Titel: Downfall
Autor: Lady Charena
Fandom: House, MD

Pairung: House, Wilson

Rating: PG, pre-series

Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: House versucht sich mit seinem neuen Leben zurecht zu finden.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Lyrics: Richard Thompson

 

 

Run ragged and wounded so deep
Close your eyes, poor body asleep
I could never stand to watch you
In over your head, in over your head
And now I watch you torn and hung by a thread

 

„Was zum Teufel machst du hier?“

 

James Wilson hob die Schultern, stopfte die Hände in die Taschen seiner Jacke. Er bemühte sich, House nicht zu auffällig zu mustern, er wusste wie empfindlich sein Freund auf alles reagierte, was ihm als übertriebene Fürsorge erschien. „Mir... ähem... war langweilig. Kann ich jetzt reinkommen, oder was?“

 

House manövrierte mit den Krücken rückwärts und machte die Tür frei.

 

Wilson beschloss dies als Einladung aufzufassen und folgte ihm in die Wohnung. Er stoppte unwillkürlich, als er die Veränderungen sah. Als Stacy ihn angerufen hatte, um ihn zu bitten, sich um Greg zu kümmern, hatte er geahnt, dass sich die Dinge zwischen den beiden rapide verschlechtert haben mussten. Die Lücken in den Bücherregalen, die verschwundenen Fotos und andere, fehlende Kleinigkeiten, die ihm vorher überhaupt nicht aufgefallen waren, sprachen davon, dass Stacy nicht nur eine Auszeit von ihrer Beziehung genommen hatte, sondern für immer ausgezogen war.

 

„Hast du keine Frau mehr Zuhause?“, kam es von House. Seine Stimme war tonlos, als wären keine Emotionen mehr da, die sich in Worten ausdrücken konnten.

 

Wilson zuckte erneut mit den Schultern und beobachtete, wie sich House schwer in seinen Lieblingssessel setzte, die Krücken sorgfältig daneben auf den Boden legend. Seine Kleidung war so zerknittert, als hätte er darin geschlafen. Sein Haar war verklebt und stand in alle Richtungen ab und die Stoppeln in seinem Gesicht waren länger als je zuvor. Er war ein Wrack.

Ein Tisch, in Reichweite geschoben, war mit Medikamentenpackungen übersäht, dazwischen stand ein Glas und eine halbleere Flasche Bourbon. Fast unbewusst begann House, mit der rechten Hand seinen Oberschenkel zu reiben. Etwas verspätet fiel ihm ein, dass sein Freund ja noch auf eine Antwort wartete. Er ließ sich auf die Couch fallen. „Bonnie ist für ein paar Tage zu ihren Eltern gefahren“, meinte er leichthin. „Und ich habe heute frei. Ich dachte, du könntest ein wenig Gesellschaft gebrauchen. Ich kann es jedenfalls.“

 

„Hmmmh“, mehr als ein Brummen kam von House darauf nicht. Wilsons Ehe befand sich schon seit über einem halben Jahr in der Auflösung. Es gab nichts, was er von seinem Freund nicht schon über Bonnie gehört hatte und nichts, was er nicht schon kommentiert hätte.

 

Wilson rieb sich unbehaglich den Nacken. „Wie ist es mit den Schmerzen? Irgendeine Besserung?“, fragte er, obwohl die Antwort quasi von House’ Gesicht abzulesen war.

 

„Nein.“ House sah weg, starrte einen Moment auf seine Hand auf seinem Oberschenkel, er stoppte die Bewegung. Dann sah er auf einen Punkt irgendwo hinter Wilsons Schulter. „Es tut weh.“ Er griff nach der Bourbon-Flasche und schnippte den nur draufgelegten Verschluss weg, dann füllte er das Glas knapp halbvoll. Der jüngere Mann beugte sich in einer unbewussten Bewegung vor, als wolle er ihn stoppen, als House das Glas mit zwei, drei langen Schlucken leerte.

 

Es war gerade erst zehn Uhr morgens.

 

Wilson räusperte sich. „Ist das dein Frühstück?“ Es lag kein Sarkasmus in seiner Stimme.

 

„Ich bin wach, oder?“, entgegnete House scharf. Er stellte das Glas so heftig auf dem Tisch ab, dass es klirrte. Seine Hand warf die Medikamentenpackungen um. „Nichts von diesem Zeug hilft! Es ist nicht stark genug.“ Für einen Augenblick zeigte sich Verzweiflung in seinen Zügen, bevor sie wieder steinern wurden.

