Titel: Blutlust

Autor: Lady Charena

Fandom: House, MD

Charaktere: Gregory House/James Wilson

Rating: A/R, PG-13

Beta: T’Len

Archiv: ja

 

Summe: Out-of-character? Vielleicht. Ungerecht? Ganz sicher. Ich mach’s in einer anderen Story wieder gut. AR-Rating für alles, was out of character ist.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. 

 

 

Ich stehe auf dem Dach des Krankenhauses, wo er mich vielleicht nicht zuerst suchen, aber letztlich finden wird.

 

Wie ich Stacy gesagt hatte, bin ich seit fünf Jahren nicht mehr hier gewesen und nicht nur, weil so viele Treppenstufen ein definitives Hindernis für mich darstellen. Das unerklärliche Gefühl von Freiheit, das ich hier oben stets empfand, ist längst unerträglich geworden...

 

Ich beobachte den Sonnenuntergang und feiere das Ende eines weiteren Tages mit einer Vicodin. Er wird sicher bald hier sein und ich frage mich, ob die bevorstehende Konfrontation eine zweite Dosis wohl rechtfertigt. Nein. Ich brauche einen zumindest einigermaßen klaren Kopf, um... um es zu beenden.

 

Vielleicht wusste er es nicht, wie sehr er mich verletzen würde. Nicht beim ersten Mal. Vielleicht auch nicht beim zweiten Mal.

 

Dabei hätte ausgerechnet ich es besser wissen müssen, nachdem ich ihn schon so lange kenne. Er liebt es, sich zu verlieben. Er ist süchtig danach. Doch wenn der Rausch verflogen ist, geht er auf die Suche nach der nächsten Dosis.

 

Der Plastikbehälter mit dem Vicodin wiegt schwer in meiner Tasche. Gerade ich habe kein Recht, ihn zu verteilen, oder? Es sind verschiedene Dinge, nach denen wir süchtig sind, aber wir sind es beide.

 

Vielleicht war es nicht Freundschaft, nicht Liebe, vielleicht war unsere Sucht das Band zwischen uns.

 

Ich hole tief Luft und versuche den Schmerz in meinem Bein zu ignorieren, lehne mich stärker auf den Stock.

 

Das grausamste ist, dass ich nicht aufhören kann, ihn zu lieben. Selbst nach all dem nicht, was geschehen ist. Ein Blick von ihm genügt, ein Lächeln, eine Berührung und meine inneren Barrieren zerbrechen. Er weiß um jede meiner Schwachstellen; kennt die Leere in mir, die keine meiner früheren Beziehungen zu füllen vermochte... selbst Stacy nicht.

 

So war es immer schon gewesen. Von Anfang an, lange bevor wir die Grenzen unserer Freundschaft überschritten...

 

Damals. Vor dem Infarkt. Ein anderes Leben, längst vergangen.

 

Wir hatten uns im Park zum Laufen verabredet, ein sonniger Samstagmorgen, ein freier Tag für uns beide. Stacy war mit einer Freundin zum Shoppen verabredet und schien ganz froh darüber, dass ich die Zeit mit ihm verbringen würde. Wir wollten uns später zum Mittagessen treffen.

 

Wir liefen und lachten und unterhielten uns und ich bemerkte plötzlich, dass ich den Blick nicht mehr von ihm lassen konnte. Mehr noch, verfolgte ich die Blicke, die ihm die anderen zuwarfen, die an uns vorbei kamen, mit Argwohn und fast so etwas wie... Eifersucht.

 

Ich sah, wie seine Augen einer attraktiven Blondine folgten, die in die entgegengesetzte Richtung lief, und uns – vielleicht auch nur ihm – ein Lächeln zuwarf.

 

Er schien meinen Blick zu spüren und wandte sich mir wieder zu, mit einem Grinsen und einem Schulterzucken, die braunen Augen sprühend mit Leben und Lachen. Und mir stockte der Atem, so schön war er. Ich weiß, man sagt von einem Mann generell nicht, er wäre schön. Aber in diesem Moment war er es. Es schien als sauge er das Leben um uns herum, die Farben, die Sonne in sich auf.

 

Ich geriet aus dem Tritt, verschluckte mich und musste hustend stoppen. Er hielt ein paar Schritte von mir entfernt an, wandte sich um und kam zu mir zurück. Grinsend klopfte er mir auf den Rücken und machte eine spöttische Bemerkung über „alte Männer und Joggen“, auf den Altersunterschied zwischen uns anspielend.

