Titel: The Cure – Die Behandlung

Autor: Lady Charena
Fandom: The A-Team

Pairung: POV Dr. Richter, Murdock, Face, Hannibal und B.A.
Rating: A/U, PG-15, angst

Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: Doktor Richter schildert in einem Tagebuch die Fortschritte seiner Behandlung.

Eine alternative Erklärung, warum Murdock in Staffel 5 das VA Hospital verlässt und bei den Jungs in Virginia bleibt. Alle Zeitangaben sind natürlich frei erfunden.

 

Anmerkung: Ich mag Doktor Richter. Er kümmert sich offensichtlich mit aufrechter Sorge um Murdock. Also werde ich mich schon mal im voraus dafür entschuldigen, dass ich ihm in dieser Story so übel mitspiele. Allerdings... na ja... es gibt da das eine oder andere, das mich verwundert; vor allem seine mangelnde Distanz zu Murdock, die sich z.B. darin zeigt, dass er ihn (wie in Members Only) - und das offenbar schon seit längerer Zeit - regelmäßig mit zum Tennisspielen mit anschließendem Lunch in seinen sehr exklusiven Beverly Hills Country Club nimmt.

 

Spoiler aus den Folgen: 37. Das Spiel ist aus (Curtain Call), 73. Diagnose: Größenwahn (The Doctor Is Out), 77. Nur für Mitglieder (Members Only) und 85. Zurück in Vietnam (The Sound Of Thunder)

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.

 

 

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                                   "Ye shall know the truth, and the truth shall make you mad."


                                                                        Aldous Huxley

                                

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Dienstag, 28. Mai 1985

 

Soeben hat mich ein Anruf von der Stationsschwester erreicht, Murdock ist verschwunden. Offenbar gab es einen Stromausfall, der den kompletten psychiatrischen Flügel des Krankenhauses betraf. Und als zwei Pfleger die Räume überprüften, befand sich in Murdocks Bett nur eine Stoffpuppe. Sie sind ziemlich sicher, dass er noch nicht lange weg sein kann, denn er hielt den ganzen Morgen über einen unüberhörbaren Vortrag darüber, dass er seine Freiheit brauche. Ich hatte bereits eingeplant, mit ihm heute Nachmittag über dieses Verhalten zu sprechen, doch ich denke, nun ist der Grund dafür klar: Sie haben ihn wieder zu sich geholt. Das A-Team. Seine Freunde, zumindest nennen sie sich so.

 

Ich frage mich in letzter Zeit immer wieder, ob es wirklich gut für Murdock ist, weiterhin mit ihnen Kontakt zu haben. Sie bringen ihn ganz offensichtlich wiederholt in Gefahr. Im letzten Jahr hätten sie ihn fast umgebracht! Die Wunde an seiner Schulter brauchte Monate, um völlig zu heilen, doch schon nach wenigen Wochen ging er wieder mit ihnen.

 

Es gibt Grenzen meines Einflusses beim Militär, irgendwann werde ich nicht mehr in der Lage sein, ihn zu schützen. Dieser Colonel Decker kam sehr dicht an die Wahrheit, kam hierher, in mein Büro und verlangte von mir, Murdock zu einer Aussage zu bewegen. Damals wusste ich diese Wahrheit selbst noch nicht. Ja, ich hatte einen Verdacht, schon seit vielen Jahren, doch keinen Beweis. Ebenso wenig wie Decker und die anderen vor ihm. Selbst wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich ihn beschützt. Denn wenn sie das A-Team finden, werden sie ganz sicherlich nicht über Murdocks Beteiligung an ihren Aktionen schweigen und man wird ihn zusammen mit ihnen vor Gericht stellen. Die Tatsache, dass er seit mehr als zehn Jahren in diesem Hospital lebt, werden sie gegen ihn verwenden; sie werden sagen, dass er gesund genug ist, um mit dem Team zu gehen – also auch gesund genug, um mit ihnen verurteilt zu werden. Also habe ich zugestimmt, das Geheimnis zu bewahren, nachdem sie mich aus Stoddards Händen befreit haben. Nicht um ihretwillen, sondern um Murdock in Sicherheit zu wissen. Hier bei mir. Ich weiß, dass ich ihn heilen kann. Wir waren einem endgültigen Durchbruch so nahe, als ich entführt wurde. Aber Murdock kam, um mich zu retten und in seinen Augen sah ich, dass es für all die Zeiten war, in denen ich zu seiner Rettung kam. Für seine Freunde war es nur ein Job, ein Gefallen, den sie ihm taten. Ich tat so, als bemerkte ich das Misstrauen nicht, mit dem sie mich betrachteten. Vermutlich haben sie Angst, dass Murdock mir zu viel über sie erzählt haben könnte. Bestimmt sind sie eifersüchtig auf die Nähe zwischen uns. Doch was erwarten sie? Sie verlassen ihn. Sie schicken ihn weg, zurück zu mir.

 

Ich weiß, ich verletze alle Ethiken meines Berufes, in dem ich mir erlaube, so zu denken, so zu fühlen. Ich weiß ebenso, warum ich so handele. Murdock ist wie ein Kind, verloren in einer Welt der Erwachsenen. Ein Junge. Er ist wie der Sohn, den ich nicht behalten durfte.

 

Meine erste Frau zog nach der Scheidung mit meinem Jungen nach Europa. Anfangs schickte er noch gelegentlich eine Postkarte, die kaum mehr besagte, als dass es ihnen gut ginge. Dann brach der Kontakt völlig ab. Er wäre jetzt fast so alt wie Murdock. Sie ähneln sich sehr. Beides Träumer, voll Illusionen, sensibel und intelligent - und so voll Energie. Und beide wandten sich unter dem Einfluss anderer von mir ab.

 

Ich heiratete sehr jung. Doch schon nach ein paar Jahren wollte meine Ex-Frau ihre Freiheit, fand ihr Leben mit mir zu eingeengt. Sie sagte, ich würde unseren Sohn... erdrücken. Ja, genau dieses Wort verwendete sie. Alles was ich wollte, war mein Kind zu beschützen. Ich sah jeden Tag, was diese Welt Kindern antat, um die man sich nicht kümmerte, die nicht vor schlechtem Einfluss beschützt wurden. Mein Sohn sollte nicht wie eines von ihnen verletzt werden, niemand sollte auf seinen Illusionen herumtrampeln und seine Träume zerstören.

 

Murdock war kein Kind mehr, als man ihn in meine Obhut gab. Er war ein verstörter junger Mann, der Nachts zu weinen und zu schreien begann, wenn man das Licht in seinem Raum auslöschte. Der sich manchmal unter dem Bett versteckte, wenn der Regen gegen das Fenster fiel. Der in den Schatten Männer mit Waffen sah und in einer fremden Sprache die Pfleger angsterfüllt oder wütend anschrie. Manchmal steigerte sich seine Wut bis zur Raserei, er verwüstete sein Zimmer, griff die Pfleger an, so dass wir gezwungen waren, ihn zu betäuben, in eine Zwangsjacke zu stecken oder am Bett zu fixieren, damit er sich nicht selbst oder andere verletzte. Dann wiederum versank er in tiefe Phasen von Depression, verweigerte jede Nahrung und starrte tagelang nur auf die Wände. Und wenn seine Halluzinationen am schlimmsten wurden, kauerte er in einer Ecke der gepolsterten Zelle, sich unablässig vor und zurückwiegend und sprach mit Menschen, die nicht da waren. Vielleicht Freunde, vielleicht Kameraden, die gefallen waren. Vielleicht hatten sie auch nie existiert.

 

Ich verbrachte Stunden damit, ihn zu beobachten. Er schien sich meiner Anwesenheit kaum bewusst. Ich hatte bereits Männer wie ihn gesehen. Soldaten. Es gab so wenige, denen wir helfen konnten – wirklich helfen, darüber hinaus, sie von einer Gesellschaft abzusondern und zu schützen, die nichts von ihrer Existenz wissen wollte. Zu viele starben, bevor ein Durchbruch erreicht wurde, entweder von eigener Hand oder indem sie sich einfach aufgaben. Wir wussten zu wenig, die Therapiemöglichkeiten steckten noch in den Kinderschuhen. Die Elektroschocktherapie war ein gängiges Mittel, ebenso wie der Einsatz schwerster Beruhigungsmittel ungeachtet ihrer Nebenwirkungen. Und selbst heute wissen wir kaum mehr, wir behandeln unsere Patienten noch immer mit Zwangsjacken und Eisbädern, mit Drogen und gepolsterten Zellen.

 

Etwas an diesem jungen Mann war anders, etwas dass mich denken ließ, dass er geheilt werden könnte. Wenn er seine Angst verlieren würde. Wenn er die Wut überwinden konnte. Wenn er lernte, wieder zu vertrauen. Ich hoffte, er würde mir vertrauen.

