Titel: Damaged People
Autor: Lady Charena
Fandom: House, MD
Pairung: House, Wilson, Cuddy
Rating: PG-13
Beta: T'Len


Summe: Zu viel Alkohol, zu viel Vicodin, zu viel Schmerz, zu viel Einsamkeit, um alleine zu sein. Aber da ist ja noch House’ Problem mit zu viel Nähe...

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.
Lyrics von Depeche Mode.


We're damaged people
Drawn together
By subtleties that we are not aware of
Disturbed souls
Playing out forever
These games that we once thought we would be scared of

When you're in my arms
The world makes sense
There is no pretense



„House!”

House fluchte lautlos, stoppte nur wenige Meter vor dem rettenden Ausgang und drehte sich mit einem gefakten, freundlichen Grinsen – das Menschen, die ihn besser kannten, den Rückzug antreten ließ – zu Dr. Cuddy um, die ihn aufgehalten hatte. Leider war Dr. Cuddy davon nicht beeindruckt. Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Mein letzter Patient wurde gestern auf die normale Station verlegt, und es kam kein neuer Fall mehr rein. Chase ist in der Notaufnahme, Cameron in der Klinik und Foreman habe ich in die Neurologie gesteckt, damit er nicht in Versuchung kommt, auf dem Parkplatz Autos zu knacken. Und ich habe mir den Nachmittag freigenommen. Ich bin sicher, Sie finden die Notiz irgendwo auf Ihrem Schreibtisch. Kann ich jetzt...?“

Lisa Cuddy zuckte nicht mal mit der Wimper, weder sein Ton noch die abfällige Bemerkung über Foreman beeindruckten sie noch im geringsten. „Ich nehme an, das hat etwas damit zu tun, dass Dr. Wilson sich ebenfalls den Nachmittag und das Wochenende freigenommen hat?“ Ihre Augen verengten sich leicht, als sie für den Bruchteil einer Sekunde Überraschung auf House’ Gesicht sah, bevor die üblich grimmige Miene wieder zum Vorschein kam. Das war interessant... Eigentlich hatte sie House nur aufgehalten, um ihn daran zu erinnern, dass er ihr in der nächsten Woche vier zusätzliche Klinikstunden schuldete, doch jetzt tauchte ein anderer Gedanke auf, den sie instinktiv weiterverfolgte. Ihr – und vermutlich dem halben Krankenhaus – war aufgefallen, dass das Verhältnis zwischen den beiden etwas gespannt zu sein schien. An House’ Laune war keine Veränderung festzustellen, doch Wilson zeigte deutliche Anzeichen von Stress. Die Gerüchteküche des Hospitals wusste weiterhin, dass die beiden Männer weder ihre üblichen Lunch in der Cafeteria miteinander aßen, noch Wilson während House’ Klinikdienst zu ominösen Konsultationen gerufen wurde, die in der Regel etwas mit einem kleinen, tragbaren Fernseher zu tun hatten. Diese Gedanken hatten nicht viel Zeit in Anspruch genommen und sie fuhr fast ohne merkliche Pause fort: „Natürlich hat Dr. Wilson mich korrekt darüber informiert, dass er sich frei nimmt. Wohingegen ich Ihre Nachricht nur durch Zufall unter einem Stapel Patientenakten vergraben vorgefunden habe.“ House setzte eine äußerst unüberzeugende Unschuldsmiene auf und zu einer Entgegnung an, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Es interessiert mich nicht, was zwischen ihnen beiden vorgefallen ist, aber die Auswirkungen auf dieses Krankenhaus sind mir nicht egal. Es ist meine Aufgabe, den Fallout auf die geringst mögliche Menge zu beschränken.“ Sie runzelte die Stirn, als die bissige Erwiderung ausblieb, mit der sie halb und halb gerechnet und sich bereits darauf vorbereitet hatte, ihm über den Mund zu fahren. „House, Menschen neigen dazu, zu zerbrechen, wenn sie ständig gegen Wände rennen. Zuerst sind es nur kleine Risse, aber irgendwann tiefe Sprünge, die sich nicht mehr reparieren lassen.“

„Und das soll mir was sagen?“, erwiderte House mit einem falschen interessierten Tonfall.

