Titel:              Lover lay down - The downfall of Jimmy Legrand

Autor:            Lady Charena

Serie:              Matlock – Ep. 30 Country Boy (Als Zugabe Mord)

Paarung:         Jimmy Legrand (Kitty Legrand und Matlock in Erinnerungen)

Rating:            PG, Drama, Deathfic

Beta:              T’Len

Archiv:           ja

 

Summe:           Aus und vorbei. Der Schlagzeuger wegen Mordes hinter Gitter. Die Tournee abgesagt. Der Manager samt Einnahmen unauffindbar. Und längst dahin sind Jimmy Legrands großartige Schwüre, sich zu bessern. Während Kitty ihren Ehemann verlässt und sich zu ihrer Mutter flüchtet, schreibt Jimmy einen Brief an seinen Anwalt.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Songtext aus “Lover lay down” von Dave Matthews.

 

 

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And you weep, lover lay down

Cause it’s over, lover lay down

Say love, say love, say love, say love, say love

Lover lay down

Could I love you, could you love me

Darling its all the same

Till we dance away

Chasing me all around, leading me all around

Leading me all around in circles…

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Das Leben war wirklich ein einziger, beschissener Kreislauf.

 

Jimmy Legrand lag auf seinem Bett, mit Ausnahme seiner Stiefel und der Jacke voll bekleidet. Einen Arm über die Augen geworfen, als ob er mit der Sicht auch die Schäbigkeit seines Quartiers auslöschen könnte.

 

Der Teppich mit seinen zahllosen Flecken und Brandlöchern glich eher einem Feuchtbiotop als einem Bodenbelag. Es hatte den ganzen Tag geregnet und der Wind presste die Feuchtigkeit durch die undichten Fenster. Es schien, als wäre der ganze Raum mit grauem Nebel erfüllt – aber vielleicht lag das auch nur an der zentimeterdicken Schmutzschicht auf den Scheiben, die das Licht filterten. Das Bett war so durchgelegen, dass Jimmy in der Mitte fast versank, das Laken verdiente diesen ehrenwerten Namen eigentlich gar nicht, genau wie das platte Kissen war es vergilbt und franste an den Rändern aus. Ein paar abgeschlagene Möbel – ein kippliger Stuhl; ein Tisch, an dem jedes Bein eine andere Farbe und Form aufwies; ein Schrank, den Jimmy gar nicht erst geöffnet hatte, aus Sorge das Möbel könnte über ihm zusammenbrechen, geriet seine heikle Balance aus den Fugen. Sein Koffer lag auf einer leidlich besseren Kommode, deren Schubladen in der feuchten Luft so aufgequollen waren, dass sie sich nicht herausziehen ließen. Nicht, dass Jimmy der Sinn nach Auspacken gestanden hätte. Der Gitarrenkoffer lehnte an der Wand neben der Tür, sein Hut hing an einem Haken darüber, die Jacke lag nachlässig über den Stuhl geworfen. Einer seiner Stiefel lag unter dem Tisch, der andere war nicht zu sehen, vermutlich war er unter das Bett gerutscht. Aber das Wichtigste hatte Jimmy eh in Greifweite: auf dem holzwurmzerfressenen Nachttisch stand ein von Stummeln überquellender Aschenbecher und eine Flasche Whiskey. Ein verirrter Sonnenstrahl fand den Weg in den Raum und ließ das goldene Feuerzeug neben der aufgerissenen Packung Zigaretten für einen kurzen Moment aufblitzen, glitt fast höhnisch liebkosend über die Gravur: In ewiger Liebe, Kitty...

 

Schaler Rauch mischte sich mit Schweiß- und Alkoholdünsten zu einer kaum erträglichen Geruchskakophonie, die zumindest den dumpfen Modergestank des Schimmels in den Raumecken überdeckte.

