Durch Zeit und Raum

Disclaimer siehe Teil 1

Teil 29

 

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Spock wanderte scheinbar ziellos durch die mit Reisenden dicht gefüllten Gänge. Das hieß besser gesagt: Er ließ sich mit dem allgemeinen Strom treiben.

Vulkanier machten nur etwa die Hälfte der bunt gemischten Menge aus. Der Rest bestand aus Vertretern der unterschiedlichsten humanoiden und nichthumanoiden Rassen. Sie hatten nur eines gemeinsam: Es waren alles Sauerstoffatmer. Die, auf die dieses Kriterium nicht zutraf, hielten sich in einer anderen Sektion der Station auf, wie Spock wusste.

 

Er hatte kein bestimmtes örtliches Ziel. Da es ohnehin aussichtslos war eine Unterkunft auf der überfüllten Station zu finden, würde er zum Schlafen in sein Shuttle zurückkehren.

Er hatte jedoch beschlossen, das beste aus der gegebenen Situation zu machen und hier nach weitere Hinweisen zu suchen. Das allgegenwärtige Gemurmel, Gezirpe, Gekreische und Gebrumm der anderen Personen bildete eine laute, scheinbar undurchdringliche Geräuschkulisse.

 

Vielen Vulkaniern war geradezu anzusehen, dass sie mit der Enge und dem Lärm nicht zurecht kamen. Spock war durch seinen Aufenthalt unter Menschen an ähnliche Situation gewöhnt und konnte schnell die störenden Geräusche abblocken und sich auf einzelne Gespräche konzentrieren.

 

So schnappte er hier einige Sätze auf, hörte dort ein paar Kommentare. Vieles war trivialer Natur, doch hin und wieder hörte er etwas, das ihm wichtig erschien.

 

So verbrachte er einige Stunden, bis ihn Hunger und Durst zu einem der ebenfalls völlig überfüllten Restaurants führten. Er verzichtete auf frisches Essen und holte sich etwas von den sichtlich provisorisch aufgestellten Replikatoren. Dann sah er sich nach einem freien Platz um, da er nicht unbedingt Wert darauf legte ihm Stehen zu essen.

 

Plötzlich bemerkte er eine ältere Frau, die ihm zuwinkte und ließ vor Überraschung beinahe sein Tablett fallen, als ihn gleichzeitig ein Andorianer von der Seite anrempelte.

Für einen strategischen Rückzug war es zu spät, da die Frau bereits ihren Begleiter auf ihn aufmerksam machte, der sich jetzt zu ihm umdrehte.

 

Spock atmete möglichst unauffällig tief durch, verstärkte seine Schilde und setzte sich in Bewegung.

 

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"Vater, Mutter."

Spock neigte grüßend den Kopf, bevor er sich zu seinen Eltern an den Tisch setzte. Er hatte nicht damit gerechnet, den beiden hier zu begegnen. Er hatte so unauffällig wie möglich bleiben wollen und jetzt befürchtete er, aus Erfahrung, bohrende Fragen seitens seines Vaters.

 

Sarek wusste sicher, wo sich die Enterprise gerade aufhielt. Und da er, Spock, seine Eltern nicht über seinen Aufenthalt auf Vulkan informiert hatte, würde Sarek den Grund für seine Anwesenheit wissen wollen.

Sein Vater galt nicht umsonst als der beste Diplomat Vulkans. Was er wissen wollte, erfuhr er auch.

 

Zunächst jedoch bewahrte ihn Amanda vor einem Kreuzverhör - in gewissem Sinne.

"Spock! Wir wussten gar nicht, dass du nach Vulkan kommst. Bist du eben erst angekommen?"

 

Spock trank durstig von seinem Wasser und stellte dann das Glas wieder sorgfältig auf das Tablett.

"Ich bin eben erst angekommen."

 

"Und was führt dich nach Vulkan? Meines Wissens wurde die Enterprise zu einer neu entdeckten Anomalie beordert. Müsstest du als Wissenschaftsoffizier nicht die Erforschung leiten?"

 

"Prinzipiell ja, Vater. Doch ich habe von Kirk einen anderslautenden Auftrag erhalten, der jedoch der Geheimhaltung unterliegt."

Spock hoffte, damit der Neugierde seines Vaters entkommen zu sein.

 

Sarek nickte langsam und musterte ihn noch einen Moment lang schweigend. Dann widmete er sich wieder seinem Essen.

