Diese Story ist tatsächlich schon 8 Jahre alt, aber ich habe sie offenbar niemals zuvor veröffentlicht. Enjoy!



Titel: Lost Boys: Wozu ist Familie da?
Autor: Lady Charena (Februar 2007)
Fandom: The A-Team
Episode: Recipe for Heavy Bread
Worte: 18.860 (komplett)
Pairung: Murdock, Hannibal, Face, BA
Rating: R– (angst, violence, torture in Rückblenden)
Beta: T'Len

Summe: In der Folge Recipe for Heavy Bread begegnet das A-Team zwei Geistern aus ihrer Vergangenheit. Zum einen in der Person des Kochs Lin Duk Coo, der sie und andere Gefangene unter Einsatz seines eigenen Lebens in einem vietnamesischen POW-Lager mit Essen versorgte. Zum anderen in der Person des damaligen Befehlshaber dieses Lagers, General Chao, der seinen Sadismus an den Gefangenen auslebte. Und wie böse Geister suchen nun Erinnerungen das Team heim. Murdock, dessen Gedächtnis einen großen Teil dieser Zeit einfach ausgeblendet hatte, wird von ihnen eingeholt.

Noch mehr Warnungen? Nun, ich bin nicht in allzu graphische Details gegangen, aber Demütigung und Folter werden stellenweise mehr als nur erwähnt...

Zu Post-Traumatischem-Belastungs-Syndrom/Combat Stress & Post Vietnam War Syndrom gibt es einen sehr hilfreichen Artikel bei Wikipedia, ohne den diese Story möglicherweise nie entstanden wäre.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.
Lyrics by Aschen Mortality & Meatloaf








* * *

"There's no grace in victory. The one who glorifies it must revel in bloodshed." Tao-Te King





* * *

…as I fall into the darkest night as yet I have known
Mind full of memories makes its cruel demands:
How can I face another hour alone
Is there hope for me within my misery?

(Ashen Mortality – The Darkest of Nights)



Im gleichen Augenblick, als ein Tritt das Gitter - von BA nach einem früheren „Ausflug“ Murdocks nur oberflächlich befestigt – vom Fensterrahmen beförderte und der Pilot sich geschickt ins Freie hangelte, plärrte die Alarmanlage los. Sein gutes Benehmen und seine relative Harmlosigkeit hatten ihm den Raum im Erdgeschoss des psychiatrischen Flügels im Veteranenhospitals eingebracht. Und es war nicht das erste Mal, dass er auf diese Weise sein Zimmer verließ. Doch normalerweise war dann Face hier, um falsche Spuren zu legen und BA hätte einen kurzzeitigen Stromausfall inszeniert, so dass die Alarmanlage nicht losging, sobald das Gitter abgenommen wurde.

Dieses Mal kümmerte sich Murdock nicht darum, das der Alarm losbrüllte und jemand seine Abwesenheit frühzeitig bemerken würde. Sein Basecap auf dem Kopf, die Lederjacke unter den Arm geklemmt, rannte er so schnell er konnte, geduckt wie unter Beschuss, durch den Park, nach vorne zur Straße, die nicht einmal von einem Zaun begrenzt wurde. Aber für gewöhnlich kamen Patienten gar nicht erst so weit. Bei entsprechender Medikamentierung waren verschlossene Türen und mit Alarm gesicherte Fenster so unüberwindlich wie altmodische Burggräben oder primitive, afrikanische Elefantenfallen. Zudem wurden als wirklich gefährlich erachtete Patienten ohnehin nicht in diesem Hospital untergebracht, sondern in einem strenger bewachten Armeekrankenhaus außerhalb der Stadt.

Nach mehr als zehn Jahren im geradezu krampfhaft genau geregelten Klinikalltag hatte Murdock einige sehr kreative Möglichkeiten entwickelt, seine Medikamente nicht zu nehmen – zumindest die abendlichen Schlafpillen nicht, die durch Farbe und Form von den anderen leicht zu unterscheiden waren. Schließlich könnte ihn der Colonel jederzeit brauchen und es blieb nicht immer Zeit für eine Vorwarnung. Doch auch sonst war ihm die Nacht oft zu dunkel und zu still. Er verbrachte sie damit, zu lesen und sich durch die Radiosender zu suchen, oder fern zu sehen. Die meisten Nächte schlief er erst dann ein, wenn ihn das ständige, beruhigende Murmeln des Radios oder des Fernsehers mit seinem tröstlichen Flackern in einen sicheren Kokon hüllten.

Außerdem, wenn er nicht schlief, verpasste er auch die Range-Rider-Wiederholungen morgens um halb vier nicht.

Face hatte bei seinen unregelmäßigen Besuchen im Krankenhaus stets ein Auge auf Murdocks Akte und seine Medikamentierung – für den Fall, dass er sie besorgen musste, während sie mit einem Job irgendwo waren. Es gab einfach keine Information, die Face im weißen Arztkittel nicht aus einer Schwester herausbekam. Natürlich half es auch, dass ihn kaum jemand wiedererkannte, da die Schwestern und Pfleger in der psychiatrischen Abteilung sehr häufig wechselten. Vielleicht mehr noch, um zu verhindern, dass sie sich mit den Patienten anfreundeten, als wegen dem Stress, dem sie dort ausgesetzt waren.

Er hatte die Straße bereits erreicht, als sich erst die Türen des Haupteinganges öffneten und ein paar Pfleger die Treppen heruntereilten. Der Alarm hatte kurz nach zwei Uhr morgens losgebrüllt und es hatte einige Augenblicke benötigt, bis jemand die Verfolgung aufnahm. Murdock hatte nicht bewusst auf die Zeit geachtet, war einfach aufgestanden und hatte das Fenster geöffnet. Die Schwestern und Pfleger, sogar sein behandelnder Arzt nahm an, dass es einfach nur ein Teil seines Krankheitsbildes war, grundsätzlich voll angekleidet schlafen zu gehen. Aber das war nur die halbe Wahrheit. Murdock wollte immer bereit sein, sollte seine Einheit ihn brauchen – der Krieg hatte dies tief in seinem Bewusstsein verankert und dass er nun in einem Krankenhaus lebte, änderte nichts daran. Genauso wie Hannibal sein kommandierender Offizier blieb und ihn jederzeit holen konnte. Außerdem gab es Nächte, in denen ihm nicht warm werden wollte, egal wie sehr er sich in seine Decken kuschelte. Nächte, in denen er seine Jacke wie einen Talisman umklammerte und nicht einmal Billy ihm Gesellschaft leistete, während er den Fernseher die Schreie, die Schüsse und das Knattern von Helikopterrotoren in seinem Kopf überdröhnen ließ.

Doch dieses Mal wäre er auch nackt losgezogen, er hätte es nicht einmal bemerkt. So fiel ihm auch nicht auf, dass seine Füße nur in Socken steckten. Die Chucks standen ordentlich vor dem Bett – das sich jedoch nicht an seinem üblichen Platz befand, sondern die Tür blockierte. Eine Tür, die man nur von außen öffnen konnte. Eine Tür, die viel zu oft abgeschlossen wurde.

Unter dem Basecap war sein Gesicht sehr blass und seine Augen starrten groß und leer ins Nichts. Er war im Dunkeln der schlecht beleuchteten Straße verschwunden, bevor die Männer das Ende der Auffahrt erreicht hatten.


* * *


Fast eine Stunde später stand er vor dem Tor einer Lagerhalle, erschöpft, verwirrt. Warum war er weggelaufen? Vor was? Er lehnte sich gegen das Tor und presste die Stirn gegen das raue Holz. Etwas an diesem Ort kam ihm vertraut vor. Hatte er hierher gewollt? Aber wie sollte er in die Halle kommen? Er rüttelte vergeblich an einem dicken Vorhängeschloss, mit dem eine Tür direkt neben dem Tor gesichert war. Murdock richtete sich auf, sah sich um. Sein Blick fiel auf Ziegelsteine, die jemand sorgfältig an die Wand geschichtet hatte. Ein träumerisches Lächeln glitt über sein Gesicht und er wusste plötzlich genau, wo der Schlüssel für die Tür versteckt war. Er glaubte sich zu erinnern, dass er geholfen hatte, die Steine in einem bestimmten Muster aufzuschichten. „Hickery-Dickery-Dock, the mouse ran up the clock. The clock struck one, and down he run...“, sang er den alten Kinderreim leise vor sich hin, den Hannibal gerne als Code benutzte und zählte dabei die Steine ab. Drei nach unten, vier nach links... Dann zwängte er seine Finger in einen Spalt und zog einen Schlüssel hervor.

Murdock griff nach dem Vorhängeschloss und zögerte. Er war nicht sicher, ob er wirklich dort hinein gehen sollte. Aber ihm war kalt und er war müde. Irgendwie wusste er, dass er sich würde ausruhen können, wenn er erst einmal in der Halle war. Also öffnete er das Schloss und schob den Schlüssel in die Hosentasche, als er eintrat. Als er die Hand zurückzog, hielt er einen Golfball in der Hand, auf den mit einem blauen Stift ein Gesicht gemalt worden war. Die Zeichnung war verwischt und er starrte den Ball für einen Moment verständnislos an, dann warf er ihn achtlos weg und sah ihm nach, wie er davon kullerte. Auf einen schwarzen Van zu. Murdock folgte dem Golfball und öffnete eine der Schiebetüren an der Seite des Wagens. Er stieg ein und zog die Tür wieder hinter sich zu. Hier war er in Sicherheit, das wusste er einfach. Hier konnte ihm nichts passieren. Ganz schwach hing Zigarrenrauch in der Luft. Auf einem der Sitze lag eine Wirtschaftszeitung. Auf dem Fahrersitz lag eine rote Feder. Der Pilot betrachtete das alles lächelnd. Ja, das war alles so vertraut. So sicher. Dann rollte er sich auf einem der hinteren Sitze zusammen und deckte sich mit seiner Jacke zu, so gut das ging. Murdock schlief, noch bevor sein Kopf das Polster berührt hatte.

* * *
tbc

 

„Was zum Henker... Face! Hol’ den Schwachkopf aus meinem Van, bevor ich ihm eine auf die Rübe gebe“, grollte BA und schob seine Waffe zurück in den Gürtel. Als sie ins Lagerhaus kamen, um den Wagen zu holen, hatte das offen hängende Schloss ihr Misstrauen erweckt. Eine rasche - aber gründliche - Suche hatte ergeben, dass sie alleine in dem Gebäude waren. Bis BA die Seitentür des Vans aufschob, um auch im Inneren des Wagens nach dem Rechten zu sehen.

Templeton Peck tauchte neben BA Baracus auf und musterte verblüfft den schlafenden Freund. „Was macht Murdock denn hier?“ Er kletterte in den Van, schob seine vergessene Zeitung auf den Boden und setzte sich auf den Sitz neben Murdock. Face legte dem Piloten die Hand auf die Schulter und schüttelte ihn sanft. „Murdock, hey. Zeit aufzuwachen.“

Murdock murmelte etwas, ohne zunächst richtig wach zu werden – und versuchte Pecks Hand abzuschütteln. Schließlich schlug er die Augen auf und starrte die beiden anderen Männer verständnislos an.

„Der Idiot hat nicht mal Schuhe an“, brummte BA „Hey, Mann, was soll der Scheiß?“

„Würdest du das bitte mir überlassen?“ Face winkte ihn weg. „Wenn du ihn erschreckst, kriegen wir kein vernünftiges Wort aus ihm heraus.“

Grollend kletterte BA aus dem Van und verschwand außer Sichtweite. Wenn wohl auch nicht außer Hörweite. Er zog ein Tuch aus der Tasche und begann die Motorhaube zu polieren, bis sich sein Gesicht im Lack spiegelte. Die gleichmäßigen Bewegungen halfen ihm immer, sein Temperament unter Kontrolle zu halten.

„Okay.“ Peck wandte sich wieder dem Piloten zu. „Was machst du hier, Murdock?“, fragte er. „Bist du aus dem VA abgehauen? Bestimmt haben sie dir nicht fürs Wochenende freigegeben.“

„Wochenende?“ Murdocks Kopf rollte gegen die Rücklehne, er blinzelte. „Heute ist Dienstag, Faceyman“, murmelte er verträumt. „Und es läuft das Woody-Woodpecker-24-Stunden-Special auf ABC. Das verpasse ich jetzt. Warum bin ich hier? Ich hab’ den Großen gehört. Haben wir einen neuen Job, Muchacho? Ist Hannibal auch da?“ Seine Stimme wurde immer leiser.

Face schüttelte ihn. „Hey, hey, Murdock. Nicht wieder einschlafen.“

„Ich erinnere mich gar nicht, dass du mich aus dem VA geholt hast“, murmelte Murdock. „Wohin gehen wir, Facey? Wo ist Hannibal?“ Er schloss die Augen und kauerte sich wieder zusammen. Durch seinen Körper lief ein Schauer, als wäre ihm kalt.

„Mann, Face, er quatscht noch unverständlicher als sonst.“ BA steckte den Kopf in den Van. „Sogar ich mache mir jetzt Sorgen um ihn.“

„Ich weiß nicht, was los ist - aber es ist schon sehr lange her, dass er in so einem Zustand war.“ Face zog unter dem Sitz eine Decke hervor und breitete sie über den Piloten, der wieder eingeschlafen zu sein schien. „Er hat nach Hannibal gefragt.“

„Wir sollten ihn ins Krankenhaus zurückbringen, damit sie seinen Kopf untersuchen“, knurrte BA

Face schien gar nicht zugehört zu haben. „Ich habe was Neues gefunden. Ein Haus am Strand, der Besitzer ist im Urlaub.“ Er kramte in der Tasche. „Ich wollte ohnehin heute einziehen. Warum bringst du Murdock nicht dorthin?“ Er drückte Baracus einen Notizzettel in die Hand. „Ich nehme die Corvette und rufe unterwegs den Colonel an.“


* * *


Das Haus war wunderschön gelegen, etwas abseits, aber mit direktem Zugang zum Meer. Doch hatte keiner der neu angekommenen einen Blick dafür übrig. Face parkte die Vette am Straßenrand und eilte voraus, um die Tür zu öffnen, kaum dass BA den Van geparkt hatte. Gleich darauf folgte ihm Baracus, den schlaksigen Piloten über eine Schulter geworfen.

Murdock, der inzwischen wach war, zappelte in BAs Griff und protestierte lachend, bis der ihn auf der Schwelle des Hauses absetzte. Doch als sie Face ins Wohnzimmer folgten, verschwand das Lachen wieder aus seinen Zügen, die so schlaff und leer wirkten, wie sonst nur unter dem Einfluss schwerer Medikamente. Murdock ließ sich widerstandslos auf ein Sofa setzen und legte den Kopf in den Nacken, um an die Decke zu starren.

Face setzte sich neben ihm, während BA mit unweigerlicher Sicherheit die Tür zur Küche fand und sie hinter sich schloss.

„Warum ist der Große sauer auf mich?“, fragte Murdock plötzlich.

„Ist er das nicht immer?“ Face grinste, doch es war ein aufgesetztes Grinsen, es verdeckte kaum die Sorge in seinen Augen. „Aber diesmal irrst du dich, er ist nicht sauer auf dich. Was hattest du im Van zu suchen? Wieso bist du nicht im VA Hospital? Womöglich schwirrt halb L.A. vor Polizisten, die dich suchen.“ Das war vermutlich ein wenig übertrieben, aber das Krankenhaus nahm es ernst, wenn ihm ein Patient abhanden kam. Vermutlich war auch eine Meldung an die Militärpolizei gegangen. „Und wo zum Teufel sind deine Schuhe abgeblieben?“

„Ich wollte...“ Murdock brach ab, Falten erschienen auf seiner Stirn, als er angestrengt nachdachte. „Ich weiß es nicht mehr.“ Er sah Face mit dem erstaunten Gesichtsausdruck eines Kindes an. „Hast du mich nicht abgeholt? Haben wir einen neuen Job?“, wiederholte er seine früheren Fragen. „Wo ist Hannibal? Ich muss ihm sagen, dass... das... Angel!“ Er brach ab und schien verwirrt. „Angel hat...“ Dann schloss er die Augen. „Ich weiß es nicht mehr.“

Face drückte seine Schulter. „Schon okay, Murdock. Schon okay. Ruh dich einfach aus, ja? Hannibal ist bald hier und dann fällt dir sicher wieder ein, was du ihm sagen wolltest.“ Er hoffte nur, dass der Colonel herausfinden konnte, was mit Murdock los war.

Normalerweise war es Face, der sich am besten in der wirren Welt des Piloten zurechtfand, aber Hannibal erreichte ihn am ehesten, wenn er sich völlig abkapselte. Es war über die Jahre immer seltener vorgekommen – und in der Regel fiel Murdock nun eher ins andere Extrem und seine Gefühle und Gedanken sprudelten nur so aus ihm heraus. Sein Schweigen war nun ein schlechtes Zeichen, es war zu einem Warnsignal geworden.

Murdock rollte sich auf dem Sofa zusammen, die Arme um sich selbst geschlungen und schaukelte langsam vor und zurück, summte leise vor sich hin.

