Durch Zeit und Raum

Disclaimer siehe Teil 1

Teil 19

 

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Sevrin betrat fast ehrfürchtig die Brücke und blieb gerade so weit außerhalb der Türsensoren des Turboliftes stehen, dass sich diese wieder schlossen. Still sah er sich um. Sein Blick wanderte über die verschiedenen, momentan unbesetzten Konsolen, den dunklen Hauptschirm, den Befehlsstand in der Mitte.

 

Kirk ließ ihn keine Sekunde aus den Augen. Er hatte gehofft, dass es dieser Anblick war, der etwas ändern würde. Doch wie es schien, machte die Brücke genauso wenig Eindruck auf Spock wie es die Labors getan hatten. Er seufzte leise.

 

Langsam, völlig in Gedanken versunken, wandte sich Sevrin nach rechts und ging an der Kommunikationsstation vorbei. Er ignorierte sie völlig. An der wissenschaftlichen Station blieb er unvermittelt stehen.

 

Sevrins Blick wanderte über die vertraut erscheinende Konsole. Er schloss die Augen und ließ abermals zu, dass die verdrängten, stets dicht unter der Oberfläche das greifbaren lauernden, Bilder und Erinnerungsfragmente an Deutlichkeit gewannen.

 

Was er *sah* ließ ihn taumeln.

 

„Sevrin? Alles in Ordnung?“

Kirk legte eine stützende Hand auf die Schulter des Vulkaniers.

 

Sevrin sah auf die Hand hinab. Kirk, dem plötzlich Spocks Abneigung gegen Berührungen einfiel machte Anstalten sie mit einer gemurmelten Entschuldigung zurückzuziehen.

 

Sevrin hielt ihn mit einer unerwartet schnellen Bewegung fest.

„Jim.“

 

Kirk sah von ihren Händen zu Spocks Gesicht. In der Mimik des Vulkaniers waren seine Emotionen offen sichtbar. Verwirrung, Staunen, Furcht und Erleichterung wechselten sich in schneller Folge ab.

 

Zu bewegt um seiner Stimme zu trauen, nickte Kirk nur. Erinnerte sich Spock?

 

Der Vulkanier schwieg lange, hielt während der ganzen Zeit Kirks Hand fest. Durch den körperlichen Kontakt konnte er ähnlich wirre Emotionen in dem Menschen wahrnehmen. Und er teilte auch dessen Erinnerungsbilder, die seinen eigenen so sehr glichen und damit die letzten Zweifel ausräumten. Was auch immer geschehen war: Er war Spock! Sevrin war nur ein Phantasie, ein erschaffenes Lebewesen.

 

Ruhig betrachtete Spock die Bilder und Fragmente aus Kirks Bewusstsein. Es hatte sich eine mentale Brücke gebildet, doch sie war zu schwach, als dass Kirk sie hätte wahrnehmen können.

 

Es waren Spiegelbilder seiner eigenen Erinnerungsfetzen: Die namenlosen Gesichter seiner Alpträume erhielten Namen, Erlebtes erhielt eine Bedeutung und einen Zeitrahmen. Und immer wieder sah er sich und Kirk: Auf der Brücke, bei Missionen, beim Schachspiel, bei gemeinsamen Mahlzeiten und - diffuser und weniger deutlich erkennbar - bei intimeren Momenten in einer der Kabinen.

 

Plötzlich wurde ihm klar, warum ihm eine Partnerschaft zwischen Si’jsk und Blight als völlig logisch erschienen war: Es existierte offenbar eine vergleichbare Beziehung zwischen ihm selbst und Kirk. Doch die Unschärfe der Erinnerungsbilder verwirrte ihn.

Waren es reale Ereignisse oder Wunschphantasien, deren Abbild er sah? Sevrin wusste es nicht, aber er musste Gewissheit haben.

 

Seine Stimme klang rau, als er leise fragte: „Jim... Welche... Art von... Beziehung verband uns?“

 

Kirk schluckte. Ihm war klar, dass Spock seine Gedanken wahrnahm. Es konnte gar nicht anders sein. Sah er auch jene verborgenen Träume und Wünsche, die er auszusprechen nie gewagt hatte?

War da noch etwas von dem, was *Spock* einst war in Sevrin? Er wollte ihn nicht belügen. Spock brauchte Wahrheiten, auch wenn es ihm schwer fiel, alles offen zu legen.

 

„Wir waren Freunde.“

 

„Freunde?“ Spock sah kurz zu Boden, dann wieder in die goldbraunen Augen Kirks. Was er dort sah, gab ihm den Mut weiter zu fragen.