 

Zu dieser Zeit scheiterte meine zweite Ehe. Meine Frau fand, dass ich meinen Patienten mehr Zeit und Aufmerksamkeit widmen würde, als ihr und unserer Tochter Jenny, die gerade zwei Jahre alt geworden war. Dabei hatte ich nur vermeiden wollen, ihr den gleichen Eindruck wie meiner ersten Frau zu vermitteln – dass ich sie zu sehr erdrücken würde. Sie fand einen anderen Mann und nahm Jenny mit zu ihm nach New York, doch anders als mit meinem Sohn, verlor ich den Kontakt zu ihr nie völlig. Man hatte mir ein zweites Kind weggenommen und ich widmete meine ganze Kraft und Zeit den Patienten.

 

Vor allem Murdock... Ältere, erfahrenere Kollegen belächelten mich mitleidig, aber erhoben keine Einwände, als ich beantragte, dass der Patient meiner alleinigen Verantwortung überstellt wurde. Sie hielten den Mann für einen hoffnungslosen Fall. Sogar noch die ersten Erfolge belächelten sie, hielten es für eine vorübergehende Phase von Klarheit. Sahen sie nicht, dass alles, was er tat, nur ein Schrei um Hilfe war?

 

Murdock begann mir zu vertrauen. Ich sah es. Langsam. Es dauerte Jahre. Aber nun vertraut er mir.

 

Und ich denke, es ist an der Zeit, die Behandlung abzuschließen. Ihn zu heilen. Sobald er zurück ist.

 

 

 

* * *

 

 

Montag, 03. Juni 1985

 

Murdock ist zurück. Er will nicht darüber sprechen, wo er gewesen ist, noch wie er zu dieser Schusswunde am Oberarm gekommen ist. Es macht mich wütend, den Verband zu sehen. Er beharrt darauf, dass es ihm gut gehe. Seine Freunde hätten sich um ihn gekümmert.

 

Wie kann er glauben, dass sie seine Freunde sind? Nach allem. Sie verstehen ihn nicht. Nicht wie ich es tue. Und ich bezweifle inzwischen sehr, dass sie sich wirklich um ihn sorgen. Nicht wie ich es tue.

 

Als ich ihn verließ, wandte ich mich an der Tür noch einmal um und sein Gesicht hatte die falsche, aufgesetzte Fröhlichkeit verloren. Erschöpfung war überall in seine Haltung und seine Züge geschrieben, eine Art Hoffnungslosigkeit, wie ich sie seit Jahren nicht mehr bei ihm entdeckt hatte. Er war sich nicht bewusst, dass ich ihn beobachtete, wie er sich auf sein Bett ausstreckte, das Gesicht im Kissen vergrub. Einen Moment später war er eingeschlafen, zu müde um selbst die Schuhe auszuziehen.

 

Er war fast eine Woche fort. Was ist passiert? Wohin haben sie ihn gebracht? Was ist dort mit ihm geschehen?

 

Wenn sie seine Freunde sind, wo sind sie dann jetzt? Kann er das nicht sehen? Freunde halten zu einem, wenn die Zeiten hart sind. Sie schieben einen nicht in eine Welt weißer Wände, greller Lichter, gepolsterter Zellen und bunten Pillen ab. Eine Welt, in der Murdock nicht bleiben müsste. Nicht mehr. Ich weiß, dass er fast gesund ist. Ich weiß nicht, warum er bleiben will.

 

 

 

* * *

 

 

Mittwoch, 05. Juni 1985

 

Es schien mir ein gutes Zeichen, dass er heute darum bat, mit mir sprechen zu dürfen. Ich hoffte, dass er mir sagen würde, wo er gewesen ist und wieso er verletzt zurückkam.

 

Doch ich wurde enttäuscht. Alles, worum er bat, war die Genehmigung wieder das Krankenhaus zu verlassen. Für eine Woche. Vielleicht länger. Er konnte mich nicht ansehen, als er sagte, dass er zu seinen Freunden müsse.

 

Sie bringen ihn hierher: verwundet, erschöpft, verwirrt und erwarten, dass ich mich um ihn kümmere. Und er erwartet von mir, dass ich mich um ihre Wünsche kümmere? Sie beschütze?

 

Sieht er nicht, dass ich der einzige bin, der sich um ihn sorgt? Ihn liebt... ja, wie einen Sohn. Wie meinen verlorenen Sohn. So wie er denkt, dass *er* ihn liebt. Ich erinnere mich, dass er das zu mir gesagt hat, damals, auf dem langen Flug zurück nach Los Angeles, nachdem sie mich aus Stoddards Camp geholt hatten. „Er ist wie ein Vater zu mir.“ Ich hatte gehofft, er würde diese Worte eines Tages zu mir sagen, doch er sprach über ihn – Hannibal Smith.

 

Doch ich muss ihm diesen Irrtum verzeihen, mit ihm daran arbeiten. Woher soll er auch wissen, wie sich die Liebe eines Vaters anfühlt? Sein eigener Vater wollte ihn nicht, seine Mutter starb als er fünf war. Seine Großeltern zogen ihn mit viel Liebe und Fürsorge groß, doch das ist nicht das gleiche. Damals war er bereits verloren. Oh, ich kenne ihn. Ich kenne ihn gut. Das ist meine Aufgabe.

 

Er saß mir gegenüber und seine Augen baten, doch ich war mir sicher, sie baten um etwas anderes als sein Mund. Er betrachtete es als seine Pflicht, zu ihnen zurück zu kehren. Zu ihm... Hannibal Smith. Wie kann er von diesem Mann denken, er würde sich wie ein Vater um ihn sorgen? Würde ein Vater ihn hier zurücklassen? An diesen Ort abschieben?

 

Wie kann ich es ihn verstehen machen? Ich vertröstete ihn, schickte in zurück in sein Zimmer. Versprach ihm ein weiteres Gespräch darüber, wenn seine Wunde verheilt sein würde.

 

Ich muss genau planen, wie ich jetzt vorgehen will.

 

 

 

* * *

 

 

Freitag, 07. Juni 1985

 

Er sah mich enttäuscht an, als ich ihm mitteilte, dass er nicht zu seinen Freunden gehen kann. Und für einen Moment war ich fast versucht, meine Entscheidung zu ändern... doch statt dessen fragte ich ihn wieder nach seiner Abwesenheit in der letzten Woche. Nach dem Grund für seine Schussverletzung.

 

Er antwortete mir nicht, also erlaubte ich ihm nicht, das Krankenhaus zu verlassen. Simpel.

 

Ich bin kein Narr. Ich weiß, dass einige der Dinge, die ich denke - und tue – gegen alle Regeln verstoßen, nach denen ich lebe. Aber es geschieht aus Notwendigkeit. Es wird ihm die Augen öffnen.

 

Um zu heilen, muss Murdock verstehen, dass seine Freunde einen schlechten Einfluss auf ihn ausüben. Man schickt sein Kind nicht nach draußen, um mit den bösen Jungs zu spielen. Sie sind nicht nett. Sie führen ihn auf Abwege. Es ist meine Aufgabe, ihn davor zu bewahren. Und es ist mein Wunsch.

 

Ich weiß, dass es nicht leicht werden wird. Vielleicht wird er mich am Anfang hassen. Doch er wird die Wut und die Enttäuschung überwinden. Genau wie zuvor. Denn ich war da. Denn ich werde da sein. Ihm helfen, wenn die Albträume kommen, die grauen Tage der Depression. Ich war da, als er versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Und ich bezweifle sehr, dass sie davon wissen. Nein, nicht diese falschen Freunde, die ihn benutzen, wie ein Ding, das man gebraucht und in die Ecke zurückstellt, wenn es keinen Nutzen mehr hat.

 

Noch versteht er es nicht, also werde ich die Dinge für ihn in die Hand nehmen. Und ich werde sofort damit beginnen. Und als erstes werde ich sicher stellen, dass sie Murdock nicht mehr belästigen.

 

 

 

* * *

 

 

Montag, 09. Juni 1985

 

Es war nicht schwer, seine Kontakte zu der Außenwelt weiter einzuschränken. Jetzt sehe ich, dass es ein Fehler war, all die Jahre zu schweigen, zu beobachten, aber nicht zu handeln. Ich gebe Anweisung an den Empfang, dass niemand ohne vorherige Rücksprache mit mir zu Murdock darf. Überhaupt keine Besucher, egal welchen Grund sie angeben. Es werden keine Anrufe mehr an ihn durchgestellt. Und ich veranlasse, dass man regelmäßig nach ihm sieht.

 

Hannibal hat mir eine Nummer gegeben, die ich anrufen kann, sollte irgendetwas mit Murdock vorfallen. Ich werfe sie weg. Ich könnte ihn anrufen und ihm sagen, dass Murdock keinen Besuch bekommen darf, aber ich glaube nicht, dass sie das fernhalten würde. Sie werden trotzdem immer wieder kommen.

 

Wie Ungeziefer.

 

Ich erinnere mich, als ich diesem Mann zum letzten Mal begegnet bin. Es war vor ein paar Monaten. Sie brachten Murdock von einer ihrer Missionen zurück, mit einer Platzwunde am Kopf. Zumindest muss ich ihnen zugute halten, dass sie ihn nicht einfach auf dem Gehweg vor dem Krankenhaus aussetzten, sondern ihn in mein Büro brachten. Hannibal Smith und dieser aalglatte Typ Peck, den sie Face nennen. Smith grinste mich an, eine Zigarre zwischen den Zähnen und tätschelte Murdock die Schulter. Er lehnte schwer gegen Peck und sah mich benommen an. Und wie ich jetzt denke, mit Erleichterung.

