Fic: Auf den zweiten Blick (Beauty and the Beast, gen)
Ich habe meine allererste BatB-Story wiedergefunden!

Auf den zweiten Blick
Autor: Lady Charena / Januar 03
Serie: Beauty and the Beast
Paarung: Mouse, Vincent
Rating: gen

Summe: Ein geheimnisvoller Besucher

Disclaimer: "Beauty and the Beast" ist ein eingetragenes Warenzeichen von Witt - Thomas - Productions. Alle Rechte gehören Ron Koslow, Witt-Thomas-Production, Republic Pictures Inc. Carolco Inc bzw dem jeweiligen Fernsehveranstalter der "Die Schöne und das Biest" ausstrahlt. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



Schon seit Tagen saß er hier in seinem Versteck und beobachtete den Jungen. Seine Anwesenheit bedeutete, dass er eine weitere Nacht nicht hungern musste. Er wagte sich etwas weiter vor, bis an den Rand des Felsvorsprungs, auf dem er sein Lager aufgeschlagen hatte.

Der Junge gab sanft lockende Geräusche von sich, während er sich umsah, ihn zu entdecken versuchte - doch darauf würde er nicht hereinfallen. Schon einmal - er war noch sehr klein gewesen, was keine Entschuldigung war - hatte er einem Menschen vertraut, der ihm Nahrung gab. So dumm war er damals gewesen, dass er sich in einen Käfig hatte locken lassen. Fast zwei Jahre hatte er in diesem Gefängnis verbracht, bevor eines Tages der Mensch vergaß, den Riegel ganz vorzuschieben und es ihm gelang, die Tür aufzudrücken.

Endlich gab der Junge auf und er lauschte auf die langsam in der Ferne verhallenden Schritte. Erst dann, als es wieder ganz still geworden war, kletterte er flink von dem Felsvorsprung herab. Noch einmal überprüfte er, im Schatten des Vorsprungs verborgen, ob keine Gefahr lauerte. Doch es war alles still und er huschte zu der bereitliegenden Nahrung. Hastig schlang er alles hinunter - sein Leben zwischen den Mülltonnen der Menschen hatte ihn gelehrt, dass Vorräte nur Schmarotzer anlockten. Nach den Abfällen, aus denen in der Hauptsache seine Nahrung bestanden hatte, stellte ein leicht angeschlagener Apfel eine unschätzbare Kostbarkeit für ihn dar.

* * *

Satt inspizierte er das Tuch, das der Jungen unter den Lebensmitteln ausgebreitet hatte, um sie vor Schmutz zu schützen und auf dem nun nur mehr einige Krümel zu finden waren. Der Geruch des Jungen und ein zweiter fremder, aber nicht unangenehmer Geruch hing daran.

Wie die Tage zuvor wollte er auch heute die Schale mit Wasser ignorieren... aber er war wirklich sehr durstig. Misstrauisch schnupperte er daran, dann kostete er vorsichtig einen Schluck. Er hatte von anderen - die auch und schon viel länger auf der Straße lebten - gehört, dass die Menschen manchmal Wasser verteilten, welches Gift enthielt und das sehr krank machen, oder sogar töten konnte. Doch das Wasser, das der Junge gebracht hatte, schien in Ordnung zu sein. Der volle Bauch machte ihn müde und er kletterte zurück in sein Versteck.

Dort, zwischen duftendem, trockenen Gras und altem Herbstlaub, das der Wind irgendwann einmal in das alte ungenutzte Abwasserrohr und von dort auch einen Tunnel, der sich anschloss, getragen hatte, streckte er sich aus.

Er wusste, dass er von unten, vom Tunnelboden aus, nicht gesehen werden konnte - der Junge hatte ihn nicht entdeckt, so sehr er auch gesucht haben mochte. Denn was von dort unten wie eine schmale Felsnase aussah, weitete sich oben wie eine Höhle tief in den Stein hinein, groß genug, um ihn ganz zu verbergen.

Der Junge...

Während der Geruch des trockenen Grases von vergangenen Sommern und das Laub vom längst vergessenen Herbst zu ihm sprach, dachte er nach.

Wie schön es wäre, wenn er immer hier bleiben könnte... In der Welt oben herrschte nun Winter und es war schwer, ausreichend Nahrung zu finden. Selbst die schier unerschöpflichen Quellen der Mülltonnen gaben nur gefrorene Schätze frei, an denen man sich den Magen verdarb, soweit sie denn überhaupt genießbar sein sollten. Hier unter der Erde war es viel angenehmer. Manchmal wirbelte der Wind ein paar Schneeflocken und etwas kalte Luft hier herunter, doch alles in allem war es ein fast luxuriöses Versteck. Tausendmal besser als der Käfig.

Vielleicht konnte er dem Jungen ja doch vertrauen, die Zeit würde es zeigen...

Mit diesem Gedanken schlief er ein.

* * *

Kurze Zeit später... oder vielleicht waren viele Stunden vergangen, wer wollte das so genau sagen... erwachte er von Schritten und Stimmen, die sich seinem Versteck näherten. Er zog sich noch weiter in die Höhle zurück und lauschte.

