Titel: Es war einmal in New York
Autor: Lady Charena (April 2002)
Fandom: Die Schöne und das Beast / Beauty and the Beast
Episode: “Ein Anfang und ein Ende”
Charaktere: Jacob Wells (Vater), Mary, Vincent, Originalcharaktere
Rating: pg, AR
Worte: 2509
Beta: T'Len


Summe: Eine mögliche Version, wie Vincent zu seiner Familie kam.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



Es war früh am Tag und noch immer kalt genug, dass sein Atem als weiße Wolke vor seinem Gesicht kondensierte. Jacob Wells – ehemals Dr. Jacob Wells – rieb seine klammen Hände, bevor er sie in die Taschen des Mantels stopfte. Eine alte Schuld nach so langer Zeit einfordern zu müssen, war nicht angenehm gewesen. Und doch war es die einzige Möglichkeit, die ihm noch geblieben war. Er hatte selbst nie im Sankt-Vincent-Hospital gearbeitet, kannte jedoch den jetzigen Oberarzt sehr gut. Sie hatten zusammen studiert.

Er erinnerte sich an die Überraschung auf dem Gesicht seines ehemaligen Studienkollegen, als er eintrat – trotz der Anmeldung durch eine Schwester am Empfang. Noch mehr allerdings an die Verlegenheit, mit der der Arzt stets seinem Blick ausgewichen war. In Gedanken hörte er wieder die Stimme des Mannes, den er einstmals für einen Freund gehalten hatte...


* * *


„Jacob, das ist eine Überraschung. Ich dachte... hörte ich nicht, du hättest die Stadt verlassen?“

Da ihm nicht einmal ein Sitzplatz angeboten wurde, nahm Jacob einfach Platz. „Wie du siehst, bin ich noch hier.“ Er beugte sich etwas vor, um ein Foto zu betrachten, das in einem schweren Silberrahmen auf dem eleganten Schreibtisch stand.

„Deine Frau?“, erkundigte er sich und es gelang ihm nur knapp, die Bitterkeit aus seiner Stimme fernzuhalten.

„Äh, ja.“ Der andere griff nach dem Bilderrahmen, rückte ihn nervös umher. Noch immer sah er Jacob nicht an. „Was... was kann ich denn für dich tun? Es ist nur, ich habe Termine und...“ Er brach verlegen ab.

Jacobs Hände verkrampften sich um den Spazierstock, den er aufgrund seines Knies benötigte, bis die Knöchel weiß hervortraten. Die Schreibtischkante verdeckte seine Hände, so dass er äußerlich vollkommen beherrscht wirkte.

„Machen wir es kurz. Ich bin hier, weil ich Medikamente benötige und keine Fragen beantworten kann“, sagte Jacob. Er löste eine Hand, überrascht über das Prickeln in den Fingern, als das Blut wieder ungehemmt strömen konnte und nahm eine Liste aus der Brusttasche seines Jacketts. Er reichte sie dem anderen Mann, der sie erst nach einem merklichen Zögern vorsichtig entgegennahm.

Der Arzt überflog die Liste, ließ sie dann sinken. „Wozu benötigst du das? Jacob, dir ist doch klar, dass ich dir nichts geben kann. Erstens ist das hier ein Krankenhaus und keine Apotheke und zweitens...“ Er verstummte erneut.

Jacob lächelte müde. „Und zweitens bin ich kein Arzt mehr, ich weiß. Wenn ich eine andere Möglichkeit sehen würde, an die Medikamente zu kommen, wäre ich nicht hier.“

Der andere Mann senkte hastig den Blick. „Ich... ich kann dir vielleicht ein paar Dinge besorgen. Verbandsmaterial, die fiebersenkenden Medikamente und möglicherweise etwas Antibiotika. Aber wie stellst du dir vor, soll ich an Narkosemittel und Morphium kommen, ohne dass es auffällt? Das Zeug kann man nicht eben mal so im Drugstore an der Ecke kaufen. Was willst du überhaupt damit?“

Wieder flog ein erschöpftes Lächeln über Jacobs Gesicht. „Ich richte meine Praxis ein.“

„Deine Praxis? Hier in New York?“ In der Stimme des Arztes lag Erstaunen. „Das ist unmöglich. Mit deiner Vergangenheit bekommst du niemals wieder eine Zulassung.“

Jacob reagierte nicht darauf. Er wies mit dem Kopf auf die Liste. „Bis wann kannst du mir diese Medikamente besorgen?“, fragte er gleichgültig.

Der andere schüttelte den Kopf. „Du bist wahnsinnig“, entgegnete der Arzt. „Ich habe dir eben erklärt, dass ich dir nicht helfen kann. Es ist schlimm genug...“ Er brach ab.