 

„Murdock hat einen tollen Job geleistet, Doc, er hat uns gerettet“, sagte er selbstherrlich zu mir. Ich lächelte unverbindlich, nickte und führte Murdock von Peck weg, setzte ihn auf die Couch. Die beiden sahen sich an und ich las den Stolz in ihren Blicken. Dann ging Peck zu Murdock, er beugte sich zu ihm herunter und flüsterte ihm etwas zu, dass ich nicht verstand. Doch Murdock lächelte, drückte seine Hand, bevor er sich auf der Couch ausstreckte, seinen Kopf in eine Handfläche gestützt.

 

„Wir melden uns so bald wir können.“ Smith streckte mir die Hand entgegen, doch ich ignorierte die Geste und trat hinter den Schreibtisch, um eine Schwester zu rufen. „Captain, alles okay?“

 

Murdock sah ihn an und nickte. „Es geht mir gut, Colonel.“

 

Und dann verschwanden sie, wie sie gekommen waren, durch die Tür, die von meinem Büro aus in den Krankenhauspark führt.

 

Das war alles, was er fragte? Ob er okay sei? Kann Murdock nicht sehen, dass er nur dann „okay“ sein würde, wenn er nicht mehr mit ihnen ginge? Sie riskieren sein Leben jedes Mal, wenn sie ihn von hier wegholen.

 

Aber das wird jetzt ein Ende finden. Ich weiß, wie ich Murdock ihrem Einfluss entziehen kann. Es ist so einfach.

 

Das hier ist ein Krankenhaus. Es gibt Möglichkeiten, Patienten vor Schaden zu bewahren. Vor Schaden, den sie sich selbst zufügen könnten, genauso wie vor Schaden der von außen kommt. Und zum ersten Mal werde ich diese Möglichkeiten voll ausschöpfen.

 

Ich weiß, dass ich ihn heilen kann. Eines Tages, nicht mehr in allzu ferner Zukunft, wenn ich die Anzeichen richtig deute. Es ist ein kleiner Rückschlag, dass er mir noch immer nicht erzählen will, wo er gewesen ist, doch wie gesagt, nur ein kleiner Rückschlag.

 

Eines Tages wird Murdock gesund sein. Und dann werde ich ihm zeigen, was ihm all die Jahre vorenthalten wurde. Wie die Welt aussieht, wenn sie in Sonnenlicht gebadet wird, statt in grellem, künstlichen Licht. Und dass Farben dazu da sind, Blumen und Gesichter, Eiscreme und Autos zu färben, nicht jedoch Pillen. Dass er sich nicht mit kleinen Bruchstücken zufrieden geben muss, sondern ihm alles zusteht. Dass Glück nicht mit einer Spritze injiziert werden muss. Wirkliches Glück, wie es der Rest der Welt kennt. Das alles werde ich ihm dann zeigen.

 

 

 

* * *

 

 

Mittwoch, 19. Juni 1985

 

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie so bald hier auftauchen würden. Zumindest kam einer von ihnen... Peck. Natürlich kam er mit einem falschen Namen, einem falschen Ausweis und einem gestohlenen Arztkittel ins Krankenhaus. Die Schwester am Empfang sah die Papiere, die er ihr vorlegte und die besagten, dass Murdock zu einer Untersuchung sollte. Und gemäß ihren Anweisungen rief sie mich an. Glücklicherweise war ich gerade frei, und bat sie, ihn in mein Büro zu bringen. Und dafür zu sorgen, dass er nicht einmal in die Nähe von Murdock kommen würde.

 

Ah, ich konnte sehen, dass ihn diese Anweisung überraschte, doch er verbarg die Überraschung sehr rasch, sehr gut hinter einem Lächeln. Wenn ich nicht hinter seine Fassade blicken könnte, wäre ich auf dieses Lächeln hereingefallen. Es schien ehrlich erfreut, warm. Mir erschien es wie eine klaffende Wunde, wie eine Krankheit, die sich langsam über seine Züge ausbreitete und in mir den Wunsch weckte, mir die Hände zu waschen, nachdem ich seine geschüttelt hatte. Kein echtes Lächeln.

 

Warum nannte Murdock diesen Mann mit den kalten Augen nur einen Freund?

 

Peck war nicht misstrauisch. Er dachte, wir sind auf der gleichen Seite. Doch ich bin nur auf Murdocks Seite. Also belog ich ihn, wie er versucht hatte, mich zu belügen. Ich sagte ihm, Murdock wäre krank. Er habe Bettruhe verordnet bekommen.

 

Für einen Moment glaubte ich, ich würde Sorge, ehrliche Sorge, in seinen Zügen erkennen können, dass ich mich vielleicht geirrt hätte... doch nein. Es war eine Täuschung. Diese blauen Augen sind wie Öllachen, schillernd, man sieht Dinge darin, die nicht da sind. Es ist, als ob man zu den Wolken hinauf sieht. Sie nehmen auch jede Form an, die man sich gerade vorstellt.

 

Er bat darum, ihn sehen zu dürfen. Natürlich klang seine Stimme aufrichtig, mit genau dem richtigen Maß an Besorgnis um das Wohlbefinden eines Freundes. Doch die nervöse Art, wie er seine Krawatte zurechtrückte, sagte mir etwas anderes. Wenn Murdock in der Lage sein würde, zu gehen, würden sie ihn mitnehmen – krank oder nicht.

 

Also sagte ich, es wäre ansteckend. Nichts ernstes, doch wir wollten ja nicht, dass sich noch jemand anstecken würde. Dass er oder das Team sich den Virus einfänge. Sie könnten es sich nicht leisten, krank zu werden.

 

Sein Lachen klang so falsch wie meines und seine Augen wurden wieder kalt mit etwas, dass nur Zorn sein konnte. Ich brachte ihn nach draußen, bevor er noch einmal fragen konnte, begleitete ihn bis zu seinem Wagen, der am Straßenrand parkte und verabschiedete mich von ihm. Wartete, bis er tatsächlich weggefahren war, um sicher zu sein, dass er fort war. Ich musste ihn unter allen Umständen von diesem Krankenhaus fernhalten. Allein sein Besuch konnte schon genügen, um bei Murdock wieder Depressionen auszulösen. Auch wenn er das nie sagen würde, weiß ich es. Es ist meine Aufgabe, es zu wissen.

 

Verschwinde, rief ich in Gedanken dem Sportwagen nach. Komm’ nie wieder zurück. Sucht euch einen anderen um den Kopf für euch hinzuhalten und euere Dreckarbeit zu erledigen. Murdock würde es nicht mehr tun.

 

Ich war sehr zufrieden mit mir, als ich in mein Büro zurückkehrte.

 

 

 

* * *

 

 

Dienstag, 24. Juni 1985

 

Heute habe ich den nächsten Teil meines Planes umgesetzt und das Telefon aus Murdocks Zimmer entfernen lassen. Als ich es vor ein paar Jahren genehmigte, hätte ich nie vermutet, dass er dadurch Kontakt zum A-Team hielt. Doch woher hätte ich es auch wissen sollen. Er verbarg sie gut vor mir. All die Jahre, die ich damit verbrachte, ihm zu helfen, wusste ich nicht, dass *sie* es waren, die meine Arbeit insgeheim zunichte machten. Dass sie die Ursache seiner Niedergeschlagenheit waren. Seiner Ängste.

 

Murdock blickte mich verständnislos an, als ein Techniker das Telefon mitnahm. Er saß auf seinem Bett, las, als wir sein Zimmer betraten. Als er mich sah, lächelte er, doch das Lächeln verschwand aus seinen Zügen, als das Telefonkabel entfernt und der Anschluss versiegelt wurde. Ich wusste, dass er jetzt dachte, ich würde eine weitere Verbindung zur Außenwelt kappen. Und genau das war es auch, was ich tat. Aber es war notwendig. Es war... wie wenn ein Vater die Stützräder vom Fahrrad seines Sohnes abmontierte. Nur so konnte ein Kind lernen, eigenständig zu fahren.

 

Er fragte nach dem „Warum?“, als wir wieder alleine waren. Er wusste es, denke ich, aber wollte es aus meinem Mund hören. Ich belog ihn, erzählte etwas von Sparmaßnahmen und neuen Vorschriften.

 

Er sah mich mit diesen großen, kindergleichen Augen an, dann wandte er sich von mir ab, rollte sich auf seinem Bett zusammen, umklammerte den Stoffhund, der vor ein paar Tagen per Post an ihn geschickt worden war. Natürlich hatte ich die Sendung überprüfen lassen, doch das Paket kam nicht vom A-Team, sondern von einer Tierärztin namens Kelly Stevens, die Murdock ein paar Mal in der Vergangenheit besucht hatte. Murdock hatte mir erklärt, dass es ein Scherz sein würde und zeigte mir das Schild am Halsband des Kuscheltieres, auf dem Billy stand. Natürlich habe ich veranlasst, dass sowohl das Paket als auch das Spielzeug selbst gründlich untersucht wurden, um zu verhindern, dass irgendwelche verbotenen Gegenstände oder Botschaften in ihm eingeschmuggelt wurden. Doch die Schwester fand nichts verdächtiges. Ungewöhnlich war nur, dass Murdock darum bat, den Karton behalten zu dürfen. Er wolle eine Hundehütte für Billy daraus bauen. Aber es schien keinen Schaden anrichten zu können und ich genehmigte es.

