Titel: Lost Boys: The Good and The Bad Crazy Days

Autor: Lady Charena
Fandom: The A-Team

Pairung: Murdock/Face, Hannibal, B.A.
Rating: pre-series, PG

Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: 1972 – Das Team holt nach ihrer Flucht zum ersten Mal Murdock aus dem Krankenhaus. Vor allem Face fällt es schwer, zu akzeptieren, dass sich der Pilot – wie sie alle – extrem verändert hat. Ob ihre Beziehung diese Veränderungen übersteht?

 

Hinweis: Die Angabe, dass Murdock irgendwann zwischen der Verhaftung des Teams und dem Kriegsende nochmals für die CIA gearbeitet hat, ist canon (-->Wheel of Fortune). Wie sie genau aus Fort Bragg geflohen sind, wird nie erläutert. Es ist nicht mal bekannt, ob vor oder nach dem Prozess, denn beide Versionen werden im Verlauf der Serie genannt.

 

Teil des Lost Boys-Universum

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Lyrics by America

 

 

And it seems like all is dying
And would leave the world to mourn
And the future has past
Without even a last desperate warning
Then look into the sky
Where through the clouds a path is formed
In the distance hear my laughter
                                                 ...I'm alive...

 

 

Er schreckte aus einem unruhigen Schlaf hoch, als sich der Pilot regte. Face hob den Kopf und studierte im weichen Licht der Lampe auf dem Nachttisch die hageren Gesichtszüge des anderen Mannes. Inzwischen war er ein Experte darin, sie zu deuten – ein Flattern der Augenlider; ein Anspannen der Wangenmuskeln; der Mund, der sich öffnete, um zu schreien. Er suchte nach Anzeichen dafür, dass die Träume begannen.

 

Murdock träumte sehr oft. Er hatte jede Nacht geträumt. Seit drei Nächten. Seit sie ihn zu sich geholt hatten. Es war fast so schlimm wie im Krankenhaus in Okinawa, in den ersten Tagen und Wochen nach ihrer Befreiung aus den Camps.

 

Vielleicht war die Dosis seiner Medikamente deswegen so hoch.

 

Face lehnte sich gegen das Kopfende des Bettes zurück, den Kopf in den Nacken gelegt. Er starrte zur Decke hoch, an der es nichts zu sehen gab, als Risse im Putz und Spinnweben. Er hielt Murdock fest, spürte das Zittern in ihm, dass sich auf seinen eigenen Körper übertrug, so eng lagen sie aneinander gepresst.

 

Er konnte die Träume ertragen. Die Schreie. Die Tränen. Er konnte es. Er musste es. Für sie beide.

 

Hannibal und B.A. konnten argumentieren so viel sie wollten – das Krankenhaus war nicht der richtige Ort für Murdock. Es konnte nicht der richtige Ort sein. Murdock gehörte zum Team, zu... ihm. Und mehr gab es dazu nicht zu sagen.

 

„Sssschhhhh...“, flüsterte er, sein Mund dicht am Ohr des Piloten, als Murdock unverständlich, aber gehetzt zu murmeln begann. „Es ist alles in Ordnung. Ich bin da. Du bist bei mir. Du bist sicher.“

 

Vielleicht war kalter Entzug nicht die beste Möglichkeit, ihn von den Drogen los zu bekommen, die sie ihm im Krankenhaus verabreicht hatten. Für jemanden mit Murdocks überschwänglicher Energie waren Beruhigungsmittel das reinste Gift. Selbst seine Stimme klang unter dem Einfluss der Medikamente anders und er hatte ein irritierendes Stottern begonnen.

 

Egal wie schwer und wie schmerzhaft es war, sie mussten dieses Gift aus seinem Körper bekommen. Dieser leere Ausdruck in Murdocks Augen, seine unkoordinierten, trägen Bewegungen und die tonlose Stimme... das war nicht sein Murdock, das war eine Puppe. Eine leere Hülle.

 

Er hatte die anderen tagelang gedrängt, ins VA zu gehen – doch Lynch war nicht dumm. Er hatte den gleichen Gedanken und er wartete dort auf sie, in der Hoffnung, dass sie genau das versuchen würden. Das Krankenhaus als Falle, mit Lynch als Spinne darin – und Murdock der Köder, der sie hinein locken sollte.

 

Er hätte es fast trotzdem getan. Und ja, es wäre Wahnsinn gewesen. Jetzt dorthin zu gehen. So früh nach ihrer Flucht aus Fort Bragg. Nicht nun, wo ihre Beschreibungen noch so frisch in den Köpfen der MPs waren. Später, hatte Hannibal gesagt. Später, wenn sich der Staub gelegt hatte, wenn ihre Gesichter in den Erinnerungen verblassten. Dann könnten sie es versuchen. Eine andere Uniform, ein anderer Name, ein falscher Ausweis – Face war sich sicher, damit an den Wachen und ein paar Schwestern vorbei zu kommen.