„Dass du mit mir gesehen wurdest? Dass die Schwester vom Empfang dem ganzen Krankenhaus erzählen wird, dass du offenbar in Verbindung mit dem berüchtigten Dr. Jacob Wells – Verzeihung, natürlich ohne Doktor, nur einfach Jacob Wells – stehst? Sicherlich hat sie mein Bild damals in der Zeitung gesehen. Fürchtest du um deinen guten Ruf? Oder nur die Fragen deiner werten Kollegen?“

Jacob stand auf und wandte sich ab, um seine Wut und Bitterkeit unter Kontrolle zu bekommen. Ich hätte nicht hierher kommen sollen, dachte er müde. Aber was hätte ich sonst tun können?

An der Wand, auf die er blickte, hingen verschiedene Diplome und Urkunden in goldenen Rahmen. Unter ihnen auch das Titelblatt der Doktorarbeit...

Der Arzt folgte Jacobs Blick und Blut schoss in seine Wangen.

Niemand wusste, dass nur knapp die Hälfte seiner Doktorarbeit von ihm selbst stammte. Den Rest hatte ein genialer Student geschrieben, mit dem er einst an der Universität das Zimmer teilte – Jacob Wells.

Er senkte den Kopf. „Gut, ich werde dir alle Medikamente besorgen. Aber ich benötige Zeit. Komm‘ nächste Woche wieder her. Oder nein, wir treffen uns besser irgendwo in der Stadt, hier ist es zu gefährlich. Wo kann ich dich erreichen?“

Jacob wandte sich langsam um. Erpressung, dachte er mit einem Anflug von Übelkeit. Bin ich wirklich so tief gesunken? „Nirgendwo“, sagte er leise. „Ich werde dich anrufen.“ Er knöpfte seinen Mantel zu, den er noch immer trug, da er nicht dazu aufgefordert worden war, ihn abzulegen. Ohne ein weiteres Wort, ohne Abschied, ging er.


* * *


Wie sehr sich Krankenhäuser ähnelten... Das Sankt-Vincent-Hospital war genauso aufgebaut, wie jenes, in dem er seine Assistenzzeit verbracht hatte. Auch hier führte eine kleine, düstere Wendeltreppe direkt in den Hinterhof. Lieber nahm er den Weg zwischen den Mülltonnen, als sich noch einmal von der jungen Schwester am Empfang mit offenem Mund anstarren zu lassen. Auch auf der Treppe begegnete er niemandem, was ihn für einen Moment mit unerwartet großer Dankbarkeit erfüllte.

Die Brandschutztür quietschte, als er sie aufstemmte – offenbar wurde sie nur selten benutzt – und glitt dann ganz langsam wieder hinter ihm zu.

Frische, kalte Luft begrüßte ihn. Jacob zog seine altmodische Taschenuhr – ein Erbstück seines Großvaters und das einzige, was ihn noch an seine Familie erinnerte, die sich längst von ihm losgesagt hatte – und warf einen Blick darauf. Genau zwanzig Minuten nach acht Uhr. Es war ihm vorgekommen, als hätte das Gespräch mehrere Stunden gedauert.

Er schob die Uhr zurück und zuckte zusammen, als hinter ihm jetzt erst die Brandschutztür mit einem dumpfen Knall ins Schloss fiel.

In diesem Moment hörte er es zum ersten Mal – leises Weinen, das bald in Wimmern überging. Das Geräusch kam von einem großen, abgedeckten Korb, der im Schatten einer überquellenden Mülltonne stand. Langsam näherte sich Jacob ihm.

Hatte jemand einen Wurf Katzen ausgesetzt? Unter dem fleckigen Tuch waren schwache Bewegungen zu erahnen. Mit seinem Spazierstock zog er den Korb ins Licht und bückte sich dann, um das Tuch zur Seite zu schlagen. Überrascht und entsetzt zugleich wich er zurück.

Im Korb lag ein... Monstrum. Fasziniert kniete sich Jacob auf den kalten Boden, den dumpfen Schmerz in seinem Knie ignorierend. Er zog das Tuch weiter weg. Nein, es war ein Kind. Ein Neugeborenes. Nicht mehr als ein oder zwei Stunden alt, die bereits von der Kälte leicht bläulich verfärbte Haut schrumpelig und stellenweise noch mit angetrocknetem Blut bedeckt. Es lag jetzt vollkommen ruhig und schien nicht einmal mehr zu atmen.

Jacob berührte es vorsichtig. Der kleine Körper war beinahe ausgekühlt, doch es schlug die Augen auf, als er es berührte. Klare, eisblaue Augen, das einzig eindeutig menschliche in einem Gesicht, in dem sich auf groteske Weise menschliche und Löwenzüge mischten. Behutsam rollte er es auf die Seite und entdeckte das gleiche honigfarbene Fell wie auf der Brust auch auf Schultern und Rücken. Es war unglaublich. Das Kind stieß einen dünnen Schrei aus und er zog vor Schreck die Hand zurück.

