Durch Zeit und Raum

Disclaimer siehe Teil 1

Teil 8

 

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Blight betrat etwas zögernd die Sporthalle des Akademiekomplexes. Der Raum war mit beweglichen Trennwänden in verschieden große Abteilungen unterteilt worden, so dass die Möglichkeit bestand, dass mehrere Gruppen unabhängig voneinander die Halle nutzen konnten.

Er entschied sich für einen der kleinsten Räume.

 

Si'jsk hatte ihn nach der Rückkehr von Vulkan an die verschobene Trainingsstunde erinnert und sie hatten sich schnell auf einen Termin geeinigt.

 

Er war früher gekommen, als verabredet, so dass er sich in Ruhe aufwärmen konnte.

Und um seine Nervosität in den Griff zu bekommen.

Die Aussicht mit Si'jsk zu trainieren verursachte ein aufgeregtes Kribbeln in seiner Magengegend und amüsiert verglich er es mit den Gefühlen, die er als Teenager gehabt hatte, wenn er zu einem Rendezvous ging.

Nur dass er sich nicht so ganz sicher war, warum er jetzt auch so empfand. Sicher, Si'jsk faszinierte ihn und er bewunderte den anderen. Alles an ihm. Hinzu kam, dass sie sich ebenbürtig waren ohne miteinander zu konkurrieren. Etwas, das Blight in einem solchen Ausmaß noch nie vorher erlebt hatte.

 

Über sich selbst ein wenig erstaunt rief er sich schließlich zur Ordnung.

Konzentriert lockerte er seine Muskeln mit einigen Dehnungsübungen und begann dann einige Runden zu laufen.

Plötzlich bemerkte er jemanden auf der erhöhten Zuschauertribüne. Er blieb stehen und sah genauer hin.

 

„Ich sehe, sie haben schon angefangen, sich zu lockern. Gut.“

Si’jsk nickte ihm zu, packte das Geländer mit einer Hand und schwang sich elegant darüber.

 

Er landete drei Meter tiefer indem er sich abrollte und direkt vor dem Menschen  wieder auf die Füße kam. Blight bemerkte erst jetzt die Lirpa, die er die ganze Zeit über in der Hand gehalten hatte. Offenbar hatte er bereits ausgiebig trainiert. Er trug lediglich eine Trainingshose. Füße und Oberkörper waren nackt und er konnte einige Schweißtropfen auf seiner Haut erkennen.

 

„Nehmen Sie die Lirpa.“

Si‘jsk reichte ihm die Waffe und er war überrascht, wie schwer sie war. Sie war im Ganzen etwa zwei Meter lang. An einem Ende befand sich eine annähernd dreieckige Klinge, die in einer halbmondförmigen Schneide endete. Er glitt vorsichtig mit der Fingerkuppe darüber hinweg. Sofort erschien ein Bluttropfen.

Für einen Moment lang suchte Blight den Blick des Vulkaniers, der ihn schweigend beobachtete.

 

Dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Waffe. Das andere Ende wies eine Verdickung auf. Er drehte die Waffe und fühlte dabei wie fein sie ausbalanciert war. Die Verdickung war mit einem lederähnlichen Material bezogen und fühlte sich steinhart an. Der Schaft selbst bestand aus dunklem Holz, durch langen Gebrauch glattpoliert.

 

„Die Lirpa ist eine der ältesten Waffen Vulkans. Sie stammt aus einer Zeit, die tief im Dunkel der Geschichte liegt. Trotzdem wird sie nach wie vor bei zeremoniellen Auseinandersetzungen verwendet. In den letzten Jahren jedoch wurde sie auch wieder im direkten Nahkampf eingesetzt.“

Ein Schatten glitt über Si‘jsks Züge.

 

Blight bemerkte einige helle Narben auf dem Brustkorb des Vulkaniers, und als er sich umdrehte, auch am Rücken. Einige davon konnten durchaus von einer Lirpa stammen.

Si‘jsk ging zu einem der Geräteschränke und nahm zwei Kampfstäbe heraus.

„Ich schlage vor, Sie beginnen zunächst mit den Stäben. Sie sind zwar leichter und in der Wirkung anders. Aber die Prinzipien von Angriff, Abwehr und Verteidigung sind sehr ähnlich.“

 

Er warf ihm einen der Stäbe zu und Blight fing ihn geschickt auf. Er hatte schon früher mit diesen Kampfstäben trainiert, jedoch nie einen richtigen Lehrer gehabt. Er hoffte, dass er sich nicht lächerlich machte. Plötzlich war es ihm wichtig, was Si’jsk über ihn dachte.