 

Nach ihrer Flucht und dem Untertauchen in L.A. begegnete Hannibal durch Zufall einem früheren Bekannten, der wegen seines verletzten Beines ein paar Mal die Woche ins VA ging, um dort behandelt zu werden. Von ihm erfuhr er von dem für geisteskrank befundenen Piloten, der sich seit einiger Zeit im Westwood-Krankenhaus in L.A. befand. Die Gerüchteküche in Fort Bragg hatte davon gesprochen, dass Murdocks Helikopter abgeschossen worden wäre. Kurz vor Kriegsende. Manche munkelten, er habe Spionageeinsätze für die CIA geflogen – was das Team mit Verwunderung hörte. Ihr Pilot und die CIA? Für wen und warum er auch immer unterwegs gewesen war, das war unwichtig neben dem Wissen darum, dass er abgestürzt war. Niemand wusste, ob oder wie schwer er verletzt worden war. Nur dass er im Veteranenhospital war und dass Lynch wutschäumend unverrichteter Dinge wieder abgezogen war, nachdem seine Vorgesetzten befunden hatten, dass der Pilot keine Verbindung zum Bankraub hatte –abgesehen davon, dass er sie nach Hanoi geflogen hatte.

 

Das alleine war schon schlimm genug, dass Face die Wände in ihrer Zelle hätte hochgehen können. Murdock verletzt und er saß fest, der Frust fraß ihn fast auf. Aber Lynch hätte nicht den Fehler begehen dürfen, sie alle drei zusammen in eine Zelle zu sperren. Vielleicht hatte er Sorge, die anderen Gefangenen könnten sich an den „Landesverrätern“ vergreifen. Auf jeden Fall kam er ihnen damit sehr entgegen und zwei Tage vor dem Prozess befanden sie sich wieder auf freiem Fuß. Das Urteil wurde in ihrer Abwesenheit gefällt, sie erfuhren es später in L.A. aus der Zeitung.

 

Und dann kam Hannibal eines Tages zurück in ihr kleines, schäbiges Motelzimmer und hatte die Neuigkeiten über Murdock. Erster-Hand-Neuigkeiten. Sie hätten nicht schlimmer sein können.

 

Face spürte, wie es in ihm ganz still und kalt wurde, als er die vernichtenden Worte hörte. Sektion Acht. Geisteskrank. Dauerpatient für die geschlossene, psychiatrische Abteilung.

 

Als Hannibal verstummte, hatte er ihn nur angesehen. Und nach einer langen Minute hatte der Colonel genickt. „Erst in ein paar Tagen. Nicht sofort. Ist das klar, Face?“, schränkte er sofort ein.

 

Und Face hatte schweren Herzens gewartet. Ein paar Tage? Es hätten ebenso gut ein paar Jahre sein können. Aber dann hatte Hannibal schließlich einen scheußlichen falschen Bart hervorgezaubert – der Himmel mochte wissen, woher – und eine Uniform, die ihm eine Nummer zu groß war. Face fühlte sich wie ein Idiot - er war sich sicher, im nächsten Moment würde ihm jemand den falschen Bart vom Gesicht reißen, als er mit den Schwestern am Empfang sprach und versuchte, ihnen Informationen zu entlocken.

 

Doch wie durch ein Wunder enttarnte ihn niemand. Er hätte es auch ohne die Verkleidung gewagt. Es war ihm jedes Risiko wert. Und dann durfte er Murdock noch nicht einmal sehen! Aber er erfuhr die Lage seines Zimmers und jede Menge über die Art, wie das Gebäude gesichert war, ohne dass sein Gegenüber sich überhaupt bewusst wurde, wie viel sie dem charmanten jungen Mann mit dem etwas zu struppigen Bart verriet.

 

Noch ein paar Tage später holten sie Murdock aus dem Krankenhaus. B.A. verschwand mit seiner Werkzeugtasche und grimmigem Gesichtsausdruck über die hintere Mauer und etwa eine halbe Stunde später gingen im gesamten Gebäude die Lichter aus. Er stieß im Park wieder zu ihnen und gemeinsam stiegen sie durch ein Fenster ein, dass zu einem Umkleideraum des Pflegepersonals gehörte und das nicht weiter gesichert war. Immerhin handelte es sich um ein Krankenhaus. Sie trugen unter dunklen Jacken die weiße Kleidung von Pflegern, die Face aus einer Wäscherei in der Nähe der VA gestohlen hatte. So würden sie weniger auffallen.

 

Vereinzelt sahen sie jemanden hektisch mit einer Taschenlampe durch die dunklen Flure irren, jemand verfluchte den Reservegenerator, der nicht anspringen wollte – und es auch für geraume Zeit nicht tun würde, dafür hatte B.A. gesorgt. Face führte sie an, er fand den Weg so sicher als wäre es heller Tag. Aus manchen der Zimmer, an denen sie vorbei eilten, drangen Stimmen: verängstigt, wütend oder einfach nur fragend. Irgendwo schrie jemand in der Dunkelheit, weinte. Aus vielen Räumen war kein Laut hören. Auch aus Murdocks Zimmer kam nur Schweigen.

 

Im Schein einer kleinen Taschenlampe arbeitete Face an dem Schloss, dass seinen Fähigkeiten nicht im geringsten gewachsen war. Er stieß die Tür auf und wollte hineineilen, doch Hannibal hielt ihn zurück, bedeutete ihm, auf dem Korridor Wache zu stehen. Für einen Moment vergaß er fast, wo sie waren und weswegen sie hier waren und wollte protestieren. Doch ein warnender Blick seines CO und er blieb stehen, widerwillig, die Lippen fest zusammen gepresst.

 

Er sah nicht, was sie sahen und was Hannibal ihm schließlich später auf sein Nachfragen berichtete: die Gurte, mit denen der Pilot ans Bett geschnallt war und die doch seine unablässigen Bewegungen nicht verhindern konnten. Die wunden Abschürfungen an seinen Handgelenken, die Druckstellen an seinem Bauch und seinen Oberschenkeln, sie zeigten nur zu deutlich, wie sehr er sich selbst in seinem Dämmerzustand gegen die Fesseln gewehrt hatte.