 

Dem langsamen Heben und Senken des Brustkorbes nach hätte man glauben mögen, Jimmy wäre eingeschlafen. Doch Jimmy Legrand schlief nicht. Er dachte auch nicht über die Zukunft nach oder versuchte eine Bilanz der Ereignisse zu ziehen. Er lag einfach nur wie erstarrt da, sein Gesicht eine erschöpfte, graue Maske. Nächte ohne Schlaf und viel zu viel Alkohol zeichneten seine aufgequollenen Züge, die dunklen Schatten unter den Augen waren nur halb vom dem darüber gelegten Arm verdeckt. Nackte Füße ragten aus einer schmutzverkrusteten Jeans, die aussah, als habe ihr Besitzer ein Schlammbad genommen. Nun, das war vermutlich nicht mal unmöglich. So unsicher, wie er gestern... heute... zum Teufel, wer wusste schon, wann er ins Motel zurückgekehrt war... hatte er den vom Regen aufgeweichten Boden auf dem Weg zur Tür wohl mehrere Male geküsst. Seine Erinnerung war da so unklar wie der Nebel, durch den er gewankt war. Er konnte nicht einmal sagen, ob es morgens, abends oder vielleicht heller Mittag war. War ihm eh egal. Alles war egal, seit Kitty ihn verlassen hatte. Dabei hatte alles noch so rosig ausgesehen, nach einem Neuanfang zwischen ihnen beiden, damals – auf der Bank hinter Matlocks Haus. In einem Arm die Gitarre, im anderen eine glückliche Kitty, strahlender Sonnenschein und die Aussicht auf eine ebensolche Zukunft.

 

Und was war davon geblieben? Nichts! Sie hatten versucht, die Tournee fortzusetzen und getreu seinem Versprechen versuchte er, den Bars, den Drinks und den Schlägereien aus dem Weg zu gehen. Anfangs ging es gut. Der Ersatzschlagzeuger war Spitzenklasse und nach den Schlagzeilen, die die Mordanklage und der Prozess verursacht hatte, platzten die Hallen förmlich aus allen Nähten. Sie hätten für jedes Konzert die doppelte Anzahl an Karten zum dreifachen Preis verkaufen können und die Leute hätte noch mehr nach Jimmy und Kitty Legrand geschrieen.

 

* * *

 

Dann begann alles auseinander zu fallen. Andere Themen beherrschten die Schlagzeilen. Er ließ sich zum ersten Mal seit der Einstellung des Mordprozesses wieder vollaufen, flog aus der Bar, weil er einen Stuhl aus dem Fenster geworfen hatte (natürlich ohne es vorher zu öffnen) und wurde prompt von den Bullen geschnappt, weil Kitty sich geweigert hatte, ihn ins Hotel zu fahren. Er hatte zwei Nächte im Knast verbracht, bis Kitty die Kaution stellte. Gut, er erinnerte sich kaum an die Zeit und bis auf seine vollgekotzten Stiefel hatte er es unbeschadet überstanden. Als Kitty ihn – unter eisigem Schweigen - ins Hotel fuhr, war sogar sein Brummschädel fast schon wieder verschwunden und er hatten einen Bärenhunger.

 

In ihrem Raum angekommen, bestellte er sich als erstes ein großes Frühstück und eine Flasche Whiskey aufs Zimmer – was kümmerte ihn, dass es vier Uhr Nachmittags war – und ging dann unter die Dusche. Geschrubbt, rasiert und sogar ziemlich klar im Kopf, kehrte er zwanzig Minuten später zurück – aber Kitty war nicht da. Zuerst dachte er sich nichts dabei, sondern machte sich über das Frühstück her. Zwei Tassen Kaffee hielten ihn nicht davon ab, schnarchend in die Kissen zu fallen, kaum hatte er den letzten Krümel verputzt. Als er zu sich kam, war es dunkel. Kitty war immer noch nicht da. Doch mit einer Flasche Whiskey ließ sich die Wartezeit bedeutend versüßen...

 

Hämmern gegen die Zimmertür riss ihn irgendwann später aus seinem glücklichen, alkoholumnebelten Träumereien. Statt des Gratis-Pornos, den ihm der Nachtportier besorgt hatte, flirrte graues Schneetreiben über den Bildschirm. Verwirrt, aber mit der schwerfälligen Grazie des Gewohnheitstrinkers kroch er aus dem Bett und riss die Tür auf. Sein Manager stürmte an ihm vorbei in den Raum. „Verdammt, Jimmy! Wo steckt Kitty?“

 

Er lehnte sich gegen die Tür und gähnte. „Keine Ahnung“, nuschelte er schließlich. „Vielleicht hat sie sich ein anderes Zimmer genommen. Meine Süße ist mal wieder sauer.“ Sein unbeabsichtigter Witz brachte ihn zum Grinsen.