Der Junge war zurückgekommen. Aber er war nicht allein!

"Hier. Da oben. Bin ganz sicher."

Das war die Stimme des Jungen. Enttäuschung stieg in ihm auf, dass sein Versteck verraten worden war. Aber er hätte wissen müssen, wie töricht es war, auch nur daran zu denken, noch einmal einem Menschen zu vertrauen...

"Ich werde nachsehen. Du bleibst hier und rührst dich nicht von der Stelle."

Eine fremde Stimme. Fremde Gerüche. Und doch nicht ganz - es war der gleiche Geruch, den er am Tuch wahrgenommen hatte. Er verursachte ein warnendes Prickeln in seinem Nacken, wo sich die kurzen Haare aufstellten. Aber zugleich war er unsicher, ob wirklich Gefahr drohte und das war völlig neu für ihn.

Er zog sich bis ganz an die hintere Wand der Höhle zurück. Bereit, sich bis zum Äußersten zu verteidigen.

Ein leises Scharren gegen Fels verriet ihm, das der Fremde zu ihm hochkletterte. Er musste all die kleinen Spalten und Vorsprünge entdeckt haben, die den Felsvorsprung erreichbar machten. Aber das ein Mensch diesen Weg ebenfalls nehmen konnte, erstaunte ihn so sehr, dass er sich fast aus seinem Versteck gewagt hätte. Doch so kauerte er sich nur zusammen und versuchte sich so klein wie möglich zu machen. Vielleicht übersah ihn der Mensch dann.

Doch seine Hoffnung war umsonst, als er die fremde Stimme wieder hörte. Direkt auf gleicher Höhe mit ihm. Er kniff die Augen zusammen und wünschte sich, unsichtbar zu werden...

"Es ist ein Waschbär. Er muss sich hier herunter verirrt haben."

In der Antwort des Jungen lag Erstaunen. "Ein Wasch-Bär? Wie im Buch? Kann ich ihn sehen? Darf ich ihn behalten?"

Sehen? Behalten? In ihm regte sich Widerstand. Was bildete sich dieser Junge ein? Er gehörte niemandem.

"Mouse, ein Waschbär ist kein Haustier."

Ah, der Zweibeiner mit dem interessanten Geruch zeigte einen Anflug von Vernunft.

"Aber könnte eins werden."

Wieder das Schaben von Stoff gegen Stein, ein Aufprall auf den Boden. Der Fremde musste das letzte Stück hinabgesprungen sein.

"Das ist nicht so einfach, Mouse."

Nachdem unmittelbare Gefahr gebannt schien, wagte er sich etwas weiter vor, jedoch sorgsam darauf bedacht, sich nicht blicken zu lassen.

"Könnte mein Freund sein. Hast gesagt, jeder braucht Freunde."

"Das stimmt, das habe ich gesagt. Waschbären sind aber Einzelgänger, Mouse, die sich ein Revier suchen und in diesem leben. Alleine."

Dieser Fremde gefiel ihm immer besser. Ein Mensch mit Verständnis für die Belange eines Waschbären war schwer zu finden.

"Wenn du ihn in deine Kammer einsperrst, würde er sich nicht wohl fühlen. Du möchtest doch auch nicht eingesperrt sein, Mouse, oder?"

Nun, dem konnte er nur zustimmen... oder?

Es war lange still. Als der Junge wieder etwas sagte, klang er traurig - und zweifelnd.

"Wenn du meinst. Ist auch allein, wie Mouse es war."

"Ich glaube, darum musst du dir keine Sorgen machen. Du kannst ihn ja weiter füttern, solange er hier ist. Aber du musst vermutlich damit rechnen, dass er eines Tages wieder fortgeht. Waschbären bleiben nie lange an einem Ort."

Er hörte den Jungen trotzig mit dem Fuß aufstampfen, seinen Protest. "Soll nicht weggehn. Will ich nicht."

Dann rannte er wohl weg, denn seine Schritte entfernten sich rasch.

Fast fühlte er sich betroffen... der Junge hatte so ernst geklungen. Aber andererseits war er nur ein Junge.

Eine Katze hatte ihm in einer hellen, heißen Sommernacht davon erzählt, wiensie als kleines Kätzchen gesehen hatte, wie zwei Jungen einen Kater mit Benzin übergossen und ihn angezündet hatten. Menschen konnten furchtbar grausam sein - und junge Menschen manchmal noch mehr. Er wagte nicht, zum Rand der Felsnase zu gehen, denn er spürte noch immer die Anwesenheit des Fremden. Die Gefahr schien jedoch erst einmal vorüber zu sein. Nachdenklich zog er sich in die Höhle zurück.

* * *

"Hallo, Mr. Wasch-Bär."

Er schreckte hoch, als er die Stimme des Jungen hörte - und starrte in schwarze Knopfaugen, den seinen gar nicht so unähnlich. Wie ein dummes, unerfahrenes Jungtier, das müde vom Spielen an Ort und Stelle einschlummert, war er auf der Felsnase eingeschlafen, anstatt sich in die Höhle zurückzuziehen.