 

Bald wird er keine Kuscheltiere und auch keinen unsichtbaren Hund mehr brauchen.

 

Ich drückte seine Schulter, achtete darauf, die heilende Wunde nicht zu berühren und ließ ihn allein. Kinder sind so. Man nimmt ihnen etwas weg, an dass sie sich gewöhnt hatten und sie schmollen. Sie weinen, wenn sie das erste Mal ohne ihre Stützräder fahren und vom Rad fallen. Aber wenn man sie ermutigt es weiter zu versuchen, wird es ihnen gelingen. Dann ist der kleine Kummer bald vergessen und sie wissen, dass sie jetzt besser dran sind, als zuvor. Er wird es dann verstehen, wenn es ihm besser geht.

 

 

 

* * *

 

 

Dienstag, 02. Juli 1985

 

Ein weiterer, geringfügiger Rückschlag. Murdock hat darum gebeten, den vierten Juli mit seinen Freunden außerhalb des Krankenhauses verbringen zu dürfen. Er schien mit meiner Erklärung nicht zufrieden, auch nicht damit, dass ich ihm versprach, dass er sich mit mir zusammen das Feuerwerk ansehen werden dürfe, draußen im Park, etwas das nicht allen Patienten genehmigt wurde.

 

 

 

* * *

 

 

Donnerstag, 04. Juli 1985/Freitag, 05. Juli 1985

 

Ich hätte es besser wissen müssen! Sie haben versucht, ihn zu holen. Aber natürlich! Ich hätte es besser wissen müssen! Sie gaben nicht so einfach auf. Und wieso sollten sie auch. Abgesehen von der kleinen Schwierigkeit, ihn jedes Mal aus dem Krankenhaus holen zu müssen, wenn sie Murdock brauchten, damit er für sie flog - oder eine Kugel abfing! – ist es doch ein zufriedenstellendes Arrangement für sie. Sie müssen sich die restliche Zeit nicht um ihn kümmern und er steht immer zu ihrer Verfügung.

 

Sie wollten ihn holen, während die Aufmerksamkeit aller auf das Feuerwerk gerichtet war. Ich denke, Murdock hat sogar versucht, mich zu warnen, ich verstand es nur nicht.

 

Ich frage mich, was sie misstrauisch machte. Es muss das Telefon gewesen sein.

 

Smith hatte sich mit einem Overall verkleidet, wie ihn das Reinigungspersonal trug. Natürlich musste in einem Krankenhaus auch an einem Feiertag saubergemacht werden – doch er hatte übersehen, dass die Reinigungskräfte an diesem Tag früher kamen, um dann später mit ihren Familien feiern zu können. So fiel es einem Pfleger auf, der zu spät zu seiner Schicht kam, dass draußen ein Wagen der Reinigungsfirma parkte, der dort nicht sein sollte.

 

Aber Smith kam nicht alleine. Er hatte B.A. dabei. Es macht mich wütend, dass er es wagt, diesen Mann hierher zu bringen. Ich weiß, dass Murdock Angst vor ihm hat, obwohl er das niemals zugeben würde – doch sie schwingt in seiner Stimme mit, wenn er über ihn spricht. Er montierte das Gitter vor dem Fenster ab. Und ich vermute, er hat das nicht zum ersten Mal gemacht.

 

Peck war nirgends zu sehen, vielleicht hatte er kein Interesse daran, sich die Hände selbst schmutzig zu machen.

 

Es war Zufall, dass mir auffiel, wie lange Murdock weg blieb. Er hatte mir gesagt, er würde nur rasch auf die Toilette gehen, bevor er sich zu den anderen in den Park gesellte, um das Feuerwerk zu sehen. Als es begann, konnte ich ihn nirgends entdecken. Die Pfleger und Schwestern waren beschäftigt, auf alle Patienten zu achten, manche zeigten Anzeichen von Unruhe über die ungewohnte, späte Aktivität.

 

Ich machte mich auf die Suche nach ihm, alarmierte beunruhigt die Nachtschwester und rief einen Pfleger zu mir, bevor wir in Murdocks Zimmer traten. Wir kamen gerade noch rechtzeitig. Er war bereits halb aus dem Fenster geklettert, sein Gesicht zeigte einen benommenen Ausdruck. Smith hielt ihn an den Armen fest, zwang ihn nach draußen.

 

Aber wir konnten sie aufhalten, konnten Murdock zurück in den Raum ziehen. Seine „Freunde“ verschwanden ohne einen Blick zurück in der Dunkelheit. Am nächsten Morgen fanden wir die Spuren ihrer Reifen auf der Straße.

 

Sie hatten keinen Erfolg - und doch richteten sie Schaden an. Sie haben mit ihm gesprochen. Ich muss meine Pläne ändern. Nicht, dass ich Murdock etwas verschweigen will, doch noch steht er zu sehr unter ihrem Einfluss. Noch ist er nicht bereit, zu verstehen, dass alles, was ich tue, zu seinem Besten ist.

 

Ich ließ seinen Raum durchsuchen und wir entdeckten, wie sie mit ihm in Kontakt getreten waren. Die Innenseite der vermeintlich harmlosen Karton-Hundehütte leuchtete im Dunkeln, übersät mit Worten, geschrieben mit einem fluoreszierenden Stift. Es sind Worte, Phrasen, Zitate, die keinen augenscheinlichen Sinn machen. Doch für Murdock müssen sie eine Botschaft sein, ein Code, den er entschlüsseln kann. Oh, sie sind schlau. Ich habe sie unterschätzt. Aber das wird nie wieder passieren.

 

Sie haben ihn vergiftet und ich weiß, dass er nun versuchen wird, weg zu laufen. So sind Kinder. Sie streiten sich mit ihren Eltern, fühlen sich ungerecht behandelt und beschließen, weg zu laufen, um sie dafür zu bestrafen. Sie packen ihren Lieblingscomic und ein paar Lebensmittel in einen Rucksack und klettern nachts aus dem Fenster ihres Kinderzimmers. Ich weiß, dass so etwas passiert. Und ich weiß, dass sie vielleicht nie mehr zurückkommen, wenn man sie nicht daran hindert, weg zu laufen. Böse Dinge geschehen Ausreißern.

 

Also muss ich ihn davor bewahren und sicher stellen, dass er nicht weglaufen kann. Was ich tun muss, liegt im Widerstreit mit all dem, was ich gelernt habe – aber so vieles in meinem Leben war voll von Widersprüchen. Ich muss mich auf meine Instinkte verlassen. Auf meine Gefühle. Auf meine Erfahrungen.

 

Vor ein paar Stunden, noch mitten in der Nacht, als die anderen Patienten längst wieder in ihren Zimmern waren, habe ich Murdock in einen anderen Trakt der Station verlegen lassen. Hier in der geschlossenen Abteilung ist die Sicherheit sehr viel höher. Sein neues Zimmer liegt im dritten Stock, so dass man nicht aus Fenstern klettern kann. Und es hat gepolsterte Wände, die seine Wut auffangen werden, ohne dass er zu Schaden kommt. Ich werde ihm später bringen, was er braucht, werde mit ihm reden.

 

Es geschieht alles nur zu seinem Schutz. Zu seinem Besten. Er muss verstehen, dass ich ihm das nicht aus Willkür antue, sondern weil ich nicht zulassen kann, dass er wegläuft, um seinem Unheil zu begegnen.

 

 

 

* * *

 

 

Dienstag, 23. Juli 1985

 

Es sind nun mehr als zwei Wochen vergangen, seit ich Murdock habe verlegen lassen. Ich besuche ihn jeden Tag, bringe ihm Bücher, lese ihm vor, unterhalte mich mit ihm... nun, ich versuche es. Er spricht kein Wort, doch ich weiß, er hört mir zu.

 

Die meiste Zeit kauert er in einer Ecke, zwischen dem Weiß der Wand und dem Weiß der Zwangsjacke fast unsichtbar. Wir mussten ihn fixieren, um zu verhindern, dass er sich selbst verletzte. Seine Wutausbrüche erinnerten mich wieder an seine erste Zeit in meiner Obhut. Und obwohl ich wusste, dass dieses Mal ich die Ursache seines Zorns war, wich ich nicht von meinem Plan ab. Es mag uns beiden nun Schmerzen bereiten, doch diese Phase würde vorüber gehen. Es war notwendig.

 

Die ersten Tage versuchte er mich zu überreden. Und ich hörte die Stimmen und die Worte seiner Freunde in seinen Argumenten. Er wollte wissen, warum ich ihn hierher gebracht hatte. Er sagte mir, dass er wisse, dass ich ihn wegen des Telefons belogen habe. Er sagte, er wisse, dass ich Besuche unterbinde.

 

Aber er weiß nicht, warum ich das alles tue. Ich versuchte ihn verstehen zu machen. Die Distanz zwischen uns zu überbrücken, damit er die Dinge von meiner Warte aus sehen konnte. Ich setzte mich zu ihm, legte die Hand auf seine Schulter. Doch er wich vor mir zurück, beschimpfte mich, spuckte mir ins Gesicht.

