Durch Zeit und Raum

Disclaimer siehe Teil 1

Teil 30

 

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"Es scheint, als hätte ich ihn erreicht."

Kirk setzte sich etwas benommen auf und schloss kurz die Augen, als ihn Schwindel und Übelkeit erfasste.

McCoy stützte ihn und drückte ihm ein Glas Wasser in die Hand.

 

"Kehrt er zum Schiff zurück?"

Si'jsk rutschte von seiner Liege und ging die wenigen Schritte zu Kirk.

 

"Ja.  Ich hoffe es zumindest. Ich habe den Eindruck gewonnen, als hätte er Silen und seine Eltern auf der Station getroffen. Zumindest Silen scheint ebenfalls wichtige Informationen zu haben."

Kirk konnte es immer noch nicht fassen. Er hatte es tatsächlich geschafft Spock mental zu  erreichen und über die Distanz hinweg mit ihm zu sprechen. Doch mehr als der reine Austausch von Informationen hatte er nicht geschafft. Spock war viel zu verblüfft gewesen und hatte sich instinktiv wie gegen einen unerwünschten Eindringling abgeschottet.

 

Doch dafür würde er sich später Zeit nehmen. Wer weiß, vielleicht konnte er Spock noch einmal erreichen?

Entschlossen, sich erst mit den anstehenden Fragen auseinander zu setzen, richtete er sich schwungvoll auf.

 

Plötzlich einsetzende, hämmernde Kopfschmerzen überzeugten ihn davon, dass das keine gute Idee gewesen war.

 

Der Ansicht war auch McCoy, der ihn sofort wieder zurückdrückte.

"Liegen bleiben! In deinem Kopf ist einiges durcheinander, seit dem du mit unserem spitzohrigen Freund über den mentalen Äther geredet hast."

 

Ein Injektor zischte und Kirk spürte, wie fast augenblicklich Schwindel und Kopfschmerzen nachließen. Die Übelkeit blieb jedoch.

Plötzlich strichen warme Fingerkuppen über sein Gesicht und er fühlte den behutsamen Kontakt eines ihm fremden Vulkaniers. Sarduk.

 

Der Heiler, denn ein solcher war er wie Kirk sich erinnerte, überprüfte vorsichtig die durch den plötzlichen extremen Kontakt überstrapazierten Neuralverbindungen des Menschen. Er schloss dort einen Riss im mentalen Gefüge, heilte hier eine Mikroblutung und besänftigte die überreizten Schmerzrezeptoren.

 

Kirk nahm die Behandlung wie einen lauen Sommerwind wahr, der sanft über seine Gedanken hinwegwehte und nach und nach die unangenehmen Nebenerscheinungen der Mentalverschmelzung beseitigte. Schließlich zog er sich wieder zurück.

 

Kirk atmete noch einmal tief durch und versuchte dann erneut sich aufzusetzen. Diesmal erging es ihm weitaus besser dabei. Er fühlte sich zwar durch die Behandlung angenehm erfrischt, doch blieb da immer noch das ungewohnte Gefühl des mentalen Bandes in seinem Bewusstsein. Es ruhte momentan, doch konnte er es nun deutlich wahr nehmen.

Es war eine seltsame Empfindung. 

 

Sarduk musterte ihn kritisch.

"Haben Sie noch Schmerzen?"

 

"Nein. Ich fühle mich nur etwas benommen. Und das Band ist ungewohnt."

Kirk versuchte ein schiefes Grinsen und stellte überrascht fest, dass es ihm keine Probleme bereitete seine Emotionen wie bisher auch zu zeigen. Irgendwie hatte er angenommen, das würde durch Spocks rigider Selbstkontrolle anders sein.

 

Sarduk nickte und verbeugte sich leicht.

"Verzeihen Sie mein Handeln. Die Ethik gebietet, vorher um Erlaubnis zu bitten, bevor ein mentale Kontakt erfolgt. Ich konnte jedoch die physischen und psionischen Schäden in ihrem Körper wahrnehmen und es war Eile geboten."