 

Spock tat es ihm gleich, während er nebenbei mit seiner Mutter plauderte. In der lauten und unruhigen Atmosphäre des Raumes vergaß er völlig, dass Vulkanier ihre Malzeiten für gewöhnlich schweigend einnahmen. Amanda hatte das immer bedauert, da in ihrer Kindheit die Malzeiten die Zeit der amüsantesten Gespräche gewesen waren. Und Spock hatte sich an Bord des Schiffes daran gewöhnt, da auch Kirk und McCoy es mochten sich während des Essens zu unterhalten.

 

Sarek schwieg und ließ die beiden gewähren, bot es ihm doch Gelegenheit, seinen Sohn unauffällig zu beobachten.

Spock wirkte angespannt und kontrollierte sich sichtlich. Zudem schien seine Aufmerksamkeit nicht nur bei dem Gespräch mit seiner Mutter zu liegen. Er hörte ganz offensichtlich auch den um ihnen herum stattfindenden Gesprächen zu. Ein für einen Vulkanier sehr unübliches Verhalten.

 

Doch da Sarek seinen Sohn kannte, wusste er, dass es dafür einen guten Grund geben musste. Spock tat niemals etwas Unüberlegtes. 

 

Spock ließ fast die Gabel fallen, als er plötzlich das unerwartete Empfinden eines telepatischen Kontaktes wahrnahm. Instinktiv konzentrierte er sich darauf.

Kirk.

 

Er schloss die Augen und aus reiner Gewohnheit wollte er schon seine Schilde verstärken. Wann immer Kirk besonders intensiv empfand begann sich das Band zwischen ihnen zu öffnen und Spock war oft genug unfreiwillig Zeuge von Kirks nächtlichen Eskapaden geworden, um die ersten Anzeichen zu erkennen.

 

Doch er zögerte. Etwas an dem Kontakt war anders. Ein Empfinden von Dringlichkeit und Gefahr schlich sich in sein Bewusstsein.

Er öffnete seine Schilde weiter, konnte aber in der sofort auf ihn einstürzenden Kakophonie der Gedanken und Empfindungen der ihn umgebenden Masse Kirk nicht mehr wahrnehmen. Er musste einen weniger überfüllten Ort suchen.

 

Die besorgten Minen seiner Eltern bemerkte er nicht.

"Spock?"

 

Fast unwillig öffnete Spock die Augen. Er fürchtete den nur schwachen Kontakt zu Kirk zu verlieren, wenn er sich auf eine weitere Diskussion mit seinem Vater einließ.

 

"Vater, Mutter, bitte entschuldigt mich."

 

Ohne auf eine Antwort zu warten stand Spock auf und verließ, so schnell es ihm möglich war ohne zu offensichtlich zu drängeln, das Restaurant.

 

Sarek und Amanda tauschten einen irritierten Blick und der ältere Vulkanier wollte schon aufstehen, doch seine Gemahlin hielt ihn mit einer Geste zurück.

"Lass ihn, Sarek. Ich glaube, es gibt Gründe für sein plötzlich so seltsames Verhalten. Ich bin sicher, er kehrt zurück. Dann ist immer noch Zeit genug ihn danach zu fragen."

 

Sarek schien wenig überzeugt, folgte aber dem Rat Amandas.

 

Keiner von beiden bemerkte die in einen weiten Umhang gehüllte Gestalt, die Spock unauffällig folgte.

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Es schien endlos zu dauern, bis Spock schließlich in einem der untere Frachtdecks der Station eine etwas ruhigere Ecke fand. Hierhin verirrte sich kaum jemand und wenn, dann waren es eher zwielichtige Geschäfte, die die Passanten dort unten beschäftigten. Es war ihm egal.

 

In eine Nische gelehnt schloss er die Augen und presste die Fingerspitzen beider Hände gegen seine Schläfen.

 

//Jim?//

 

Ruhelos und getrieben von der Sorge Jim könnte etwas zugestoßen sein, öffnete er mehr und mehr seine Schilde. Die Gedanken und Emotionen der Reisenden auf der Station huschten an ihm vorbei doch er beachtete sie nicht.

 

War es zu spät? Eben noch hatte er geglaubt Jim ganz deutlich wahrnehmen zu können. Doch jetzt war der unmerkliche Kontakt verschwunden.

 

Frustriert öffnete Spock die Augen und sah in ein paar bersteinfarbene, die ihn besorgt musterten.

Erschrocken zuckte er zurück.

