Titel: Baile (Zuhause)
Autor: LadyCharena (Juli 2018)
Fandom: Burn Notice
Episode: post-series
Charaktere: Michael Westen, Fiona Glenanne, Charlie Westen
Pairing: Michael/Fiona
Worte: 1747
Rating: pg, het
Beta: T‘Len


Summe: Fionas Gedanken über ihr neues Leben in Irland. Angesiedelt nach „Weihnachten mit der Familie: Nollaig Shona Dhuit“ (Dezember 2014).

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Fiona schob die Gardine zur Seite und sah nach draußen in den Garten. Michael versuchte eine defekte Stelle im Zaun zu reparieren, fasziniert beobachtet von Charlie, der stolz auf der Werkzeugkiste thronte, eine Zange in der kleinen, behandschuhten Faust.

Als sie im Morgengrauen aufgewacht war, überraschte sie es nicht, das Bett neben sich wieder einmal leer vorzufinden.

Michaels Schlaflosigkeit war so ausgeprägt wie zu den schlimmsten Zeiten seiner Burn Notice, wie in den Nächten nach Nates Tod, wenn er aus Alpträumen hochschreckte, in denen er wieder und wieder durchlebte, wie sein Bruder starb. Als sie nichts tun konnte, als neben ihm liegen, schweigend, bis der knochenbrechende Griff um ihre Finger sich lockerte. Bis sie sich gegen seinen Rücken schmiegte, Michaels Haut kalt und gleichzeitig schweißgebadet, den Kopf gegen seine Schulter gelegt, die Hand flach auf seiner Brust, bis sie spüren konnte, dass sich sein Herzschlag beruhigte und er zurück in tieferen, traumlosen Schlaf glitt.

Fiona wusste, dass diese spezielle Wunde nie wirklich heilen konnte. Claires Tod hatte in ihrem Leben eine Lücke hinterlassen. Genau wie Nate war ihre Schwester das unschuldige Opfer unglücklicher Umstände gewesen, nur dass Fi nie die Gelegenheit erhalten hatte, ihrem Mörder gegenüber zu treten.

Michael sprach nicht mit ihr über die Alpträume oder seine Schuldgefühle und obwohl sie ihn zu lange, zu gut, kannte um zu versuchen ihn dazu zu zwingen, lag das Schweigen manchmal zwischen ihnen wie eine noch unbenutzte Waffe.

Es erinnerte Fiona an einen dekorativen, orientalischen Dolch, den sie auf einem türkischen Basar aus einem Impuls heraus gekauft hatte. Das Messing war angelaufen und sie hatte nicht versucht, die Patina davon zu entfernen, bevor sie ihn in ihrer Wohnung an der Wand befestigte. Jemand hatte die Waffe fast unbrauchbar gemacht, alle scharfen Kanten stumpf geschliffen - bis auf die Spitze, wo das Metall dünner und heller war. Fiel Sonne durch das Fenster direkt darauf, erwärmte sich der Dolch und gab einen unangenehm stechenden Geruch von sich.

Schweigen war eine stumpfe Waffe, die dennoch ausreichend Schaden anrichten konnte.

Wenn das Wetter es zuließ, ging Michael oft stundenlang laufen. Nun war Irland nicht Florida und ihr Cottage nicht in Miami. Hier gab es keine Parks mit befestigten Wegen und wo sich Steine mit Sand abwechselten war das Laufen wesentlich unangenehmer als in South Beach. Sie sah ihn manchmal, stundenlang aufs Meer hinaus starrend, als könnte er dort Antworten finden.

An diesem Morgen war der Nebel zu dicht, um das Meer zu sehen. Es hatte ein paar Tage lang nicht geschneit, der Boden war trocken, aber gefroren.

Auf der Suche nach Futter waren ein paar Kaninchen in den Garten gekommen, durch die defekte Stelle am Zaun, ihre Furcht vor Schrotflinten überwindend. Da zur Zeit nichts als ein paar verdorrte Unkräuter dort ihr mageres Dasein fristeten, war die Reparatur nicht gerade hoch auf ihrer Prioritätenliste, doch es gab sonst nicht viel anderes zu tun. Und während der langen Wintertage schien Michael Zuflucht in den vielen kleinen Reparaturen und Instandhaltungen zu finden, die so ein Haus in einem gewissen Alter benötigte. Doch als Charlie versuchte, eines der Wildkaninchen zu fangen - um, wie er später erzählte, es als Haustier mit in sein Zimmer zu nehmen - ausglitt und sich die Unterlippe blutig schlug, wollte Michael es nicht länger aufschieben.