Face schluckte. Es war schon sehr, sehr lange her, dass er den Piloten zuletzt so gesehen hatte. „Ist dir kalt?“, fragte er leise, obwohl es in dem Raum alles andere als kühl war. „Dir ist kalt, nicht wahr. Aber es ist alles in Ordnung. Wir sind an einem sicheren Ort. Und ich werde mich um dich kümmern. Hörst du? Ich bin da, um auf dich aufzupassen.“

Murdock nickte. „Kalt, ja...“, murmelte er und drückte die Augen zu.

Face fand eine Decke in einem Wandschrank und breitete sie über die schmale Gestalt auf dem Sofa. Er deckte ihn sorgfältig zu, legte einen Moment die Hand an Murdocks Wange, an seine Stirn, um die Temperatur zu prüfen; dann zog er einen Sessel nahe ans Kopfende der Couch und setzte sich.

BA drückte ihm einen Kaffeebecher in die Hand und verließ kurz darauf das Haus. Vielleicht um draußen auf den Colonel zu warten. Vielleicht um zu checken, ob ihnen jemand gefolgt war. Vielleicht auch nur, weil er nicht wollte, dass Face die Sorge in seinem Gesicht sah.

* * *

„Was ist los, Lieutenant? Wieso hast du im Restaurant nur die Adresse hinterlegt und mir ausrichten lassen, ich solle herkommen?“ Hannibal zündete sich eine Zigarre an, als er ins Wohnzimmer kam. „André war gerade dabei, mir die Marsianer-Hauptrolle in ‚Sindbad auf dem Mars – Das Remake’ an zu vertrauen. Er schien ziemlich sauer, als ich plötzlich weg musste. Außerdem war das Essen ausgezeichnet.“ Er sah sich um. „Schicke Bude, Face, wenn auch kein Vergleich zu Mr. Toneys Penthouse.“

Face schreckte hoch, und rieb sich über die Stirn, als könne er die Gedanken wegwischen, in die er so versunken gewesen war, dass er die Ankunft des Colonels nicht bemerkt hatte. „Ich habe für einige Zeit genug von Wohnungen, die mit einem Helikopter angegriffen werden können“, erwiderte er sarkastisch.

„Was macht Murdock hier?“, fragte Smith, als er den Piloten sah. Unwillkürlich senkte er seine Stimme. „Hast du ihn aus dem Krankenhaus geholt?“

Peck schüttelte den Kopf. „BA und ich haben ihn heute Vormittag schlafend im Van gefunden. Er war... ist... kaum ansprechbar. Es sieht so aus, als wäre er einfach... weggelaufen.“

Nachdenkliche Falten erschienen auf Smiths Stirn. „Vielleicht haben sie was an der Dosis seiner Medikamente verändert.“ Er musterte Murdocks zusammengekauerte Gestalt unter der Decke. „Das letzte Mal fing er an zu halluzinieren, als sie ihm andere Pillen gaben.“

„Ich weiß nicht.“ Face schüttelte den Kopf. „Das heißt, ich glaube es eigentlich nicht. Seit dieser Doktor Richter für ihn zuständig ist, kam das nicht mehr vor. Er experimentiert selten mit seinen Patienten und ich habe Murdocks Jacke gecheckt, er hat das gleiche wie immer dabei. Aber es stimmt, er benimmt sich fast, als stände er unter Drogen...“ Face runzelte die Stirn, als Asche von der Zigarre des Colonels fiel – und zwar auf den Teppich, den sein erfahrenes Auge sofort als teuer und handgewebt erkannt hatte. Aber er schwieg darüber.

Stattdessen sagte er: „Er hat uns schließlich erkannt, als ich ihn wach bekam, wusste aber nicht mehr, wieso und wie er das Krankenhaus verlassen hat. Ich... wollte warten, bis du hier bist, bevor ich da mal anrufen. Vielleicht rücken sie mit irgendeiner Information raus. Wie ich Murdock kenne, glaube ich nämlich nicht, dass es ihnen noch nicht aufgefallen ist, dass er fehlt.“ Er stand auf. „Oder vielleicht wäre es besser, wenn ich Amy anrufe und sie bitte, ihn gleich zurück zu bringen?“ Eigentlich war das nicht wirklich, was er wollte. Murdock war ein Teil des Teams, ein Mitglied ihrer kleinen Familie und wenn es ihm nicht gut ging, dann sollte er bei ihnen sein. Aber natürlich wusste er, dass es vernünftiger – und vor allem sicherer, besonders für den Piloten – war, wenn er ins VA zurückkehrte.

„Das Wiedersehen mit Lin Duk Coo und General Chao hat vermutlich bei uns allen Erinnerungen wachgerufen. Solche, über die wir nie mehr nachdenken wollten.“ Hannibal starrte durch die großen Glastüren der Terrasse hinaus aufs Meer.

Face seufzte. Obwohl er sich sicher war, dass sie alle das gleiche gedacht hatten, war es doch einfacher gewesen, solange niemand darüber sprach. Als Amy mit Lin in die Redaktion fuhr, um die Leute vom Konsulat zu treffen und er sich anbot, Murdock ins VA zurück zu bringen, war es fast wie eine Flucht vor den anderen Mitgliedern des Teams gewesen. Vielleicht davor, was ihnen in den Augen stehen könnte, wenn sie sich ansahen. Und später, ohne Lin und Amy wieder zu sehen, war es leicht gewesen, die bösen Geister der Vergangenheit in Schach zu halten, sie dahin zurück zu scheuchen, woher sie gekommen waren.

Seither war über eine Woche vergangen. Hannibal nahm die Suche nach einer neuen Rolle mit Eifer auf. BA wurde offenbar dringend in dem Freizeitcenter für Kinder gebraucht, in dem er ehrenamtlich arbeitete. Murdock war im Hospital zu Billy, den Comics und Videospielen und den nächtlichen Wiederholungen des Range Riders zurückgekehrt. Und er selbst hatte sich um eine neue Bleibe gekümmert, nachdem das Penthouse nun off-limits war und ein paar lose Enden seiner Geschäfte wiederaufgenommen. Schließlich hatte er ein Image zu pflegen.

„Wir wollten doch alle nicht wahrhaben, dass Murdock sich noch merkwürdiger benommen hatte, als sonst. Himmel, er hat einen Golfball bekritzelt und ihn von einer Golfball-Befreiungsarmee schwafeln lassen. Ich habe gehört, wie er dir einen Vortrag über die endlosen Qualen hielt, die so ein Golfball in der Waschmaschine erduldet. Und er hat BA fast so weit gebracht, dass er ihm die Nase bricht. Das alles an nur einem Tag ist sogar für Murdock eine reife Leitung...“ Face rieb sich wieder die Stirn, er hatte nicht beabsichtigt, so anschuldigend zu klingen – vor allem, da keiner von ihnen daran eine Schuld trug. „Ich... ähem... telefoniere dann mal mit dem Krankenhaus und sehe, was ich herausfinde. Ich nehme das Telefon in der Küche.“ Ohne Hannibals Antwort abzuwarten, verschwand er.

Nach einer Weile drückte Smith seine Zigarre in einem eher dekorativ als nützlich aussehenden Aschenbecher aus und setzte sich in den Stuhl, den Face freigemacht hatte. Er zog die Handschuhe aus und berührte mit dem Handrücken vorsichtig Murdocks Gesicht. Seine Temperatur erschien ihm normal. Unter dem Basecap war sein Haar vom Schweiß verklebt und Hannibal nahm sie ihm ab, um sie auf die Sofalehne zu legen. Als wäre dies ein Signal zum Aufwachen gewesen, schlug der Pilot die Lider auf. Große, runde Kinderaugen sahen ihn mit einer Mischung aus Verträumtheit und Verwirrung an.

Dann setzte sich Murdock ruckartig auf und rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht. „Bin ich... habe ich...“ Er hob den Kopf und sah sich in der fremden Umgebung um. Das war nicht sein Zimmer im Krankenhaus. Er konnte das Meer sehen – und riechen.

„Es ist alles in Ordnung, Murdock.“ Hannibal legte ihm eine Hand auf die Schulter und drückte ihn zurück. „Wir sind in Face neuer Bleibe. Es ist ein Haus am Meer. BA ist auch hier. Du warst in seinem Van.“

Der Pilot schloss wieder die Augen. „Auf Facemans Geschmack kann man sich immer verlassen“, murmelte er. „Er mag den Strand. Ich mag den Strand auch, und das Meer... Hast du dich je gefragt, warum Wellen eigentlich nass sind, Colonel...“ Seine Stimme verebbte.

„Murdock, konzentrier’ dich. Warum bist du aus dem Hospital weggelaufen?“, fragte Hannibal. „Ist dort irgendetwas passiert?“ Keine Reaktion. Er holte tief Luft. „Captain Murdock! Sieh mich an, wenn ich mit dir spreche!“, befahl er, griff nach Murdocks Kinn und drehte seinen Kopf zu sich herum. „Sieh’ mich an!“

Der Pilot gehorchte – mehr aus Gewohnheit, nicht weil die Worte viel Sinn für ihn machen wollten. Er hatte sich tief in sich selbst zurückgezogen: fern, verloren in seiner eigenen kleinen Welt. Eine Welt ohne Wände, ohne dunkle Ecken; hier war es immer warm und hier gab es niemanden außer ihm. Niemanden, der ihm wehtat oder ihn einsperrte oder verließ... In dieser Welt gab es keinen Schmerz, keinen Trost, keine Tränen, kein Lachen – nur eine befreiende Leere.

Murdock öffnete die Lider und blickte in vertraute, blaue Augen, die etwas von ihm forderten. Was? Er bemühte sich, zu verstehen, was es war, dass er tun sollte. Aber selbst das Bemühen verlor schließlich alle Bedeutung und er wandte sich ab, ließ sich zurückfallen in die Wärme und das Licht.

Hannibal ließ ihn los, strich ihm das Haar aus der Stirn zurück. Dann zog er die Decke wieder um die nun stille Gestalt und ging zu Face in die Küche.


* * *
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* * *


„Neuigkeiten aus dem Krankenhaus?“, fragte Hannibal, während er sich eine Tasse Kaffee eingoss. Er lehnte sich gegen den Tresen und sah aus dem Fenster, als er langsam daran nippte.

Face räusperte sich. „Nein. Niemand wollte gegenüber dem guten „Onkel George“ etwas rausrücken. Ich glaube, sie haben keine Ahnung, warum er weg ist. Aber sie klangen auch nicht übermäßig besorgt.“ Face lächelte humorlos. „Vermutlich haben sie sich schon daran gewöhnt, dass er immer mal wieder für eine Weile ohne Erklärung verschwindet.“ Er spielte mit seinem Notizbuch. „Hat er mit dir gesprochen, Hannibal? Hat er dir irgendeine Erklärung gegeben?“

Smith schüttelte den Kopf. „Er hat nichts Verständliches gesagt.“

„Und was machen wir nun mit ihm?“

Er erhielt darauf keine Antwort. Aber Face hatte auch nicht wirklich eine erwartet. Er steckte sein Notizbuch wieder in die Innentasche seines Jacketts und holte automatisch eine Zigarre hervor, um sie seinem Colonel zu reichen. Zu seiner Überraschung schüttelte Hannibal ablehnend den Kopf, stellte seine Tasse weg und verließ die Küche.


* * *


„Mann, das ist nicht normal, dass er immer noch schläft.“ BA hatte die Arme vor der Brust verschränkt. „Nicht mal für den Spinner.“

Face zuckte mit den Schultern. „Er sieht nicht so aus, als hätte er in letzter Zeit viel Schlaf bekommen.“ Er lächelte. „Weißt du, BA, wenn ich dich nicht besser kennen würde, müsste ich mir glatt denken, du machst dir Sorgen um Murdock.“

BA knurrte. „Ich und mir Sorgen machen? Um diesen Verrückten?“, meinte er barsch. „Natürlich nicht.“ Mit einem verächtlichen Schnauben verließ er das Wohnzimmer.

„Ja, klar.“ Face setzte sich auf den Rand der Couch. „So, was fangen wir jetzt mit Dornröschen hier an?“, meinte er, eher zu sich selbst. Daher war er überrascht, als er eine Antwort bekam.

„Lass’ ihn schlafen, Face.“ Hannibal trat ins Wohnzimmer, er hatte offenbar ihren kurzen Disput von der Tür aus beobachtet. „Ich habe mit Maggie telefoniert und sie gefragt, ob sie etwas aus Murdocks Zustand machen kann. Aber sie meinte, wir sollten ihn ins VA zurückbringen.“ Seine Stimme klang neutral, aber offenbar hatte er nicht vor, mehr über sein Gespräch mit der Ärztin in Bad Rock zu enthüllen.

Darüber hatten sie bereits während des Abendessens gesprochen und gemeinsam beschlossen, Murdock nicht ins Krankenhaus... abzuschieben. Sie würden einen Weg finden, ihm zu helfen – sie fanden doch immer einen Weg. „Ah, so... wie geht es Dr. Sullivan?“, fragte Face. Er beobachtete das Gesicht seines Colonels, doch wie üblich zeigte es nichts von seinen Gedanken. Er fragte sich, wie die Beziehung zwischen der Ärztin und Hannibal eigentlich aussah. Und dann sagte er sich, dass ihn das nichts anging.

„Es geht ihr gut. Sie hat viel zu tun“, war alles, was Smith darauf erwiderte. „Warum lassen wir es nicht für heute gut sein und gehen früh ins Bett? Vielleicht geht es ihm morgen schon besser.“

„Ja“, erwiderte Peck alles andere als überzeugt. „Murdock ist stur. Erinnere dich nur, wie schnell er nach dieser Schusswunde wieder auf den Beinen war. Oh, und übrigens hat BA ein Paar von Murdocks Schuhen im Van gefunden. Es ist gut, dass wir immer Ersatzklamotten dabei haben.“

Hannibal nickte und zündete sich eine neue Zigarre an. „Ich schlafe heute Nacht im Gästezimmer nebenan. Du und BA – ihr richtet euch oben häuslich ein.“ Er lächelte, als Face das Gesicht verzog.

„Muss ich wirklich, Hannibal?“, maulte Peck erwartungsgemäß. „Kann ich nicht auch hier unten schlafen? Komm’ schon, du weißt wie BA schnarcht. Ich werde kein Auge zubekommen.“

„Dann wirst du eben lernen, mit offenen Augen zu schlafen.“ Hannibal blickte zu Murdock hinüber, während er sprach. „Ich will in der Nähe sein, für den Fall, dass er aufwacht.“

„Okay. Aber das ist das letzte Mal.“ Es war wie ein Festhalten an der Normalität – zumindest an der A-Team-Version von Normalität – dass Face seinen obligatorischen Protest loswurde. „Ich habe das Haus schließlich besorgt.“

„Ja.“ Aber Hannibal klang gedankenverloren. „Gute Nacht, Lieutenant.“

„Gute Nacht, Hannibal.“ Face murrte noch immer vor sich hin, als er die Treppe hochging. Aber es geschah eher aus Gewohnheit. Es war weder das erste, noch voraussichtlich das letzte Mal, dass er im gleichen Raum wie BA schlafen würde. Falls es zu schlimm werden würde, konnte er ja immer noch in einen der Liegestühle auf dem Sonnendach ausweichen.


* * *


…be near me for I am alone
as I fall into the darkest night as yet I have known.
Be my refuge in this hour of pain.

Please bring me glimpses of light through the rain.

(Ashen Mortality – The Darkest of Night)


Hannibal öffnete die Augen, blinzelte, lauschte. Ein Geräusch hatte ihn geweckt. Das Meer war zu hören – aber lauter als zuvor. Er hatte die Tür zum Wohnzimmer offengelassen. Jetzt stand er auf und steckte instinktiv eine Waffe ein, als er geräuschlos das Gästezimmer verließ. Es war dunkel im Raum nebenan, aber jemand hatte die Terrassentüren geöffnet, er spürte den Wind kühl auf seinem Gesicht. Er knipste das Licht an und sah sofort, dass die Couch leer war. Murdock war weg.

Mit einem leisen Fluch kehrte er zurück ins Gästezimmer, holte eine Taschenlampe aus seinem Koffer und verließ das Haus ebenfalls über die Terrasse. Es war alles dunkel und still. Aber Murdock war nicht zu sehen.

Eine knappe Viertelstunde später kehrte Hannibal zurück, in der Absicht, BA und Face zu wecken und sie auf die Suche zu schicken. Er trat ins Haus und zog die Glastüren hinter sich zu, als er es roch: Rauch. Und sah: Licht in der Küche, deren Tür nur angelehnt war. Es roch angebrannt und eine träge Rauchwolke wand sich wie ein grauer Wurm aus der Küche ins Wohnzimmer.