 

Allerdings war er wohl der einzige, der sich erheitert fühlte. Er fiel fast zu Boden, als ihn zwei Hände an den Schultern packten und schüttelten. „Verdammt, Jimmy! Komm’ zu dir. Wir stecken bis zum Hals in der Scheiße. Der Schlagzeuger ist weg.“

 

„Na und?“ Von so was ließ sich ein Jimmy Legrand nicht beeindrucken. Schlagzeuger gab es wie Sand am Meer und wer würde sich schon die Chance nehmen lassen, mit ‚dem’ Star der Countryszene, Jimmy Legrand, zu spielen.

 

„Na und? Er hat bei mir eingebrochen und die Einnahmen der letzten drei Konzerte mitgenommen! Geht das in deinen besoffenen Schädel, Jimmy? Ich hab nicht mal genug, um die Hotelrechnung zu bezahlen, geschweige denn die Vorleistungen für das nächste Konzert!“

 

„Nu reg’ dich mal nicht so auf.“ Indigniert entfernte er die Hände seines Managers von den Schultern, auch wenn ihn das fast seine mühselig aufrechterhaltene Balance kostete. Er hielt sich am Türrahmen fest. „Deshalb sind wir doch nicht pleite, alter Junge. Geb’ ich halt ein paar Zusatzkonzerte. Alle wollen Jimmy Legrand sehen, jawohl!“

 

Ekel erschien auf dem Gesicht des anderen Mannes, doch er war zu sehr damit beschäftigt, nicht auf die Schnauze zu fallen, um es zu registrieren. „Merkst du eigentlich überhaupt noch irgendwas, Jimmy?“

 

Er schaffte es bis zum Bett und sackte darauf zusammen. „Ich sag’ Kitty, dass du sie gesucht hast...“, murmelte er noch. Dann war Jimmy Legrand für diese Realität verloren.

 

Als er erwachte, fühlte er sich nicht besonders, aber seit wann war das etwas neues. Er steckte den Kopf unter den Kaltwasserhahn und trank den abgestandenen Kaffee. Kitty war nicht in Sicht. Langsam war es aber wieder gut mit Schmollen. Er suchte nach Kopfschmerztabletten und fand zu seiner Verblüffung, dass der Schrank, in dem ihre Klamotten hängen sollten, fast leer war. Verdammt. Ein paar Hemden, die Weste die er bei seinem letzten Auftritt getragen hatte und seine Jeans. Wo waren Kittys Klamotten? Er stützte sich am Schrank ab und sah sich im Zimmer um. Wieso war ihm das nicht früher aufgefallen? Ihr Zeug war weg. Die Kommode, auf der sie ihren Kosmetikkram aufgebaut hatte, war leer. Er ging ins Bad (so schnell ihn seine wackligen Beine trugen) und fand, dass auch dort keine Spur seiner Ehefrau mehr zu entdecken war. Eine einzige Parfümflasche stand noch auf der Ablage über dem Waschbecken – er hatte es ihr geschenkt.

 

Mit einem elenden Gefühl im Magen, das nicht nur mit seinem Kater zusammenhing, kehrte er zurück und setzte sich aufs Bett. Die zerknitterten und verschwitzten Laken klebten an seiner Haut und sein Blick fiel auf die unberührte Betthälfte. Und auf einen Umschlag, der dort lag.

 

Er riss ihn auf und sofort fiel ihm ein goldener Ring entgegen. Kittys Ehering! Er glitt aus seinen ungeschickt zugreifenden Fingern und rollte unter das Bett. Fluchend ließ er ihn liegen, wo er war und fischte den einzelnen Briefbogen aus dem Umschlag. Es war nur eine halbe Seite, irgendwo herausgerissen und es war Platz genug für die drei Zeilen darauf.