 

Alles, für das Face Augen hatte, war das in eine Decke eingewickelte Bündel, das B.A. behutsam in den Armen hielt. Sie verließen das Krankenhaus nicht auf dem gleichen Weg, den sie gekommen waren, sondern direkt und ohne Umwege durch den Hauptausgang. Im allgemeinen Chaos in der immer noch andauernden Dunkelheit stellte sich ihnen kein großer Widerstand entgegen. Ein paar Minuten später saß er auf dem Rücksitz, mit Murdocks Kopf in seinem Schoß und fühlte sich schwach vor Erleichterung, während B.A. in normalem, unauffälligem Tempo davon fuhr.

 

Die Sorge... ja, sogar Angst... und die Zweifel waren erst am nächsten Tag gekommen. Als Murdock endlich die Augen öffnete und ihn ansah, ohne ihn zu erkennen., ohne einen von ihnen zu erkennen – ohne auf sie zu reagieren. Es benötigte fast den kompletten folgenden Tag, um den Piloten einigermaßen klar werden zu lassen, so das er verstand, wo und bei wem er war...

 

Murdocks Murmeln versummte abrupt. Face sah ihn an, löste eine Hand aus dem Klammergriff des Piloten und wischte ihm den Schweiß von der Stirn. Dann beugte er sich vor und küsste ihn auf die Schläfe. Murdock schlug die Augen auf und starrte ihn glasig an. Face hielt den Atem an. Von hier an gab es zwei Möglichkeiten.

 

Dieses Mal ging es gut. Murdock entspannte sich in seinen Armen. „Entweder ist das Facey oder der VC kuschelt plötzlich gerne.“ Selbst seine Stimme klang fremd... bar des weichen, texanischen Akzents, verschwommen und rau.

 

Face lachte, leise und ein wenig zu angestrengt. Die Klarheit würde vielleicht nicht lange anhalten. „Du weißt genau, dass ich es bin“, flüsterte er und verengte seinen Griff um ihn noch ein wenig mehr.

 

Murdock ließ den Kopf zurückfallen, drehte ihn zur Seite, um ihn ansehen zu können. „Muss einer d-der guten, verrückten T-tage sein“, murmelte er. „Gute Verrücktheit h-heute.“

 

Er drückte sein Gesicht gegen das schweißverklebte Haar des anderen Mannes und kämpfte gegen die Tränen an, die er aufsteigen spürte. Bitte - bat er den Gott, an den man ihn als Kind zu glauben gelehrt hatte - bitte, lass’ ihn endlich aufhören, uns für eine Halluzination zu halten. Mich. Lass’ ihn zu mir zurückkommen. Ich brauche ihn doch...

 

Es war gute Verrücktheit, wenn er aufwachte und seine Freunde um sich sah.

 

Schlimm waren die Albträume. Waren die körperlosen Stimmen. Die Halluzinationen.

 

Gut war Face.

 

Er lächelte, obwohl es wehtat. „Gute Verrücktheit heute“ waren die ersten Worte gewesen, die Murdock zu ihm gesagt hatte, als Face in Okinawa zu sich kam – die ersten Worte, die er hörte, als er begriff, dass es vorbei war. Die zitternden Hände des Piloten hatten sein Gesicht berührt, obwohl er selbst noch so schwach war, dass er kaum aufrecht sitzen konnte, als müsse er sich durch Berührung versichern, dass es kein Traum war. Kein Wunschdenken. Keine Halluzination.

 

Eines Nachts, kurz vor ihrer Rückkehr nach Vietnam hatte Murdock in stockenden Worten erzählt, dass er ihn oft vor sich gesehen habe, im Camp, als sie ihn vom Team trennten und mit den anderen Piloten zusammen einsperrten. So real, als könne er ihn berühren. So real, dass er seine Stimme hörte. So real, dass er am Leben blieb.

 

Das waren die guten verrückten Tage.

 

Die Erinnerung an diese Worte ließ ihn die Arme fester um den viel zu schmalen Körper an seinem schließen, während er hoffte, dass die Wirkung der Medikamente langsam nachließ. Sie ließen ihn Murdock so sehr lieben, dass er sich manchmal fragte, ob er ebenfalls den Verstand verloren habe.

 

Er zog ihn näher an sich. „Willst du noch ein wenig schlafen?“, flüsterte er.

 

„Ich g-glaube nicht, dass ich... noch lange... w-wach bleiben k-kann.“ Das letzte Wort war kaum mehr zu verstehen.

 

Face nickte. Er seufzte leise; wusste, dass das nächste Erwachen vielleicht wieder schlimm sein würde. Wusste, dass der Pilot schreiend aufwachen konnte, gefangen in einem Gespinst aus Erinnerungen und Trugbildern. In der ersten Nacht war er zu sich gekommen und hatte geglaubt, riesige weiße Maden über seinen Körper kriechen zu sehen.

 

Das war die wirklich schlimme Verrücktheit.

 

Er hatte geglaubt, Murdock wäre wieder eingeschlafen, als er seine Stimme erneut hörte. „E-es tut mir l-leid, Facey.“

 

„Was?“ Er legte eine Hand an seine Wange, ließ sie einfach nur dort, ließ ihn spüren, dass er nicht alleine war.

