Titel: Hours Between Dusk And Dawn
Autor: Lady Charena
Fandom: CSI LasVegas
Paarung: Gil/Nick
Beta: T’Len

Rating: R, h/c
 
Summe: Ein weiser Mann hat gesagt, dass das Leben manchmal nicht so wichtig ist wie ein Traum... Doch dort wo Träume aufhören - beginnt da schon die Realität?

 

Okay, mein erster Versuch in diesem Fandom. Als Dramaqueen (hoffentlich erinnert sich niemand, das ich nie! – nie! – nie! – hurt/comfort-Stories schreiben wollte. Aber das war natürlich bevor eine sadistisch veranlagte Muse Caine und Bamby Eyes vor meiner Tür aussetzte <g>) mit ausklappbaren Slasher-Stielaugen kann ich „Grave danger“ nicht einfach so an mir vorbeiziehen lassen. Und immerhin hat es bewirkt, was vier Staffeln CSI LV in zwei Wochen nicht schafften – nämlich mir Lust gemacht, es auch einmal zu versuchen.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Lyrics aus „Shattered dreams“ von Johnny Hates Jazz

 

 

I.

 

...woke up to reality

And found the future not so bright

I dream the impossible

That maybe things could work out right

I thought it was you

Who would me do no wrong...

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Er trat aus der Kälte des Frauengefängnisses in den warmen Sonnenschein, doch das Zittern hörte nicht auf. Ein Wunder fast, dass er es ohne Aufsehen zu erregen aus dem Gebäude geschafft hatte. In den Fingern fing es an, als er den Hörer aufhängte. Er ballte sie zu Fäusten und versteckte sie in den Hosentaschen. Erst als er die letzte Kontrolle am Ausgang hinter sich gebracht hatte, wurden ihm auch die Knie weich und er musste sich an der Wand mit einer Hand abstützen. Da war ein weißes Rauschen in seinen Ohren und der bitter-metallische Geschmack von Blut in seinem Mund. Er hatte sich auf die Zunge gebissen und es nicht einmal bemerkt.

 

Die trockene, staubige Luft schien sich in seiner Kehle zu verklumpen, machte es ihm schwer, Sauerstoff in seine Lungen zu bekommen. Das inzwischen viel zu vertraute Rasen seines Herzens setzte wieder ein, ihm wurde übel und überall am ganzen Körper begannen die Ameisenbisse erneut zu brennen. Der Parkplatz und damit sein Wagen war nur ein paar Meter entfernt. Nur ein paar Meter... Er schaffte es bis zur ersten Parkbucht, bevor er sich am nächsten Auto festhalten und übergeben musste. Aber da war nichts in seinem Magen, er hatte nichts mehr gegessen, seit Warrick ihn mit sanfter Gewalt zum Mittagessen geschleppt hatte. Das musste gestern gewesen sein. Oder vorgestern. Oder... Sein Zeitgefühl war weg. Stunden fühlten sich an wie Tage, Nächte dauerten Jahre. Wieder drehte sich ihm der Magen um und der krampfartige Schmerz brachte ihn fast auf die Knie. Er wollte nichts mehr, als sich auf dem sandigen Asphalt zusammenrollen und warten, bis es aufhörte. Egal wie, so lange es nur endlich aufhörte...

 

Er spürte, dass er nicht mehr alleine war – vielleicht eine Sekunde bevor zwei Hände seine Schultern umschlossen und ihn aus seiner gebückten Haltung hochzogen. Und noch bevor er die Augen öffnete, wusste er, wer es war. „Es geht schon wieder“, murmelte er und löste sich aus Gil Grissoms Griff. Er lehnte sich gegen den Wagen und blinzelte die Tränen weg. „Was willst du hier?“

 

Gil zögerte. Dann nahm er langsam die Sonnenbrille ab und verstaute sie umständlich in seiner Brusttasche. „Ist die Frage nicht eher, was du hier willst, Nick?“

 

Er wandte sich von ihm ab, stemmte die Ellbogen gegen das Wagendach und vergrub das Gesicht in den Händen. Das ‚komische’ an der ganzen Situation war, dass er es nicht wusste. Vielleicht war er nur hier, um zu sehen, dass es einen wirklichen, lebenden, atmenden Grund dafür gab, dass er in der Hölle gelandet war...

