Titel: Doppelfehler
Autor: Lady Charena
Fandom: Der Bulle von Tölz

Paarung: Benno, Sabrina
Rating: PG-13, Crime
Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe/Hintergrund: Mord oder Selbstmord? Benno und Sabrina haben einen schweren Fall zu knacken. Und dass auch noch bei miesem Wetter.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.

 

 

Benno Berghammer wusste nicht so recht, was ihm an der Leich’ nicht gefallen wollte. Überraschend wenig Blut, die Augen geschlossen... vielleicht war es das. Vielleicht lagen ihm aber auch nur die schottischen Eier in Minzsoße im Magen, die ihm seine Mutter zum Abendessen serviert hatte. Sie befand sich noch immer auf dem England-Trip und auch das Schild „Bed and Brakefast“ hing in seiner ganzen, falschgeschriebenen Pracht noch immer am Gartenzaun vor der Pension. Zumindest bildete sie sich nicht mehr ein, Miss Marple spielen zu müssen.

 

Benno zog die Schultern ein, als der Wind auffrischte und eine Bö ihm den kalten Regen ins Gesicht trieb. Frühlingswetter! Er schob die Hände in die Taschen. Kurz nach zehn und vom nahen Autobahnzubringer wehte mit dem Regen unvermindert das Rauschen der Autos herüber. Sicherlich alles Leute, die übers Wochenende dem grauen Nieselwetter entflohen. Bad Tölz mochte im Sommer und im Winter von Touristen überlaufen sein, in den Wochen dazwischen blieben die Kurhotels spärlich besucht.

 

Nach Kurhotel sah dieser Teil von Tölz ohnehin nicht aus. Das Neubaugebiet knapp hinter der Stadtgrenze war alles andere als eine Zierde, in die Landschaft hingekleckerte Apartmentkomplexe und Bürohochhäuser, die Großstadtflair in die Kurstadt bringen sollten. Keine Amsel verirrte sich in das blattlose Gestrüpp, das hinter rostigem Maschendraht das Grundstück begrenzte. Ein trostloser Ort – auch ohne Leiche.

 

Acht Stockwerke unterhalb des weit offenen Fensters krümmte sich der tote Mann im Scheinwerferlicht der Kriminaltechniker auf den Betonplatten, die das Apartmenthaus auf der Rückseite umfassten. Einen Garten hatte der Architekt des grauen Klotzes wohl für überflüssig erachtet. Nicht, dass es einen Unterschied gemacht hätte.

 

Schwere Regentropfen fielen aus dem nächtlichen Himmel und auf die umhereilenden Menschen. Die Leiche selbst wurde durch ein hastig errichtetes Zeltdach zumindest notdürftig geschützt. Der Wind zerrte an dem dünnen, schwarzen Morgenmantel aus Seide, das einzige, was der Tote trug. Fast wie für eine Filmszene abgelegt, dachte Hauptkommissar Berghammer und beobachtete seine Kollegin Sabrina Lorenz, die ein letztes Polaroid schoss, um den Fundort zu dokumentieren.

 

Irgendwas an der Haltung des Mannes war merkwürdig – so weit man das beurteilen konnte. Das war nicht der erste Mensch, der in den Tod gehopst war. Aber der hier lag anders. Die Knie leicht angezogen; die Arme parallel zum Körper; den Kopf mit schütterem, braunen Haar in den Nacken gelegt. Als hätte er es sich nicht in den Zehntelsekunden vor dem Aufprall noch anders überlegt. Als hätte er nicht um Hilfe gerudert und instinktiv versucht, den Kopf zu schützen. So wie er es bei einer Reihe anderer Selbstmörder gesehen hatte.

 

Der Arzt nickte den Bestattern zu und streifte die Latexhandschuhe ab. Er wandte sich an Benno. „Keine Anzeichen von Fremdeinwirkung.“ Fast missmutig schleuderte er seine Handschuhe in den Koffer. Vielleicht war er enttäuscht, dass er für nichts und wieder nichts gerufen wurde. „Das hätten Sie doch auch ohne mich hingekriegt, Berghammer.“

 

Benno erwiderte nichts. Er sah zu, wie die Bestatter die Bahre neben dem Toten abstellten und den Reißverschluss des Leichensacks öffneten. „Wann ist es passiert?“, fragte er, ohne den Mediziner anzusehen.

