title: dragon days
author: Lady Charena

 


fandom: Kung Fu - Im Zeichen des Drachen
codes: Peter/Pop, NC-17 slash/incest, past-Requiem
beta: T'Len
archive: Dragon's lair

sum: Dies ist eine sogenannten "fifth-season-story" weil sie nach dem offiziellen Ende der Serie spielt. Nachdem Caine in der
letzten Folge eine Prüfung überstehen musste, bei der sich sein Bewusstsein in zwei Hälften, einen "guten Caine" und einen "bösen
Caine" gespalten hat, verlässt er Chinatown, um sich in Paris auf die Suche nach seiner angeblich noch lebenden Frau Laura zu machen. Da in
Frankreich, in einem kleinen Dorf in der Nähe von Paris, auch Matthew Caine, Peters Großvater lebt, ist es nicht zu weit hergeholt, dass
Caine seinen Vater besucht. Peter, der inzwischen die Brandmale des Shaolinpriesters trägt, folgt ihm schließlich dorthin, von seiner
Verunsicherung getrieben und überfordert mit der Verantwortung, die Caine mit seiner Abreise in die Hände seines Sohnes gelegt hat.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern.
Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Lyrics belong to
Alicia Keys.

Mehr P/P Stories von mir und meinen Freunden finden sich in der
Dragon's lair --> http://tostwins.slashcity.net

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My castle became my dungeon, cause I'm longin' for you
Feelin' strong for you
Your my knight of shining armor
See your face in the silver moon
Over the lagoon

And it feels like dragon days
And the fire's hot
Like a desert needs water
I need you a lot
Dragon days, I need to be saved
I'm missin' you
(Alicia
Keys)
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Was als kurzer Aufenthalt, als wenige Minuten der Rast gedacht gewesen war, zog sich nun schon Stunden dahin. Der Tag neigt sich
seinem Ende zu und noch immer kann ich mich nicht dazu überwinden, die vage Sicherheit der kleinen, altmodischen Bar zu verlassen.
Spärlich im Raum verteilte Lampen schaffen mehr Schatten als Licht und machen den Ort zu einem perfekten Versteck.

Bleib' noch ein paar Stunden und es ist zu spät, um noch einen Besuch zu machen, flüstert mir mein Verstand verführerisch zu. Morgen ist
auch noch ein Tag.


Ruhelos mit dem Glas vor mir spielend, denke ich darüber nach. Eine kleine Verzögerung - was würde das schon ausmachen? Es erwartet mich
ohnehin niemand. Fast ohne es selbst zu merken, mache ich ein abschätziges Geräusch tief in der Kehle.

Natürlich, belüg' dich nur selbst... Inzwischen wird er längst wissen, dass ich hier bin. Wahrscheinlich weiß er es, seit mir der
Gedanke zum ersten Mal gekommen ist. Es ist so lange her, mehr als ein Jahr... Ich vermisse ihn so sehr. Ich...

...kann es nicht mehr ertragen, ohne ihn bin ich verloren...

...wage es nicht, ihm gegenüber zu treten...

...kann die Einsamkeit nicht mehr ertragen, die Angst, dass er niemals zurückkehrt...

...kann ihm nicht ins Gesicht sehen, er wird von mir enttäuscht sein, davon, dass ich meine Pflichten im Stich gelassen habe...

Ich bin eine offene Wunde, verblute langsam, weil er nicht da ist, mich zu heilen.

Gehen oder Bleiben. Vielleicht sollte ich die Blütenblätter von einem Gänseblümchen abzupfen, um zu entscheiden, was nun richtig ist.
Bleiben oder Gehen. Mit einem Seufzen schiebe ich das unberührte Glas von mir.

Sogar wenn ich mich heute Abend gerne bewusstlos getrunken hätte, es fühlt sich nicht mehr richtig an, Alkohol zu trinken, seit ich
Priester bin. Andererseits... ich würde morgen mit Kopfschmerzen und einem verdorbenen Magen erwachen, mich krank genug fühlen, um den
Besuch noch einen Tag aufzuschieben. Ein Treffen, dass doch nicht mehr tun wird, als die kaum verheilten Wunden in meinem Herzen wieder
neu auf zu reißen. Vielleicht würde der Aufschub mich dazu bewegen, sofort nach Hause zurückzukehren und vorzugeben, dass ich niemals in
Saint Adele gewesen war.


