neu: All our tomorrows (Blind Justice, het, PG13)
Titel: All our tomorrows
Autor: Lady Charena
Fandom: Blind Justice
Paarung: Jim/Christie, Terry Jansen
Rating: pre-series, het, PG-13
Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe/Hintergrund: Jim und Christie verbringen einen romantischen Abend miteinander. Angesiedelt etwas mehr als ein Jahr vor Serienbeginn.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



“What we do today, right now, will have an accumulated effect on all our tomorrows.“
Alexandra Stoddard



„Hey, Jimmy! Wohin so eilig?“

Jim Dunbar stoppte gerade noch rechtzeitig, um nicht mit seinem Partner und Freund Terry Jansen zusammen zu stoßen, der unerwartet vor ihm aufgetaucht war.

„Kann ich einen Moment mit dir sprechen, Jim?“

„Keine Zeit, Terry.“ Dunbar klopfte seinem besten Freund auf die Schulter und grinste. „Christie kommt heute von ihrer Reise zurück und ich will sie mit einem selbst gekochten Essen überraschen.“

Terry setzte eine grotesk entsetzte Miene auf, doch in seinen Augen funkelte es verständnisvoll. Seit sie das Baby hatten, konnte er es auch kaum erwarten, nach Hause zu kommen. „Du willst kochen? Soll ich nicht besser gleich die Feuerwehr rufen? Oder einen Notarzt?“ Jim zeigte ihm den Finger, doch Terry lachte nur. „Vielleicht solltet ihr euch auch ein Kind zulegen, dann gibt es keine ausgedehnten Geschäftsreisen mehr. Hast du Christie das schon mal vorgeschlagen?“

Jim grinste. „Was, damit ich mir anhören muss, dass ich ein noch größerer Chauvi bin als du?“, erwiderte er. „Nein, mein Freund – du bist das schlechte Vorbild.“

„Hey, wenigstens habe ich meine Frau noch nicht betr...“ Terry brach seine gedankenlose Erwiderung ab, als er bemerkte, was er da sagte. Christie und Jim hatten hart daran gearbeitet, die Krise zu überwinden, die Jims Affäre mit einer Kollegin ausgelöst hatte. „Es tut mir leid, Jim, ich...“ Er griff reflexhaft nach ihm, doch seine Hand streifte Jims Arm nur, als der zurückwich und ihn wütend anstarrte.

„Halt’ einfach deine dumme Schnauze, Terry.“ Jede Heiterkeit war aus Jim Dunbars Stimme verschwunden. Er sah einen Moment weg und als er den Blick wieder hob, war der Ärger aus seinem Gesicht, wenn auch nicht aus seinen Augen, verschwunden. „Du wolltest irgendwas mit mir besprechen?“

Terry fuhr sich durch die Haare. „Ähem... ist nicht so wichtig. Das kann auch bis morgen warten“, meinte er verlegen.

Dunbar zögerte einen Augenblick. Er wusste, dass Terry seine Worte nicht so herzlos gemeint hatte, wie sie geklungen hatten – aber seine Affäre war nach wie vor ein wunder Punkt und wie empfindlich er darauf reagierte, hatte ihn selbst vielleicht noch mehr überrascht als seinen Freund.

Gerade deshalb hatte er es auch heute so eilig, nach Hause zu kommen. Christie klang erschöpft, als er gestern mit ihr telefonierte. Jim warf einen Blick auf die Uhr. Die Abschlussbesprechung mit dem Captain hatte länger gedauert als geplant und so hinkte er bereits jetzt hinter seinem Zeitplan her. Schließlich musste er noch einkaufen gehen. Er war nicht unbedingt der Typ, dem es Spaß machte, zu kochen – Essen war für ihn eine (gelegentlich lästige) Notwendigkeit, die er auch mal vergaß, wenn ihn seine Arbeit in Anspruch nahm. Wie man sich freiwillig länger als unbedingt erforderlich damit und gar noch mit der Zubereitung beschäftigen mochte, war ihm ein Rätsel. Doch Christie liebte es, und aus einem unerfindlichen Grund, der wohl den Untiefen weiblicher Psyche entstammte, fand sie es sexy, wenn er ihre Küche in ein Schlachtfeld verwandelte, sich an unschuldigem Gemüse vergriff, ein Salatgemetzel anrichtete und es regelmäßig fertig brachte, sich entweder beim Abgießen der Nudeln zu verbrennen oder in die Finger zu schneiden. Aber hey, er würde sich nicht darüber beschweren, richtig? Ein Essen, und eine Flasche Wein und hinterher würde er ihre Schultern massieren, sie irgendeinen Film im Fernsehen sehen, oder über Christies Reise nach Boston sprechen. Was auch immer, so lange es nicht seine Arbeit berührte. Aber verdammt, sie hatte gewusst, auf was sie sich einließ, als sie heirateten... er war seit zehn Jahren Polizist und er war weder mit Leichtsinn, noch Unerfahrenheit, jeden Tag auf den Straßen unterwegs...