 

Si’jsk legte die Lirpa beiseite und stellte sich ihm mit leicht gespreizten Beinen und gebeugten Knien gegenüber.

„Sie sollten die Schuhe ausziehen, damit sie den Kontakt zum Boden besser fühlen. Gewichtsverlagerungen sind eine wichtige Taktik im Umgang mit der Lirpa und Sie sollten sich immer bewusst sein, wo ihr Schwerpunkt liegt.“

 

Blight nickte und folgte seinem Rat. Dann versuchte er, die Haltung des Vulkaniers imitieren. Er kam sich dabei fast albern vor.

 

Si’jsk schüttelte unwillig den Kopf. „Nein. Ich habe Sie nicht dazu aufgefordert. Ich möchte Ihnen erst etwas demonstrieren.“

 

Er nahm wieder seine Ausgangsposition ein. Den Stab hielt er mit beiden Händen locker vor sich.

„Versuchen Sie, mich zu Fall zu bringen.“

 

Blight griff halbherzig an, doch was er auch anstellte, Si‘jsk stand wie ein Fels. Er bewegte sich kaum, wich kaum einmal aus. Dennoch gelang es ihm nicht, ihn zu treffen, geschweige denn ihn zum Schwanken zu bringen.

Blight gab auf und wich zurück.

 

„Haben Sie verstanden, was Sie mit ihrer Haltung erreichen müssen?“

 

„Nicht so ganz. Es ist mir klar, dass ich nicht völlig aufrecht und mit gestreckten Gelenken einfach nur dastehen kann. Aber wie ich Ihre Standfestigkeit erreiche, ist mir ein Rätsel.“

 

„Nehmen Sie die Position ein... Schließen Sie die Augen ... und jetzt fühlen Sie den Boden mit ihren Füßen. Bewegen Sie die Füße, bis sie spüren, dass es so richtig ist.“

 

Si‘jsk wartete ab, ging dabei langsam um Blight herum. Plötzlich veränderte sich dessen Haltung: er schien mit dem Boden zu verwachsen.

 

„Und jetzt verteidigen Sie sich.“

Si’jsk hatte kaum ausgesprochen, als er ihn von hinten angriff.

 

Blight drehte sich blitzartig und wehrte seinen Hieb ab. Dann hob er die Waffe, holte aus... und schlang ein Bein um Si‘jsks Knie. Er knickte ein und ging zu Boden.

 

Als er wieder aufstand nickte er anerkennend. „Das war schon sehr gut.“

 

Blight musste sich ein siegessicheres Grinsen verkneifen.

Si‘jsk griff blitzschnell an, ohne dass er damit gerechnet hatte. Bevor er begriff, was geschah, lag er entwaffnet am Boden. Si’jsk stand über ihm, so dass er sich nicht zur Seite rollen konnte. Also packte er die Beine des Vulkaniers mit den Armen, schwang die Beine nach oben und rammte ihm die Füße in die Schulterblätter.

 

Si’jsk nutzte seinen Kampfstab um sich aufzufangen und wirbelte durch die Luft.

Ein Tritt traf Blight am Brustkorb und ließ ihn rückwärts taumeln. Dann hob er gerade noch rechtzeitig den Stab, um seinen Kopf vor einer Salve prasselnder Schläge zu schützen.

 

„Aufhören, ich kann nicht mehr.“

Si’jsk beendete seine Attacke und stützte den Stab auf den Boden. „Ein wirklicher Gegner wird nicht aufhören.“

 

Blight hörte den leisen Tadel in den Worten. Er nickte. „Möglich. Aber zum einen bin ich hier, um zu lernen und nicht, weil es um mein Leben geht. Zum anderen haben Sie den Vorteil jahrelanger Übung, während ich nur ein paar Tricks aus meiner Kinderzeit kenne.“

 

„Wann glauben Sie, habe ich lernen müssen, so zu kämpfen.“

Seiner Stimme fehlte jede Emotion, aber gerade das lies die Worte noch stärker wirken.