 

"Allerdings!" mischte sich McCoy ein. "Ich habe den Beginn diverser Mikroblutungen gemessen, die sich leicht zu einem plötzlichen Hirninfarkt hätte ausweiten können. Das haben Sie verhindert, Sarduk. Wobei mir das *Wie* ein Rätsel ist."

 

"Ich bin ausgebildeter Heiler und derartige Techniken gehören zu den Fähigkeiten, die ich als solcher beherrschen muss. Mikroblutungen bei Mentalverschmelzungen mit ungeübten Personen sind keine Seltenheit. Zumal durch die extreme Entfernung und das nur teilweise gefestigte Band eine sehr tiefe mentale Verbindung nötig war."

 

Bei den nächsten Worte sprach Sarduk Kirk direkt an.

"Wurde jemals ihr Psiquotient ermittelt?"

 

"Ja, das ist eine Standartuntersuchung bei angehenden Offizieren der Kommandoebene. Ich habe einen für Menschen durchschnittlichen Wert."

 

"Wirklich?" Eine überraschte Augenbraue kletterte nach oben und Kirk musste unwillkürlich schmunzeln, so sehr erinnerte ihn der Anblick an Spock.

 

"Ja."

 

"Nun, das ist seltsam. Denn zwischen Ihnen und Spock besteht ein rudimentäres T'hyla-Band, das sich nur zwischen psychisch und psionisch etwa gleich starken Personen spontan bildet. Und das auch nur, wenn eine starke physische Anziehung besteht."

 

"Wie wirkt sich dieses Band aus?"

Kirk lehnte sich gespannt vor. Ein vages Gefühl von deja vu erfasste ihn, er wusste jedoch nicht warum.

 

"Zwei T'hyla-Partner sind gewissermaßen ein Wesen in zwei Körpern. Es gibt unzählige Legenden die von den teilweise als unrealistisch geltenden Fähigkeiten der so verbundenen Partner berichten. Fest steht jedoch, dass sich die mentalen Fähigkeiten bei beiden extrem verstärken und verändern. Das *Wie* und *Warum* wurde, vor allem wegen der momentanen Seltenheit des Bandes nie untersucht, da es unter Suraks Philosophie der absoluten Selbstbeherrschung extrem selten wurde.

 

Ein T'hyla-Band bildet sich stets unbemerkt und bleibt auch unentdeckt, solange bis aus einer platonischen Beziehung eine intime wird. Denn kommt zu der psychischen und mentalen Anziehung auch die Erfüllung der physischen, genügen entsprechende Berührungen um das Band zu aktivieren. Es verankert sich ohne Hilfe von außen im Bewusstsein beider und verstärkt sich extrem schnell. Es kann nicht getrennt werden. Selbst durch den Tod eines Partners nicht. Das Katra geht dann selbstständig in den anderen über."

 

Kirk schwieg nachdenklich. "Kann man das Band auch wahrnehmen, wenn man nicht weiß, dass es existiert und man also nicht danach suchen kann?"

 

"Ja, auch das ist möglich. Es äußert sich als gegenseitige Anziehung, wortlose Verständigung und dem Wunsch, dem anderen immer möglichst nahe zu sein. Eine räumliche Trennung wird als unangenehm und im Extremfall sogar als körperlich schmerzhaft wahrgenommen."

 

Kirk nickte und grinste schief. "Damit haben sie meine letzte Zweifel ausgeräumt."

 

Er räusperte sich und machte dann Anstalten aufzustehen. Zu seiner Überraschung hinderte ihn keiner der Ärzte daran.

"Ich möchte vorerst einmal so viel Raum wie möglich zwischen der Anomalie und dem Schiff bringen. Wir werden deshalb Kurs auf Vulkan nehmen und das Shuttle zu einem Rendezvous treffen.