„Murdock?“ Hannibal riss die beiden qualmenden Pfannen vom Herd, stellte sie ins Spülbecken und drehte den Wasserhahn kurz auf. Dann schaltete er den Herd ab und kniete sich neben den Piloten, der in einer Ecke des Raumes saß, die Knie bis zum Kinn hochgezogen, die Arme um den Kopf geschlungen. „Murdock?“, fragte er, seine Stimme bemüht leise und ruhig haltend. „Ist alles in Ordnung? Was machst du hier?“

„Colonel.“ Ein Lächeln erhellte die Züge des Piloten, als er aufsah. „Das Frühstück ist gleich fertig. Rührei und Schinken. Und Toast für Facey. Aber ich konnte die Milch nicht finden. BA will doch immer Milch zum Frühstück haben und ich brauche auch welche, für die Lucky Charms. Die ess’ ich am liebsten.“ Er zog die Packung mit den Frühstücksflocken hinter dem Rücken hervor. „Face muss sie gekauft haben.“

„Ja, das hat er. Extra für dich.“ Hannibal legte eine Hand auf seine Schulter. „Murdock. Es ist noch nicht morgen. Siehst du?“ Er wies auf das Fenster, als spreche er mit einem Kind. „Es ist draußen noch dunkel. Warum legst du dich nicht wieder hin und schläfst noch ein bisschen?“

Murdock ließ sich von ihm auf die Beine ziehen. „Aber was ist mit dem Frühstück?“ Er drückte die Schachtel mit den Frühstücksflocken so heftig an sich, dass sie aufplatzte und sich die Kleeblätter, Hufeisen und Glücksmünzen über den Küchenfußboden verteilten.

„Wir werden es später essen. Komm’ jetzt.“ Einen Arm um den jüngeren Mann gelegt, führte er ihn zurück ins Wohnzimmer und überredete ihn, sich hinzulegen. Er deckte ihn zu und blieb vor dem Sofa stehen, bis Murdock wieder eingeschlafen war. Dann kehrte er in die Küche zurück, warf einen Blick auf das Chaos und knipste das Licht aus. Dafür war morgen Zeit.

Den Rest der Nacht verbrachte Hannibal in einem Sessel neben Murdock, um sicher zu gehen, dass dieser nicht noch einmal im Schlaf das Weite suchte. Das nächste Mal war das Ergebnis vielleicht nicht nur angebranntes Rührei.


* * *

Trotz der unbequemen Haltung war er schließlich eingeschlafen und erst BAs aufgebrachte Stimme weckte ihn. Hannibal blinzelte seinen Sergeant an und setzte sich mit einem Grunzen auf. Er war bei weitem nicht mehr jung genug für so etwas, dachte er ironisch, als sein Rücken schmerzte. „Ganz ruhig, BA“ – das kam schon fast automatisch.

„Ganz ruhig?“, wiederholte BA empört. „Mann, hast du dir die Küche angesehen? Überall liegt dieses klebrige Zeug, das der Spinner zum Frühstück will. Ich bin reingetreten, Mann. Und es stinkt.“

„Ich weiß.“ Smith stand auf und streckte sich. „Murdock beschloss heute Nacht, uns Frühstück zu machen. Es ist leider angebrannt“, meinte er leichthin. Und kam in den unerwarteten Genuss, BA völlig sprachlos zu sehen.

„Oh Mann, oh Mann“, murmelte BA vor sich hin und verschwand in die Küche. Gleich darauf hörte man Wasser rauschen und Pfannen klappern.

Hannibal trat zum Sofa und blickte in braune Augen, die ihn fragend ansahen. „Guten Morgen, Captain.“

Murdock setzte sich auf und fuhr sich durch die Haare. „Ich habe den Großen gehört“, sagte er bedrückt. „Was ist heute Nacht passiert, Hannibal? Was habe ich gemacht? Ich erinnere mich an nichts.“

Smith drückte Murdocks Schulter. „Es ist nichts passiert“, sagte er beruhigend. „Du wolltest das Frühstück für uns machen und es ging ein wenig schief. Ich denke, es gibt einen Grund dafür, dass du Pilot und nicht Koch geworden bist.“

Murdock runzelte die Stirn. „Was ist mit mir los, Hannibal?“, fragte er leise.

„Ich weiß es nicht“, entgegnete Smith. „Du warst gestern verwirrt. Etwa so, wie wenn du sehr erschöpft bist oder deine Medikamente nicht genommen hast.“ Er zögerte einen Moment. „Ist im Krankenhaus etwas passiert, Murdock?“

Der Pilot schüttelte den Kopf. „Alles war wie immer“, sagte er schließlich. „Sie haben Fragen gestellt, wollten wissen, wo ich war - aber ich habe nichts verraten.“ Ein Lächeln hellte sein Gesicht auf, verschwand jedoch so rasch, wie es gekommen war. „Das letzte, woran ich mich erinnere, ist... ist die Wiederholung von Range Rider zu sehen. Und dann war ich im Van mit Face. Ich dachte, wir hätten einen neuen Auftrag. Aber wir kamen hierher. Und BA hat... also er wollte mich nicht runterlassen. Und dann hörte ich ihn das von der Küche sagen. Nein, das muss viel später gewesen sein...“ Wie immer, wenn Murdock aufgeregt wurde, purzelten auch jetzt die Worte nur so aus seinem Mund, übereinander und untereinander wie eine Schar aufgeregter Welpen.

Hannibal drückte seine Schulter. „Captain.“

Murdock verstummte und holte tief Luft. Er ließ den Kopf hängen.

„Wir haben alle den einen oder anderen schlechten Tag, Murdock. So, warum gehst du nicht ein wenig mit Billy nach draußen und ihr macht einen Strandspaziergang, bis BA und ich das Frühstück fertig haben?“

Der Pilot sah auf. Er nickte wortlos, zog die Schuhe an die Face vor das Sofa gestellt hatte, nahm seine Jacke von der Rücklehne des Sofas und setzte seine Mütze auf. Als er durch die Terrassentür trat, blieb er einen Moment stehen und wartete – wie jemand eben darauf wartete, dass ein Hund nachkam, bevor er sie wieder schloss. Doch irgendwie schien Billy heute noch unsichtbarer zu sein als sonst.

Hannibal trat an die Terrassentür und zog eine Zigarre aus der Brusttasche seines Hemdes, während er Murdock nachsah, der langsam aufs Meer zuging.

„Du lässt ihn alleine da raus?“

Smith drehte sich um und blickte seinen XO an. „Billy ist doch bei ihm“, meinte er und zündete seine Zigarre an.

Face schnitt eine Grimasse. „Was war heute Nacht hier los? Ich habe gerade BA in der Küche getroffen, der vor sich hinknurrte. Ist ihm das Frühstück angebrannt?“

In wenigen Worten berichtete ihm Hannibal über Murdocks nächtliche Eskapaden.

„Und ich habe nichts davon mitbekommen. Aber so wie BA schnarcht, hätte ich ohne verstopfte Ohren kein Auge zugetan.“ Face setzte sich. „Das ist wirklich nicht gut, Colonel. Oh, ich meine, dass er heute Morgen wieder mehr wie er selbst klang, ist natürlich gut. Aber dass er sich an nichts mehr erinnert, macht mir Sorgen. Ich dachte immer, seine Gedächtnislücken würden sich nur auf die Zeit in Nam und... und auf Dan Hoi beziehen.“

Eine unerfreuliche Stille schloss sich an seine Worte an.

Hannibal beobachtete weiter Murdock. „Warum gehst du nicht zu ihm und Billy nach draußen und behältst ihn im Auge, Face. Wir können nur ein Problem nach dem anderen lösen.“

Face seufzte, als er aufstand. „Okay. Mann, ich hoffe, Billy ist nicht ins Wasser gelaufen. Ich hasse den Geruch von nassem Hund. Das kriegt man aus den Kleidern nicht mehr raus...“ Seine Stimme verklang, als er die Glastür hinter sich zuschob.

Hannibal lächelte. Dann ging er in die Küche, um zu sehen, wie weit BA mit dem Aufräumen war und ob er bereits Kaffee für sie aufgesetzt hatte. Er hatte das Gefühl, dass sie das Koffein brauchen würden.


* * *

tbc

 

* * *


…Pain bleeding despair
ceaseless for so long
many years gone
longing for release.

How can I begin again?

(Ashen Mortality – The Darkest of Night)



„Hi, Murdock.“
Face suchte sich ein trocken aussehendes Fleckchen neben dem Piloten, der mit untergeschlagenen Beinen im Sand saß. „Wie geht es Billy?“

Murdock sah ihn von der Seite an. „Billy geht es gut. Ja, Billy geht es sehr gut. Er liebt das Meer.“

„Wo, äh... wo steckt er denn?“

Der Pilot deutete auf die Wasserlinie, ein kleines Stück unterhalb. „Er ist gerade ins Wasser gelaufen. Hoffentlich schwimmt er nicht zu weit raus.“

Face legte den Arm um Murdocks Schultern. „Keine Bange. Hunde sind ausgezeichnete Schwimmer. Es passiert ihm schon nichts.“

Sie saßen eine Weile so da, schwiegen und beobachteten, wie ein unsichtbarer Hund seine Kreise im Wasser zog.

„Facey?“

Peck hob den Kopf und blickte den neben ihn sitzenden Mann an. „Was ist los, Murdock?“

„Denkst du manchmal an Dan Hoi?“ Die Stimme des Piloten klang, als wäre er ganz weit weg.

„Nein!“, entgegnete Face heftig. „Nein“, setzte er ruhiger hinzu. „Ich denke nicht daran. Das ist vorbei. Und du solltest auch nicht darüber nachdenken, Murdock. Es ist so lange her. Es ist vorbei. Wir haben überlebt und wir sind hier. Alles andere ist nicht wichtig. Du musst die Erinnerungen loslassen.“

„Aber ich kann mich nicht daran erinnern, Face. An Lin Duk Coo, ja, auch an Chao. Ich habe ihn sofort wiedererkannt. Angel... Angel erst, als er etwas sagte. Ich habe seine Stimme oft genug gehört, wenn er Chao begleitete. Aber da sind... kaum Einzelheiten. Nicht alle Einzelheiten. Nur Bilder. Ein paar. Ich erinnere mich an Lin, die Songs, an Chisolm Trail und sein „Ay-y-y-y-y-yai“. Und an dich und den Colonel und BA Sie haben uns zusammen in einen Käfig gesperrt. Zuerst. Dann brachten sie Hannibal und BA weg. Chao wusste, dass wir... dass wir Freunde waren, ein Team. Angel hat es ihm erzählt. Er hat uns verraten. Er wusste als einziger, dass ich Pilot war. Und Chao dachte, wenn wir getrennt wären, wäre es einfacher, uns von einer Flucht abzuhalten.“ Murdock stockte. „Er wollte, dass ich... das ich...er wollte... ich sollte... es verraten. Wie Hannibal... Wo ist er? Chao wollte...“

„Murdock.“ Face packte ihn an den Schultern und drehte ihn herum, bis der Pilot ihn ansah. „Es ist okay. Es ist alles in Ordnung. Mach’ dir keine Sorgen. Es ist alles in Ordnung. Der Colonel ist hier. Hörst du mir zu, Murdock? Hannibal ist okay. Ich bin okay. Du bist okay. BA ist besser als okay. Warum rufst du nicht Billy und wir gehen nachsehen, ob das Frühstück fertig ist? Ich habe nämlich einen Riesenhunger.“ Seine Kehle war wie zugeschnürt, aber er schaffte es, ein breites Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern.

Murdocks Augen verloren den starren Blick. Er schüttelte leicht den Kopf, als versuche er ein Spinnwebengeflecht aus Alpträumen abzuschütteln, dann sah er Richtung Meer, steckte zwei Finger in den Mund und pfiff laut. „Billy, komm’ zu mir, mein Junge.“

Face ließ ihn los. Er sah Murdock nach, als der ein Stück Holz aufhob und es auf die Wasserlinie zuschleuderte, um dann Billy zu locken, es zu apportieren. Er holte tief Luft und fuhr sich übers Gesicht. Dann erst, langsam, ließ ihn die Beklemmung los.

Als Murdock zu ihm zurückkam – und irgendwie hatte er es fertig gebracht, seine Hose bis zu den Knien zu durchnässen – war er äußerlich wieder ganz der alte Faceman. „Oh, jetzt sieh’ dich – sieh’ euch mal an – ihr seht aus wie zwei halbertrunkene Ratten. Los, ab mit euch ins Haus. Murdock, zieh’ etwas Trockenes an. Deine Sachen sind oben bei meinen, im Schrank rechts von der Tür. Mann, ich wusste doch, dass es eine gute Idee ist, Ersatzklamotten für dich im Van einzubunkern“, schimpfte er gutgelaunt.

Murdock zog den Kopf ein, aber er lächelte. „Ich muss mich zuerst um Billy kümmern.“

„Nah, das mache ich. Du gehst dich umziehen und ich reibe Billy trocken. Ich will auf keinen Fall, dass er mir die ganze Küche voll tropft. Na los, chop-chop.“ Er klatschte in die Hände und sah zu, wie Murdock in Richtung des Strandhauses losrannte.
Er folgte ihm langsamer.


* * *


…in my mind
can you see
black rain falls
down on me ?

(Ashen Mortality – The Darkest of Night)



Das Frühstück verlief ungestört, wenn auch in bedrückter Stimmung. Immer wieder trafen die besorgten und prüfenden Blicke Murdock, der auf die unterschwellige Spannung reagierte, indem er sich intensiver mit Billy beschäftigte. Er sprach leise mit ihm, kraulte ihn und steckte ihm unter dem Tisch heimlich Leckerbissen zu. Es war alles andere als beruhigend, ihn so zu sehen - aber zumindest war Billy etwas Vertrautes, etwas mit dem sie umgehen konnten. Die Gedankenabwesenheit des Piloten war schwerer zu ertragen. Nein, es war mehr als schlichte Gedankenabwesenheit... sie spürten, dass der Mann, den sie kannten und liebten, in diesen Momenten einfach nicht existierte. Da war nur noch eine leere Hülle. Und alles, was sie tun konnten, war zu hoffen, dass er den Weg zu ihnen zurückfand, wenn sie nach ihm riefen.

Nach dem Frühstück verschwand Hannibal mit seiner Zigarre und dem Sindbad-Script auf die Terrasse, von wo aus er Face und Murdock im Auge behalten konnte, die weiter unten am Strand Frisbee spielten. BA hatte das getan, was er immer tat, wenn ihn etwas beschäftigte – er kümmerte sich um den Van.

Sie aßen früh zu Mittag, obwohl niemand rechten Appetit zu haben schien. Vielleicht war Billy vom Toben am Strand erschöpft, denn er zeigte sich nicht am Tisch. Murdock schob sein Essen auf dem Teller umher, bis Face die bedrückte Stille nicht mehr auszuhalten schien und begann, über die Mahlzeiten im Waisenhaus zu sprechen. Er malte eine Essenschlacht in allen Farben aus und alle lachten darüber, als er beschrieb, wie es ihm gelungen war, als einziger nichts abzubekommen – worauf er natürlich die Nonnen überzeugen konnte, überhaupt nicht teilgenommen zu haben. Sie kannten Face gut genug, um zu wissen, dass dieser Teil der Geschichte vermutlich sogar stimmte – wenn es jemand verstand, sich inmitten herumfliegenden Kartoffelbreis um die Makellosigkeit seiner Kleidung zu sorgen, dann Templeton Peck.

Face und Hannibal übernahmen es, den Tisch abzuräumen und das Geschirr zu spülen, während BA Murdock dazu aufforderte, ihm beim Waschen des Vans zu helfen. Als sie zu den beiden nach draußen kamen, kanzelte BA gerade den grinsenden Piloten ab, der – absolut unabsichtlich natürlich – BA statt des Vans erwischt hatte, als er den Wasserschlauch voll aufdrehte, um den Wagen abzuspülen. Aber wer BA so gut kannte, wie die anderen Drei, bemerkte sehr wohl, dass es nur ein gutmütiges Grollen des Vulkangottes war.

Sie machten sich daran, den Van zu polieren, bis er in der Sonne glänzte, als Hannibal auffiel, dass sich Murdock wiederholt mit einem misstrauischen Ausdruck im Gesicht umsah. Das erste Mal hätte es noch Zufall sein können. Doch schließlich trat er zu Murdock, legte ihm die Hand auf die Schulter und schickte ihn ins Haus, damit er sich hinlegte. Der Pilot protestierte dagegen, wie ein Kind zum Mittagsschlaf geschickt zu werden, fügte sich aber schließlich – vielleicht auch nur deshalb, weil Face erklärte, sich ebenfalls eine Stunde aufs Ohr legen zu wollen.

Murdock schlief keine fünf Minuten, nachdem sein Kopf das Kissen berührt hatte. Sie hatten ihn ins Gästezimmer umgesiedelt. Face zog einen Stuhl ans Bett und machte es sich mit einem Buch darin bequem. Doch die Seiten vermochten seine Aufmerksamkeit nicht wirklich zu fesseln, immer wieder hob er den Blick und musterte den Piloten.

