Durch Zeit und Raum

Disclaimer siehe Teil 1

Teil 23

 

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Kirk trat leise ein und setzte sich an Spocks Bett. Stumm starrte er auf seinen Freund. Ohne darüber nachzudenken, strich er sanft mit den Fingerkuppen über dessen Wange und Lippen. Dann verbarg er sein Gesicht in den Händen. Seine kräftige Gestalt beugte sich nach vorn.

Auch wenn Kirk nicht offen zugab, wie groß sein Kummer war, so verriet seine momentane Haltung doch alles.

 

Der Vulkanier schwebte noch immer in einem Zustand zwischen Bewusstlosigkeit, Agonie und Meditation, schlief jedoch im Moment. McCoy war in den vergangenen Stunden nicht von seiner Seite gewichen, bis Blight ihm irgendwann den Befehl gab zu schlafen.

 

Seit jenem Gespräch waren knapp fünf Stunden vergangen und die Deirdre war beinahe aufbruchsbereit. Blight hatte sämtliche offensive und defensive Systeme verstärken lassen. Die Sensoren waren so modifiziert, dass sie sofort auf die typische Signatur der Anomalien reagierten.

Die Mitglieder der Notbesatzung waren ausgewählt worden und waren bereits an Bord. Es waren ausnahmslos Freiwillige, da niemand wusste, ob und wann sie zurückkehren würden. Sogar einige der Studenten, die beim letzen Flug an Bord gewesen waren, meldeten sich.

 

Auch Kirk hatte sich gemeldet. Jetzt war er gekommen, um sich von Spock und McCoy zu verabschieden.

Nur noch er, Sarduk, Si'jsk und O'Brian fehlten um die Crew zu vervollständigen. Sobald sie an Bord waren, würden sie aufbrechen.

 

Plötzlich regte sich der Vulkanier. Eine ungewöhnlich kalte und verschwitzte Hand tastete nach den kühlen Fingern des Menschen.

Sofort ruckte Kirks Kopf hoch und er hielt die Hände seines Freundes fest.

 

"Spock?"

 

Als Antwort drückte Spock nur kurz Kirks Hand. Dann atmete er tief durch und öffnete die Augen. Etwas von seiner alten Kraft kehrte in ihn zurück.

 

"Jim."

 

"Ja, Spock. Ich bin hier."

 

Spock versuchte etwas zu sagen, doch er schaffte es nicht. Nach einigen angestrengten Atemzügen versuchte er es erneut.

Kirk beugte sich vor, um die nur geflüsterten Worte zu verstehen.

 

"Bitte Jim, töte mich."

 

Kirk prallte entsetzt zurück, suchte in dem erschöpften und völlig offenen Gesicht nach einer Erklärung.

 

"Das... das kann ich nicht, Spock. Und warum? Ich meine, warum sollte ich dich..."

Er brach hilflos ab.

 

Spock schloss die Augen. "Etwas ist... in mir... versucht mich zu... steuern... kontrollieren..."

 

Kirk nickte und löste behutsam eine Hand aus dem trotz allem überraschend festen Griff. Dann aktivierte er ein Notrufsignal über das Wandinterkom.

 

Spock schien gar nicht wahrzunehmen, dass im nächsten Moment McCoy und Sarduk hereinstürmten.

Ohne Spock aus den Augen zu lassen, erklärte Kirk knapp: "Spock ist halbwegs bei Bewusstsein, kämpft aber gegen etwas an. Er hat bestätigt, dass er von einer Entität beeinflusst wird. Ich dachte, wir haben jetzt vielleicht eine Chance, ihn davon zu befreien."

 

Im nächsten Moment schrie Spock schrill auf und Krämpfe schüttelten den schlanken Körper. Die Biosensoren im Bett gaben Alarm und wiesen blinkend auf die rapide fallenden Vitalwerte hin.

 

"Verdammt! Mach Platz, Jim!"

McCoy murmelte etwas vor sich hin und verabreichte Spock in rascher Abfolge mehrere Notfallmedikamente. Sarduk beugte sich über ihn. Mit einem festen Griff hielt er den wild hin und her pendelnden Kopf fest und drang mental in das Bewusstsein seines Vaters vor.

 

Er prallte mit einem Stöhnen zurück, versuchte es dann noch einmal. Diesmal hatte er mehr Glück. Spock wehrte sich zwar, doch er konnte den Kontakt vertiefen und gezielt steuern. Was er fand, erschreckte ihn mehr, als er es für möglich gehalten hatte.

 

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Wenige Augenblicke später war alles vorbei.

Zumindest schien es so.

 

Spock lag völlig ruhig. Nur sein sich unregelmäßig und nur leicht hebender und senkender Brustkorb zeigte an, dass er noch lebte. Sarduk war am Boden zusammengesackt und McCoy stand angespannt neben den beiden und beobachtete sie abwechselnd.

