Durch Zeit und Raum

Disclaimer siehe Teil 1

Teil 21

 

<><><>

 

Das erste, was Si’jsk wahrnahm war Kälte, als er langsam aufwachte. Das Zweite war helles Sonnenlicht, dass durch das offene Fenster hereinschien, was wiederum die kalte Luft erklärte, die ihn frösteln ließ.

Mit einer Hand tastete er träge nach der Bettdecke und wurde im nächsten Moment in eine vorgewärmte, saubere Decke gehüllt.

 

Erst jetzt wurde er sich der unauffälligen Präsenz seines Partners in seinem Gedanken bewusst. Lächelnd drehte er sich um.

 

„Kevin.“

 

Blight lächelte ebenfalls und setzte sich auf die Bettkante. Dann küsste er ihn behutsam.

„Wie fühlst du dich?“

 

„Das sollte ich wohl eher dich fragen.“

Si’jsk musterte den Menschen. Blight wirkte erschöpft und etliche blaue Flecken und Kratzer zeugten von der unkontrollierten Leidenschaft  der  vergangenen Stunden.

 

Blight lächelte noch breiter und drückte ihm ein Glas mit Wasser an die Lippen.

„Trink erst mal was. Wenn du in einer ähnlichen Verfassung bist wie ich, als ich aufwachte, dann brauchst du jetzt etwas zu trinken, eine heißes Bad, etwas zu essen und einige dieser Wunder vollbringenden Salben deines Bruders. In genau dieser Reihenfolge.“

 

Si'jsk leerte das Glas und nickte dann. „Hört sich gut an.“

 

Er strich die Decke zurück und stand auf. Blight stützte ihn, als völlig überbeanspruchte und geschwächte Muskeln nachgaben und der Vulkanier taumelte.

Er hob überrascht eine Braue.

„Offensichtlich ist mein Zustand schlechter, als ich vermutet habe.“

 

Blight nickte. „Sarduk wies mich darauf hin. Er meinte, da ich mich bereits wieder erhole wäre es gut möglich, dass du durch das Band unsere Körper nicht unterscheiden könntest und deine Kraft überschätzt.“

 

„Moment mal! Ich dachte du bist der eigentlich Schwächere von uns beiden. Das hört sich jetzt gar nicht so an.“

 

„Frag Sarduk nach den Details. Er war vorhin da, als du noch schliefst und hat nach uns gesehen. Dabei erklärte er mir, dass sich zwischen uns ein extrem seltenes und sehr starkes Band gebildet hätte. Das hängt wohl mit meiner bisher unentdeckten Telepathie zusammen.“

 

Si’jsk nickte nachdenklich und ließ zu, dass Kevin ihn mit sanftem Nachdruck ins Bad führte. „Trotzdem verstehe ich nicht...“

 

Kevin ließ heißes Wasser in die Badewanne laufen und fügte einige heilkräftige Öle hinzu, die er ebenfalls von Sarduk erhalten hatte und von deren Wirksamkeit er sich bereits hatte überzeugen können.

„Du hast dem Pon farr über Monate hinweg getrotzt und zum Schluss mehrmals diese Drogen genommen, die auch nicht gerade harmlose Nebenwirkungen haben. Du bist schlichtweg erschöpft, Si’jsk. Ich hingegen war fit und ausgeruht.“

 

Si’jsk betrachtete etwas skeptisch einige bereits grünlich schimmernde Blutergüsse auf der Hüfte des Menschen.

„Dennoch... Ich habe dich verletzt.“

 

Kevin, der gerade mit der Hand die Wassertemperatur überprüft hatte, richtete sich auf und drehte sich um.

Er nahm den sichtlich niedergeschlagenen Vulkanier in die Arme.

„Ich habe es genossen - jede deiner Berührungen. Und ich mag es durchaus, etwas härter angefasst zu werden. Also hör jetzt bitte damit auf dir unnötige Vorwürfe zu machen und küss mich lieber!“

 

Das ließ sich Si'jsk nicht zweimal sagen und erfüllte den Wunsch seines Partners und Geliebten.