 

Der Ältere wich zurück, beide Hände in einer beschwichtigenden Geste erhoben. „Okay“, sagte er. „Schon okay.“ Dann, nach einer kurzen Pause: „Soll ich dich nach Hause fahren?“

 

Er öffnete die Augen. „Verdammt noch mal, hör auf, mich wie einen Krüppel zu behandeln!“ Wütend drehte er sich um und ignorierte das Schwindelgefühl, das die hastige Bewegung auslöste. „Ich komm’ alleine klar.“

 

Über ihnen zog ein Flugzeug vorüber, sein fernes Brummen das einzige Geräusch.

 

„Gut.“ Gil wurde bewusst, dass er noch immer die Hände hochhielt und ließ sie sinken, stopfte sie in die Hosentaschen. „Fährst du mich dann nach Hause?“

 

Er starrte Gil an, für einen Moment bar jeden Verstehens. „Wieso? Wie bist du hierher gekommen?“

 

Grissom zuckte mit der Schulter. „Mit einem Taxi.“

 

Er wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht. „Okay. Verschwinden wir von hier.“ Er stieß sich von dem geparkten Wagen ab und ging langsam auf seinen eigenen zu. Gils Blick schien sich wie ein Pfeil in seinen Rücken zu bohren. Diese Wut... irgendwie musste er die Wut unter Kontrolle bekommen. Es ging nicht so weiter, dass er Menschen anschrie, die ihm wichtig waren – und die nur versuchten, ihm zu helfen. Besonders nicht Gil. Aber da war eine Kluft zwischen ihnen. Und er hatte keine Ahnung, wie er sie überbrücken sollte.

 

Im Krankenhaus hatte es einen Moment gegeben, in dem er geglaubt hatte, es hätte sich nichts geändert...

 

Eine Krankenschwester hatte das Ende der Besuchszeit verkündet und seine Eltern höflich, aber bestimmt auf den nächsten Tag vertröstet. Er war... dankbar für ihre Anwesenheit gewesen und auch für den vielen Besuch von Freunden und Kollegen aus dem Labor – obwohl es ihn erleichtert hatte, dass Dr. Robbins nicht unter ihnen gewesen war – er erinnerte sich weitaus klarer an das lächelnde Gesicht des Pathologen, als sich der mit einer Motorsäge über ihn beugte...

 

Als sich die Halluzination das erste Mal in seine Träume schob, schreckte er aus dem Nebel der Beruhigungsmittel auf und tastete hastig über seinen Oberkörper, auf der Suche nach der klaffenden Wunde. Dabei riss er die Infusion aus seinem Arm. Irgendjemand hatte das Nachtlicht über seinem Bett brennen lassen und in seinem trüben Licht sahen die Blutperlen, die über seine Haut glitten, wie Ameisen aus. Seine Versuche, sie loszuwerden, riefen einen Pfleger in sein Zimmer und schließlich wurde sein Arm am Bett fixiert und eine neue Nadel gesetzt. Eine Spritze setzte Schmerzen, Alpträumen und Erinnerungen gleichermaßen ein Ende.

 

Die Nachtruhe für die Patienten begann und der Geräuschpegel sank. Er hatte keine Ahnung, wie spät es war, die Vorhänge waren vorgezogen, das Nachtlicht angeschaltet. Die Stille wurde bedrückend und er starrte an die Decke, die aus weißen Vierecken bestand. Weißen Vierecken mit kleinen Löchern. Kleine Löcher, die – wenn er zu lange hinsah – sich zu bewegen begannen. Wie Ameisen...

 

Das leise Öffnen der Tür riss ihn von der Schwelle der Panik. Er blinzelte, als aus dem Flur grelles Licht in sein Zimmer fiel, die eintretende Gestalt schwarz umschattete. Dann wurde die Tür zugeschoben und Gil trat aus den Schatten, auf ihn zu.

 

Er leckte sich über die trockenen Lippen. „Wie... wie bist du an der Krankenschwester vorbeigekommen?“, fragte er, seine Stimme heiser und matt.

 

„Ich habe ihr meinen Ausweis gezeigt und gesagt, dass man mich hergeschickt hat, um auf dich aufzupassen.“ Gil schob einen Besucherstuhl näher ans Bett und setzte sich.

