Durch Zeit und Raum

Disclaimer siehe Teil 1

Teil 4

 

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Blight erwachte und reckte sich, um die verkrampften Muskeln zu lockern. Si’jsk war bereits wach und reichte ihm eine der Wasserrationen.

 

„Trinken Sie. Jetzt am Morgen sollten Sie versuchen, soviel Wasser wie möglich zu sich zu nehmen. Wenn Sie es erst tun, wenn Sie durstig sind, ist es zu spät.“

 

Blight entschloss den Rat zu beherzigen und tat, was der Vulkanier ihm sagte.

„Warum haben Sie mich nicht geweckt?“

 

Si’jsk zuckte mit den Achseln. „Es bestand keine Notwendigkeit. Ich kann durchaus einige Tage lang ohne Schlaf auskommen. Es erschien mir wichtiger, dass Sie sich ausruhen.“

Dann wandte er sich ab, um erneut die Umgebung zu scannen.

 

Blight musterte ihn schweigend.

„Erwarten Sie Schwierigkeiten?“

 

„Nein. Aber die Struktur des Untergrundes gibt mir Rätsel auf. Es müssten sich hier eigentlich überall Zugänge zu dem Höhlensystem unter uns befinden, doch ich kann keine entdecken.“

 

„Vielleicht sind sie verborgen.“

 

Si’jsk hob den Kopf. Dann nickte er und stand auf.

„Ein guter Einwand. Mal sehen, was wir finden.“

 

Er begann über einige Felsen zu klettern ohne dabei seinen Tricorder aus den Augen zu lassen.

 

"Was tut Sie da, Si'jsk?" Blight beobachtete ihn etwas verwirrt.

 

"Ich verfolge die Anzeige eines langgestreckten Hohlraumes im Felsen. Vermutlich..."

Er brach ab und trat an eine nahe gelegene Felswand heran, den Blick immer auf den Tricorder gerichtet. Dann ließ er das Gerät in engen Spiralen über den Fels gleiten. Plötzlich hielt er an.

 

„Hier ist etwas. Helfen Sie mir.“

 

Blight, der nicht so recht verstand, was Si’jsk vorhatte, hatte seinen eigenen Tricorder zu Rate gezogen. Die Werte sagten ihm nicht viel. Bis er auf eine kleine Interferenz stieß. Sie schien genau aus dem Felsen zu kommen.

 

Sie ließen gemeinsam die Fingerkuppen über den massiven Fels gleiten. Vielleicht konnten sie so einen feinen Riss oder etwas ähnliches finden, das ihnen einen Hinweis auf den Eingang gab. Doch da war nichts.

 

Dann berührte Blight eine winzige Stelle, die sich irgendwie anders anfühlte.

„Sehen Sie mal hier. Ich glaube, da ist etwas.“

 

Si’jsk wandte sich im zu und richtete den Tricorder auf die Stelle. Der Fels war glatter, wie poliert, doch das war auch schon alles.

 

Si’jsk trat einen Schritt zurück und betrachtete die Felswand vor sich. Dann drehte er sich um, nahm seine Ausrüstung an sich und bedeutete Blight das gleiche zu tun. Er zog eine Art Sicherheitsleine aus einer Tasche seines Umhangs und schlang sie sich um die Hüfte. Das andere Ende reichte er Blight, der es ihm genauso wortlos nachmachte. Der Vulkanier schien genau zu wissen, was er tat und Blight vertraute ihm blind.

 

Schließlich traten sie gemeinsam vor die Felswand und Si’jsk drückte entschlossen mit aller Kraft auf jene glatte Stelle im Fels. Blight schnappte erschrocken nach Luft, als der Fels lautlos zur Seite glitt und den Blick auf ein unterirdisches Höhlensystem freigab.

 

Mit gezogenen Phasern traten sie in den niedrigen Raum. Sie befanden sich auf einer Art Galerie. Tief unter sich konnten sie Teile der Gänge und Kavernen eines uralten, einst sichtbar bewohnten Höhlensystems sehen. Doch jetzt war alles verlassen.

 

Si’jsk deutete auf eine Treppe, die neben ihnen in die Wand geschlagen worden war. Langsam, um in dem diffusen Dämmerlicht, dass durch einzelne Spalten in der Höhlendecke drang, nicht den Halt zu verlieren, machten sie sich an den Abstieg.