 

„Ich hatte dich gewarnt, Jimmy Legrand.

Meine Geduld ist zu Ende.

Du siehst mich nie wieder.“

 

Keine Unterschrift. Wutentbrannt knüllte er den Fetzen Papier zusammen und warf ihn durch den Raum. Das besänftigte ihn keineswegs. Zwei Stühle und eine Schranktür gingen zu Bruch, bevor er sich wieder in den Griff bekam.

 

Es klopfte an der Tür - immerhin hatte er einen gewissen Lärm verursacht – doch als sie geöffnet wurde, knurrte er nur, ohne sich umzudrehen. Offenbar verschwand wer immer auch nachsehen gekommen war, umgehend wieder, um auf einen günstigeren Zeitpunkt zu warten.

 

Er sank aufs Bett und vergrub den Kopf in den Händen.

 

Als er wieder einigermaßen klar denken konnte, rief er Kittys Eltern an – doch die weigerten sich, mit ihm zu reden oder Kitty ans Telefon zu holen. Auf irgendeine verdrehte Art lasteten sie ihm JoAnnes Tod an! Aber sie waren ja nie von der Heirat ihrer Tochter mit einem Countrystar begeistert gewesen. Und was für ein Theater es erst gegeben hatte, als JoAnne beschloss, zusammen mit ihrer Schwester und ihm auf der Bühne zu stehen. Aber wo sonst sollte sie schon sein, als Zuhause.

 

Wutentbrannt knallte er den Hörer auf die Gabel. Vermutlich kam sie bald von selbst wieder an. Er würde Besserung geloben, wie jedes Mal und Kitty kehrte reumütig in sein Bett zurück.

 

Aber Kitty kam nicht. Sie stellten das Programm um, so dass er nur noch Songs spielte, für die er keine Partnerin brauchte und während der Konzerte spähte er angestrengt ins Publikum, weil er hoffte, Kitty unter den Zuschauern zu entdecken. Natürlich war sie nicht da. Er spulte die Songs mechanisch und so rasch wie möglich runter, ignorierte die immer größeren Lücken in den Stuhlreihen und suchte hinterher die erstbeste, am nächsten gelegene Bar auf, um dort zu trinken, bis die Welt um ihn schwarz wurde.

 

Die ersten Konzerte wurden abgesagt. Was bedeutete, dass er noch mehr Zeit hatte, sich vollaufen zu lassen.

 

Nachdem er einen Brief von Kittys Anwalt erhalten hatte, der ihm mitteilte, dass seine Ehefrau die Scheidung einreichte, brach er im Suff eine Prügelei vom Zaun, die ihm einen Ausflug in die Notaufnahme einbrachte. Seine geplatzte Augenbraue musste genäht werden und die zahllosen Prellungen machten jede Bewegung zur Qual. Das schlimmste war jedoch ein gestauchter kleiner Finger. Nicht auch nur daran zu denken, dass er eine Gitarre in die Hand nehmen konnte.

 

Noch ein paar Konzerte fielen aus. Sie übersprangen ein paar Stationen. An einem Abend spielte Jimmy vor nicht mal zwanzig Leuten. War eh egal. Seine Vorstellung war mies. Seine Stimme unter aller Sau und der verletzte Finger war auch noch nicht wirklich wieder voll einsetzbar.

 

Irgendwann war er dann in dieser Müllhalde gelandet, wo im Speisessaal Kakerlaken-Ringkämpfe wesentlich interessanter als das servierte Essen waren und das Wasser aus dem Hahn nicht zum Trinken geeignet. Aber Wasser trank er eh nicht. Und Jimmy Legrand war immer noch ein Name, der ihm jederzeit einen Drink – oder eher gleich die ganze Flasche – sicherte. Fans gab es überall. Sie wurden weniger, starben vielleicht sogar langsam aus, aber noch existierten sie. Und solange kam er auch an etwas zu Trinken.