Aber nichts geschah. Es schien wie ein böser Spuk vorbei zu sein. Der Abend und die Nacht verliefen völlig normal. Sie spielten Poker und Hannibal erwischte Face wie immer beim Betrügen – was ihm zwei zusätzliche Tage des verhassten Küchendienstes einbrachte. BA und Murdock stritten sich um die letzte Tüte Kartoffelchips und anschließend saßen sie vor dem Fernseher und sahen sich Spiele der Basketball-Liga an, bis Hannibal – der sich mehr und mehr wie ein Hausvater vorkam –alle ins Bett schickte. In dieser Nacht wechselten sich Hannibal, Face und BA ab, darauf zu achten, dass der Pilot nicht wieder auf die Idee kam, im Halbschlaf Frühstück machen zu wollen.

Doch Murdock schlief wie ein Stein, komplett angezogen, die Mütze auf dem Kopf. Auf dem Nachttisch brannte ein Nachtlicht, dass Face in einem Spielwarengeschäft gefunden hatte. In seinem Inneren drehte sich ein Zylinder mit Ausstanzungen um eine matte Glühbirne. Schatten in der Form von Flugzeugen glitten an den Wänden entlang. Unnötig zu sagen, dass der Pilot es liebte.


* * *

Der folgende Tag verlief ganz ähnlich. Sie fanden sich verblüffend leicht in eine gewisse Routine – zwischen Jobs und der Flucht vor der MP fanden sie selten viel Zeit, richtig auszuspannen. Und so verwandelte sich ihr Aufenthalt am Meer tatsächlich in so was wie etwas langweilige Ferien, inklusive Face nicht völlig ernst gemeinter Klage, dass er mit Murdock im Schlepptau keine Chance bei den hübschen Sonnenanbeterinnen hatte, die sich an einem öffentlicheren Strandabschnitt, ein Stück von ihrem Haus entfernt, befanden.

In der dritten Nacht nach ihrer Ankunft war es allerdings mit der Ruhe abrupt vorbei. Hannibal hatte vor einigen Minuten BA abgelöst und es sich mit einer kalten Zigarre und einem von Andrés Skripts, das ihm Face am Vormittag von seiner Einkaufstour in der Stadt mitgebracht hatte, in einem Stuhl neben dem Bett im Gästezimmer bequem gemacht. Eine der Stehlampen aus dem Wohnzimmer war ebenfalls in diesen Raum gewandert und spendete genug Licht zum Lesen, besser als das Nachtlicht. Face war inzwischen ins Wohnzimmer übergesiedelt und schlief dort auf dem Sofa. Er hatte Hannibal im ersten Stock einquartiert, unter dem Vorwand, er könne bei BAs Schnarchen einfach nicht schlafen.

Zuerst sah es aus, wie ein gewöhnlicher Albtraum. Sie hatten alle mehr als ihren Anteil an diesen. Murdock bewegte sich unruhig, rollte hin und her. Seine Lider flatterten und als Hannibal ans Bett trat und eine Hand auf seine Schulter legte, um ihn zu beruhigen, brannte seine Haut förmlich durch das T-Shirt, dass er trug. Der Pilot schrie bei der Berührung erstickt auf und versuchte Smiths Hand wegzuschlagen.

Hannibal griff nach seinen Handgelenken, hielt ihn fest – und in diesem Moment fing Murdock an, sich ernsthaft zur Wehr zu setzen. Als er zu schreien begann, taumelte Face schlaftrunken in den Raum. Er blinzelte und rannte zum Bett. Nur Sekunden später war auch BA da. Hannibal wich zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Gemeinsam schafften BA und Face es, Murdocks umherschlagende Arme festzuhalten und seinen Tritten auszuweichen. Face kniete sich schließlich auf die Beine des Piloten, während BA seine Schultern aufs Bett drückte.

Nur ganz langsam schien Murdock auf die Stimmen seiner Freunde zu reagieren; er hörte auf, sich gegen die Hände zu wehren, die ihn festhalten wollten. Hannibal nickte BA und Face zu, ihn los zu lassen. Die beiden wichen langsam vom Bett zurück, schweißgebadet von der Anstrengung, dem Piloten nicht weh zu tun, während sie ihn davon abhielten, sie oder sich selbst zu verletzen.

Hannibal zwang Ruhe in seine Stimme. „BA – ich denke, ein wenig warme Milch könnte Murdock jetzt nicht schaden.“

BA nickte düster und verschwand ohne ein Wort in Richtung Küche.

Face wartete gar nicht erst eine Anweisung ab, sondern trat in das kleine Gästebad, das sich an den Raum anschloss und tränkte ein Handtuch mit kaltem Wasser. Gut ausgewringt brachte er es zurück und wischte Murdock damit das Gesicht und die Innenseite der Arme ab. Dann trocknete er die immer noch zu heiße Haut mit einem zweiten Tuch. Der Pilot rührte sich nicht, öffnete nicht einmal die Lider. Aber keiner der beiden anderen Männer hatte Zweifel daran, dass er wach war.

BA brachte einen Becher mit dampfender Milch, stellte ihn auf einer Kommode nahe der Tür ab und zog dann Face auf die Beine, der neben dem Bett kniete und Murdocks Hand hielt. Face begann zu protestieren, doch ein Blick von Hannibal und ein stummes Kopfschütteln von BA und er schloss den Mund wieder, verließ den Raum mit BA. Die Tür blieb einen Spalt offen und Hannibal wusste, dass die beiden davor warten würden.

Hannibal wartete ab. Er hob seine Zigarre auf, die er hatte fallen lassen und die wie durch ein Wunder nicht in den Teppich getreten worden war. Dann nahm er den Becher. Er tauchte die Spitze des kleinen Finger in die Flüssigkeit und kostete die Milch. Der leicht bittere Geschmack sagte ihm, dass BA der Milch ein Beruhigungsmittel hinzugefügt hatte. Hannibal lächelte für einen Moment, er konnte sich auf seinen Sergeant verlassen. Schließlich trat er wieder zum Bett. „Captain?“, fragte er sanft.

Nach einer Weile schlug Murdock die Augen auf und starrte ihn ausdruckslos an. „Hier, trink’ das.“ Hannibal hielt ihm den Becher wie einem Kind an den Mund und der Pilot hob den Kopf, trank gehorsam ein paar Schluck. Dann drehte er das Gesicht weg und Hannibal stellte den Becher weg. „Besser?“, fragte er, ohne eine Antwort zu erhalten. „Was hast du gesehen? Kannst du es mir sagen?“

Es blieb lange still. Wie kleine elektrische Schocks liefen Schauer durch den Körper des Piloten. Schließlich wandte ihm Murdock wieder das Gesicht zu. Er öffnete einige Male den Mund, ohne dass ein Ton hervorkam, schloss dann die Augen. „Hanoi Hilton“, flüsterte er rau.

Hannibal kontrollierte seine Reaktion. Er hatte diesen Ausdruck schon sehr lange nicht mehr gehört und gehofft, ihn nie wieder in seinem Leben hören zu müssen. Hanoi Hilton. Er hatte seinen eigenen Anteil an Narben, sichtbare und unsichtbare; er hatte mehr als seinen Anteil an Demütigung, Erniedrigung und Qual erlebt – zuerst als junger Mann in Korea, später in Vietnam in den Camps. Doch das, was er über das unter dem nur geflüstert genannten Namen Hanoi Hilton bekannte Spezialprojekt Chaos – gehört hatte, verursachte ihm Übelkeit. Wenige, die diesen Ort gesehen hatten, hatten ihn lebend verlassen. Chao hatte es für ganz spezielle Gefangene reserviert. Unglücklicherweise war Murdock einer von ihnen gewesen, wie viele andere Huey-Piloten auch. Murdock war immer etwas anders gewesen, doch Hannibal war sicher, dass dort die Saat zum Wahnsinn des Piloten gelegt worden war.

Sein Mund war sehr trocken. „Was hast du gesehen?“, fragte er noch einmal. Er wusste nicht, ob es richtig war, Murdock zum Sprechen zu bringen. Vielleicht blieb die Erinnerung besser im Zwielicht der Alpträume, geriet wieder ins Vergessen. Vielleicht musste der Pilot aussprechen, was er erlebt... überlebt... hatte, die Erinnerungen ins Licht zerren, um sie in den Griff zu bekommen. Es gab keine Regeln für so etwas, keine Beispiele damit umzugehen, kein Special-Forces-Training der Welt half ihm dabei.

„Ich weiß nicht... ich weiß nicht, wieso ich es war“, flüsterte Murdock schließlich. „Chao... hatte es von Anfang an auf mich abgesehen. Er hasste alle Piloten. Wenn ihm einer in die Hände fiel, sonderte... sonderte er sie von ihren Einheiten ab.“ Er holte tief Luft, seine Hände krallten sich in die Decke, die Face wieder über ihn gebreitet hatte. „Er... er liebte es, einen nach den anderen von uns zu holen und vor den Augen... vor den Augen der anderen...“ Er brach ab, rang nach Luft, brachte die Worte nicht über die Lippen. Und Hannibal konnte nicht anders, als erleichtert zu sein – als würde das Schweigen die Folterungen weniger real machen. Chaos Sadismus hatte keine Grenzen gekannt, es war, als habe der VC-General mehrere Leben nur in Vorbereitung auf diesen Krieg, nur damit verbracht, sich immer neue Quälereien auszudenken.

„Und hinterher... hinterher steckte er uns wieder in die Käfige. Zu weit voneinander entfernt, um einander helfen zu können. Wir waren... allein... so allein.“ Murdock rollte sich von ihm weg, auf die Seite, kauerte sich zusammen. „Oft... oft begann er damit, einem Mann alle Knochen in den Händen zu zertrümmern. Sie benutzten dazu etwas, das wie ein kleiner Hammer geformt war. Sie banden ihn an einem Stuhl fest, dessen Beine in... in den Boden gerammt waren. Davor war ein Tisch. Er hatte... Öffnungen, durch die dünne Lederbänder gezogen wurden, sie zogen die Finger auseinander, trennten sie voneinander. Und dann ließ er einen Knochen nach dem anderen aufzeigen und zertrümmern...“ Murdock verstummte wieder und holte tief Luft. „Sie gingen so sorgfältig vor, dass die Haut kaum verletzt wurde. Die Hände schwollen grotesk an. Dann zwang er... zwang er einen, zu versuchen, Dinge hochzuheben. Zuerst zeigte er uns, dass er unsere Hände nutzlos machen würde. Und dann... er ging manchmal vor den Käfigen auf und ab und suchte sich jemand aus. Und dann... ließ er ihm die Hände abhacken und ihn verbluten. Die Schreie, Hannibal...“

Hannibal starrte unwillkürlich auf Murdocks Rücken. Er konnte seine Hände nicht sehen, wusste aber dass sie nicht gebrochen worden waren, im Gegenteil wirkten sie in ihrer Unversehrtheit fast kindlich. Er fragte sich, was Chao abgehalten hatte, auch Murdock... Er riss sich von diesem Gedanken los, setzte sich auf die Bettkante, wusste es aber besser, als den Piloten jetzt zu berühren. Ihm war übel und er hatte das Gefühl, der Raum erdrücke ihn. Doch das war nicht der richtige Moment, sich um sich selbst zu kümmern. „Davon hast du nie erzählt.“

„Ich... ich hatte es vergessen“, murmelte Murdock, seine Stimme klang erstickt und Hannibal wusste, dass er weinte. „Chao... er fand heraus, welche von uns als die besten Flieger galten. Und er... fand heraus, dass man mich für einen der besten hielt. Er fand heraus, dass ich A-Team-Einheiten zu ihren Einsätzen flog. Angel hat es ihm gesagt. Er... er zwang mich dazu, bei jeder Folterung dabei zu sein. Egal ob es sich um einen Piloten handelte oder einen anderen Soldaten. Nur um zu sehen, wie ich reagieren würde. Meine Hände hat er nie angerührt. Er wollte mich auf andere Weise... auf andere Weise brechen. Und ich... ich hätte es nicht mehr lange ertragen. Wenn ihr mich nicht gefunden hättet... oder nur einen Tag später...“ Seine Stimme versagte.

Wie ein Schatten huschte Face in den Raum, schob sich an Hannibal vorbei, glitt auf das Bett und legte die Arme um Murdock. Der Pilot erstarrte einen Moment, dann drehte er sich um und klammerte sich an Face.

„Du bist nicht mehr allein“, flüsterte Face. „Ich bin da. Wir sind alle hier.“

Hannibal wollte etwas sagen, aber fand, dass er seiner Stimme nicht trauen konnte. Er wandte sich ab, und verließ den Raum, eilte an BA vorbei, der so grau aussah, wie das bei jemand seiner Hautfarbe möglich war und ins Freie. Er rannte in die Dunkelheit, ohne darauf zu achten, wohin – rannte, bis Wasser seine Stiefel umspülte, erst dann stoppte er und sog giert die kühle Luft ein. Er kauerte sich nieder und schöpfte mit beiden Händen Wasser in sein Gesicht, warf dann den Kopf in den Nacken und starrte ohne zu sehen in den Sternenhimmel über sich.

Statt dessen erblickte er wie Blitzlichtaufnahmen die verstümmelten Körper von Soldaten vor sich, die sie bei der Befreiung von Hanoi Hilton vorgefunden hatten. Obwohl er und seine Einheit selbst mehrere Wochen in Dan Hoi verbracht hatten und unter den Folgen der Mangelernährung und Folter litten, hatte er es sich nicht nehmen lassen, persönlich nach seinem Piloten zu suchen, sobald das Camp befreit worden war. Gerüchte hatten ihn hoffen lassen, dass Murdock noch lebte. Gesehen hatten sie ihn nicht mehr, nachdem Chaos Soldaten ihn wegzerrten, um ihn mit den restlichen Piloten an einen anderen Ort zu schaffen. Face war zu schwach gewesen, um mit ihm zu gehen und er hatte ihn in der Obhut der restlichen, überlebende A-Team-Einheit gelassen. Nur BA und Ray hatten ihn begleitet. Sie gehörten zum Kernteam innerhalb der Einheit und waren genauso entschlossen wie Hannibal, Murdock nicht aufzugeben. Sie fanden den Piloten mehr tot als lebendig, in einem engen, dunklen Erdloch, einen Sack über dem Kopf. Seine Augen hatten Tage benötigt, um sich wieder ans Licht zugewöhnen.

Nach der Rückkehr aus Dan Hoi kehrte Ray in die Heimat zurück. Hannibals Einheit – oder was von den zehn Männern seines A-Teams übriggeblieben war – wurde aufgelöst. Er setzte Morrison gegenüber durch, dass er zumindest sein Kernteam behielt: BA, Face und Murdock. Die letzteren beiden befanden sich damals noch im Krankenhaus in Okinawa.

Aus dem einen oder anderen Grund hatte sich keiner der drei in andere Einheiten einfügen können. BA der seine Probleme zu oft mit den Fäusten löste und dabei auch nicht davor Halt machte, einen Vorgesetzen zu schlagen. Face, kaum mehr als ein Junge, attraktiver als es ihm gut tun konnte und dessen Intelligenz und scharfe Zunge ihm mehr Prügel von seinen Kameraden und Disziplinstrafen von den Offizieren einbrachten, als er letztlich in der Lage war, hinzunehmen. Und schließlich Murdock, der bereits vor den Ereignissen in Dan Hoi als brillant wie leicht verrückt bekannt war – vor allem, weil er seinen Vogel dazu brachte, Dinge zu tun, an die andere Piloten nicht einmal zu denken wagten. Ein Wunderkind, das vor dem Krieg bei der Thunderbird-Kunstflugstaffel der Air Force geflogen war, um dann eine Ausbildung bei der CIA zu durchlaufen, nachdem er das Interesse der Company geweckt hatte. Doch als Agent schien sich Murdock nicht zu eignen, er hatte seine eigene Art, Befehle zu interpretieren – vielleicht lag es aber auch an den Männern, die ihm diese Befehle erteilten. Und so landete er als Hubschrauber-Pilot bei den Green Beret Spezialeinheiten. Und letztlich bei einem gewissen Lieutenant Colonel John Smith...

Das ganze war wenige Monate vor dem Ende des Krieges geschehen, vor der verhängnisvollen Mission in Hanoi, zu der sie Murdock geflogen hatte. Hannibal erinnerte sich nur zu deutlich, wie instabil Murdock damals gewesen war, er litt unter Halluzination – Billy war die harmloseste davon – , fürchtete die Dunkelheit und sprach mit sich selbst, wurde manchmal in irgendeinem Winkel versteckt gefunden, zusammengekauert, sich stundenlang vor- und zurückwiegend. Dann wieder schien er völlig normal. Vor allem, wenn er im Cockpit eines Hubschraubers saß. Niemand außer Hannibal war bereit, ihn fliegen zu lassen, sich ihm anzuvertrauen. Aber er weigerte sich, einen Mann aufzugeben, der seiner Verantwortung unterstand.

Dann war alles auseinander gefallen. Sie kehrten aus Hanoi zurück und ihre Basis war zerstört, Morrison tot – und sie selbst wurden von MPs verhaftet und nach Hause geschafft, nur um vor Gericht gestellt zu werden. Abgesehen von Murdock. Man trennte ihn vom Rest des A-Teams und steckte ihn in die geschlossene psychiatrische Abteilung des Westmore-Veteranenkrankenhauses. Der Krieg war offiziell vorbei. Genau wie ihr Leben, wie sie es bis dahin kannten.