Cuddy unterdrückte ein Seufzen. „Sie schulden mir nächste Woche vier Klinikstunden“, entgegnete sie kühl und ohne auf ihre vorherigen Worte einzugehen. Sie wusste es besser.

Allerdings überraschte sie House erneut, in dem er nur knapp nickte und seinen Rucksack zurecht rückte. „Ich will Sie nicht länger aufhalten“, sagte er, als wäre er derjenige gewesen, der sie angesprochen hatte. „Ich bin sicher, Sie müssen in Ihr Büro zurück.“ Er hob die Stimme, als zwei Schwestern an ihnen vorbeigingen. „Um die Batterien zu wechseln.“

Lisa Cuddy lächelte nur müde. „House, auch wenn Sie gerne etwas anderes glauben wollen, ich bin wirklich ein Mensch.“ Sie sah ihm nach, als er Richtung Ausgang humpelte, dann straffte sie die Schultern und kehrte in ihr Büro zurück.

* * *

Ein paar Stunden später saß House immer noch an seinem Piano, eine halbgeleerte Scotchflasche und ein halbvolles Glas balancierten auf der noch immer nicht fertiggelesenen Beethoven-Biographie. Er ließ die Hände über die Tastatur gleiten, ohne aber tatsächlich eine Taste anzuschlagen. Ohne den Kopf zu heben, oder gar die Augen zu öffnen, griff er nach oben, als seine Hände das Ende der Tastatur erreichten und – das Glas ignorierend – nahm er gleich die Flasche, um daraus zu trinken. Er hatte den schönen Vorsatz gefasst, bis heute Abend betrunken zu sein und befand sich auf bestem Weg dorthin. Regelmäßige Übung zahlte sich eindeutig aus.

Einen Moment zögerte er, dann stellte er die Flasche wieder zurück. Es hatte keine Eile. Er hatte das ganze Wochenende für sich. Zwei Tage ohne nervende Kollegen, nervende Patienten oder sein nervtötendes Team. Offenbar auch ein Wochenende ohne Wilson. Er gab einen verächtlichen Laut von sich, als der Gedanke an Wilson seine gute Laune zunichte machte. Seit der Woche Vicodin-Entzug benahm sich Jimmy wie eine Glucke. Sein überfürsorgliches Verhalten war ihm schließlich zu viel geworden und es war zum Streit zwischen ihnen gekommen. Nicht der erste in ihrer Freundschaft, doch irgendetwas, dass er zu Wilson gesagt hatte, war offenbar der berüchtigte, letzte Tropfen zu viel gewesen und ohne ein weiteres Wort hatte sich der jüngere Mann auf dem Absatz umgedreht und den Raum verlassen. Und seither gingen sie sich mehr oder weniger aus dem Weg.

Er kehrte dazu zurück, die Fingerspitzen über die kühlen, glatten Tasten gleiten zu lassen. Die Mischung aus Alkohol und Vicodin in seinem Blut lullte seinen ewig unruhigen Geist in eine Art Dämmerzustand, in dem er nicht mehr denken musste. Nun, zumindest nicht mehr so viel. Dumpfer Schmerz in seinem Rücken und seinem Bein erinnerte ihn daran, dass er schon einige Stunden hier saß. Wenn er nicht bald aufstand, würden seine Muskeln anfangen zu krampfen und dann würde es wirklich hässlich werden. Ganz und gar nicht, was er sich für diesen Abend vorgestellt hatte.