 

Blight senkte beschämt den Kopf. „Machen wir weiter?“

 

„Ja, aber zunächst müssen Sie lernen, wie Sie sich aus Klammergriffen befreien können. Sie kennen schon einige Taktiken, darum dürfte es nicht ganz so frustrierend für sie sein.“

 

Wütend griff Blight an. Seine herablassenden Worte reizten ihn. Prompt landete er auf dem Boden. Ohne Waffe.

 

„Ein Gegner, der Sie reizen kann, hat schon gewonnen, bevor er die Waffe nur berührt hat. Reißen Sie sich zusammen.“

 

Blight atmete tief durch und rollte blitzschnell zur Seite, um zu seiner Waffe zu gelangen. Si’jsk versuchte, ihm den Weg abzuscheiden, kassierte aber nur einen Tritt gegen den Knöchel. Dann wirbelte Blight herum und begann nun seinerseits ihn mit Schlägen zu traktieren.

 

Si‘jsk parierte geschickt und ließ seinen Kampfstab mehrmals abgleiten. Doch Blight hatte seine Lektion gelernt. Beide kämpften entschlossen und fast verbissen, bis ihnen beiden der Schweiß in Strömen herunterfloss.   

     

Nur ihr keuchender Atem und das Aufeinanderschlagen der Stöcke war zu hören.

Si’jsk bemerkte anerkennend, wie Blight aus seinen Bewegungen lernte. Er war sehr flink und zäher als er vermutet hatte.

 

Zu Beginn hatte er sich betont langsam bewegt, weil er nicht wusste, was Blight konnte. Doch allmählich steigerte er das Tempo, bis er spürte, dass Blight an seine Grenzen stieß. Seine Kräfte schienen langsam nachzulassen. Als er eine Lücke in Blights Deckung bemerkte, nutzte er sie, um ihn zu entwaffnen. Dann trat er hinter ihn und presste ihn mit seinem Kampfstab an sich, indem er ihn fest an Blights Oberkörper drückte.

 

Blight versuchte, sich aus dem harten Griff zu winden, schaffte es jedoch nicht. Dann blieb er kurz reglos stehen und entspannte sich.

 

Si’jsk ließ nicht locker und wartete ab, was er vorhatte. Plötzlich hakte Blight einen Fuß hinter seinen Knöchel, zog und ließ sich gleichzeitig fallen. Si‘jsk hätte eigentlich mit dieser Aktion rechnen müssen, doch er reagierte zu spät, so dass sie beide als verschlungenes Knäuel zu Boden gingen.

 

Blight blieb liegen und grinste ihn triumphierend an. Doch dann änderte sich etwas. Mit einem Mal wurde er sich überdeutlich der Berührung des heißen Körpers bewusst. Er konnte unter seinen Händen, mit denen er sich an Si'jsks Brustkorb abstützte, den schnellen Herzschlag spüren. Die samtige Glätte der Haut irritierte ihn mehr als ihm lieb war.

 

Si’jsk, der nichts bemerkt zu haben schien, erhob sich leichtfüßig und reichte ihm eine Hand, um ihn hochzuziehen. Blight zögerte kurz, bevor er sie ergriff.

Si’jsk ging sofort wieder zum Angriff über, doch Blight konnte sich nicht mehr konzentrieren. Immer wieder traf Si’jsk ihn, ohne dass er auch nur versucht hätte, auszuweichen oder zu parieren.

 

Schließlich ließ Si‘jsk den Kampfstab sinken und blieb vor ihm stehen.

„Was ist los? Sind Sie verletzt?“

 

Blight konnte nur den Kopf schütteln. Si‘jsks Nähe sorgte dafür, dass er kaum mehr klar denken konnte. Was war nur los mit ihm? Begehrte er ihn? Das konnte nicht sein. Erschrocken über seine eigenen plötzlich aufbrechenden Empfindungen wich er zurück. Sein Körper reagierte stärker auf die Nähe des Vulkaniers als ihm lieb war. Das war zu neu, zu überraschend für ihn, als dass er es so schnell begreifen konnte.

 

„Kevin!“ Si‘jsk packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn leicht.

 

Er war so nahe. Er brauchte nur die Hand auszustrecken um Si'jsk zu berühren... Was geschah mit ihm?

Himmel! Er begehrte einen Mann!

Das konnte nicht sein! Das durfte nicht sein!

 

Plötzlich ließ Si’jsk ihn los und trat zurück.

„Sie hatten mich gebeten, Ihnen Unterricht zu erteilen.“

 

Blight sah ihn verwirrt an. Was sollte die Frage?

