Durch Zeit und Raum

Disclaimer siehe Teil 1

Teil 09

 

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„Worum geht es?“

 

Nachdem O'Brian gegangen war, ließ sich Blight in dessen Sessel sinken.

„Das Hauptquartier hat mir mitgeteilt, dass wir in etwa drei Tagen mit mehreren Hibernierenden rechnen können. Sie wurden inzwischen in Reg-Gel gebettet und sollen sich hier unter medizinischer Kontrolle völlig erholen können.“

 

„Das heißt, sie sind inzwischen wieder bei Bewusstsein?“

 

Blight nickte. „So stand es in der Nachricht. Sie wurden darüber informiert, was inzwischen geschehen ist. Manche wurden danach wieder, ihr Einverständnis vorausgesetzt, in ein künstliches Koma versetzt und in Reg-Gel gebettet. Ich habe

allerdings keine Ahnung, worum es sich dabei handelt.“

 

„Eine Mischung aus Kraftfeld und Medikamenten. Man fühlt sich darin, als würde man in zähem Schlamm liegen, kann aber ungehindert atmen. Man hat das ganze Regenerationsgel genannt. Vermutlich weil ‚Schlamm’ etwas seltsam klingen würde.“

 

Blight lachte. „Wahrscheinlich, ja.“ Er mochte den Humor der Ärztin.

 

Dann glitt ein amüsiertes Lächeln über sein Gesicht.

„Um noch einmal auf das vorherige Thema zurückzukommen: Können Sie mir sagen, was Vulkanier außerhalb des Pon farr miteinander anfangen?“

 

„Im Bett, meinen Sie?“ Sie zuckte mit den Schultern und lächelte. „Nicht sehr viel, vermutlich, wenn man sich die Geburtsintervalle ansieht. Obwohl es durchaus Ausnahmen gibt.“

 

Sie musterte das amüsierte Schmunzeln des Captains. „Falls Sie auf Si’sjks Eroberungen eifersüchtig sind: Ich denke durchaus, dass er nicht nur Händchen hält.“

 

Sie stemmte sich entschlossen aus ihrem Sessel hoch. „Aber jetzt müssen Sie mich entschuldigen. Es wartet Arbeit auf mich.“

 

Blight blieb noch einen Moment lang sitzen und sah ihr versonnen nach. Ob das der Grund für Si’jsk seltsam aufbrausendes Verhalten in den letzten Tagen war?

Nachdenklich fuhr er mit dem Daumen über seine Lippen. Noch immer konnte er den Nachhall des Kusses spüren. Und wieder einmal gestand er sich ein, dass ihn der Vulkanier mehr als nur ein bisschen faszinierte...

 

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Sie hatte alles vorbereitet.

Blight hatte ihr die gesamten Informationen, die ihm vorlagen, auf den Rechner überspielt. Sie würde viel Arbeit bekommen.

 

Es war vorgesehen, dass jeweils fünf Personen nach Camelon gebracht wurden. War einer von ihnen genesen, würde der nächste nachfolgen, so dass die Anzahl gleich bleiben würde. Sie rief noch einmal die Liste auf.

 

Offenbar hielt man Camelon für sicher genug und ihre Fähigkeiten für ausreichend um fast ausschließlich hochrangige Personen herzuschicken. Unter den ersten befanden sich ein ehemaliger vulkanischer Botschafter, dessen Frau, zwei ehemalige Starfleetoffiziere und ein Wissenschaftler.

 

Ein leises Geräusch ließ sie herumfahren. Sie hatte eine Überwachungskamera in Sarduks Nähe installiert, um ihn jederzeit auch vom Büro aus beobachten zu können. Sorel, der immer noch in einer Heiltrance lag, schlief tief, doch Sarduk warf unruhig den Kopf hin und her. Sie wusste, was das bedeutete.

 

Schnell trat sie an sein Bett und suchte in seinem Gesicht nach den Kontaktpunkten. Dann löste sie behutsam den Schleier der Heiltrance von seinem Bewusstsein. Er war jetzt so weit, das er aufwachen konnte. Sie musste nur warten.