 

Der jüngere Arzt zögerte einen Moment. „Was ist mit Hydrocodron? Hat Cuddy dir schon einmal Vicodin verschrieben?“ Als House den Kopf schüttelte, räusperte er sich. „Wenn du willst, spreche ich mit ihr“, bot er an. „Du kannst auf keinen Fall so weiter machen.“

 

„Macht das noch einen Unterschied?“ House hatte wieder angefangen, sein Bein zu reiben und starrte jetzt auf den Boden.

 

„Natürlich macht es einen Unterschied!“, entgegnete Wilson heftig.

 

Unbehagliches Schweigen breitete sich nach seinem unerwarteten Ausbruch zwischen den beiden Männern aus.

 

Wilson seufzte nach einer Weile und rieb sich übers Gesicht. „Okay“, meinte er dann mit mehr als einem Anflug von Resignation. „Ich sehe, mit dir ist im Moment nichts anzufangen. Ich... wenn es dir recht ist, dann... dann komme ich später noch mal vorbei. Wir bestellen eine Pizza oder chinesisch und sehen uns zusammen ein Spiel an. Das haben wir seit...“, er unterbrach sich. „Das haben wir schon eine ganze Weile nicht mehr gemacht.“ Er stand auf und blieb unschlüssig stehen, auf eine Antwort wartend. Es kam keine und schließlich gab sich Wilson geschlagen und ging. Im Auto rief er Cuddy an und verabredete sich zum Lunch mit ihr. Sie hatte ihn darum gebeten, dass er sie über House auf dem Laufenden hielt.

 

* * *

 

Dieses Mal klopfte und wartete er nicht, bis House öffnete. Er nahm seinen Schlüssel und schloss auf. Nach dem Lunch mit Cuddy war er gerade auf dem Weg nach Hause gewesen. Als er ins Wohnzimmer trat, sah er sofort die Krücken, die Scherben und das Blut auf dem Boden. Der scharfe Geruch von Erbrochenem und Alkohol hing in der Luft. „Verdammt, verdammt, verdammt“, murmelte er vor sich hin, während er der Blutspur ins Schlafzimmer und von da aus ins Bad folgte. „House?“ Die Tür war angelehnt und nach kurzem Zögern stieß er sie auf. „Greg! Was ist passiert?“ Am Telefon hatte House nicht mehr gesagt, als ob er kommen könne.

 

House saß auf der Toilette, seine linke Hand in ein blutiges Handtuch gewickelt. Etwas an dem Bild war nicht richtig...

 

„Ich bin... gestürzt“, erwiderte er knapp. „Und habe ein Glas fallen lassen.“

 

„Und natürlich hast du es fertig gebracht, direkt in die Scherben zu fallen.“ Wilson ging vor ihm in die Hocke und wickelte das Handtuch auf. House’ Handfläche war mit Schnitten übersäht. „Das sieht böse aus“, sagte er. „Das muss genäht werden. Ich fahre dich in die Notaufnahme.“ Die Schnitte hatten nicht aufgehört, zu bluten, die Blutverdünner, die weitere Gerinnsel verhindern sollten, wirkten noch. „Kannst du deine Finger bewegen?“

 

„Ich bin okay.“ House wickelte das Handtuch wieder um seine Hand. „Hol’ mir was zu trinken und dann erledige das.“

 

„Was?“ Wilson sah zu ihm hoch. „Ich?“

 

„Zu kompliziert für das Wunderkind der Onkologie?“, entgegnete House ätzend. Er sah weg. „Bitte, James. Ich will nicht zurück ins Krankenhaus. Ich will da nie wieder hin”, setzte er leise hinzu.

 

Wilson seufzte. „Okay. Hast du…”

 

„Da drüben, alles was du brauchst, ist da drin.“ House wies mit dem Kopf auf einen Erste-Hilfe-Kasten, der aufgrund seiner Größe wirklich vermuten ließ, dass sich alles darin fand, was er brauchen könnte. „Hol’ mir noch was zu Trinken und fang an.“

 

Der jüngere Mann stand auf. „Ich glaube, du hattest genug Alkohol. Wie wäre es statt dessen mit ein wenig Lidocain?“ House schnitt eine Grimasse und Wilson seufzte erneut. „Okay, das ist das einzige, das du nicht hast, verstehe.“ Er fuhr sich durch die Haare. „Ich hole einen Eispack. Das sollte auch helfen, zumindest ein wenig.“

