Titel: Distant Memories

Autor: Lady Charena

Fandom: The A-Team 

Charaktere: Hannibal, Murdock

Thema: #028. Kinder

Word Count:

Rating: gen

Anmerkung des Autoren: Season 1+2. Vielen Dank an T’Len für’s betalesen.

 

It's you and me
Kinda always like it used to be
Sippin' wine, killing time
Trying to solve life's mysteries    (Bon Jovi)

 

Murdock warf einen Blick auf die Uhr und schaltete den stummgeschalteten Fernseher ab, über dessen Mattscheibe ein uralter schwarzweiß-Schinken flimmerte. Er hatte ihn schon so oft gesehen, dass er die Dialoge der Schauspieler mitsprechen konnte und den Ton überhaupt nicht benötigte. Aus Rücksicht auf Face, der im zweiten Bett des Motelzimmers schlief, hatte er ihn abgestellt. Er glitt leise von seinem Bett und streckte sich. Als er in seine Jacke schlüpfte und seine Mütze aufsetzte, drehte sich Face um, öffnete ein Auge, sah ihn fragend an und murmelte etwas unverständliches.

 

„Ich gehe Hannibal ablösen“, erwiderte Murdock, der die Frage erriet. „Schlaf’ weiter.“ Face hatte die erste Wache übernommen. Hannibal die zweite. Der Pilot, der früher am Abend ein paar Stunden geschlafen hatte, würde in ein paar Minuten die dritte übernehmen, um später von BA abgelöst zu werden, der sich mit dem Colonel das Zimmer nebenan teilte.

 

Face murmelte etwas und drückte sein Gesicht ins Kissen. Murdock grinste, als er seine Chucks neu schnürte und dann leise das Motelzimmer verließ.

 

Der Parkplatz des Motels lag dem Highway zugewandt. Der Van war halb hinter einem Truck geparkt, so dass er nicht sofort ins Auge stach. Sie hatten Decker zwar einen halben Staat von hier entfernt abgeschüttelt, aber die Vorsicht war in ihrer Situation nie zu vernachlässigen. Daher die Wachen.

 

Murdock zögerte einen Moment am Ausgang des Motels, die Rezeption war nicht besetzt, die Tür jedoch trotzdem nicht abgeschlossen. Aber an einem Ort wie diesem erregten sie kein Aufsehen, niemand interessierte sich für sie. Und obwohl er mit seinen Freunden zusammen sein konnte, regte sich in Murdock doch für einen Moment die Sehnsucht nach seinem unordentlichen, aber sauberen und warmen Zimmer im VA, während er den Blick über den Parkplatz schweifen ließ. Dann stopfte er die Hände in die Taschen seiner Lederjacke und überquerte den Platz. Er sah sich noch mal um und öffnete dann die Beifahrertür des Vans, um in den Wagen zu klettern.

 

Hannibal war auf dem Fahrersitz nur ein dunkler Schatten. „Du bist früh dran, Murdock. Hast du wieder Schwierigkeiten zu schlafen?“

 

Der Pilot schüttelte den Kopf und stemmte die Füße gegen das Armaturenbrett. „Ich bin nicht müde weil ich abends geschlafen habe. Alles okay“, versicherte er. „Du kannst schlafen gehen.“

 

„Ich bin nicht müde.“ Hannibal drückte seinen Zigarrenstummel aus und warf ihn dann aus dem heruntergekurbelten Fenster. BA war sehr eigen mit kaltem Rauch und Ascheresten in seinem penibel gepflegten Van.

 

Schweigen breitete sich zwischen den beiden Männern aus.

 

„Murdock, hast du... hast du eigentlich je wieder Kontakt zu deinem Vater aufgenommen?“, fragte Hannibal plötzlich.

 

Der Pilot schreckte aus seinen Gedanken hoch. Er rieb sich übers Gesicht. „Uh... nein. Ich weiß nicht, wo er jetzt lebt. Oder ob er überhaupt noch lebt. Wieso?“

 

„Ich habe über die Beziehung zwischen Eltern und Kindern nachgedacht. Genaugenommen zwischen Vätern und Söhnen.“

 

Inzwischen hatten sich Murdocks Augen so an das schwache Licht gewöhnt, dass er Hannibals Gesicht ausmachen konnte. „Aus einem bestimmten Grund?“, fragte er leise. Es war so still, dass es nicht nötig – und nicht angebracht – schien, lauter zu sprechen.

 

„Es gibt da etwas, das ich noch nie jemand erzählt habe.“ Hannibal griff in die Brusttasche seiner Jacke und zog eine frische Zigarre heraus. Doch er zündete sie nicht an, sondern rollte sie nur nachdenklich zwischen den Händen.

 

„Du musst nicht...“, begann der Pilot, doch er verstummte, als der Colonel abwinkte.

 

„Es ist kein Geheimnis. Aber es ist lange her und in den Jahren danach ist so viel passiert, dass es irgendwie... verschüttet wurde.“ Hannibal lehnte sich zurück in den Fahrersitz. „Heute vor 18 Jahren kam mein Sohn auf die Welt.“

 

Er lächelte, als ein überraschter Laut vom Beifahrersitz kam. Doch Murdock stellte keine Fragen, sondern wartete geduldig darauf, dass er fortfuhr.

 

Hannibal spielte wieder mit der Zigarre. Seltsam. Oder auch nicht. Nach all den Jahren tat es nicht mehr weh, da war noch der Schatten von Schmerz, wie ein Schatten der sich über die Jahre in eine Oberfläche eingeätzt hatte.