 

„Oder ist es das, was Sie wollen?“

 

Bevor er reagieren konnte, nahm Si’jsk ihn in den Arm und küsste ihn leidenschaftlich. Dann lies er ihn ebenso abrupt los und stieß ihn von sich.

„Ich mag es nicht, wenn man mit mir spielt, Blight.“

 

Es dauerte eine Weile, bis sein Verstand wieder funktionierte. Noch immer wie betäubt beobachtete er, wie Si’jsk die Waffen wegräumte und sich zur Tür wandte, um zu gehen.

 

„Si’jsk, bitte...“

Er blieb stehen, drehte sich jedoch nicht um.

 

„Entscheiden Sie sich, was Sie wollen.“

 

Doch bevor Blight antworten konnte, war er gegangen.

 

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Während der nächsten Tage ging Si'jsk Blight aus dem Weg. Damals in den Höhlen auf Yarib hatte er Blights Interesse an ihm wahrgenommen. Doch was er während des Kampftrainings gespürt hatte, erzeugte ein ganz anderes Bild.

 

Es schien, als würde der Gedanke an eine intime Beziehung zu einem Mann Blight abstoßen.

Si'jsk fühlte sich verraten und vergrub sich in sich selbst.

 

Was ihn an dem Ganzen jedoch am meisten irritierte war seine eigene intensive Reaktion auf Blights widersprüchliches Verhalten und langsam begann er sich zu fragen, ob es mehr als nur einen potentiellen Sexpartner in dem Menschen sah.

 

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Blight musste zweimal hinsehen, bevor er Si’jsk erkannte.

Der Vulkanier jagte mit einem der Pferde, das er zur Zeit ausbildetet, in einer irrsinnigen Geschwindigkeit über einen sehr schwierig aussehenden Springparcours. Die Hindernisse waren gut und gerne zwei Meter hoch, doch es schien, als würden Pferd und Reiter sie gar nicht wahrnehmen.

 

Yagmur richtete sich neben ihm auf und schüttelte missbilligend den Kopf.

„Er macht sso lange weiter, biss er oder dass Pferd ssich noch den Kopf brechen.“

 

„Was ist in ihn gefahren? Seit einigen Tagen benimmt er sich, als hätte er Schießpulver zum Frühstück gegessen.“

 

„Ja, ess sscheint sso. Doch wesshalb?“

 

Kevin Blight nickte. Man sollte nicht glauben, dass er es mit Erwachsenen zu tun hatte.

Blueboy geriet ins Taumeln. Er hatte offenbar genug. 

Si’jsk parierte ihn sofort durch und glitt vom Rücken des Pferdes herunter.

 

Blight keuchte erschrocken auf, als er erst jetzt bemerkte, dass Si’jsk ohne Sattel geritten war. Auch trug er keine Reitkleidung, sondern nur flache Sportschuhe und eine leichte Hose. Sein Oberkörper war nackt. Es war zwar Hochsommer und die Temperaturen waren hoch genug, um die Menschen über die Hitze klagen zu lassen. Doch sie waren im Vergleich mit Vulkan eher kühl.

 

Der Vulkanier ignorierte seine Zuschauer und strich mit den Händen ruhig und gleichmäßig über die Vorderbeine des Hengstes. Blueboy schnaubte unruhig und tänzelte rückwärts. Er schien sich überanstrengt zu haben, wie Blight bemerkte.

 

Ärger regte sich in ihm. Die Pferde waren sehr wertvoll und es war unverantwortlich von Si'jsk, seine offensichtliche schlechte Laune an einem von ihnen auszulassen.

Er lief hinüber.

„Sind Sie wahnsinnig geworden? Wie können Sie bei dieser Hitze das Pferd in diesem irrsinnigen Tempo über die Hindernisse jagen?!“

 

Blight blieb wütend neben dem Pferd stehen und rief sich zur Ordnung. Ein kurzes Abtasten mit den Händen genügte ihm, um zu erkennen, was los war.

 

„Blueboy ist völlig überhitzt, die Vorderfesseln sind geschwollen und werden sich wahrscheinlich entzünden, wenn sie nicht sofort gekühlt werden. Und genau dabei werden Sie mir jetzt helfen.“

 

Si’jsk hatte ihm den Kopf verdreht, das wusste und akzeptierte er inzwischen. Doch er hatte noch nie zuvor so auf einen Mann reagiert. Allerdings konnte er ihn sich nicht nur als Liebhaber für ein paar angenehme Stunden vorstellen. Er wollte mehr von ihm. Dieser Wunsch war es vor allem, der ihn verwirrte.