Trotzdem blieb er sitzen und hing müßig einem Gefühl nach, dass etwas nicht in Ordnung war. Etwas fehlte. Er fragte sich, was es sein könnte. Nach einer Weile griff er in die Tasche und zog seine Vicodin heraus. Das fehlende Klappern sagte ihm, dass sein merkwürdiges Gefühl darauf beruhen könnte, dass die Packung leer war. Kein Problem. Er hatte eine volle in seiner Tasche, die... im Schlafzimmer lag. Er und Wilson mochten seit Tagen kein privates Wort mehr gewechselt haben, doch das Rezept für sein Schmerzmedikament war wie von Zauberhand auf seinem Schreibtisch erschienen. Sein Stock lehnte in Reichweite hinter ihm an der Couch, doch obwohl er jetzt gerne eine Pille genommen hätte, war er doch im gleichen Moment nicht bereit, auf zu stehen und ins Schlafzimmer zu gehen. Noch nicht. Er konnte warten. Das war doch der Zweck der Übung gewesen. Zu zeigen, dass er warten konnte. Und dann hatte er ja noch das... Er nahm wieder die Flasche und trank direkt daraus.

* * *

Er saß in seinem Wagen, starrte zu dem Apartment hinüber und fragte sich, warum zum Teufel er hier war. James Wilson seufzte und rieb sich die Stirn. Er sollte Zuhause sein und seine Tasche packen. Oder mit seiner Frau einkaufen gehen. Oder... was auch immer. Julie und er wollten übers Wochenende wegfahren. Ein – vielleicht letzter – Versuch, ihre auseinander bröckelnde Ehe zu kitten.

Es waren nur zwei verdammte Tage, an denen er nicht in der Stadt sein würde und er hatte Julie versprochen, für diese Zeit das Handy abzuschalten. Er war nicht House’ Babysitter. Er hätte ihm eine kurze Nachricht auf den Anrufbeantworter sprechen können. Einen Zettel in den Briefkasten stecken.

Statt dessen hatte er Julie am Einkaufscenter abgesetzt, versprochen sie pünktlich abzuholen, damit sie sich umziehen konnte, bevor sie zum Dinner ausgingen. Und war zu House gefahren.

Und jetzt saß er hier seit... er warf einen Blick auf seine Armbanduhr... viel zu lange schon, in seinem Wagen vor dem Haus und brachte es nicht über sich, aus zu steigen. Er nannte sich selbst einen Feigling.

Aber letztlich war es ein weiterer Blick auf die Uhr, der ihn dazu brachte, sich endlich in Bewegung zu setzen. Er klopfte an die Tür. Keine Antwort. Er war sich sicher, House war da. Nach einem Moment klopfte er erneut und als sich wieder nichts rührte, zog er seinen Schlüssel aus der Jackentasche und ließ sich selbst ein. Er zuckte fast zurück, als ihm der Geruch von Scotch in die Nase stieg.

Seufzend schloss er die Tür hinter sich und lehnte sich dagegen. Greg saß vor seinem Piano, vornüber gebeugt, die Arme auf das Instrument gestützt, das Gesicht dagegen gelehnt. Wilson rieb sich übers Gesicht. Dejá vú. „Bist du okay?“, fragte er resigniert.

House hob den Kopf, wie um sich zu versichern, dass ihn seine Ohren nicht täuschten, dann ließ er ihn wieder zurück sinken. „Was willst du hier?“ Es lag eher Müdigkeit als Aggression in seiner Stimme.

Ein freudloses Lächeln verzerrte für einen Moment Wilsons Mund. „Dir sagen, dass ich übers Wochenende nicht in der Stadt bin. Und da ich weiß, dass du den Anrufbeantworter ohnehin nicht abhören wirst...“

„Wieso sollte ich wissen wollen, dass du und die Hexe übers Wochenende wegfahren?“, erwiderte House uninteressiert. „Schleppt sie dich auch wieder zur Paartherapie?“

Wilson ignorierte seine Antwort und die mehr interessante Frage, woher House wusste, weshalb er weg sein würde. „Du bist betrunken.“