 

Er erinnert sich nicht daran, doch ich tue es. Genauso war es in den ersten Wochen und Monaten. Als er die Halluzinationen hatte, bewaffnete Männer um sein Bett stehen sah, als er auf vietnamesisch schrie und fluchte und um sich schlug, uns ins Gesicht spuckte. Glaubte, wir wären seine Feinde. Glaubte, ich wäre sein Feind. Jetzt denkt er es wieder.

 

Ich ließ ihn alleine, beobachtete ihn durch die Öffnung in der Tür. Als er sich ein paar Stunden später beruhigt hatte, verstummte er ganz einfach.

 

Ich spreche weiterhin zu ihm, wie ich damals zu ihm gesprochen habe - egal ob er sich unter dem Bett versteckte oder in eine Ecke unter dem Waschbecken kroch, ich setzte mich in seine Nähe und sprach mit ihm. Seine Augen waren leer, sein Gesicht schlaff, sein Mund stand offen und ich wusste, dass er sich in seine eigene, sichere Welt in seinem Kopf zurückgezogen hatte. Und ich sprach weiter mit ihm, bis er begann, zu zuhören, bis er sich zurück in diese Welt wagte.

 

Auch dieses Mal wird er zurückkommen, sobald er die Wahrheit erkennt. Vielleicht hofft er auf die Hilfe seiner Freunde, doch er wird lernen, dass er ihnen egal ist. Ich werde es ihm sagen und wenn er dazu bereit ist, wird er mir zuhören. Es wird schmerzlich für ihn sein, zu wissen, dass sie ihn so einfach verlassen haben. Aber er wird einsehen, dass sie die Ursache seiner Depressionen sind, dass sie ihn krank machen.

 

Ich wünschte, alle meine Patienten wären so einfach zu heilen. Alles, was er tun muss, um gesund zu werden, um heil zu werden, ist das A-Team ein für alle mal gehen zu lassen.

 

 

 

* * *

 

 

Mittwoch, 31. Juli 1985

 

Es sind jetzt mehr als drei Wochen vergangen und ich glaube, wir machen große Fortschritte. Letzte Nacht wurde in Murdocks altes Zimmer eingebrochen und wer außer seinen sogenannten Freunden hätte dies tun sollen. Aber sie mussten unverrichteter Dinge abziehen, sie wissen nicht, wo er ist. Sicherlich geben sie bald auf. Es muss für sie angenehm sein, ihn zur Verfügung zu haben, doch er ist ihnen bestimmt nicht wichtig genug, dass sie um ihn kämpfen.

 

Murdock hörte mir zu, als ich ihm heute morgen davon berichtete. Er sah mich an. Doch er versuchte nicht, mit mir zu streiten, mir weis zu machen, dass sie seine Freunde wären. Endlich dringen meine Argumente zu ihm durch und er beginnt zu verstehen, dass ich recht habe. Er mag noch immer den Kopf schütteln, doch ich kann die Unsicherheit in seinen Augen sehen.

 

Er beginnt, sie als das zu erkennen, was sie sind. Es ist wie der Entzug einer Droge. Erst nachdem sie weg ist, erkennt man ihre wahre Gestalt. Die Depressionen, die sich einstellten, nachdem sie ihn zurückbrachten und alleine ließen. Und je länger sie ihn alleine ließen, desto schwerer wurde die Depression. Wie dumm von mir, einmal zu glauben, dass es richtig war, ihn gehen zu lassen - bevor ich ahnte, mit wem er ging und wie sie ihm schadeten. Was sie ihm versprechen – versprachen – ist ein trügerisches, falsches Glück.

 

Er muss nur darüber hinweg sehen können, diese Phase des Kummers und der Unsicherheit überwinden, dann wird er erkennen, wie viel besser es ihm geht.

 

Murdock ist jetzt sehr viel ruhiger. Es wird nicht mehr länger nötig sein, ihn mit einer Zwangsjacke zu fixieren und ich bin erleichtert, dieses barbarische Instrument aus seiner Nähe zu verbannen. Er ist ein guter Junge, verwirrt und in die Irre geführt worden, aber sein Herz ist gut.

 

 

 

* * *

 

 

Montag, 05. August 1985

 

Ich habe die Dosis der Beruhigungsmittel verringert, die Murdock erhält. Das ist jetzt nicht mehr notwendig. Nur manchmal noch zieht er sich in seinen eigenen Kopf zurück und reagiert nicht mehr auf seine Umwelt. So, wie sich ein Kind in seinem Zimmer verkriecht, um sich die Decke übers Gesicht zu ziehen.

 

Doch er hat bereits begonnen, sich heraus zu wagen. Und ich glaube, heute sind wir einen Schritt weiter gekommen. Ich ließ ihm von einer Schwester sein Essen auf einem Tablett bringen (natürlich wurde das Besteck vorher abgezählt und alles auf Sicherheit überprüft, eine Routineprozedur in diesem Stockwerk) und schickte sie dann weg. Ich wollte, dass er wieder begann, selbstständig zu essen, nicht gefüttert werden zu müssen, wie ein Kleinkind. So lange er die Zwangsjacke tragen musste, war es leider notwendig gewesen.

 

Ich blieb im Raum, bei der Tür und beobachtete ihn zwei Stunden lang. Er rührte sich nicht aus der Ecke, in der er kauerte, obwohl ich wusste, dass er hungrig sein musste. Er sah das Essen nicht einmal an, starrte auf die Wand, die Arme um sich selbst geschlungen, als wären sie dort noch immer durch schweres Segeltuch und Lederriemen fixiert.

 

Schließlich verließ ich den Raum für einen Moment, um eine Schwester zu rufen, die mir half, ihn zu füttern. Doch als ich zurückkam, hatte er zu meiner Überraschung alles aufgegessen. In den wenigen Minuten, in denen ich weg war. Und er versuchte nicht, etwas zu stehlen, das Besteck war vollständig.

 

Ich wusste es. Er ist ein guter Junge.

 

 

 

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Mittwoch, 14. August 1985

 

Er hat mit mir gesprochen! Murdock hat mit mir gesprochen. Endlich ein großer Durchbruch. Eine Stunde lang unterhielt ich mich heute mit ihm, versuchte ihm zu erklären, warum ich gezwungen worden war, ihn aus seiner gewohnten Umgebung zu reißen und in diese Zelle zu stecken. Erzählte ihm von seinen falschen Freunden und dass sie sich nach dem missglückten Versuch, ihn zu finden, nicht mehr hatten blicken lassen. Dass sie nicht einmal versuchten, auf andere Weise Kontakt zu ihm aufzunehmen. Aber er brauche keine Angst zu haben, ich würde mich um ihn kümmern. Für ihn sorgen.

 

Wie immer blieb er stumm, sah mich nicht einmal an. Doch dann, als ich bereits an der Tür stand und darauf wartete, dass der Pfleger sie aufschloss, hob er auf einmal den Kopf und fragte, wie lange er noch hier bleiben müsse. Seine Stimme klang rau und unsicher, nachdem er mehr als einen Monat kein Wort gesagt hatte.

 

Ich versicherte ihm, dass er nur so lange in diesem Raum bleiben würde, wie es notwendig war. Bis es ihm besser ginge. Bis er *sie* nicht mehr brauchte. Ich sagte ihm, dass er das selbst wisse, und nur daran zu glauben hätte. Mir zu glauben hätte. Und ich hoffte ungeduldig auf eine Antwort. Ich musste seine Stimme hören, um zu beurteilen, ob meine Behandlung wirklich den Erfolg hatte, den ich zu haben glaubte.

 

Er klang wie ein Kind, als er fragte, was sein würde, wenn er log. Sich verstellte. Darauf warten würde, dass ich ihn in sein altes Zimmer zurück ließe, um dann weg zu laufen. Aber seine Stimme verriet ihn. Er wusste, dass es nicht das richtige zu tun wäre. Er wusste, dass er das niemals tun würde. Er würde mich niemals so enttäuschen. Seine Augen füllten sich mit Tränen.

 

Ich beruhigte ihm, versicherte ihm, dass ich nicht daran glaubte, dass er mich jemals anlügen würde. Nicht er. Denn ich würde ihn kennen und mich um ihn sorgen.

 

Daraufhin begann er zu weinen. Genau wie ein kleiner Junge. Er reagierte nicht, stieß mich aber auch nicht weg, als ich den Arm um ihn legte und ihm die Tränen von den Wangen trocknete. Als er sich müde geweint hatte, lehnte er sich gegen mich und wir redeten lange miteinander.

 

Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit redeten wir völlig offen miteinander. Anfangs versuchte er mir zu widersprechen, doch dann begann er mir zu glauben. Er kennt die Wahrheit. Er wollte sie nur nicht sehen. Doch er kann nicht leugnen, dass sie nicht hier sind. Wenn sie seine Freunde sind, wo sind sie?