 

„Aufzupassen? Wieso?“

 

Gil zuckte mit der Schulter. „Du warst in den Nachrichten und auch der Name des Krankenhauses. Jemand könnte auf die Idee kommen, die gute Gelegenheit zu nutzen und dich auszuschalten. Die Stadt ist voll von Verrückten.“ Er verstummte für einen Moment und als er weitersprach, hatte sich sein Tonfall verändert, war weicher geworden. „Wie fühlst du dich, Nick?“

 

Er wandte den Kopf zur Seite, schloss die Augen. Die gleiche Frage, immer und immer wieder, den ganzen Tag lang. Gesichter, die ihn musterten, versuchten ihre Besorgnis zu verbergen und erzwungene Munterkeit zu verbreiten. Er wollte doch nur in Ruhe gelassen werden, um alles zu vergessen. Wie er sich fühlte? Er fühlte nichts. Er hatte beschlossen, nichts mehr zu fühlen. Seine Gefühle auf Eis zu legen. Das war es, was er brauchte. Eine Wand aus Eis zwischen sich und dem, was passiert war. Dann konnte er sich selbst überzeugen, dass überhaupt nichts passiert war und mit seinem Leben fortfahren. Nichts ist passiert, nichts ist passiert...

 

„Nick.“

 

Die Berührung an seiner Schulter ließ ihn fast aufschreien, doch er erstickte es im letzten Moment zu einem Wimmern, presste den Handrücken auf den Mund.

 

„Es ist gut. Ich bin da, hörst du, Nick?“

 

Er wurde auf den Rücken gedreht, weigerte sich die Augen aufzumachen. Auch als zwei Hände sein Gesicht umschlossen.

 

„Nick! Es ist vorbei, Nicky. Es ist vorbei. Sieh’ mich an.“

 

Vorbei? Es würde nie aufhören. Der Drang zu Lachen steckte plötzlich in seiner Kehle, er hatte den bitteren Geschmack Hysterie schon förmlich auf der Zunge.

 

„Sieh mich an, Nick.“

 

Dieses Mal hatte die Stimme einen befehlsmäßigen Unterton und reflexartig öffnete er die Lider. Um sie gleich wieder zu schließen, als er der Unsicherheit und dem Kummer in Gils Augen begegnete. Damit konnte er jetzt nicht umgehen. Nicht auch noch damit.

 

„Du wirst nicht allein sein. Ich bleibe die ganze Nacht bei dir. Nicky. Hörst du mir zu, Nick?“

 

Kälte kroch durch seinen Körper. Zuerst war es kalt gewesen, als er aus der Betäubung erwachte. Er erinnerte sich an den irrationalen Gedanken, wie es so kalt sein konnte in einem Bundesstaat, der zu einem großen Teil aus Wüste bestand. Inzwischen wusste er, dass das Kälteempfinden eine Nachwirkung des Äthers und er in Wirklichkeit schweißgebadet gewesen war.

 

Eine Berührung an seiner Schulter, dann stieß etwas gegen seine Lippen. Ein Strohhalm. Dankbar, gierig, sog er daran. Aber noch immer steckte ein Klumpen in seiner Kehle und nach ein paar Schlucken drehte er den Kopf weg.

 

„Besser?“

 

Er nickte – nicht, weil es besser war, sondern um seine Dankbarkeit zu zeigen. Und zwang sich still zu halten, als Finger zärtlich durch sein Haar glitten. Er war müde. Er wollte nicht reden, nicht denken, nicht fühlen. Einfach nur schlafen und hoffen, das die Träume fernblieben.

 

Sein ganzer Körper spannte sich an, als er Gils Mund an seiner Schläfe spürte, an seiner Wange, an seinem Ohr. Fast unwirklich, so leicht war die Berührung. Warmer Atem streifte seine Haut, vertrieb die Kälte. Zumindest ein wenig.

 

„Ich... liebe dich, Nick. Nicht nur um deinetwillen, sondern auch darum, was ich sein kann, wenn ich bei dir bin. Komm’ zu mir zurück.“

 

Er musste sich anstrengen, um die Worte zu hören, so leise wurden sie gesprochen. Er wollte die Wut und Schmerz und seine Verwirrung, die wie wilde Tiere in seinem Bauch rissen und kratzten, loslassen. Wollte Gils Arme um sich spüren, seinen Körper, der real und sicher und stark war. Er wollte seine Qual hinausschreien, hinausheulen, bis nichts mehr davon ihn ihm übrig sein würde.

 

Er tat nichts davon, lag still, lauschte den zärtlichen Berührungen Gils nach, bis die Medikamente ihn in einen tiefen, traumlosen Schlaf lullten.