 

Es dauerte nicht lange, bis er die Augen aufschlug. Sie hatte das Licht gedämpft, so dass es ihm nicht in die Augen stach.

 

„T’Ric. Wie...“

 

„Still. Du musst deinen Kehlkopf schonen, wenn du nicht die Stimme verlieren willst. Wenn du erlaubst, öffne ich ein mentales Tor, damit du dich trotzdem mitteilen kannst.“

 

Sie wartete sein Nicken ab und berührte ihn  dann erneut im Gesicht. Es dauerte nur Sekundenbruchteile, bis sie sein Bewusstsein wahrnahm. Dann zog sie die Hände zurück. Die feine Verbindung blieb geöffnet.

 

//Wo hast du in all den Jahren gelebt?//

 

//Auf verschiedenen Welten der Föderation. Hier auf Camelon habe ich schließlich, angeschlossen an einen Außenposten der Starfleetakademie, eine kleine Klinik gegründet, die es mir ermöglicht, fast alle bekannte Spezies zu behandeln.//

 

Sarduk sandte ihr seine Anerkennung.

 

//Du bist in Shi-Khar geblieben?//

 

//Nein. Ich habe einige Jahre in einer der kleineren Städte im Norden gearbeitet. Dort habe ich meine Partnerin kennen gelernt.//

 

//Sie hält sich auf einer Raumstation auf. Soll ich sie benachrichtigen?//

Eine Mischung aus Kummer und Widerwillen flutete durch seine Gedanken.

 

//Ich lege keinen Wert auf ihre Gesellschaft. Aber wo ist Sorel?//

 

//Neben dir. Er liegt noch in der Heiltrance.//

Sie sah zu seinem Sohn hinüber, der ruhig schlief. Sie spürte seine Erleichterung.

 

//Versuch zu schlafen. Du brauchst jetzt Ruhe.//

 

Sie wollte sich zurückziehen, doch Sarduk hielt sie auf.

Verwundert verharrte sie, als er mühsam die Hand hob und ihre Hand nahm. Sie spürte, dass er mit zwei Fingern zart über ihren Handrücken strich.

 

Sie suchte seinen Blick. Dort fand sie die gleiche Zärtlichkeit, mit der er sie berührte. Sie zögerte einen Moment, doch dann beugte sie sich über ihn und küsste ihn sanft.

 

//Schlaf jetzt. Ich bleibe in deiner Nähe.//

 

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Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem anderen Vulkanier zu, der im Raum lag. Es handelte sich bei ihm um einen der Hibernierenden.

Offenbar war er einstl als Botschafter tätig gewesen, so hatte man ihr gesagt. Sie musterte die ernsten und würdevollen Züge des schlafenden Vulkaniers. Er war deutlich älter als Sarduk, doch sie glaubte eine entfernte Ähnlichkeit mit ihm entdecken zu können. Doch vermutlich täuschte sie sich.

 

Sie überprüfte die medizinischen Werte. Ein Blick genügte ihr, um zu sehen, dass alles in Ordnung war. Zufrieden verließ sie den Raum und machte einen kurzen Rundgang durch die anderen Räume.

 

Die beiden Starfleetoffiziere schliefen noch immer. Es deutete nichts darauf hin, dass sie demnächst erwachen würden. Auch der Wissenschaftler, ein Andorianer, schlief noch.

 

Doch die menschliche Frau, die Frau des Botschafters – sie war überrascht gewesen, keine Vulkanierin anzutreffen – bewegte sich unruhig. Ein Blick auf die Medosensoren bestätigten Gordons Verdacht. Sie hatte sich soweit regeneriert, dass sich das Unterbewusstsein gegen die künstliche Ruhe des Reg-Gels zu wehren begann. Sie war soweit, dass sie aufwachen konnte.