„So? Ich bin betrunken. Und?“, entgegnete der ältere Mann sarkastisch. Er schloss die Augen gegen den Mix aus wiederstreitenden Emotionen, den Wilsons Auftauchen in ihm ausgelöst hatte. Er war seltsam erleichtert, dass James da war; war wütend auf sich selbst, dass er diese Erleichterung spürte. Wünschte er würde nicht darüber nachdenken, warum das so war. Er war erleichtert und wütend und verwirrt und hasste Wilson dafür, dass er ihn aus dem angenehmen Zustand des Nicht-denkens herausgerissen hatte.

„Ich nehme an, du trinkst seit du das Krankenhaus verlassen hast.“ Wilson verschränkte die Arme vor der Brust. Er musterte die Scotchflasche auf dem Piano. „Noch zu einem Drittel voll. Du übst dich in Zurückhaltung. Oder ist das schon die zweite?“ Er machte keinen Versuch, die Ironie aus seiner Stimme fern zu halten. Und offenbar war es das, was House dazu bewog, den Kopf zu heben und ihn erneut zu mustern. Wortlos nahm Wilson das Scotchglas vom Piano und ging damit ins Bad. Er goss den restlichen Alkohol ins Waschbecken, drehte den Hahn auf und spülte das Glas aus. Dann füllte er es mit frischem Wasser und warf ein paar Aspirin hinein. Während sie sich sprudelnd auflösten, wusch er sich das Gesicht mit kaltem Wasser und fuhr sich mit den feuchten Fingern durchs Haar. Er warf einen Blick auf die Uhr. Es war noch Zeit, bis er sich mit Julie traf.

Vorsichtig balancierte er das Glas zurück ins Wohnzimmer und hielt es House hin. „Trink das“, sagte er ohne besondere Betonung.

House beäugte die trübe Flüssigkeit. „Ist das Schierling?“, fragte er angewidert.

„Wasser“, erwiderte Wilson ungerührt. „Wasser und Aspirin, um genau zu sein.“

„Das Zeug bringt meinen Magen durcheinander.“

„Scotch bringt dein Gehirn durcheinander.“ House nahm das Glas und einen Moment hielt Wilson den Atem an und fragte sich, ob er dessen Inhalt gleich im Gesicht wiederfinden würde – doch zu seiner Überraschung leerte House das Glas ohne weiteren Protest.

„Widerlich“, murrte House und stellte das leere Glas auf den Boden. „Kein Wunder, dass du Arzt geworden bist.“ Er fuhr sich durch die Haare. Deshalb also war Wilson aufgetaucht? Um ihm mit zu teilen, dass er übers Wochenende wegfuhr? Warum beauftragte er nicht einfach einen verdammten Auftragsservice, anstatt hier aufzutauchen und ihm die Laune zu verderben.

„Ich denke, du wirst es überleben.“ Wilson warf demonstrativ einen Blick auf seine Uhr. „Ich muss gehen.“ Er wusste, dass House mehr erwartete. Eine Lektion über seinen Alkoholkonsum – etwas überheblich, von jemand kommend, der so oft neben ihm auf dieser Couch gesessen hatte, während sie zielstrebig daran arbeiteten, sich zu betrinken, das wusste er selbst. Das was House trieb, war etwas anderes, selbstzerstörerisches. Aber er war es leid, tauben Ohren zu predigen. Das hatten sie alles schon lange und immer wieder und wieder hinter sich gebracht: die Argumente und die Diskussionen, die damit endeten, dass er laut wurde und House gefährlich leise. Und schließlich die Resignation und sein Weggehen. Die Wette, die Woche des Entzugs, hatte die feine Balance ihrer Freundschaft aus dem Gleichgewicht gebracht und etwas zwischen ihnen war verloren gegangen. Vielleicht für immer. Sie hatten seither nicht mehr wirklich miteinander gesprochen. Nicht mehr miteinander gelacht. Er vermisste das mehr, als er sich eingestehen wollte.