 

„Vor einer Stunde, plus minus fünfzehn Minuten.“ Der Arzt ließ seinen Koffer zuschnappen.

 

„Ist das sicher?“

 

Jetzt klang der Weißkittel definitiv beleidigt. „Das kann man anhand der Abkühlung ziemlich genau berechnen“, erwiderte er reichlich spitz.

 

Da erzählte er Benno nichts neues. Er nickte in Richtung Leiche – die Bestatter mussten die Beine gerade drücken, um sie in den Sack zu bekommen. „Und ich hab gedacht, die Leichenstarre setzt erst nach zwei Stunden allmählich ein.“ Er fragte sich, wie lange sie sich noch mit dieser besserwisserischen Aushilfe herumschlagen mussten.

 

„Ein Fall von kataleptischer Erstarrung.“ Der Arzt zog den Kittel aus und stopfte ihn in eine Seitentasche. „Kommt vor“, setzte er hinzu und trug die Tasche zu seinem roten Porsche. Die richtige Karre, um Medizinstudenten zu beeindrucken. Fehlte nur noch das MCM-Logo auf dem Arztkoffer. Aber er passte in das neue Viertel wie die Faust aufs Auge.

 

Bens Kollegin Sabrina trat zu ihm, sie hatte mit den Polizisten gesprochen, die gerade aus dem Haus kamen. „Laut Spurensicherung gibt es keine Fingerabdrücke – nicht am Griff, nicht am Fensterbrett, nicht am Rahmen“, verkündete sie leicht atemlos, als wäre sie die acht Stockwerke zu Fuß gegangen.

 

„Keine verwertbaren, oder?“

 

„Ne, gar keine. Alles ist sauber abgewischt.“ Sabrina nieste. „Scheißwetter.“

 

Der Rechtsmediziner ließ den Kofferraumdeckel knallen und öffnete die Fahrertür. „Ist noch was?“

 

„Sieht so aus, als bräuchten wir doch `ne Obduktion, Doktor.“

 

„Morgen früh geht aber nix.“

 

Benno lächelte. „Dann eben jetzt glei.“

 

*  *  *

 

Die Bullen waren höflich, aber hartnäckig. Der Fette sah täuschend harmlos und träge aus, wie er so in seinem Schreibtischstuhl saß, die Arme vor dem Bauch verschränkt.

 

Sicher war es schon Mitternacht, schätzte Carola Bourne. Zum Teufel mit den Kopfschmerzen.

 

„Soso, der Bayrische Hof. Was gabs denn gutes zum Essen, Frau Bourne?“, fragte der fette Anzugträger, der sich als Benno Berghammer vorgestellt hatte. Ein Kriminalhauptkommissar, offenbar der Chef der Truppe. Immer die gleichen Fragen. Die Bullen ließen sie schmoren. Eigentlich kein Wunder. Wer sonst hatte ein solches Mordmotiv.

 

„Kresseschaumsüppchen und als Hauptgang Milchlamm an Frühlingsgemüschen. Kein Dessert, der Linie wegen, wenn Sie das auch noch wissen wollen. Hab ich alles bereits Ihrer Kollegin erzählt.“

 

Die Spulen des altertümlichen Aufnahmegeräts drehten sich mit deutlich hörbarem Knirschen.

 

Berghammer nickte ihr träge zu, die kleinen Schweinsäuglein halb geschlossen. Wahrscheinlich lauerte der Bulle darauf, dass sie sich in irgendwelche Widersprüche verwickelte. Carola kannte dieses Spielchen. Aus dem Fernsehen. Da konnte er lange fragen. Wenn sie nur ihr Aspirin nicht im Büro vergessen hätte. Und die Beamten nach einem Mittel gegen ihre Kopfschmerzen zu fragen, dazu war Carola zu stolz.