 

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"Ich bin nicht mit Spocks Wahl einverstanden. Ich bestehe darauf, dass er eine vulkanische Partnerin wählt anstelle von Kirk."

 

"Bitte?" Amanda blieb verdattert im Durchgang zu dem kleinen Schlafbereich stehen, in den sich Sarek zur Meditation zurückgezogen hatte.

"Wie meinst du das?"

 

"Wie ich es sagte: Ich bin nicht mit..."

 

"Schon gut, schon gut. Ich habe die Worte verstanden."

Amanda winkte ab und trat ein, so dass sich die Tür hinter ihr schließen konnte. Spock musste das folgende Gespräch nicht unbedingt hören, entschied sie. Die Wände des Shuttles waren hellhörig genug und es würde sich nicht vermeiden lassen, dass er zumindest Bruchstücke hörte. Aber er musste nicht alles hören.

 

Sie kniete sich neben dem auf dem Boden auf seiner Meditationsmatte sitzenden Sarek und sah ihn abwartend an.

 

"Weshalb vermutest du, dass Spock sich eine Bindung mit Kirk wünscht, oder sie zumindest beabsichtigt."

 

"Seine Reaktion im Restaurant. Ich konnte durch das noch immer vorhandene Elternband spüren, dass er über eine kaum wahrnehmbare mentale Verbindung kontaktiert wurde. Ich war besorgt wegen seiner Anwesenheit und seines seltsamen Verhaltens und habe es aktiviert. Er hat nichts davon gespürt.

Dass es eine Nachricht von Kirk gewesen war, hat er selbst bestätigt. Und über eine derartige Distanz hinweg kann dies nur durch ein zumindest rudimentäres Partnerband erfolgen."

 

Amanda nickte nachdenklich. Sie hatte etwas ähnliches vermutet, seit sie Kirk und Spock auf de Weg nach Babel zusammen erlebt hatte.

"Und wie begründest du diese Ablehnung?"

 

"Spock hat als einziger männlicher Nachkomme dieser Linie unserer Clans eine Pflicht gegenüber der vulkanischen Gesellschaft zu erfüllen. Er weiß das und ich habe ihm in letzter Zeit mehrere diesbezügliche Nachrichten geschickt. Dass er sich jetzt für eine Partnerschaft mit Kirk entscheidet erscheint mir vor diesem Hintergrund unlogisch und fast... trotzig."

 

"Trotzig?"

Amanda atmete tief durch und legte die Hände auf ihre Oberschenkel. Dann, etwas ruhiger, begegnete sie dem Blick ihres Gemahls.

 

"Bei allem Respekt, Sarek... erstaunt dich diese Reaktion?"

 

Lediglich eine Braue hob sich als Antwort. Sie hatte nicht mehr erwartet.

 

"Schau, Sarek. Spocks Leben war und ist sehr einsam. Du weißt selbst, dass er auf Vulkan noch immer nicht als Vulkanier akzeptiert ist. Trotz seiner Erfolge als Wissenschaftler und trotz seinem, auch auf Vulkan bekannten Status als einer der besten Offizier der Flotte. Seine Entscheidung zur Raumflotte zu gehen anstatt deiner Vorstellung seiner Zukunft zu folgen war sicher auch zum Teil eine Trotzreaktion - normal für jeden Menschen diesen Alters übrigens.

 

Spock ging seinen Weg und riskierte dafür auch von dir oder T'Pau aus dem Clan verwiesen zu werden. Und erzähl mir nicht er hätte nicht gewusst, was das für ihn bedeutet hätte. Er ist mit den vulkanischen Gesetzen, Ritualen und Traditionen vertraut.

Er nahm sogar dein fast zwei Jahrzehnte langes Schweigen auf sich ohne jemals dagegen aufzubegehren. Ich weiß das, denn ich habe während dieser Zeit durchaus hin und wieder mit ihm gesprochen.