Sicher, die eine oder andere Affäre hatte er nicht abgelehnt, doch er vermied es engere Bindungen einzugehen.

Er wusste zwar von den sporadischen Affären des Vulkaniers. Aber er war sich nicht sicher, was der Vulkanier wirklich von ihm wollte. Der leidenschaftliche Kuss in der Sporthalle ging ihm nicht aus dem Kopf, verfolgte ihn bis in den Schlaf. Blight war sich sicher, dass Si'jsk in dieser Hinsicht auch mit Männern bereits Erfahrungen gesammelt hatte.

 

Unauffällig betrachtete er den fast nackten Vulkanier. Ließ zu, dass sein Körper auf ihn reagierte. Doch da war immer noch die Enttäuschung über die Zurückweisung und seine Wut wegen Si'jsks Fahrlässigkeit mit dem Pferd.

Seine Bedenken über Bord werfend fasste Blight einen Entschluss.

 

Er nahm Blueboys Zügel und führte den Hengst langsam zum Rand eines kleinen Sees, der in der Nähe lag.

 

Si’jsk folgte ihm wortlos. Er wusste, dass sein Handeln unverantwortlich gewesen war. In letzter Zeit allerdings wusste er selbst nicht, was mit ihm geschah. Er musste sich immer mehr zusammennehmen, um sein Temperament, dass er so bisher an sich nicht kennen gelernt hatte, unter Kontrolle zu halten.

Und sein Verlangen nach Blight wurde immer größer.

 

Er bemerkte erst wo sie waren, als Blight am Ufer des Sees stehen blieb.

„Schuhe aus“, schnauzte dieser ihn an.

 

„Wie bitte?“

 

„Sie haben richtig gehört, Si’jsk. Schuhe aus. Sie werden mit Blueboy in den See gehen, damit er sich gründlich abkühlen kann. Ihnen wird das kühle Wasser wahrscheinlich auch gut tun.“

 

Blight bemerkte seine plötzlich besorgte Mine. „Keine Angst, es ist nicht tief.“ Er konnte einen hämischen Unterton nicht ganz aus seiner Stimme verbannen, doch der Vulkanier schien es nicht gemerkt zu haben.

 

Er zog wortlos die Schuhe aus, griff nach Blueboys Zügeln und ging langsam in den See hinein. Blight achtete nur auf das Pferd. Dabei übersah er, dass Si’jsk sichtlich nach Luft zu ringen begann, als das Wasser seinen Brustkorb erreichte.

 

Als Vulkanier konnte er naturgemäß nicht schwimmen, da es auf Vulkan keine größeren offenen Wasservorkommen gab. Und das kalte Wasser brachte seinen Kreislauf durcheinander. Ein Flimmern erschien vor seinen Augen und er schüttelte den Kopf um wieder klar sehen zu können.

 

Plötzlich scheute das Pferd und stieß ihn um. Er verlor den Halt in dem glitschigen Untergrund und kippte ins Wasser. Dadurch geriet er in eine tiefere Stelle, die ihm keinen Halt mehr bot. 

 

Blight hatte es bemerkt und wartete beunruhigt darauf, dass er wieder an die Oberfläche kam. Doch nichts geschah. So schnell er konnte streifte er Hose und Shirt ab und rannte ins Wasser.

 

Si’jsk spürte, wie Wasser in seine Lungen drang. Der Druck in den Ohren wurde immer größer, so dass die empfindlichen Trommelfelle zu reißen drohten. Er versuchte sich am Untergrund abzustoßen, hatte jedoch völlig die Orientierung verloren.

 

Plötzlich fühlte er, wie eine Hand unter seinem Arm hindurchgriff, den anderen Arm packte und ihn nach oben zu ziehen begann. Es dauerte nur Sekunden, bis sie durch die Wasseroberfläche brachen. Si’jsk rang keuchend nach Luft. Er spürte nicht, dass ihm ein dünner Blutfaden aus der Nase rann.

 

Blight war entsetzt. Durch seine Schuld wäre der Vulkanier beinahe ertrunken...

Er zog Si'jsk näher ans Ufer heran, bis er wieder den Boden unter den Füssen fühlte.