„Nur... Freunde?“

 

Kirk überspielte seine Unsicherheit mit einem Lächeln. Würde er Spock nun wieder verlieren? Wie dachte der Vulkanier über Dinge wie diese? Er wollte nichts mehr verbergen.

„Vielleicht war da mehr, doch wir sprachen nie darüber. Ich selbst... Ich empfinde weitaus mehr für dich.“

 

Spock nickte leicht, als hätte er die Antwort auf eine ungestellte Frage erhalten. In den letzten Tagen hatte er gelernt, nicht mehr auf das zu achten, was sein Verstand ihm riet, sondern allein auf seine Intuition zu vertrauen. Sie war es auch, die ihn nun leitete.

 

Ihre Blicke trafen sich und im nächsten Moment war es unwichtig, ob jene Erinnerungsfragmente einst Realität oder Wunschdenken gewesen waren.

Nur das hier und jetzt zählte, als ihre Lippen sich trafen.

 

Es war nur ein sanfter, zärtlicher Kuss, der dennoch beide atemlos zurückließ. Sie sahen sich schweigend an und trennten sich dann in stillem Verständnis.

Sie brauchten beide noch Zeit.

 

Spock straffte die Gestalt und richtete sich auf.

„Ich würde gern meine Kabine sehen. Vielleicht gibt es dort etwas, das die Erinnerungen deutlicher werden lässt.“

 

Kirk nickte, noch immer von seinen Emotionen zu sehr überwältigt, um seiner Stimme zu trauen.

 

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Spock sah sich schweigend in der nur dämmrig erhellten Kabine um.

Die roten Samtvorhänge an einer Wand erschienen ihm vage vertraut. Die kleine Figur des Feuerwächters stand stumm und dunkel in der Meditationsnische, die dunkle Robe lag ordentlich gefaltet auf der Matte am Boden.

 

Sein Schreibtisch war bis auf den Bildschirm leer. An den Wänden hingen alte vulkanische Waffen und einige kostbare Kunstgegenstände standen auf einem Regal an der Wand über einer kleinen Sitzgruppe.

 

Alles schien vage vertraut und gleichzeitig fremd. Spock seufzte lautlos. Der kurze Moment auf der Brücke, als er glaubte nur die Hand ausstrecken zu müssen, um alle Rätsel um seine Person lösen zu können, war verschwunden.

 

Er sah kurz zu Kirk, der schweigend beim Eingang stehen geblieben war und ihn stumm betrachtete. Der Mensch nickte ihm auffordernd zu.

 

Spock drehte sich wieder um und wollte zu seinem Schreibtisch gehen. Dabei fiel sein Blick auf eine, auf einem Stuhl liegende, ordentlich gefaltete Uniform.

Zögernd ging er hin und nahm sie auf. Eine schwarze Hose und ein blaues Oberteil. Sein Blick huschte zu Kirk, der mit einer ähnlichen Kombination bekleidet war. Nur die Farbe seines Oberteils war anders: Es war golden.

 

Blau und Gold. Dazu das helle Schimmern der weißen, leicht gebogenen Wände  draußen im Gang.

Spock schloss überwältigt die Augen, als er nun auch diese Erinnerungsbilder aus seinen Alpträumen wieder besser zuordnen konnte. Es war wirklich wahr!

Aus einem Impuls heraus zog er seine Tunika aus und streifte sich das blaue Uniformhemd über. Dann öffnete er eine Schranktür und warf einen Blick in den innen daran angebrachten Spiegel.

 

Ein Schauer jagte durch seinen Körper und er hielt unwillkürlich die Luft an.

Seine Finger verkrampften sich und krallten sich in die Uniform. Blut rauschte in seinen Ohren und er begann keuchend nach Luft zu ringen, als sein Brustkorb plötzlich wie zugeschnürt schien.

 

„Spock! Was ist?“

Kirk eilte zu ihm und stützte den schwankenden Vulkanier. Vorsichtig führte er ihn zum Bett und half ihm sich hinzulegen. Dann holte er eilig aus dem Badezimmer einen feuchten Waschlappen und tupfte damit Spocks Gesicht ab.

 

Der Vulkanier lag, noch immer nach Luft ringend, mit geschlossenen Augen auf dem Bett und ließ es geschehen.

Er begriff nicht, was mit ihm los war. Er fühlte sich, als würde ihn etwas erdrücken. Der Druck auf seiner Lunge verstärkte sich und stechende Schmerzen kamen hinzu. Es war als würde er ertrinken.

 

Fast panisch ruckte er hoch und setzt sich auf. Blut rauschte in seinen Ohren und der Puls dröhnte in seinem Körper. Vor seinen Augen bildeten sich dunkle Schleier und nahmen ihm die Sicht. Er zitterte unkontrolliert und rief einen Namen, der ihm Sicherheit versprach, tastete hektisch nach der Hand des Menschen.