Wortlos wandte er sich ab und ging zur Tür. Die Hand auf die Klinke gelegt, sah er über die Schulter zurück. House hatte das Gesicht wieder gegen die Arme gelegt. Vielleicht war er sogar eingeschlafen.

Greg House schlief nicht. Er wartete. Auf ein Wort. Eine Reaktion. Irgendetwas. Eine Lektion. Jimmys resigniertes Seufzen. Irgendetwas anderes als diese Stille. Er konnte damit umgehen, wenn Wilson sich mit ihm stritt, argumentierte, ja sogar wenn er sich wie eine Glucke aufführte. Manchmal wurde Wilson ungewohnt kreativ, wuchs über sich hinaus und begann ihm das Leben schwer zu machen, in dem er mit seinen eigenen Waffen zurückschlug, ihm seine eigenen Worte ins Gesicht schleuderte, seinen Zynismus. Aber mit dieser Stille, mit diesem Schweigen, konnte er nichts anfangen.

Verachtung für sich selbst stieg in ihm auf. Der Alkohol oder der Nachgeschmack des Aspirins trieb ihm die Tränen in die Augen und der Gedanke, an seinem Piano zu sitzen und wie ein Schlosshund zu heulen, machte ihn wütend. Er richtete sich auf und sog zischend Luft ein, als der Schmerz in seinem Rücken und seinem Bein aufflammte. Wilson stand noch immer unschlüssig an der Tür. „Ich brauche mein Vicodin.“

Wilsons Blick fiel fast instinktiv auf die leere, orange Packung. „Du hast das Rezept eingelöst. Du solltest genügend für das Wochenende haben. Wenn du dich ein wenig einschränkst“, setzte er sarkastisch hinzu.

„Du kontrollierst jetzt schon, wann ich das Rezept einlöse?“ House Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, während er durch die Jeans hindurch das Narbengewebe an seinem Oberschenkel rieb. Jede Berührung tat höllisch weh, aber manchmal hinderte es den verbleibenden Muskel daran, sich weiter zu verkrampfen, was den Schmerz von höllisch zu unerträglich steigern würde. „Verdammt, benimm’ dich gefälligst wie ein Arzt und hilf’ mir.“

„Du bist auch Arzt, hilf dir selbst.“ Wilsons Tonfall klang unbeteiligt.

House beugte sich vor, gegen einen Anflug von Übelkeit ankämpfend. Er überlegte fieberhaft, wie lange seine letzte Vicodin zurück lag – und wie viele er heute genommen hatte. Obwohl es nicht den Anschein hatte, verlor er normalerweise nicht den Überblick darüber, wie viele er nahm, wie viele er noch hatte, wie viele er sich noch erlauben konnte. Aber jetzt... er war unsicher. Schweiß lief über sein Gesicht, aber er löste den Klammergriff um sein Bein nicht, um es sich abzuwischen. Für seinen Geschmack fühlte sich das viel zu sehr wie Entzugserscheinungen an. Diese eine Woche ohne Vicodin musste seine Toleranzgrenze gesenkt haben. Oder lag es nur daran, dass er wusste, was ihm bevorstand und reichte alleine die Angst davor, die Symptome auszulösen? Wieso half ihm Wilson nicht? Er hob den Kopf, um sich zu vergewissern, dass Jimmy noch da war.

„Wo?“, fragte Wilson knapp.

