Bis dass der Tod euch scheidet

T’Len

2008

 

 

 

Fandom: Mit Herz und Handschellen

Charaktere: Leo Kraft

Kategorie: PG, POV

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Summe: Leo zerstört den letzten Beweis seiner Liebe zu Thorsten.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Vielen Dank an Lady Charena fürs Beta.

 

 

 

Er zog den Ring vom Finger. Langsam, Millimeter für Millimeter. Fast spürte er den Schmerz, der auf seiner Seele brannte, auch körperlich. So als würde ihm der ganze Finger amputiert.

 

Bis dass der Tod euch scheidet, dachte er bitter. Nicht der Tod hatte sie geschieden, sondern das Leben. Sein Leben, dessen Geschäft der Tod war und das Thorsten nicht mehr akzeptieren konnte.

 

Er fragte sich, ob er im Laufe der Jahre zu viele Tote gesehen hatte und zu viele Arten des gewaltsamen Todes, dass ihm der Gedanke ans Sterben, auch an sein eigenes, nicht mehr erschrecken konnte. Nein, entschied er, das stimmte nicht. Jeder Tote war einer zu viel. Hinter jedem Opfer stand ein Leben, das zu früh beendet worden war, und meist auch eine Familie, die durch das Verbrechen in große Trauer gestürzt wurde. Er konnte die Toten nicht wieder lebendig machen, aber er konnte ihre Mörder ihrer gerechten Strafe zuführen und er konnte verhindern, dass sie weiter mordeten. Jedes Mal, wenn er vor einer Leiche stand, schwor er ihr und sich, alles dafür zu tun, den Mord aufzuklären, den Täter zu finden und die Gesellschaft vor weiteren Untaten zu schützen. Warum konnte Thorsten nicht verstehen, wie wichtig das alles für ihn war?

 

Bis dass der Tod euch scheidet.

 

Aber er war nie leichtsinnig gewesen. Er wusste um die Risiken seines Berufes. Er war nie ohne Schutzweste in einen potentiell gefährlichen Einsatz gegangen, nie ohne Rückendeckung. Thorsten konnte ihn nicht vorwerfen, leichtfertig sein Leben aufs Spiel zu setzen. Wenn er ein Risiko einging, dann war das wohl kalkuliert. Natürlich blieb ein Restrisiko. Aber war nicht das ganze Leben im Endeffekt ein Risiko? Ob ihn nun eine Kugel traf oder ihm ein Dachziegel auf dem Kopf fiel oder ihn ein Auto erfasste. Eine Garantie gab es für nichts.

 

Bis dass der Tod euch scheidet.

 

Er hielt den Ring ins Licht, drehte ihn zwischen den Fingern, blickte ihn nachdenklich an. Er war schlicht, einfach. Ohne Anfang und ohne Ende. Ein Symbol für die Unendlichkeit. Die Unendlichkeit ihrer Liebe. So hatte er es zumindest empfunden, damals als sie sich während eines Italienurlaubs spontan die Ringe kauften und gegenseitig ansteckten, als sie sich in der ewigen Stadt ewige Liebe versprachen.

 

Bis dass der Tod euch scheidet.

 

Er fragte sich, ob sie ihre Partnerschaft in Deutschland hätten eintragen lassen sollen, es offiziell machen. Wäre Thorsten dann nicht so einfach gegangen? Aber wahrscheinlich wäre es nicht mal das Papier und die Tinte der Heiratsurkunde wert gewesen.

 

Bis dass der Tod euch scheidet.

 

Er ballte die Faust um den Ring, als wollte er ihn mit purer Muskelkraft zerquetschen. Er merkte, wie seine Trauer in Wut umschlug. Er war nicht erst seit gestern bei der Polizei. Thorsten hatte das immer gewusst. Warum hatte es ihn damals nicht gestört, als sie zum ersten Mal darüber sprachen zusammen zu leben, als sie schließlich dieses Haus mieteten, als sie es gemeinsam einrichteten, als ihr Nest, als ihr beider Zuhause, das es für den Rest ihres Lebens sein sollte.

 

Bis dass der Tod euch scheidet.

 

Er fragte sich, ob Thorsten ihn wirklich geliebt hatte? Seiner Meinung nach hieß einen Menschen lieben, ihn so zu akzeptieren wie er war, mit all seinen Schwächen und Fehlern, und nicht, zu versuchen, ihn zu ändern. Vor allem aber hieß es, die Dinge, die dem anderen wichtig waren, zu achten. Nicht jeder konnte als Cellist die Welt mit schöngeistiger Musik beglücken. Es musste auch Leute geben, die wie er, die Drecksarbeit erledigten, sich mit der schmutzigen Seite der menschlichen Gesellschaft befassten. Warum ging das nicht in Thorstens verdammten Schädel?

 

Bis dass der Tod euch scheidet.

 

Hatte er etwa je etwas gegen Thorstens Beruf gesagt, wenn er wochenlang auf Konzertreise war und Leo sich nach ihm sehnte, weil er sich in dem großen Haus schrecklich einsam und allein gefühlt hatte? Hatte er je verlangt, Thorsten möge nur noch Engagements in München annehmen, weil er sich nicht mal für einen Tag von ihm trennen wollte? Nein, hatte er nicht. Obwohl er genau wusste, dass mehr als ein Musiker im Orchester ebenfalls schwul war und Interesse an Thorsten haben mochte. Hatte er ihm eine Szene gemacht, wenn er mal wieder jungen Musikern Nachhilfe gab und dieser ihn gerade anhimmelte, wie damals dieser Laszlo? Nein, hatte er nicht. Weil er akzeptierte, dass die Musik ein genauso wichtiger Bestandteil in Thorstens Leben war, wie er selbst. Und weil er ihn liebte... geliebt hatte.

 

Bis dass der Tod euch scheidet.

 

Er fragte sich, ob es leichter für ihn gewesen wäre, wenn Thorsten ihn wegen einem anderen Mann verlassen hätte? Hätte er dann um ihn gekämpft, statt stumm und bewegungslos zuzusehen, wie der Mensch, mit dem er den Rest seines Lebens hatte verbringen wollen, aus seinem Haus und damit seinem Leben verschwand?

 

Bis dass der Tod euch scheidet.

 

Doch Thorsten hatte ihn vor eine Wahl gestellt, die nicht fair war. Eine Wahl, die er nicht treffen konnte, bei der er so und so nur verlieren würde.

 

Er öffnete den Toilettendeckel und warf den Ring hinein. Einen Moment starte er ihn an, wie er sich im trüben Wasser drehte. Dann klappte er den Deckel entschlossen zu und drückte die Spülung.

 

Bis dass der Tod euch scheidet.


Ende