Durch Zeit und Raum

Disclaimer siehe Teil 1

Teil 15

 

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Sternzeit 4964,1: Camelon

 

„Spock!“

Sevrin sah auf. Der überraschte Ausruf schien ihm zu gelten.

 

Ein älterer Vulkanier und eine menschliche Frau waren an den Tisch getreten und sahen ihn mit einer Mischung aus Überraschung und Freude an. Er kannte sie nicht.

Sarek schien als erster zu begreifen, dass etwas nicht stimmte.

 

„Du...Sie wissen nicht, wer ich bin, nicht wahr?“ Seine Stimme war völlig ausdruckslos, doch Sevrin konnte die Verwirrung darin wahrnehmen.

 

„Nein, es tut mir leid.“

 

Die Frau unterdrückte ein bitteres Schmunzeln, hatte sich jedoch bemerkenswert gut  in der Gewalt. „Die Ausdrucksweise ist auf jeden Fall typisch.“

 

Sarduk, Gordon und Si’jsk, der ebenfalls mit am Tisch saß, warfen sich irritierte Blicke zu. Gordon hatte dieses Treffen arrangiert, um eine Hinweis auf die Identität Sevrins zu bekommen. Nun, den hatten sie. Doch schien dieser so abwegig, dass es nicht sein konnte.

 

„Sie erkennen in Sevrin doch nicht etwa jenen Commander Spock, der auf der Enterprise gedient hatte?“

 

Amanda musterte sie mit einem vorwurfsvollen Blick.

„Doch genau das tue ich. Ich werde meinen Sohn immer erkennen.“

 

Sevrin hob betroffen eine Augenbraue. Er musterte die Frau genauer. Suchte in seinen Erinnerungen, nach irgendetwas, das ihm einen Hinweis geben mochte. Doch da war nichts. Nichts als Leere.

 

„Es tut mir leid“, wiederholte er tonlos. Dann stand er hastig auf und verließ mit schnellen Schritten den Raum.

 

Sarduk wollte ihm folgen, doch Gordon hielt ihn zurück.

„Lass ihn. Er hat vermutlich einen Schock erlitten. Er braucht Zeit, um sich zu beruhigen. Ich denke, dass er von sich aus wiederkommen wird sobald er dazu bereit ist."

 

Sarduk zögerte kurz, dann setzte er sich wieder. Er tauschte einen Blick mir Si’jsk, als ihm die Bedeutung von Amandas Worten bewusst wurde. Wenn sie Sevrins Mutter war, dann waren sie...

 

Si’jsk war seinem Gedankengang offenbar gefolgt und nickte knapp. Dann verdrehte er die Augen und sah zur Decke.

 

Sarduk musste ein Grinsen unterdrücken. Das würde Sarek Gelegenheit geben, ihrer beider Lebenswandel genauer unter die Lupe zu nehmen. Doch Sarek war mit etwas ganz anderem beschäftigt.

 

Er zog einen Stuhl für Amanda heran und setzte sich dann ebenfalls.

„Was hatte das zu bedeuten?“ Sein Blick wanderte zwischen Sarduk und Gordon hin und her, als hoffte er von den beiden Heilern eine Antwort zu bekommen.

 

„Er hat mir vor kurzem erzählt, dass er sich bewusst ist, das seine Erinnerungen erst ab einem bestimmten Zeitpunkt einsetzen. Die Reminiszenzen seiner Kindheit und Jugend sagen ihm dagegen nichts. Offenbar vermutet er, dass seine eigenen Erinnerungen durch andere ausgetauscht oder überlagert worden sind.“ Sarduk hatte die Fingerspitzen aneinandergelegt, während er sprach.

 

„Aber dann könnte es durchaus sein, dass er Spock ist. Ich muss gestehen, dass ich kurz gezweifelt habe, als ich seine Reaktion bemerkte. Es ist schließlich viele Jahre her, seit ich ihn zum letzten Mal sah. Er hat sich zwar verändert, aber ich bin mir trotzdem sicher, dass er es ist.“

 

Si’jsk nickte stumm.