Hannibal schöpfte sich nochmals Wasser ins Gesicht. Er zwang die Erinnerungen dorthin zurück, von wo sie gekommen waren. In der Regel schaffte er es, die damaligen Ereignisse in einer distanzierten, fast klinischen Weise zu betrachten. So wie er als junger Mann die Militärhistorie vergangener Zeiten studiert hatte. Manchmal zog er während einem ihrer Jobs Parallelen zu früher, zu den Missionen die er in Vietnam durchgeführt hatte, aber er ließ sich von seinen Gefühlen nicht beherrschen. Jedoch war er sich bewusst, dass er im Gegensatz zu Murdock und Face körperlich relativ unversehrt geblieben war. Chao hatte ihn aufgrund seines höheren Ranges als wertvolleren Gefangenen betrachtet und darauf geachtet, dass er nicht zu sehr ‚beschädigt’ wurde, um für einen Austausch tauglich zu sein. Er war hauptsächlich wegen der Art, wie er stoisch Chao ignorierte und die geforderte Anrede verweigerte, in der Blechbox gelandet - eine Prozedur, mit der er schon aus einem früheren Krieg vertraut war. Außerdem hatte der VC-General sehr schnell gemerkt, dass die Schmerzen, die seine Männer erdulden mussten, den Colonel viel härter trafen, als seine eigenen.

Er schüttelte den Kopf. Zu lange in der Vergangenheit zu verweilen war nicht seine Art. Sich um das Heute zu kümmern, um das Jetzt, die Vergangenheit ruhen und die Zukunft für sich selbst sorgen zu lassen – das entsprach ihm mehr.

Hannibal wischte sich das Gesicht mit dem Ärmel ab, dann richtete er sich auf und sah sich um. Er konnte die Scheinwerfer auf dem Dach des Vans ausmachen, die jemand – vermutlich BA – eingeschaltet hatte und ging langsam zurück. Er hatte nicht geglaubt, dass Hanoi Hilton eines Tages zurückkommen und sie jagen würde. Die Zigarre steckte noch in seiner Tasche, er hatte sie bei seiner blinden Flucht nicht verloren, doch im Moment ekelte ihm davor.

BA saß auf den Stufen, die zum Haus führten. Wie üblich war ihm nicht mehr anzusehen, was er fühlte. Hannibal legte ihm dankbar die Hand auf die Schulter und nickte ihm zu, als er ins Haus ging.

Face hielt Murdock noch immer fest, aber der Körper des Piloten wirkte jetzt viel entspannter und er zitterte nicht mehr. Face hob den Kopf ein wenig, ohne seine Haltung zu verändern. „Er schläft“, flüsterte er, als er den Colonel in der Tür stehen sah.

Hannibal nickte. „BA hat ein Beruhigungsmittel in die Milch gegeben.“ Er trat näher.

Face schloss unwillkürlich die Arme schützend fester um den schlafenden Piloten, obwohl Hannibal wohl kaum eine Gefahr für ihn darstellte. „Ich wünschte, ich hätte euch nie in dieses Restaurant mitgenommen.“ Er klang bitter. „Ich habe nicht eine Sekunde daran gedacht, was es für Murdock – für uns alle - bedeuten würde, Lin Duk Coo wieder zu sehen. Die Erinnerungen... ich wünschte, er hätte sich weiterhin nicht erinnert.“

„Es hat keinen Sinn, sich jetzt den Kopf darüber zu zerbrechen oder in Selbstvorwürfen zu schwelgen, Lieutenant“, sagte Hannibal streng. „Wir werden tun, was immer nötig ist, um Murdock zu helfen“, setzte er sanfter hinzu. „Wir sind seine Familie.“ Er hörte, wie Face tief Luft holte.

„Aber was ist, wenn das nicht genug ist, Hannibal?“

Es war eine Frage, auf die er keine Antwort hatte. Smith setzte sich wieder in den Stuhl, neben dem noch auf dem Boden das Skript lag. Wie viel Zeit war vergangen, seit er es aufgeschlagen hatte? Es hätten Jahre sein können. Müde legte er den Kopf in den Nacken und starrte an die Decke, die sich jenseits des Lichtscheins der Stehlampe in der Dunkelheit verlor.


I'm still feeling the pain
longing empty within…

(Ashen Mortality – The Darkest Night)

 

* * *


Wie ein Irrlicht schoss der Gedanke durch sein benebeltes Gehirn... Was dachten wohl all die anderen Typen in ihren Käfigen über ihn? Hielten sie ihn für ein wichtiges Tier, weil man ihn häufiger als die anderen holte? Wäre er nicht so müde gewesen, hätte ihn dieser Gedanke amüsiert. Er hatte keine Geheimnisse... keine Geheimnisse militärischer Art. Er war doch nur ein Pilot... Vielleicht vergaßen sie ihn aber auch wieder, sobald er außer Sicht war. Froh darüber, dass es nicht sie, sondern einen anderen traf. Dieses Mal. Chao sorgte dafür, dass alle ihren gerechten Anteil an Aufmerksamkeit erhielten.

Eins seiner Geheimnisse war, dass er verstand, worüber die Wachen sprachen. Nicht jedes Wort, aber genug um zu wissen, was sie mit ihm planten, mit ihnen allen, und zu verstehen, was sie über sie dachten. Es war eine Begabung, dass er Sprachen so leicht erlernte... Ein Sprichwort seiner Großmutter kam ihm in den Sinn: „Stöcke und Steine brechen dir die Beine, aber Worte können dich nicht verletzten.“

Sie hatte vergessen, hinzu zu fügen, wie höllisch gebrochene Knochen schmerzten. Er war sich nicht sicher, ob sie ihm diesmal irgendwelche Knochen gebrochen hatte – etwas in ihm hatten sie zerbrochen. Und jetzt sollte er weggeschafft werden. Wie Müll. Er hörte die Wachen darüber sprechen, und das versetzte ihn in helle Panik. Weg von Face und Hannibal und BA und den anderen. Allein würde er es nicht lange schaffen.

Als sie ihn dieses Mal wegschleiften, hatte er sich mit aller verbliebener Kraft zur Wehr gesetzt, was ihm die Prügel einbrachte. Zu sich gekommen war er erst wieder im Käfig, den Mund voll Blut und Dreck. Wo war die Zeit dazwischen geblieben?

Willkommen in der Hölle. Willkommen in deinem neuen Leben.

Er hatte sich in seine eigene Welt zurückgezogen, doch sie dauerte nur so lange an, bis er sich wieder über den rauen Zementboden der Hütte, in der die „Verhöre“ durchgeführt worden, geschleift fand. Und dann zurück in den Käfig geworfen, wo alles, was man tun wollte, da zu liegen und zu sterben war.

Aber das hatten sie nicht zugelassen. Manchmal hatte er ihre Namen vergessen, wenn er zurückkam. Ray. Hannibal. Face. BA Die Gesichter und Namen wollten nicht zusammenpassen. Manchmal brachten ihre Stimmen die Erinnerung zurück. Manchmal war es das, was sie sagten. Manchmal starrte er nur verständnislos die Fremden an, vier erwachsene Männer, die einen Käfig von der Größe einer Hundehütte mit ihm teilten.

Dieses Mal wusste er ihre Namen noch, als er zu sich kam. Und er wusste auch, was man mit ihm gemacht hatte – ihn nur getreten und geschlagen und als er kurz davor war, das Bewusstsein zu verlieren, war der Typ mit dem runden, freundlichen Gesicht und der Peitsche aufgetaucht...

Face fing ihn auf, als sie ihn in den Käfig warfen, aber er war von seinem letzten „Verhör“ zwei Tage zuvor zu geschwächt, um ihn wirklich halten zu können und Hannibal und Ray zogen Face weg, während BA ihn vorsichtig auf den Haufen Lumpen legte, den sie Bett nannten. Er drehte sein Gesicht weg, als der Colonel neben ihn kniete und die Fetzen seiner Uniform entfernte, um die erneut blutenden Male auf seinem Rücken zu untersuchen. Es gab nichts, was sie tun konnten, als etwas von der kostbaren, spärlichen Tagesration Wasser dazu zu verwenden, die Wunden zu säubern und zu beten, dass er die Infektion überlebte.

Als er wieder zu sich kam, war es dunkel und für einen Moment fürchtete er, sie hätten ihn geblendet. Es war anderen passiert. Er hatte es gesehen. Sie hatten den armen Bastard auf den Boden gedrückt und ihm mit weißglühenden Stahlnadeln durch die Lider in die Augen gestochen, sie ausgebrannt. Er würde diese Schreie nie wieder in seinem Leben vergessen können. Und der Geruch...

„Ich bin blind“, er flüsterte es, ohne zu wissen, dass er die Worte tatsächlich ausgesprochen hatte.

Eine Hand berührte sein Gesicht. „Nein. Es ist Nacht. Murdock, es ist nur die Nacht.“

Seine Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit, er konnte zumindest die Umrisse des Mannes sehen, der neben ihm saß. „Warum schläfst du dann nicht?“

„Warum schläfst du nicht?“, erwiderte Face tonlos.

Er machte den Fehler, sich zu Bewegen und der Schmerz in seinem Rücken flammte erneut auf. Er presste das Gesicht gegen seinen Arm und versuchte, nicht laut aufzuschreien. Face streichelte ihm übers Haar, doch er sagte nichts. Es gab keine Worte mehr. Der Schmerz ließ langsam nach, oder vielleicht war er zu erschöpft, um noch etwas zu empfinden. Der Geruch nach Blut, Schweiß und Urin lag wie eine Decke auf ihm. Sein Geruch, sein Urin. Man gewöhnte sich mit der Zeit daran. Man gewöhnte sich nie daran.

Als er das nächste Mal die Augen öffnete, war es Tag und es war nicht Face, sondern Hannibal, der bei ihm saß und wartete.

„Captain. Wir hatten Angst, du würdest dieses Mal nicht zurückkommen. Du warst fast drei Tage mehr oder weniger bewusstlos.“

Der Colonel gab ihm ein wenig Wasser zu trinken, half ihm dann, sich aufzusetzen. Er sackte gegen die Käfigstäbe, und feierte seine Rückkehr ins Bewusstsein damit, dass er sich übergab... Zumindest versuchte sein Magen es, doch da war nichts drin und Krämpfe schüttelten seinen ganzen Körper. Die Welt drehte sich um ihn in verrückten Kreisen. Er wimmerte leise.

„Ich halte dich, ganz ruhig, Murdock.“ Hannibals Stimme, dann wurde er zurückgedrückt, bis er wieder auf dem Boden lag. Der Colonel bettete seinen Kopf auf seinen Oberschenkel, machte es ihm ein wenig bequemer, obwohl es kaum eine Rolle spielte und hielt ihn fest. Er schloss die Augen.

Nur wenig später hatten sie ihn von den anderen getrennt und nach Hanoi Hilton gebracht...


* * *


Murdock murmelte und bewegte sich unruhig. Er rollte sich auf die andere Seite. Schweiß glitzerte auf seinem Gesicht und er verwickelte sich in die Laken, als versuchte er, Tritte und Schläge abzuwehren, die nur in seinen Erinnerungen auf ihn niederprasselten. Sein Ellbogen traf Face gegen den Kopf und der Lieutenant schreckte aus dem Schlaf hoch. Nur ein Moment später war auch Hannibal beim Bett und gemeinsam hielten sie den Piloten fest, bis das Beruhigungsmittel ihn wieder tiefer in den Schlaf zog.

Peck setzte sich auf und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht und durch seine Haare. Er blickte zu Hannibal auf, der nur stumm seine Schulter drückte und in seinen Stuhl zurückkehrte. Face lehnte sich gegen das Kopfende des Bettes. „Ich habe Angst, Hannibal“, sagte er leise.


* * *


Der Morgen fand sie müde und schweigsam. Nachdem sie sich versichert hatten, dass der Pilot noch immer schlief, ließen sich Hannibal und Face vom Duft frisch aufgebrühten Kaffees in die Küche locken. BA schob ihnen mürrisch zwei Tassen mit dem dunklen Gebräu hin, hielt sich aber selbst wie immer lieber an seine Milch. Keiner hatte rechten Appetit und sie wechselten nur ein paar Worte am Frühstückstisch, immer mit halbem Ohr darauf lauschend, ob sich im Gästezimmer etwas tat.

Nach dem Frühstück schnappte sich Face wortlos die Corvette und fuhr weg. Hannibal warf noch mal einen Blick auf Murdock, bevor er sich zu einem langen Strandspaziergang aufmachte. BA würde in der Nähe des Piloten bleiben, für den Fall, dass ihn mehr Albträume heimsuchten.

BA stand in der Tür zum Gästezimmer und beobachtete Murdock, der jetzt ruhig schlief. Was ihn selbst betraf, waren die Erinnerungen nicht das eigentliche Problem. Es waren die Gefühle von damals, die sie mit sich brachten. Das Gefühl, niemals wirklich sicher zu sein, außerhalb der vertrauten Regeln zu leben.Das Gefühl, hungrig zu sein. Hilflos.

Er hasste diese Hilflosigkeit. Das, was den Piloten quälte, war etwas Ungreifbares, etwas dem er nicht an die Gurgel gehen konnte, obwohl es genau diesen Wunsch in ihm auslöste. Er lehnte sich gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. Vielleicht konnte er Murdock nicht helfen, vielleicht konnte er die Erinnerungen nicht von ihm fernhalten - aber er konnte eine Zeitlang hier stehen und auf ihn aufpassen. Einfach da sein, sollte er aufwachen.


* * *


Wie weit er sich vom Haus entfernt hatte, wurde Hannibal erst bewusst, als er die Corvette sah, die ein Stück oberhalb von ihm auf der Straße entlang fuhr. Er rechnete nicht damit, dass Face ihn bemerkte, doch das schicke weiße Auto stoppte und als er die Straße erreichte, wartete Face an den Wagen gelehnt auf ihn.

„Kann ich dich ein Stück mitnehmen?“, fragte der jüngere Mann mit einem schwachen Lächeln.

Hannibal nickte und nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Er wartete, bis Face wieder eingestiegen war. „Du bist lange weggewesen“, sagte er dann beiläufig.

„Ich habe für uns eingekauft. Und noch ein paar andere Sachen erledigt.“

Da war etwas Merkwürdiges in seiner Stimme... Er nahm eine Zigarre aus der Tasche. „Face, hast du Feuer für mich?“, fragte er.

„Natürlich, wann nicht.“ Face holte ein Feuerzeug aus der Jackentasche und beugte sich zum Colonel hinüber, um ihm Feuer zu geben. Aber noch bevor die Flamme die Spitze der Zigarre berührte, ergriff Hannibal sein Handgelenk und zog ihn ruckartig näher zu sich. Die Corvette machte einen Schlenker an den Straßenrand. Face trat auf die Bremse und brachte den Wagen zum Stehen. „Spinnst du?“, fuhr er den Colonel an und riss seine Hand los.

„Das frage ich dich“, erwiderte Hannibal scharf. „Du hast getrunken! Ich kann es an dir riechen.“

Einen Moment schien es, als wolle Face es leugnen. Dann starrte er geradeaus, seine Hände umklammerten das Steuer so fest, dass die Knöchel hell aus der Haut hervortreten. „Und wenn schon“, murmelte er „Was geht es dich an.“

„Muss ich mir jetzt auch noch um dich Sorgen machen, Lieutenant?“

Face senkte den Kopf. „Es kommt nicht wieder vor, Sir“, murmelte er.

„Das ist für uns alle nicht leicht, Face.“ Hannibal holte das Feuerzeug, das zwischen die Sitze gefallen war und zündete seine Zigarre an. „Ich wünschte, ich könnte dir helfen... euch beiden helfen... aber ich kann es nicht. Aber du musst mit mir sprechen, Face. Nur so kann ich wissen, wie es in dir aussieht.“

„Ich habe gesagt, es wird nicht wieder vorkommen, Sir.“

Hannibal seufzte leise. „Sieh’ mich an, Face.“

Nach einigem Zögern hob Face den Kopf und sah ihn an.

„Ich bin hier wenn du mich brauchst, okay, Sohn?“ Hannibal legte ihm einen Moment die Hand an die Wange, dann steckte er ihm das Feuerzeug in die Brusttasche. „Fahren wir nach Hause.“

„Okay.“ Face blinzelte ein paar Mal, dann startete er die Corvette und fuhr sie zum Strandhaus.


* * *


Face holte zwei Papiertüten vom Rücksitz und drückte eine dritte Hannibal in die Hand. „Chinesisches Essen“, meinte er erklärend.

Als sie aufs Haus zugingen, öffnete BA die Tür.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Hannibal.

BA nickte. „Ich war bis vor zehn Minuten bei ihm, er schläft“, meinte er brummig, nahm ohne ein weiteres Wort die Tüten aus Face Händen und verschwand damit in der Küche.

Face zuckte mit den Schultern. „Ich sehe dann mal nach Murdock.“ Er ließ den Colonel am Eingang stehen.