 

Alles hatte sich geändert...

 

* * *

 

„Nick?“

 

Er öffnete die Augen, blinzelte, sah sich um. Wo war er? Wieso kniete er auf dem Asphalt? Wieder würgte er trocken.

 

Gil zog ihn auf die Beine, hielt ihn fest - hakte ihn unter, angelte den Schlüssel aus seiner Tasche und schaffte ihn ins Auto.

 

Er lehnte sich gegen den Sitz zurück, starrte durch die Windschutzscheibe auf die Asphaltfläche, über der die Hitze wie Schlieren einer durchsichtigen Masse waberte und zitterte. Gils Hand lag auf seinem Oberschenkel und er sah zuerst darauf, dann wandte er den Kopf. Gils andere Hand glitt unter sein Kinn, Fingerspitzen streiften seine Kehle, schmiegten sich um seinen Nacken, beugten ihn vor. Zögernd, fast unsicher, berührten sich ihre Lippen, dann wich Gil wieder zurück und sah ihn an. „Du bist stärker als das, was mit dir geschehen ist.“

 

Enttäuscht drehte er den Kopf weg – ohne recht zu wissen, was er sich erhofft hatte. „Erspar mir die Phrasen, Gil.“

 

„Ich sage das nicht einfach so, Nicky – ich bin überzeugt davon.“

 

Die Wut war wieder da. Mit beiden Händen stieß er Gil von sich. „Du hast keine Ahnung, wie es ist, schwach zu sein und sich dafür zu verachten!“

 

„Ungefähr so, wie hilflos vor einem Bildschirm zu stehen und zuzusehen, wie jemand, den man liebt, um sein Leben kämpft?“ Gil blickte einen Moment zu Boden. „Warum schreien wir uns eigentlich an?“, fragte er dann sanft.

 

Er kreuzte die Arme vor der Brust, starrte wieder geradeaus. „Ich will hier weg.“

 

Es war eine lange Fahrt. Und eine sehr stille.

 

II.

 

Will we walk all night through solitary streets?

(Allen Ginsberg, A supermarket in California)

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Gil seufzte leise, als er aus dem Schlaf hoch schreckte. Es war nun wirklich nicht die beste Idee gewesen, auf Nicks Couch einzunicken. Aber er wollte in Nicks Nähe sein und der hatte ziemlich nachdrücklich die Schlafzimmertür vor seiner Nase geschlossen. Keine Einladung, aber auch kein Rausschmiss, dachte sich Gil und machte es sich bequem.

 

Zu bequem offensichtlich. Er setzte sich auf und streckte seinen verkrampften Rücken. Dann nahm er die Brille ab und begann sie zu putzen, während er überlegte, was ihn geweckt hatte. Irgendetwas hatte er gehört, soviel war er sich sicher. Er rieb sich die müden Augen, setzte die Brille auf, und stand auf.

 

Als er vor der Schlafzimmertür stand, zögerte er. Da war etwas... da war eine Kluft zwischen ihnen, die er fast sehen konnte. Als hätte es nie mehr zwischen ihnen gegeben, als Kollegialität, vielleicht so etwas wie eine Freundschaft. Nick ging ihm ganz klar aus dem Weg. Wenn sich Warrick oder Catherine in seiner Nähe aufhielten, kam auch mal wieder der alte Nick zum Vorschein. Doch zwischen ihnen befand sich eine Eiswand und er wusste nicht, wo er ansetzen sollte, sie zu zerbrechen. Irgendwo tief in sich wusste er, dass nur Nick diese Kluft zwischen ihnen überbrücken konnte – aber er hasste es, hilflos zu sein. So hilflos wie vor diesem verdammten Bildschirm... Wieder stiegen Schuldgefühle in ihm auf und wieder unterdrückte er sie gnadenlos.

 

Er presste die Handfläche gegen die Tür und wünschte... aber zu Wünschen war sinnlos. Dann holte er tief Luft und drückte die Klinke. Es war offen und er trat leise ein. Das Bett war zerwühlt, aber leer. Die Straßenbeleuchtung malte schmutziggelbe Streifen auf die Laken, und auf die nachlässig hingeworfene Kleidung. Keine Spur von Nick.

 

Unruhe machte sich in Gil breit. Kurzentschlossen blickte er in die anderen Zimmer, doch auch hier kein Nick.