Als sie den Boden erreicht hatten, zog Blight seinen Tricorder hervor und scannte die Umgebung.

 

„Bingo. Der Botschafter befindet sich östlich von uns. Es sind drei weitere Personen bei ihm. Menschlich", flüsterte er.

Si’jsk nickte und ging vorsichtig los.

 

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Es war nicht weiter schwer, den Botschafter und seine Wachen zu finden. Sie saßen in einer der Kammern und hatten ein helles Lagerfeuer entzündet, um die feuchte Kälte, die in der Höhle herrschte, abzuhalten.

 

Blight vermutete, dass es nicht weit von hier einen großen unterirdischen Wasserspeicher geben musste. Anders konnte er sich die an den Wänden kondensierende Feuchtigkeit nicht erklären.

Sie waren hinter einigen Felsbrocken in Deckung gegangen und beobachteten die Szene.

 

Der Botschafter, ein Andorianer, saß missmutig in einer Ecke und schien über sein Schicksal zu grübeln. Die drei Menschen, die ihn bewachten, saßen in seiner Nähe und vertrieben sich die Zeit, indem sie Karten spielten. Sie machten einen recht großen Lärm dabei, so dass Blight in Versuchung geriet, sich noch näher heranzuschleichen, um die Wachen betäuben zu können. Si’jsk bemerkte jedoch seine Absicht und hielt ihn zurück.

 

//Nein.//

Seine Stimme war kaum hörbar und Blight wurde sich plötzlich bewusst, dass er sie nicht mit den Ohren sondern in seinem Kopf wahrnahm. Er bedachte Si’jsk mit einem überraschten Blick. Der Vulkanier wirkte kurz zerknirscht und schien ihn stumm um Erlaubnis zu bitten.

 

Blight zögerte kurz und nickte dann. Sie waren aufeinander angewiesen und es war sicher von Vorteil, wenn er die speziellen Begabungen des Vulkaniers nutzte; was auch immer der andere vorhatte.

 

Si’jsk hob eine Hand und berührte den Menschen kurz an der Schläfe. Dann ließ er die Hand wieder sinken. Blight fühlte, wie sich zwischen ihnen eine Art Tor zu öffnen schien. Er nahm das fremde Bewusstsein wahr. Und plötzlich erkannte er, dass der Vulkanier keinerlei Absichten hegte, die ihm oder irgend jemandem aus dem Team gefährlich werden konnten.

Im Gegenteil. Er war offenbar erleichtert darüber, sich einer Gruppe anschließen zu können, die ihm in gewissen Maße Sicherheit und Gesellschaft bot. Stumm leistete er Abbitte wegen seines Misstrauens. Si’jsk schien ihn zu verstehen und akzeptierte die vorsichtig angebotene Hand der Freundschaft.

Dann bemerkte er noch etwas anderes im Bewusstsein des Menschen, worüber  dieser sich selbst noch nicht bewusst war. Ein leichtes Lächeln stahl sich in seine Mundwinkel. Nun, dafür würde später genug Zeit sein.

 

Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf den Botschafter.

 

//Er ist nicht echt. Wir haben keinen Andorianer vor uns.//

 

//Woher wollen Sie das wissen? Die Identität der Geisel wurde uns nicht mitgeteilt.//

 

//Eben. Beobachten Sie die Wachen. Einer von Ihnen ist unruhig und nervös, während die anderen beiden sich zu amüsieren scheinen. Ich würde sagen, diese Person suchen wir.//

 

Blight folgte den gedanklich übermittelten Worten des Vulkaniers. Die Klarheit dessen Bewusstseins überraschte ihn. Er fühlte sich, als stünde er allein mit Si’jsk in einer riesigen leeren Halle. Da waren keine Empfindungen oder Gedanken, die das aktuelle Problem stören konnten. Ihm wurde bewusst, dass er selbst sich immer mindestens fünf verschiedener Gedanken gleichzeitig bewusst war. Er erkannte plötzlich, dass dies wohl der wesentlichste Unterschied zwischen Menschen und Vulkaniern war. Und dann verstand er, worauf der andere hinauswollte.

 

Er nickt Si’jsk zu.

//Was haben Sie vor?//

 

//Ich werde versuchen das Bewusstsein des Botschafters zu erreichen. Wenn ich es schaffe, ihn zu manipulieren, haben wir eine Chance, die Wachen abzulenken.//

 

Blight hatte keine Vorstellung davon, was Si’jsk meinte.