 

Kirk war zur Wand zurückgewichen, um so wenig wie möglich im Weg zu sein, und beobachtete alle drei.

 

Die Ruhe währte nur einen kurzen Moment.

 

Plötzlich bäumte sich Spock in einem stummen Schrei auf. Der Körper spannte sich wie eine Stahlfeder, die Hände krampften sich in das Laken und er hörte auf zu atmen.

Entsetzt beobachteten die beiden Menschen und der Heiler wie über dem Körper des Vulkaniers ein diffuses Schimmern sichtbar wurde. Es ähnelte dem Hitzeflimmern wie es an einem heißen Tag über trockenem Boden entstehen konnte.

Langsam löste sich das Wesen aus Spock. Es hatte eine annähernd humanoide Gestalt, doch die Körperform war fließend und durchscheinend. Sie wirkte als würde man einen nach menschlichem Abbild geformten Ausschnitt aus einem Wasserfall betrachten.

 

Sie waren wie gelähmt, konnten nur beobachten, wie das Wesen sich in der Luft schwebend *orientierte*. Es waren keine Augen oder andere Sinnesorgane erkennbar, dennoch hatten sie den Eindruck, es würde sich nach allen Seiten umsehen.

 

Langsam bewegte es sich nacheinander von einem zum anderen. Kirk zuckte zurück und er glaubte von eiskalten Tentakeln berührt zu werden als das Wesen direkt über ihm schwebte. Panik, gefolgt von Übelkeit und einem unerträglichen Druckgefühl im Kopf, erfasste ihn. Er konnte erst wieder atmen, als sich das Wesen von ihm zurückzog.

 

McCoy und Sarduk erging es nicht anders.

 

Dann... plötzlich... ließ sich das Wesen zu Boden gleiten und bildete dort eine Art bunt schillernde, semivisköse Pfütze. 

Noch immer wie betäubt beobachteten sie, wie es auf die Tür zufloss und dann durch den nur Mikrometer großen Spalt zwischen den beiden Türhälften verschwand.

 

Dann erst konnten sie sich wieder bewegen.

 

Kirk hechtete sofort zum Interkom, gab Eindringlingsalarm und informierte in knappen Worten Lt. O'Brian über die Geschehnisse. Der Sicherheitschef ließ sich mit seinen Leuten sofort in den genannten Bereich beamen.

 

Er kam zu spät.

 

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O'Brian starrte entsetzt auf das Bild, das sich ihm bot:

Die leblosen Körper von gut einem Dutzend Schwestern und Pfleger markierten den Weg, den das Wesen genommen hatte. Ein kurzer Scan bestätigte die allgemeine Vermutung, dass sich die Entität von Vitalenergie ernährte. In keiner einzigen Zelle der leblosen Körper war mehr ein Rest davon übrig. Der Tod war innerhalb von Sekundenbruchteilen eingetreten.

 

Doch wohin war es verschwunden?

 

Er schickte seine Männer in die verschiedenen Abteilungen und meldete sich dann bei Kirk, um weitere Information einzuholen, während er darüber nachgrübelte, warum die Männer im Krankenzimmer noch lebten.

 

Der Captain beachtete ihn zunächst nicht weiter. Statt dessen ließ er Spock und den um dessen Leben kämpfenden McCoy nicht aus den Augen. Sarduk kniete noch immer benommen am Boden.

 

O'Brian half ihm auf und führte ihn zu einem Stuhl. Dann füllte er ein Glas mit Wasser und drückte es ihm in die Hand. Sarduk trank ein paar Schlucke. Seine Hand zitterte so stark, dass er einen großen Teil verschüttete.

 

Er räuspert sich und lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück.

 

"Wir müssen sofort diese Energiequelle zerstören."

 

"Was?" Kirk hatte Sarduk trotz seiner Sorge um Spock und der vor Anstrengung nur leisen und rauen Stimme gehört. Er fuhr herum und beugte sich über Sarduk.

 

"Was wissen Sie?"

 

Ein Zischen verriet, dass noch mehr Personen hereinkamen. Kirk sah nur kurz hoch und atmete fast erleichtert auf, als er Si'jsk erkannte.

 

Sarduks Stimme klang kalt und leblos, als er, noch unter Schock stehend,  knapp Bericht erstattete.

"Das Wesen hat Spocks Körper verlassen und jagt jetzt über Camelon. Es sammelt genug *Energie* um den Planeten verlassen zu können und um zu jener Energiequelle zurückzukehren. Es handelt sich tatsächlich um den Ursprung jener Wesen. Sie sammeln und vermehren sich dort, schon seit Jahrzehnten, um sich zur endgültigen Invasion vorzubereiten. Das wäre das Ende allen Lebens in unserem Universum."