 

"Silen!"

 

Silen zog sich sofort zurück und beugte den Kopf in einer Geste der Entschuldigung.

"Bitte verzeiht, Spock cha'Sarek. Es lag nicht in meiner Absicht Euch zu erschrecken."

Er streifte die Kapuze seines Umhangs zurück, die sein Gesicht fast völlig verhüllt hatte.

 

Spock hatte sofort wieder zu seiner Kontrolle zurückgefunden. Er musterte den jüngeren Vulkanier vor ihm.

Silen wirkte erschöpft und mitgenommen. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen und einige Schrammen im Gesicht erzählten von einem nicht zu lange zurückliegenden Kampf.

 

"Warum sind Sie mir gefolgt, Silen?" fragte Spock ruhiger, als er sich fühlte. Noch immer versuchte er den unterbrochenen Kontakt zu Kirk wieder herzustellen und seine deshalb hoch sensibilisierten telepathischen Sinne nahmen mehr Emanationen wahr als ihm momentan lieb war. Es fiel ihm schwer sich zu konzentrieren.

 

"Ich habe Sie in dem Restaurant gesehen, wollte jedoch nicht stören."

 

"Das beantwortet meine Frage nicht."

 

"Nein."

Wieder neigte Silen den Kopf. Er schwankte leicht und Spock griff nach einem Arm, um den anderen zu stützen. Sofort flutete eine wilde Mischung aus Schmerz, Furcht, Entsetzen und Erschöpfung durch sein Bewusstsein. Dennoch ließ er nicht los, bis Silen wieder etwas Kontrolle zurückerlangt hatte.

 

"Was ist geschehen?"

 

Silen schwieg einen Moment. Dann sah er auf und suchte den Blick des älteren Vulkaniers.

 

"Spock... Ich muss sicher sein, dass Sie es wirklich sind. Es ist so unerwartet, dass Sie hier sind. Die Enterprise..."

 

"Ist in einem anderen Sektor, ja." Spocks Gedanken rasten. Konnte er Silen vertrauen? Die Unsicherheit und Scheu in den Augen des anderen ließen ihn schließlich nicken.

 

"Überprüfen Sie mein Bewusstsein, Silen. Ich denke, wir brauchen beide die Gewissheit."

 

Silen zögerte kurz, dann legte er seine Fingerkuppen auf die Nervenkluster in Spocks Gesicht. Der Kontakt war nur oberflächlich und Silen kümmerte sich nicht um Gedanken oder Empfindungen Spocks. Selbst der weit offene Link zu Kirk blieb unkommentiert, vielleicht sogar unbemerkt. Allein der Kern des Bewusstseins, das Katra, war wichtig und wurde schnell aber effizient überprüft.

 

Im letzten Moment bevor der Kontakt endete, spürte Spock eine Woge der Erleichterung durch Silen fließen. Er wusste, dass der jüngere Vulkanier noch immer darum kämpfte jene Ebene der Selbstkontrolle zu erreichen, die für Spock so selbstverständlich erschien. Aber er nahm auch wahr, dass Silen deutliche Fortschritte gemacht hatte.

 

Schließlich trat Silen einen Schritt zurück. Erleichterung stand deutlich in seinen Zügen, als er tief Atem holte und sich nach eventuellen Lauschern umsah. Erst dann wandte er sich an Spock.

 

"Ich habe sichere Beweise dass in den Katakomben von Gol Mitglieder einer bisher unbekannte Lebensform ein Kraftwerk errichten. Es wird dort auch eine Art Hibernationszentrum gebaut."

 

Spock hob langsam eine Braue.

"Woher haben Sie dieses Wissen, Silen?"

 

"Ich war dort und habe es gesehen. Im Bestreben meine mentale Ausbildung zu verbessern hatte ich die Adepten von Gol um Hilfe gebeten. Sie wurde mir gewährt und ich habe die letzten drei Monate dort verbracht. Als temporäres Mitglied der Adepten hatte ich freien Zugang zu allen Räumlichkeiten, auch zu den Katakomben. Eine ungewöhnlich rege Aktivität weckte meine Neugierde und bei meinen Nachforschungen stieß ich auf die Baustelle. Ich wurde entdeckt und konnte nur mit Mühe fliehen.

Diese Wesen können ohne Schutz die Wüste nicht betreten und konnten mir so nicht schnell genug folgen. Sie verlieren in der Hitze der Sonne sichtlich an Substanz und ich vermute, dass sie zu einem großen Teil aus Wasser bestehen."