 

Dieser kauerte sich noch enger an den Felsen, als suchte er Halt. Dann schloss er die Augen und presste die Handflächen gegen den Boden. Blight, der noch immer das Bewusstsein des anderen wahrnehmen konnte, *sah* wie sich Si'jsks mentale Kräfte ausdehnten. Es wirkte wie ein Schatten, der den Körper verlies und sich entfernte. Es glitt lautlos auf einen der drei Männer zu. Dann verschwand es im Körper des Menschen.

 

Plötzlich kippte der Mann, in dem sie den Botschafter vermuteten, rücklings zu Boden.

 

Die beiden anderen und der Andorianer fuhren hoch und sahen sich gehetzt um. Doch sie konnten nichts bemerken. Dann begann sich der Botschafter zu bewegen. Er richtete sich wieder auf und schüttelte benommen den Kopf.

 

„Los, geh und hol Wasser. Wir müssen ihn wieder auf die Beine kriegen“, schnauzte einer der anderen Männer den Andorianer an.

 

Als dieser murrend um eine Ecke verschwunden war, spürte Blight plötzlich, wie Si’jsk ihn aufforderte, sich zu zeigen. Er zog seinen Phaser und trat halb hinter dem Felsen hervor, der ihm so noch einen Rest Deckung bot.

 

Sofort richteten die beiden Wachen ihre Waffen auf ihn.

„Waffen fallen lassen und Hände nach oben!“

 

Blight, der durch Si’jsk Bewusstsein gelenkt wurde, gehorchte. Es war ihm nicht wohl dabei und erneut keimte das Misstrauen gegen den Vulkanier in ihm.

 

Doch dann sah er, wie der Botschafter sich blitzschnell hinter den Wachen aufrichtete und beide im Genick packte. Mit einem Ächzen brachen sie in die Knie und blieben bewusstlos liegen.

 

Si’jsk, der sich die ganze Zeit über nicht bewegt hatte, krümmte sich kurz zusammen. Dann stand er auf.

 

„Botschafter, ich danke Ihnen für Ihre Kooperation. Aber jetzt wird es Zeit, das wir gehen.“

 

Botschafter McArthur, der noch immer seine Hände anstarrte und offenbar nicht begriff, was geschehen war, stand nur verdutzt da.

 

„Botschafter!“

Blights Stimme ließ den Mann zusammenfahren. Dann richtete er den Blick auf die beiden Offiziere.

 

„Ja....Ja, Sie haben recht.“

So schnell er konnte rannte er zu Blight und Si’jsk.

 

Doch der Andorianer war schneller wieder zurück, als Si’jsk vermutet hatte. Plötzlich trat er aus dem Durchgang hervor, hinter dem er vor kurzer Zeit verschwunden war, und schoss auf Blight. Die Phasersalve verfehlte ihn nur knapp. Si’jsk riss den Captain zurück in die Deckung und erwiderte das Feuer, doch der Andorianer war bereits wieder aus der Schusslinie.

 

Dann erklang wieder das unverkennbare Sirren eines Phasers. Der Andorianer zielte offenbar auf ein Ziel weit hinter ihnen. Si’jsk hörte das bersten von Gestein und wandte sich um. Seine Befürchtungen hatten sich bewahrheitet: Der Andorianer hatte ihnen den Fluchtweg abgeschnitten, indem er die Felsentreppe gesprengt hatte.

 

Sie würden wohl oder übel einen anderen Ausweg suchen müssen. Ärger über diese sinnlose Verzögerung quoll in Si’jsk empor.

 

Blight, der Si’jsk noch immer in seinen Gedanken wahrnehmen konnte, war überrascht über die Intensität, mit der der Vulkanier empfinden konnte.

Er bedeutete dem Botschafter und Si’jsk, dass sie ihm Deckung geben sollten. Dann schlich er langsam und auf Umwegen näher an das Versteck des Andorianers heran.

 

„Schicken Sie den Botschafter zu mir herüber, und es wird keinem von Ihnen etwas geschehen," forderte der Andorianer.

 

Si’jsk schüttelte nur unwillig den Kopf. „Sie müssen ihn sich schon holen.“

Einer der anderen Wachen kam langsam wieder zu Bewusstsein.

 

„Was ist denn hier los? Was...“

Doch weiter kam er nicht, denn eine Phasersalve des Botschafters, der plötzlich einen winzigen Handphaser in der Hand hielt, ließ ihn aufglühen und dann verschwinden.