 

Es war ein plötzlicher Impuls, den ich bis heute nicht erklären kann – ich griff nach seinem Arm und zog ihm vom Weg und auf die Grünfläche, in den Schatten einiger Bäume. Er folgte mir, gutmütig, neugierig, arglos und ich musste mich atemlos mit dem Rücken gegen einen der Baumstämme lehnen, als ich dieses Lächeln, diese Augen auf mich gerichtet sah. Ein Schatten von Besorgnis glitt über sein Gesicht. „Bist du okay, Greg?“

 

Ich konnte nicht mehr tun, als nicken. Und als er näher kam, eine Hand auf meine Schulter legte, griff ich nach seiner Taille und zog ihn an mich, eng genug, dass sich unsere Körper wie zwei Puzzleteile ineinander fügten. Seine Augen weiteten sich, vor Schreck oder Abscheu, wie ich dachte. Später erkannte ich, dass es Lust gewesen war.

 

Er kam mir entgegen, als ich mich vorbeugte und auf einmal küssten wir uns. Nicht ungeschickt, nicht verlegen, so etwas gab es nie zwischen uns, sondern hart und gierig und...

 

...und Stimmen, Lachen und Schritte, die auf dem Kies des Weges knirschten, ließen uns aufschrecken. Er trat einen Schritt zurück, nicht ohne mich zuvor in die Unterlippe zu beißen und ich sackte nach vorne, stützte die Hände auf die Knie, atemlos, und schmeckte ihn und heißes Blut in meinem Mund.

 

Als ich mich einigermaßen erholt hatte, liefen wir weiter, als wäre nichts geschehen.

 

Heute könnte ich schwören, damals lag ein zufriedener Ausdruck auf seinem Gesicht.

 

Als wir uns später mit Stacy und ihrer Freundin in einem Restaurant trafen, flirtete er während des ganzen Essens mit ihr.

 

So viel zum Anfang...

 

Doch wenn die Schleusen der Erinnerung erst einmal geöffnet sind, kostet es Mühe, sie wieder zu schließen. Und selbst als ich es versuche, winden sich einzelne Bilder zwischen den zugleitenden Toren hervor, um zappelnd wie Fische im Schlamm liegen zu bleiben. Ich sammle sie auf, betrachte sie. Sie zeigen alle das gleiche Motiv.

 

Wilson.

 

Dr. James Wilson.

 

Jimmy.

 

Er liebt es, mich zu küssen, während mein Samen noch auf seinen Lippen glitzert. Während heißes Wasser auf mich niederprasselt und ich atemlos und ohne Halt an der Wand lehne, darauf vertrauend, dass er mich hält. Während seine Hände über meinen Körper streifen und er mich schließlich umdreht. Und ich das Gesicht gegen die kalten Fliesen presse, während seine Finger, glitschig mit Seife, mühelos in mich eindringen. Und er flüstert meinen Namen, sein Atem heißer als das Wasser auf meiner Haut, als er kommt.

 

Wilson.

 

Dr. James Wilson.

 

Jimmy.

 

Der, wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, mit der Hälfte der hübschen Krankenschwestern im PPTH geschlafen hat und auch sonst kaum eine attraktive junge Frau unbemerkt an sich vorbeigehen lässt.

 

Und der nur ein paar Wochen nach seiner vierten Hochzeit wieder bei mir Unterschlupf suchte und egal wie sehr ich mich dagegen wehrte, am Ende in meinem Bett landete. Ich hatte ihm nie wirklich etwas entgegen zu setzen. Meine Fassaden, meine Schutzmauern, waren so wirksam wie Rauch und Schatten, wenn er mich berührte.

 

Wenn ich versuchte, mit ihm darüber zu sprechen, lachte er. Wenn ich mit ihm stritt, strafte er mich damit, dass er mich ignorierte und sprach nur mit mir, wenn es unbedingt notwendig wurde.

 

Bis ich auf den Knien lag (natürlich nur bildlich gesprochen) und ihn anflehte, mir zu verzeihen.

 

Und er hielt mich und er küsste mich und sagte, es werde alles gut, als wir miteinander schliefen – um noch am gleichen Abend mit einer der neuen Krankenschwestern ins Kino zu gehen.

 

Als er später in der Nacht zu mir zurückkam, konnte ich ihren Geruch an ihm wahrnehmen.

 

„Greg? Wieso zum Teufel stehst du hier herum?“

 

Ich hatte ihn nicht gehört, doch als würden plötzlich alle meine Sinne erwachen, ist er überall um mich. Sein Rasierwasser und gestärkter Arztkittel, der feine Ledergeruch seiner teuren, handgefertigten Schuhe. Und darunter etwas, das unverkennbar Wilson war. Ein Geruch, ein Geschmack, den ich Hunderte Mal von seiner Haut geleckt hatte, ohne ihn beschreiben zu können.

 

Meine Finger schließen sich um das Vicodin-Röhrchen in meiner Tasche, als ich mich langsam zu ihm umdrehe. Nach dem langen, reglosen Stehen schießt ein Brennen durch mein Bein, es knickt fast unter mir weg und für einen Moment habe ich Mühe, das Gleichgewicht zu behalten.