„Okay, ich geh’ dann besser.“ Terrys Stimme riss Jim aus seinen Gedanken.

Jim blinzelte einmal und räusperte sich. „Okay. Wenn du meinst. Wir sehen uns dann morgen.“

Terry nickte und stopfte die Hände in die Taschen seiner Jacke, als er zur Seite trat, um Jim durch zu lassen. „Bis morgen.“ Er sah seinem Freund nach, dann seufzte er leise und zog eine Hand aus der Tasche, um sich damit übers Gesicht zu reiben. Jimmy hatte vermutlich Recht. Es konnte warten. Er hätte sowieso nicht genau gewusst, was er zu ihm hätte sagen wollen. Dass er Angst hatte? Jim würde ihn auslachen und ihn als Weichei bezeichnen, wenn er plötzlich davon anfing, dass es ihn nervös machte, sobald er nicht wusste, was sie erwartete, wenn sie zu einem Einsatz gerufen wurden. Es hatte schon vor der Geburt des Babys begonnen und damals hatte er noch geglaubt, es läge nur an der Veränderung in ihrem Leben, an der zusätzlichen Verantwortung für ein Kind. Aber es war nicht besser geworden. Und dann hatte er bemerkt, dass er zögerte, seine Waffe zu ziehen. Und diese Art von Zögern konnte Menschenleben kosten, sein eigenes eingeschlossen.

* * *

Dunbar hatte das Gespräch mit Terry schon halb vergessen, als er das Revier verließ. Er würde keine Zeit mehr haben, die Wäsche abzuholen – ohnehin lag die Wäscherei in entgegen gesetzter Richtung von ihrer Wohnung. Wenigstens musste er sich um das Essen keine Sorge machen. Er hatte sich an die Frau in dem kleinen koreanischen Lebensmittelgeschäft um die Ecke ihrer Wohnung gewandt – und obwohl sie immer dort einkauften, fiel ihm plötzlich auf, dass er noch nicht einmal den Namen der Besitzerin kannte – und sie hatte ihm lächelnd erklärt, dass sie ein Rezept kenne, das völlig einfach und sogar für einen Laien nachkochbar sein würde. Und sie war sicher, dass es seiner Frau schmecken würde, denn sie kenne den Geschmack ihrer Kunden von den Einkäufen, die sie bei ihr tätigten, sehr gut. Sie versprach, es ihm aufzuschreiben und alle Zutaten zusammen zu stellen, so dass er sie nur noch abholen musste. Als er ihr überrascht für ihre Freundlichkeit dankte, erklärte sie nur, dass es für sie, ihre Familie und die ganze Nachbarschaft eine große Beruhigung sei, dass ein Polizist hier wohnte.

Die Wäsche konnte bis morgen warten. Ihr gemeinsamer Abend nicht. Er wollte nie wieder den Fehler begehen, dass Christie sich darüber beschwerte, dass er ihr nicht genug Zeit und Aufmerksamkeit widmete und nur seine Arbeit für ihn wichtig war. Und vermutlich war das zu oft auch wahr. Er liebte seinen Beruf und wenn er einen Fall hatte, dann gab es nur diesen Fall – vielleicht war er deshalb auch so erfolgreich. Aber er liebte auch Christie. Und er wollte sie um nichts in der Welt verlieren. Auch wenn es wie der vorgedruckte Text in einer albernen Grußkarte klang: sie war der ruhende Pol in seinem Leben. Wenn er mit ihr zusammen war, ließen ihn die Bilder von Tod und Gewalt los, mit denen er es jeden Tag zu tun hatte.