 

Zum zweiten Mal schilderte sie den Abend in allen Einzelheiten. Das Geschäftsessen mit einem Fotografen. Ein vollbesetztes Restaurant im Nobelhotel. Fensterplatz mit Blick auf die Lichter der Stadt. Dutzende von Zeugen konnten bestätigen, dass sie in der fraglichen Zeit für keinen Moment den Tisch verlassen hatte. Nicht einmal zur Toilette war sie gegangen. Keine Chance, ihr was anzuhängen.

 

Die Polizistin fragte nach den Gästen am Nachbartisch. Sie konnte ihm den Namen einiger lokaler Größen nennen. Und sie vermutete, dass zumindest der Bauunternehmer sich an sie erinnern würde – ihr Dekolletee würde dafür sorgen. Carola rechnete damit, dass man ihre Angaben überprüfen würde, den Fotografen befragen, weitere Gäste, vielleicht sogar die Hotelangestellten.

 

Der Kommissar gähnte, dann sagte er: „Am späten Nachmittag waren Sie zuletzt in der Wohnung Ihres baldigen Ex-Mannes. Stimmt das?“

 

Sein Blick war irgendwie triumphierend. Aber Carola hatte gewusst, dass die alte Schachtel von gegenüber hinter der Tür stehen würde und durch den Spion den Flur überwachte, als sie aus der Wohnung trat. Natürlich hatten die Schnüffler die Nachbarn befragt. Und wenn schon. „Ich hatte noch Sachen dort“, erklärte sie ungerührt. Bis vor sechs Wochen hatte sie da immerhin gewohnt. „Und wir hatten was zu besprechen. Mark und ich. Wegen der Scheidung. Auch das habe ich Ihrer Kollegin bereits gesagt.“ Sie warf einen Blick auf die Polizistin, die mit verschränkten Armen an die Wand gelehnt dastand.

 

„Wie wir hörten, gab es Krach.“

 

Das hatten sie natürlich auch von der alten Schachtel, dieser Hexe. Hätte Carola nicht die fremden Liebesbriefe im Schreibtisch gefunden, als Mark vergessen hatte, die Schublade abzusperren, würde sie heute noch Wand an Wand mit der neidischen Krähe wohnen. „Das ist übertrieben.“

 

„Man sagt, Sie hätten sich häufig mit Ihrem Mann gestritten.“

 

Carola lächelte eisig. „Glauben Sie alles, was die Nachbarn behaupten? Die alte Schachtel übertreibt maßlos.“

 

Der Kommissar grinste wie ein kleiner Junge, den man beim Schummeln erwischt hatte. „Sie hätten sogar einmal gedroht, ihn umzubringen, heißt es.“

 

„Ach was. Er hat höchstens mir gedroht. Mark war ein fauler Nichtsnutz. Unzuverlässig und verlogen. Erwarten Sie bitte nicht von mir, dass ich die trauernde Witwe spiele. Ehrlich gesagt, ich bin sogar froh, dass er gesprungen ist. Auch wenn ich nicht geglaubt hätte, dass er irgendwas von dem Unsinn wahrmachen würde, den er ständig absonderte.“

 

„Und was wäre das gewesen?“, fragte die Polizistin.

 

Genau in diesem Moment klopfte es an die Bürotür und die Polizistin öffnete um im Flüsterton mit jemand zu sprechen, der draußen auf dem Flur stand. Dann verließ sie den Raum. Carola zuckte nur mit den Schultern.

 

Berghammer ergänzte: „Wir vermuten, dass er gestoßen wurde.“

 

„Sie haben keine Fingerabdrücke gefunden, stimmt’s? Ich wette, er hat sie selbst abgewischt, um es so aussehen zu lassen, als hätte man ihn umgebracht. Sie kannten Ihn nicht. Er machte nichts ohne Berechnung. Mark war hinterhältig und bösartig.“

 

Ein uniformierter Beamter steckte seinen Kopf ins Zimmer und winkte Berghammer nach draußen.

 

Carola starrte auf die Spulen des altersschwachen Rekorders, die sich weiter drehten.