 

Daher weiß ich auch, wie schwer es für ihn auf der Akademie war. Wie schwer es für ihn in seinen Anfangsjahren als Offiziersanwärter und später Offizier war. Du darfst auch nicht vergessen, dass das übliche Gebaren der Vulkanier den Menschen unvertraut war. Er musste alles erklären und oft genug wurde sein Verhalten falsch verstanden. Er hatte gegen Misstrauen, Missverständnisse und Vorurteile zu kämpfen. Und er war während dieser Jahre immer allein."

 

Sarek schüttelte missbilligend den Kopf.

"Das stimmt so nicht. Während all dieser Jahre hatte er die mentale Unterstützung seiner Verlobten. T'Pring war ständig bei ihm."

 

Amanda sah ihn traurig an.

"Glaubst du das wirklich?" fragte sie leise.

 

Sie erwartete keine Antwort und es erfolgte auch keine. Sareks Standpunkt war klar.

 

"Ich weiß, dass T'Pring ebenfalls eigene Wege ging, sobald sie alt genug dafür war. Sie war zwar angemessen diskret, doch ich habe erfahren, dass sie mehrere Liebhaber hatte. Und sie verbarg auch ihre Abneigung gegen die Verbindung zu Spock nicht.

Du weißt mehr über diese Art der Bindung aber du kannst mir nicht erzählen, dass Spock nichts davon gespürt hat. Wann immer ich ihn nach T'Pring fragte, ist er ausgewichen und hat meinen Blick gemieden. Er wusste, dass das, was ich dann in seinen Augen hätte lesen können, mir nicht gefallen hätte.

 

Zudem weißt du ebenso wie ich, dass der Heiler, der Spock während seiner Kindheit betreute, davon abgeraten hatte, ihn als Siebenjährigen zu binden. Es war damals noch  nicht eindeutig, in welche Richtung er sich entwickeln würde.

 

Ich, und auch der Heiler haben dir damals erklärt, dass menschliche Säuglinge ohne ausreichende körperliche Zuwendung innerhalb kürzester Zeit sterben und auch für heranwachsende und erwachsene Menschen ist körperliche Nähe und Zärtlichkeit wichtig für die physische und psychische Gesundheit.

Du wusstest das sogar lange bevor wir uns dafür entschieden ein Kind zu haben.

Du wusstest es und hast trotzdem T'Paus Forderung nach einer Bindung in der Kindheit gehorcht."

 

Sarek nickte stumm und sah betreten zur Seite. Diesen Vorwurf hatte er oft genug zu hören bekommen und er konnte dem nichts entgegen setzen. Amanda hatte Recht und ihm war damals nicht wohl dabei gewesen. Die Heiler und Gelehrten hatten ebenfalls davon abgeraten, fürchteten sie doch um die mentale Gesundheit des Kindes.

 

Damals war es zum ersten wirklich ernsten Streit zwischen ihm und Amanda gekommen.

Sicher, er hatte den vulkanischen Traditionen gehorcht. Und diese Bindung war für männliche Vulkanier sehr wichtig, nicht nur wegen des Pon farr. Andererseits hatte niemand sagen können, ob Spock auch diesem biologischen Zwang unterliegen würde.

Doch der Hauptgrund für Amandas Ärger war die Tatsache, dass vulkanische Frauen dafür bekannt waren, außer zu ihren Säuglingen - und da auch nur in sehr geringem Maße und überwiegend mental - praktisch keine körperliche Nähe zuzulassen. Es erstaunte ihn nun zu hören, dass T'Pring, wohl rein zu ihrem Vergnügen, andere Verhaltensweisen an den Tag legte. Doch wie er inzwischen ebenfalls erfahren hatte, verhielt sich die ehemalige Verlobte Spocks auch in einigen anderen Aspekten des vulkanischen Lebens nicht gerade so, wie es gern gesehen wurde.