Wieder sah er auf die Uhr und überlegte, ob er vor oder nach dem Kochen Duschen sollte. Bei der Art und Weise, wie er in der Küche hantierte, vielleicht besser hinterher... Oder besser noch, er überredete Christie zu einer gemeinsamen Dusche. Sie waren in letzter Zeit beide so beschäftigt gewesen, dass sogar ihr Liebesleben darunter litt. Mehr als ein Kuss abends, bevor sie beide müde ins Bett fielen und ein Quickie am Morgen war meist nicht drin gewesen. Vielleicht war das der Grund seiner Beziehung... obwohl das kaum das passende Wort dafür schien... mit seiner Kollegin Maria gewesen. Sex hatte sie zusammengeführt und als es mehr zu werden drohte, beendete er es – was dazu führte, dass Maria Christie anrief... Jim seufzte und schob diese Erinnerung beiseite. Sie hatten es doch noch einmal geschafft, ihre Ehe zu retten – das war es, was zählte, oder?

Lieber dachte er an die Gegenwart. Er hatte einen Mordfall abgeschlossen, der ihn für eine Woche beinahe rund um die Uhr beschäftigte und Christie war nach Boston geflogen – dieser Abend war die perfekte Gelegenheit, ab zu schalten und es einfach zu genießen zusammen zu sein, ohne immer mit einem Ohr auf das Telefon oder den Pager zu lauschen, abgelenkt von der Aussicht, weggerufen zu werden. Das hatte er sich verdient. Sie hatten sich das beide verdient. Er liebte es, Christie zu zeigen, wie sehr er sie liebte und Sex war seine bevorzugte Methode dazu.

* * *

Die Wohnung war leer und ungemütlich, als er mit Tüten voll bepackt nach Hause kam und er dachte flüchtig, dass sie irgendein Haustier haben sollten, einen Hund vielleicht, der sie begrüßte. Doch mit ihrer beider Berufstätigkeit war das eine Illusion.

In der Küche fischte er zuerst die handgeschriebene Liste mit den einzelnen Arbeitsschritten heraus, bevor er nachsah, was er da eigentlich kochen wollte. Lachs? Es stimmte, das Christie Fisch mochte, aber in der Regel gingen sie eher essen, als dass sie sich selbst daran versuchte. Unsicher legte er das Päckchen mit dem Fisch in den Kühlschrank und stellte die Flasche Pinot Gris kühl. Den Rest der Sachen ließ er vorerst, wo sie lagen und ihrer Hinrichtung... okay, weiteren Verwendung... harrten. Noch konnte er dieses Experiment beenden und mit Christie in ihr Lieblingsrestaurant gehen. Aber nachdem er schon angefangen hatte...

Er knöpfte sein Hemd auf und kickte seine Schuhe achtlos von den Füßen, als er das Schlafzimmer betrat. Prompt stolperte er nur eine Minute später über sie, während er – bereits auf dem Weg ins Bad – das T-Shirt über den Kopf zog. Verdammt, er lebte lange genug hier, dass er sich blind zurecht finden sollte. Fluchend hinkte er mit einer vom Zusammenprall mit der Kommode schmerzenden Hüfte ins Bad.

Er zog sich aus und stopfte seine Sachen in den Wäschesack. Hatte Christie ihn gebeten, die Wäsche abzuholen? Falls es nämlich ihre Idee gewesen war, riskierte er wieder eine Diskussion über seinen Anteil an den Haushaltspflichten... nein, er war sich ziemlich sicher, dass sie nichts gesagt hatte. Er würde noch ein paar Minuten opfern, um sich zu rasieren, beschloss er, als er unter die Dusche trat. Auch das hatte unter dem Stress der letzten Tage gelitten.

* * *

Frisch geduscht und rasiert machte er sich eine Viertelstunde später auf die Suche nach sauberer Kleidung. Jeans und das dunkelrote Poloshirt, das Christie ihm zu seinem letzten Geburtstag geschenkt hatte, waren zum Glück im Schrank.

Okay, er war bereit für das Experiment in der Küche. Als er an den Herd trat und die Ärmel des Poloshirts hochkrempelte, gähnte er. Hoffentlich nur ein vorübergehender Anfall von Müdigkeit. Wow, hey. Früh einzuschlafen stand heute garantiert nicht auf seinem Plan.

Er packte die Zutaten aus der Papiertüte und sah mit Beunruhigung, wie viele es waren. Fisch, Gemüse, ein Bündel Grünzeug, zwei Zitronen - die zielstrebig Richtung Tischende rollten... „Okay, Jim Dunbar, worauf hast du dich eingelassen“, murmelte er vor sich hin, als er das Rezept in die Hand nahm und sich an die Arbeit machte.