 

Si’jsk schlug ihm in einem Reflex die Waffe aus der Hand.

 

„Sind Sie wahnsinnig!“ zischte er und funkelte den Botschafter an.

 

„Nein, aber ich habe es satt, von diesen Idioten gefangengehalten zu werden.“

 

Der Vorfall hatte genügt, um den Andorianer kurz aus seinem Versteck kommen zu lassen. Das genügte Blight. Er sprang aus seiner Deckung und ließ sich auf den Andorianer fallen. Beide gingen zu Boden. Eine Waffe rutschte in eine nahe Felsspalte. Si’jsk konnte in seinem Versteck nicht erkennen, wem sie gehörte.

Der Kampf war schnell und heftig. Blight packte den Andorianer an den Schultern und versetzte ihm dann einen etwas unfairen Tritt in die Körpermitte. Das genügte um ihn fürs erste außer Gefecht zu setzen. Mit einigen weiteren Fausthieben sorgte er dafür, dass er bewusstlos liegen blieb.

 

Si’jsk und der Botschafter verließen ihr Versteck. Der Vulkanier hatte die Zeit genutzt, um mit seinem Tricorder nach einem weiteren Ausgang zu suchen.

Jetzt deutete er auf einen schmalen Spalt in einer Wand.

 

„Schnell, da durch.“

 

Blight, der aus einer Wunde an der Stirn blutete, zwängte sich als erster hindurch. McArthur folgte und Si’jsk bildete die Nachhut. Sie waren in einen Teil gelangt, der offenbar einen noch ursprünglichen Teil des Höhlensystems darstellte.

Si’jsk wandte sich um, und versiegelte mit seinem Phaser den schmalen Spalt hinter sich.

 

„Sind Sie wahnsinnig? Sie schneiden uns selbst den Rückweg ab.“

Der Botschafter wirkte, als wolle er sich auf ihn stürzen, doch Blight hielt ihn zurück.

„Er weiß, was er tut.“

 

„Wir müssen weiter.“

Si’jsk eilte mit schnellen Schritten voran, so dass seinen Begleitern kaum Zeit blieb, sich über den Weg, den der Vulkanier einschlug, Gedanken zu machen.

 

Der Gang, durch den sie eilten, wirkte uralt und staubig, doch dann bemerkte Blight, dass an den Wänden in regelmäßigen Abständen Tafeln angebracht waren.

 

„He, Si’jsk. Werfen Sie mal einen Blick auf diese Tafeln.“

Si’jsk blieb stehen. Ein seltsamer Schatten lag auf seinem Gesicht.

 

„Ich kenne diese Tafeln. Ich habe sie schon einmal gesehen. Auf Vulkan.“

Dann wandte er sich um und lief weiter.

Er ahnte, was sie gleich erwarten würde. Erinnerungen brachen über ihn hinein, während er mit eiserner Entschlossenheit weiterlief.

 

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Vulkan, vor rund zwanzig Jahren:

 

°°°   Er war noch ein Junge gewesen, als er nach einem der leichten Erdbeben, die es in diesem Teil der Wüste öfters gab, auf ein Höhlensystem stieß. Den vorderen Teil der Höhle kannte er bereits gut, denn sie diente ihm manchmal als kühler Unterschlupf, wenn es ihm in der Wüste zu heiß wurde, deshalb fiel ihm die Veränderung sofort auf: An der hinteren Wand hatte sich ein neuer Gang geöffnet. Er räumte einige Felsbrocken und loses Gestein zur Seite.

 

Dann kletterte er in den Gang hinein. Der Zugang lag etwas höher als das übrige Bodenniveau des Höhlensystems. Das war seltsam. Der Gang, in den er gelangte, war so niedrig, dass er sich nur kriechend vorwärts bewegen konnte. Doch schon nach etwa zwei Metern erweiterte sich der Gang und Si'jsk konnte ohne Schwierigkeiten aufrecht stehen. Das konnte er sonst nur in den Kammern und Höhlen. Er schätzte die Höhe. Sogar ein recht großer Erwachsener konnte hier aufrecht stehen!