 

„Versuchen Sie sich hinzustellen. Wir sind wieder am Ufer.“

 

Si’jsk gehorchte wortlos. Er taumelte die wenigen Schritte und brach dann auf dem Gras in die Knie.

 

Blight kniete betreten neben ihm.

„Si’jsk...?“

 

Er hob langsam den Kopf und sah Blight an. Ein seltsamer Ausdruck lag in den grünen Augen. Er sagte nichts, doch dieser Blick genügte Blight.

 

Er stand auf und griff nach Blueboys Zügeln, der ebenfalls wieder an Land gekommen war und es sich im hohen Ufergras schmecken ließ. Wortlos führte er das Pferd zurück in den Stall.

 

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„Geht es Sarduk besser?“

O'Brian trat in eines der Krankenzimmer, in denen sich die Umweltbedingung verschiedener Welten simulieren ließen. Er fühlte sich sofort an Vulkan erinnert, als sie die Gravitationsschwelle überwand und die warme, trockene Luft wahrnahm.

 

Dr. Gordon, die neben einem der Betten stand, lächelte ihn zur Begrüßung an und nickte dann. Sie und O'Brian waren inzwischen gute Freunde geworden und sie mochte die ruhige, herzliche Art des Mannes, die in krassem Gegensatz zu seinem Beruf als Sicherheitsoffizier stand.

„Ja, er ist endlich außer Gefahr. Sein Zustand ist inzwischen so kräftig geworden, dass ich ihn in eine Heiltrance führen konnte. Jetzt braucht er nur noch Ruhe.“

 

O'Brian betrachtete den Vulkanier. Er war blass und mager. Dunkle Flecken zeigten sich überall, wo man die bloße Haute sehen konnte. Dünne Schläuche führten von einem der Geräte am Kopfende des Bettes zu seinen Armen. Er schien auch künstlich beatmet zu werden.

 

Dr. Gordon warf einen letzten Blick auf das Diagnosegerät, dann griff sie nach dem Arm ihres Freundes und führte ihn in ihr Büro.

Dort ließ sie sich in einen der beiden Sessel sinken, die sie für den Fall dass sie viel Zeit hier verbringen musste, hergebracht hatte.

 

„Ich freue mich für dich, dass es ihm besser geht. Er bedeutet dir sehr viel nicht wahr?“

 

Beatrice Gordon nickte und begann mit leiser Stimme zu erzählen.

„Hmm. Ich habe ihn während meines Studiums kennen gelernt und mich fast sofort in ihn verliebt. Allerdings habe ich ihm nie etwas davon gesagt.“

 

Sie schwieg nachdenklich und stand dann auf, um für sich und O'Brian Getränke zu holen.

 

O'Brian war neugierig geworden.

„Warum nicht?“

 

Gordon zuckte mit der Schulter. „Es erschien mir irgendwie falsch. Wir waren Freunde und diese Freundschaft war für mich wertvoller als alles andere. Eine Affäre hätte alles irgendwie beschmutzt.“

 

„Aber dennoch warst du in ihn verliebt. Da gehört der Wunsch nach Zärtlichkeit und Sex dazu.“

 

Die Ärztin schüttelte den Kopf. „Ja und Nein. Für Vulkanier hat der körperliche Akt einen völlig anderen Stellenwert als für uns Menschen. Ein Grund hierfür ist vermutlich das Pon farr.“

 

O'Brian verschluckte sich an seinem Getränk und hustete. „Das was bitte?“

 

„Pon farr. Sag bloß, du hast noch keine Gerüchte darüber gehört.  So, wie du dich für Vulkanier interessierst, dachte ich, du wüsstest Bescheid."

 

O'Brian schüttelte den Kopf. "Stimmt. Vulkanier faszinieren mich. Aber von diesem Pon...fr.. wie auch immer - habe ich noch nie gehört.

Und ich bin NICHT an Si'jsk interessiert, auch wenn das offenbar für den Captain zuzutreffen scheint. Ich kann es ihm aber auch nicht verdenken. Der Bursche sieht wirklich verdammt gut aus. Vulkanische Frauen gefallen mir aber immer noch besser," fügte er mit einem halben Grinsen hinzu."