 

Im nächsten Moment spürte er die beruhigende Wirkung eines kurzen telepathischen Kontaktes. Sein Blick klärte sich und er erkannte Dr. Gordon, die ihn besorgt musterte.

 

„Atmen Sie so ruhig wie möglich, Sevrin. Es besteht keine Gefahr.“

Er hörte ihre Anweisungen sowohl akustisch als auch über den immer noch bestehenden Kontakt telepathisch. Mühsam konzentrierte er sich und schließlich gelang es ihm etwas ruhiger zu werden.

 

Die Ärztin löste den Kontakt, richtete sich auf und ließ ihren Medoscanner über seinen Körper wandern.

„Okay... der Kreislauf stabilisiert sich. Und nun erzählen Sie mal, was passiert ist, Kirk.“

 

Kirk stand recht hilflos daneben. Ohne den Blick von Spock abzuwenden, oder dessen plötzlich eiskalte Hand loszulassen, berichtete er in knappen Worten von dem Rundgang durch die verschiedenen Sektion des Schiffes. Dann deutete er auf die Uniform, die Spock noch immer trug.

 

„Er zog das Uniformhemd an und sah in einen Spiegel. Er wusste ganz genau, wo er einen finden konnte.  Dann wurde er blass, rang nach Atem und fing an zu schwanken. Ich habe ihm geholfen sich hinzulegen, bin dann ins Bad gelaufen um ein feuchtes Tuch zu holen und um Sie zu benachrichtigen. Als ich wieder zu ihm kam lag er völlig verkrampft und keuchend auf dem Bett.

 

Gordon betrachtete kurz die Uniform.

„Hm... Sevrin? Hören Sie mich?“

 

Sevrin nickte mühsam und zwang sich, die Augen zu öffnen. Gordon wartete geduldig, bis es ihm gelang sie anzusehen.

„Hat der Anblick der Uniform den Anfall ausgelöst?“

 

„Ja.“

 

„Was war das für ein Anfall?“ mischte sich Kirk besorgt ein. „Epilepsie?“

 

„Nein.“ Die Ärztin schüttelte energisch den Kopf. „Epilepsie ist bei Vulkaniern unbekannt, weil die Gehirnregionen völlig anders angeordnet sind als bei Menschen. Es war ein simpler Schock, aber auch noch etwas anderes, was ich momentan nicht bestimmen kann. Die metabolischen Werte erscheinen mir seltsam.“

 

„Er ist kein reinblütiger Vulkanier.“

 

„Ich weiß. Dennoch erhalte ich Werte, die keinen Sinn ergeben.“

Sie wandte sich wieder zu Spock um, der mit geschlossenen Augen wieder ruhig dalag.

„Sevrin, hören Sie mich?“

 

Spock nickte leicht. „Sie alle haben Recht. Ich bin Spock und ich weiß jetzt, dass *Sevrin* niemals Realität war. Dennoch ist es...“

Er verstummte, hilflos und verwirrt.

 

„... nur schwer zu verstehen, nicht wahr?“ Dr. Gordon musterte ihn mitfühlend und half ihm, sich aufzusetzen.

„Wie sollen wir Sie ansprechen?“

 

Spock sah kurz zu Kirk. „*Spock* erscheint mir angemessen. Auch wenn mir der Name noch unvertraut ist. Es ist logisch, dass ich mich daran gewöhne.“

 

„In Ordnung. Ich werde die anderen entsprechend informieren. Aber jetzt würde ich Sie gerne zu ausführlicheren Untersuchungen in die Klinik bringen. Sind Sie in der Lage zu stehen? Ihr Kreislauf ist noch immer instabil.“

 

„Es wird gehen.“

 

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Blight dehnte sich vorsichtig und gönnte sich einen Moment Ruhe. Etwas zu trinken und eine Dusche war genau das, was er jetzt brauchte.

Ein Blick zu Si’jsk bestätigte ihm, was er über ihr Band ebenfalls wahrnahm: Sein Partner schlief tief und erschöpft.

 

Blight grinste schief und kletterte aus dem völlig verschwitzten und von den Spuren ihrer Leidenschaft leicht feuchten Bett. Es wäre sicher eine gute Idee, die Bettwäsche zu wechseln, überlegte er, während er sich unter die Dusche stellte und eine angenehme heiße Temperatur einprogrammierte.