 

Schließlich löste er sich von Kevin und warf einen Blick auf das dampfende Wasser.

„Möchtest du mit mir baden?“

 

Kevin schüttelte lachend den Kopf, wieder einmal angenehm überrascht von Si’jsk. Der Vulkanier war geradezu süchtig nach seinen Berührungen und seiner Nähe und Kevin  fragte sich, ob dies ein Nacheffekt des Pon farr war oder von ihrem Band herrührte. Zwar konnte er den Unterschied zu vorher nicht benennen, doch fühlte er, dass sich etwas geändert hatte.

 

„Nein, das wäre keine gute Idee. Das Wasser ist zu heiß für mich und es wäre zu eng für dich, um dich wirklich zu entspannen. Ich werde dir in der Zwischenzeit lieber etwas zu Essen bestellen und Sarduk informieren. Er will dich kurz untersuchen.“

 

Si’jsk fügte sich ergeben.

 

<><><>

 

Sarduk hatte durch die Transponder bereits erfahren, dass Si’jsk aufgewacht war und war bereits erneut auf dem Weg zu dessen Wohnung, als ihm sein Sohn über den Weg lief.

 

Entgegen aller Befürchtungen hatte sich Sorel sehr schnell erholt und dann problemlos unter den Menschen eingelebt. Innerhalb weniger Wochen lernte er genug Föderations-Standard um sich problemlos verständigen zu können und der wissbegierige und intelligente Junge war überall gern gesehen.

 

Sarduk hatte es selbst übernommen ihn zu unterrichten. Es war eine durchaus gängige Praxis und hier auf Camelon fast eine Notwendigkeit, da es keinen organisierten Unterricht für die Kinder der vulkanischen Flüchtlinge gab.

 

Seine Freizeit - wenn Sarduk und T’Ric in der Klinik waren - verbrachte Sorel irgendwo auf dem Gelände der Akademie. Er fand immer jemanden, der ihm seine zahllosen Fragen beantwortete. In letzter Zeit allerdings hatte er angefangen zu reiten und nutzte die neue Unabhängigkeit zu weiten Streifzügen in die umliegende Gegend. Nicht selten kam er dabei mit Schrammen und Blutergüssen zurück.

 

So auch diesmal.

 

Sarduk seufzte leise,  als er das zerzauste und schmutzige aber sichtlich glückliche Kind betrachtete. Sorel kam winkend nähergelaufen und blieb dann vor seinem Vater stehen.

 

Erst jetzt bemerkte Sarduk die Blutflecken auf der Kleidung seines Sohnes.

„Du bist verletzt?“

 

Sorel nickte geknickt und sah respektvoll zu Boden.

„Ja, Vater“, antwortete er kleinlaut. „Ich habe meine Kraft unterschätzt und konnte mich nicht halten, als das Pferd durchging.“

 

„Du hast die Kontrolle über das Pferd verloren und bist gestürzt“, übersetzte Sarduk und seufzte lautlos. Es war nicht das erste Mal.

„Ich möchte, dass du erst wieder in unwegsamen Gelände reitest, wenn du deine Fähigkeiten verbessert hast.“

 

Während er sprach, kniete er sich vor seinen Sohn und unterzog ihn einer kurzen aber nicht weniger gründlichen Untersuchung.

„Hast du dir etwas gebrochen?“

 

„Nein.“ Sorel schüttelte den Kopf. „Einige Prellungen und eine Platzwunde am Arm und einige Schrammen am Bein.“

 

„Du hast deine Verletzungen richtig erkannt. Eine Gehirnerschütterung?“

 

„Nein.“

Sorel sah fragend zu seinem Vater auf.

 

„Geh zu T’Ric in die Klinik. Sie wird sich um deine Verletzungen kümmern. Und dann geh nach Hause und bearbeite den nächsten Lernabschnitt in den Logik-Paradigmen von T’Veen.“

 

Sorel nickte. Die Werke der Kohlinahru T’Veen waren eine Pflichtlektüre und gleichzeitig sein am wenigsten geliebter Unterrichtsstoff. Nun, auf diese Weise würde er *diese* Lektion recht schnell hinter sich haben.