 

Er streckt die Hand nach mir aus, um mich notfalls zu stützen, doch das ist nicht notwendig. „Bist du okay?“

 

Seltsam, ich habe immer geglaubt, seine Besorgnis um mich wäre echt. Ich glaube es selbst jetzt noch. „James.“ Meine Stimme klingt selbst in meinen Ohren seltsam und er mustert mich, seine Augen verengen sich leicht.

 

Ich erlaube mir einen Blick... ein letztes Mal... will ich ihn ansehen, wie ein Liebhaber. Ich lasse meine Augen über seinen Körper wandern. Und ich lasse die Erinnerung in mir aufsteigen, wie es ist, ihn unter mir zu spüren, ihn in mir zu spüren, Haut an Haut. Sein heiseres Flüstern, das Gesicht halb im Kissen vergraben, wenn ich ihn nahm. Und die Erinnerungen sind so machtvoll, so lebendig, dass ich anfange zu zittern und es kaum unter Kontrolle bringen kann.

 

Ich vergrabe die Bilder tief in mir, meine Entschlossenheit hängt nur noch an baren Fädchen, fast gekappt von seiner gefährlichen Nähe, seiner Vitalität, der Wärme in seinen Augen, seiner Stimme, seinem Lächeln.

 

Alles wäre gut, wenn er sich mit dem zufrieden geben könnte, was ihm bereits gehört.

 

Mit mir.

 

Aber ich bin nicht genug – verkrüppelt, verbittert, vorzeitig gealtert. Ich kann seine Gier nach Leben, nach Jugend, nach Schönheit nicht stillen. Und dennoch lässt er mich nicht los, dennoch kommt er immer wieder zu mir zurück, um einen neuen Fetzen Fleisch aus mir heraus zu reißen, wenn er wieder geht, eine neue Wunde zu öffnen, lässt mich wund und blutend auf dem Boden liegen.

 

„Greg.“

 

Seine Stimme, so sanft, so dicht bei mir. Er kommt auf mich zu, und sein Körper berührt meinen. Ich verliere erneut fast die Balance und nur seine Hände um meine Taille halten mich auf den Beinen.

 

Die Worte kommen fast ohne mein Zutun, gegen meinen Willen, über meine trockenen Lippen. „Ich kann so nicht weiter machen.“

 

Er sieht mich an, den Kopf schief gelegt. „Womit weiter machen?“

 

„Mit uns. Unserer... Beziehung. Geh’ zurück zu Julie oder wer auch immer gerade dein Bett wärmt.“ Jedes Wort ist wie ein Schnitt und ich kann Blut auf meiner Zunge schmecken. „Es ist zu Ende.“ Alles, was ich tun kann, ist nicht zurück zu zucken, als er die Hand hebt, seine Finger über meine Wange, meine Lippen, streifen lässt.

 

„Du kannst mich nicht verlassen“, erwidert er leise, fast resigniert. „Alle anderen haben mich verlassen, aber du kannst es nicht. Du brauchst mich. Und ich brauche dich.“

 

Seine Worte schmerzen fast so sehr wie seine Unfähigkeit zu einer richtigen Beziehung. Aber ich habe gelernt, mit Schmerzen umzugehen. Morphium und Alkohol helfen mir, mit den körperlichen Schmerzen fertig zu werden, sie werden mir auch helfen, mit diesem Schmerz umzugehen.

 

Es ist sicherlich nicht der beste Weg, aber es ist der einzige, den ich nehmen kann.

 

„Es ist nicht meine Entscheidung. Du hast diese Entscheidung für uns beide getroffen.“ Seine Hände, die mich noch immer halten, brennen durch meine Kleidung hindurch auf meiner Haut. „Offenbar kann ich dir nicht geben, was du brauchst. Und du... Mitleid und die Erinnerung an etwas, das einmal zwischen uns war, ist nicht genug für mich.“

 

„Es war nie Mitleid im Spiel.“

 

„Lust ohne Liebe, ist... auf Dauer wertlos. Keiner von uns kann etwas anderes sein, als er ist. Aber ich bin nicht länger bereit, den Preis dafür zu bezahlen. Deshalb beende ich es jetzt. Hier.“ Ich wende mich von ihm ab und seine Hände gleiten von mir. Der Schmerz ist übelkeitserregend und ich hole das Vicodin aus der Tasche und schlucke hastig eine der Pillen. Sie brennt und bohrt sich in meine Kehle, als versuche ich einen Felsbrocken hinunter zu würgen.

 

„Ich lasse dich nicht gehen“, sagt er leise.

 

Ich schließe die Augen, warte... auf eine Berührung, ein weiteres Wort, eine Geste...

 

Doch er ist es, der geht. Ich kann seine Schritte hören, das leise quietschende Zuschwingen der Tür zum Treppenhaus.

 

Ich setze mich schwer auf die niedere Dachabgrenzung, auch wenn mein Bein vor Schmerz aufschreit und werfe den Kopf zurück in den Nacken, um tief Luft zu holen. Meinen vielleicht ersten, freien Atemzug seit fast zehn Jahren.

 

 

Ende