 

Dr. Gordon schaltete das Kraftfeld ab. Zur Sicherheit ließ sie einen Medotricorder über den schlanken Körper der Frau gleiten. Es war alles in Ordnung. Durch das Reg-Gel hatten sich ihre Zellstrukturen soweit regeneriert, dass sie gut zwanzig Jahre jünger aussah, als sie war. Das war einer der angenehmen Nebeneffekte des Gels: Es wirkte wie ein Jungbrunnen. Denn die erstaunliche Regeneration des Gewebes fand tatsächlich statt.

 

Die Frau bewegte den Kopf und stöhnte leise. Sie murmelte einen Namen.

„Bleiben Sie ruhig liegen. Es ist alles in Ordnung. Sie sind hier in Sicherheit.“

 

Dr. Gordon sprach leise und ruhig. Sie wollte ihre Patientin nicht unnötig erschrecken.

 

Amanda Grayson schlug die Augen auf und sah sich um. Dann runzelte sie verwirrt die Stirn.

 

„Wo bin ich hier?“

 

„Sie sind auf Camelon. Ich bin Dr. Gordon und leite die hiesige Klinik. Es handelt sich um eine kleine Einrichtung die an einen Außenposten der Starfleet-Akademie angeschlossen ist.“

 

Grayson nickte. „Ja, jetzt erinnere ich mich. Man sagte mir, wir würden hergebracht werden. Camelon unterliegt offenbar besonderen Sicherheitsbestimmungen.“  Wieder sah sie sich suchend um.

 

„Ich kann meinen Gemahl nirgends sehen. Ist er hier?“

 

„Sie meinen den vulkanischen Botschafter?“

Grayson richtete sich auf. „Genau den meine ich. Sein Name ist übrigens Sarek.“

Sie schien verärgert zu sein.

 

„Ich bitte um Entschuldigung, doch offenbar hat man vergessen, mich über Ihre Identität zu informieren. Ich kenne von keinem von Ihnen den Namen.“ Gordon lächelte entschuldigend.

 

Grayson musterte sie abschätzend. „Noch immer das alte Chaos. Ich hatte eigentlich gehofft, es hätte sich gebessert. Ich nehme Ihre Entschuldigung an. Mein Name ist Amanda Grayson T’Sai Sarek Telek-San-Deen.“

 

Gordon stutzte kurz, als sie den vulkanischen Clannamen hörte. Sie hatte keine Ahnung, ob es mehrere Clans mit dem gleichen Namen auf Vulkan gab. Falls nicht, würde Si’jsk sehr überrascht sein. Sie hatte aus den Akten erfahren, dass auch er diesen Namen trug. Nun, sie würde ihn danach fragen.

 

Sie ließ erneut den Tricorder über ihre Patientin gleiten. „Ihre Werte sind inzwischen alle in Ordnung. Wenn Sie möchten, können Sie sich in der Hygienezelle frisch machen und sich umziehen.“

Sie hatte den unwilligen Blick bemerkt, mit dem Grayson ihren Patientenoverall bedachte. Die Anzüge waren zwar für medizinische Zwecke äußerst praktisch, ließen jedoch ästhetisch sehr zu wünschen übrig.

 

„Anschließend bringe ich Sie zu Ihrem Gemahl. Es gibt keinen Grund sie getrennt zu halten. Ich habe ihn in einen Raum untergebracht, in dem ich die vulkanischen Umweltbedingungen simuliert habe. Er erholt sich in der gewohnten Umgebung wesentlich schneller.“

Grayson nickte, dann lächelte sie die Ärztin an. „Ich danke Ihnen.“

 

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Es dauerte nicht lange, bis sie fertig war. Gordon bemerkte das traditionelle vulkanische Gewand, das sie dem Synthetisierer entlockt hatte. 

 

„Kann ich jetzt zu Sarek?“

 

„Natürlich, kommen Sie.“

 

Leise betraten sie den Raum. Grayson überwand problemlos die Gravitationsschwelle. Sie schien derartiges gewohnt zu sein. Auch mit der Hitze kam sie zurecht. Sie warf einen Blick auf Sarduk. Dann lächelte sie kurz, als sie den schlafenden Sorel bemerkte.