 

 

 

* * *

 

 

Dienstag, 20. August 1985

 

Eine unerwartete, doch geringfügige Komplikation. Meine Kollegen beginnen meine Behandlung – und vor allem die Zeit, die ich einem einzelnen Patienten widme – zu hinterfragen. Doch ich weiß, dass mein Ruf und meine Erfolge sie daran hindern werden, sich tatsächlich einzumischen. Meine Berichte über Murdocks Zustand sollten sie daran hindern, weiter in meinen Angelegenheiten herum zu schnüffeln. Doch es zeigt mir, dass ich vorsichtiger sein muss.

 

Dagegen gibt es auch gute Neuigkeiten. Das A-Team hat noch immer nichts von sich hören lassen, kein weiterer Versuch, Kontakt aufzunehmen, hat statt gefunden. Ich frage mich, ob sie bereits einen Ersatz für ihn gefunden haben. Ob sie sich nach einem neuen Piloten umgesehen haben, wie man sich in einer Tierhandlung nach einem neuen Hund umsieht, nachdem der alte von einem Auto überfahren wurde? Sicherlich gibt es noch mehr fähige Piloten und zwar solche, die nicht in Veteranenkrankenhäusern eingesperrt sind.

 

Ich bin sicher, sie haben ihn aufgegeben. Nicht, dass es jetzt noch eine Rolle spielt. Murdock ist fast geheilt. Er würde nicht mehr zu ihnen zurückgehen wollen.

 

Er hat wieder begonnen, zu lesen. Nicht die Comics, die *sie* ihm zu schicken pflegten, als wäre er ein Zwölfjähriger. In die ich ihn vertieft fand, wenn er von seinen „Ausflügen“ zurückgekehrt war, aufgeputscht von der falschen Freiheit, mit der ihn das A-Team gefüttert hatte. Richtige Bücher, wie ich sie selbst gerne lese, wenn mir Zeit dazu bleibt: Shakespeare, Milton - all die Bücher die er damals las, als er sich eingewöhnt hatte, als die Schrecken seiner Erlebnisse zu verblassen begannen und sein Wissenshunger an die Oberfläche drang. Jetzt findet er wieder zu sich selbst zurück.

 

Er liest und er isst. Er hat sich nicht ein einziges Mal wieder in seine Fantasiewelt zurückgezogen, mit sprechenden Socken hantiert oder diesen Hund Billy erwähnt. Doch noch bin ich nicht bereit, ihn in sein altes Zimmer zurück zu lassen. Die Trennung muss klarer sein, schärfer, oder alles war umsonst.

 

Es geschieht nur zu seinem Besten. Auch ich will, dass er diese Zelle bald verlassen darf. Bald. Noch nicht – denn nur hier ist er wirklich sicher.

 

 

 

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Donnerstag, 29. August 1985

 

Wieder habe ich das A-Team unterschätzt. Sie sind zurückgekommen – doch dieses Mal war ich auf sie vorbereitet. Und das beste ist, dass Murdock mir dabei geholfen hat, mich auf sie vorzubereiten. Er hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass sie versuchen könnten, in mein Büro einzubrechen, um in seine Krankenakte Einsicht zu nehmen oder sonstige Informationen zu finden. Also sagte er mir, was ich tun müsse, um sicher zu stellen, dass ich wüsste, sollte das geschehen.

 

Und tatsächlich. Als ich heute morgen in mein Büro kam, fiel mir auf, dass jemand hier gewesen sein musste. Kleinigkeiten. Ein paar Ordner, die in einer anderen Reihenfolge standen, Papiere die nicht mehr ganz so ordentlich in der Ablage lagen. Ein paar Zähler mehr auf dem Kopierer auf dem Flur. Die Schubladen waren ganz geschlossen, obwohl ich sie einen Spalt offen gelassen hatte, genau wie Murdock es mir riet. Immerhin kennt er sie am besten und weiß, wie sie vorgehen.

 

So weiß ich also nun, dass sie hier gewesen sind. Und ich frage mich plötzlich, warum mir die Lösung für dieses Problem nicht früher eingefallen ist.

 

Es ist so einfach. Mehr als ein Anruf war nicht nötig. Ein paar Stunden später sitzt mir Colonel Decker gegenüber. Offenbar ist ihm wieder die Verantwortung für die Jagd auf das A-Team übertragen worden. Ich erkläre ihm, dass ich überzeugt bin, dass das A-Team versuche, ihren früheren Piloten aus dem Krankenhaus zu befreien.

 

Und er ist nur zu bereit, mir zu glauben. Er ist sogar überzeugt, dass sie etwas mit dem Tod eines gewissen General Fulbright zu tun haben, dem Opfer ihrer letzten „Mission“.

 

Ich musste mich sehr bemühen, mir meinen Schock nicht anmerken zu lassen, als er mir Details von dieser Mission berichtete, soweit sie dem Militär bekannt sind. Aus einem noch unklaren Grund waren sie nach Vietnam geflogen, um dort eine junge Frau zu entführen und mit ihr in den USA unter zu tauchen. Und Murdock hat sie geflogen!

 

Vietnam? Es erklärte alles. Der apathische Zustand, in dem er zurückkehrte, selbst die Wunde an seinem Arm! Wie konnten sie ihm das antun? Falls das noch möglich ist, wird meine Wut auf diese falschen Freunde noch größer.

 

Für einen Augenblick war ich versucht, ihm zu erzählen, dass ich sie getroffen habe. Dass sie ihn regelmäßig befreien, um ihn als Pilot zu benutzen. Doch das durfte ich nicht. Ich muss Murdock beschützen, das ist meine oberste Priorität. Und wenn Decker wüsste, wie viel enger sein Kontakt zum Team ist, würde er ihn niemals in Ruhe lassen.

 

Doch auch so sind die zusätzlichen Wachen um das Krankenhaus sehr hilfreich.

 

Decker wollte selbst Murdock befragen, doch ich wusste das zu verhindern. Er ist dazu noch nicht gesund genug. Ich sicherte Decker zu, dass er mit ihm sprechen könne, sobald er dazu in der Lage sein würde. Er schien zufrieden damit, als er ging.

 

Als ich später nach meinem Patienten sah, berichtete ich ihm von Decker. Murdock schien sich unsicher, ob er diesem Mann wirklich begegnen wolle. Er hat nun erkannt, dass das Team ihn nur benutzte. Aber ich bin mir nicht sicher, ob er jemals ganz die Verbindung zu ihnen verlieren wird. Noch immer fühlt er sich verantwortlich für sie. Vielleicht ist er der Ansicht, er hätte ihnen helfen müssen, sie irgendwie aufhalten. Es ist seine Art, sich die Schuld an Dingen zu geben, über die er keine Kontrolle hat.

 

Es gibt noch vieles, an dem wir arbeiten müssen.

 

 

 

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Freitag, 06. September 1985

 

Sie haben es noch einmal versucht. Unglaublich. Nach über zwei Monaten versuchten sie erneut, ihn zurück zu holen.

 

Vielleicht sollte ich auch ihnen meine Hilfe anbieten. Ihnen zeigen, wie meine Behandlung bei Murdock anschlägt, wie er langsam aber unablässig heilt. Es ist, als würden sie kollektiv an einer psychischen Störung leiden, die sie so viele Jahre dazu brachte, Murdock für ihre Zwecke zu missbrauchen.

 

Es gelang ihnen, die Soldaten zu überwältigen und so unglaublich es auch scheint, sie gelangten bis in dieses Stockwerk. Irgendwann, irgendwie, mussten sie mir meinen Schlüssel zu der Zelle gestohlen und einen Nachschlüssel angefertigt haben.

 

Sie öffneten die Tür und weckten Murdock mitten in der Nacht auf, um ihn mit sich zu nehmen. Doch er ist ein guter Junge. Ein kluger Junge. Er verließ ohne Protest die Zelle, folgte ihnen nach unten – und erst dann schlug er Alarm, als sie ihre Aufmerksamkeit für einen Moment von ihm abwandten. Er hätte mit ihnen gehen können, doch er entschied sich dafür, zu bleiben. Er floh vor ihnen, versteckte sich im Schwesternzimmer und rief um Hilfe. Das Team versuchte ihn zu zwingen, mit ihnen zu gehen, doch er wehrte sich gegen sie und als die Pfleger und Wachen in die Eingangshalle rannten, ließen sie ihn stehen und flohen.

 

Sie entkamen den Soldaten erneut. Doch Murdock ist bei mir. Es ist der endgültige Beweis dafür, dass er geheilt ist. Er vertraut mir. Ich denke sogar, er liebt mich endlich wie den Vater, den er nie hatte. Und jetzt kann ich ihm endlich all das zeigen, was ihm so lange verwehrt blieb.

 

Die Freiheit.

 

 

 

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Montag, 09. September 1985

 

Murdock ist heute wieder in sein altes Zimmer umgezogen. Ich habe es in genau dem Zustand belassen, in dem er es kennt, mit Ausnahme der Dinge, die ich ihm in die Zelle brachte.

 

Es war merkwürdig, ihn dort zu beobachten. Ich war daran gewöhnt, einen anderen Murdock in diesem Raum zu sehen – laut, aufgebracht. Den kranken Jungen. Ihn hier geheilt zu sehen, ist noch ein wenig fremd, doch ich schiebe diese Regung beiseite. Ich bin ein Arzt. Ich habe das getan, wozu ich da bin. Ich habe ihn geheilt. Es war das Richtige.