 

Sarduk spürte Sorels Gedanken durch das feine Band das alle vulkanische Eltern mit ihren Kindern teilen und unterdrückte ein Lächeln, während er dem davoneilenden Kind nachsah.

 

Dann setzte er seinen ursprünglichen Weg fort.

 

<><><>

 

Während sich Si'jsk in dem heißen Wasser entspannte, stellte Blight einen üppigen Imbiss für den Vulkanier zusammen. Er wusste in etwa, was Si'jsk mochte und sorgte dafür, dass davon reichlich vorhanden war.

 

Dann fiel sein Blick auf den bislang unbeachtet gebliebenen Ausdruck auf dem Schreibtisch. Die Ergebnisse von Sevrins Nachforschungen...

 

Neugierig setzte er sich und überflog den detaillierten Bericht. Er nickte anerkennend. Sevrin war wirklich gründlich vorgegangen und hatte offenbar noch nach zusätzlichen Informationen gesucht.

 

Doch je weiter er las, um so mehr verdüsterte sich sein Gesichtsausdruck. Er war so vertieft in seine Lektüre, dass er Si'jsk erst bemerkte, als ein Wassertropfen aus dem noch feuchten Haar des Vulkaniers auf die Datenfolie tropfte, als sich dieser über seine Schulter beugte.

 

"Schlechte Nachrichten?"

 

Blight nickte stumm und reichte Si'jsk die Folie. "Ließ selbst."

 

Der Vulkanier las und lies dann den Ausdruck sinken. Ihre Augen trafen sich.

 

"Bist du wieder okay?"

 

Si'jsk nickte zögernd. "Einigermaßen. Das Pon farr ist noch nicht restlos vorbei, aber solange ich in deiner Nähe bleiben kann, dürfte ich keine Probleme haben, es zu kontrollieren."

 

Blight stand entschlossen auf, streifte seinen Morgenmantel von den Schultern und schlüpfte in die frische Uniform, die Sarduk ihm mitgebracht hatte.

"Dann sollten wir die anderen zusammentrommeln und sehen, dass wir etwas unternehmen. Solange wir noch können."

 

 <><><>

 

Sorel wusste ganz genau, wo er T'Ric finden konnte. Er mochte die menschliche Frau und vertraute ihr, zumal sie ihm stets freundlich und sanft erschien. Ganz anders als es seine Mutter gewesen war.

 

Entgegen seiner Erwartung war sie jedoch nicht in ihrem Büro in der Klinik. Eine der Krankenschwestern schickte ihn zur Intensivstation.

Als er schließlich dort ankam, blutete die Platzwunde an seinem Bein stark und ihm wurde langsam schwindelig. Zögernd klopfte er an die geschlossene Tür. Er wusste, dass er nicht so einfach reingehen durfte.

 

Ein fremder Mann öffnete ihm und rief dann nach T'Ric, als er seinen Zustand bemerkte.

 

"Um Himmels Willen, Sorel! Was ist dir passiert?"

Sofort war T'Ric bei ihm und führte ihn zu einer der Krankenliegen. Routiniert zog sie ihn bis auf die Unterwäsche aus und untersuchte die Schrammen.

 

"Ich bin vom Pferd gestürzt," berichtete Sorel kleinlaut und sah sich neugierig um. Er war noch nie in dem Raum gewesen und die vielen medizinischen Geräte schüchterten ihn ein wenig ein. Auch die ernsten Mienen der anderen Menschen in dem Raum konnte er nicht richtig deuten.

Er warf einen Blick auf den Vulkanier auf der andere Liege. Sevrin. Sorel war ihm einige Male begegnet, doch außer einem höflichen Gruß hatten sie noch nicht miteinander gesprochen. Aber er hatte ein Gespräch zwischen seinem Vater und T'Ric aufgeschnappt, in dem es um diesen Vulkanier gegangen war. Um sich von den irritierenden Untersuchungen abzulenken, versuchte er sich auf die Erinnerung an das Gehörte zu konzentrieren.

 

"Sorel? Ist dir schwindelig oder siehst du ein merkwürdiges Flimmern?"