 

„Kurz bevor ich nach Vietnam geschickt wurde, hatte ich eine Frau kennen gelernt. Wir waren sehr verliebt. Ich dachte sogar darüber nach, Susan zu fragen, ob sie mich heiratet, obwohl wir uns gerade erst ein paar Wochen kannten. Wir wussten beide, dass wir nicht viel gemeinsame Zeit haben würden, aber die wenige, die wir hatten, verbrachten wir umso intensiver. Ein paar Wochen nach meiner Ausschiffung bekam ich einen Brief von Susan, in dem sie mir mitteilte, dass sie schwanger war.“

 

Er rieb sich nachdenklich das Kinn. Er konnte sogar noch wachrufen, dass sie mit violetter Tinte geschrieben hatte. Alle ihre Briefe waren mit violetter Tinte geschrieben gewesen, in einer runden, oft leicht verschmierten Schulmädchenschrift.

 

„Das war... es war unglaublich. Ich schwankte zwischen überschwänglicher Freude und Sorge. Ja... Angst. Ich war in einem fremden Land, in einem verrückten Krieg, von dem niemand wusste, wohin er führen würde und wie lange er dauern könnte. Jeder von uns war sich klar, wie die Chancen standen, dass wir nie mehr nach Hause zurückkehrten. Und dann fragte ich mich auch, ob wir wirklich in der Lage sein würden, eine Familie zu werden, wenn ich zurückkehren würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, ein Vater zu sein.“

 

Er warf einen Blick auf den Piloten, dessen große, braune Kinderaugen er im Dunkeln nur erahnte. Aber er konnte sich die Fragen vorstellen, die Murdock vermutlich mit Mühe zurückhielt. Warum hatte er sich gerade ihn ausgesucht? Nur weil er gerade da war? Oder weil im Laufe der Jahre Face, Murdock und BA eine Art Ersatzsöhne geworden waren? War es wichtig?

 

„Natürlich konnte ich zur Geburt nicht bei ihr sein. Aber Susan fuhr fort, mir Briefe und Fotos zu schicken und... ja, ich hatte das Gefühl, ein Teil des Lebens meines Sohnes zu sein. Als er ein halbes Jahr alt war, stellte sich heraus, dass er operiert werden musste. Er hatte ein winziges Loch im Herzen. Mir wurde Urlaub gewährt, damit ich bei der OP dabei sein konnte.“

 

Er verstummte für einen Moment, verloren in den Erinnerungen. Er dachte an das winzige Baby in seinen Armen. An die Nächte vor der Operation, die er und Susan in bangem Schweigen verbrachten, am Bett ihres Sohnes wachend. Als er weitersprach, schwang ein bitterer Unterton in seiner Stimme mit.

 

„Ich spendete Blut, für die OP. Es war ein kleiner Beitrag den ich für meinen Sohn leisten konnte. Ein Geschenk, dass ich ihm machen konnte. Und auf diese Weise fand ich heraus, dass er nicht mein Sohn war.“

 

„Was? Aber wie...?“ Der Pilot zappelte förmlich auf seinem Sitz, noch nie dazu fähig, lange still zu sitzen, drehte er sich jetzt samt Sitz auf die Seite und kreuzte die langen Beine.

 

„Unsere Blutgruppen passten nicht zusammen. Und als ich Susan damit konfrontierte, behauptete sie, dass sie bis zu diesem Moment ebenfalls keine Ahnung davon gehabt hätte. Ich weiß nicht mehr, ob ich ihr glaubte. Mir wurde bewusst, dass ich Susan eigentlich überhaupt nicht kannte. Sie kontaktierte dann seinen richtigen Vater und einfach so wurde ich aus dem Leben meines Sohnes gekickt. Ich hatte nie die Chance, ihn kennen zu lernen. Ich hatte ihn an einen anderen Mann verloren.“

 

Hannibal schwieg einen Moment. Er hatte nicht geglaubt, dass die alten Gefühle von Verrat und Verlust noch da sein würden. Nach all den Jahren nur noch verblasst wie alte Fotos, vergilbt wie alle Briefe.

 

„Wie ist sein Name?“, fragte Murdock leise.

 

„Matthew. Ich weiß nicht, wo er und seine Mutter jetzt leben. Die OP war ein Erfolg, die Ärzte sagten, er würde wieder gesund werden und wie ein ganz normaler Junge heranwachsen.“

 

„Und du hast nie wieder etwas von ihm gehört?“

 

Hannibal schüttelte den Kopf. „Das ist so lange her... ich glaube, dass ich mich in all den Jahren zum ersten Mal an seinen Geburtstag erinnert habe.“ Er räusperte sich und steckte die Zigarre in die Tasche zurück. „Ich denke, es ist an der Zeit, dass ich noch ein wenig Schlaf bekomme. BA löst dich dann ab. Okay?“

 

„Ja, alles okay, Colonel.“ Der Pilot sah zu ihm auf, als er die Tür des Vans öffnete. „Hannibal?“

 

Er zögerte und sah über die Schulter zurück. „Ja?“

 

„Ist alles okay?“, fragte Murdock sanft.

 

„Alles okay, Murdock. Wir sehen uns dann beim Frühstück.“ Er schloss leise die Tür des Vans und kehrte nach einem kurzen Blick über den Parkplatz ins Motel zurück.

 

Murdock schob seine Mütze aus der Stirn und verschränkte die Arme vor der Brust, nur zum Teil weil die Nachtluft ziemlich kühl war. Da war eine Menge, über das er nachdenken wollte.

 

 

Ende