Offenbar gehörte sie jenem kleinen Prozentsatz vulkanischer Frauen an, die allein wegen der sexuellen Befriedigung eine Beziehung anstrebten. Sarek wusste, dass in einer solchen Partnerschaft die für Menschen so wichtigen Dinge wie Zärtlichkeit, seelische Nähe und Liebe keine Rolle spielten.

 

Für Spock, der ja auch in dieser Hinsicht ein menschliches Erbe in sich trug, und wie er in seiner Kindheit bewiesen hatte durchaus eben diese körperliche Nähe brauchte, würde eine solche Partnerschaft nur schwer zu ertragen sein.

 

Amanda hatte Sarek stumm beobachtet. Sie brauchte ihr gemeinsames Band nicht zu aktivieren um zu wissen, dass sie schon fast gewonnen hatte.

 

Spock, der schweigend vor der Steuerkonsole saß, versuchte verzweifelt die Stimmen seiner Eltern aus seiner Wahrnehmung zu verbannen. Er fühlte sich wieder wie der Siebenjährige, der den Streit der Eltern mit anhören musste ohne wirklich zu begreifen, was vor sich ging.

 

Es stimmte. T'Pring hatte ihn betrogen und sie hatte ihn zurückgewiesen. Ihre kalte, ablehnende Präsenz in seinem Bewusstsein war unangenehm gewesen.

Während der ersten, sehr schwierigen Monate an der Akademie hatte er mehrmals versucht ihren Rat einzuholen, oder einfach nur Trost in ihrer Präsenz zu finden.

Sie hatte ihn brüsk abgewiesen und nichts anderes als Verachtung über das Band transportiert.

 

Er hatte immer gewusst, dass sie ihn ablehnte. Aber es so deutlich zu spüren war bitter gewesen. Er hatte seine Lektion gelernt. Als sie dann einige Zeit später damit anfing ihn mit den Empfindungen zu traktieren, die ihre Liebhaber ihr bescherten, hatte er sich so gut es ging abgeschottet und das Band auf das absolute Minimum verringert.

Niemals wieder hatte er sich etwas von einer anderen Person erhofft.

 

Dann war Jim in sein Leben getreten und hatte ihm gezeigt, wie wohltuend Vertrauen und Freundschaft sein konnten.

Einsam und nach Nähe hungernd hatte er sich nach und nach erlaubt, mehr für Jim zu empfinden - bis Liebe daraus wurde. Jim wusste von nichts und er hätte es nie erfahren, wenn nicht diese unerlaubte Band entstanden wäre.

 

Spock sehnte sich nach mehr. Doch seine Erziehung und sein Wissen um die Pflicht, die er dem Clan gegenüber hatte, ließen ihn schweigen. Dass Sarek ihn von Zeit zu Zeit daran erinnerte, ließ ihn nur noch unglücklicher werden. Er vermutete, dass sein Vater niemals die Zustimmung zu einer solchen Bindung geben würde - nicht mit der Stellung, die Vater und Sohn im Clan hatten und mit der Verantwortung die damit einherging. Wenn es eine menschliche Frau gewesen wäre... dann vielleicht. Aber ein Mann? Niemals!

 

Jetzt hatte er die Bestätigung. Sarek würde es nicht erlauben und damit wäre ihm jede Möglichkeit verwehrt, das Band zu legalisieren.

Abgesehen davon wusste er nicht einmal, wie Jim darüber dachte. Jim bevorzugte Frauen und unter all seinen Eroberungen war niemals ein Mann gewesen, wie Spock wusste.

Würde er nun Spock akzeptieren können? Würde er das Band tolerieren? Wäre er für eine lebenslange Bindung bereit - mit allen Konsequenzen?

 

Spock schüttelte langsam den Kopf, als er sich Jims Reaktion vorzustellen versuchte. Der Mensch sah einen Freund in ihm, nichts weiter. Es wäre unlogisch sich mehr zu erhoffen und weiter an diesem Band fest zu halten.