Als ich den Kopf hebe und mich umsehe, wird mir zum ersten Mal wirklich bewusst, wie spät es inzwischen ist. Die letzten Strahlen
der Abendsonne dringen durch ein staubiges Fenster zu meiner Linken und ich schließe die Augen, stelle mir ihre warme Berührung vor,
meine Haut liebkosend, wie die Hände meines...

Jemand neben mir räuspert sich und ich schrecke erschrocken aus meiner Fantasie auf.

"Möchten Sie noch etwas zu trinken?", fragt mich der Barkeeper in stark akzentuiertem Englisch.

Ich hatte Glück, dass ich in diesem winzigen Nest jemand gefunden habe, der Englisch spricht, der Französischunterricht meiner
Schulzeit ist zu lange her. Möglicherweise habe ich auch die meisten Stunden davon verschlafen... Ich schüttle verneinend den Kopf und
leere das Glas mit dem inzwischen abgestandenen Drink. Ein bitterer Nachgeschmack füllt meinen Mund.

Außer mir ist niemand in der Bar, aber ich will nicht gehen. Nur gut, dass ich mein Zimmer in dem kleinen Gasthof, vier Meilen von Saint
Adele entfernt, noch für eine weitere Nacht gebucht habe. Seit zwei Tagen verstecke ich mich dort und schwanke zwischen Bleiben und
Abreisen.

Mich plötzlich sehr müde fühlend, streiche ich mir durchs Haar. Ich wünschte, ich hätte mich nicht von Kermit zu dieser Reise überreden
lassen. Es begann alles mit einem kleinen "brüderlichen" Gespräch über mein "selbstmörderisches Verhalten" (Zitat-Ende Kermit) und
endete damit, dass er mich wie ein widerspenstiges Kind zum Flughafen zerrte, mir ein Ticket für den Freiflug nach Paris in die Tasche
steckte (aus einer seiner mysteriösen Quellen bezogen) und mir versprach, dass in Frankreich ein Leihwagen für die Fahrt nach Saint
Adele bereitstehen würde. Es hätte nicht viel gefehlt und er wäre mitgekommen, um sicher zu stellen, dass ich nicht in letzter Sekunde
kniff und um mich eigenhändig an den Flugzeugsitz zu schnallen.

"Darf ich mich setzen?"

Ich erstarre eine Schrecksekunde lang, als *seine* ruhige Stimme neben mir erklingt. Verdammt, wäre ich nicht so in meine Gedanken
versunken gewesen, hätte ich seine Nähe in dem Augenblick spüren müssen, in der *er* die Bar betrat. Sanfte, starke Finger massieren
ein paar kostbare Sekunden lang meine Schultern, als er an mir vorbei geht und ich beginne wieder zu atmen, auch wenn mein Herzschlag sich
nicht beruhigen will. Ich wage es nicht, mich zu bewegen oder ihn anzusehen. Seine Berührung verlässt mich und mir wird kalt. Der Stuhl
auf der anderen Seite des Tisches schrammt über den Boden, als er ihn herauszieht, um sich zu setzen.

Schweigen senkt sich über uns. Vielleicht erwartet er eine Erklärung, warum ich hier bin, aber ich kann es ihm nicht sagen. Nicht jetzt,
nicht... hier... wenn er mir so beherrscht und ruhig gegenüber sitzt.

Ein Finger tippt leicht gegen mein leeres Glas. "Ah, ich glaube, der richtige Ausdruck ist: Kann ich dir einen Drink spendieren?"

Ungläubig sehe ich ihn an und lecke mir nervös die Lippen. "Sicher", krächze ich um den Kloß in meinem Hals hervor und senke meinen Blick
erneut auf die abgenutzte Tischplatte des hölzernen Tisches. Ich höre ihn in fließendem Französisch mit dem Barkeeper sprechen. Wusste gar
nicht, dass er das kann. Als wir wegen des I'Ching-Kelches in Saint Adele waren, überließ er das Sprechen gänzlich Bennett. Was sonst
noch weiß ich nicht über ihn? Verdammt, warum sollte ich mich überhaupt darum kümmern, ich werde ihn doch nie verstehen... Überraschenderweise schenkt mir diese Feststellung ein wenig Ruhe.