Jacob holte tief Atem und dann gewann seine medizinische Ausbildung die Oberhand über das Entsetzen.

Er untersuchte das Kind rasch, aber gründlich. Es war fachmännisch abgenabelt worden, aber wohl kaum hier im Krankenhaus, sonst wäre es nicht auf dem Hof gelandet. Streichholzdünne Finger endeten in grotesk langen Nägeln, noch weich und biegsam, blau angelaufen vor Kälte. Es war ein Junge.

Er fragte sich, was er damit anfangen sollte. Es hier in der Kälte liegen zu lassen, würde bedeuten, es zu töten. Einen Moment lang wusste er nicht, ob es nicht gnädiger wäre, genau das zu tun und einfach weg zu gehen. Zu vergessen, was er gesehen hatte. Aber er konnte es nicht. Das Beste würde sein, es ins Krankenhaus zu bringen.

Die blauen Augen waren jeder Bewegung seiner Hände gefolgt. Es weinte nicht mehr, bewegte sich aber sonst kaum. Jacob richtete sich mühevoll auf. Er musste sich rasch entscheiden, das Kind wurde von Minute zu Minute sichtlich schwächer.

Die Brandschutztür öffnete sich langsam und quietschte. Hastig schlug Jacob das Tuch wieder über den Korb, bedeckte das Kind völlig.

Eine Krankenschwester tauchte auf, einen Müllbehälter in der Hand. „Was machen Sie hier?“, fragte sie scharf, als sie Jacob erblickte. „Das Betreten des Hofes ist für Patienten und Besucher verboten!“ Sie kam auf ihn zu. „Was haben Sie da?“

Jacob hob den Korb vorsichtig hoch. „Ich wollte gerade gehen.“ Er wandte sich ab und ging rasch zum Tor, er hoffte, die Schwester würde ihm nicht folgen – und er betete, dass das Kind nicht ausgerechnet jetzt anfangen würde zu weinen. Doch es blieb stumm.

Die Krankenschwester blickte dem seltsamen Mann mit seinem Korb misstrauisch nach. Sie hätte nicht gezögert, einen Pfleger oder den Pförtner zu rufen, wenn sie nicht sicher gewusst hätte, dass es hier im Hof außer Müll nichts gab – und den würde wohl niemand stehlen. Außerdem war der Mann gut gekleidet und wirkte seriös, kein Obdachloser, der nach einem Unterschlupf suchte. Hätte er sich nicht so merkwürdig benommen, hätte sie angenommen, es wäre einer der Ärzte des Hospitals gewesen... Kopfschüttelnd stemmte sie sich gegen die Tür, um sie zu öffnen und kehrte in das Gebäude zurück.


* * *


Als Schritte erklangen, begleitete vom raschen Stakkato eines Spazierstocks, fuhr Mary aus dem Sessel hoch, in dem sie eingenickt war. Sie hatte die Nacht am Bett einer der Frauen der Gemeinschaft gewacht und kalte Umschläge gewechselt. Erst in den Morgenstunden war das Fieber der hochschwangeren Frau gesunken und Mary überließ die Wache einer der andern Frauen.

Dann hatte sie sich in Jacobs Kammer gesetzt, um auf seine Rückkehr zu warten. Sie presste einen Moment die Handflächen gegen ihre müden, brennenden Augen. Als sie sie wegnahm, stand Jacob im Eingang der Kammer und hielt einen Korb in den Händen.

Mary stand auf und eilte auf ihn zu. „Jacob, ich habe mir Sorgen gemacht, du warst so lange weg.“

„Wie geht es ihr?“, fragte Jacob ohne auf ihre Frage zu antworten und stellte den Korb vorsichtig auf seinem Bett ab.

„Das Fieber ist gesunken.“ Die Hebamme schüttelte besorgt den Kopf. „Aber ich mache mir Sorgen um das Kind und um die Geburt. Es ist bald soweit und sie ist so schwach.“

Jacob nickte. „Ich werde gleich nach ihr sehen. Mary...“ Er zögerte.

Sie sah den seltsamen Ausdruck auf seinem Gesicht und kam näher. „Ist etwas geschehen, Jacob?“

Sein Blick glitt zum Korb. Mary blickte in die gleiche Richtung. „Sieh‘ es dir selbst an“, sagte Jacob mit belegter Stimme.

Beunruhigt ging Mary zum Bett und schlug das Tuch zurück. Mit einem leisen Aufschrei wich sie zurück und presste eine Hand vor den Mund. „Was... was ist das?“, brachte sie schließlich hervor.