 

Er musste so bald wie möglich nach Vulkan zurückkehren um es eliminieren zu lassen. So würde er zumindest Jims Freundschaft nicht verlieren, solange er nichts von den Beweggründen sagte, die das Band hatten entstehen lassen.

 

Die eindringliche Stimme seiner Mutter bahnte sich wieder einen Weg in sein Bewusstsein, brannte sich einen Weg in seine Seele.

 

"T'Prings Einstellung hat sie ja während des Kon-ut-kalifee ausreichend bewiesen. Kirk wäre fast gestorben. Du bist ausreichend mit den Gesetzen der Flotte vertraut um zu wissen, dass Spock dann bestenfalls sofort vom Dienst suspendiert und unehrenhaft entlassen worden wäre. Im schlimmsten Fall hätte er eine Haftstrafe verbüßen müssen.

 

Wenn McCoy nicht eingegriffen hätte... Spock hätte alles verloren: Seine Ehre als Vulkanier, seine Braut. Den einzigen Freund, den er jemals gehabt hatte. Seine Ausbildung als Wissenschaftler und Offizier wäre keinen Heller mehr Wert gewesen, denn es hätte innerhalb der Flotte niemals wieder einen Posten für ihn gegeben.

 

Selbst wenn er den Kampf gewonnen hätte... T'Pring war schwanger von Stonn. Sie hat das Kind kurz nach dem Kon-ut-kalifee verloren, aber das ändert nichts an der Tatsache dass sie Spock zu einem Zeitpunkt, an dem sie das nahende Pon farr hat wahrnehmen müssen, eindeutig betrogen hat.

Sie wollte Spock nicht.

Er wäre an einer Ehe mit ihr zugrunde gegangen. Wenn vielleicht auch nicht körperlich, so doch emotional und mental. Es ist nicht einmal völlig auszuschließen, dass er aus diesem Desaster nicht mit schweren mentalen Wunden hervorgegangen ist, die nie behandelt wurden. Vielleicht ist er gar nicht mehr in der Lage, sich noch einmal mental zu binden."

 

Sie musterte Sarek eindringlich.

"Willst du ihm das alles noch einmal aufzwingen?"

 

Spock hörte die Antwort nicht.

Die Augen fest geschlossen, die Hände um den Rand der Konsole gekrallt, schottete er seine Sinne gegen die Stimmen ab.

Er musste sich diesen Rest Hoffnung bewahren, dass es eine Zukunft mit Jim für ihn gab. Das war alles, was ihm blieb.

 

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Sarek hatte sich wieder in die Meditation zurückgezogen und Silen schlief in einem der hinteren Passagiersitze.

Amanda musterte die stille Gestalt im Pilotensitz.

 

Spock hatte die Ellenbogen auf dem Rand der Konsole aufgestützt und die Fingerspitzen zu einer Art Pyramide zusammengelegt, in die er hineinstarrte.

Langsam ging sie zu ihm und ließ sich dann in den Sitz neben dem seinen sinken.

 

"Kann ich mich hier hinsetzen?"

 

Spock sah auf nickte dann. "Ja. Die Konsole ist deaktiviert."

 

Amanda schmunzelte über die Antwort.

"Du hast inzwischen gelernt auch verborgene Bedeutungen wahrzunehmen."

 

"Bei einem Leben unter Menschen bleibt mir nichts anderes übrig, als mir diese Eigenschaft anzueignen."

 

Amanda schwieg und musterte ihren Sohn. Spock wirkte müde und gleichzeitig angespannt. Die ohnehin hageren Wangen waren noch eingefallener als sonst und tiefe Schatten lagen unter seinen Augen.

 

Sie wusste, er würde nicht von alleine reden aber sie war sich auch nicht sicher, ob er auf ihre Fragen antworten würde. Nun, sie konnte es zumindest versuchen.