* * *

Etwas mehr als eine halbe Stunde später schob Jim stolz zwei Päckchen aus Pergamentpapier in den Ofen, in denen der Fisch, das klein geschnittene Gemüse, die gehackten Kräuter, Zitronenscheiben und ein Schuss des Weins, den sie dazu trinken wollten, verpackt waren. Die Frau aus dem Laden hatte recht behalten, es klang komplizierter als es war und Christie würde beeindruckt sein…

Nach einem Blick auf die Uhr entschied er, den Herd erst einzuschalten, wenn Christie da war – sie hatte nicht genau sagen können, welchen Flug sie nahm und er wusste nur die ungefähre Zeit, wenn sie da sein würde. Er hatte ihr angeboten, sie vom Flughafen abzuholen, doch sie nahm lieber ein Taxi.

Um die Zeit bis dahin totzuschlagen, setzte er sich vor den Fernseher.

* * *

„Hey Schlafmütze.“

„Was?” Einen Augenblick lang orientierungslos, schreckte Jim hoch und fand sich seiner Frau gegenüber, die ihn mit einem Lächeln musterte. „Uh, hey, tut mir leid, ich muss eingeschlafen sein.“

„Wenn du die Nachrichten siehst, kein Wunder.“ Christie griff nach der Fernbedienung und schaltete das Gerät ab. „Hast du...“

Sie trug noch ihren Mantel und ihre Tasche stand nur einen Schritt weit entfernt auf dem Boden, also war sie eben erst gekommen. Jim richtete sich auf und zog sie zu sich herab aufs Sofa, so dass sie halb auf ihm zu liegen kam und küsste sie. Die Fernbedienung knallte auf den Couchtisch.

„Hey“, flüsterte Christie, als er sie zu Atem kommen ließ. „Du scheinst mich wirklich vermisst zu haben.“

„Irgendwelche Zweifel daran?“ Die Antwort kam ernster heraus, als er es geplant hatte.

„Nein.“ Christie sah einen Moment weg. Dann wandte sie ihm das Gesicht wieder zu und zog mit der Fingerspitze eine unsichtbare Linie über seine Brust. Es war eine Verlegenheitsgeste, weil sie fast verbotenes Territorium betreten hatten. „Ich dachte, wir könnten zur Feier meiner Rückkehr in das neue Restaurant gehen, das mir Jack empfohlen hat.“

Jim ignorierte die Erwähnung ihres Chefs. „Ich weiß etwas Besseres.“ Er hob die Hand, um eine Strähne ihres langen Haars aus ihrem Gesicht zurück zu streichen.

„Jim, ich habe wirklich Hunger“, erwiderte Christie halb amüsiert, halb... flirtend. „Und ich bin müde vom Flug und dem Warten am Flughafen.“

„Deswegen habe ich für uns gekocht.“ Jim sah sie erwartungsvoll an.

„Du hast was?“, fragte sie überrascht und wandte automatisch den Kopf in Richtung Küche, wo sich ausnahmsweise kein Chaos befand. „Und aufgeräumt?“ Üblicherweise sah es schlimmer aus, wenn sie so lange nicht da gewesen war. Es konnte aber auch einfach nur bedeuten, dass Jim das Essen noch mehr vernachlässigt hatte als sonst und eine Woche lang mit Terry die Fastfoodrestaurants und Imbisse in der Nähe des Reviers als einzige Nahrungsquelle genutzt hatte. Seit er Zuhause nur noch gesundes Essen bekam, benahm sich Terry fast so schlimm wie Jim. Wie zwei Jungs, die nach der Schule schnell einen Burger hinunterschlangen, weil es Zuhause Spinat geben würde.