Zwei Gläser mit tiefrotem Wein werden vor uns gestellt. Ich mag Wein nicht besonders, sage aber nichts. Wenn er Wein trinken will, trinken
wir Wein. Vielleicht denkt er, es ist dem Anlass angemessen. Ich starre auf meine Finger, die den dünnen Stiel des Glases zu fest umklammern, als wir anstoßen.

Ein seltsames Gefühl steigt in mir auf, als ob wir uns einer Grenze nähern - und ich weiß nicht, was uns auf der anderen Seite erwartet.
Und jetzt gehe ich Risiken nicht mehr so leichtfertig ein, wie ich das noch vor einem Jahr getan hätte.

"Was führt dich in diesen Ort?"

Ich lasse das Glas beinahe fallen. Ich hatte diese Frage von Anfang an erwartet - nur nicht in dieser Form. Es klingt so gleichgültig,
als ob ihn meine Antwort nicht wirklich interessieren würde, sondern er nur mit mir spricht, um die Zeit totzuschlagen. In einem Tonfall,
den ich von mir selbst wiedererkenne. Ich benutzte ihn in der Vergangenheit, um jemand in einer Bar anzusprechen, auf der Suche nach unverbindlichem Sex, um meine Einsamkeit in geistloser Lust zu ertränken.

Ich räuspere mich. "Ich... ich bin hier um... um meinen Großvater zu besuchen."

Er nickt und faltet seine Hände ineinander. "Ich bin sicher, dass er sich sehr darüber freuen wird." Etwas Fremdes liegt in seiner
Stimme... ich habe noch nie gehört, dass er so... samten... spricht. Fast verführerisch. Muss ich mir einbilden.

"Ich... ich möchte auch meinen... Vater... besuchen. Er ist bei meinem Großvater." Ich kann dem liebevollen Blick nicht begegnen, den
ich auf mich gerichtet spüre. "Ich konnte nicht länger darauf warten, dass er zurückkommt." Die Worte platzen aus mir heraus, bevor ich
darüber nachdenken kann.

"Dein Vater muss ein sehr glücklicher Mann sein, wenn er so sehr vermisst wird."

Ich verschlucke mich fast an meinem Wein. Was zum Teufel ist das für ein Spiel, das er mit mir treibt? Eine flüchtige Berührung, wissende
Finger, die sich über meine Kehle legen und ich kann wieder atmen, der Hustenreiz verschwunden, als wäre er nie da gewesen. "Danke."

Keine Antwort, aber eine weitere, flüchtige Liebkosung - Fingerspitzen, die über mein brennendes Gesicht streicheln. Ich
versuche mich in seine Berührung zu lehnen, doch er zieht seine Hand zurück. Das Glas auf den Tisch zurückstellend, lecke ich mir die
Lippen. Ich kann den Wein schmecken, süß und fruchtig, anders als jeder Wein, den ich zuvor getrunken habe. "Ich hoffe, dass er das so
sieht."

"Erzähl' mir, warum er dich allein gelassen hat."

Ich rutsche in meinem Stuhl hin und her. "Er sagte, er müsse gehen um heraus zu finden, ob meine Mutter... ob es möglich ist... das sie
noch lebt."

"Er ‚sagte'?", wiederholt er sinnierend. "Du denkst, dein Vater hat dich... über seine Gründe... dich zu verlassen... belogen?"

"Ja... Nein... Ich... ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll." Versteckt unter dem Tisch ballen sich meine Hände zu Fäusten, graben
sich meine Fingernägel tief in das weiche Fleisch der Handinnenflächen, um mich davon abzuhalten, zu weinen. "Er hat mich früher schon verlassen, unter irgendeinem fadenscheinigen Vorwand, und sich geweigert, mir die Wahrheit zu sagen."

"Ah", ein leises Seufzen. "Und deshalb hast du begonnen, zu denken, du wärst der Grund dafür, dass er gehen musste."

Ich kann das bittere Lachen nicht unterdrücken, das plötzlich aus mir herausbricht. "Warum nicht? Ich muss eine Enttäuschung für ihn sein.
Ich bin ein Chaot, ich kann nicht sein, was er sich als... Sohn... wünscht."

Er beugt sich zu mir und zieht meine Hände unter der Tischplatte hervor, sanft meine verkrampften Finger aufbiegend. Meine Hände in
seinen haltend, massiert er mir die schmerzenden Stellen in meinen Handflächen. "Vielleicht siehst du das alles zu negativ. Bestimmt hat
er nie etwas getan, um dir das Gefühl zu geben..."