„Chinesisches Essen“, meinte Hannibal zu niemand im Besonderen. Er folgte BA, doch noch bevor er die Tür zur Küche erreicht hatte, hörte er Face Stimme aus dem Gästezimmer.

„Hannibal!“

Er drückte BA die Tüte in die Hand und eilte ins Gästezimmer. „Was ist los?“ Allerdings bedarf es keiner weiteren Erklärung. Das Bett war leer. „Okay. Du siehst dich im Haus um, vielleicht versteckt er sich irgendwo. BA und ich werden uns draußen umsehen. Vielleicht wollte er nur frische Luft schnappen.“

Face nickte und Hannibal verließ das Gästezimmer, um BA zu informieren. Peck sah sich einen Moment ratlos um. Dann öffnete er den Wandschrank, doch der war abgesehen von ein paar Kleiderbügeln leer. Er wandte sich zum Gehen, um den oberen Stock zu überprüfen, als ihm auffiel, das die Tür zu dem kleinen Bad angelehnt war. Als er am Morgen ging, war sie geschlossen gewesen. Er durchquerte den Raum und schob sie auf.

Murdock kauerte, sein Kissen an sich gedrückt, in dem winzigen freien Platz unter dem Waschbecken. Erleichtert kniete sich Face neben ihm auf dem Boden. „Hey. Ich habe dich schon gesucht. Komm’ da raus, Murdock, ja? Ich habe uns chinesisches Essen aus der Stadt mitgebracht. Das magst du doch. Aber du musst da rauskommen.“ Er löste sanft das Kissen aus Murdocks Klammergriff und redete dabei einfach weiter. „Gib’ mir Mr. Pillow. Ich bewahre ihn für dich auf. Du kannst doch so nicht essen.“

Der Pilot blinzelte einige Male, dann runzelte er die Stirn. „Facey?“, fragte er. „Ich... ich weiß nicht mehr, was ich hier mache.“ Er kroch unter dem Waschbecken hervor. „Ich wollte nur...“

„...dich verstecken?“, ergänzte Face und lächelte. Er legte Murdock einen Arm um die Schultern. „Hey, gute Idee. Gutes Versteck. Ich muss mir das merken. Aber jetzt brauchst du dich nicht mehr zu verstecken. Wir sind alle hier, dir kann nichts passieren. BA ist da. Glaubst du, er würde zulassen, dass dir irgendjemand etwas tut?“ Er führte den Piloten aus dem Bad. „Siehst du, wir legen Mr. Pillow schlafen und gehen etwas essen. Einverstanden?“

Murdock nickte. Seine Stimmung schlug so abrupt um wie das Wetter an einem Apriltag und er war wieder hellwach. „Ich hoffe, du hast an die süßsaure Sauce für den Colonel gedacht, Kemosabe“, meinte er mit einem Grinsen. „Und an Glückskekse? Hast du auch Glückskekse mitgebracht?“

Face drückte ihn an sich. „Eine ganze Packung, nur für dich.“ Sie konnten das Glück brauchen.

Er ließ Murdock in der Küche, wo der vor sich hinpfeifende Pilot den Tisch deckte, das Essen in der Mikrowelle aufwärmte und in den Schubladen nach Gabeln für den Colonel und BA kramte, um nach draußen zu gehen und den beiden anderen Bescheid zu geben, dass sie ihr abgängiges Teammitglied wieder hatten.

Ein paar Minuten später hatten sie sich alle in der Küche versammelt. BA grummelte wie gewöhnlich darüber, dass Essen aus kleinen Kartons kein richtiges Essen war. Hannibal übernahm es, ihre Teller zu füllen und schalt Face, weil er vergessen hatte, Bier einzukaufen. Beiden war die Erleichterung jedoch anzumerken. Während der Mahlzeit erzählte Murdock - lebhaft mit seinen Stäbchen gestikulierend - von einer Kochstunde mit Sun in Sam Yengs Restaurantküche und behauptete, dass Sam ihm ein altes Familienrezept für Schlangen-Stew verraten habe. Er bedauerte, dass es am Strand keine Schlangen gab und er es deshalb nicht nachkochen könne... um breit zu grinsen, als ihn die anderen drei schockiert ansahen. Schließlich räusperte sich Hannibal und ermahnte ihn, das Essen nicht zu vergessen.

Ihnen entging nicht die unterschwellige Anspannung des Piloten. Wenn die Dinge zu viel für ihn wurden, gab es in der Regel zwei entgegengesetzte Richtungen, in die er sich bewegte – entweder wurde er immer abstrakter und verrückter in seinen Fantasien oder aber ernster und konzentrierter auf die Realität. Sie hatten gelernt, mit beidem umzugehen. Jetzt schien Murdock in einer Art Zwischenreich hängen zu bleiben. Ohne Balance. Ohne Stabilität.

Als der Tisch abgeräumt war, holte Face den Beutel mit den Glückskeksen hervor – sowohl, weil er sie Murdock versprochen hatte, als auch, um sich noch ein wenig länger vor dem verhassten Abwasch zu drücken.

„Sie sehen nicht aus wie Lins“, bemerkte der Pilot nebenbei und für einen Moment hielten alle den Atem an. Niemand antwortete darauf.

Face räusperte sich und begann damit, die Kekse auszuteilen und Murdock drängte alle, vorzulesen, was auf den kleinen Papierstreifen stand.

BA war der Erste: „Du wirst dich bald verlieben“, las er vor und knüllte den Papierstreifen mit einem Ausdruck von Abscheu zusammen. Er grummelte etwas von „Quatsch“ und warnte die anderen, die Krümel auf den Boden zu fegen.

„Das war ja wohl eher mein Keks.“ Face knackte als Nächster einen Glückskeks. „Hey, BA der hier war garantiert für dich gedacht: ‚Für einen guten Zweck zu arbeiten könnte dir Glück bringen.’ Damit muss das Jugendzentrum gemeint sein.” BA knurrte ihn an.

Hannibals Botschaft lautete zur Schadenfreude seiner Freunde: ‚Der Weg, der vor dir liegt, ist rosig und voll Romantik.’

Und schließlich knackte Murdock seinen Glückskeks. „Du erhältst eine Einladung an einen Ort des Vergnügens“, las er vor. „Hey, Facey – bedeutet das, du fährst mit mir nach Disney World?“

Face schnitt eine Grimasse. „Vielleicht fangen wir mit was für Erwachsene an. Wir könnten den Jahrmarkt am Santa Monica Pier besuchen. Ich habe beim Einkaufen die Plakate gesehen.“

„Oder Knott’s Berry Farm. Da war ich nicht mehr seit ich soooo klein war.” Murdock zeigte einen Abstand zum Boden von etwa einem halben Meter.

„Das ist auch für Kinder, Spinner“, ließ sich BA vernehmen.

„Santa Monica oder ihr geht ohne mich“, verkündete Face und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich bestehe auf einen gewissen Standart.“

Murdock grinste. „Santa Monica, okay“, wiederholte er. „Ich helfe dir auch beim Abwasch, Muchacho.“

Hannibal verkündete, er würde sich mit den Zeitungen, die Face aus der Stadt mitgebracht hatte, ein Plätzchen im Schatten suchen, um das Mittagessen in Ruhe zu verdauen. BA murmelte etwas von einem dringend notwendigen Ölwechsel. Und Face und Murdock machten sich daran, in der Küche Ordnung zu schaffen.


* * *


Der Pilot rieb mit einem Schwamm immer wieder über einen bereits sauberen Teller, bis Face ihn aus seiner Hand nahm und abtrocknete. „Alles okay?“, fragte er.

Murdock seufzte leise und strich sich das Haar aus der Stirn, eine Schaumspur auf seinem Gesicht hinterlassend. Er stützte sich mit beiden Händen auf den Rand des Spülbeckens. „Es tut mir leid, dass ich euch so viel Ärger mache“, sagte er leise.

Face stellte vorsichtig den Teller in den Schrank, und drückte dann Murdocks Schulter. „Du machst uns keinen Ärger.“ Er lächelte und wechselte das Thema. „Hey, was hältst du davon, wenn wir einen Strandspaziergang machen? Ich glaube, ich habe auf der Rückfahrt einen Eisstand gesehen.“

Die Augen des Piloten leuchteten auf. „Du kannst Screamy Dreamy haben, mit extra-Kirschen. Und für mich Cow-Wow mit ganz viel Sahne? Oder nein, lieber Macademia-Nutfool.“

„Macademia-Nutfool?“, wiederholte Face. “Sie haben eine Eiscremesorte nach dir benannt, fool?“, imitierte er BAs Grummeln und hob lachend die Hände, als Murdock den tropfenden Schwamm nach ihm warf.


* * *

 

Hannibal bestand darauf, dass sie den Besuch des Jahrmarktes noch ein wenig aufschoben. Doch als schließlich zwei weitere Tage – und Nächte – ohne Alpträume oder Aussetzer vergangen waren, brachen sie am Mittag des dritten Tages nach Santa Monica auf und mischten sich unter das bunte Treiben am Pier. Natürlich bot so ein öffentlicher Ort ein gewisses Risiko der Entdeckung, weshalb BA den Van versteckt, aber nahe am Eingang parkte, so dass sie im Notfall schnell verschwinden konnten. Andererseits war es auch einfach, in der Menschenmenge unterzutauchen.

Und genau das tat Face auch, als er sich für ein paar Minuten absetzte, um die nächste Telefonzelle zu suchen und im Krankenhaus anzurufen. Er hoffte, zu erfahren, was dort unternommen wurde, um nach Murdock zu suchen – doch trotz des Einsatzes seines ganzen Charmes konnte er von der Schwester am Empfang keine wirklich nützlichen Informationen erhalten. Vielleicht steckte die MP dahinter. Face legte auf und ließ sich erneut mit der Zentrale verbinden. Er verlangte Doktor Richter zu sprechen, doch man teilte ihm mit, dass der Arzt nicht im Haus wäre.

Unzufrieden kehrte Face zum Team zurück. Er schüttelte leicht den Kopf, als er Hannibals Blick auffing.

Murdock entging der Blickwechsel ebenfalls nicht. Er sah von seinem Colonel zu Face und wieder zurück. „Was ist?“, fragte er.

Bevor einer der beiden mit einer Antwort aufkommen konnte, lenkte BA die Aufmerksamkeit des Piloten auf sich, indem er ihn schalt, seine Jacke absichtlich mit Eiscreme beschmiert zu haben. Eine gutmütige Kabbelei entstand, die Face schließlich mit der Ankündigung beendete, am Schießstand unter Beweis zu stellen, dass er seine Ausbildung zum Scharfschützen nicht grundlos mit „exzellent“ abgeschlossen hatte. Er überließ es Murdock, einen Preis auszuwählen – und der Pilot entschied sich fast sofort für einen braunen Plüschhund. Er taufte ihn „Petey“.

Später am Abend sollte sich BA noch wundern, dass eins seiner roten Tücher aus seiner Tasche verschwunden war. Es fand sich dann um den Hals des Plüschtiers wieder...

Während Murdock unter BAs wachsamen Blick mit verträumten Augen zu dem hellbeleuchteten Riesenrad hoch starrte, dass mit Anbruch der Abenddämmerung eine nicht zu leugnende Ähnlichkeit mit einem Ufo aus einem billigen SciFi-Reißer hatte, trat Hannibal etwas zur Seite und winkte Face zu sich. Sie diskutierten leise über Face Absicht, am nächsten Tag das Krankenhaus aufzusuchen und zu versuchen, direkte Informationen zu erhalten. Sie kamen überein, noch ein paar Tage abzuwarten. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass Murdock länger vom Krankenhaus abwesend war.

BA war dann der erste, der zum Aufbruch drängte. Hannibal warf seine Autorität in die Waagschale, um Murdocks Protest – dem sich Face halbherzig anschloss – abzuwehren. Keineswegs unnötig, wie sich kurz darauf zeigte, als der Pilot auf der Rückfahrt wie ein übermüdetes Kind einschlief.

Face weckte ihn, als BA den Van vor dem Strandhaus parkte und für einen langen Moment war nur orientierungslose Leere in Murdocks Blick. Doch dann klemmte er sich Petey unter den Arm und folgte seinem Freund aus dem Wagen und ins Haus.

Nach dem späten Abendessen wurde allgemein beschlossen, den Tag zu beenden. Der Ausflug hatte allen gut getan, ein wenig der Beklemmung war von ihnen gewichen, ohne dass sie sich Illusionen machten, dass es vorbei war.

Murdock beharrte darauf, dass Face Petey in Verwahrung nahm. Er machte sich Sorgen darum, dass Billy auf ihn eifersüchtig werden könnte. Doch auf keinen Fall sollte Petey alleine schlafen, zumal in der fremden, neuen Umgebung, und Face versprach, ihn bei sich zu behalten, was Murdock zufrieden stellte.

Hannibal hatte wieder seine Nachtwache im Gästezimmer aufgenommen. Später ging er leise, die Taschenlampe auf den Boden gerichtet, um nirgendwo anzustoßen, durchs Wohnzimmer, um sich in der Küche etwas zu Trinken zu holen. Er warf einen prüfenden Blick auf Face und lächelte amüsiert, als er seinen Lieutenant mit dem Plüschhund im Arm entdeckte...

Die Nacht verlief relativ ereignislos. Ein paar Mal schreckte der Pilot aus dem Schlaf hoch, ließ sich jedoch rasch von Hannibals Anwesenheit beruhigen. Er konnte sich aber nicht daran erinnern, was ihn geweckt hatte.

Als die ersten, orangefarbenen Sonnenstrahlen ihren Weg in den Raum fanden, schlief Hannibal in seinem Sessel. Murdock dagegen lag auf dem Bett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte er sich ganz ruhig, ganz leer. Er wusste, dass er für die anderen eine Last war. So, wie er in Dan Hoi eine Last gewesen war. Damals hatte man ihn von seiner Einheit getrennt, in gewisser Weise war Hanoi Hilton also eine Lösung gewesen – auch wenn er sich nicht selbst dafür entschieden hatte. Dieses Mal hatte er auch eine Wahl. Er konnte sich entscheiden.

Er starrte wieder an die Decke, an die Lichtkringel, die die Sonnenstrahlen darauf zeichneten.


* * *


Der Morgen brachte einen Anruf von Amy. Sie war erbost darüber, dass niemand daran gedacht hatte, sie zu informieren. So hatte sie erst bei einem ihrer regelmäßigen Besuche im Krankenhaus erfahren, dass Murdock von dort verschwunden war. Mehr hatte man auch ihr nicht mitgeteilt, obwohl bekannt war, dass sie den Piloten oft besuchte – vielleicht auch gerade deshalb.

Die Reporterin wollte sie besuchen kommen, doch Hannibal riet ihr davon ab. Er wusste, wie gerne Amy Murdock hatte und dass es sie nur verwirren und verletzen würde, ihn in diesem Zustand zu erleben. Natürlich war sie an seine exzentrische Art gewöhnt, sie war oft genug mit ihnen unterwegs gewesen – doch das war etwas anderes. Dies berührte Gebiete, mit denen das Team selbst nach all den Jahren mit Murdocks Krankheit nur schwer klarkam. Er versprach ihr jedoch, sie anzurufen und auf dem Laufenden zu halten.


* * *



And some days it don't come easy
And some days it don't come hard,
Some days it don't come at all

And these are the days that never end
And some nights you're breathing fire
And some nights you're carved in ice
Some nights you're like nothing I've ever seen before
Or will again

And maybe I'm crazy
Or it's crazy and it's true

(Meatloaf – I’d do anything for love)


„Stimmt irgendetwas nicht, BA?“
Hannibal bemerkte das Stirnrunzeln seines Sergeant, als er in die Küche kam.

„Ich war mir sicher, Face hat vom Einkaufen Brot für Sandwiches mitgebracht.“ BA öffnete den nächsten Küchenschrank, vielleicht war die Packung ja nur in einem anderen Regal gelandet. „Aber jetzt ist nichts mehr da.“

Hannibal holte eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank. „Vielleicht hat er es vergessen. Wir haben alle im Moment unsere Gedanken nicht ganz auf der Reihe.“

BA schoss ihm einen missbilligenden Blick zu. „Sprich’ für dich selbst, Mann.“ Er schloss die Schranktür mit etwas mehr Schwung, als nötig gewesen wäre. „Du hast besser eine dieser Unterhaltungen mit Faceman, oder wir haben bald noch jemand hier, um den wir uns Sorgen machen müssen.“

Hannibal war nicht wirklich überrascht. Wenig entging BA – er behielt sein Wissen nur meist für sich. „Er hat versprochen, dass es nicht mehr vorkommt.“

Der große, dunkelhäutige Mann schüttelte den Kopf und schnaubte. „Besser, er hält sich daran.“

Hannibal grinste unwillkürlich. BA machte wie üblich aus seinem Herzen keine Mördergrube. Drogen und Alkohol standen mit ganz oben auf der Liste der Dinge, die er am meisten verabscheute. Aber genau wie der Colonel machte er sich nur Sorgen, dass Face auf einen gefährlichen Pfad zurückgleiten konnte, den er für eine Weile nach ihrer Flucht aus Fort Bragg beschritten hatte. Andererseits hatte Hannibal genug Vertrauen in seinen Lieutenant. Wenn schon nicht um seinetwillen, so würde doch die Sorge um den Piloten Face davon abhalten, die Kontrolle über sich zu verlieren. Er wusste, dass Murdock ihn – sie alle – brauchte.