Charlie war letzte Nacht gegen drei Uhr morgens schlaftrunken in ihr Schlafzimmer gewandert, etwas das inzwischen immer seltener vorkam, hatte sich zwischen sie in die Kissen gekuschelt und schläfrig gefragt, ob sie morgen Onkel Jesse und Onkel Sam besuchen könnten. Er war eingeschlafen, bevor einer von ihnen eine Antwort darauf finden konnte.

Einige Stunden später verließ Michael das Bett um sich im Badezimmer anzuziehen, aber nicht leise genug für Charlie, der ihm auf dem Fuße folgte. Nicht, dass Fiona selbst schlief. Sie gab auf, so zu tun und stützte sich auf einen Ellbogen auf, um dem kleinen Jungen in seinem etwas zu großen Dinosaurierschlafanzug nachzusehen.

Manchmal fragte sie sich, ob Charlie inzwischen vergessen hatte, dass Michael sein Onkel und nicht sein Vater war. Konnte er sich überhaupt bewusst an Nate erinnern? Er war so jung gewesen. Auch nach Madeline fragte er kaum noch. Auf dem Nachtisch neben seinem Bett stand ein Foto seiner Eltern, Nate und Ruth mit Baby Charlie auf dem Arm, aufgenommen zwei Tage nach seiner Geburt. Außerdem ein Foto von Madeline und Charlie auf dem Spielplatz, das Fi selbst aufgenommen hatte, nur wenige Wochen bevor sich ihr Leben so radikal änderte. Madeline hatte sie in weiser Voraussicht, trotz der Eile mit der sie aufgebrochen waren, zwischen die Sachen des Jungen gepackt. Sie wollte nicht, dass Charlie komplett den Kontakt zu seiner Familie verlor.

So wie Charlie nun die einzige Verbindung war, die Michael noch zu seiner Familie hatte. Seiner leiblichen Familie. Ihre adoptierte Familie aus Freunden und Verbündeten befand sich weit weg in Florida und sie bekamen nur spärlich Informationen - ganz altmodisch auf Papier mit der Post - über eine Großtante ihrer Mutter in Belfast, eine Kommunikationsmethode die selbst die CIA nur schwerlich hätte entdecken können, selbst wenn sie noch nach ihnen suchen würden.

Fiona vermisste nicht unmittelbar Miami - nun gut, während des Winters gab es angenehmere Orte als Irland - als dass ihr schlicht gesagt, langweilig war. Sie hatte, so unglaublich es selbst in ihren eigenen Ohren klang, angefangen kochen zu lernen, um die Stunden mit etwas zu füllen. So verschieden davon, hinter Bikergangs oder Betrügern durch Miami zu jagen, Bomben zu basteln oder den einen oder anderen kleinen Waffen-Deal zu machen. Nun spielte sie mit Charlie, teilte sich mit Michael die Hausarbeit - er war eindeutig der bessere Koch - und las Bücher aus der Bücherei im nächsten Ort.

So war sie auch - nachdem sie am Fenster beobachtet hatte, wie Michael und Charlie, dick eingepackt gegen die Kälte durch den Garten stapften - aufgestanden und war in die Küche gegangen, um den Herd anzufeuern und die Zutaten zum Brotbacken bereit zu stellen. Das Rezept für Sodabrot ihrer Großmutter war um einiges einfacher, als Napalm zusammen zu rühren...

Fiona warf einen Blick auf den Brotlaib, der neben dem Herd auf einem Gitterrost auskühlte, dann öffnete sie das Fenster einen Spalt. "Frühstück ist in zehn Minuten fertig, Jungs", rief sie nach draußen und genoss für einen Moment die eiskalte Morgenluft auf ihrem Gesicht, schneidend in der Hitze, den der Backofen ausstrahlte. Als Charlie sich zu ihr umdrehte, sein Gesicht voller Begeisterung und Michael nickte, um zu zeigen, dass er verstanden hatte, dass es Zeit war, ins Haus zu kommen und sich aufzuwärmen, schloss sie mit einem Lächeln das Fenster wieder. Sie setzte Milch für Kakao auf und stellte fest, dass sie bald Einkaufen gehen mussten.