"Er musste nichts sagen oder tun", unterbreche ich ihn. Ich versuche meine Hände zu befreien, doch sein Griff verengt sich und ich gebe
nach. "Ich konnte es in seinen Augen lesen!"

"Vielleicht war alles, was du gesehen hast, nur ein Spiegelbild deiner eigenen Ängste."

"Nein."

"Dann fürchtete er vielleicht, dich zu enttäuschen, weil er nicht der Vater ist, den du brauchst. Dass du zu abhängig von ihm geworden bist
und nicht zu dir selbst finden könntest. Vielleicht fürchtete er auch... seine Abhängigkeit von dir."

"Nein!" Ich zerre meine Hände aus seinem Griff und diesmal lässt er mich gehen. "Er ist alles. Er ist... mein Leben, aber er braucht mich
nicht." Ich beiße mich auf die Unterlippe, damit sie nicht zittert. "Nicht so, wie ich ihn brauche." Zum ersten Mal wage ich es, seinem Blick zu begegnen, aber ich kann den Ausdruck in seinen Augen nicht deuten.

"Sag es mir." Drei Worte, ein sanfter Befehl.

Ich gebe vor, es nicht gehört zu haben. Wären meine Knie nicht so weich, würde ich aufstehen und gehen. Stattdessen greife ich nach
meinem Glas und trinke den restlichen Wein auf einen Zug.

"Peter..."

"Wie reizend, du erinnerst dich also an meinen Namen." Ich reibe mir mit dem Handrücken über den Mund. Er fängt meine Hand ein, bevor ich
sie zurückziehen kann. Meine Finger zwischen seinen haltend, zieht er sie an seine Lippen. Die flüchtige Berührung an meinen Fingerspitzen
ist fast mehr, als ich ertragen kann.

Ohne mich loszulassen, steht er geschmeidig auf, zieht mich mit sich hoch. Eine Hand schließt sich um meinen Oberarm, dirigiert mich in
Richtung Ausgang. Ich wehre mich nur halbherzig. "Ich muss zuerst noch bezahlen..."

"Nein. Dein Großvater behandelt seine..." Ein Nicken in Richtung Barkeeper. "...jüngste Tochter mit einer speziellen Kräutermischung,
die ihr das Atmen erleichtert. Sie leidet an Asthma. Als ich ihm erzählt habe, dass du Matthew Caines Enkel bist, hat er darauf
bestanden, dass du nichts für die Getränke bezahlst."

Ich lasse mich wie ein Kind von ihm aus der Bar führen, seinen Worten nur deshalb lauschend, weil ich seine Stimme hören will, nicht weil
ich mich dafür interessiere, was er sagt. Mehr als alles andere sind es seine Finger, die sich in meinen Arm graben, die mich davon
überzeugen, dass ich nicht träume.


Die kalte Luft draußen ist wie ein Schlag ins Gesicht. "Warte", sage ich hastig und befreie mich aus seinem Griff. "Ich werde nirgendwo
mit dir hingehen."

Er wendet sich mir zu. "Ich dachte, du würdest lieber an einem privateren Ort als in einer Bar mit mir sprechen."

"Ja, aber...", ich zögere, schlinge die Arme um mich selbst. "Ich glaube nicht, dass es... die richtige Zeit für eine... Unterhaltung
ist. Wir haben nicht gerade gut begonnen..."

"Peter. Wir haben bereits zu lange gewartet."

Ich schließe müde meine Augen, lasse die liebevollen Worte wie sanften Sommerregen über mich streichen. Zwei Hände umschließen
zärtlich mein Gesicht, eine Geste so vertraut, so sehr vermisst, dass mir Tränen in die Augen steigen. Mich vorwärts in die Umarmung meines
Vaters fallen lassend, vergrabe ich mein Gesicht an seinem Hals, atme tief die einzigartige Mischung aus Gerüchen ein, die ihm so eigen
ist.

"Ich habe dich auch so sehr vermisst, mein Peter."

Ich höre sein Flüstern dicht an meinem Ohr, spüre, wie seine Lippen ganz leicht meine Wange berühren. Ein Schauer gleitet durch meinen
Körper und ich schmiege mich enger an ihn, schlinge meine Arme um seine Taille. Eine seiner Hände schlüpft in mein Haar und eine
köstliche Wärme breitet sich von seiner Berührung aus, die mich von innen heraus zu wärmen scheint.

