
You ought to keep your eyes up to the sun." --Alex

Oh, und natürlich ist die "intime" Natur der Beziehung zwischen Jason Norman und Alex McGregor meiner schmutzigen Phantasie entsprungen. Aber die Episode machte es mir auch ziemlich einfach. <g>