„Meine Tasche.“ House biss die Zähne zusammen. „Schlafzimmer.” Er schloss die Augen, als Wilson den Raum durchquerte und versuchte aufzustehen, um sich auf die Couch zu setzen. Doch diese verräterische Ruine von nutzlosem Bein gab unter ihm nach und er hatte vergessen, seinen Stock zu Hilfe zu nehmen. Der Alkohol schien sein linkes Bein taub gemacht zu haben und es knickte ein. Er fand sich plötzlich auf dem Boden wieder, mit einer Hand seine schmerzende Stirn haltend, mit der er gegen die Kante der Pianobank geknallt war. Mit der anderen rieb er noch immer seinen Oberschenkel, versuchte die starren Muskeln dazu zu bewegen, sich zu lockern. Nur ein wenig, ein verdammtes bisschen nach zu geben... Er holte tief Atem und kämpfte die Übelkeit nieder, als vertraute, französische Schuhe in seinem Blickfeld auftauchten. Gleich darauf beugte sich Wilson zu ihm hinunter und stellte das Vicodin und ein großes Glas Wasser vor ihn. Er riss die Verpackung auf und schluckte trocken zwei der Pillen. Dann schloss er die Augen und wartete darauf, dass die Wirkung einsetzte. Oder zumindest das Zittern aufhörte.

„Soll ich dir aufhelfen oder kriechst du lieber auf dem Boden herum?“

House sah überrascht auf – weder der kalte Tonfall, noch die Worte passten zu Wilson. Er ließ die Hand sinken, mit der er seine Schläfe gerieben hatte und ballte sie zur Faust, als er sah, wie seine Finger zitterten. Es nutzte nichts. Das Zittern breitete sich weiter in seinem ganzen Körper aus, fast wie Schüttelfrost.

„Verdammt.“ Wilson setzte sich hinter ihn auf den Boden und legte beide Hände auf seine Schultern, um ihn ruhig zu halten. „Wie viele hast du heute schon genommen?“

„Zu wenig.“ House holte tief Luft. „Ich habe zu lange gewartet.“ Er überraschte sich selbst, als er sich gegen Wilson zurücksacken ließ.

„Okay“, sagte Wilson dicht an seinem Ohr. Sein Ton hatte sich geändert, klang nun beruhigend. „Okay. Bleib’ einfach noch einen Moment still sitzen. Es wird dir gleich besser gehen.” Er rückte näher und legte die Arme um House’ Oberkörper, zog ihn zurück an sich, hielt ihn fest. Halb erwartete er Gregs Protest, doch da kam nichts, was ihm deutlich sagte, wie schlecht es House ging.

Ein paar Minuten lang saßen sie nur still und schweigend da, bis das Zittern nachließ, schließlich fast ganz aufhörte.

Wilson war eben im Begriff, den Mund zu öffnen und vor zu schlagen, dass sie aufstanden, als House müde den Kopf an seine Schulter legte. Er schloss überrascht den Mund wieder und beschloss, dass sie noch einen Moment so sitzen konnten.

House spürte, wie das Vicodin seine volle Wirkung entfaltete. Langsam entspannten sich seine Muskeln, der Schmerz in seinem Bein pendelte sich auf ein normales Level ein. Er fühlte eine wunderbare Lethargie, die sich in ihm ausbreitete. Er war sicher. Er war... geborgen. Solange Wilson ihn festhielt, konnte er aufhören zu denken, zu fühlen, zu... Ihm war noch immer kalt, wie kalt, das wurde ihm erst jetzt bewusst, als die Körperwärme des anderen Mannes langsam durch seine Kleidung drang.

Wilson beugte sich vor und seine Wange streifte House’. Die Haut an seiner fühlte sich unter den kratzigen Stoppeln feucht und klamm an. Und zu kalt.

„Es tut mir leid.“

Wilson erwiderte nichts, ein Lächeln glitt unwillkürlich über sein Gesicht. Er wusste, wie schwer es House fiel, diese Worte auszusprechen.

„James?“, kam es ein paar Minuten später.

Er sah ihn fragend an.

„Nimm’ dein verdammtes Knie aus meinem Rücken.“

„Was?“ Einen Moment war sich Wilson nicht sicher, ob er richtig gehört hatte. Oder hatte er sich die Entschuldigung zuvor nur eingebildet? Blaue Augen sahen ihn kühl an. Und mit wesentlich mehr Klarheit als noch vor ein paar Minuten.