 

„Wenn ich... we-wenn ich später aufwachen werde... u-und nicht wirklich da bin. E-es tut mir leid. Ich versuche es.“

 

Face schloss die Augen und schluckte gegen den Knoten in seiner Kehle an. „Ich weiß, Babe, ich weiß.“

 

„Babe?“ Ein schwaches, heiseres Lachen. “E-erinnere mich später daran, wie d-du mich genannt hast, damit ich... i-ich...“ Sein Kopf fiel zur Seite. Besorgt ließ Face seine Hand an Murdocks Hals gleiten, tastete nach dem Puls. Er schlief.

 

Er hielt ihn fest. Blind und taub für alles andere als den Mann in seinen Armen.

 

* * *

 

„Face! Wenn du den Spinner nicht dazu bringst, dass er aufhört, dann werde ich ihn zum Schweigen bringen.” B.A.s Stimme machte klar, dass er am Ende seiner Geduld angelangt war.

 

„Murdock...“

 

„Nein. Face, du weißt, dass ich nicht verrückt bin“, verteidigte sich der Pilot aufgebracht. Er war noch immer schwach, schien jedoch das Schlimmste des Entzuges nach fünf Tagen hinter sich zu haben. Und er legte es offensichtlich darauf an, B.A. zur Weißglut zu treiben, als er plötzlich aufhörte zu essen und statt dessen Billy mit Brotstückchen fütterte. „Billy war immer schon hier. Und alles was er will, ist ein bisschen Essen. Warum ist das so schlimm?“

 

Die dunklen, großen Augen des Piloten blickten ihn vorwurfsvoll an; forderten Face auf, ihn zu verteidigen. Aber er wusste nicht, was er sagen sollte. Billy war keine neue... Erscheinung. Irgendwann zwischen ihrer Rückkehr aus Okinawa und der Mission in Hanoi war der unsichtbare Hund in ihr Leben getreten - und geblieben. Es schien harmlos genug zu sein. Eine Ablenkung, etwas das half, die Ängste in Schach zu halten, wie das Licht der Taschenlampe, ohne das der Pilot nachts nicht mehr schlafen konnte.

 

„Es ist... nicht schlimm“, versuchte Hannibal zu vermitteln. Er warf B.A. einen Blick zu, doch der verschränkte die Arme vor der Brust, sein Gesicht grimmiger denn je. „Es ist nur beunruhigend, weil da kein Hund ist. Murdock, du warst immer ein wenig anders, aber jetzt...“ Er stockte, um die richtigen Worte verlegen. Das geschah häufiger, es passierte ihnen allen. Wie gingen sie mit dem so fremden, so vertrauten Mann um, den sie aus dem Krankenhaus geholt hatten?

 

„Was?“, fragte der Pilot, den Blick auf seinen kaum angerührten Teller geheftet.

 

„Du bist verrückt. Sprichst mit dir selbst und spielst mit Hunden, die nicht da sind“, entgegnete B.A. barsch. „Jede Nacht weckst du uns mit deinen Albträumen und denkst, du fliegst noch. Oder benimmst dich, als wären wir noch immer im Dschungel. Ich kann das nicht mehr ertragen!“ Er stand auf und stürmte zur Tür. „Ich kann dich nicht mehr ertragen!“

 

„Ich habe gesagt, du sollst den Sender nicht wechseln.“ Der Pilot begann, sich auf seinem Stuhl vor und zurück zu wiegen, die Arme um seinen Oberkörper geschlungen.

 

„Murdock?“, fragte Face verunsichert. „Worüber sprichst du?“

 

„Wenn du den Sender wechselst, wird der Empfang mies“, flüsterte Murdock. „Ich habe dir gesagt, du sollst ihn nicht wechseln. Ich habe dir gesagt, du sollst den Schalter nicht anfassen. Ich hätte nichts anfassen dürfen...“

 

„Face, worüber spricht er?“, fragte Hannibal beunruhigt.

 

Hinter B.A. fiel die Tür zu ihrem Motelzimmer ins Schloss.

 

„Nicht! Nicht! Wechsle den Sender nicht. Wechsle den Sender nicht. Wechsle den Sender nicht“, die Worte kamen kaum noch verständlich aus dem Mund des Piloten.

 

Hannibal sah seinen Lieutenant an. „Face.“

 

Da war ein Unterton in seiner Stimme... Face schüttelte endlich seine Erstarrung ab und sprang auf, kauerte sich neben Murdocks Stuhl und hielt ihn fest in den Armen. „Nein“, flüsterte er. „Nein. Ich lasse ihn nicht zurückgehen.“ Über Murdocks Schulter hinweg starrte er Hannibal herausfordernd an.

 

Aber das, was er in den müden, blauen Augen sah, die seinem Blick nicht auswichen, sagte ihm, dass die Entscheidung ohne ihn gefällt werden würde.

 

Bereits gefällt worden war.

 

* * *

 

„Du hast genug.“ Hannibal nahm ihm die Flasche weg, verschloss sie und reichte sie an B.A. weiter.

 

Face ließ den Kopf an die abgewetzte Lehne des durchgesessenen Sessels zurückfallen und rieb sich die Schläfen. „Ich habe noch lange nicht genug.“ Er zuckte zusammen, als er seine eigene Stimme hörte, rau und verschwommen unter dem Einfluss des Alkohols.