 

"Deine seltsame Reaktion auf der Station... Du hast einen plötzlichen telepatischen Kontakt wahrgenommen, nicht wahr?"

 

Spock reagierte nicht auf ihre Frage und sie rechnete schon gar nicht mehr mit einer Antwort, als er plötzlich kaum merklich nickte und die Hände sinken ließ.

 

"Ja. Ich konnte Jim plötzlich wahrnehmen." Spock flüsterte fast, die Augen waren geschlossen und der Kopf gesenkt. Er bot ein Bild der Niedergeschlagenheit. Er musste sehr erschöpft sein, wenn seine sonst so perfekte Selbstbeherrschung solche Lücken zeigte.

 

Amanda legte ihm impulsiv eine Hand auf die Schulter.

"Spock! Was ist los? Was, um alles in der Welt, macht dich so unglücklich?"

 

Spock presste die Augen noch fester zusammen, schüttelte aber ihre Hand nicht ab. Er fuhr tonlos fort.

"Zwischen Jim und mir besteht eine mentale Verbindung, die ich bis jetzt vor ihm geheim gehalten hatte."

 

"Kirk weiß aber doch offensichtlich davon. Wie hätte er dich sonst rufen können?"

 

"Ja, er weiß es. Ich habe keine Ahnung, wie er es herausgefunden hat. Sein Psiquotient ist zu niedrig, als dass er die Brücke von allein hätte aktivieren können."

 

"Und?"

 

Plötzlich richtete sich Spock auf und herrschte sie aufgebracht an.

"UND? Du WEISST, dass ich damit gegen eherne Gesetze verstoße. Ich wollte nicht, dass sich das Band bildet. Aber ich konnte es nicht verhindern. Danach hätte ich ihn informieren und das Band lösen müssen. Ich habe es nicht getan! Ich konnte es nicht."

Die letzten Worte waren nur geflüstert und Spock verbarg zitternd das Gesicht in den Händen, momentan völlig außer Stande sich zu beherrschen. Er war dankbar, dass Sarek es nicht mitbekam.

 

Amanda zuckte vor der plötzlich aufbrechenden Verzweiflung in der Mimik ihres Sohnes nicht zurück. Sie wusste, wie stark Vulkanier empfinden konnten und sie wusste, wie einsam Spock war.

 

"Du liebst Jim, nicht wahr?" fragte sie schließlich leise, als Spocks Zittern nachließ.

 

Spock nickte nur.

"Ich habe sein Vertrauen missbraucht... und unsere Freundschaft. Alles was mir bleibt, ist um eine Versetzung zu bitten."

 

"Du wirst nichts dergleichen tun!" Amanda griff energisch nach den Händen ihres Sohnes und löste sie von dessen Gesicht.

 

"Sieh mich an!"

Sie wartete, bis Spock gehorchte. Er hatte wieder zu seiner Selbstbeherrschung zurückgefunden und sie blickte in eine Maske. Sie seufzte lautlos.

 

"Als ich damals auf dem Weg zur Babelkonferenz Kirk kennen lernte, war ich vom ersten Moment an sicher, dass du ihm sehr viel bedeutest. Die Art, wie er dich ansah, wie er sich um dich sorgte. Hast du vergessen, was er getan hat, damit du Sarek dein Blut spenden konntest? Und ich bin sicher, das war nicht der einzige Beweis seiner Freundschaft."

 

"Ja, Freundschaft." Spock spie das Wort geradezu aus. Er starrte an Amanda vorbei, bis sie nach seinem Kinn griff und ihn erneut zwang sie anzusehen.

 

"Glaubst du, ich bin blind? Ich weiß, dass du dir mehr von ihm wünschst. Warum auch nicht? Ich weiß, dass für Vulkanier der Geist wichtiger ist als das Geschlecht. Du machst da keine Ausnahme."