„Vielleicht hat der Spinner die Möwen damit gefüttert“, drang BAs Stimme in seine Grübelei. „Das würde ihm ähnlich sehen.“

Ja, das würde Murdock ähnlich sehen. Hannibal tastete nach seinen Zigarren. An sie hatte Face gedacht. Doch dieses Mal würden alle Zigarren der Welt nicht ausreichen, dass er mit einem Plan aufkam, der sie aus dieser Situation holte. Dieses Mal gab es nichts, dass er tun konnte, als zu versuchen, seine kleine Familie zusammen zu halten und jede neue Herausforderung anzunehmen, die ihnen in den Weg geworfen wurde.

„Hast du gesehen, dass er diesem dummen Stofftier eines meiner Tücher umgebunden hat?“, fuhr BA fort.

Hannibal lachte und klopfte ihm auf den Rücken. „Ich bin sicher...“, weiter kam er nicht, denn die Hintertür wurde aufgerissen und Face kam hereingestürmt. Er zog Murdock hinter sich her. „Was ist passiert, Lieutenant?“, fragte Hannibal sofort. Während BA automatisch zum Fenster ging und nach draußen sah.

Face grinste, doch es war grimmiges Grinsen, seine Augen waren dunkel mit Zorn. Er schob den Piloten zu einem Küchenstuhl und drückte ihn darauf. Hannibal sah das Blut auf Face weißem Hemd und mehr noch davon auf Murdocks Gesicht. Face griff sich ein Handtuch von dem Haken neben der Spüle und warf es Murdock in den Schoß, der es sich aufs Gesicht drückte.

„Was ist passiert, Lieutenant?“, wiederholte Hannibal schärfer.

„Dieser Idiot hier hat sich mit drei Kerlen am Strand angelegt.“ Face presste einen Moment die Lippen zusammen. „Ich habe ihn nur fünf Minuten allein gelassen und auf einmal...“ Er unterbrach sich, um im Gefrierfach nach Eiswürfeln zu suchen und kippte eine Handvoll davon in ein zweites Handtuch. „Ich bin gerade noch rechtzeitig gekommen, um ihn da rauszuholen, bevor die Cops ihn sich schnappen konnten. Offenbar hat es in letzter Zeit häufiger Schlägereien gegeben und sie haben eine Streife eingerichtet. Verdammt, einer von den Kerlen hatte einen Schlagring!“

Hannibal griff nach Murdocks Handgelenk und zog das Tuch von seinem Gesicht weg. „Lass’ mich dich mal ansehen, Captain“, sagte er ruhig. Es sah auf den ersten Blick schlimm aus. Über der linken Augenbraue war die Haut aufgerissen, das Auge darunter schwoll bereits an. Überhaupt war die ganze linke Gesichtshälfte gerötet. Blut tropfte von Murdocks Kinn auf sein schmutziges, zerrissenes T-Shirt. Merkwürdigerweise hatte er seine Mütze dagegen immer noch auf. „Hol’ den Erste-Hilfe-Kasten aus dem Bad, Face“, ordnete Hannibal an. „Okay, was ist passiert, Murdock?“

Der Pilot versuchte das Gesicht wegzudrehen, doch Hannibal hielt sein Kinn fest. „Ich weiß es nicht mehr“, murmelte er.

„Gut, unterhalten wir uns später darüber, Captain.“ Hannibal begann Blut und Schmutz aus dem Gesicht des Piloten zu wischen. „Und vermutlich sollte ich mir erst mal die anderen ansehen, was?“

Murdock zuckte zusammen, als Hannibal vorsichtig das Blut von der Platzwunde an seiner Stirn wischte, doch er brachte ein zittriges Grinsen zusammen. „Facey hat mich gerettet.“ Er sah über Hannibals Schulter zu Face, der mit dem Erste-Hilfe-Kasten zurückkam. „Kemosabe. Mein Held.“ Er warf Face eine Kusshand zu – und verlor das Bewusstsein.

Hannibal fing ihn geistesgegenwärtig auf, als er in sich zusammensackte. „BA, fass’ mal mit an. Wir schaffen ihn besser in sein Bett.“

BA knurrte, nahm dann den schlaksigen Piloten mühelos hoch und trug ihn ins Gästezimmer, wo er ihn mit einer Sanftheit aufs Bett legte, die den Ärger in seinem Gesicht Lügen strafte. „Verdammter Narr. Bringt sich eines Tages noch selbst um.“ Er machte Hannibal und Face Platz.

„Ich glaube nicht, dass das genäht werden muss.“ Hannibal machte sich routiniert an die Versorgung der Wunden. „Warte damit noch einen Moment“, wies er Face an, der den improvisierten Eisbeutel an Murdocks Wange halten wollte. „Zuerst muss er aus diesen Klamotten.“

Gemeinsam zogen sie Murdock das T-Shirt aus, was zur Entdeckungen von Prellungen und handgroßen Abdrücken auf den Oberarmen des Piloten führte, wo er festgehalten wurde. Die Spuren an seinem Oberkörper stammten ganz offensichtlich von Tritten. Schließlich lag er unter einer Decke und Face saß auf der Bettkante, um den Eisbeutel gegen Murdocks anschwellende linke Gesichtshälfte zu halten.

„Wo warst du, als das passiert ist, Face?“, fragte Hannibal ruhig und räumte den Inhalt des Erste-Hilfe-Kasten wieder ein.

„Ich... ich habe uns nur einen Kaffee geholt“, verteidigte sich Face sofort. „Ich schwöre es, da war eine Schlange am Kiosk, ich habe nicht irgendwo rumgeflirtet. Murdock sagte, er wolle sich ein paar Sandburgen näher ansehen gehen, da findet irgendwo ein Wettbewerb statt. Woher hätte ich wissen sollen, dass er stattdessen in eine Schlägerei gerät?“

„Ganz ruhig, Face.“ Hannibal sah ihn an. „Niemand macht dir Vorwürfe.“ Er sah, wie Face den Mund öffnete, ihn aber wieder schloss, ohne etwas zu sagen. Natürlich machte er sich selbst Vorwürfe. „Es war vermutlich einfach Pech.“

„Der Spinner zieht Ärger an, wie eine Lampe Moskitos“, brummte BA. Er wies auf den Erste-Hilfe-Kasten in Hannibals Händen. „Besser, wenn du das Ding in der Nähe behältst.“ Dann ging er kopfschüttelnd aus dem Gästezimmer.

Hannibal beobachtete seinen Lieutenant und sah, dass seine Hand leicht zitterte. „Bist du okay? Du bist doch unverletzt?“

Face nickte. „Nur die Aufregung, denke ich“, meinte er mit einer Grimasse. „Verdammt, ich habe nur einen Moment lang in die andere Richtung gesehen, als ich den Kaffee kaufte und als ich wieder hinsehe, liegt er am Boden und dieser Kerl tritt auf ihn ein. Ich habe versucht, aus ihm heraus zu bekommen, was passiert ist, aber er behauptet, er könne sich nicht erinnern.“

„Vielleicht...“ Hannibal zögerte einen Moment, aber es gab keinen einfachen Weg, es zu formulieren. „Es könnte sein, dass Murdock die Prügelei angefangen hat. In seinem labilen Zustand... wenn er sich in irgendeiner Weise provoziert gefühlt hat oder bedroht...“ Er zuckte mit den Schultern. „Bleibst du bei ihm, bis er wach wird?“

Face nickte nur.

„Okay. Ich löse dich später ab. Achte vor allem auf seine Atmung. Es sieht nicht so aus, als wären seine Rippen verletzt, aber das Muskeltrauma kann auch dazu führen, dass er Atemschwierigkeiten bekommt.“ Nach einem letzten Blick auf das Gesicht des Piloten raffte Hannibal die blutige Kleidung und Handtücher zusammen und verließ das Gästezimmer.

Face rutschte ein Stück höher auf dem Bett, lehnte sich gegen das Kopfende und bettete Murdock samt Kissen gegen sich, so dass der Pilot halb aufrecht saß – um ihm das Atmen zu erleichtern. Er nahm vorsichtig den tropfenden Eisbeutel weg, seine eigene Hand fühlte sich schon langsam taub an und betastete mit der anderen behutsam Murdocks Gesicht, um zu checken, dass er nicht zu stark auskühlte. Die Schwellung schien nicht weiter fortgeschritten zu sein und er beugte sich vor, ließ das Handtuch mit seinem schmelzenden Inhalt auf den Boden fallen. Als er sich wieder aufgerichtet hatte, sah er direkt in die dunklen Augen des Piloten. „Hey“, sagte er nach einem Moment. „Da bist du ja wieder. Wie fühlst du dich?“

„Mein Kopf tut weh“, murmelte Murdock und verzog das Gesicht, als er den Kopf nach Face wandte. Ein Fehler, denn es schmerzte und er atmete zischend aus. „Und mein Brustkorb fühlt sich an, als würde ein Pferd draufsitzen.“

„Ich würde sagen, du bist von einem getreten worden. Hannibal hat Schmerztabletten auf dem Nachttisch gelassen. Ich hole sie dir.“

Doch als Face Anstalten machte, aufzustehen um sie zu holen, hielt ihn die Hand des Piloten auf seinem Arm zurück. „Nein, ist in Ordnung. Die Schmerzen sind okay. Sie helfen mir, einen klaren Kopf zu bekommen.“

„Das nächste Mal wartest du gefälligst auf mich, bevor du dich mit drei Gorillas anlegst“, versuchte Face zu scherzen, doch es wollte ihm nicht ganz gelingen, einen leichten Tonfall in seine Stimme zu zwingen. „Oder besser noch – warte auf BA. Er hat keine teuren Kronen zu verlieren.“

„Es tut mir leid, Face“, erwiderte Murdock nach einer Weile.

„Du musst dich nicht entschuldigen.“ Face klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. „Erinnerst du dich jetzt wieder, was passiert ist?“

„Nein.“

Es war eine Lüge und sie wussten es beide, doch Face beschloss es nicht zu hinterfragen. Nicht jetzt.

Murdock schloss die Augen. „Kann ich doch diese Tabletten haben?“, bat er und rollte sich von ihm weg.

„Natürlich.“ Face stand auf und ging ins Bad, um Wasser zu holen. Er reichte beides dem Piloten, wartete ab, bis Murdock die Tabletten geschluckt hatte, dann setzte er sich in den Sessel, nahe dem Bett.

Nach einer Weile verrieten tiefe, regelmäßige Atemzüge, dass Murdock eingeschlafen war.

Seufzend legte Face den Kopf zurück und sah an die Decke.


* * *


Er schreckte hoch, als Hannibal den Raum betrat und sah den Colonel fragend an.

„Ich löse dich ab“, sagte Hannibal. „Geh’ etwas essen und dann ruhst du dich eine Weile aus – und das ist ein Befehl, verstanden, Lieutenant?“

Face stand auf und streckte sich. Er verzog das Gesicht, als die Muskeln in seinem Nacken und Rücken sich bemerkbar machten. „Wie hältst du es nur die ganze Nacht in diesem Ding aus“, murmelte er, ohne auf die Worte des Colonels einzugehen. „Ich habe ihm zwei der Tabletten gegeben und er hat die ganze Zeit ruhig geschlafen.“

„Gut.“ Hannibal nahm in dem Sitzmöbel Platz, das Face freigemacht hatte und sah ihm nach, als der den Raum verließ. Doch keine Minute später war er schon wieder zurück – und hielt Petey in der Hand. Mit einem schiefen Grinsen setzte er das Stofftier aufs Bett, bevor er – diesmal endgültig – das Gästezimmer verließ.

Nach einer Weile stand Hannibal auf, überprüfte die Atmung des Piloten und stand dann lange am Fenster, um auf seiner kalten Zigarre herum zu kauen und nach draußen zu starren.


* * *


„Hannibal.“ BA hielt den Colonel auf, der eben Face wieder ablösen wollte. Es war inzwischen Abend geworden. „Ich habe nach dem Abendessen unsere Vorräte überprüft und es fehlen noch andere Sachen, als nur das Brot. Das gefällt mir nicht, Hannibal. Vielleicht war jemand hier, während wir in Santa Monica waren.“

Hannibal runzelte die Stirn und rieb sich nachdenklich das Kinn. „Sieh’ dich mal in den anderen Räumen um, ob dir auffällt, wo sonst noch etwas fehlen könnte“, meinte er dann. „Und Face soll sich die Schlösser ansehen, er kann am ehesten sagen, ob eins davon geknackt wurde.“ Er wartete BAs zustimmendes Nicken ab und trat dann ins Gästezimmer.

Face saß mit einem Buch am Bett und sah zu ihm auf. Er gähnte, als er das Buch zuklappte. „Murdock schläft noch immer wie ein Stein“, sagte er leise und fuhr sich durch die Haare, die ihre üblich adrette Form längst eingebüsst hatten. „Wie spät ist es?“

„Nach elf.“ Hannibal trat zum Bett, um sich selbst von Murdocks Zustand zu überzeugen, berührte seine Stirn, doch die Haut unter seinem Handrücken war kühl und trocken – kein Fieber, ein sehr gutes Zeichen. „BA braucht deine Unterstützung.“ Die Lampe auf dem Nachttisch badete das Gesicht des Piloten in einem weichen, gelben Licht, das es schwer machte, zu sagen, ob seine Farbe normal war. Es betonte jedoch die dunklen Prellungen auf der linken Gesichtshälfte.

„Was ist passiert?“, fragte Face neugierig – und sofort hellwach. „Probleme?“

Hannibal hob die Schultern. „Ich hoffe nicht. Vielleicht ist alles nur ein Irrtum, aber es sieht so aus, als hätten wir ungebetenen Besuch in diesem Haus gehabt. Es fehlen ein paar Lebensmittel und BA kontrolliert gerade die Räume, ob sonst noch was weggekommen ist. Ich möchte, dass du dir die Schlösser ansiehst.“

„Okay.“ Face stand auf. “Aber wenn nur Lebensmittel fehlen, dann war es sicher nicht die Militärpolizei, die uns einen Besuch abgestattet hat“, meinte er mit einem schiefen Grinsen. „Vielleicht ein Obdachloser.“ Er warf noch einen Blick auf den schlafenden Freund, dann verließ er leise den Raum.

Hannibal zog eine Zigarre aus der Brusttasche, spielte einen Moment damit und schob sie dann zurück. Dabei fiel ihm ein Streichholzbriefchen zu Boden und verschwand unter dem Bett. Leise ächzend kniete sich Hannibal auf den Boden, um danach zu angeln – doch stattdessen berührten seine Finger einen Karton. Er zog ihn hervor. Es handelte sich um einen Schuhkarton – und er enthielt das, was Hannibal für ihre verschwundenen Lebensmittel hielt: Eine Tüte mit Brotscheiben, eine Packung mit geschnittenem Schinken und zwei bereits leicht angeschrumpelte Äpfel, mehrere Schokoriegel - außerdem eine angebrochene Packung Lucky Charms Frühstücksflocken. Hannibal setzte sich auf die Fersen zurück und betrachtete sie verständnislos.

Dann rieb er sich über die Stirn und seufzte. „Mein Gott“, sagte er leise. Die Erinnerung an den bitteren Geschmack von Lins Brot erfüllte für einen Moment seinen Mund, als er zu verstehen begann. Unwillkürlich fragte er sich, ob sich Murdock nun an alles erinnerte, auch daran was Menschen in der Lage waren zu essen, wenn sie kurz vor dem Verhungern standen. Nach den Camps war es Hannibal nie wieder gelungen, Nahrung als etwas Selbstverständliches anzusehen.

Dann schob er den Karton wieder unters Bett, fand das Streichholzbriefchen und stand auf, um BA und Face mitzuteilen, dass sie die Suche abbrechen konnten.

Es gab keinen Einbruch eines hungrigen Obdachlosen, obwohl ihm das im Moment wesentlich lieber gewesen wäre.

Murdock hatte die Lebensmittel gehortet. In irgendeinem Winkel seines verwirrten Geistes hatte die Erinnerung daran, wie Chao seine Gefangenen hungern ließ - an die... Dinge... die sie in ihrer Verzweiflung aßen, wenn es Lin nicht gelang, Essen zu den Gefangenen zu schmuggeln - ihr hässliches Haupt erhoben.

Nicht zum ersten Mal fragte sich Hannibal, ob sie das richtige taten, indem sie ihn bei sich behielten. Und genau wie die anderen Male zuvor fand er keine Antwort darauf. Er wusste nur, dass Murdock zu ihnen gekommen war, und ihn zurück ins Krankenhaus zu bringen keine Option war, wollten sie nicht das letzte Vertrauen zerstören, dass er noch in diese Welt zu haben schien. Das Vertrauen in seine Freunde - seine Familie. Und vielleicht lag darin bereits die Antwort, nach der er suchte.