Der Junge streckte die Hand nach ihm aus. Er überlegte sich, ob er ihn beißen oder ihm nur die Zähne zeigen sollte, falls er versuchen würde, ihn zu streicheln, entschied sich dann aber doch dafür, nichts zu tun.

"Vincent hat gesagt, du bist ein Ein-zel-gän-ger. Das ist Mouse auch. Willst du im Mouseloch wohnen? Ist viel wärmer. Immer genug zu essen."

Es klang zu verlockend, um wahr zu sein. Misstrauisch wich er einen Schritt zurück. Das kannte er doch. Am Ende landete er wieder in einem Käfig und wer wusste, ob es dann wieder einen nur nachlässig zugeschobenen Riegel geben würde.

"Bitte, bitte, Mr. Wasch-Bär. Kann nicht lange bleiben, muss die Leiter zurückbringen, bevor Winslow merkt, dass Mouse sie geborgt hat."

Der Junge schob die Hand näher zu ihm und er schnüffelte ein wenig daran. Metall und Öl, die Gerüche der Welt oben, vermischten sich mit dem Duft von Fels und Holz. Er blickte in die runden, schwarzen Augen in einem lächelnden Gesicht.

Und dann, ganz langsam und vorsichtig, benutzte er seine Krallen, um am Ärmel des Jungen hoch auf dessen Schulter zu klettern.

"Ich dachte mir schon, dass ich die Leiter - und dich - hier finde."

Der Junge - Mouse - drehte sich so heftig um, dass er fast von dessen Schulter gesegelt wäre. Mühsam fand er sein Gleichgewicht wieder und spähte um Mouse Kopf herum zu dem anderen.

"Nur genommen, nicht gestohlen." Mouse kam rasch von der Leiter herunter und unternahm den sinnlosen Versuch, den Waschbären auf seiner Schulter zu verbergen.

Vincent lehnte an der Tunnelwand und betrachtete amüsiert den Waschbären, der auf Mouse Schulter um sein Gleichgewicht kämpfte. "Du hast es also tatsächlich geschafft, ihn heraus zu locken. Was willst du nun mit ihm anfangen?"

Mouse zog die Stirn in Falten. "Behalten?", fragte er vorsichtig.

"Glaubst du, das ist, was der Waschbär will?", entgegnete Vincent.

Das brachte ihm ein paar Pluspunkte ein. Auch wenn er inzwischen seine Entscheidung gefällt hatte, so wäre es doch ganz nett, gefragt zu werden. Kaum hatte er den Gedanken zu Ende gedacht, als ihn den Junge hochhob und herum wirbelte.

"Willst du bei Mouse bleiben, Mr. Wasch-Bär?"

Wie hätte er da ablehnen können...

"Er will, hat er gesagt", behauptete Mouse so ernsthaft, dass Vincent fast glaubte, es selbst gehört zu haben.

"Nun gut", entschied er lächelnd. "Aber da ist noch ein Haken."

Mouse verzog das Gesicht. "Haken?" Er setzte den Waschbären auf den Boden.

"Ja, ich glaube, du solltest deinen neuen Freund Vater vorstellen."

Endlich wieder sicheren Boden unter den Pfoten erwog er einen Moment, das Weite zu suchen - aber es war gerade so interessant. Vielleicht würde er bei dem Jungen bleiben. Eine Zeitlang zumindest.

"Uh... kannst du das nicht machen? Kannst viel besser bitten", meinte der schlaue Mouse.

Vincent schüttelte den Kopf. "Das musst du schon selbst tun."

"Okay gut, okay fein." Mouse seufzte tief und lief los, stoppte dann, um sich nach dem Waschbären umzusehen. Der zögerte einen Moment und folgte ihm.

Vincent kümmerte sich amüsiert um die Leiter.

* * *

Nachdenklich saß er in dem Korb, in dem sein Junge ihm ein Bett mit einem Kissen und dem Teil einer alten Decke bereitet hatte und ließ die Ereignisse dieses Tages Revue passieren. So viele fremde Menschen, die ihn angesehen und sogar - er schüttelte sich bei der Erinnerung daran - angefasst hatten! Aber ganz verleugnen konnte er doch nicht, dass er sich über die Aufregung der Kinder gefreut hatte - und über die vielen Köstlichkeiten, die sie ihm gegeben hatten... Und einen Namen hatte er auch bekommen - Arthur. Er war sich noch nicht ganz sicher, ob ihm dieser Name gefiel... Er putzte sich die Pfoten und überlegte, ob er diesen Fremden mit dem angenehmen Geruch, sein Junge hatte ihn Vincent genannt, mochte. Ja, entschied er schließlich. Zumindest mehr als den anderen Fremden mit der sanften Stimme, der ihm ein Bad und furchtbar stinkenden Flohpuder aufgezwungen hatte. Dabei war er von Natur aus ein reinliches Tier. Er blickte in Richtung des Kissenberges, in dem sein Junge verschwunden war...

Als Vincent später nach ihm sah, lag Arthur zusammengerollt neben Mouse.

Ende