„Wenn Silen hier wäre, könnten wir eine zweite Gegenüberstellung arrangieren. Er müsste Spock ja ebenfalls kennen.“

 

„Natürlich kennt er ihn. Silen hatte in seiner ersten Zeit in der Föderation erhebliche Probleme. Es fiel ihm bei weitem nicht so leicht wie Spock, sich unter den Menschen zurechtzufinden. Zumal er von seiner Familie gezwungen worden war, Vulkan zu verlassen, lange bevor seine mentale und intellektuelle Erziehung abgeschlossen war. Spock wurde durch Lirien auf Silens Dilemma aufmerksam gemacht und vermittelte ihm einen Lehrer, der ihm das noch fehlende Wissen beibrachte.“

 

„Wäre es durch eine Mentalverschmelzung möglich, eine eventuelle Blockade zu lösen?“ T’Ric sah Sarduk fragend an.

 

Sarduk überlegte einen Moment. „Möglich wäre es. Es kommt jedoch auf die Art der Blockade an und auf Sevrins Bereitschaft, mitzumachen. Es könnte auch alles noch schlimmer machen. Zumal ich weiß, dass er davor zurückschreckt, das Rätsel um seine Identität zu lösen.“

 

„Ich glaube, wir sollten ihn in Ruhe lassen. Er hat so viele Jahre damit gelebt. Es scheint, als hätte er sich damit abgefunden.“ Gordon lehnte sich zurück.

 

„Er leidet darunter. Er hat Alpträume und selbst in der Meditation nimmt er Reminiszenzen wahr, die ihn verwirren. Ich glaube, dass er früher oder später keine andere Wahl hat, als sich der Wahrheit zu stellen.“ Sarduk trank einen Schluck und musterte dann Si’jsk, der sichtlich blasser war, als gewöhnlich.

 

„Alles in Ordnung, Si’jsk?“

 

Si’jsk nickte. „Ja.“ Doch der Blick, mit dem er seinen Bruder bedachte, ließ diesen wissen, dass er sich gefälligst raus halten sollte.

 

Sarduk hob eine Braue. „Bitte entschuldigt mich jetzt. Es wartet Arbeit in der Klinik auf mich.“

Mit einem durchdringen Blick auf seinen Bruder stand er auf und ging.

 

Si'jsk tat es ihm wenig später nach.

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„Wie lange gedenkst du dieses Spiel noch zu treiben?“

 

Si’jsk ließ sich erschöpft auf eine der Liegen sinken und schloss die Augen.

„Lass mich in Ruhe Sarduk und gib mir diese verdammten Drogen", fauchte er aggressiv.

 

Sein Bruder lud schweigend den Injektor und setzte ihn an Si’jsks Arm an. Die Dosis entlud sich zischend in den Blutkreislauf.

Sarduk warf einen Blick auf die Diagnoseeinheit. Gut. Noch wirkte das Medikament. Er beobachtete, wie sich Si’jsks Kreislauf allmählich wieder stabilisierte.

 

Schließlich setzte sich Si’jsk wieder auf.

Er wich Sarduks Blick aus und wollte an ihm vorbeigehen, doch dieser packte ihn am Arm und hielt ihn zurück. „Nun, ich warte auf eine Antwort.“

 

Si’jsk schlug seine Hand beiseite und stürmte aus dem Behandlungszimmer.

 

Sarduk sah ihm besorgt nach. Er konnte nur hoffen, dass Blight bald zurückkehren würde... und bereit war Si'jsks Bedürfnisse zu erfüllen.

 

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Sternzeit 5124,1: Standort: Nahe der Anomalie

 

Ihm war übel.

 

Er versuchte sich am Sessel festzuhalten. Seine Hand rutschte ab. Dann begriff er, dass er sie nicht wirklich bewegt hatte.

 

Er versuchte es noch einmal.

 

     Und noch einmal.

 

          Und noch einmal.

 

Jede Bewegung verdoppelte und verdreifachte sich. Er glaubte, alles immer wieder tun zu müssen. Dann wurde er mit einem heftigen Ruck nach vorn gerissen und prallte hart gegen eine Konsole. Er wartete, bis sich der Boden nicht mehr drehte, dann stemmte er sich hoch.