 

*  *  *

 

Benno schloss die Tür hinter sich und trat zu Sabrina. Am Ende des Flures traktierte Kollege Pfeiffer den Kaffeeautomaten mit Boxhieben, die er sich bestimmt aus einem Film abgekuckt hatte. Obwohl es neuerdings hieß, dass Pfeiffer in dem neuen Fitnessstudio trainieren würde. „Was gibt’s neues?“, wandte er sich an Sabrina.

 

„Nichts zu machen“, antwortete Sabrina, die amüsiert Pfeiffers Kampf mit dem Automaten beobachtete. „Der Rechtsmediziner bleibt dabei. Todeszeitpunkt zwischen zwanzig und einundzwanzig Uhr.“

 

Pfeiffer gab ein triumphierendes Grunzen von sich. Blech schepperte, dann ergoss sich Kaffee in einen Becher. Und auf den Boden. Pfeiffer reckte die Faust und suchte mit Siegerblick nach Zuschauern.

 

Definitiv stammte diese Geste aus einem miesen Film. „Was gibt’s neues, Pfeiffer?“, fragte Berghammer unbeeindruckt.

 

„Die Techniker haben Spuren von Kaliumzo... Kaliumzu...“ Pfeiffer ließ den Becher, Becher sein und zog ein Notizbüchlein aus der Tasche. Er blätterte wild darin herum und fand schließlich die gesuchte Eintragung. „Kaliumzyanid. Also von dem Zeug haben sie Spuren in der Wohnung gefunden. In einem Mörser. So einem Marmording, in dem man Pfeffer klein hämmert.“

 

„Pfeiffer, wir wissen alle, was ein Mörser ist.“

 

„Der Tote roch nicht nach Bittermandel“, wandte Sabrina ein. „Auch nicht bei der Leichenöffnung. Der Doktor hätte das auf jeden Fall erwähnt.“

 

„Ich habe gelesen, dass man es nicht immer riecht“, brachte Pfeiffer sein Wissen an den Mann. Beziehungsweise die Frau, denn er wandte sich Sabrina zu. „Heißt das, er wurde vergiftet und aus dem Fenster geworfen? Da wollte wohl einer auf Nummer sicher gehen.“ Pfeiffer entsann sich wieder seines Kaffees und holte den Becher, wobei er sich prompt die Finger verbrannte. „Reich genug war der Kerl ja wohl. Haben Sie das riesige Aquarium in seinem Wohnzimmer gesehen?“

 

Die beiden ließen ihn stehen. Pfeiffer starrte betreten auf die Kaffeepfütze, die sich langsam auf dem Boden vor dem Automaten bildete.

 

*  *  *

 

Der Ort schien zu schlafen. Der Regen überzog alles mit einem fast geheimnisvollen Schimmern. Morgen früh würde es verschwunden sein und nur der Dreck bleiben. Wie in der Liebe, dachte Carola. Von der gleichen Vergänglichkeit. Seinen blöden Buntbarschen war Mark mit mehr Wärme begegnet als ihr. Weil er der Futtermaschine nicht traute, war er nie mehr als drei Tage am Stück in den Urlaub gefahren. Wenn es nach ihr ging, konnten die Viecher jetzt vergammeln.

 

Er hatte sich nicht mal die Mühe gemacht, die Briefe richtig zu verstecken, sondern sie einfach nur nach ganz hinten geschoben, eine alte Tageszeitung drübergelegt. Zartgrünes Papier mit aufgedruckten Ranken. Eine unschuldig wirkende Schulmädchenschrift mit dekorativen Schnörkeln, wie in einem schlechten Film Genau wie die beigelegten Polaroids, die allerdings nichts Schulmädchenhaftes an sich hatten.

 

Als Mark dann beteuerte, dass die Affäre mit der blonden, jungen Boutiquenbesitzerin längst beendet war, lief für Carola das Fass über. Der Kerl log am laufenden Band und bildete sich auch noch ein, sie würde ihm alles glauben. Das war es, was sie an ihrem Mann am meisten gehasst hatte, Einfalt gepaart mit Arroganz. Es gab nichts widerlicheres.