 

Vor Sareks Bett blieb sie stehen und betrachtete ihren schlafenden Gemahl. „Ist alles in Ordnung mit ihm?“

 

Gordon richtete erneut einen Blick auf die Anzeigen. „Ja. Er wird auch bald so weit sein, dass ich ihn aufwachen lassen kann. Es dauert wahrscheinlich nur noch wenige Stunden, so wie ich die Regenerationsfähigkeit der Vulkanier kenne.“

 

Sie griff in das Reg-Gel und tastete kurz nach den Kontaktpunkten an Sareks Schläfe. Sie verharrte kurz und zog sich dann zurück.

 

„Es geht ihm gut. Ich konnte kurz sein Bewusstsein wahrnehmen. Er wird sicher bald erwachen.“

 

Sie schob Grayson einen Stuhl hin. „Bleiben Sie ruhig bei ihm, wenn Sie wollen.“

Dann bemerkte sie den überraschten Ausdruck im Gesicht der anderen.

Sie lachte.

„Ich habe mich auf Vulkan zur Heilerin ausbilden lassen, nachdem ich während meines Medizinstudiums mehr aus Zufall auf meinen hohen Psiquotienten gestoßen bin.“

 

Grayson nickte. „Sie haben mich wirklich überrascht.“

 

Dann deutete sie auf Sarduk. „Darf ich fragen, wer er ist?“

Gordon folgte ihrem Blick. „Sein Name ist Sarduk. Er ist ebenfalls Heiler. Er wurde von Vulkan evakuiert und ich behandle die Folgen der extremen Verätzungen. Warum fragen Sie?“

 

Grayson zuckte mit den Schultern. „Es klingt seltsam. Aber er erinnert mich irgendwie an meinen Sohn. Er ist zwar deutlich jünger, als Spock jetzt sein müsste, doch ist etwas in seinen Zügen, dass mich an ihn denken ließ, als ich ihn sah.“

Sie wandte sich wieder zu ihrem Mann um und setzte sich. „Vermutlich nur ein Zufall.“

 

Gordon betrachtete Sarek und Sarduk noch einen Moment. Auch ihr war eine Ähnlichkeit aufgefallen.

Wirklich nur ein Zufall? Sie hatte keine Ahnung, zu welchem Clan Sarduk gehörte. Nun, bei Gelegenheit würde sie ihn danach fragen.

 

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Si’jsk stutzte und sah genauer hin. Eine Vulkanierin hatte die Bar betreten. Sie blieb abwartend stehen und sah sich suchend um.

 

„Hey, Si’jsk, hast du meine Frage überhaupt gehört?“

 

Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder seiner Begleiterin zu. Sie gehörte zur Besatzung des Schiffes, dass die ersten Hibernierenden gebracht hatte. Sie hatte ihn angesprochen, weil sie einen Vulkanier, der allein in einer Bar saß und sich zu betrinken schien, äußerst ungewöhnlich fand.

 

Doch Si’jsk betrank sich nicht. Zum einen hatte Alkohol nur einer sehr geringe Wirkung auf ihn - warum auch immer - zum anderen lenkte ihn der Trubel in der stets gut besuchten Bar von der Unruhe in seinem Inneren ab. Er wusste nur zu gut, was ihm bevorstand und so nutzte er die Gelegenheit die sich ihm bot. Er würde wieder etwas Zeit gewinnen.

 

Ashley Thompson war das nur Recht. Einen Vulkanier konnte sie bisher noch nicht unter ihren zahlreichen Liebhabern vorweisen. Doch jetzt schien er sich auf die Vulkanierin zu konzentrieren. Ärgerlich nahm sie seine Hand und zog sie an die Lippen. Für einen Moment hatte sie wieder seine volle Aufmerksamkeit. Dann bemerkte er jedoch aus den Augenwinkeln, wie die Vulkanierin sich an einen der älteren Kadetten schmiegte und sich küssen lies.