 

Gut.

 

Etwas war anders.

Dann begriff er, dass er sich wieder normal bewegen konnte.

 

Noch besser.

 

„Bericht!“

Kirk taumelte wieder zu seinem Sessel und ließ sich hineinfallen.

 

„Schäden auf mehreren Ebenen. Die Außenhülle ist teilweise beschädigt, doch die automatische Reparatur hat bereits begonnen. Schilde sind bei 72%, Waffensysteme bei 40%. Die Krankenstation meldet mehrere Prellung, Schürfwunden und Knochenbrüche, doch keine lebensgefährlichen Verletzungen oder Tote. Eine Warpgondel offenbar ausgefallen...“

 

„Ist sie ausgefallen oder nicht?“

Lirien warf einen irritierten Blick auf die Daten, die ihr von den verschiedenen Sektion übermittelt worden waren. „Äh, das kann ich nicht genau beantworten, Sir. Sie fehlt. Die Warpgondel, Sir.“

 

Kirk nickte. Nun ja, die anderen waren schließlich genauso durchgeschüttelt worden wie er. Zumindest waren sie noch alle am Leben. Die Frage war nur, wo waren sie?

„Was ist mit unserer Umgebung? Sensoren?“

 

Ajdan schien nur auf ihr Stichwort gewartet zu haben. „Die Sensoren sind teilweise ausgefallen Sir. Wir befinden uns wieder in einem für uns normalen Raum, verglichen mit dem, wo wir herkommen. Ob wir in der richtigen Galaxie sind, kann ich nicht bestimmen, da sämtlich Fernbereichssensoren ausgefallen, bzw. noch immer von Fehlfunktionen betroffen sind.“

 

„Irgendwelche Schiffe oder Anzeichen von Energiewaffen um uns herum?“

 

„Negativ Sir. Das heißt... Ich kann jetzt ein Schiff direkt vor uns ausfindig machen. Es ist deutlich kleiner als wir. Aktivierte Waffen und Schilde.“

 

Sie richtete sich auf und sah Kirk an. „Eine gute und eine schlechte Nachricht, Sir. Es könnte sich um ein Föderationsschiff handeln, der Struktur zu Folge. Wir sind also in der richtigen Galaxie. Die schlechte Nachricht: Es kommt mit aktivierten Waffen näher, die ich nicht näher bestimmen kann.“

 

„Uhura, rufen Sie das Schiff.“

 

„Nicht nötig Sir, wir werden bereits kontaktiert.“

 

„Auf den Schirm.“

 

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Blight stutzte. Dann sah er genauer hin.

Und noch mal.

Das konnte nicht sein.

 

„T’Alin. Sagen Sie mir, dass Sie das gleiche sehen.“

 

Sie hob den Kopf und musterte ihn kurz. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Schirm. „Offenbar ja.“

 

 „Yagmur, versuchen Sie das Schiff zu rufen.“

 

„Keine Antwort, Ssir. Wir können zswar Lebenssformen orten, bekommen jedoch keinen Kontakt. Dass Sschiff isst jedoch sschwer besschädigt.“

 

„Kein Wunder, wenn es direkt aus diesem Strudel gekommen ist. Silen, irgendwelche Vermutungen?“

 

Blight drehte sich zu dem Vulkanier um, doch ein Blick in dessen offensichtlich verblüffte Mine genügte ihm als Antwort.

 

„Ist es das, was ich vermute, Silen?“

 

Der Vulkanier riss sich sichtlich zusammen, dann nickte er. „Ja, Captain Blight. Sie haben die Enterprise vor sich. Das Schiff ist jedoch so schwer beschädigt, dass es sich nicht von der Anomalie fortbewegen kann.

 

Blight ließ sich in seinen Sessel fallen und betrachtete das hell schimmernde Schiff. Es war deutlich größer, als die Deirdre, wenn sich auch die Form entfernt ähnelte. Es ließ sich nicht verheimlichen, dass beide von der Erde stammten. Der hauptsächliche Unterschied bestand jedoch in der Farbe: es wurden jetzt keine hellen Farbtöne mehr verwendet, so dass die, in erster Linie für den Kampf entwickelten Schiffe, mit bloßem Auge im All kaum zu erkennen waren. Für die Sensoren machte dies trotz allem keinen Unterschied.