 

 

 

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Mittwoch, 18. September 1985

 

Er ist so begierig auf das Leben. Schon jetzt spricht er davon, dass ich ihn wieder mit nach draußen nehmen soll. Er weiß, dass wir nicht mehr in den Beverly Bays Club gehen können, aber ich habe ihm versprochen, dass ich mir etwas anderes überlegen werde. Am nächsten Wochenende planen wir einen Ausflug zum Crystal Lake mit einigen Patienten, doch er möchte nicht mehr so lange warten. Er will schon morgen gehen. Nicht weit. Nur bis zu einem Park in der Nähe.

 

Die Idee sagt mir mehr und mehr zu. Wir könnten ein Picknick machen. Der Park ist nicht weit weg und er war schon oft dort, die Umgebung ist nicht zu fremd, um ihm Angst zu bereiten. Und jetzt wird er endlich all die Dinge sehen können, die ihm in den vergangenen Jahren entgangen sind. Jahre, in denen er verloren war.

 

Vielleicht kann er bald sogar einmal über ein langes Wochenende in die Berge zum Camping fahren. Vielleicht während der nächsten Ferien, wenn Jenny mich besuchen kommt. Sie liebt es, campen zu gehen. Ich glaube, es würde ihm gefallen. Und Jenny ebenfalls. Sie würden sich bestimmt prächtig verstehen. Aber noch ist es nicht so weit. Ich glaube, er ist jetzt noch nicht dazu bereit, meine Aufmerksamkeit mit jemandem zu teilen.

 

 

 

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Donnerstag, 19. September 1985

 

Als ich ihn abholte, war er gerade dabei seinen Rucksack zu schließen. Er war nicht besonders groß, schien aber vollgestopft zu sein. Ich nahm an, er wolle ein paar vertraute Sachen bei sich haben. Das war verständlich. Er war nervös. Schließlich würde dies seine Premiere sein.

 

Aus diesem Grund stopfte er sich wohl auch den Stoffhund unter die Jacke, als wir gingen. Dieses Kuscheltier... ich hatte fast vergessen, woher er es hat. Nachdem wir sicher sein konnten, dass nur der Karton, in dem es verpackt worden war, eine Botschaft enthielt, ließ ich es ihn behalten.

 

Als wir das Krankenhaus verließen, folgten uns automatisch zwei der MPs. Decker war geradezu aufdringlich. Das musste sich nun ändern, da keine Gefahr mehr vom A-Team drohte.

 

Ich sah, dass Murdock ihre Anwesenheit enttäuschte, ihm den Ausflug verdarb. Ich wusste, dass er wollte, dass es ein ganz besonderer Tag werden würde, ein Tag nur für uns beide. Es bedurfte einiger Überredung, um die MPs dazu zu bringen, uns alleine gehen zu lassen, doch letztlich kehrten sie um. Vermutlich wurde ihnen der Wachdienst in einem Krankenhaus ohnehin zu langweilig.

 

Ich werde Decker bald bitten, sie abzuziehen. Das A-Team wird sich nie wieder hier blicken lassen.

 

Ungehindert erreichten wir den Park. Murdock ließ den Kopf des Stoffhundes aus seiner Jacke herausblicken und imitierte das Kläffen eines Hundes. Wir lachten beide, als sich ein Pekinese, der von einer älteren Dame spazieren geführt wurde, daraufhin nach dem anderen Hund umsah.

 

Es war alles perfekt. Die Sonne schien, Vögel zwitscherten. Ich wollte Murdock alles zeigen – und er wollte alles sehen. Wir durchwanderten den Park kreuz und quer, über eine Stunde lang. Ich hatte meinen Arm um seine Schulter gelegt, damit er sich nicht verloren fühlen würde und zeigte ihm dies und das. Schließlich beschlossen wir, unser mitgebrachtes Picknick abzuhalten.

 

Murdock sagte, er würde den richtigen Ort kennen und ich ließ ihn voraus laufen, um mir den Weg dorthin zu zeigen.

 

Wir fanden uns bald am Rand des Parks wieder, einem etwas abgeschiedenen Fleck, von Bäumen umgeben. Von hier aus konnte man die Welt beobachten, aber wenn man nicht wusste, wo man zu suchen hatte, lief man daran vorbei, ohne diesen Ort zu entdecken. Er war perfekt für ein ruhiges Picknick. Ich fragte mich, woher er ihn kannte. Aber vermutlich hatte er ihn durch Zufall entdeckt. Er ist so neugierig und voll Forscherdrang. Genau wie ich in seinem Alter war.

 

Ich begann den mitgebrachten Korb auszupacken und gab ihm ein Sandwich, als er mich fragte, wie spät es sei. Ich beruhigte ihn, dass es noch nicht Zeit war, nach Hause zu gehen. Er nickte, setzte sich und aß sein Sandwich.

 

Doch plötzlich hörte er auf zu essen und stand auf. Ich folgte ihm mit meinen Blicken. Mir den Rücken zugewandt, fragte er mich plötzlich, ob ich wisse, woher er diesen Ort kenne. Er kenne ihn, weil Face ihn oft hierher gebracht hätte.

 

Ich wollte nicht über das A-Team sprechen und unseren perfekten Tag ruinieren, doch ich hieß ihn auch nicht schweigen. Als sein Arzt wusste ich, dass es wichtig war, dass er diese Erinnerungen aussprach. Um sie dann los zu lassen.

 

Doch ich war nicht völlig darauf vorbereitet, was er sagen würde. Hier, an diesem Ort hatte er mit Peck viele Stunden verbracht. Peck brachte das Essen mit und sie unterhielten sich. Manchmal gesellten sich sogar die anderen beiden dazu.

 

Ich sagte ein paar unverbindliche Worte und versuchte das Thema zu wechseln.

 

Doch er sprach weiter, erzählte nun davon, dass sie in ein kleines Café um die Ecke gingen, wenn es regnete. Dann endlich drehte er sich um – und fragte mich, was er bestellen würde, wenn wir dieses Café aufsuchen würden.

 

Ich war um eine Antwort verlegen. Es war nicht gerade ein Thema, das in unseren Therapiesitzungen zur Sprachen gekommen wäre. Und natürlich aßen die Ärzte im Krankenhaus nicht mit den Patienten. Wir hatten im Club zusammen gegessen, aber ich konnte mich nicht erinnern, ob er jemals eine besondere Vorliebe für etwas gezeigt hatte.

 

Er starrte auf den Boden zu seinen Füßen und meinte, dass das verständlich wäre. Immerhin gingen wir nicht oft zusammen aus. Woher sollte ich es also wissen. Und dann sah er auf und lächelte ein wenig und setzte sich wieder zu mir.

 

Beruhigt widmete ich mich wieder meinem Sandwich.

 

Nach ein paar Minuten hielt er eines der Obsttörtchen in seiner bunten Papierumhüllung hoch und musterte es. Dann sah er mich an und fragte mich, ob ich wisse, dass er gegen Ananas allergisch sei.

 

Ich sah auf das Törtchen in seiner Hand. Zwischen den anderen Früchten schimmerten helle Ananasstücke. Ich erinnerte mich vage, einen Hinweis darauf in seiner Krankenakte gelesen zu haben, doch es war niemals von Bedeutung gewesen.

 

Vorsichtig legte er das Törtchen zurück in den Korb. Ich öffnete den Mund, um ihm das zu sagen – und er unterbrach mich, noch bevor ich mehr als zwei Worte sagen konnte. Er stand auf, stopfte die Hände in die Taschen seiner alten Lederjacke, von der er sich nicht trennen wollte und fragte mich, ob ich wisse, was seine Lieblingsfarbe wäre. Was er gerne trinkt. Wie ihn seine Mutter nannte, als sie noch am Leben war. Welche Farbe sein erstes Fahrrad hatte.

 

Ich konnte nicht eine dieser Fragen beantworten. Wie hätte ich auch... was sollte ich tun. Er forderte Antworten, die ich nicht hatte. Mir wurde klar, dass ich sie haben sollte, doch er ließ mich wieder nicht zu Wort kommen, ließ mir keine Gelegenheit, mich dafür zu entschuldigen, dass ich so nachlässig war.

 

Rot, sagte er.

 

Nein. Nicht Murdock sagte das. Das war eine andere Stimme gewesen und sie hatte hinter mir gesprochen. Ich war nur nicht darauf gefasst gewesen... Ich sprang auf und drehte mich um und hinter mir stand Peck. Und dieses Mal lächelte er nicht. Sein Gesicht war steinern und bedrohlich – und das wurde durch die Waffe in seiner Hand noch unterstrichen. Ich kann mich an jedes Wort erinnern, dass er sagte: Es war ein rotes Rad, Murdock, sagte er und dein Großvater machte Stützräder aus den Rädern eines alten Kinderwagens. Du fuhrst damit um das Haus, mit ausgebreiteten Armen und stelltest dir vor, durch die Luft damit zu segeln. Deine Großmutter war in Angst und Schrecken, dass du dir den Hals brechen könntest.