 

Wilson ging, ohne auf einen weiteren Kommentar seines Freundes zu warten. Eigentlich war es ihm ganz recht, für einen Moment aus dem Bad verschwinden zu können, um aus der Küche den Eispack zu holen. Er öffnete das Gefrierfach des Kühlschranks und schob ein paar Fertiggerichte aus dem Weg, um einen Eispack hervor zu ziehen. Er knetete das kalte, steife Plastikkissen einen Moment nachdenklich in den Händen. Er fühlte sich hilflos und er hasste es. House hielt ihn auf Armeslänge, obwohl er sich sehr wohl bewusst war, dass er zur Zeit der einzige Mensch war, der überhaupt einen Zugang zu ihm fand. Die Kälte ließ seine Finger taub werden und er riss sich zusammen, wickelte den Eispack in ein Geschirrtuch und machte sich zurück auf den Weg ins Bad.

 

House saß noch immer da, wie er ihn zurückgelassen hatte. Wilson stoppte an der Tür. Irgendetwas schien an Gregs Geschichte unstimmig...

 

Wilson legte den Eispack ins Waschbecken und öffnete den Erste-Hilfe-Kasten. Tatsächlich fand sich ein Nähkit darin. Flüchtig fragte er sich, warum House so gut ausgestattet war, schob das aber beiseite. Statt dessen fischte er ein paar Päckchen mit sterilen Tupfern, Einweghandschuhe und Verbandszeug heraus und legte alles auf einem Handtuch zurecht. Er nahm den Eispack, ging wieder vor House in die Hocke und riss einen der Tupfer auf, um die Wunden zu säubern. Dann nahm er House Hand in beide seiner Hände und hob sie leicht an, um sich die Schnitte genau anzusehen. „Du hast Glück“, meinte er. „Es sind keine Splitter in den Wunden, so weit ich das sehen kann.“ Er legte den Eispack in House Handfläche. „Halt’ das einen Moment fest, ja?“, fuhr er fort. House’ uncharakteristisches Schweigen machte ihn nervös. „Wie ist es mit den Schmerzen, okay so?“

 

„Wilson, hör’ auf damit.“ Blaue Augen bohrten sich förmlich in seine. „Es ist okay, James. Es ist okay.“ Er bewegte die Finger der verletzten Hand. „Das ist nichts.“ Es lag keine Bitterkeit in seiner Stimme, überhaupt kein Ausdruck. „Fang’ endlich an. Oder lass’ es mich selbst machen.“

 

Der jüngere Mann sah weg, schüttelte den Kopf. Er legte den Tupfer weg, zog Einweghandschuhe an und riss das sterile Nähkit auf. Er kaute konzentriert auf der Unterlippe, während er die Nadel aus ihrer Schutzhülle drückte, und dann einen Faden einfädelte.

 

House zuckte kaum, als er die tiefsten Schnitte nähte, dann weitere Tupfer aufriss und alles noch einmal desinfizierte. Er versah einen Schnitt an der Handkante mit einem Butterfly-Pflaster, bedeckte dann alles mit einem Verband. Wilson setzte sich auf die Fersen zurück und packte die gebrauchten Tupfer zusammen, um alles samt der Handschuhe in den Müll zu werfen. Die Nadel packte er in die dafür vorgesehene Schutzhülle und steckte sie in die Brusttasche seiner Jacke, um sie am nächsten Tag im Krankenhaus ordnungsgemäß zu entsorgen. „Ich hole deine Krücken, dann kannst du ins Wohnzimmer. Oder willst du dich lieber hinlegen?“

 

„Nein!“, entgegnete House scharf. Er drückte die verletzte Hand an die Brust. „Hilf’ mir nur zur Couch und ich bin okay.“

 

Als Wilson mit den Krücken ankam, nahm er eine in die rechte Hand, und stemmte sich mit deren Hilfe hoch. Er ließ zu, dass Wilson unter seine linke Schulter glitt und ihn stützte, als er schwankte. Mit den Wunden war ohnehin nicht daran zu denken, beide Krücken zu benutzen und House knurrte als ihm das einfiel, während er sich von Wilson ins Wohnzimmer und auf die Couch helfen ließ. Er hasste das.

 

„Ich koche dir erst mal Kaffee“, meinte Wilson resigniert und ließ ihn allein.