 

„Rufen Sie das Schiff noch einmal.“

 

„Kontakt Sir.

 

„Auf den Schirm.“

 

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Kirk lehnte sich zurück und ließ den Blick über die fremde Crew gleiten. Alle Mitglieder der Brückenbesatzung des anderen Schiffes schienen sehr jung zu sein. Sein Blick blieb an einem Vulkanier hängen, der im Hintergrund der Brücke saß. Dann sah er genauer hin. Er war älter geworden. Um Jahrzehnte älter. Doch es war Silen. Diese Haarfarbe würde er überall wiedererkennen.

 

„Ich grüße Sie, Captain Kirk.“

Kirk richtete seine Aufmerksamkeit auf den jungen Captain, der ihn lächelnd ansah.

 

„Nun, Sie sind offenbar im Vorteil, Captain...“

 

„Kevin Blight, Sir, zu Ihren Diensten. Ich nehme an, Sie haben nicht gerade einen Sonntagsausflug hinter sich?“

 

Kirk nickte. „Nein. Nicht unbedingt, Captain Blight.“

 

„Können Sie sich aus eigener Kraft von der Anomalie fortbewegen, die sie gerade ausgespuckt hat?“

Kirk musterte Blight. Die Sorge, die in seinen Worten zum Ausdruck kam, spiegelte sich auch in seiner Körpersprache wieder. Kirk zögerte kurz, dann entschloss er sich dem anderen zu trauen. Fürs erste auf jeden Fall. Später würde man weitersehen.

 

„Nein. Im Moment nicht. Das Schiff wurde durch den Transfer stark beschädigt.“

 

„Den Daten zu Folge hatte ich etwas in der Art vermutet. Ich schlage vor, Sie aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich abzuschleppen. Dann können wir uns in Ruhe unterhalten.“

 

„Einverstanden.“

Blight drehte sich zur Seite und gab einem seiner Crewmitglieder entsprechende Anweisungen. Ein Wesen, dass entfernt einer Riesenschlange glich, glitt in den Aufnahmebereich. Es richtete sich auf und schien sich leise mit dem Captain zu unterhalten. Blight nickte und sah dann wieder zu Kirk.

 

„Mein Erster Offizier, Lieutenant Yagmur. Sie schlägt eine Energieübertragung vor, damit sie die fehlende Warpgondel kompensieren können.“

 

„Es tut mir leid, doch ich habe keine Vorstellung davon, was sie damit meinen.“ Kirk warf einen Blick auf Ajdan, doch sie hob nur die Achseln und gab damit zu verstehen, dass auch sie noch nichts davon gehört hatte.

 

Silen trat vor.

„Captain Kirk.“ Er konnte erkennen, dass der Vulkanier noch immer den Rang eines Commanders bekleidete. Nun, er hatte schon damals den Rang des Captains, der ihm ebenso wie Lirien verliehen worden war, kategorisch abgelehnt. Er wollte nicht im Kommandosessel sitzen. Sein Platz war wo anders.

 

„Commander Silen.“

 

„Es handelt sich um eine modifizierte Form des Phasers, wie er in ...ihrer Zeit verwendet wurde.“ Kirk bemerkte das kurze Zögern und hakte sofort nach.

 

„In meiner Zeit? Silen, wie viel Zeit ist vergangen?“

 

Der Blick des Vulkanier schien den Weltraum zwischen ihnen zu durchdringen. Dann sah er an Kirk vorbei und konzentrierte sich auf jemanden schräg hinter diesem.

Der Captain drehte sich um. Lirien war von ihrer Konsole aufgestanden und hinter Kirk an die Brüstung getreten. Ihre Fingerknöchel traten weiß hervor, so fest umklammerte sie das Geländer.

 

„Fünfundvierzig Jahre, acht Monate und einundzwanzig Tage.“

 

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Ende Teil 15

 

Teil 16