 

Hannibal drehte seinen Kopf zu sich, bis er ihn ansah – er hielt dem Ärger und Schmerz stand, der aus den sonst so leuchtend blauen Augen drang. „Du kannst so wütend sein, wie du willst. Du kannst schmollen, so lange du willst. Er gehört ins Krankenhaus. Er weiß es. Und du weißt es auch. Du willst es nur nicht wahrhaben.“

 

„Er gehört zum Team. Er gehört zu uns, Hannibal.“ Gott, wie er es hasste, so jämmerlich zu klingen. „Du hättest ihn nicht wegschicken dürfen.“

 

„Nichts wird daran etwas ändern. Gib’ ihm mehr Zeit. Wenn es ihm besser geht, wird er zu uns zurückkommen. Er wird für uns fliegen, das ist doch alles, was er wirklich will – wieder zu fliegen. Aber das braucht eben Zeit. Murdock braucht Zeit, um gesund zu werden. Und das kann er nicht bei uns. Er braucht mehr Hilfe, als wir ihm geben können.“

 

Face schüttelte den Kopf. „Er war so... es ging ihm so schlecht, als ich ihn zurückgebracht habe“, flüsterte er. „Ich kann es nicht ertragen, wenn ich nicht bei ihm sein kann. Es geht ihm nicht gut dort, Hannibal, das weiß ich. Er ist da ganz allein, in einem Krankenhaus voller Verrückter. Er... ist allein.“

 

„Es war richtig, ihn zurück zu bringen – es ging ihm hier noch schlechter, Face.“

 

Das ist nicht wahr! Nicht, wenn ich bei ihm bin. Nicht mit mir. Er wollte die Worte herausschreien, sie Hannibal ins Gesicht schleudern, aber sie steckten in seiner Kehle fest.

 

„Face“, beharrte Hannibal. “Er wollte zurück. Das hat er mir gesagt.“

 

„Was?“ Ungläubig starrte Face ihn an. “Wann? Wann, Hannibal? Ich war doch die ganze Zeit bei ihm…”

 

Der Colonel hielt seinen Blick ruhig stand. “Gestern. Du hast geschlafen. Er... wollte nicht, dass du es hörst. Er hat mich darum gebeten, weil er wusste, wie du reagieren würdest.“

 

„Nein!“ Wenn sich seine Arme und Beine nicht wie Blei angefühlt hätten, wäre er aufgesprungen. „Das... das ist eine Lüge. Er hätte das nie getan!“ Er hätte mir das nie angetan...

 

„Face.“ Nicht mehr, nur ein Wort, ruhig, ohne bestimmte Betonung.

 

Face ließ sich zurückfallen, drehte den Kopf zur Seite. „Warum?“, fragte er tonlos.

 

Seine Frage wurde mit Schweigen beantwortet. Was hätte Hannibal auch sagen sollen? Sie waren schließlich die ganze Zeit dabei gewesen.

 

„Was sonst hat er dir gesagt?“

 

„Nur, dass er sich nicht an alles erinnern kann. Seine Erinnerung ist voll von Lücken.“ Hannibal richtete sich auf und verschränkte die Arme vor der Brust. „Das bedeutet, dass er dort, wo er jetzt ist, am besten aufgehoben ist. Und jeder außer dir scheint das zu akzeptieren.“

 

„Ich kann es nicht.“

 

Er sah nicht auf, auch nicht, als Hannibal einen Blick mit B.A. wechselte, der stumm zugesehen hatte und ihm dann eine Hand auf die Schulter legte.

 

„Geh’ duschen und ein paar Tassen Kaffee trinken, damit du einen klaren Kopf bekommst“, sagte der Colonel. „Ich habe einen Job für uns in Aussicht und dazu brauche ich dich in Bestform, verstanden?“

 

Face erwiderte nichts. Nach einem Moment stand er schwerfällig auf und verschwand ins Badezimmer.

 

Zurück blieb das Schweigen.

 

* * *

 

Face saß am folgenden Abend wie auf Kohlen. Das Motelzimmer wirkte wie eine Kopie der Zelle in Fort Bragg. Sein Blick glitt zu Hannibal und B.A., die auf dem zweiten Bett saßen und vorgaben, ganz in das Spiel vertieft zu sein, dass sie sich auf dem flimmernden Fernseher ansahen. Er verschränkte die Arme vor der Brust, starrte aus dem schmutzblinden Fenster auf eine Leuchtreklame.

 

Als das Telefon endlich klingelte, war er einen Augenblick wie erstarrt. Nur ein Mensch auf der Welt kannte diese Nummer. Und er wartete schon den ganzen Tag auf diesen Anruf. Er hatte ihn gebeten, ihn anzurufen. Aber jetzt hatte er das Gefühl, sich nicht bewegen zu können. Schließlich schüttelte er die Erstarrung ab, trat zu dem Telefon neben seinem Bett und griff nach dem Hörer. „Murdock?“, fragte er atemlos.

 

„Facey.“

 

Seine Stimme klang falsch. Face fluchte stumm, die neugierigen Blicke seiner Freunde ignorierend. „Hey, Babe. Sie haben dir wieder diese verdammten Pillen gegeben, nicht wahr?“ Er setzte sich aufs Bett, zog das Telefon auf seinen Schoß.