„Hey.“ Jim drehte ihr Gesicht zu sich zurück und setzte eine gespielt-beleidigte Miene auf. „Sogar ich weiß, wie man eine Spülmaschine bedient.“

„Dann nutze dieses Wissen häufiger.“ Christie lächelte und küsste ihn auf die Nase. „Lass’ mich nur rasch unter die Dusche und mir etwas anderes anziehen. Ich rieche noch nach Boston.“

Jim beugte sich vor und drückte sein Gesicht an ihren Hals. „Du riechst wunderbar“, meinte er. „Vergiss’ die Dusche.“ Seine Hände glitten nach vorn und begannen ihren Mantel aufzuknöpfen. „Ich helfe dir beim Ausziehen. Wir können auch später essen.“

Lachend schob Christie seine Hände weg und löste sich nach einem weiteren Kuss von ihm. Dann stand sie auf. „Zehn Minuten“, sagte sie und trat von ihm weg. „Ich bin wirklich hungrig.“

Jim setzte sich auf und seufzte. „Das Essen braucht zwanzig Minuten.“ Er sah ihr nach, als sie in Richtung Bad ging. „Bist du sicher, dass ich dich nicht unter die Dusche begleiten soll?“, rief er ihr hinterher. Ihr Lachen war die einzige Antwort, die er erhielt und er streckte sich, bevor er in die Küche ging, um den Herd anzustellen und den Tisch zu decken.

* * *

„Mmmm“, sagte Christie, als sie zurück ins Wohnzimmer kam. „Irgendetwas riecht hier sehr gut. Was ist das?“, fragte sie, als sie zu ihm trat und die Arme um seinen Rücken schlang, während er zwei Gläser mit Wein füllte. Sie küsste ihn in den Nacken, direkt unter den Haaransatz und lächelte, als sie ihn tief Luft holen hörte. Ihr Blick glitt über den Tisch. Jim hatte sogar die Kerzen aus der Anrichte geholt, sie hatte nicht geglaubt, dass er überhaupt wusste, wo sie sie aufbewahrte. „Es sieht alles wunderbar aus.“ Sie zupfte am Kragen seines Poloshirts, als er sich halb zu ihr umdrehte. „Du hättest dir nicht so viel Mühe machen müssen.“ Sie lächelte, als er tatsächlich wie ein kleiner Junge ein wenig rot wurde und schlang die Arme um seinen Nacken, um ihn zu küssen.

Doch nach einem Moment schob er sie von sich. „Ich muss das Essen aus dem Ofen holen“, erklärte er auf ihren fragenden Blick hin und schnitt eine Grimasse. „Vergiss’ nicht, wo wir aufgehört haben.“

Christie lachte leise und sah ihm nach, als er in die Küche eilte. „Bestimmt nicht“, versicherte sie und griff nach einem der beiden Weingläser, um daran zu nippen. Für einen Moment war da eine hässliche Stimme in ihrem Kopf, die misstrauisch flüsterte, was er wohl für einen Grund haben mochte, sich so viel Mühe zu bereiten, aber sie schob sie beiseite. Die Vergangenheit war nur eines, nämlich vergangen. Das hohle Gefühl in ihrem Bauch kam nur davon, dass sie seit Stunden nichts gegessen hatte. Trotzdem... „Gibt es irgendeinen Grund für ein Jim-Dunbar-Gourmet-Dinner?“, fragte sie, ihre Stimme scherzend. „Du hast endlich eine Gehaltserhöhung bekommen?“

Jim sah zu ihr hinüber und schnitt eine Grimasse.

„Terry wird zum zweiten Mal Vater?“, spielte sie weiter.

Ihr Mann schüttelte den Kopf und holte zwei Papierpäckchen aus dem Ofen. „Sie haben mit einem Kind wirklich genug um die Ohren. Du darfst noch einmal raten.“

Christie stellte das Glas zurück auf den Tisch und trat neben ihn. Sie sah ihm zu, wie er die Päckchen auf zwei Teller lud und leise fluchte, weil er versehentlich mit dem Handrücken an die heiße Ofentür geriet. „Ich gebe auf.“

Er wandte sich ihr zu. „Es gibt keinen besonderen Anlass, außer dem, dass du zurück aus Boston bist und ich meinen Fall abgeschlossen habe – und mir der Captain zwei Wochen Urlaub genehmigt hat. Wir können irgendwo hinfliegen, wo das Wetter besser ist und ich dich den ganzen Tag im Bikini bewundern kann.“

„Urlaub?“ Begeistert umarmte Christie ihn. „Du hast wirklich Urlaub und wir werden ihn nicht hier verbringen? Sie können wirklich zwei ganze Wochen auf dich verzichten? Kein Handy? Keinen Pager?“

Jim legte die Arme um ihre Taille und zog sie eng an sich. „Sie werden zwei Wochen ohne mich auskommen.“ Seine Stimme wurde plötzlich sehr ernst. „Aber ich komme nicht ohne dich aus“, fuhr er leise fort. „Christie, wir verbringen so viel Zeit mit anderen Dingen, mit anderen Menschen und mit ihren Problemen, nur nicht mit uns. Ich denke, ich habe das endlich kapiert.“ Ihre Augen schimmerten und er musste wegsehen, Liebeserklärungen waren nicht unbedingt seine Stärke.