 

Ich konnte nichts sagen. Konnte dies ein Zufall sein? Ich wagte es nicht, den Blick von Peck zu nehmen, um die Reaktion auf Murdocks Gesicht zu sehen. Ich... ich hatte geglaubt, er wäre geheilt! Nein, er *ist* geheilt. Es war ein Zufall. Und jetzt versuchte Peck meinen Jungen einer Gehirnwäsche zu unterziehen!

 

Er hat recht.

 

Diese drei Worte hatte ich von Murdock nicht erwartet. Der Tonfall in seiner Stimme, die Art wie er sprach, sagte mir, dass Peck dabei war, ihn zurück auf den falschen Weg zu locken. Peck. Ich wusste, ich musste etwas tun, um ihn auf zu halten. Er hielt die Waffe locker in der Hand, fast nachlässig, die Mündung auf den Boden gerichtet.

 

Bevor er eine Chance hatte, zu reagieren, sprang ich auf ihn zu und riss ihn mit mir zu Boden. Ich war größer als er, schwerer. Und ich hatte ihn überrascht. Seine Augen zeigten das ganze Ausmaß seiner Überraschung, als ich die Hände um seine Kehle legte, und zudrückte. Seine Finger zerrten an meinen Handgelenken, doch was mir vielleicht an Kraft mangeln mochte, machte ich in Entschlossenheit wett.

 

Ich wollte, dass er verschwindet. Vielleicht wollte ich ihn sogar töten. Aber... jemand rammte in mich, stieß mich von Peck weg. Ich landete hart auf dem Rücken. Atemlos. Und er trat in mein Blickfeld.

 

Ich hatte Smith erwartet. Oder Baracus. Nicht meinen Jungen. Nicht Murdock.

 

Er hielt die Waffe in der Hand, die Peck verloren hatte - und er hielt sie direkt auf meine Brust gerichtet. Irgendwo rechts von mir hörte ich Peck nach Atem ringen, hörte jemand leise zu ihm sprechen. Sie waren also alle hier, alle drei! Aber Murdock hatte mich angegriffen.

 

Ich habe dich geheilt, sagte ich ihm, noch immer atemlos. Du bist gesund!

 

Murdock schüttelte den Kopf. Ich bin es jetzt, sagte er langsam. Er sah nicht weg, lächelte nicht. Sein Gesicht war bar jeder Emotion. Da war nichts, außer Entschlossenheit. Er meinte, was er sagte.

 

Neben ihm tauchte Smith auf und sein Gesicht glühte förmlich mit Hass. Murdock gab ihm die Waffe und streckte mir die Hand entgegen, um mir auf die Beine zu helfen. Seine Worte schnitten wie ein Messer durch mich: Sie sagten, Sie wüssten, wann ich geheilt sein würde. Dass Sie mich verstehen würden. Er beugte sich näher zu mir, hielt noch immer meinen Arm fest.

 

Einen Moment lang hoffte ich, dass er...

 

Ich frage mich, wer von uns verrückt ist! Er spie mir die Worte förmlich entgegen, stieß mich zurück, so dass ich fast wieder auf dem Boden gelandet wäre.

 

Murdock, begann ich...

 

Wir wussten, dass Sie mich nicht gehen lassen würden, sagte er so leise, dass ich seine Stimme kaum verstand. Also mussten wir das ganze planen. Wir haben die ganzen Monate diesen Augenblick geplant. Seit Sie versuchten, mich zu...heilen. Er spuckte auf den Boden, als würde das Wort einen schlechten Geschmack in seinem Mund hinterlassen.

 

Nein, Murdock. Ich versuchte mit ihm zu reden. Es war mir zuvor gelungen, zu ihm durch zu dringen. Ich versuchte zu ihm zu gehen, ihn in den Arm zu nehmen, wie damals, als er geweint hatte – doch sie richteten ihre Waffen auf mich. Es geschah aus Liebe. Ich registrierte ihre Reaktion, doch ich achtete nur auf Murdock.

 

Liebe?, flüsterte er. Das soll Liebe sein. Mir die Menschen weg zu nehmen, die ich brauche? Mich einzusperren? Das halten Sie für Liebe?

 

Du brauchst sie nicht. Sie haben dich im Stich gelassen. Erinnere dich an die Depressionen. Wer hat dir da geholfen?, beschwor ich ihn. Wer hat dich gerettet, als du versuchtest, dir das Leben zu nehmen? Es war meine ultimative Trumpfkarte und ich wusste, ich hatte sie klug ausgespielt, als er nicht antwortete.

 

Es war Smith, der das Schweigen brach und leise den Namen meines Jungen rief. Allein dafür hätte ich ihn töten können.

 

Es stimmt, sagte Murdock schließlich. Ich war deprimiert. Aber nicht wegen dem, was passierte, wenn ich mit meinem Team... mit meiner Familie... zusammen war. Die Depressionen warteten auf mich in meinem Zimmer im Krankenhaus. Etwas in seinen Augen flackerte kurz auf, erlosch dann wieder. Jeden Tag war ich von Leuten umgeben, die mir zeigten, wie ich eines Tages werden würde. Man zwang mich, Pillen zu nehmen und verpasste mir Spritzen mit Glücksdrogen, die keine Wirkung hatten.

 

Er kam langsam auf mich zu. Und ich fand neue Hoffnung. Sie waren niemals für dich da. Nur ich war da. Dieses Argument hatte ihn beim ersten Mal überzeugt. Es würde auch wieder funktionieren.

 

Natürlich waren sie nicht für mich da. Murdock lachte mir ins Gesicht, ein Lachen das lange andauerte und am Ende in Tränen überging. Er starrte mich an, ohne sich um die Tränen zu kümmern, die über seine Wangen liefen. Natürlich konnten sie nicht bei mir sein. Sie sind auf der Flucht! Und trotzdem besuchten sie mich, wann immer sie eine Chance sahen. Ich habe nie mehr von ihnen verlangt. Ja, Sie haben mir geholfen, Doktor. Aber nicht, um mich zu heilen, sondern um mich bei Ihnen fest zu halten.

 

Ich öffnete den Mund, doch ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Es war vorbei. Der Gedanke war betäubend. Es war vorbei. Murdock...

 

Halten Sie den Mund!, unterbrach er mich. Sie haben monatelang auf mich eingeredet. Jetzt bin ich an der Reihe. Sie dachten, Sie würden mich kennen, nur wegen dem, was ich Ihnen in der Therapie erzählt habe? Falsch. Sie wissen nichts über mich. Vielleicht habe ich Ihnen Dinge erzählt, die ich sonst niemandem erzählt habe. Aber das hat keine Bedeutung. Ich habe sogar den VC Dinge erzählt, die ich keinem anderen Menschen jemals erzählt habe. Es bedeutet nicht, dass wir Freunde sind. Wir haben keine... Beziehung. Ich bin nicht Ihr Sohn.

 

Peck trat zu ihm, legte seinen Arm um Murdocks Schultern, genau wie ich es getan hatte. Smith nahm seinen Rucksack. Sie bereiteten sich darauf vor, ihn mit sich zu nehmen. Nein. Er würde mit ihnen gehen. Freiwillig. Ohne Zwang. Er wollte mit ihnen gehen. Ich sah es in seinen Augen. Sah es darin, wie er sich zu Peck beugte und leise mit ihm sprach, bevor er sich von ihm löste und auf mich zu kam.

 

Das ist meine Familie, sagte er sehr ruhig. Und ich werde mit ihnen gehen. Sie werden mich nie wiedersehen. Doktor Richter.

 

Seine Worte allein trafen mich härter als der Schlag in mein Gesicht. Ich fiel zu Boden, hörte sie gehen, versuchte aufzustehen und ihm zu folgen, doch ich konnte es nicht. Ein Wagen fuhr mit quietschenden Reifen davon.

 

Und dann wurde es um mich dunkel.

 

 

 

* * *

 

 

Mittwoch, 16. Oktober 1985

 

Morgen werde ich ans Krankenhaus zurückkehren. Während der Zeit, für die ich wegen nervlicher Überbelastung krankgeschrieben war, habe ich in den Zeitungen immer wieder Berichte über das A-Team gelesen. Der Name meines Jungen wird nicht erwähnt. Und doch, sie müssen wissen, dass er jetzt mit ihnen auf der Flucht ist. Decker weiß es. Wie ich gehört habe, hat er die Bewachung des Krankenhauses vollständig aufgegeben.

 

Das ist gut. Vielleicht kommt er eines Tages zu mir zurück. Jungs sind undankbar. Sie sehen nur das, was sie als Strafe auffassen; nicht das Gute, dass daraus erwächst. Alles was er wissen muss, ist dass er hier immer einen Platz haben wird. Einen sicheren Ort. Dass ich ihn liebe. Eines Tages wird er es erkennen. Wenn seine falsche Familie sein Herz erneut bricht.

 

Es könnte jeden Tag geschehen. Deshalb muss ich ans Krankenhaus zurück. Um dort zu sein, wenn er kommt. Und er wird kommen. Ich spüre es.

 

Ich bin ein Arzt. Es ist meine Aufgabe, solche Dinge zu wissen.

 

Ende

 

 

 

 

 

“All things come to an end.” Aufschrift auf Murdocks T-Shirt in “The Sound of Thunder”