 

Gordon legte den Kopf schief und betrachtete ihn mit einem halben Grinsen. „Ja sicher, und Schweine können fliegen.“

 

Dann wurde sie übergangslos ernst. „Da wir gerade von den beiden sprechen. Diese Aktion am See hätte Si'jsk beinahe ernsthaft gefährdet. Die Ohren der Vulkanier sind an trockene Wüstenluft angepasst. Der für ihn relativ hohe Druck unter Wasser ließ feine Risse in den Trommelfellen entstehen. Zudem hat er sich eine üble Mittelohrentzündung eingefangen. Er hat sie inzwischen wieder überwunden, aber ich habe Blight geraten, ihm in den nächsten Tagen aus dem Weg zu gehen. Wunder dich also nicht, wenn die beiden sich etwas seltsam verhalten."

 

O'Brian nickte. "Danke für die Warnung. Es ist immer besser wenn man weiß warum dicke Luft herrscht." Er grinste und nahm einen Schluck von seinem Drink.

"Jetzt will ich aber trotzdem wissen, was es mit diesem Pon...irgendwas auf sich hat."

 

Gordon grinste schief. „Es ist Sex, mein Lieber. In seiner reinsten Form.“

 

O'Brian hob den Blick. Ihm war deutlich anzusehen, dass er nicht wusste ob die Worte der Ärztin der Wahrheit entsprachen oder ob sie sich über ihn lustig machen wollte.

 

„Himmel, ich bin Ärztin, Kent. Warum wohl sollte ich dir etwas Falsches über etwas erzählen, über das es wohl mehr Spekulationen als Sterne am Himmel gibt.“

 

O'Brian lachte. „Also gut, lass hören. Du hast mich neugierig gemacht.“

 

Gordon lehnte sich bequem zurück. „Also gut. Lass mich überlegen, wie ich am besten anfange.“

 

Sie legte die Fingerspitzen aneinander und dachte kurz nach.

„Es handelt sich medizinisch gesehen um einen in regelmäßigen Intervallen wiederkehrenden, immensen Hormonschub. Der oder die Betroffene nehmen ihn in erster Linie als einen Zustand der Unruhe und Unkonzentriertheit war. Ein Zustand, der schon für sich allein gesehen, für Vulkanier unangenehm ist. Hinzu kommt, dass durch das entstehende Hormonchaos die Hypophyse gereizt wird, die wiederum die Geschlechtsorgane anregt. Es kommt zur vermehrten Ausschüttung von Sexualhormonen, was sich allerdings nicht, wie beim Menschen durch Rückkopplung wieder einpendelt. Wenn nichts geschieht, wird der Organismus so überreizt, dass es zum Herz- oder Hirninfarkt kommt.“

 

O'Brian hatte den mit ruhiger Stimme vorgetragenen wissenschaftlichen Fakten zugehört. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, was die Ärztin da sagte. Er wandte den Kopf und sah Gordon mit weit geöffneten Augen an.

„Und wenn ... etwas geschieht?“

 

Gordon lächelte dünn. „Sex. Aber nicht so, wie wir Menschen es kennen.“ Sie hob die Hand um O'Brians Einwand vorweg zu kommen. „Sicher, der rein körperliche Teil gleicht im wesentlichen dem unseren. Schließlich sind Menschen und Vulkanier äußerlich fast gleich, auch diese Teile des Körpers betreffend. Ein Zufall übrigens, der im Universum erstaunlich häufig anzutreffen ist.

Der wesentlich wichtigere und für Vulkanier damit lebensrettende Unterschied besteht in einer psychischen Komponente. Es kommt während des körperlichen Aktes zu einer Verschmelzung der Bewusstseinssphären der Partner. Diese Bindung löst sich allerdings nicht, nachdem das körperliche Verlangen befriedigt wurde. Sie bleibt als Partnerschaftsbindung bis zum Tod einer der Partner bestehen. Es sei denn, sie wird durch Gewalt oder die Einwirkung eines Heilers getrennt. Dabei bleibt jedoch eine mehr oder weniger große mentale Wunde zurück, die nur durch eine neue mentale Partnerbindung geschlossen werden kann.“

 

O'Brian schluckte. Mit so etwas hätte er nicht gerechnet.

 

„Und wie oft...“

 

„Ab einem bestimmten Alter, das so zwischen dreißig und vierzig Standardjahren liegt, alle sieben Jahre.“

 

„So spät erst?“

 

„Witzbold, Vulkanier können gut und gerne dreihundert Jahre alt werden. Wenn du das auf menschliche Zeitbegriffe umrechnest, entspricht es in etwa unserer Pubertät.“

 

O'Brian rechnete kurz nach. Dann nickte er.