* * *

BA blickte kopfschüttelnd der Corvette nach, mit der Hannibal und Face in die Stadt fuhren. Sie wollten versuchen, im Krankenhaus Neues zu erfahren. Er fand diesen Plan schwachsinnig und hatte ihnen das auch genauso gesagt. Es konnte gut sein, dass Lynch wie eine Spinne im Netz saß und genau darauf wartete.

Er sah Murdock unten am Stand stehen und ging zu ihm. Der Pilot hatte seine Mütze mit Kieselsteinen von dem Weg im Vorgarten gefüllt und versuchte nun erfolglos, sie übers Wasser hüpfen zu lassen. Es konnte nicht gelingen, nicht bei den Wellen.

Murdock sah ihn an. „Hi, Großer. Ich bekomme es einfach nicht hin. Bei Face hüpfen sie meilenweit und er versucht immer, es mir beizubringen, aber ich begreife es einfach nicht. Verstehst du das?“

„Das Wasser ist viel zu unruhig, Spinner.“ BA nahm Murdocks Mütze und leerte die Steine aus, dann setzte er sie dem Piloten auf den Kopf. „So triffst du nur die Wellen. Versuch’ es, wenn der Wind sich gelegt hat.“

Murdock grinste. Die Schwellung war seit dem Vortag zurückgegangen, doch die Prellungen und das Pflaster auf der Stirn zeugten nach wie vor von dem Ärger, den er sich eingehandelt hatte. „Ist Hannibal sehr wütend auf mich?“

„Nein, aber ich, du Idiot. Wenn du dich noch einmal in eine Prügelei verwickeln lässt, reiße ich dir persönlich den Kopf ab, ist das klar, Spinner?“

Der Pilot duckte sich spielerisch. Dann setzte er sich in den Sand, zog die langen Beine an, legte die Arme darum und stützte das Kinn auf die Knie. Er starrte aufs Meer hinaus. „Im VA... auf meiner Etage... da gibt es so einen Kerl. Chuck. Du würdest ihn nicht mögen, BA. Chuck hat eine ganze imaginäre Familie. Er denkt, er lebt in einem Haus, mit seinen Eltern, seiner Frau und seinen Kindern. Manchmal... manchmal kann ich sie fast auch sehen.“ Seine Stimme klang, als käme sie von weit her. „Und manchmal, wenn ich mit euch Jungs zusammen bin, erscheint mir alles so irreal, dass ich mich frage, ob Chuck wirklich verrückter ist als ich. Wer weiß, vielleicht bilde ich mich euch ja auch nur ein.“ Er legte den Kopf auf die Seite und sah zu BA auf. „Obwohl ich nicht sicher bin, dass sogar meine Fantasie mit so etwas wie dir aufkommen könnte, Großer.“ Er grinste.

„Du bist nicht verrückt. Nicht... so verrückt. Und du brauchst dir keine Familie einzubilden. Du hast uns. Und jetzt will ich davon nichts mehr hören, verstanden, Spinner?“, grummelte BA.

Es war eine Weile still.

„Ich weiß nicht, warum ich es getan habe“, sagte der Pilot schließlich. „Ich war nur plötzlich so wütend. Die Typen starrten mich an... und ich wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden.“

„Manchmal sind Kinder im Jugendzentrum, die sich genauso benehmen.“

Murdock sah überrascht zu BA hoch – doch der blickte stur aufs Meer hinaus, sein Gesicht wie üblich mürrisch und unlesbar.

„Viele von ihnen kommen aus schlechten Verhältnissen, aus kaputten Familien. Sie haben Angst. Sie sind wütend. Sich zu prügeln ist manchmal ihre einzige Form, das auszudrücken. Es ist ein Hilferuf.“ BA sah ihn an. „Wir versuchen ihnen beizubringen, dass es besser ist, mit uns zu reden. Dass wir da sind, damit sie mit uns reden. Dass niemand sie einfach wegschicken wird, wenn sie sich schlecht benehmen.“

Der Pilot wandte den Blick ab. Es kam unerwartet, dass BA diese Seite von sich so offen zeigte. Dass es seinetwegen war, machte ihn verlegen. „Ich... ich fühle manchmal so viel, BA. Zu viel für Worte.“ Er kraulte Billy nachdenklich hinter den Ohren.

„Vergiss’ nur nicht, dass wir da sind.“ BA räusperte sich. „Was treibst du da?“, fragte er dann in seinem üblichen knurrigen Tonfall.

Murdock lächelte. Er deutete neben sich. „Billy sitzt genau hier, Großer“, sagte er. „Ich glaube, er hat Hunger.“

„Hunger? Wir haben eben erst gefrühstückt und glaub bloß nicht, ich habe nicht gesehen, dass du ihn gefüttert hast, Spinner.“ BA wandte sich ab und ging Richtung Haus. Er brummte etwas von „...ist kein unsichtbarer Hund...“

Sofort sprang Murdock auf und folgte ihm. „Ach komm, BA“, quengelte er. Er wusste genau, dass er den Großen damit ärgern würde – aber es würde ihnen auch beide über die Verlegenheit hinweg helfen. „Wir sind den ganzen Morgen über den Strand entlang gelaufen, Zeit für einen kleinen Snack.“ Er überholte BA und blockierte seinen Weg. „Denkst du, der Colonel und Face sind okay?“, sagte er dann leise. „Wenn Lynch sie meinetwegen schnappt...“

„Dann sind wir hier, um sie rauszuholen“, unterbrach ihn BA und schob ihn zur Seite. Mit einer Sanftheit, die den Ärger in seiner Stimme Lügen strafte. „Aber das wird nicht passieren. Die beiden können auf sich selbst aufpassen.“

Murdock sah ihm nach und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich hoffe es, Großer. Ich hoffe es.“ Billy gab ein zustimmendes Kläffen von sich.


* * *


„Lieutenant, ich bin beeindruckt“, meinte Hannibal, als sich Face sich in die Corvette schwang und eine Tasche auf den Rücksitz warf.

„Zwanzig Minuten“, meinte Face nach einem Blick auf seine Uhr und zuckte zusammen, als der Colonel die Vette mit quietschenden Reifen zurück auf die Straße steuerte. „Ja, ich bin auch mit mir zufrieden. Doktor Richters Sekretärin ist sehr nett.“

„Blond oder brünett?“, fragte Hannibal und zündete sich eine Zigarre an – genauer gesagt, er versuchte es, während er gleichzeitig den Wagen durch den dichten Verkehr steuerte.

„Darauf habe ich nicht geachtet.“ Face schnappte sich nervös Zigarre und Feuerzeug, um sie anzuzünden, bevor er sie dem Colonel zurückreichte.

„Danke, Face.“ Hannibal sah ihn zweifelnd an. „Du hast nicht darauf geachtet?“

„Würdest du dich bitte auf die Straße konzentrieren?“, entgegnete Face. „Oder lass mich fahren. Hast du eine Ahnung, was es kostet, dieses Auto neu lackieren zu lassen?“

„Es ist ein Auto, Lieutenant. Ein Kratzer im Lack ist kein Weltuntergang.“ Gelassen lehnte sich Hannibal zurück. „Also, war sie nun blond oder brünett?“

„Blond.“ Face verschränkte die Arme vor der Brust. Er hasste es, wenn Hannibal fuhr. Er hatte so viel Verständnis für die Empfindlichkeiten eines Sportwagens, wie der Aquamaniac für Kunst. „Zumindest war sie das mal. Du lieber Himmel, Hannibal, die Frau muss so alt sein wie du.“

„Oh. Vielen Dank, Lieutenant.“ Hannibal grinste um seine Zigarre herum, als er Face bei seinem sarkastischen Tonfall zusammenzucken sah. „Was hast du von ihr erfahren?“

Face lachte. „Es wird dir gefallen – Doktor Richter hat Lynch aus dem Krankenhaus geworfen und ihm Hausverbot erteilt. Und offenbar hat irgendjemand mächtigen Ärger bekommen, weil er oder sie Murdocks Verschwinden der MP gemeldet hat. Hannibal, dieser Arzt wird mir immer sympathischer.“

„Er scheint Stil zu haben“, stimmte der Colonel zu. „Und weiter?“

„Richter war für ein paar Wochen nicht hier, sie haben ihn nach New York geschickt, um ein Gutachten zu erstellen. Irgendeine Geheimsache. Egal, er war auf jeden Fall nicht hier, als wir... Chao und Lin über den Weg gelaufen sind. Murdock hat mehrmals darum gebeten, mit ihm sprechen zu dürfen. Aber sie haben ihn nicht gelassen.“ Er angelte die Tasche vom Rücksitz und holte einen kleinen Plastikbehälter mit einigen Pillen und einem aufgeklebten Etikett heraus. „Schlaftabletten. Ich habe sie in Murdocks Zimmer gefunden. Sie geben Leuten in Krankenhäusern nicht mehr als eine Dosis auf einmal. Er hat sie entweder gehortet oder er hat sie irgendwo geklaut. Ich bin nicht an seine Akte rangekommen, um zu sehen, ob er sie verordnet bekommen hat. Da sitzt ein neuer Drache am Eingang, direkt vor dem Aktenschrank.“ Er steckte die kleine runde Dose in die Brusttasche seiner Jacke.

Hannibal rauchte eine Weile schweigend. „Okay, wohin jetzt?“

„Ich treffe mich heute Abend mit jemand, der mir die Medikamente für Murdock besorgt hat. Ich konnte sie ja schlecht in Richters Büro stehlen, das wäre doch ein wenig zu auffällig gewesen, findest du nicht?“ Face rückte seine Krawatte zurecht. „Keine Sorge. Der Typ schuldet mir noch etwas – und er war einmal Arzt.“

„War?“, erkundigte sich der Colonel mit gerunzelter Stirn.

„Er hat ein kleines Alkoholproblem. Was?“, verteidigte sich Face, als Hannibal ihn ansah. „Ich kann das Zeug nicht im Drugstore um die Ecke kaufen. Ich habe Murdocks Jacke gecheckt und im Van nachgesehen, wir haben nichts mehr.“

„Okay, Face. Gut”, sagte Hannibal besänftigend. „Das war keine Kritik. Ich weiß, dass du vorsichtig bist. Wo wohnt deine Quelle?“

„Wir treffen uns immer am Pier.“ Face holte tief Luft und starrte geradeaus. „Tut mir leid“, setzte er hinzu. „Ich frage mich manchmal, ob wir das Richtige tun.“

Er erhielt keine Antwort.


* * *


„Du hast Billys Fellbürste vergessen, Muchacho“, meinte Murdock, als er die Tasche durchwühlte, die Face aus dem VA mitgebracht hatte.

„Was?“, schnappte Face, bevor er das Grinsen auf dem Gesicht des Piloten sah. „Rutsch mir den Buckel runter, Murdock“, knurrte er.

„Oookay-doookey. Ich denke, Billy kommt ein paar Tage ohne aus.“ Murdock ließ die Tasche aufs Bett fallen und trat zu Face, der am Türrahmen lehnte. „Danke“, meinte er leise. „Auch dafür, dass ich hier bleiben darf.“

Face legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Das ist doch klar, dass du bei uns bleibst.“


* * *


„Zum Teufel, Hannibal!“ Face klang halb wütend, halb amüsiert, als er aus der Corvette kletterte und sich vis-a-vis mit seinem kommandierenden Offizier fand. „Ich fühle mich, als wäre ich wieder fünfzehn und Zapfenstreich um Mitternacht gewesen.“

Hannibal, der mit vor der Brust verschränkten Armen am Van lehnte, schob die Zigarre von einem Mundwinkel in den anderen. „Dann bist du ja eine geschlagene Stunde zu früh dran.“

„Du weißt genau, wie ich das gemeint habe.“

Der Colonel hob die Schultern. „Ich habe dich nicht abgepasst. BA hat sich über den Rauch beklagt. Wir sind im Moment alle etwas gereizt. Das geht vorüber.“ Seine Stimme klang sehr klar, sehr ruhig und neutral was Emotion betraf. „Du hast bekommen, was wir brauchen?“

Face nickte und warf ihm eine oben zugefaltete Tüte zu, deren Aufschrift das „beste Popcorn der Welt“ versprach. In ihrem Inneren klapperte es leise.

„Tun wir das Richtige, Colonel?“ Face rückte seine Krawatte zurecht. „Ich meine... das...“ Er zeigte mit dem Kopf auf die Tüte. „...kann doch keine Lösung sein. Ihn mit Medikamenten voll zu stopfen und zu hoffen, dass...“

„...das er wieder normal wird?“, erklang es leise hinter ihnen und die beiden drehten sich um. Murdock stand in der offenen Tür zum Haus. Wie viel hatte er gehört?

„Murdock...“, begann Hannibal, doch der Pilot schüttelte den Kopf, als er zu ihnen trat.

„Ich wollte nicht sagen, dass du...“, setzte Face an, doch Murdock sah ihn nur an, und er brach unsicher ab.

Die braunen Augen, die seinem Blick begegneten, waren nicht wütend, nicht enttäuscht – im Gegenteil, sie wirkten fast belustigt, zugleich ein wenig traurig. „Ich hätte das früher sagen sollen, damit du kein unnötiges Risiko für mich eingehst.“ Der Pilot holte tief Luft. „Ich will zurück ins Krankenhaus. Gleich morgen früh. Ich werde Amy bitten, dass sie mich abholt und hinbringt, nur für den Fall, dass Lynch immer noch in der Gegend herumschnüffelt.“ Er wandte sich ab und ging zurück zum Haus.

„Captain.“

Murdock sah über die Schulter zurück.

„Es ist deine Entscheidung“, sagte Hannibal. „Aber was ich gesagt habe, gilt: Wir sind ein Team. Wenn du das nur tust, um uns zu schützen...“

„Nur?“, wiederholte der Pilot. „Nein. Ich möchte bei euch sein. Ich werde sogar BAs Knurren vermissen. Aber es ist das Beste, wenn ich zurückgehe. Zumindest für eine Weile. Dr. Richter ist wieder da. Ich... ich habe angerufen. Und irgendeine Erklärung wird mir für mein Verschwinden schon einfallen. Vielleicht streichen sie mir für eine Weile ein paar Privilegien, aber das ist nichts dagegen, was euch droht, wenn Lynch euch erwischt. Daran will... kann... ich nicht auch noch schuld sein. Ich... Vielleicht sollten wir uns eine Zeitlang nicht sehen.“ Er presste abrupt die Lippen zusammen, als hätte er Sorge, zu viel zu sagen und verschwand dann im Haus.

Hannibal sah auf die Tüte in seiner Hand und empfand ein vages Gefühl von Versagen.

„Er meint das wirklich ernst, oder?“, sagte Face leise.

„Ja, Face. Er meint das ernst.“ Hannibal nahm seine Zigarre aus dem Mund und warf sie weg. „Und wir werden seinen Wunsch respektieren. Das bedeutet nicht, dass wir ihn im Stich lassen. Komm’ jetzt, Face. Es ist spät. Gehen wir schlafen. Morgen werde ich mich nach einem neuen Job für uns Drei umsehen. Ich denke, Mr. Lee hat ein paar passende Angebote.“

Face lächelte automatisch, doch es war kein richtiges Gefühl dahinter, als Hannibal über sein Alter Ego „Mr. Lee“ sprach, als wäre er eine real existierende Person. „Ich komme gleich nach.“

Hannibal nickte und ging ohne ein weiteres Wort nach drinnen.

Face setzte sich wieder in die Corvette und legte beide Hände auf das Lenkrad. Normalerweise genügte das Gefühl des glatten, weichen Leders unter seinen Handflächen bereits, dass er sich besser fühlte. Heute bedeutete ihm sein Wagen nichts.

Hannibal stand vor den Glasscheiben, durch die man auf den Strand und das dahinter liegende Meer sehen konnte. Er zog unbewusst seine Handschuhe aus der Tasche seiner Jacke und streifte sie über. Als ihm klar wurde, was er getan hatte, sah er verwundert auf seine Handflächen, legte die Arme dann auf den Rücken und betrachtete das Meer.

Im ersten Stock lag BA auf seinem Bett, die Arme im Nacken verschränkt. Er hatte durch das offene Fenster Murdocks Worte gehört. Vielleicht hatte der Spinner recht und sie brauchten wirklich Abstand voneinander. Aber er wusste auch, dass das Leben ein Stück langweiliger ohne die Anwesenheit des Piloten sein würde.

Murdock sah auf dem Bett im Gästezimmer, den Rücken gegen die Wand gelehnt, die Beine angewinkelt. Er sah auf Petey, der etwas schräg auf dem Kopfkissen saß, noch immer das rote Tuch von BA um seinen Hals und erinnerte sich an den Ausflug nach Santa Monica. Er lächelte traurig. Sie hatten alle so viel Spaß gehabt. Aber er konnte sie auf keinen Fall einem solchen Risiko aussetzen. Es war schlimm genug, dass sie seinetwegen in LA blieben. Er griff nach dem Stoffhund und schob ihn in eine Ecke, dann streckte er sich auf dem Bett aus. Über ihm drehten an der Decke die Schattenflugzeuge der Kinderlampe ihre Runden.


Ende