Titel: Die Welt da oben
Autor: Lady Charena (April 2002)
Fandom: Die Schöne und das Biest
Episode: „Brüder“
Charaktere: Jacob Wells (Vater), Devin Wells, Vincent
Rating: gen, Familie
Worte: 2450
Beta: T'Len


Summe: Nachdem Vincent und Devin wieder einmal ohne Erlaubnis an der Oberfläche gewesen sind, kommt es zur Konfrontation zwischen Devin und Vater. Der Teenager fasst daraufhin einen folgenschweren Entschluss. (Meine Version, wie es dazu kam, dass Devin die Tunnel verließ)



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Helles Lachen hallte durch den Abwassertunnel, begleitet von raschen Schritten und dem herrlichen Geräusch, das entstand, wenn man mit beiden Füßen gleichzeitig in eine Pfütze sprang. Der anhaltende Regen der letzten Wochen hatte dazu geführt, dass der eigentlich stillgelegte Tunnel von einem Rinnsal durchzogen wurde – und man war nie wirklich zu alt für ein wenig Spaß mit Wasserpfützen.

Die mit Rost und Staub bedeckten Angeln des schweren Gittertors, das den Eingang versperrte, ächzten und stöhnte wie gequälte Seelen, als sie es mit gemeinsamer Anstrengung aufdrückten. Das war Absicht, denn so erweckte das Tor nicht unbedingt den Eindruck eines häufig genutzten Eingangs. Stahl schabte über unebenen Stein – dann eine neuerliche Kakophonie der Angeln, während es sich langsam durch eine versteckt angebrachte Feder schloss. Der dumpfe Knall, mit dem es ins Schloss fiel, hallte hinter ihnen her.

Die feuchte, kalte Luft im inneren Tunnel trug ihre Stimmen weit, Fetzen ihrer angeregten Unterhaltung eilten ihnen voraus wie der Schein ihrer Taschenlampen, denen sie folgten, bis sie die erste patrouillierte Ebene erreichten. Die Fackeln, die hier Licht spendeten, zeichneten furchterregende Versionen ihrer Gestalten als Schatten an die Wände – doch die beiden Jungen waren zu sehr in ihr Gespräch vertieft, um sie zu bemerken. So, wie sie es sobald sie Laufen gelernt hatten, von den Erwachsenen und den älteren Kindern gezeigt bekommen hatten, zählten sie die Eingänge und Abbiegungen, um sich zu orientieren. Sie waren beide hier unten aufgewachsen und all diese Wege schon so oft gegangen, es fiel ihnen nicht schwer, sich zurecht zu finden.

Und doch gab es selbst hier manchmal unliebsame Überraschungen zu entdecken – in diesem Fall in der Gestalt von Vater, der hinter der nächsten Abbiegung ganz offenbar bereits auf sie wartete...

Devin und Vincent stoppten abrupt und wechselten einen unbehaglichen Blick. Sie waren ohne Erlaubnis an der Oberfläche gewesen. Mitten in der Nacht. Ohne einen Erwachsenen mitzunehmen oder gar jemand anderem zu sagen, wohin sie gingen. Und Vater verstand in der Hinsicht keinerlei Spaß.

Devin wusste, alleine oder auch in Begleitung von Pascal, Winslow oder einem seiner anderen Freunde wäre er mit einer milden Strafe davon gekommen. Ein paar Stunden zusätzlicher Küchendienst und Wasserholen oder eine Woche lang früher ins Bett geschickt zu werden.

Doch er war ausgerechnet mit Vincent im Schlepptau erwischt worden. Das machte aus einem kleineren Vergehen (die meisten Kinder der Tunnelgemeinde machten früher oder später ähnlich verbotene Ausflüge) ein Kapitalverbrechen. Wieder einmal hatte er Vaters Erwartungen in ihn enttäuscht.

Er konnte es in Vaters Augen sehen, noch bevor der Patriarch der Tunnelfamilie den Mund öffnete.

„Devin, ich erwarte eine Erklärung.“ Vater taxierte den schlaksigen Fünfzehnjährigen mit strengem Blick. Die trotzige Miene des Teenagers ließ ihn nicht auf ein rasches Einsehen des Jungen hoffen und er wappnete sich gegen eine hitzige Auseinandersetzung. Pubertät hin oder her, niemand widersetzte sich seiner Autorität so häufig, so hartnäckig wie Devin. Und er begann zusehend, andere dazu anzustiften, seinem Beispiel zu folgen. Aber ohne Regeln, ohne deren strikte Einhaltung, konnte weder die Gemeinde, noch jeder einzelne von ihnen, in dieser Welt überleben.