 

Sie kramte die Schlüssel aus ihrer Handtasche. Ihr die Firma, ihm die Luxuswohnung mit Blick auf die Berge – so hatten sie sich zunächst geeinigt. Doch plötzlich schwenkte er um. Die Firma habe während ihrer Ehe eine beträchtliche Wertsteigerung erfahren. Als hätte Mark jemals dazu beigetragen. Wenn sie nicht flüssig sei, solle sie den Laden eben verkaufen.

 

Der Nichtsnutz hatte tatsächlich Laden gesagt.

 

Carola betrat das Foyer das mit imitierten – aber sehr gut imitierten – Marmorplatten ausgelegt war, der Bewegungsmelder klickte und die Beleuchtung sprang an. Die Mieten waren sündhaft hoch, aber das Geschäft lief gut und die feine Adresse und edle Architektur beeindruckten Besucher. Carola tippte den Nummerncode in das Kästchen neben dem Büroeingang im ersten Stock und drückte die Glastür auf. Sie hatte überlegt, den Code zu ändern, damit Mark nicht mehr ins Büro konnte. Auch das war jetzt überflüssig.

 

Ihr Blick fiel auf das Namenschild. Mark Bourne. Klang schick, aber das war auch schon alles. Schluss mit ihm. Endgültig. An ihren Mädchennamen würde sie sich problemlos wieder gewöhnen. Gleich morgen würde sie als erstes neue Briefbögen und Visitenkarten in Auftrag geben. Ein zweites Leben würde sie beginnen. Und die Polizei hatte nichts in der Hand.

 

Der Anrufbeantworter blinkte, doch das ignorierte sie. Ihr Terminkalender war aufgeschlagen, die Mappe mit den aktuellen Projekten lag nicht an ihrem angestammten Platz sondern neben dem Telefon. Mark, dachte sie. Hatte er doch tatsächlich heute Vormittag hier herumgeschnüffelt, als sie in der Stadt Besorgungen machte. Das Schwein hatte zum letzten Mal geschnüffelt.

 

Die Kopfschmerzen. Sie wühlte in der Schublade nach den Kapseln. Sich ein Alibi zu besorgen war ein Kinderspiel gewesen, so einfach wie im Krimi. Das Bohren hinter ihren Schläfen bereitete ihr größere Probleme.

 

*  *  *

 

An der Auffahrt zur Bücke war ein Taxi in einen Kleinwagen geschliddert, vermutlich zu schnell zu dicht aufgefahren und auf der nassen Fahrbahn... keine gute Art, den Tag zu beginnen, dachte Benno im Vorbeifahren. Das gab sicher Stau.

 

Seine Mutter war noch nicht aufgestanden. Benno warf einen Blick auf die Uhr. Es war gerade sechs vorbei. Er gähnte und stellte die Kaffeemaschine an. Carola Bourne ging ihm nicht aus dem Sinn. Selten servierten Verdächtige so perfekte Alibis. Die Diagnose des Arztes konnte nicht stimmen. Noch nie hatte Benno einen taufrischen Toten gesehen, der so steif war, als hätte er bereits vor fünf oder sechs Stunden den Löffel abgegeben. Und in den Jahren, die er bei der Polizei war, hatte er viele Leichen gesehen.

 

Das Telefon schrillte. Benno nahm es ab, bevor seine Mutter aufwachen und alle möglichen Fragen stellen würde. Sabrina war dran.

 

„Was gibt’s?“, fragte Benno.

 

„Das Zyankali hat mir keine Ruhe gelassen. Ich hab mit den Leuten im Labor gesprochen und dachte, es würde dich interessieren. Was sind das für Geräusche im Hintergrund, Hase?“

 

„Die Kaffeemaschine. Und was haben die Laborratten gesagt?“

 

„Das das Cyanid von einem Algenvernichtungsmittel stammt. Erinnerst du dich an das Aquarium? Aber die Leiche weißt keine Giftspuren auf. Sie hat ihn also nicht vergiftet. Falls seine Frau es war. Und ich gehe jetzt in die Wanne. Solltest du auch mal versuchen, mein Hase. Ein heißes Bad entspannt.“

 

Benno dankte ihr und legte den Hörer auf. Während er seinen Kaffee trank, dachte er intensiv nach. Irgendetwas an Sabrinas Worten... Badewanne. Plötzlich wurde ihm klar, dass sie Mark Bourne genau in dieser Haltung gefunden hatten – als läge er in der Badewanne. Die Haltung, die ihm von Anfang an so merkwürdig erschienen war. Er rief sich ins Gedächtnis, was er über die Todeszeitbestimmung gelernt hatte. Abkühlung. Rigor Mortis... Ein Lächeln breitete sich über sein rundes Gesicht aus.