 

"Was bedeutet... es *sammelt Energie*?"

Si'jsk griff nach den Schultern seines Bruders und schüttelte ihn sanft. Er hatte einen fürchterlichen Verdacht, hatte die Toten im Gang gesehen.

"Sarduk? Hörst du mich?"

 

Der Heiler schwankte in seinem Stuhl. Er wäre gestürzt, hätte Si'jsk ihn nicht gehalten. Doch nach einem Moment hatte er sich wieder ein wenig unter Kontrolle.

Seine Schilde waren noch immer lückenhaft und so hatte er kaum eine Chance sich gegen die auf ihn einprasselnden Emanationen zu schützen.

Stumm sah er Si'jsk an, als Schmerz und Kummer sich in ihm verstärkten und unerträglich wurden. 

 

O'Brian merkte, dass Sarduk nicht antworten würde.

"Es tötet."

 

Kirk, der sich neben Spock auf die schmale Liege gesetzt hatte und unablässig die kalten Hände des Vulkaniers streichelte, sah auf.

 

"Warum hat es uns nicht getötet? Ich meine... wir waren doch direkt im Raum?"

 

"Es kann die T'hylaverbindungen nicht durchdringen. Sie haben uns das Leben gerettet. Und vermutlich war auch das der Grund, warum es Spock nur übernommen hatte, anstatt ihn zu töten oder zu hibernieren, wie so viele andere. Statt dessen hat es seinen Körper als Wirt benutzt und hat als eine Art Spion fungiert. Jetzt, da es entdeckt wurde, ist es geflohen und sucht nach einem neuen Wirt oder einer Möglichkeit, den Planeten zu verlassen um zu seinen Artgenossen bei der Energiequelle zu gelangen."

Sarduk sah zu Boden und schluckte hart, dann flüsterte er tonlos und abwesend. "Ich kann sie spüren... so viele Tote... so viel Leiden..."

 

Si'jsk richtete sich entschlossen auf und aktivierte seinen Kommunikator.

"Si'jsk an Deirdre. Notfall. Alle Personen in diesem Raum sofort an Bord beamen."

 

Im nächsten Moment erklang das vertraute disharmonische Sirren und die Realität verschwamm.

 

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"Hier spricht der Captain. Alarmstufe Rot. Wir müssen sofort den Orbit verlassen. Besetzen Sie sofort alle Notfallstationen."

 

Blights Stimme hallte durch das fast leere Schiff. Die USS Deirdre war für eine Besatzung von 120 Personen ausgelegt. Jetzt war nur eine Notbesatzung von 27 Personen an Bord: Das absolute Minimum, wenn alle wichtigen Stationen doppelt besetzt sein sollten. Der einzige, für den es keine Ablösung gab, war der Captain.

 

Daran dachte Sarduk, als er zusammen mit McCoy und Kirk den wieder bewusstlosen Spock in die Krankenstation brachte, während die auf höchster Belastung laufenden Triebwerke das Schiff zum Vibrieren brachten. Damit waren zwar zwei weitere Personen an Bord, doch es war unwahrscheinlich, dass sich Spock innerhalb der kurzen Zeit schnell genug erholen würde, um wirklich einen Posten besetzen zu können. Ein kurzer Seitenblick bestätigte ihm, dass auch McCoy und Kirk offensichtlich mehr als angeschlagen waren. Kein Wunder, wenn er bedachte, was er bei dem kurzen Mentalkontakt über das Wesen erfahren hatte.

 

Es ernährte sich von der Vitalenergie Lebender. Solange es ruhte, brauchte es nur wenig, doch wenn es aktiv wurde...

Sarduk wusste, dass es auf seiner Suche nach Nahrung mehrere Dutzend Personen getötet hatte. Instinktiv suchte er nach dem feinen Band, das alle vulkanischen Kinder mit ihren Eltern verband. Noch lebte Sorel, doch auch er schien mit dem Wesen Kontakt gehabt zu haben. Alles, was Sarduk von ihm wahrnahm war seltsam verzerrt und diffus.

 

Da Beatrice Gordon auch mit an Bord war, blieb der Junge allein auf Camelon zurück, doch sie hatten keine andere Wahl. Amanda und Sarek hatten zugesagt, sich um ihn zu kümmern. Doch nun, in dessen geschwächten Zustand, wäre es Sarduk lieber gewesen, sich selbst um seinen Sohn kümmern zu können. Voller Sorge intensivierte er die Verbindung.

 

Die Wucht der mentalen Agonie, die er plötzlich wahrnahm, raubte ihm die Sinne.

 

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Ende Teil 23

 

 

Teil 24