 

„Aber was ist mit Si’jsk? Ich vermute, dass er kaum älter als dreißig Standardjahre ist. Ich habe jedoch gehört, dass er eine Partnerin hatte.“

 

Gordon nickte. „Das muss kein Widerspruch sein. Manche Partnerschaften werden schon im Kindesalter geschlossen. Ein Heiler knüpft dabei eine Art Vorstufe zu dem späteren Partnerschaftsband. Durch dieses weniger ausgeprägte Band stehen die Partner in Kontakt miteinander und spüren, wenn einer von Ihnen in den Wahn des Pon farr gerät, wie es die Vulkanier nennen.“

 

„Könnte nicht das der Grund für Si’jsks in letzter Zeit so aufbrausendes Verhalten sein?“

 

Die Ärztin überlegte einen Moment. „Falls bei ihm das Pon farr früher eingesetzt hat, was durchaus möglich wäre...“ Sie dachte an den Anteil menschlichen Blutes, den sie erst vor kurzem entdeckt hatte. Ja, es konnte sich durchaus so auswirken.

 

„Möglich wäre es. Um sicher zu sein, müsste ich allerdings seinen Hormonstatus messen. Das würde er mich allerdings niemals tun lassen, wenn er nur den leisesten Verdacht hätte, dass das was ich suche tatsächlich vorhanden ist.“

 

O'Brian grinste. „Warum nicht?“

 

„Das Pon farr ist wohl die natürlichste Sache auf Vulkan, über die es die unmöglichsten Gerüchte gibt und in deren Zusammenhang sich unzählige, zum Teil sehr grausame Rituale entwickelt haben.

Du wirst wahrscheinlich keinen Vulkanier finden, der mit dir als Mensch so  offen wie ich gerade eben darüber reden wird. Es sei denn, es ginge ums Leben. Ich habe allerdings im Lauf der Zeit einige kennen gelernt, die trotzdem lieber geschwiegen haben. Obwohl ihnen klar gewesen war, dass ich als Heilerin Bescheid wusste.“

 

„Gibt es nichts, was diesen Hormonschub bremsen könnte?“

 

„Es gibt Medikamente, die das Pon farr verlangsamen können. Aber es sind harte Drogen, deren Nebenwirkungen manchmal schlimmer als die Ursache sind. Ab einem bestimmten Zeitpunkt sind jedoch auch sie wirkungslos.“

 

O'Brian schwieg und dachte eine Weile über das gehörte nach. Er konnte es kaum glauben. Si’jsk erschien vor seinem inneren Auge. Er hatte seit ihrer ersten Begegnung seine Würde und Eleganz bewundert und konnte sich eine solche Verwandlung nicht vorstellen. Plötzlich begriff er, warum Gordon nie versucht hatte, mehr von Sarduk zu fordern als Freundschaft.

 

„Was ist mit Silen? Er hat, so weit ich weiß, keine Frau?“

 

Gordon schüttelte den Kopf. „Seine Partnerin lebt nicht weit von hier auf einer Raumstation. Sie war ebenfalls kurze Zeit in der vulkanischen Kolonie, hat Camelon dann aber verlassen, wie mir gesagt wurde."

 

Sie bemerkte O'Brians verblüffte Mine.

„Ich habe nie gesagt, dass vulkanische Partner ihr Leben miteinander verbringen. Viele gehen, außer während des Pon farr, getrennte Wege. Sie wissen durch das mentale Band trotzdem immer, wo in etwa sich der andere aufhält. Gedanken und feinere Empfindungen übertragen sich ungewollt übrigens nicht, starke Emotionen oder bewusste Nachrichten können aber durchaus wahrgenommen werden.“

 

„Davon hatte ich keine Ahnung.“

 

Gorden und O'Brian fuhren erschreckt herum, als sich Blight bemerkbar machte, der beinahe die ganze Zeit über im Türrahmen gelehnt hatte.

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie erschrecke. Ich bin eigentlich gekommen, weil ich mit Ihnen reden wollte, Dr. Gordon. Aber ihr Thema war so faszinierend, das ich lauschen musste.“

 

Er lächelte jungenhaft und Gordon drohte lachend mit dem Finger.

„Schon gut. Aber beim nächsten Mal schmeiße ich sie raus, wenn ich sie beim Lauschen entdecke.“

 

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Ende Teil 8

 

 

Teil 9