 

Gut, auch er verhielt sich nicht unbedingt der vulkanischen Etikette gemäß, indem er in aller Öffentlichkeit Zärtlichkeiten austauschte. Doch dies ging entschieden zu weit. Allerdings war er seines Wissens nicht mit ihr verwandt und so ging es ihn nicht wirklich etwas an.

 

Er konzentrierte sich wieder auf das Gespräch mit Thompson. Doch das hinderte ihn nicht daran zu bemerken, dass die Vulkanierin kurz darauf mit einem anderen Kadetten die Bar verlies.

Thompson sorgte jedoch dafür, dass er bald nicht mehr an den Vorfall dachte.

 

Einige Tage später jedoch wurde er sehr wohl wieder daran erinnert, als er das Gespräch einiger Kadetten mitbekam, die sich offensichtlich über jene Vulkanierin unterhielten. Es schien, als würde ihr promiskuitives Verhalten inzwischen sogar bei den Menschen für Verwunderung und Ablehnung sorgen.

 

Nun, ihm konnte es egal sein.

Er setzte entschlossen seinen Weg zur Klinik fort.

 

Gordon hatte ihn gebeten, bei Gelegenheit vorbei zu kommen, da sie ihn etwas fragen wollte. Er wusste, dass sie mehrere Vulkanier behandelte und vermutete einen Zusammenhang.

 

Als er sich ihrem Büro näherte, war sie in ein angeregtes Gespräch mit einem Vulkanier vertieft. Ein Kind stand daneben und hörte interessiert zu. Si’jsk wandte sich ab, um zu warten. Doch dann fing er einen Gesprächsfetzen auf.

 

„Bleib hier, Sarduk. Ich brauche dringend Verstärkung. Du siehst selbst, wie viel Arbeit mit den Hibernierenden und in der vulkanischen Siedlung anfällt. Ich suche schon seit Wochen nach einem Arzt, der mich unterstützen könnte.“

 

„Ich werde es mir überlegen, T’Ric. Aber da gibt es noch andere Faktoren...“

 

„Deine Partnerin?“

Er nickte. „Ja, sie...“

 

Doch Si’jsk, dem ein Verdacht gekommen war, trat ein und machte sich bemerkbar.

„Dr. Gordon. Sie wollten mich sprechen?“

 

Die beiden wandten sich um. Si’jsk musterte den anderen Vulkanier. Konnte es sein? Der Zufall wäre zu groß.

 

Doch Sarduk erkannte ihn.

 

Gordon hatte ihn noch nie so völlig verblüfft erlebt. Als sie beide vor sich sah, konnte sie deutlich die Ähnlichkeit in ihren Zügen erkennen. Doch es waren die Blutwerte gewesen, die sie auf die Idee gebracht hatte, beide zusammen zu bringen. 

 

„Si’jsk?“

 

Si’jsk nickte und trat auf seinen Bruder zu. Er hob die Hand zum vulkanischen Gruß.

 

„Sarduk! Ich hatte dich für tot gehalten.“

 

Sarduk wiederholte die Geste. „Mir ging es ebenso mit dir.“

 

Sie schwiegen und sahen sich nur an. Gordon spürte, dass eine mentale Brücke zwischen ihnen entstand. Sie bedeutete Sorel ihr zu folgen und verließ den Raum. Die beiden hatten sich mit Sicherheit viel zu erzählen.

 

„Komm Sorel. Wir lassen die beiden eine Weile allein.“

 

Der Junge sah sie an. Dann schob er vertrauensvoll seine Hand in die ihre. Die Geste rührte sie. Sie hatte schnell gemerkt, dass Sorel sehr misstrauisch und verängstigt reagierte. Er hatte offenbar noch nicht sehr viele gute Erfahrungen gemacht. Ihr schien er jedoch aus irgendeinem Grund zu vertrauen.