Vincent stellte sich sofort schützend vor seinen Freund. „Es ist meine Schuld, Vater“, versuchte er zu beschwichtigen. „Ich wollte gerne den neuen Brunnen sehen, der vor kurzem im Park gebaut wurde. Pascal hat mir ein Bild davon in der Zeitung gezeigt. Er ist wunderschön.“

„Das ist kein Grund, sich nach Einbruch der Dunkelheit im Central Park herum zu treiben.“ Vater blickte ihn an und es tat ihm in der Seele weh, als das glückliche Leuchten in den Augen seines Adoptivsohns erlosch. Doch in diesem Punkt durfte er sich nicht nachgiebig zeigen, im Besonderen nicht in Bezug auf Vincent. Jacob wagte nicht, sich auszumalen, was passieren könnte, wenn auch nur der Hauch einer Ahnung bestand, ein Gerücht auftauchte, dass jemand wie Vincent existierte und wo er lebte...

„Es ist weit über die Zeit, Schlafen zu gehen, hinaus. Mary hat sich große Sorgen um euch gemacht, als ihr nicht zum Abendbrot gekommen seid. Wir waren bereits im Begriff, einen Suchtrupp wegen euch nach oben zu schicken, als eine der Wachen gesehen hat, dass ihr zurückkommt. Findet ihr das etwa in Ordnung?“

Vincent senkte beschämt den Kopf, doch Devin starrte Vater weiter herausfordernd an, die Lippen trotzig aufeinander gepresst.

Jacob holte tief Luft. Es fiel ihm nicht leicht, die nächsten Worte auszusprechen, doch sie waren unumgänglich. „Zur Strafe werdet ihr im nächsten Monat nicht am Winterfest teilnehmen.“

Vincent sah entsetzt auf. Das Winterfest, auf das alle Kindern seit Wochen hin fieberten? Sie hatten Dekorationen gebastelt, Gedichte auswendig gelernt, neue Lieder eingeübt, alles zur Vorbereitung dieses Ereignisses. All die Kerzen, die Musik und die Geschichten von früher, die die Erwachsenen erzählen würden – und er durfte nicht dabei sein? Es war die denkbar schlimmste aller vorstellbarer Strafen für ihn.

Devin öffnete den Mund, um zornig zu protestieren.

Doch Vater schüttelte den Kopf. „Meine Entscheidung steht fest. Wir unterhalten uns morgen noch ausführlicher über eure Auslegung der Regeln. Es ist Zeit zum Schlafen.“

Das ließ sich Devin nicht zweimal sagen, er drehte sich wortlos um und stürmte davon.

Vincent wollte ihm folgen, doch Vater hielt ihn zurück. „Vincent, komm‘ einen Moment zu mir her“, sagte er leise.

Der Junge trottete wortlos, mit gesenktem Kopf, zu ihm zurück und setzte sich auf den Boden, die Arme um die Beine geschlungen. Ein Häufchen Elend in einem aus Flicken genähten Umhang, den Mary inzwischen alle paar Monate verlängern musste. Ein kindliches Herz in einem Körper, der langsam erahnen ließ, wie der erwachsene Mann aussehen würde. Noch ein Jahr, vielleicht weniger und Vincent würde nicht nur so groß sein wie Jacob, er würde ihn vermutlich überragen. Ihn heranwachsen zu sehen war seine größte Freude - und es war seine größte Sorge.

Vater ging vorsichtig – auf seinen Stock gestützt, um sein krankes Knie zu schonen – vor ihm in die Hocke, damit er ihn ansehen konnte. Er strich die Kapuze zurück, die Vincents Gesicht in Schatten hüllte und berührte zärtlich die Wange seines Adoptivsohnes. „Vincent, ich weiß, dass du verstehst, warum es diese Verbote gibt“, sagte er ruhig. „War der Brunnen wirklich so schön, dass er es wert war, das Risiko der Entdeckung einzugehen? Du weißt genau, wie gefährlich es für dich an der Oberfläche ist.“

Vincent nickte ohne aufzusehen. Jede Linie seines Körpers drückte Kummer aus. „Weil ich anders bin“, erwiderte er und seine Stimme zitterte, noch halb gefangen im Stimmbruch.

Vater schloss einen Moment lang die Augen. Kein Kind sollte nicht solchen Kummer ertragen müssen. „Ja, weil du anders bist“, bestätigte er dann. Plötzlich warf sich ihm der Junge ungestüm in die Arme und Vater drückte ihn fest an sich.