„Hey“, erwiderte Christie leise und er hob den Blick. „Ich liebe dich auch.“ Sie küsste ihn, löste sich dann von ihm; wusste wie unwohl er sich in solch’ emotionsgeladenen Momenten fühlte. Alles, was er getan hatte, seit sie die Wohnung betreten hatte, sprach zu ihr und sie brauchte nicht unbedingt die Worte hören. Zumindest sagte sie sich das. Sie wusste, dass er sie liebte. Das wusste sie doch. „Lass’ uns essen, bevor alles kalt wird“, meinte sie.

Jim nickte und wandte sich mit einem merklichen Zögern wieder den Tellern zu. „Warum setzst du dich nicht schon mal und ich bin gleich bei dir.“ Als sie nickte und ging, stand er einen Moment da und hob dann die Hand, um sich übers Gesicht zu reiben. Der Abend lief gut, versicherte er sich selbst. Er hatte sich den Missklang der Stille nach Christies Worten nur eingebildet. Sie wusste, dass er sie liebte. Er musste es ihr nicht ständig sagen. Richtig? „Wie... wie war es in Boston?”

„Es war... anstrengend vor allem“, entgegnete Christie nach einer kurzen Pause. „Jack war wie immer mit nichts zufrieden zu stellen. Und da behaupten die Leute immer, wir Frauen wären kompliziert.“

Jim kramte in einer Schublade nach einer Schere, um das Papier aufzuschneiden, wie es im Rezept stand. Er hatte sie gehabt, um das Pergament zurecht zu stutzen, also musste sie doch hier irgendwo sein. Ob er sie versehentlich in die Spülmaschine gepackt hatte?

„Jack. Du redest auffällig oft in letzter Zeit von ihm”, entgegnete er gespielt-irritiert. Die Schere fand sich unter einem Küchentuch ein und sie starrte er mit realer Irritation an. Er hatte das Tuch eben benutzt, um sich nicht wieder die Finger zu verbrennen – wie gesagt, er konnte aus seinen Fehlern lernen – und da war die Arbeitsfläche leer gewesen.

Christie beobachtete ihn über den Rand ihres Glases hinweg. Manchmal fragte sie sich, wie viel von Jims Eifersucht auf ihren Boss echt und wie viel gespielt war. Jack und sie verband nur die Arbeit.

Als sie nichts sagte, sah er auf und blickte sie fragend an, als er bemerkte, dass sie ihn musterte. „Was ist? Habe ich Wein über meine Hose gekippt?“

Christie stützte das Kinn in die Handfläche und lächelte. „Du bist süß, wenn du eifersüchtig bist.“

Jim verzog erwartungsgemäß das Gesicht, als sie das s-Wort verwendete.

„Jack ist nur mein Boss. Und du weißt, dass er verheiratet ist. Es gibt keinen Grund, eifersüchtig zu sein.“

Er legte die Schere weg und balancierte die Teller zu ihr an den Tisch. „Gut.“

„Wow, das sieht fantastisch aus.“ Christie bog das Pergament auseinander und bewunderte das Essen, dann sah sie zu ihm auf, denn er war neben ihr stehen geblieben wie ein eifriger Kellner. „Du hast das wirklich alleine gekocht?“ Als er nickte, wieder mit diesem halb irritierten, halb amüsierten Ausdruck in den Augen, lächelte sie. „Ich sollte häufiger so lange wegfahren, wenn dich das derart inspiriert. Wenn es nur halb so gut schmeckt, wie es riecht, verteidigst du besser deine Portion oder ich vergesse mich.“

Jim beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie auf die Schläfe. „Ich verlasse mich darauf, dass du dich vergisst.“ Dann fischte er ein Gemüsestückchen von ihrem Teller und schob es sich in den Mund.

Christie lachte und schlug seine Hand weg. Manchmal benahm er sich wie ein kleiner Junge. Sie sah ihn an, als er grinste und ihr gegenüber Platz nahm. Dann hob sie ihm ihr Glas entgegen und klickte es an seines. „Danke“, sagte sie leise und hoffte, dass er verstand, dass es für mehr war, als dass er sich solche Mühe gemacht hatte, ihnen einen schönen Abend zu bereiten.