 

Kurz darauf fiel er bei der Probe sturzbesoffen von der Bühne. Ein alter Mann half ihm auf die Beine und brachte ihn zurück ins Motel. Er klagte ihm auf den Weg dorthin sein Elend, heulte sich so richtig bei dem Alten aus, während er seine schmerzende Seite hielt, wo er auf den Rand einer Kiste geknallt war. Der Alte lächelte nur und nickte. Er war stocktaub, wie ihm der picklige Typ hinter der Rezeption verriet. Jimmy drückte ihm einen Fünfer in die Hand und wankte in sein Zimmer. Eine Reserveflasche Whiskey machte den Schmerzen den Garaus. Und allem anderen auch. Die gewohnte Dunkelheit kam bald und nahm ihn mit sich fort.

 

Als er irgendwann später zu sich kam, war sein Manager und der Rest der Band samt dem kompletten Equipment weg. Der große Star Jimmy Legrand war in einem Provinznest in einem Rattenloch gestrandet, ohne Kohle und mit nicht mehr als einem abgestoßenen Koffer und seiner Gitarre. Er suchte die nächste Bar und ließ sich Songs mit Whiskey bezahlen, bis seine Stimme versagte. Kurz danach – oder möglicherweise schon lange vorher – gab auch sein Verstand den Geist auf.

 

* * *

 

Konnte ein Mensch tiefer sinken? Sein ganzer Körper war eine einzige, dunkle Qual, als er sich aus dem Bett quälte und ins Bad wankte. Hatte er sich geprügelt? Inzwischen hatte er so viele Prellungen und Kratzer, dass er nicht mehr wusste, ob neue hinzugekommen waren. Sein Zustand bewahrte ihn davor, die Schlammspuren am Waschbecken zu sehen, die von seinen nächtlichen Reinigungsversuchen stammten oder gar den säuerlichen Geruch des Erbrochenen wahrzunehmen, der die Luft füllte. Er taumelte geradewegs unter die Dusche, stellte das Wasser auf heiß und hielt das Gesicht in den Wasserstrahl, der kaum lauwarm und voller Kalkbrösel aus dem Duschkopf tröpfelte.

 

Etwa eine Stunde später war sein Kopf zumindest ein wenig klarer geworden. Klar genug, dass ihn das heulende Elend überkam. Er setzte sich auf den schmutzstarrenden Fußboden und heulte wie ein Baby, dem man den Schnuller weggenommen hatte, bis ihm ganz schwindlig wurde und er einen Schluckauf bekam.

 

Langsam stand er auf und durchquerte mit zögerlichen Schritten den Raum, um in seinem Koffer zu wühlen. Ganz unten, unter der dreckigen Unterwäsche fand er, was er gesucht hatte. Ein zerknitterter, fleckiger, gepolsterter Umschlag, aus dem er seine vor einiger Zeit neu erschienene Platte zog. Liebkosend fuhr er mit zitternden Fingern über das Cover, auf dem er Seite an Seite mit Kitty und JoAnne zu sehen war. Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, seit sie das Foto gemacht hatten – dabei war es noch keine vier Monate her.

 

Er kehrte zum Bett zurück, nahm die Platte mit und legte sie vorsichtig auf das speckige Kissen. Dann zündete er sich eine Zigaretten an und nahm erst mal einen tüchtigen Schluck, um sich zu beruhigen. Das fühlte sich so gut an, dass er zwischen zwei Zigaretten die noch fast halbvolle Flasche leerte.

 

Irgendwie war er jetzt ganz ruhig. Er fand unter dem Bett eine Zeitung und zwischen den Seiten einen Reklamezettel, der auf der Rückseite unbenutzt war. Einen Kugelschreiber, dessen Ende von irgendjemandem fast durchgekaut worden war, der aber noch schrieb, entdeckte er in der Schublade des wackligen Nachttisches, der sich nach einigem Ruckeln öffnen ließ. Es rieselte Holzstaub, den er achtlos von den Händen wischte.

 

Die Worte kamen nach einigem Stocken von ganz allein. Fast so wie früher, wenn er einen Song geschrieben hatte. Trotzdem wurde es kein langer Brief.