"Warum hast du mich verlassen?", flüstere ich, vergeblich versuchend, das Zittern aus meiner Stimme zu verbannen. "Ich brauchte dich immer,
ich brauche dich noch so viel mehr, seit ich die Brandmale trage. So vieles ist geschehen, das ich nicht verstehen konnte, so viele Veränderungen sind mit mir vorgegangen, mit denen ich nicht alleine umgehen kann. Ich habe es versucht... ich habe es wirklich versucht,
Vater. Ich wollte nur, dass du stolz auf mich bist..."

Eine zärtliche Hand hebt mein Gesicht an, doch ich weigere mich, ihn anzusehen. Sein Mund berührt flüchtig meine geschlossenen Lider und
ich zucke erschreckt zurück. Er würde doch niemals... Mein Vater liebkost mein Gesicht mit den Fingerspitzen, sein Blick undeutbar, seine Augen im Schatten, der vom Rand seines Hutes über seine Züge fällt, verborgen.

"Du hast eine Unterkunft", sagt er leise.

Ich fühle mich, als wäre ich auf dem Boden festgewachsen, unfähig, mehr zu tun, als zu nicken. Er versucht mich zu trösten, sage ich
mir, es ist nicht mehr als das. Er würde niemals verstehen... Verdammt, *ich* verstehe selbst nicht, was ich fühle, warum ich so fühle. Es ist alles ineinander verwoben... Liebe und Schmerz... Angst und... Verlangen. Ein Verlangen tief in mir eingekerkert, wie eine Bestie mit rasiermesserscharfen Klauen, die mich von innen her langsam aushöhlt, bis nur noch eine leere Hülle übrigbleibt. Mein Leben ist eine Ansammlung von Unsicherheiten mit nur einer Sicherheit - ich brauche meinen Vater um ganz zu sein. Mehr als alles in der Welt muss ich ihn an meiner Seite wissen, brauche die Stärke, das Vertrauen und die Liebe von Kwai Chang Caine.

Und doch wage ich es, mich nach noch mehr zu sehnen... Ich will etwas, dass mir nicht erlaubt ist zu wollen und doch kümmere ich mich
nicht darum. Meine Liebe zu meinem Vater hat immer jede Grenze überschritten und irgendwann wurde Begehren ein Teil davon...

Er lässt mich los und der scharfe Schmerz der Zurückweisung rast durch meinen ganzen Körper. Fingerspitzen unter meinem Kinn heben
mein Gesicht an und sekundenlang senken sich unerwartet weiche Lippen auf meine. Dann sind sie verschwunden und ich starre atemlos auf den Rücken meines Vaters, der sich von mir entfernt, auf den Mietwagen zu geht. Meine Gedanken bewegen sich in trägen Kreisen, als ich ihm
hinterher renne.

* * *

Während der Fahrt lastet das Schweigen noch schwerer auf uns, als selbst zuvor in der Bar. Ich halte meine Augen auf die Straße
gerichtet, um uns sicher ans Ziel zu bringen. Ein seltsames Gefühl umfängt mich, als würden wir eine viel weitere Distanz zurücklegen,
als die wenigen Meilen zu dem Gasthof außerhalb Saint Adeles.

Ich führe ihn in mein Zimmer. Es ist klein, spärlich aber geschmackvoll eingerichtet, mit weißen Wänden und großen Glastüren, die auf eine private Terrasse führen. Ich schalte die Lampe neben dem Bett an, weil ihr weiches Licht mich an den Kerzenschein im Loft meines Vaters erinnert. Dann drehe ich mich zu ihm um, sehe ihn an.

Er steht an den Glastüren, die nach draußen führen und blickt in die Dunkelheit - ein Bild, das so vertraut ist, dass mein Brustkorb
schmerzlich eng wird. Sein Hut, seine Tasche und die Jacke liegen auf dem kleinen Tisch neben der Tür und ich sehe zum ersten Mal, dass
sein Haar nachgewachsen ist. Es ist nun fast so lang wie damals vor mehr als fünf Jahren, als er wieder in mein Leben trat. Ansonsten
kann ich keine Veränderung an ihm entdecken - zumindest keine äußerliche.