Er nickte nach einem Moment. „Warte damit, bis du probiert hast.“ Er lächelte dabei und nahm sich vor, sich bei seiner „Küchenhilfe“, der Frau in dem koreanischen Laden, bei nächster Gelegenheit zu bedanken.

Während er den Wein probierte, sah er zu, wie Christie das Essen probierte.

„Mmmm, das ist wirklich gut.“ Sie stoppte und deutete mit der Gabel auf ihn. „Ich sollte böse sein, dass du immer so tust, als würdest du nichts vom Kochen verstehen. Das wird mein neues Lieblingsgericht.“

„Man soll das Essen nicht vor dem Dessert loben“, entgegnete er leichthin und probierte selbst von seinem Werk. Es war wirklich nicht übel. Wenn man Fisch mochte.

Sie stieß ihn unter dem Tisch leicht mit dem Fuß an und er sah überrascht nach unten, als er spürte, dass sie aus ihrem Schuh geschlüpft war. Ihre Zehen strichen an der Innenseite seines Beins hoch. „Oh, ich denke, ich komme langsam hinter deine Absichten“, erwiderte sie mit einem Lächeln, das unterstrich was sie mit ihrem Fuß machte.

„Wenn du mit dem weitermachst, was du gerade tust, dann wird das Essen kalt und wir ziehen das Dessert vor“, sagte er nonchalant und spießte ein Stück Zitrone auf, um sie auf dem Tellerrand abzulegen.

„Es wäre eine Schande, dieses Essen kalt werden zu lassen“, erwiderte Christie ohne ihren Fuß zurück zu ziehen.

* * *

Jim trank sein Glas aus, als sie die Teller zusammenstellte. „Lass’ sie stehen“, meinte er. „Ich mach’ das morgen früh, bevor ich zur Arbeit gehe.“ Die Spülmaschine jetzt ein und wieder aus zu räumen stand nicht in seinen Plänen für heute Abend.

„Es wird morgen früh aber nicht mehr so gut riechen, wenn die Teller die ganze Nacht hier stehen“, widersprach ihm Christie. Sie schob ihm die Flasche und ihr Glas zu. „Schenk’ mir noch etwas ein. Ich lasse nur ein wenig Wasser drüber laufen, das hilft schon.“

Also füllte er ihre Gläser nach und lauschte dem Klicken von Porzellan gegen die Spüle, und dem Rauschen von Wasser. Als sie sich die Hände abtrocknete, nahm er ihre Gläser und trug sie zum Sofa.

Christie setzte sich neben ihn. Sie nahm das Glas, das er ihr reichte und seufzte zufrieden, als sie sich zurück lehnte, ihren Kopf gegen seine Schulter geschmiegt. „Genauso habe ich es mir in diesem grässlichen Hotelzimmer vorgestellt.“

„Ich wusste nicht, dass Jack so geizig ist, dass er dich in einem „grässlichen“ Hotelzimmer unterbringt. Macht er es wirklich unter vier Sternen?“

Sie boxte ihn mit dem Ellbogen in die Seite. „Es war ein großartiges, teures Hotel und die Spesenabrechnung wird astronomisch sein. Es war grässlich, weil ich dort ganz alleine saß und auf deinen Anruf wartete.“

Er zog den Arm weg und als sie fragend aufsah, meinte er: „Dreh’ dich um.“

„Was?“ Christie stellte ihr Glas ab.

Jim setzte sich so hin, dass er ihr ganz zugewandt war. „Ich massiere dir die Schultern. Du sagst immer, dass dir nach dem Fliegen der Rücken wehtut.“

Nach einem Moment des Zögerns – so aufmerksam war er seit der ersten Zeit ihres Kennen Lernens und der Flitterwochen nicht mehr gewesen und sie musste wieder diese misstrauische Stimme in ihrem Inneren ersticken, die darauf beharrte, dass er einen Grund haben musste – wandte sie ihm den Rücken zu.

Jims Hände glitten um ihre Taille und zogen sie nach hinten, bis sie praktisch auf seinem Schoß sah. Dann begann er ihre Schultern zu kneten, spürte die angespannten Muskeln unter dem glatten Seidenstoff ihrer Bluse.