 

Die ganze Angelegenheit wurde immer seltsamer. Si'jsk sah sich die Wände ein wenig genauer an. Verblüfft starte er auf die deutlich sichtbaren Spuren, die von der Entstehung dieses Ganges erzählten. Si'jsk ging langsam weiter. Dies war kein natürlich entstandener Teil des Höhlensystems. Für jemanden, der sich hier nicht so gut auskannte, mochte der Gang wie einer von vielen anderen, natürlich entstandenen, aussehen. Doch dazu war er viel zu hoch, zu geradlinig und zu breit. Zudem konnte man überall an den Wänden die Bearbeitung durch Werkzeuge erkennen. Eines stand fest: Der Beginn dieses Ganges war noch auf natürlichem Wege entstanden. Doch dann wurde der schmale Spalt künstlich erweitert, und zwar in großer Eile.

 

Der Junge verursachte kein Geräusch, als er zögernd weiterging. Sein Verstand sagte ihm, dass es gefährlich war, nicht umzukehren. Die völlige Dunkelheit umfing ihn und er vermisste zum ersten Mal eine Lichtquelle.

Da fielen ihm die phosphoreszierenden Steine ein, die er vor einigen Wochen in einer der anderen Höhlen gefunden hatte. Er wollte schon zurückgehen und einen dieser Steine holen, als er ein kaum wahrnehmbares Summen hörte.

 

Er blieb stehen und lauschte.  Das Geräusch veränderte sich nicht. Si'jsk hatte noch nie zuvor etwas derartiges gehört. Doch dann erkannte er es als das Geräusch vieler in Betrieb stehender elektrischer Geräte. Was hatte das zu bedeuten?

 

Langsam tastete er sich schrittweise vorwärts, ständig dazu bereit, sich herumzuwerfen und zurückzurennen. Mit jedem Meter, den er hinter sich brachte, wurde das Summen lauter. Es schien ein Echo zu besitzen. Si'jsk schloss daraus, dass sich die Quelle in einer großen Höhle befinden musste.

 

Vorsichtig tastete er sich um eine scharf Biegung des Ganges herum. Da bemerkte er einen schwachen Lichtschimmer. Es war jetzt hell genug, um die tiefen Schleifspuren im Boden erkennen zu können. Jetzt wurde er erst richtig neugierig. Er dachte gar nicht mehr daran, zurückzugehen. Mutiger geworden ging er schneller. Das Licht wurde immer heller. Plötzlich blieb Si'jsk stehen. Entsetzt starrte er auf das, was vor seinen Füßen lag.

 

Die Mumie schien ihn  höhnisch anzugrinsen. Doch er wusste, dass dies nur eine Folge der extremen Trockenheit hier war. Vorsichtig stieg er über den Toten hinweg. Er wagte es nicht, ihn zu berühren. Furcht stieg in ihm auf. Seine Phantasie spielte ihm mehrere Szenerien von dem vor, was ihn erwarten mochte, wenn er weiterging.

 

Er erinnerte sich an die Worte des alten Sobek: Man soll seine Emotionen nicht leugnen, aber man soll sich auch nicht von ihnen beherrschen lassen, denn das sei die Aufgabe von Verstand und Logik.

 

Si'jsk schluckte trocken. Lautlos murmelte er eine Meditationsformel, dankbar dafür, sie von Sobek gelernt zu haben. Er spürte, wie alle Furcht von ihm abfiel. Nur sein unstillbarer Wissensdurst blieb zurück.

 

Er ging weiter. Der Anblick von Toten, auch in den verschiedensten Stadien der Verwesung, war für ihn nichts unbekanntes. Schließlich tobte Krieg auf Vulkan. Er wusste jetzt, was ihn möglicherweise erwartete und konnte sich darauf einstellen. Ruhig ging er weiter.

 

Plötzlich weitete sich der Gang und gab den Blick auf ein hellerleuchtetes Gewölbe frei. Es war so groß, dass man trotz des Lichtes die hintere Wand und die Decke nicht erkennen konnte.

Si'jsk schauderte. Die Luft war eisig und sein Atem kondensierte sofort. Doch das war es nicht, was ihn erschreckte.

 

Sie standen in säuberlich ausgerichteten Reihen nebeneinander. Einige waren dunkel, doch die meisten schienen von innen heraus zu glühen. Sand und Staub filterten das Licht und ließen so den diffusen Schimmer entstehen, der die Höhle beleuchtete.