 

„E-ein paar. Ist schon okay, Face.“ Murdock sprach langsam. „Du bist auf mich böse, richtig?“

 

Face lehnte sich zurück gegen das Kopfende des Bettes und schloss die Augen. Wenn er gekonnt hätte, hätte er sich durch die Telefonleitung gequetscht, um ihn jetzt berühren zu können. „Natürlich bin ich nicht böse auf dich. Der Colonel hat es mir erklärt. Ich weiß, du denkst, du musst das tun.“ Er massierte mit der freien Hand seinen Nasenrücken. „Hör’ mir zu, bitte. Ich hole dich da wieder raus. Das verspreche ich dir. Wenn es dir besser geht. Wenn du dazu bereit bist.“

 

„Das k-könnte eine Weile dauern, Face.“

 

„Das ist okay, hörst du? Egal, wie lange es dauert. Ich werde genau hier auf dich warten.“ Er versuchte die ganze Sicherheit, die er nicht fühlte, in seine Stimme zu legen.

 

„Vielleicht...“

 

„Was vielleicht?“, hakte Face nach, als der Pilot nicht weitersprach. Er hasste diesen leblosen Unterton in Murdocks Stimme. Deprimiert und ohne Selbstvertrauen.

 

„V-vielleicht solltest du d-das nicht.“

 

Face öffnete die Augen und starrte auf seine Freunde. B.A. und Hannibal schienen dem Gespräch keine Aufmerksamkeit zu schenken, aber er wusste, dass ihnen kein Wort entging. „Wovon sprichst du? Ich werde nirgendwo hingehen. Nicht ohne dich. Ich warte auf dich.“

 

„Aber... aber i-ich weiß nicht, wie lange e-es dauern wird“, sagte der Pilot sehr leise. „Ich will n-nicht, dass du, m-meinetwegen... W-wenn ihr hier bleibt, wird Lynch euch kriegen.“

 

„Lynch ist mir egal! Ich...“ Face stockte, kontrollierte seine Stimme, als Hannibal und B.A. ihn ansahen. „Ich werde nicht weggehen ohne dich.“

 

„E-es gibt so viele Orte, Face. Wo d-du den Leuten das G-Geld aus der Tasche ziehen kannst. Und wo e-es hübsche Mädchen gibt...“

 

„Komm’ schon, Babe. Das bist doch nicht du. Tu’ mir das nicht an“, sagte er beschwörend. Face starrte auf seine andere Hand, die er zur Faust geballt hatte, so fest dass die Knöchel hell aus der Haut hervortraten. „Mudock.“

 

„B-bitte, Face. Ich meine das ernst. In m-meinem Kopf ist alles du-durcheinander. Und du...“ Er seufzte. „I-ich glaube, ich lege jetzt b-besser auf, d-die Pillen...“

 

„Dein Kopf war immer schon ein wenig durcheinander. Sonst hättest du dich nie in mich verliebt.“ Er versuchte ein Lächeln in seine Stimme zu zwingen. „Ruf mich morgen wieder an. Versprich’ es mir. Wir werden das Zimmer noch mindestens einen Tag behalten. Ich will hören, wie es dir geht.“

 

Es dauerte eine Weile, bis der Pilot antwortete. „O-okay, Facey. Sag’ Hannibal und d-dem Großen H-Hallo von mir.“

 

“Das mache ich. Und du machst dir keine Gedanken um uns, hörst du? Werd’ einfach nur wieder gesund, Babe. Ich brauch’ dich bei mir.“

 

Es war einen Moment still, dann klickte es leise und die Verbindung war unterbrochen.

 

Langsam legte Face den Hörer auf. Er wusste irgendwie, dass Murdock nicht anrufen würde. Nicht morgen. Vielleicht nie mehr. Er biss sich auf die Lippen, wollte schreien. Wollte das Telefon an die Wand werfen. Statt dessen stellte er es sehr vorsichtig weg. Er zog die Beine an, legte die Arme auf die Knie und das Gesicht dagegen. Er versuchte sich an das letzte Mal zu erinnern, als seine Welt noch in Ordnung gewesen war. Ja, das war sie gewesen. Mitten im Krieg. Mitten in der Hölle. Einen Moment… mit Murdock. Ein gestohlener Moment an einem verborgenen Ort. Die Arme des Piloten um ihn, ihre Körper aneinander gepresst, lachend, atemlos, ihre Kleidung unter ihnen zerknittert und mit verräterischen Flecken. Ein perfekter Augenblick, in dem er geglaubt hatte, dass der Rest seines Lebens ebenso perfekt werden würde. Der Rest seines Lebens mit Murdock an seiner Seite, seinem verrückten, enthusiastischen, strahlenden Murdock.

 

Vor den Camps. Vor Okinawa. Vor der Mission in Hanoi...

 

Es schien wie aus einem anderen Leben. So weit weg, dass er hätte weinen können.

 

Vielleicht war das Krankenhaus ein Ort, an dem Murdock gesund werden würde. Aber vielleicht würde er sich dort auch abgeschoben fühlen, allein... im Stich gelassen.

 

Vielleicht dachte Murdock, dass es das beste für ihn war. Aber er konnte sich auch irren.

 

* * *

 

Face dankte der Schwester, die ihn in Murdocks Zimmer gelassen hatte und schloss die Tür hinter ihr. Ihre Schuhe quietschten leise. Er blinzelte hinter den dicken Brillengläsern auf die Mappe, die er zusammen mit einem Aktenkoffer in der Hand hielt und behielt den nasalen Tonfall bei, mit dem er seine Stimme verfälscht hatte. „Nun, nun, das ist Mr. Murdock, nicht wahr? Das sind Sie doch, nicht wahr?“ Das Quietschen entfernte sich und er trat von der Tür weg, zufrieden dass sie ihn mit dem Piloten alleine gelassen hatte.