 

*  *  *

 

Carola spürte, dass sie zu aufgedreht war, um jetzt gleich in ihre neue Wohnung zu fahren und zu schlafen. Sie öffnete den Bürokühlschrank. Bingo. Champagner war jetzt genau das richtige, um die Kopfschmerztabletten runterzuspülen. Sie würde die Firma behalten und das teure Apartment dazu. Ihre winzige Wohnung am Marktplatz war von Anfang an nur eine Notlösung gewesen.

 

Der Korken knallte, der Schampus schäumte ins Glas. Carola trat ans Fenster und prostete den Regentropfen zu. Zum ersten Mal empfand sie die Einfalt der anderen als Grund zu feiern. Die Bullen ahnten wohl, dass sie es getan hatte, aber sie kamen nicht auf das ‚Wie’. Dabei war es gewissermaßen nur eine Frage der Körperpflege gewesen, um zu verhindern, dass Mark in der Wanne eine Waschhaut bekam, während sie mit dem Fotografen aß. Schade um die teure Bodylotion, aber sie konnte sich ja jetzt so viel davon kaufen, wie sie wollte. Carola schluckte zur Sicherheit gleich drei Kapseln und trank ein Glas Schampus hinterher. Auf das neue Leben.

 

Es schellte an der Tür.

 

Carola füllte ihr Glas nach und prostete ihrem Ideengeber zu, der noch auf der Fensterbank lag: Rechtsmedizin, ein Lehrbuch für Mediziner und Juristen. Das Wissen über die Bestimmung von Todeszeiten konnte man in jeder Buchhandlung kaufen. Sie hatte die sogenannten Experten mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Halte den Kerl warm und sie glauben, er wäre hops gegangen, während du vor Dutzenden von Zeugen zu Abend isst.

 

Das Klingeln hörte nicht auf.

 

Carola war flau in der Magengegend. Sie sagte sich, dass es keinen Grund gab, nervös zu werden, ging zur Gegensprechanlage und drückte einen der Knöpfe. Es war erst kurz nach sieben. Zu früh für Kundschaft, das Büro öffnete erst um neun. „Wer ist da?“

 

Eine Stimme, die ihr bekannt vorkam, krächzte aus dem Lautsprecher: „Ich habe Licht gesehen und dachte, wir könnten uns noch mal unterhalten.“

 

Hauptkommissar Berghammer. Der fette Bulle im Anzug. Und wenn schon, dachte Carola. Sie leerte das Glas, stützte sich an der Wand ab und neigte sich ganz dicht an das Kästchen der Sprechanlage. Sie beschloss, sich einen Spaß zu erlauben und gab ihrer Stimme einen tiefen, sanften Klang, der auf die meisten Männer so erotisch wirkte. „So früh am Morgen? So ganz zufällig spazieren Sie hier vorbei?“

 

„Mir geht etwas durch den Sinn, das mich nicht schlafen lässt. Geht’s Ihnen nicht genauso?“

 

Irgendetwas war los mit ihrem Magen. Carola beschloss, es zu ignorieren. Vielleicht zu viel Schampus um diese Uhrzeit. Selbst wenn er auf die Idee mit der Wanne gekommen sein sollte, der Bulle hatte keinen Beweis. Sie durfte nur keine Unsicherheit zeigen. „Glauben Sie wirklich, Sie hätten mich so tief beeindruckt, Herr Kommissar?“

 

Für zwei oder drei Sekunden war es still. Dann antwortete Berghammer. „Entschuldigen Sie die Störung. Ich denke, Sie haben recht. Wir können das auch heute Vormittag im Präsidium besprechen.“

 

„Warten Sie. Warum so förmlich?“ Carola betätigte den Türöffner. Neugier trieb sie an. Eine Art sportlicher Herausforderung.