„Ich habe ihn hinter dem Sankt-Vincent-Hospital gefunden. Es ist ein Kind, ein Junge und er lebt. Ich... ich konnte ihn doch nicht einfach in der Kälte liegen lassen.“

„Ein Kind? Hinter dem Hospital?“, wiederholte Mary verständnislos. Sie riss sich sichtlich zusammen und blickte wieder in den Korb.

Langsam streckte sie eine Hand aus und berührte das seltsame Löwengesicht des Kindes. „Wie kann so etwas geschehen? Das Kind ist nicht verstümmelt“, sagte sie leise. „Es muss so geboren sein. Und das liegt noch nicht lange zurück.“ Das Kind öffnete die Augen und sie sah erstaunt, wie klar sie waren. Sie hatte viele Kinder gesehen und es war nie eines mit solchen Augen dabei gewesen. Ein strahlendes Hellblau, in dem sich die Flammen der Kerzen, die die Kammer erhellten, spiegelten. Jetzt, da sie den ersten Schrecken überwunden hatte, erschien ihr das kleine Wesen, das vor ihr lag, gar nicht so schrecklich. Seltsam, ja, auch fremdartig – aber nicht beängstigend.

„Ich habe schon missgebildete Kinder entbunden“, sagte sie leise. „Und ich habe von anderen Hebammen von schlimmen Missbildungen gehört – aber so etwas...“ Sie schüttelte den Kopf. „Wird es überleben?“

Jacob trat neben sie. „Ich weiß es nicht. Kannst du dich um ihn kümmern?“

Er hätte die Frage nicht zu stellen brauchen, Mary war bereits dabei, das Kind wieder in das Tuch zu hüllen und es aus dem Korb zu heben. Sie streichelte das kleine Köpfchen, zerzauste den verklebten honigfarbenen Flaum und in ihren Augen spiegelte sich kein Entsetzen oder Abscheu – sondern die gleiche warme Zärtlichkeit, als halte sie ihr eigenes Kind in Armen.

„Denkst du, er kann mit diesem Mund Nahrung aus einer Nuckelflasche zu sich nehmen?“, fragte sie leise, schon auf dem Weg zum Ausgang. „Oder soll ich es mit einer Spritze versuchen?“

„Ich denke, eine der Flaschen für Neugeborene sollte funktionieren“, entgegnete Jacob. „Mary?“

Sie drehte sich um, wiegte das Kind langsam und summte dabei ein Lied vor sich hin, wie er es sie mit vielen der Kinder in den Tunnels schon hatte tun sehen.

„Wir wissen nicht, wer oder was er ist. Und wir wissen nicht, ob er überleben wird.“

Sie verstand die Warnung, die er nicht aussprach - ihr Herz nicht zu sehr an das Kind zu hängen – und nickte. Dann verließ sie die Kammer.

Jacob sah ihr nach. Es erstaunte ihn selbst nach drei Jahren noch immer, wie Mary so voll Liebe und Zärtlichkeit für alle Kinder in den Tunnels sein konnte, ganz ohne Bitterkeit – eine Frau, der das Schicksal ihre eigenen Kinder so grausam genommen hatte.


* * *


„Es ist ein merkwürdiges Kind, nicht wahr?“, fragte Mary hinter ihm. „Und ich meine nicht sein Aussehen.“

Jacob riss sich aus seinen Gedanken und drehte sich zu ihr um. „Ja. Als ich ihn hierher brachte, hätte ich nicht gedacht, dass er auch nur den Tag überleben würde, aber er wird von Stunde zu Stunde kräftiger.“

Mary trat neben ihn und sie blickte beide auf das seltsame Findelkind in der handgezimmerten Wiege. Ein Bad, regelmäßiges Füttern und warme, saubere Kleidung hatten einen erstaunlichen Unterschied bewirkt.

„Wenn er mich so ansieht, habe ich das Gefühl, er versteht jedes Wort, das ich zu ihm sage.“ Sie schüttelte den Kopf, berührte sanft die samtweiche, flache Nase. Das Kind gab einen leisen, zufriedenen Laut von sich. „Du bist hier in Sicherheit“, flüsterte sie zärtlich. „Wie werden wir ihn nennen?“

„Angesichts des Ortes, an dem ich ihn gefunden habe, ist Vincent vielleicht ein passender Name, findest du nicht, Mary?“, sagte Jacob. Er hielt einen Moment den Atem an, als sich die blauen Augen auf ihn richteten, als suche Vincent gezielt seinen Blick – was unmöglich bei einem Baby war – und lächelte dann. „Willkommen in der Familie, mein Sohn.“


Ende