 

Er blinzelte über den Rand der Brille. „Bin ich hier richtig?“

 

Murdock lag auf dem Bett, offensichtlich ganz in den Comic vertieft, den er las. Er hatte nicht einmal aufgesehen, als sich die Tür geöffnet hatte. „Kann schon sein, Doc.“

 

Das Stottern war weg, aber Face biss sich auf die Lippen, als er die Trägheit in seiner Stimme hörte. Diese verdammten Pillen, sie mussten ihn noch immer damit voll stopfen. Er stellte seinen Aktenkoffer auf den Boden und legte die Mappe darauf. „Also ich muss sagen... Mr. Murdock... ich besuche nicht oft Patienten, die so sexy sind.“

 

Der Pilot sah überrascht auf. „Was...?“ Er stockte, runzelte die Stirn.

 

Face grinste und nahm die Brille ab, um sie in die Tasche seines „geborgten“ Arztkittels zu stecken. Er trug ihn über einem seiner neuen Anzüge, und zusammen mit dem nach hinten gekämmten Haar veränderte er sein Aussehen genug, dass die Schwester ihn nicht wiedererkannt hatte. Er lächelte.

 

Murdock setzte sich langsam auf, nur zögernd erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht. „Facey. Was machst du hier?“

 

Er trat zu ihm, ging vor dem Bett in die Hocke, um zu ihm aufzusehen. „Was denkst du wohl, was ich hier mache. Dich besuchen, natürlich. Was denn sonst.“ Er nahm den Comic aus Murdocks Händen und legte ihn zur Seite. „Wie ich sehe, funktioniert wenigstens die Post. Ich hatte schon Sorge, sie würden dir die Pakete nicht geben.“

 

„Ja.“ Das Lächeln verschwand aus Murdocks Zügen, seine Augen waren noch immer leicht glasig. „Das ist wirklich nett von dir, dass du mir die Comics schickst. Und... und die Bücher. Die Twinkies. Und die anderen Sachen.“

 

Face nahm die Hände des Piloten in seine. „Du hast wieder nicht angerufen“, sagte er leise. „Ich musste einfach herkommen.“

 

Murdock senkte den Kopf. „Ich dachte, du...“, flüsterte er.

 

„Ja, ich weiß, was du dachtest.“ Face rieb die viel zu kalten Finger in seinen Händen, zog sie an die Lippen. „Das gleiche wie immer. Aber es wird mehr brauchen als ein paar nicht getätigte Anrufe, um mich von dir fern zu halten. Eigentlich kann ich mir nichts vorstellen, dass mich von dir fernhalten könnte.“ Er musterte den Piloten, die warmen braunen Augen, die längeren Haare. Sein Gesicht hatte in den vergangenen sechs Monaten seine erschreckende Hagerkeit verloren. Seine magere Gestalt hatte wieder menschlichere Formen. Unter Medikamenteinfluss oder nicht, es tat gut, zu sehen, das zumindest sein Körper endlich geheilt war. Sein Blick kehrte zu Murdocks Gesicht zurück, er konnte sich nicht an ihm satt sehen. „Ich kann nicht wegbleiben“, setzte er sehr leise hinzu. „Es wird nicht immer so sein, wie jetzt, Murdock.“

 

„Wie jetzt?” Murdock entzog ihm beide Hände und rutschte auf dem Bett nach hinten, um sich an die Wand dahinter zu lehnen. Der Pilot machte eine vage Geste, die den Raum beschrieb. „Sagst du mir auch, was du mit diesem „wie jetzt“ meinst?“ Er sah weg. „Du machst dir was vor, Facey.“

 

Face blinzelte überrascht. „Was soll das heißen?“

 

„Es soll heißen, dass du dir selbst etwas vorlügst. Und du versuchst uns beide davon zu überzeugen, dass es die Wahrheit ist. Das zwischen uns hätte nie anfangen dürfen. Ich bin nicht okay. Ich war nie okay. Aber du... du dachtest, ich könnte es werden. Du hast nie verstanden, dass ich...“

 

„Murdock!“ Er unterbrach ihn, setzte sich neben ihn aufs Bett. „Du redest Unsinn.“

 

Der Pilot schüttelte den Kopf, sein Gesicht ernst und zurückgezogen.

 

Face streckte die Hand aus und berührte die Wange des Piloten. Er ließ seine Hand in seinen Nacken gleiten. Er fühlte sich diesem Mann näher als irgendjemandem sonst auf dieser Welt. Selbst als sie „nur“ Freunde gewesen waren. Vor den heimlichen Küssen und den verstohlenen Umarmungen hinter der Baracke. Lange vor der Nacht in Okinawa, als ihm Murdock gestanden hatte, dass nur sein Bild ihn in den Camps am Leben hielt.

 

Er wusste nicht, wann es begonnen hatte. Vielleicht als sie sich zum ersten Mal begegnet waren , als ihn zum ersten Mal die braunen Kinderaugen angestrahlt hatten, als er zum ersten Mal dieses ansteckende Grinsen auf dem Gesicht des Piloten entdeckt hatte, mitten im Dschungel, mitten im Krieg.

 

Es war nicht wichtig. Alles war zählte, war dass er wusste, wohin er gehörte - an die Seite dieses Mannes.