 

Si’jsk und Sarduk bekamen davon nichts mit. Sie waren damit beschäftigt, ihre Erinnerungen auszutauschen...

 

Si’jsk erfuhr, dass Sarduk relativ bald wieder in ihre Heimatstadt zurückgekehrt war. Er schaffte es sich durchzuschlagen. Irgendwann entschloss er sich, Heiler zu werden. Während des Studiums lernte er Beatrice Gordon kennen, die sich damals T’Ric genannt hatte. Doch sie musste Vulkan verlassen, ehe aus ihrer Freundschaft mehr werden konnte.

 

Erneut blieb er allein zurück. Er ging nach Norden, wo zu jener Zeit der Krieg am schlimmsten tobte und machte sich als Heiler nützlich. Dort begegnete er T'San und sie wurde seine Bindungspartnerin. Die Bindung war nicht sonderlich innig und Si’jsk ahnte, dass da mehr war, als Sarduk preisgab. Er wünschte sich Kinder und widerwillig gebar sie ihm Sorel. Doch sie kümmerte sich nur unzureichend um ihren Sohn. Statt dessen ging sie ihrer Wege und überlies es Sarduk, sich um ihn zu kümmern.

 

Dann begannen sich die giftigen Gase auf Vulkan auszubreiten und er erfüllte seine Aufgabe in der Klinik. Schließlich kamen sie alle drei im Zuge der Evakuierung nach Camelon...

 

Plötzlicher Lärm unterbrach ihren Kontakt.

Sie schüttelten die Köpfe um die letzten Reste der mentalen Brücke zu lösen. Si’jsk trat zur Tür und blickte den Gang hinunter. Die Vulkanierin, die er in der Bar gesehen hatte, diskutierte heftig mit einem der Pfleger. Er trat näher.

 

„Gibt es ein Problem?“

 

„Wer sind Sie?“ Sie musterte ihn kühl.

 

Si’jsk ließ es gelassen über sich ergehen.

Sie war relativ klein für eine Vulkanierin und hatte die typisch kantigen Gesichtszüge. Ihr Haar trug sie zu einem unordentlichen Zopf gebunden.

„Mein Name ist Si’jsk. Kann ich Ihnen dienen?“

 

Sie schnaubte durch die Nase. „Ich suche meinen Partner und meinen Sohn. Ich habe erfahren, dass beide hergebracht worden sind.“

 

Si’jsk bemerkte eine Bewegung und sah Sarduk, der näher getreten war.

 

„Du brauchst nicht länger zu suchen, T'San.“ Seine Stimme war ausdruckslos, doch Si’jsk glaubte so etwas wie Resignation herauszuhören.

 

Sie drehte sich um.

„Wo ist Sorel?“ Sie schien nicht wirklich an der Antwort interessiert zu sein.

 

„Vermutlich bei Dr. Gordon. Sie kümmert sich um ihn.“

 

„Dr. Gordon? Nun, wo auch immer. Sorge dafür, dass er herkommt, damit wir dieses Gebäude verlassen können.“

 

„Die beiden werden nirgends hin gehen, solange ich nicht mit ihrem Gesundheitszustand einverstanden bin.“

Gordon war aus einem der angrenzenden Räume getreten. Sie musterte T’San kühl. Offenbar war auch sie schon von ihr gehört.

 

„Sind Sie Dr. Gordon?“

Die Ärztin nickte.

 

„Wo ist mein Sohn? Ich verlange, zu ihm gebracht zu werden.“

Gordon drehte sich um. „Kommen Sie mit. Und Sie legen sich wieder hin, Sarduk. Die Rekonvaleszenz ist noch nicht abgeschlossen.“ Dann ging sie den Gang entlang.

 

„Sie ist deine Partnerin?!“ Si’jsk konnte sein Entsetzten nur schwer verbergen.

Sarduk nickte.