„Mach‘ doch, dass es weg geht“, bat Vincent, wie er es getan hatte, als er noch viel jünger gewesen war. „Bitte, Vater. Ich will nur so sein wie die anderen. Mach‘, dass es endlich weg geht. Bitte.“

Vater strich ihm beruhigend über den Rücken, über die seidige Mähne. Dann schob er Vincent ein Stückchen von sich, um ihn anzusehen. Hellblaue Augen begegneten traurig seinen. „Du bist etwas Besonderes, Vincent. Genau so, wie du bist. Es ist nicht dein Fehler. Das darfst du niemals denken. Aber es wird immer Einschränkungen für dich geben. Daran kann ich leider nichts ändern. Du wirst immer mit dem Risiko der Entdeckung leben müssen. Und nur aus diesem Grund gibt es diese Verbote. Diese Welt dort oben ist zu gefährlich für dich.“

Und darüber hinaus ist sie auch gefährlich für Devin, dachte er sorgenvoll. Sie weckt in ihm die Sehnsucht nach etwas, dass er nicht haben kann... In verändertem Tonfall fuhr er fort: „Es ist wirklich spät und lange über der Zeit, zu der du schlafen solltest. Wir werden morgen weiter sprechen.“ Er richtete sich mühsam auf und unterdrückte ein leises Stöhnen, als dumpfer Schmerz durch sein Knie schoss.

Trotzdem entging es Vincent nicht. Frischer Kummer stieg in ihm auf. Es tat Vaters Knie sicherlich nicht gut, sich so lange in der feucht-kalten Luft des Tunnels aufzuhalten, aber ihretwegen hatte er hier warten müssen. „Du kannst dich auf mich stützen“, bot er an. „Wir werden langsam gehen und ich werde Mary bitten, einen warmen Umschlag zu machen. Es tut mir so leid, Vater. Das wollte ich nicht“, sprudelte es aus ihm heraus.

„Es ist gut, es ist alles gut, mein Junge“, beruhigte Vater ihn. „Der Tag war nur sehr lang und ich werde nicht jünger.“ Doch er nahm das Angebot gerne an. Vincent war nicht nur größer als die meisten anderen Kinder in seinem Alter, er war auch weitaus kräftiger, als seine Gestalt vermuten ließ. Er schoss schneller in die Höhe, als seine Muskeln folgen konnten.

Vincent begleitete ihn bis zu seiner Kammer. „Geh‘ jetzt schlafen, mein Junge“, sagte Vater leise und küsste ihn auf die Stirn. Er blickte ihm sorgenvoll nach, als Vincent stumm nickte, sich umwandte und um die nächste Abzweigung des Haupttunnels verschwand.


* * *


In Devins Kammer flackerte nur ein einziger Kerzenrest in einer alten Weinflasche. Devin selbst saß mit untergeschlagenen Beinen auf seinem Bett und starrte düster auf die Schatten, die über die Wand hinter der Kerze tanzten. An ihr waren Poster von fernen, exotischen Orten und Zeitungsberichte über Reisen in alle Welt befestigt.

„Devin?“ Vincent glitt lautlos in den Raum und setzte sich neben ihn auf das Bett. „Bist du… bist du sehr böse auf mich?“ Er hatte die Wahrheit gesagt – es war sein Vorschlag gewesen, nach oben und in den Park zu gehen. Nicht, dass er seinen besten Freund, mehr noch seinen großen Bruder – immerhin war Devin ein paar Tage älter als er – dazu hätte überreden müssen, ihn zu begleiten. Für ein Abenteuer war Devin immer zu haben. Vor allem wenn es galt, die Regeln zu brechen.

„Ich hasse Vater“, brach es plötzlich aus dem anderen Jungen heraus. „Ich hasse es, hier zu sein.“

Vincent sah ihn erschrocken an. „Aber Devin, hier ist doch unser Zuhause. Wir sind hier sicher, es ist warm, wir haben Freunde und Essen und... Bücher und Musik.“

Devin sprang auf. „Du redest genau wie er“, sagte er aufgebracht. „Wir sind sicher – ja, wie in einem Gefängnis. Da oben ist so vieles und es wartet alles auf mich.“

Vincents Herz wurde schwer mit Sorge, als er die Sehnsucht in der Stimme seines Freundes hörte. Sie waren sich von klein auf besonders nah gewesen, beinahe unzertrennlich, vielleicht weil sie beide ihre leiblichen Eltern nie hatten kennenlernen durften. Doch jetzt konnte er Devin nicht mehr verstehen. „Ich bin sicher, Vater hat bis zum Winterfest vergessen, dass er uns verboten hat, teilzunehmen. Oder Mary wird ihn umstimmen“, versuchte er ihn zu trösten.