 

Er musste nur Murdock dazu bringen, dass er sich wieder daran erinnerte.

 

„Facey... sieh mich doch an. Ich bin ein Wrack.“

 

Der Pilot machte sich schlechter, als er war und Face hasste es. Hasste das verloren gegangene Selbstwertgefühl, die Depressionen, die Halluzinationen – die schlimmen Tage der Verrücktheit. Der Murdock, in den er sich verliebt hatte, kannte nur die guten Tage der Verrücktheit und sah sich deshalb nicht als minderwertig an.

 

Doch der Mann, der neben ihm saß, wirkte niedergeschlagen, bewegte sich träge. Er war nicht mehr er selbst.

 

„Ich bin in einem Irrenhaus eingesperrt, egal wie sie es auch nennen. Und ich werde hier noch sehr lange sein. Ich bin ein ausgepowerter Flieger, der die Hälfte seines bisschen Verstands in den Dschungeln verloren hat.“

 

Face lachte auf und der bittere Ton erschreckte ihn selbst. „Sicher. Und ich bin ein lügender, stehlender Betrüger auf der Flucht vor dem Militär.“

 

„Nein!“ Murdock sah ihn an, lächelte ein wenig. “Du bist Face. Du bist… du kannst mehr haben. Du kannst alles haben. Und du wirst alles haben. Alles, was du dir wünschst. Alle deine Träume. Wovon du mir erzählt hast, als wir in diesen Käfigen steckten. In den schlaflosen Nächten davor. Du kannst alle deine Träume erfüllen. Das wusste ich schon immer. Es spielt keine Rolle, dass du auf der Flucht bist. Du wirst alles haben, Facey. Du musst dich nur wieder daran erinnern, was du willst.“

 

„Du denkst also, dass ich alles will?“

 

„Du wolltest immer alles.“ Der Pilot zog seine Hand nicht zurück, als Face sie ergriff, erwiderte jedoch auch den Druck seiner Finger nicht.

 

Er hielt seinen Blick fest. „Und wenn ich nun sagen würde, dass alles, was ich will, du bist? Denkst du dann wieder, ich würde mir nur was vormachen?“

 

„Ja.“ Der Pilot wandte sich von ihm ab, drehte ihm den Rücken zu.

 

„Sieh’ mich an.“, bat er ihn. Er legte die Hand auf Murdocks Oberarm. „Sieh’ mich an, Babe.“

 

Ein Zittern glitt durch den Körper des Piloten, schließlich drehte er sich um, seine Augen glänzten mit ungeweinten Tränen.

 

„Du glaubst das nicht wirklich“, sagte Face. „Und du weißt, dass ich mir nichts vormache. Es ist mir egal, wo du bist oder wie lange du hier bleiben wirst. Du hast gesagt, dass ich haben kann, was ich will. Es ist meine Wahl. Und ich wähle dich.“ Er beugte sich vor und legte seine Stirn an die des Piloten. „Hör’ mir zu. Ich habe verstanden, dass du hier bleiben musst. Und ich werde mit den Jungs arbeiten, für Hannibal sechs Wunder vor dem Frühstück möglich machen, mich von B.A. anknurren und bedrohen lassen, die Männer betrügen und die Frauen betören. Tun, was der Colonel von mir fordert. Aber ich werde auch weiterhin dein bester Freund sein, genau wie du meiner bist. Das wird sich zwischen uns niemals ändern, wir könnten es gar nicht ändern.“ Er nahm Murdocks Hände, verflocht ihre Finger ineinander. „Aber in dem Moment, in dem du dazu bereit bist – und ich werde dich niemals unter Druck setzen, das weißt du... egal, wie lange es dauert... ich werde da sein. Ich werde nicht weggehen. Ich werde nicht aufhören, dich zu lieben. Du musst es mich nur wissen lassen, Babe.“ Er küsste ihn auf die Stirn, obwohl es nicht annähernd das war, was er tun wollte. Dann wich er ein wenig zurück.

 

„Ich...“ Murdock schluckte, sah ihn an mit großen, unsicheren braunen Augen. Da war etwas von dem alten Murdock in seinem Gesicht, die Unschuld, die Hoffnung. „Warum?“, fragte er sanft.

 

Face lächelte. „Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich auch ein wenig verrückt. Vielleicht weil mein ganzes Leben ein einziger großer Schwindel ist und du das einzig ehrliche darin. Ist das wirklich wichtig?“

 

Der Pilot zögerte. Er öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Er sah auf ihre ineinander verflochtenen Hände. Er lachte plötzlich, leise und sanft. „Nein. Es ist nicht wichtig.“ Er löste eine Hand von Face und berührte seine Wange. „Aber wenn du jemals deine Meinung ändern solltest... Wenn du irgendwann das Warten satt hast...“

 

Face schüttelte den Kopf. „Das wird nicht passieren.“ Er lächelte und legte seine Hand über Murdocks. Drückte sie ganz leicht, zog sie an seine Lippen und presste einen Kuss auf die Handfläche. Dann schloss er die Finger darüber.

 

Ein Lächeln erschien auf Murdocks Gesicht – so wild und sorgenfrei, so strahlend, wie er es nicht mehr gesehen hatte, seit ein junger, idealistischer Pilot zu ihrer Einheit gestoßen war.

 

Es berührte sein Herz, erfüllte seinen ganzen Körper mit Wärme – und irgendwo in ihm schmolz en klein wenig von dem Eis in seiner Seele.

 

 

Ende