All meinen Mut zusammennehmend, durchquere ich den Raum zwischen uns, um mich neben ihn zu stellen. Ich kann seinem Blick nicht
standhalten, also gebe ich vor, ebenfalls nach draußen zu starren.


"Ich muss dich um Verzeihung bitten, Peter."

Seine Stimme driftet durch den Raum wie ein körperloses Wesen. Wieder formt sich ein Knoten in meiner Kehle. "Wieso?", bringe ich
schließlich heraus. "Wofür?"

Fingerspitzen gleiten entlang meiner Wirbelsäule nach unten, versengen meine Haut selbst durch das Hemd.

"Ich spürte deine... Not... aber ich entschloss mich, davor weg zu laufen. Du weißt nicht, wie machtvoll deine Liebe ist, Peter. Du hast
mir meine Seele zurückgegeben, als ich entdeckte, dass du lebst. Und doch... fürchtete ich mich vor dem Risiko, dich wieder zu lieben."

Die Berührung hält am Ende der Wirbelsäule inne und streicht wieder nach oben, kleine, feurige Male hinterlassend.

"In meiner Arroganz glaubte ich zu wissen, wie verlassen und einsam du dich während unserer Trennung gefühlt haben musstest... aber ich
habe mir selbst etwas vorgemacht. In den vergangenen Monaten, die ich mit deinem Großvater verbrachte, habe ich vieles gelernt, ich habe...
erneut erfahren... was es bedeutet, ein Sohn zu sein. Und während dieser Zeit habe ich endlich zu verstehen begonnen, welchen Schmerz
und welche Angst ich dir jedes Mal bereitet habe, wenn ich dich verließ."

Ich lasse mich von ihm herumdrehen, schließe meine Augen, als er wieder und wieder über mein Gesicht streicht. Wenn das ein Traum ist,
will ich nie aufwachen...

"Peter."

Niemand hat jemals meinen Namen mit so viel Liebe ausgesprochen, fast wie eine Liebkosung. Ich fühle ein Zittern durch mich gleiten und
diesmal entspringt es purem Verlangen. Es wäre so einfach, jetzt nachzugeben. Aber ich kann das nicht zulassen.

"Bitte sieh mich an, Peter. Kannst du mir vergeben?"

In meinem Kopf dreht sich alles und ich zwinge mich, die Augen zu öffnen. "Mach das nicht." Ich weiche zurück, befreie mich aus seinem
Griff. Schmerz gleitet über sein Gesicht, doch ich verhärte mein Herz dagegen. "Du verstehst nicht, Vater. Ich kann es nicht mehr ertragen.
Ich renne und renne und versuche dich einzuholen, aber bevor ich dich erreiche, verschwindest du einfach. Wenn ich Glück habe, kann ich
dich gerade noch so vor mir in der Ferne sehen." Ich weiche von ihm zurück, bis meine Beine gegen die Bettkante stoßen. Ich lasse mich
schwer darauf fallen und vergrabe das Gesicht in den Händen. "Ich habe angefangen, mich zu fragen, ob es die Mühe wert ist... zu
versuchen, deine Liebe zu verdienen, meine ich. Alles was ich tue... ist niemals... genug. Aber ich kann nicht ohne dich leben. Warum hast
du mich gelehrt zu lieben... nur um mir immer und immer wieder deine Liebe zu nehmen?"

Sanfte Hände ziehen meine Finger von meinem Gesicht weg, doch ich kann ihn nicht ansehen. Ich kann mir seine Reaktion nicht vorstellen -
aber wenn es Ärger oder Enttäuschung ist, will ich es einfach nicht sehen.

"Peter."

Eine Bitte schwingt in seiner Stimme mit, die mein Herz zerreißt. Oder das, was davon noch übrig ist. Mein Herzschlag ist wie ein
Trommelwirbel gegen meinen Brustkorb, als ich den Kopf hebe, und meinen Vater ansehe... Er kniet vor mir und ich sehe schockiert seine
Tränen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich ihn jemals offen weinen sah, nicht einmal nach dem Tod meiner Mutter. Manchmal konnte
ich Tränen in seinen Augen sehen, aber ich dachte immer, er wäre zu beherrscht, um wirklich zu weinen. Ich weiß nicht, was schwerer zu
ertragen ist - seine Tränen oder der Ausdruck von Schmerz und Schuld in seinem Gesicht - und ich wünsche mir verzweifelt, ich könnte meine
Worte zurücknehmen.