Devin sah ihn verächtlich an. „Manchmal bist du so naiv, Vincent, weißt du das? Es geht nicht um dieses dumme Winterfest, das ist etwas für kleine Kinder.“ Er stieß mit dem Fuß gegen einen Stuhl, der ihm im Weg war. „Ich will weg von hier. Ich will endlich frei sein und tun und lassen, was ich will.“

„Du willst weglaufen? Nach oben?“, fragte Vincent ungläubig. Er hatte von anderen gehört, die das gleiche getan hatten. Und nie mehr zurückkamen.  

Devin nickte. „Ja, ich verschwinde einfach. Ich habe es satt, ständig gesagt zu bekommen, was gut für mich ist. Ich will es selbst herausfinden. Aber das geht hier nicht, das kann ich nur oben.“

„Und was ist mit mir?“, fragte Vincent leise. „Ich dachte, wir wären Freunde.“

„Du kannst dich ja weiter von Mary und Vater herum kommandieren lassen und den braven Jungen spielen. Und du kannst dir meinetwegen auch von deiner geliebten Lisa auf der Nase herumtanzen lassen und das Kindermädchen für die anderen Zwerge spielen. Ich werde es nämlich nicht mehr tun.“ Devin schnaubte verächtlich. „Ich werde frei sein und nur noch tun, was ich will.“

„Aber du bist hier geboren.“

„Ja - und meine Mutter ist hier gestorben, bei meiner Geburt, falls du das vergessen hast.“ Devin wandte sich erneut von ihm ab. „Das hier ist nichts für mich. Ich habe so viele Träume, die ich verwirklichen will. Aber das kann ich nicht zwischen Schrottsammeln und Nahrungssuche und Lesestunden. Immer auf Helfer angewiesen zu sein und darauf, dass uns keiner entdeckt.“

„Devin.“ Vincent stand auf und trat zu ihm. „Ich verstehe, dass du wütend bist, weil Vater uns erwischt hat, aber deshalb...“

Devin sah ihn an. „Du verstehst es einfach nicht. Du willst es nicht verstehen, oder? Ich werde gehen, egal was du sagst oder was Vater sagt. Ich werde es tun, weil ich die Wahl habe, weil ich nicht bin wie du.“

Vincent zuckte zurück, als hätte der andere Junge ihn geschlagen. „Devin...“

Doch Devin achtete nicht mehr darauf. „Sieh’ dich doch an. Vater hat Recht – du hast in der Welt da oben keinen Platz. Aber ich werde...“

Vincent hörte nicht, was er noch sagte, er wandte sich ab und floh aus Devins Kammer.


* * *


Zwei Tage später war Devin weg. Er hatte seine wenigen Besitztümer in einen alten Rucksack gepackt und war einfach gegangen. Ohne eine Nachricht zu hinterlassen, ohne ein Wort des Abschieds zu niemandem.

Vater trat in Vincents Kammer. Der Junge hatte ein aufgeschlagenes Buch vor sich, doch seine Gedanken waren offensichtlich woanders, da er nicht auf seine Anwesenheit reagierte. „Vincent?“

Vincent blickte auf. „Er sagte, er ist nicht wie ich. Er will seine Träume verwirklichen, aber das kann er nur oben“, wiederholte er tonlos Devins Worte. „Ich dachte... wir wären seine Familie, die Tunnel sein Zuhause.“

Vater ließ sich neben ihm auf dem abgewetzten Sofa nieder, das in die Kammer gestellt worden war, damit Devin ab und zu bei ihm übernachten konnte. „Ich kann dir nicht erklären, Vincent, warum er dachte, dass er gehen muss. Und ich weiß auch nicht, nach was er sucht.“

Vincent spielte mit dem Einband des Buches. „Denkst du, er wird zurück kommen? Irgendwann, wenn er genug da oben war?“

Vater dachte an das Gespräch mit Devin am Tag nach dem nächtlichen Ausflug, ein Gespräch von dem Vincent nichts wusste. „Ich bin doch nicht sein Kindermädchen“, hatte Devin wütend gerufen, als Vater ihm vorwarf, dass er unter keinen Umständen Vincent mit an die Oberfläche hätte nehmen dürfen.

Opferte er in Wahrheit nur den einen Sohn, und ließ ihn gehen, um den anderen zu retten?

„Ich weiß es nicht“, sagte er laut und legte die Hand auf Vincents Schulter. „Wir können es nur hoffen.“


Ende