„Mmmmh.“ Sie lehnte sich in seine Berührung. „Du hast wirklich noch einiges vor heute Abend, nicht?“, sagte sie leichthin, ein Lachen in ihrer Stimme. „Ich denke meine Mutter hat mich vor Männern wie dich gewarnt.“

Er beugte sich vor, strich ihr Haar zur Seite und küsste sie in den Nacken. „Wenn es mir nur um Sex gegangen wäre, hätte ich es beim Kochen belassen“, murmelte er.

Christie erwiderte nichts, stattdessen lehnte sie sich noch ein wenig mehr zurück und ihre Hand griff nach hinten, um sich auf sein Bein zu legen.

Als sich die Muskeln unter seinen Händen weich und warm anfühlten, küsste er erneut ihren Nacken, schlang die Arme um ihre Taille und zog sie zurück, bis ihr Oberkörper an seinem lehnte. Sie roch nach seinem Lieblingsparfüm und Duschgel und warmer Seide.

Christie drehte sich zu ihm herum, ohne sich aus seinen Armen zu lösen und küsste ihn. Anfangs leicht und spielerisch, doch mit wachsender Leidenschaft.

Jim schloss die Augen und zog sie an sich.

* * *

Er lag neben ihr in ihrem Bett, auf die Seite gedreht und betrachtete sie, ihr entspanntes – ja, glückliches – Gesicht, wie um es sich genau einzuprägen. Langsam hob er die Hand und strich eine Haarsträhne von ihrer Wange. Dann küsste er ihre Schläfe. „Ich liebe dich“, sagte er leise, sein Mund dicht an ihrem Ohr. Er war sich ziemlich sicher, dass sie ihn nicht hören konnte, aber für einen Moment sah es so aus, als vertiefe sich ihr Lächeln. Natürlich konnte es auch nur ein Trick des Lichts sein, das von draußen in den Raum fiel. Er glitt dicht neben sie, legte einen Arm um ihre Taille und schlief zum ersten Mal seit einer Woche wieder gut.

* * *

Terry saß an seinem Schreibtisch, seine Waffe vor sich liegend, als er am nächsten Morgen das Revier betrat. Er schlug ihm auf die Schulter und sah erstaunt, dass Terry heftig zusammen zuckte.

„Verdammt! Willst du mich zu Tode erschrecken, Dunbar?“, fuhr er ihn an und Jim hob entschuldigend die Hände.

„Das war keine Absicht. Nur weil du mit deinen Gedanken sonst wo bist...“ Er zuckte mit den Achseln und setzte sich auf seinen Platz. Seine Laune war viel zu gut, um sich von Terrys offenbar schlechter Stimmung anstecken zu lassen. Christie hatte noch geschlafen, als er aufstand und sich anzog und war nur so lange wach geworden, um ihn zum Abschied zu küssen. „Ist irgendwas?“

Terry schüttelte den Kopf. „Ich habe nicht gut geschlafen.“ Er musterte seinen Freund. „Du offenbar schon. Das Kochen hat wohl gewirkt, was?“

Jim grinste und beugte sich vor, doch er kam nicht dazu, etwas zu erwidern.

Die Stimme des Captains unterbrach sie. „Dunbar, Jansen. Es wurde ein Bankraub gemeldet, ihr beide fahrt da hin. Worum es genau geht, ist noch nicht bekannt, drei Streifenwagen sind bereits vor Ort.“

Terry stand auf, steckte mit einer Grimasse seine Waffe ins Holster und seufzte. „Okay. Es geht doch nichts über einen Banküberfall am frühen Morgen, um die Laune zu heben“, murrte er.

Jim folgte ihm zur Tür. „Wenn wir das erledigt haben, lade ich dich zum Frühstück ein“, meinte er. „Also lass’ uns hoffen, dass es schnell geht.“

Ende



Extrainfo zur Serie: Detective Jim Dunbar verliert sein Augenlicht aufgrund einer Verletzung, die er bei einem Schusswechsel mit einem Bankräuber davontrug. Sein Partner Terry Jansen, der ihm eigentlich Rückendeckung geben sollte, „erstarrte“ während des Einsatzes plötzlich und war somit möglicherweise mit verantwortlich, dass Dunbar angeschossen wurde. Terrys Schuldgefühle auf der einen Seite und Jims Wut darüber, von seinem Partner im Stich gelassen worden zu sein auf der anderen Seite, beenden die Freundschaft. (1.4 Schuld und Sühne [Up on a Roof])