 

"Eine Energiequelle in den Katakomben?"

 

Silen nickte stumm.

 

"Hm.. das würde sich mit meinen eigenen Nachforschungen decken."

 

Der jüngere Vulkanier sah überrascht auf. "Sind Sie deswegen nicht an Bord der Enterprise?"

 

Spock nickte, nicht wirklich erstaunt über die schnellen Schlussfolgerungen des anderen.

 

Ein plötzlicher, stechender Schmerz in seinem Kopf ließ ihn nach Luft schnappen. Sofort stützte Silen ihn.

 

Spock ließ es geschehen und konzentrierte sich auf die Quelle der unangenehmen Empfindungen.

Erstaunt stelle er fest, dass es der ruhende Link zu Jim war.

 

//JIM?//

 

//Spock? Bist du das wirklich?//

 

Ein Schwall allzu menschlicher Erleichterung spülte durch das Band und Spock schnappte unwillkürlich nach Luft. Dann konzentrierte er sich auf das wieder stärker präsente Gefühl der Bedrohung.

 

//Was ist geschehen, Captain?//

 

//Komm sofort zurück. Es ist lebenswichtig.//

 

//Ich kann nicht. Ich habe eben erfahren...//

 

//Nicht jetzt. Komm sofort zurück!//

 

Spock stutzte kurz. War das wirklich Jim? Er war sich einen Moment lang nicht sicher, doch dann spürte er das vertraute Bewusstsein.

 

//Unbekannte Lebensformen halten sich auf Vulkan auf und haben dort vermutlich eine Krise ausgelöst.//

 

//Ich weiß. Ich kenne den Ursprung der Wesen. Komm zurück... zu mir.//

 

Spock spürte, wie sehr die Aufrechterhaltung der Verbindung den Menschen schwächte. Kirk war kein Telepath im eigentlichen Sinn, obwohl Spock einen sehr hohen, jedoch ruhenden Psiquotienten vermutete. Allein schon Kirks legendäre Intuition und Menschenkenntnis ließen darauf schließen.

 

Und er war in keiner Weise ausgebildet, diesen Teil seines Bewusstseins zu nutzen. Dass er es dennoch geschafft hatte, ihn, Spock, über dies Distanz zu erreichen, grenzte an ein kleines Wunder.

 

Langsam löste sich das Band und kehrte wieder in den kaum wahrnehmbaren, ruhenden Zustand zurück.

 

Spock schüttelte kurz den Kopf, um die letzten Reste der durch die Mentalverschmelzung ausgelösten Desorientierung zu vertreiben und sah dann Silen an.

 

"Kommen Sie, Silen. Wir sollten so schnell wie möglich zur Enterprise aufbrechen."

 

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Spock überlegte kurz, ob er seinen Eltern eine Nachricht hinterlassen sollte, entschied sich dann aber dagegen.

Um so überraschter war er, als er die beiden an der Andockschleuse warten sah, die zu seinem Shuttle führte.

 

Sarek sah ihm ruhig entgegen.

"Ich nehme an, du verlässt die Station?"

 

Spock nickte knapp. "Ja."

 

"Hat Kirk dich auf telepatischem Wege aufgefordert zurückzukehren?"

 

Spock nickte erneut und beobachtete Sarek wachsam. Was wusste er?

War seine Reaktion in jenem Restaurant so offensichtlich gewesen?

 

Sarek ging nicht weiter darauf ein.

"Du erwähntest einen Auftrag Kirks. Hat er mit der Situation auf Vulkan zu tun? Mit dem Verschwinden verschiedener bekannter und/oder einflussreicher Personen?"

 

Spock hob eine Braue und musterte seinen Vater.

"Worauf beziehst du dich?"

 

"Ich habe Grund zu der Annahmen, dass eine noch unbekannte Macht einen politischen Umsturz und/oder politische Intrigen vorbereitet bzw. bereits angefangen hat durchzuführen."

 

Ohne eine weiteres Wort zu verlieren, bat Spock mit einer stummen, aber eindeutigen Geste der Hand um eine kurze Mentalverschmelzung, die ihm Sarek ohne Zögern gewährte.

 

Dann öffnete Spock den Zugang zum Shuttle und forderte seine Eltern und Silen mit einem Wink auf, einzutreten.

"Wir sollten uns besser später weiter unterhalten."

 

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Ende Teil 29

 

Teil 30