 

Der Junge drehte den Kopf. T'Ric stand direkt neben ihm, doch ihre Stimme schien von sehr weit her zu kommen. Er wollte es ihr sagen, doch es fiel ihm schwer Worte zu formulieren.

 

Dr. Gordon sah die unsicheren Bewegungen des Kindes und konnte den verwirrten Blick sofort deuten. Sie lud ihren Injektor mit einem Medikament und verabreichte es ihm. Dann beobachtete sie die sich langsam stabilisierenden  Bioanzeigen.

 

"Stimmt etwas nicht?" McCoy sah ihr über die Schulter und betrachtete abwechseln den Jungen und den Diagnosemonitor.

 

"Es ist nichts, was ich nicht erwartet hätte. Sorel hat sich eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen. Bei vulkanischen Kindern setzen die typischen Symptome zeitversetzt, aber dafür verstärkt ein."

 

Sie deckte Sorel zu und strich ihm beruhigend übers Haar. "Schlaf jetzt, Sorel-kam. Ich werde Sarduk informieren."

 

"Vater weiß es schon", murmelte Sorel bereits mehr schlafend als wach.

 

"So so." Gordon schmunzelte und verabreichte ihm eine weitere Dosis des Medikaments.

 

"Womit behandeln Sie ihn?"

 

Gordon reichte ihm die leere Injektorpatrone. "Ein sanftes Beruhigungsmittel und etwas, das seine mentalen Fähigkeiten reduziert. Vulkanische Kinder reagieren auf eine Gehirnerschütterung durch öffnen ihrer mentalen Barrieren. Auf Vulkan ist das kein Problem, doch hier - umgeben von unkontrollierten Menschen - würde es ihn nur zusätzlich belasten unseren Emotionen ausgesetzt zu sein. Also habe ich ihm ein Beruhigungsmittel gegeben, dass seine Wahrnehmung herabsetzt bis er sich erholt hat. Das geht sehr schnell. Morgen wird er schon wieder auf den Beinen sein."

Dann wies sie eine der Schwestern an, den Jungen im Nachbarzimmer unterzubringen.

 

McCoy nickte. Er hatte einen ähnlichen, wenn auch nicht so deutlichen Effekt schon bei Spock beobachtet.

Das Piepsen eines Analysegerätes erinnerte ihn an die Untersuchungen, die er noch bei Spock hatte durchführen wollen.

 

Kirk, der mit seinem Stuhl inzwischen an Spocks Bett saß, sah ihn fragend an.

"Neue Erkenntnisse?"

 

McCoy schüttelte resigniert den Kopf, als er die Ergebnisse des letzten Tests las.

"Nicht direkt. Ich weiß jetzt zumindest, dass es keine organische Lebensform sein kann, die diesen Effekt in Spock hervorruft."

 

Kirk rieb sich müde über das Gesicht. "Aber irgendetwas muss doch die Erinnerungen blockieren! Dr. Gordon hat einen Einfluss von außen ausgeschlossen, du schließt nun eine organische Lebensform aus. Was ist es dann für ein Ding, das ihn so quält?"

 

"Ich weiß es nicht." McCoy sah einen Moment lang auf den sichtlich erschöpften Spock. Er war noch immer bewusstlos, doch sein Körper zuckte und bewegte sich unentwegt, so als kämpfe er mit einem unsichtbaren Feind. Der Kopf des Vulkaniers war zurückgeworfen; die eleganten Gesichtszüge waren in einer Mischung aus Schmerz und Entsetzen verzerrt.

 

McCoy seufzte leise. Er wusste, wie sehr Spock es hasste derartig hilflos und ausgeliefert zu sein. Doch er hatte jeden Test, jede Untersuchung durchgeführt die ihm einfiel.

Mehr um etwas zu tun, als dass er sich wirklich etwas davon erhoffte, justierte er seine Medotrikorder neu und ließ ihn ein weiteres Mal über den bebenden Körper wandern.

 

Dann starrte er verblüfft auf das Ergebnis des Scans.

 

<><><>

 

Ende Teil 21

 

Teil 22