 

In gewissem Sinn hatte Sarduk Recht gehabt, als er ihn vor Si’jsk Temperament gewarnt hatte: zu Beginn war sein Partner wirklich alles andere als sanft gewesen. Zu sehr hatten Instinkt und biologische Zwänge sein Handeln beeinflusst. Doch sobald der erste Hunger gestillt war, hatte Si’jsk wieder etwas Kontrolle über sich zurückgewonnen und war behutsamer vorgegangen - wenn auch nicht weniger leidenschaftlich.

 

Unzählige Kratzer, blaue Flecken und einige Bissmale an Schultern und Hals bezeugten das, wie Blight mit einem kurzen Blick in den Spiegel feststellte. Es störte ihn nicht. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass er durchaus an gewissen Stellen wund war.

 

Genießerisch schloss er die Augen und hielt das Gesicht in den Wasserstrahl.

Er hatte die vergangenen Stunden voll ausgekostet und bedauerte es fast ein wenig, dass Si’jsk wohl erst in rund sieben Jahren wieder derartig fordernd und leidenschaftlich sein würde.

 

„Glaubst du das wirklich?“

 

Blight fuhr herum und sah das lächelnde Gesicht seines Geliebten direkt vor sich.

Si’jsk stellte sich ebenfalls unter die Dusche und ließ das heiße Wasser über seinen nackten Körper laufen. Er war in keinem besseren Zustand als Blight, wie dieser erstaunt feststellte. War er das gewesen?

 

Si’jsk nickte nur stumm und zog ihn an sich. „Und ob du das warst. Wie es scheint, hat auch dich das Pon farr mitgerissen.“

 

Er küsste Blight zärtlich und griff dann nach dem Duschgel.

„Dreh dich um“, raunte er leise während seine Blicke hungrig und bewundernd zugleich über den Körper des Menschen glitten.

 

Blight gehorchte. Die warme Stimme und die Ahnung des Kommenden hatten ihn bereits wieder erregt. Er stöhnte leise, als die heißen, seifigen Hände sanft über seinen Rücken strichen und begannen die verspannten Muskeln zu massieren.

Si’jsk vollbrachte wahre Wunder mit seinen Händen und Blight überließ sich ihm völlig.

 

Si’jsk fiel es nicht leicht, sich zu beherrschen, als er sowohl mental als auch sehr deutlich sichtbar Blights Erregung wahrnahm. Seine Hände glitten über den kräftigen männlichen Körper, erforschten die kühle Haut.

 

Blight wand sich unter seinen Berührungen und bot sich ihm schließlich erneut dar. Er wollte ihn. Es war ihm egal, dass er wund war und später vermutlich seine eigene Begierde verfluchen würde.

 

Dann spürte er, wie Si’jsk ihn ein weiteres mal nahm. Er schrie in einer Mischung aus Schmerz und Lust auf und drängte sich gegen den Eindringling.

 

Plötzlich war aller Schmerz wie ausgelöscht und eine unbändige Hitze und strahlend helles Licht breitete sich in seinem Bewusstsein aus. Si’jsk verharrte reglos hinter ihm, den Kopf zwischen seine Schulterblätter gepresst, die Hände umspannten seine Hüften wie Schraubstöcke.

 

Der Vulkanier wimmerte leise, als der Drang endgültig eins mit dem Menschen zu werden übermächtig wurde. Aber Blight war noch nicht so weit!

 

Mit einem Aufschrei riss er sich von ihm los und stürmte aus dem Bad.

 

Blight verharrte einen Augenblick lang völlig verwirrt, als die Helligkeit in seinem Bewusstsein gleichzeitig mit Si’jsk verschwand. Dann eilte er dem Vulkanier nach.

 

„Was.... Si’jsk? Was ist los?“

 

Der Vulkanier lag zitternd auf dem Bett, das Gesicht ins Kissen gedrückt, die Hände ins Laken gekrallt.

„Berühr mich nicht!“ befahl er mit rauer Stimme und wandte den Kopf ab.

 

Blight spürte, dass er sich nicht würde beherrschen können und wollte es auch gar nicht. Der lang ausgestreckte nackte Körper des Vulkaniers war viel zu aufreizend für ihn, so wie er da bäuchlings und mit leicht gespreizten Beinen dalag.

 

Ohne zu zögern kniete er sich hinter ihn und nahm ihn mit einer einzigen entschlossenen Bewegung. Er wollte Si’jsk. Er wollte diese Wärme, dieses Leuchten und diesen Körper wieder und wieder spüren!

 

Si’jsk schrie auf, als er Blight so unerwartet in sich spürte. Der letzte Rest seiner Selbstbeherrschung zerbarst und hilflos spürte er wie sich ein untrennbares T'hyla-Band zwischen ihnen formte während ihre Körper ins Blutfieber fielen.

 

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Ende Teil 19

 

 

Teil 20