 

„Michelle hat mir verraten, dass Sie alle meine Platten haben, Matlock. Ohne Sie säße ich jetzt als JoAnnes Mörder im Knast und das werde ich Ihnen nie vergessen. Erinnern Sie sich an das Gespräch, das wir in Ihrer Küche führten? Ich meinte es damals, wie ich es sagte. Ich wollte mein Leben ändern. Kittys zuliebe. Fans wie Ihnen zuliebe. Aber Kitty ist weg und ich kann es ihr nicht verdenken. Die Fans sind weg. Meine Band ist weg. Die Kohle ist im Eimer. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich tatsächlich ganz allein. Und das ist ein beschissenes Gefühl. Denken Sie nicht zu schlecht von mir. Es ist besser so, als wie Elvis zu enden. Genießen Sie die neue Platte. Ich glaube, es war meine Beste. Jimmy Legrand.“

 

Aus einem Impuls heraus kritzelte er noch sein Autogramm auf das Plattencover. Dann steckte er die Schallplatte zusammen mit dem Brief zurück in dem Umschlag, strich die Empfängeradresse auf der Vorderseite um und schrieb auf die Rückseite die Adresse von Matlocks Kanzlei. Merkwürdig, dass er sich daran noch erinnerte. Er durchwühlte seine Jackentaschen und fand noch ein paar Dollarscheine. Er zog seine Stiefel und die Jacke an, setzte seinen Hut auf und nahm den Gitarrenkoffer in die eine Hand. Den Umschlag in der anderen verließ er sein schäbiges Zimmer, ohne sich noch einmal umzusehen.

 

Er legte der fette Schlampe an der Rezeption den Umschlag und das Geld auf den Tisch. Sie versprach, ihn sofort zur Post zu bringen, wofür er ihr das Wechselgeld als Trinkgeld überließ. Dann legte er seinen Zimmerschlüssel auf den Tresen und sagte, er würde zur Probe fahren. Die Alte beguckte ihn misstrauisch, erwiderte jedoch nichts darauf. Vielleicht hatte es sich noch nicht zu ihr herumgesprochen, dass es keine Konzerte mehr geben würde oder es interessierte sie nicht.

 

Ihm war es ebenfalls einerlei. Er verließ das Motel und stieg in seinen Wagen. Als er das Auto vom Parkplatz lenkte, öffnete er mit einer Hand den Gitarrenkoffer, den er auf den Beifahrersitz gepackt hatte und schloss die Finger um den Hals des Instruments, als würde er aus dem Kontakt Kraft schöpfen.

 

Er begann leise vor sich hinzusummen, dann zu singen, als er die Stadt hinter sich ließ und beschleunigte. Die Straße zog sich schnurgerade hin, bis sie nach einigen Kilometern in eine scharfe Kurve überging. Der Grund dafür war ein Abhang. Er geriet nicht aus dem Takt, als er das Gaspedal durchdrückte und den Wagen noch weiter beschleunigte. Er verfehlte keinen Ton, als das Auto anstatt der Kurve zu folgen, gerade weiterfuhr und den Abhang hinunter stürzte. Nur seine Finger krampften sich ein wenig fester um den Hals der Gitarre, als wolle er sicher sein, dass nicht auch noch das Instrument ihn verlassen würde.

 

Als der Wagen nach mehrmaligem Überschlagen mit dem Dach nach unten aufprallte und vibrierend liegen blieb, als der knisternde Motor Funken sprühte und der lecke Benzintank wie eine Bombe hochging, war Jimmy Legrand bereits für immer verstummt.

 

Ende

 

<Lover lay down. Sleep tight, Jimmy.>

 

 

 

 

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Matlock, Folge 30. Als Zugabe Mord (The Country Boy)

JoAnne, die Schwägerin des Countrysängers Jimmy Legrand (David Carradine) wurde überfahren. Der Wagen gehört Legrand, der schlafend hinter dem Steuer aufgefunden und daraufhin festgenommen wird. Man wirft ihm vor, dass er eigentlich seine Frau Kitty habe töten wollen, um zu verhindern, dass sie ihn verließe, aber aus Versehen im Vollrausch ihre Schwester erwischt hat. Sein Anwalt Matlock bekommt ihn gegen Kaution auf freien Fuß und nimmt den nicht gerade pflegeleichten Sänger bei sich auf. Die beiden versuchen nun, Jimmys Unschuld zu beweisen.