 

Mit einem stummen Fluch nahm er seine Jacke von der Sofalehne und trat aus der Tür und auf die Straße. Zu allem Überfluss regnete es. Regen? Ausgerechnet heute? War das nun ein Wüstenstaat oder nicht? Er schlug den Kragen hoch und trat auf den Bürgersteig, blickte die verlassene Straße entlang. In welche Richtung sollte er gehen? Schließlich zog er die Schultern hoch und ging nach rechts.

 

Er hatte Glück. Nur ein paar Minuten später tauchte vor ihm eine vertraute Gestalt auf. Gil beschleunigte seine Schritte, rannte schließlich los und stoppte gleich darauf halb atemlos neben Nick. „Keine besonders schöne Nacht für einen Spaziergang.“

 

Nick sah ihn an, schwieg aber. Er hatte die Hände in die Taschen vergraben und seine Mütze tief ins Gesicht gezogen. Regen glitzerte auf seiner Haut. Vielleicht waren es auch Tränen.

 

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her. Ein paar erleuchtete Fenster kündeten von Menschen, die ihre eigenen Sorgen nicht schlafen ließen. Oder möglicherweise ihre eigenen Freuden.

 

Der Regen fiel leise, fast lautlos und doch schien er alle anderen Geräusche zu dämpfen. Selbst ihre Schritte waren kaum zu hören.

 

Schließlich tauchten aus dem Halbdunkel vor ihnen die Umrisse einer Bushaltestelle auf, mit einem Windschutz aus vergilbten Plastik umgeben. Gil stellte sich unter, doch Nick blieb draußen stehen. In der nicht besonders hellen Beleuchtung und durch den gelblichen Kunststoff verschwammen seine Umrisse. Doch eines erkannte Gil ganz genau – die gegen den Windschutz gepresste Handfläche. Er schluckte und drückte seine Hand dagegen. Seine Finger zitterten. Und als Nick seine Hand zurückzog, trat er unter der Überdachung hervor und zu ihm.

 

Sie sahen sich lange an. Gil hob die Hand und wischte die Feuchtigkeit von Nicks Wangen. Dann betrachtete er prüfend seine Handfläche.

 

„Ich konnte es nicht glauben, als ich dein Gesicht auf der anderen Seite des Plexiglases sah.“ Nicks Stimme klang unsicher und müde – aber sie zitterte nicht mehr. „Ich dachte, es wäre nur eine weitere Halluzination.“

 

„Ich wollte, ich hätte früher bei dir sein können.“ Gil sah auf, als Nick seine Handfläche auf Gils Handrücken legte, ihre Finger ineinander verflocht. Er legte seine zweite Hand darüber, hielt ihn fest.

 

Nick sah zuerst auf ihre Hände, dann in Gils Gesicht. Es sollte eigentlich nicht so schwer sein. Um wieder arbeiten zu dürfen, hatte er bereits mehrere Tests und Gespräche beim Psychologischen Dienst hinter sich gebracht. Außerdem hatte Catherine im Krankenhaus seine Aussage aufgenommen – auf sein Drängen hin. Es sollte nicht schwer sein, mit dem Mann darüber zu sprechen, den er zu lieben glaubte... liebte... Wie einfach es einmal gewesen war. Konnte es jemals wieder so einfach sein?

 

„Ich bin froh, dass du jetzt da bist.“ Zum ersten Mal seit zu langer Zeit trat ein echtes Lächeln auf seine Lippen. Und dann beugte Nick sich vor und küsste Gil. „Lass’ uns zurück gehen und aus den nassen Klamotten kommen.“

 

Etwas flackerte kurz durch seine Augen und es entging Gil nicht. Doch als Nick sich abwenden wollte, hielt er ihn auf, zog ihn erneut an sich und küsste ihn leidenschaftlich. Und dieses Mal blieben Nicks Lippen nicht kalt und reglos, wie auf dem Parkplatz. Ein Funke des alten Feuers stob auf und wärmte sie für einen kleinen Moment.

 

Als Nick den Kopf zurückzog, war er atemlos und in seine Wangen war ein wenig Farbe zurückgekehrt.

 

Vielleicht war der erste Sprung in der Eiswand erschienen. Vielleicht hatte es heute Nacht nicht geregnet, sondern getaut... 

 

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Angst tötet die größte Liebe – Anais Nin

 

 

Ende