 

Spock hob leicht überrascht eine Braue. Er hatte nicht mit so viel Verständnis bei Amanda gerechnet. Denn welche menschliche Mutter wünschte sich keine Enkel? Dann jedoch verdüsterte sich seine Miene sichtlich, als er wieder an Jim dachte.

 

"Ich weiß nicht, wie Jim darüber denkt", presste er hervor. "Aber ich habe mehr als einmal gesehen, wie er eindeutige Angebote von Männern zurückwies."

 

"Das muss nicht viel heißen. Er ging auch sicher nicht mit jeder Frau ins Bett. Wenn du genau wissen willst, was er darüber denkt, wirst du ihn fragen müssen. Aber abgesehen davon: Hattest du den Eindruck, er würde sich gegen dieses Band wehren? Hätte er dich dann über diese Distanz hinweg erreichen können?"

 

Spock dachte einen Moment lang über ihre Worte nach. Dann nickte er langsam und ein Funken Hoffnung glomm in seinen Augen.

"Du hast recht wie immer, Mutter."

 

Amanda lächelte warm und strich kurz mit dem Handrücken über Spocks Wange. "Ich weiß."

 

Ein Geräusch ließ sie aufsehen. Sie wusste, das Sarek schon seit geraumer Zeit die Meditation beendet hatte und stummer Zeuge ihres Gespräches war. Er hielt sich jedoch noch immer in dem kleinen Schlafabteil auf, um Spock die Demütigung zu ersparen, dass er, Sarek, Zeuge seines Kontrollverlustes wurde. Dass Amanda es sah, hatte eine andere Bedeutung.

 

Jetzt jedoch hatte sich Spock wieder völlig unter Kontrolle und das Gespräch war beendet.

Sarek gesellte sich zu den beiden.

 

Spock musterte ihn, so als wartete er auf ein Kommentar, eine Rüge, doch Sarek schwieg. Dies war ein Thema, von dem Amanda mehr verstand. Und zudem mussten das Spock und Kirk mit sich selbst klären. Zu dieser Erkenntnis war er ihn seiner Meditation gekommen, wohl wissend, das Amanda genau das beabsichtigt hatte.

 

Sarek wusste, dass er sich besser nicht noch einmal in das Leben seines Sohnes einmischte. Nicht nach dem Desaster, das die missglückte Bindung mit T'Pring hervorgerufen hatte. Zudem hatte Spock, als jetzt ungebundener Mann, nach vulkanischem Recht die Möglichkeit selbst einen Partner zu wählen. Und nachdem er zuerst über Spocks Entscheidung überrascht war, musste Sarek jetzt zugeben, dass Kirk eigentlich eine logische Wahl war - von der innigen Freundschaft, die beide verband, einmal abgesehen.

 

So ignorierte er die vorsichtigen Blicke seines Sohnes und setzte sich auf den nächstgelegenen Passagiersessel.

"Hältst du es für wahrscheinlich, dass diese Anomalie etwas mit den seltsamen Ereignissen zu tun hat, Spock?"

 

"Ich weiß es nicht Vater. Ich..."

 

Das Kommterminal kündigte fiepend eine eingehende Nachricht an und Spock verwandelte sich sofort wieder in den fähigen Offizier.

 

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Uhura drehte sich zu Kirk um.

"Sir. Ich konnte Mr. Spock erreichen. Er befindet sich bald in Sensorreichweite. Offenbar ist er schon vor geraumer Zeit von Vulkan aufgebrochen. In 21,3 Minuten sind wir in Rendezvous-Reichweite."

 

"Gut." Kirk lehnte sich in seinem Sessel zurück. Aufregung prickelte in ihm. Er hatte es zwar versucht, hatte Spock aber nicht ein zweites Mal kontaktieren können.

Bald würde er wieder an Bord sein und es gab einiges, was sie besprechen mussten.

 

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Ende Teil 30

 

Teil 31