 

Das Summen der Elektrizität war hier fast unerträglich laut. Si'jsk wusste sofort, was die sargähnlichen Kisten aus Klarstahl enthielten: Lebende, aber tiefgefrorene Personen. Steif vor Kälte ging er zu einer der dunklen Hibernationseinheiten. Entschlossen wischte er den Staub von der Oberseite und sah hinein. Wie er es erwartet hatte lag eine weitere Mumie darin.

 

Zögernd trat er an ein, offenbar noch funktionierendes Gerät heran. Der Vulkanier darin schien friedlich zu schlafen, doch winzige Eiskristalle im Haar und feine geplatzte Äderchen auf den Handrücken und im Gesicht verrieten, dass der Körper fiel zu schnell abgekühlt worden war. Si'jsk suchte nach einem Hinweis, wer der Vulkanier war, fand jedoch nichts. Auch keiner der anderen Hibernierenden war auf irgend eine Weise identifizierbar.

 

Si'jsk ahnte jedoch, wen er hier gefunden hatte. Auf Vulkan waren viele einflussreichen Personen verschwunden. Man wusste nicht, was mit ihnen geschehen war und hielt sie für tot.

 

Der Junge versuchte die Anzahl der noch funktionierenden Einheiten zu schätzen. Zählen konnte er sie nicht, denn im hinteren Teil des Gewölbes war die Staubschicht so dicht, dass man nicht sehen konnte, ob die Einheiten noch beleuchtet waren, oder nicht...     °°°

 

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Yarib, zwanzig Jahre später:

 

Si’jsk schüttelte den Kopf um die bedrückenden Reminiszenzen abzuschütteln. Es gelang ihm nicht ganz. Er fing einen entsetzten Blick Blights auf. Zuerst verstand er nicht, doch dann nahm er das immer noch offene mentale Tor war. Doch jetzt war keine Zeit für Erklärungen. Er würde später mit Blight reden.

 

Nachdem er der vulkanischen Flotte beigetreten war, hatte er alles versucht, um seine Vorgesetzten von der Existenz jener Höhle zu überzeugen, doch sie hatten ihm nicht geglaubt. Als er später noch einmal nach dem Höhlensystem suchte, hatte er es zwar fast auf Anhieb wiedergefunden, doch es waren alle Spuren beseitigt worden. Die riesige Kammer war leer gewesen.

Er hoffte nun, dass sie auch hier nicht zu spät kommen würden.

 

Plötzlich hörte er das Summen der Elektrizität und fast so etwas wie Erleichterung überfiel ihn. Dann bogen sie um eine Ecke und ....

 

Blight rannte in den Vulkanier hinein, der urplötzlich stehen geblieben war und die Hände an die Schläfen presste. Er konnte durch die mentale Brücke die Qualen der Hibernierenden wahrnehmen, die Si’jsk ohne Vorwarnung überfallen hatten.

 

Allmählich gelang es dem Vulkanier eine Barriere gegen die mentalen Schreie zu errichten, so dass er wieder klar denken konnte. Er hob den Tricorder und ließ ihn über die Hibernationseinheiten wandern. Viele waren tot, aber es waren Tausende, die noch am Leben waren. Sie wurden durch die Energie in einer künstlichen Starre gehalten. Manche von ihnen waren sich jedoch trotzdem ihres Zustandes bewusst, was einige in den Wahnsinn hatte fallen lassen.

 

Blight warf einen flüchtigen Blick auf seinen eigenen Tricorder. In den Hibernationseinheiten lagen Mitglieder der unterschiedlichten Rassen, alle mehr oder weniger Humanoid. Einige von ihnen kannte Blight, andere nicht. Den weitaus größten Anteil hatten dabei die Vulkanier. Jetzt wunderte er sich nicht mehr, dass Si'jsk die psionischen Schrei so leicht wahrnehmen konnte.

 

Si’jsk konnte nur mit Mühe der Belastung standhalten und begann zu schwanken.

Blight packte ihn und zog ihn in den Gang zurück. Der Vulkanier ließ sich zitternd gegen eine Wand sinken und kauerte sich zusammen.

 

„Wir müssen versuchen, Hilfe zu holen.“ McArthurs Stimme war belegt. Der Schock über das Gesehene saß tief.

 

„Genau das haben wir auch vor, wenn wir hier heraus sind.“

Blight machte sich Sorgen um den Zustand des Vulkaniers. Er konnte spüren, dass dieser nur mit Mühe atmen konnte.