Als sie Teller und Besteck auf dem Tisch verteilte, fragte eine leise Stimme in ihr, wie lange sie es wirklich noch hier aushalten mochten. So sehr sie sich nach Frieden und Ruhe gesehnt hatte, konnte Fiona sich nicht vorstellen, bis ans Ende ihrer Tage so zu leben. Die Realität war kein Märchen, in dem sie und Michael glücklich in diesem Cottage lebten, eine Familie gründeten...

Nun, das war ein anderes Thema. Fi stammte aus einer kinderreichen Familie, aber sie hatte nie selbst den Wunsch empfunden, Mutter zu werden. Besonders nicht, nachdem sie Michael kennengelernt hatte.

Sie kam mit Charlie gut klar, aber sie wussten beide, dass er nicht für immer bei ihnen bleiben konnte. Er war und blieb Ruths Sohn und es schien Fi grausam, ihr Charlie auf Dauer weg zu nehmen, besonders da sie sich ehrlich bemühte, ihr Leben in den Griff zu bekommen und ihre Alkoholsucht zu überwinden. In Sams weit verzweigtem Netzwerk aus Freunden, Bekannten und früheren Kollegen fand sich immer jemand, der in Las Vegas ein Auge auf sie hielt.

Sie trauerte sicher Vaughn keine Sekunde nach, aber er hatte etwas gesagt, dass sie nicht vergessen konnte – was Michael getan hatte, war kein Job für ihn gewesen. Es war eine Sucht. Er war süchtig nach diesem Leben. Und sie fragte sich, ob alles was mit der CIA, Sonya und James passiert war - und indirekt Maddies Tod als Folge davon – ihn von dieser Sucht geheilt hatte. Immerhin standen sie schon einmal an diesem Abgrund… Und Michael hatte sich damals gegen sie entschieden.

Natürlich würde Michael nicht in der Lage sein, in den Staaten zu arbeiten, schließlich galten sie beide offiziell als tot, aber die Welt war groß und voller Möglichkeiten.

Und sie selbst?

Hier zu bleiben hatte zu sehr etwas von sich Verstecken an sich – und darin war Fiona nie gut gewesen.

Vielleicht sollte sie eher die Frage stellen, wer von ihnen beiden als Erstes dieses neue Leben als zu eng empfinden und ausbrechen würde.

Charlie stürmte die Küche und unterbrach ihre Gedanken. Seine Wangen glühten förmlich, teils vor Kälte, teils vor Begeisterung und er konnte kaum lange genug stillhalten, dass sie ihm aus dem Anorak und den Handschuhen half. Dann kramte er in den Taschen seiner Schneehose und brachte etwas zum Vorschein, dass nach einem Erdklumpen aussah. „Habe ich gefunden“, teilte Charlie ihr stolz mit.

„Das ist… schön.“ Fi zog die Augenbrauen hoch und sah Michael an, der ebenfalls in die Küche trat und seinen Mantel auszog, um ihn zum Trocken aufzuhängen.

Er hielt seine Hände über den antiken Aga-Herd, um sie zu wärmen. „Unter dem Schmutz ist ein Schneckenhaus“, erklärte er mit einem schiefen Grinsen. „Ich konnte ihn nicht überzeugen, dass wir es im Garten lassen sollten, für den Fall, dass eine obdachlose Schnecke vorbei kommt.“

Fiona riss ein Küchentuch von der Rolle und hielt es Charlie hin. „Leg es da rauf. Nach dem Frühstück sehen wir, was wir damit anfangen können.“ Vorsichtig legte sie den gefundenen „Schatz“ auf dem Fensterbrett ab und hoffte, dass die Wärme im Raum keine eventuellen Bewohner aus dem Winterschlaf weckte und strich Charlie über die Haare, als der Junge bereitwillig auf seinen Stuhl kletterte.

Michael schnitt eine Scheibe Brot ab und half Charlie dabei, Butter darauf zu streichen, während Fi Kakao und Kaffee in Becher verteilte.

Für den Moment war das Cottage ihr Zuhause. Vielleicht war das für diesen Augenblick auch genug.


Ende