 

Es war ihm wie eine gute Idee vorgekommen... die Beste sogar, die er seit einer Weile gehabt hatte, wie es ihm in diesem Moment erschien. Er war es so leid. Er war müde gewesen. Stacy war weg. Die Schmerzen... Es schien… einfach. Alles, was er tun musste, war die Pillen auf den Tisch zu kippen, das Glas randvoll mit Bourbon zu füllen und sie zu schlucken. Eine nach der anderen, wie ein Kind gierig Bonbons in sich reinstopfte, bevor seine Geschwister ankamen und es teilen musste.

 

Eigentlich hätte er es besser wissen müssen. Der Medikamentenmix ließ ihm übel werden, noch während er die letzten Pillen mit einem Schluck Alkohol hinunterspülte und er würgte. Instinktiv rappelte er sich auf, ohne an die Krücken oder sein Bein zu denken und fand sich fast augenblicklich auf dem Fußboden wieder. Das Glas hatte er im Fallen mit sich gerissen und die Scherben schnitten in seine Handfläche. Irgendwie kam er auf die Beine und schaffte es ins Bad, sich an den Wänden und Möbeln abstützend, bevor er sich heftig übergab. Als die Magenkrämpfe nachließen, griff er nach einem Handtuch, wickelte es um seine blutende Hand und wartete. Entweder darauf, dass es ihm besser ging oder eben schlechter. Überrascht stellte er nach einer Weile fest, dass der Schmerz in seinem Bein etwas in den Hintergrund getreten war, dafür fühlte sich sein Magen an, als wäre er mit glühenden Kohlen gefüllt worden.

 

Aber es war der Sturz gewesen, der ihn wirklich schockiert hatte. Der ihn aus der emotionalen Starre riss, in der er sich seit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus zu befinden schien. Und überraschenderweise war es weißglühende Wut gewesen, die nach einer Weile die Panik ersetzte. Wut auf sein Bein, auf Stacy, auf Cuddy, auf die verfluchten Blutgerinnsel in seinem Bein... aber in Wahrheit galt seine Wut ihm selbst. Was für ein verdammt mieser Arzt war er, dass er nicht einmal bemerkt hatte, was in seinem eigenen Körper vor sich ging? Angst mischte sich in die Wut. Die Angst davor, wie es weitergehen sollte...

 

Er hatte Wilson angerufen. Und erst danach, als er auf ihn wartete, fragte er sich, wieso er sein Handy mit sich herumtrug. Fast so, als hätte er sich unbewusst darauf vorbereitet...

 

„Du hättest mir sagen müssen, dass es so schlimm ist.“ James’ leise Stimme unterbrach seine Gedanken. House hob den Kopf und Wilson stand vor ihm, hielt ihm einen Kaffeebecher unter die Nase. Er nahm sie.

 

„Warum hast du nichts gesagt, Greg?“ Wilson schob die aufgerissenen und teilweise geleerten Medikamentenverpackungen auf dem Tisch umher. Er hatte sich offenbar zusammengereimt, was passiert war.

 

Er konnte ihn nicht mehr ansehen. Statt dessen hielt er seine Augen auf den dampfenden Becher in seiner Hand gerichtet, begann mit der Fingerspitze den Rand entlang zu fahren.

 

„Mach’ so etwas nie wieder“, sagte Wilson leise, seine Stimme fast flehentlich.

 

„Ich... kann es nicht versprechen“, erwiderte er nach einem Moment, als die Stille unerträglich wurde. Und es war die Wahrheit. Er konnte es nicht versprechen. Er wusste nicht, was er tun würde, wenn... Aus den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung wahr und hob den Kopf, nur so weit, um zu sehen, dass Wilson mit fahrigen Gesten seine Jacke glatt strich und zur Tür ging.

 

Dort angekommen, drehte sich der jüngere Mann noch einmal zu ihm um. „Gut. Wie du willst. Ich kann dich nicht dazu zwingen, Hilfe anzunehmen, wenn du das nicht willst. Du... du kannst mich ja anrufen, wenn du mal wieder jemand brauchst, der dich zusammenflickt.“

 

House sah wortlos zu, wie sich hinter James die Tür schloss. Unwillkürlich ballte er die Finger der verletzten Hand zu einer Faust und ein scharfes Brennen schoss durch seinen ganzen Arm. Er hatte ihn doch angerufen. Er konnte nicht auf andere Art um Hilfe bitten.

 

 

If you called me I never did hear
Couldn't tell when the need was real
Saw you slipping, you were already gone
In over your head, in over your head
I had nothing new, nothing new to show to you instead

 

Ende