„Deine Knie. Verdammt, du rammst sie mir in den Rücken“, grollte House und versuchte seine Arme abzuschütteln.

Wilson zog die Arme zurück, als könne er sich an ihm verbrennen und rückte von House weg. Natürlich. Greg war über seinen Moment der Schwäche hinweg und wollte jetzt am liebsten leugnen, dass er für einen Augenblick gezeigt hatte, dass er auch nur ein menschliches Wesen war. Ein menschliches Wesen, das litt. Er rappelte sich hoch, ohne ihm noch einmal seine Hilfe anzubieten, die – wie er aus Erfahrung wusste – nicht willkommen sein würde. „Okay. Ich muss ohnehin gehen. Ich muss Julie abholen. Wir gehen essen.“

„Kein Grund zu schmollen, Jimmy. Ich kann nichts dafür, dass deine spitzen Knie ungepolstert sind.“ Es war ein schwacher Versuch ihres üblichen Geplänkels und sie wussten beide, dass es nicht funktioniert.

Wilson hob den Stock auf und platzierte ihn vor House auf dem Boden. Er nickte zu dem Glas. „Trink das.“ Er rieb sich den Nacken, fuhr sich glättend über die Haare, strich seine Jacke zurecht und unsichtbaren Staub von seiner Hose. „Du hast alles, was du brauchst. Deine Pillen. Scotch. Ich kann also gehen.“ Er wunderte sich, wie müde seine Stimme klang. Er wurde nicht mehr gebraucht. Er wollte nur noch weg von hier. Weg von diesem Mann und... Er seufzte. „Wir sehen uns am Montag im Krankenhaus.“ Ohne einen weiteren Blick auf House machte er sich zum zweiten Mal auf den Weg zur Tür.

House sah ihm nach und biss sich auf die Unterlippe, bis er Blut schmecken konnte. Es war eine Mischung aus Wut, Verachtung und Stolz, die ihn daran hinderten, Wilson laut hinterher zu schreien, dass er mehr brauchte als seine Pillen und Scotch. Einen Moment lang hatte er sich erlaubt, zu vergessen. Dafür verachtete er sich. Dieser plötzliche Ausbruch von... von... Zärtlichkeit... daran war er nicht gewöhnt. Wilson sollte das wissen. Er hätte es nicht so weit kommen lassen dürfen. Was dachte er sich dabei, ihn so... fest zu halten. Als bräuchte er Hilfe. Als bräuchte er Mitgefühl. Es war seine Entscheidung gewesen, sich zu betrinken, im vollen Bewusstsein aller Konsequenzen.

Als Wilson die Tür öffnete und ging, ohne sich zu verabschieden, umklammerte er den Stock mit der einen Hand, griff mit der linken nach dem Pianohocker und stemmte sich hoch. Die Übelkeit stieg wieder in ihm auf und er spürte wieder die Kälte im Raum, als er endlich aufrecht stand – wenn auch schwankend. Sein Blick fiel auf die Scotchflasche. Es war noch genug darin, um zu Ende zu bringen, was er begonnen hatte. Er ließ sich auf den Hocker fallen und dumpfer Schmerz schoss in ihm hoch. Aufstöhnend lehnte er sich zurück gegen die harte Kante des Pianos und schloss erneut die Augen. Sollte Wilson doch sein Wochenende mit Julie verbringen, sollte er mit der Hexe an seiner Ehe basteln, bis er schwarz wurde. „Verdammter Idiot“, murmelte er, selbst unsicher, ob er wirklich Wilson meinte. Oder eher sich selbst.

Er ließ den Stock auf den Boden fallen und griff nach der Flasche. Wenn sie leer war, würde er sich nicht mehr darum kümmern, was danach kam. Oder morgen. Oder übermorgen.

Er würde die Dunkelheit mit offenen Armen willkommen heißen.


Ende