Er starrt auf meine Finger, die in seinem Griff zittern, bevor er sie zögernd loslässt und seine Hände zurückzieht, um sie an seine Seiten
fallen zu lassen. "Ich... bitte dich... um Vergebung", flüstert er, seine Stimme flach, fast leblos. "Dir gegenüber so... versagt zu haben.... nimmt mir jedes Recht, dich zu berühren." Er setzt sich auf die Fersen zurück, den Kopf schüttelnd, als versuche er, sich aus den Fängen eines Alptraumes zu befreien.

Ein hässlicher, kleiner Teil von mir jubelt über seine Qual, doch ich unterdrücke diese Regung sofort. Er ist der letzte Mensch auf der
Welt, der es verdient, zu leiden... und sicherlich nicht wegen mir. Ich gleite vom Bett, um neben ihm auf den Boden zu knien. Mein Knie berührt sein Bein und trotz allen Schmerzes und aller Verwirrung, schießt sofort Verlangen durch mich.

"Nein." Ich versuche es zu ignorieren, so gut es geht und beuge mich vorwärts, um das Gesicht meines Vaters in beide Hände zu nehmen, so
wie er oft mich hält. "Kannst du nicht sehen, dass du mich schon wieder verlässt? Du rennst vor mir weg. Bitte... verlass mich nicht. Ich brauche dich..."

Zögernd greift er nach meinen Händen, umschließt meine Handgelenke mit seinen Fingern. So viele Gefühle sind in seinen Augen zu sehen.
Vordergründig Schmerz und Schuld... aber... auch Verwirrung. Ich habe ihn noch nie so unsicher gesehen, nicht einmal in der ersten,
unruhigen Zeit nach unserem Wiedersehen und das bereitet mir wahnsinnige Angst. Ich brauche ihn, um für mich stark zu sein. Ich
habe nichts anderes, auf das ich mich stützen kann.

Langsam zieht er meine Hände von seinem Gesicht weg und küsst zärtlich meine Handflächen. "Du liebst mich noch immer, ich habe dich
nicht verloren", flüstert er mit einem Unterton, der wie Ehrfurcht klingt. "Es ist noch nicht zu spät für uns."

Müde lehne ich mich vor und presse meine Stirn gegen seine. "Kannst du nicht sehen, dass wir uns nie wirklich verlieren können? Es würde
nicht so weh tun..."

"...wenn wir uns nicht so sehr liebten...", beendet er den Satz. Er scheint unsicher darüber zu sein, wie es weitergeht und ich ziehe
mich zurück. Mich an seinen Schultern festhaltend, rapple ich mich auf. Mehr kann ich nicht ertragen, nicht heute Nacht.

"Peter..."

Ich schüttle meinen Kopf. "Bitte... ich kann nicht mehr..." Starke Arme schlingen sich um meine Taille und ich lasse mich zurückdrücken,
bis ich flach ausgestreckt auf dem Bett liege.

"Ich verstehe. Ich werde gehen, damit du dich ausruhen kannst."

Mehr fühlend als sehend, weiß ich, dass er bereit ist, zu gehen... aber ich kann nicht zu lassen, dass er weg rennt. Niemals wieder. Ich
ergreife seine Hände, bevor er sie zurückziehen kann und ziehe ihn zu mir herab. "Bleib."

Er zögert - und nickt schließlich. Das Bett ist kaum groß genug für zwei, aber ich rutsche an die Wand, mache Platz, damit er sich zu mir
legen kann. Mich auf die Seite drehend, klopfe ich auf die Matratze. Einen Moment lang ist sein Gesicht ausdruckslos, dann spielt ein
winziges Lächeln um seinen Mund und er gibt nach. Da immer noch die kleine Möglichkeit besteht, dass er sich dazu entschließt, zu
verschwinden so bald ich eingeschlafen bin, schmiege ich mich an ihn, schiebe ein Bein zwischen seine und lege meinen Kopf auf seine Brust,
um seinem Herzschlag zu lauschen. Anspannung macht sich in mir breit, als er nicht reagiert, mich weder wegstößt, noch ermuntert.

Dann fühle ich, wie sich sein Arm bewegt und die Lampe erlischt. Sekundenspäter bin ich sicher in seiner Umarmung. Ich lasse mich von
dem starken, gleichmäßigen Schlag seines Herzens in den Schlaf lullen.

fortgesetzt in Teil 2