 

Er kniete sich neben ihn und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Si’jsk ließ es geschehen. Es gab ihm so etwas wie Trost. Er spürte, dass der Mensch mit seinem unausgebildeten Geist versuchte ihm Halt zu geben.

 

Si’jsk holte tief Luft und riss sich zusammen. Dann sah er Blight an.

Dieser spürte, wie Si’jsk sich bewusst langsam und vorsichtig aus seinem Bewusstsein zurückzog und das mentale Tor schloss. Er fühlte sich seltsam allein.

Dann richtete sich der Vulkanier auf. Er schwankte kurz, hatte sich dann aber wieder in der Gewalt.

 

„Wir müssen durch die Kammer. Hinter den Hibernationseinheiten konnte ich das Äquivalent eines Transportliftes orten, der offenbar an die Oberfläche führt. Wir können nur hoffen, dass er noch funktioniert.“

 

Dann sah er Blight an und fuhr kaum hörbar fort. „Wenn ich zusammenbreche müssen Sie allein weiter. Holen Sie Hilfe, aber versuchen Sie nicht, mich mitzunehmen.“

 

Blight sah ihn entsetzt an. Er dachte gar nicht daran, ihn zurückzulassen.

„Aber...“

 

„Versprechen Sie es!“

Die seltsame Dringlichkeit in der Stimme des Vulkaniers ließ ihn schaudern. Er nickte.

Er war froh, dass Si’jsk das mentale Tor geschlossen hatte, denn er würde sein Versprechen nicht halten.

 

McArthur, der die Szene halb ratlos, halb misstrauisch beobachtet hatte, hatte keine Ahnung worum es ging. Er konnte die Wahrnehmungen Si’jsks nicht nachvollziehen. Nur das eindringliche Summen der Elektrizität störte ihn.

 

„Also gut, machen wir uns auf den Weg.“

Blight ging entschlossen los und zog Si’jsk, den er am Arm gepackt hatte, mit sich.

 

McArthur schloss sich ihnen an.

Sie hatten etwa die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als Si’jsk mit einem Wimmern die Hände an den Kopf riss und in die Knie brach.

 

Blight reagierte sofort. Er riss den Vulkanier hoch und wuchtete ihn sich auf die Schulter. Das Gewicht ließ ihn taumeln, doch er rannte so schnell er konnte mit seiner Last konnte auf das Schott des Transportliftes zu, dass er jetzt hinter den Einheiten erkennen konnte. Als er es erreicht hatte, ließ er Si’jsk, der das Bewusstsein verloren hatte, zu Boden gleiten und tastete die Wand nach einem Schalter ab.

 

Endlich fand er den glatt polierten Stein, der jenem glich, der das Tor in der Felswand geöffnet hatte. Er drückte mit aller Kraft.

Doch nichts rührte sich.

 

„Verdammt! Helfen Sie mir, schnell.“

 

McArthur begann nun ebenfalls, seine Hände gegen den Stein zu drücken. Offenbar war eine riesige Kraft nötig, um den Mechanismus auszulösen, denn plötzlich öffnete sich das Schott. Blight zerrte Si’jsk in die Kammer. Dann richtete er seinen Tricorder auf eine Anzeigentafel an der Wand. Sie war sehr hoch oben angebracht, so dass er den unteren Rand gerade eben mit den ausgestreckten Fingerspitzen berühren konnte.

 

„Wir müssen da rauf. Der zweite Knopf von oben dürfte uns nach oben befördern, wenn ich den Daten glauben kann, die mein Tricorder mir übermittelt.“

 

„Also gut, dann klettern Sie mal.“

 

McArthur bückte sich und verschränkte die Hände zur Räuberleiter. Blight zögerte keinen Moment und nutzte die angebotene Hilfestellung. Zu seiner Überraschung ließ sich dieser Knopf relativ leicht betätigen. Das Schott schloss sich und er spürte, wie sich die Kabine in Bewegung setzte.

 

„Ich bete zu den Göttern, dass Sie recht haben.“

 

„Ich schließe mich an, McArthur.“ Blight war zu Boden gesprungen und kniete neben dem immer noch bewusstlosen Si’jsk. Ein dünner grüner Blutfaden rann aus seinem Mund und er atmete schwach.

 

„Wird er es überstehen?“ McArthur hatte sich über sie gebeugt.

 

„Keine Ahnung. Ich kenne mich nicht gut genug mit der Physiologie der Vulkanier aus.“

 

Blight klang hoffnungslos. Er glaubte in dem jungen Vulkanier so etwas wie einen Freund gefunden zu haben und er hoffte, ihn nicht wieder zu verlieren.