 

Si’jsk sah den beiden Frauen nach. „Ich kann deine Wahl nicht ganz nachvollziehen, wenn ich ehrlich bin.“

 

Sein Bruder hielt seinem Blick stand. „Das musst du auch nicht. Und jetzt entschuldige mich bitte.“ Er ließ ihn stehen und ging in sein Zimmer zurück.

 

Si’jsk schüttelte erstaunt den Kopf.

 

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Sarek war inzwischen erwacht. Er lag ruhig auf seiner Liege und betrachtete seine Gemahlin, die auf ihrem Stuhl eingeschlafen war. Sie schien durch die Behandlung jünger geworden zu sein.

 

Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Es handelte sich um einen typischen Behandlungsraum in einer typischen Krankenstation. Nur das Summen des Schiffsantriebes fehlte. Dann fiel ihm wieder ein, wo er war. Kummer überfiel ihn, als er daran dachte, was in der Zwischenzeit geschehen war. Nun, er konnte es nicht ändern. Also schob er ihn beiseite und richtete seine Aufmerksamkeit auf den jungen Vulkanier, der eben den Raum betrat.

 

Sarduk grüßte ihn mit dem traditionellen vulkanischen Gruß und ließ sich dann auf seiner Liege nieder. Er wollte eigentlich allein sein. Doch blieb ihm keine andere Wahl. Er legte sich zurück und schloss die Augen.

 

Er hörte, wie die Frau, die am Bett des anderen Vulkaniers saß, erwachte und dann leise mit ihm sprach. Sie schienen sehr miteinander vertraut zu sein. Bitterkeit quoll in Sarduk hoch. Er wünschte sich sehnlichst, eine ebensolche Vertrautheit mit T’Ric erleben zu können. Doch er wusste genau, dass T’San alles tun würde, um den Kontakt mit ihr zu verhindern. Er hatte gehofft, dass ihm noch etwas Zeit blieb, bevor sie ihn hier fand. Zeit, die er mit T’Ric hätte verbringen können.

 

Er schloss die Augen und zog sich in die Meditation zurück, von der er hoffte, dass sie ihm die erhoffte Ruhe schenken würde.

 

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Seine Befürchtungen bestätigten sich schneller, als er gedacht hatte. Noch am selben Tag machte ihm T'San klar, was sie wollte. Und nun stand er vor T'Ric um ihr seinen Entschluss mitzuteilen. Einen Entschluss, den er nicht wollte.

 

„Wirst du mein Angebot annehmen?“

Gordon sah Sarduk hoffnungsvoll an. Sie hatte ihn gebeten, als ihr Kollege in der Klinik mitzuarbeiten. Es gab zwar auch noch drei andere Ärzte, doch konnte sie dringend jemanden brauchen, der sie vertreten konnte. Zudem konnte sie so wenigstens in seiner Nähe sein.

Er hatte eine Bindungspartnerin gewählt und sie würde diese Bindung akzeptieren. Auch wenn sie sich etwas anderes wünschte.

 

Sarduk sah sie an und schüttelte langsam den Kopf. Er würde nur zu gerne ihr Angebot annehmen. Aber es ging nicht. T’San hatte ihm deutlich gemacht, dass sie es niemals dulden würde. Sie überließ es ihm, T’Ric klar zu machen, dass er sie nicht wiedersehen wollte. Obwohl es genau das war, was er sich wünschte, fügte er sich ihren Anordnungen. Es blieb ihm keine Wahl.

 

„Nein, T’Ric. Ich kann es nicht, da ich Camelon bei der nächsten Möglichkeit verlassen werde.“

 

Er wich ihrem entsetzten Blick nicht aus, sondern erwiderte ihn ernst.

„Aber... Warum?“

 

„Ich habe mich dazu entschlossen, weil ich es für das Beste halte. Akzeptiere es.“

Damit ließ er sie stehen und verließ den Raum.

 

Gordon taumelte und hielt sich an ihrem Schreibtisch fest. Sie konnte es nicht glauben.

Sie wollte es nicht glauben.

 

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Ende Teil 09

 

Teil 10