 

Sie hatte Mark mit der flachen Seite der Fischpfanne erschlagen – die Verletzung sah aus wie eine typische Aufprallwunde. Blutspuren? Hatte sie beseitigt bevor sie zu ihrem Date fuhr. Sie hatte sogar daran gedacht, Wanne und Leiche gründlich trocken zu reiben, bevor sie den warmgehaltenen Leichnam aus dem Fenster stemmte. Die alte Nebelkrähe von nebenan hatte nicht bemerkt, dass sie zurückgekehrt war. Um die Zeit hockte sie vor dem Fernseher. Man hörte ihn durch alle Wände. Selbst wenn Carola im Aufzug jemand getroffen hätte, wäre ihr zur Not noch eine Begründung eingefallen.

 

Carola hörte Berghammers schwere Schritte im Treppenhaus. Sie hielt sich den Magen. Irgendetwas mit dem Essen? Sie erschrak, als ihr Blick auf das Lehrbuch fiel. Keine Zeit, es durch den Aktenvernichter zu jagen. Sie warf es in den Kühlschrank.

 

Ein Pochen an der Glastür, die unverschlossen war. Berghammer trat in den Flur. Claudia holte ein zweites Glas für den Polizisten. Sie zitterte leicht, als sie eingoss. Ihr war, als bekäme sie zu wenig Luft. Sie zwang sich zu lächeln. Kein Grund, warum sie das Duell nicht bestehen sollte.

 

Der massige Kommissar stand im Raum. Der gleiche zerknitterte Anzug wie im Büro. Mit dem Champagnerglas deutete Carola eine einladende Geste an. Es entglitt ihr und klirrte zu Boden. Wie ungeschickt, dachte sie noch.

 

*  *  *

 

Benno Berghammer registrierte, wie das starre Lächeln im Gesicht der Witwe einem Ausdruck von Panik wich. Die Frau taumelte einen Schritt zur Seite, als stemme sie sich gegen einen schwankenden Schiffsboden. Mühevoll röchelnd stieß sie gegen den Schreibtisch und suchte nach Halt. Ihre unkontrollierten Bewegungen fegten eine Arzneimittelverpackung vom Tisch. Kapseln kullerten über das Parkett. Carola Bourne brach zusammen, bevor Benno sie auffangen konnte.

 

Benno kniete sich neben sie und tastete nach ihrer Halsschlagader. Kein Puls. Ihr Mund war leicht geöffnet. Kein Atem, aber der Geruch war unverkennbar – Bittermandel, als habe sie Amaretto getrunken und nicht Champagner. Er studierte die Schachtel. Ein Medikament gegen Kopfschmerzen. Die Kapseln waren über das Parkett verstreut, fast jede zweite war beim Aufprall geplatzt und hatte helles Pulver verstreut.

 

Benno wurde klar, dass der Hass der Eheleute auf Gegenseitigkeit beruht hatte. Ihr Einfallsreichtum ebenfalls. Der Ehemann hatte das Medikament präpariert, bevor Carola ihn ermordete – schade, dass jetzt keiner da war, mit dem Benno eine Wette darüber abschließen konnte. Mark Bourne hatte die Kapseln geöffnet, den Inhalt ausgetauscht und die Hälften wieder zusammengesteckt. Es musste eine langwierige Fummelei gewesen sein und das Zyanid stammte wohl aus dem Vorrat Algenvernichter. Die Chemiker würden es herausfinden.

 

Was Benno allerdings ärgerte, waren all die besserwisserischen Weißkittel, mit denen er nun zusammenarbeiten musste. Was hatten die Laborratten Sabrina weißmachen wollen? Man rieche Zyankali nicht immer?

 

Ein Märchen. Einfalt, gepaart mit Arroganz. Nichts ist schlimmer als das, dachte Benno und wählte die Nummer der Spurensicherung. Mal sehen, was Sabrina dazu sagen würde...

 

 

Ende