 

Die Fahrt schien ewig zu dauern, doch in Wirklichkeit vergingen nur wenige Sekunden, bis die Kabine mit einem Knirschen anhielt und das Schott aufglitt.

Heiße Luft und das grelle Licht der Wüstensonne überflutete den kleinen Raum.

 

Blight lud sich Si’jsk erneut auf die Schultern und trug ihn aus dem Lift. In einiger Entfernung hatte er einen Felsvorsprung gesehen, der etwas Schatten bot. Dorthin wendete er sich, als er plötzlich von etwas angesprungen und zu Boden gerissen wurde. Aus einem Reflex heraus ließ er sich fallen und wollte sich abrollen. Doch mit einem bewusstlosen Vulkanier auf der Schulter gestaltete sich dieses Manöver als unmöglich. So knallten beide recht unsanft auf den sandigen Felsboden.

 

Blight blieb einen Moment benommen liegen, dann bemerkte er das Wesen, das in einiger Entfernung mit gefletschten Zähnen zum Sprung ansetzte. Es glich entfernt einem irdischen Säbelzahntiger, abgesehen davon, dass es statt Fell mit einer reptilienartigen Schuppenhaut ausgestattet war. Blight wich aus und konnte gerade noch einem Hieb einer der wuchtigen, mit langen Krallen ausgestatteten Pranken entgehen.

Dann wurde das Tier gepackt und zu Boden geworfen.

 

Si’jsk, der wieder halb zu Bewusstsein gekommen war, hatte die Gefahr erkannt und handelte mit den Instinkten, die er sich in den Wüsten Vulkans angeeignet hatte. Das Tier glich entfernt dem dort lebenden LeMatya; dem gefährlichsten Raubtier Vulkans. Schon ein winziger Kratzer der giftigen Krallen war tödlich. Entsprechend wichtig war es vulkanischen Eltern ihren Kindern schon früh beizubringen, wie sie sich im Notfall gegen dieses Tier wehren konnten. Trotzdem gelang es nur wenigen, einem Angriff zu entkommen. Si'jsk hatte mehrere überlebt.

 

Bevor sich das Tier wieder aufrichten konnte, hatte sich Si'jsk auf den Rücken des Tieres geschwungen und griff mit den Händen in die Augen der Bestie. Dann presste er mit aller Kraft, die er in seinem geschwächten Zustand aufbringen konnte, die Knie um den Hals des Tieres zusammen und riss den Kopf nach oben. Etwas knackte, und das Raubtier brach in die Knie. So schnell er konnte glitt Si'jsk vom Rücken herunter und brachte sich außerhalb der Reichweite der Krallen in Sicherheit.

 

McArthur, der sich um den gestürzten Blight gekümmert hatte, starrte den keuchenden Si’jsk nur erstaunt an. Dann warf er einen Blick auf das tote Raubtier. Es hatte die Größe eines mittleren Pferdes. Nervös sah er sich um, so als erwartete er, dass noch mehr dieser Ungeheuer auftauchen könnten.

 

Blight, der nur einige Kratzer und Schürfwunden davongetragen hatte, ging zu Si’jsk, der würgend im Sand kniete.

Als sich der Vulkanier wieder in der Gewalt hatte, hob er den Blick und sah Blight an.

 

„Sie sollten etwas vorsichtiger in der Wüste sein.“

 

Blight nickte und lächelte. Dann legte er Si’jsk die Hand auf die Schulter.

„Danke.“

 

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Si’jsk ließ sich völlig erschöpft in einen der Sitze des Shuttles gleiten, wobei er Peter Gabs Blick geflissentlich ignorierte. Er wollte nur seine Ruhe um wieder zu Kräften zu kommen.

 

Blight stellte McArthur vor und nahm dann seinen Platz neben Gab ein.

„Machen wir, dass wir von hier weg kommen.“

 

„Aye, Sir.“ Gab warf ihm einen schiefen Seitenblick zu und musterte dann die arg mitgenommene Kleidung seiner drei Passagiere.

 

„Darf man fragen, was da unten los war?“

 

Blight grinste müde. „Sie dürfen, aber erwarten sie keine Antwort.“

Gab brummte etwas und ließ das Shuttle abheben.

 

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Ende Teil 4

 

Teil 5