Titel: Autumn Leaves

Autor: Lady Charena

Fandom: House, MD

Charaktere: House, Blythe

Thema: # 064. Herbst

Word Count:

Rating: gen

Anmerkung des Autoren: Vielen Dank an T’Len für’s betalesen.

Summe: Herbstvergnügen für Klein-Greg

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.

 

 

Beide Hände und das Gesicht gegen die Fensterscheibe gepresst, starrte er nach draußen. Er stand auf den Zehenspitzen, denn das Fenster war hoch angebracht und die breite Fensterbank davor, zwang ihn zu einer unbequem vorgebeugten Haltung. Sein Atem ließ das Glas beschlagen und er wischte mit dem Ärmel darüber. Doch das hinterließ Schlieren auf der vorher makellosen Scheibe.

 

Dann drehte er rasch den Kopf und sah über die Schulter, um fest zu stellen, ob ihn seine Mutter dabei erwischt hatte, wie er die Fenster schmutzig machte. Aber sie war nicht im Wohnzimmer, nur die Umzugskartons standen noch am gleichen Ort wie vorher. Er hörte ihre Stimme dumpf aus der Küche und hielt für einen Augenblick inne. War sein Vater etwa früher nach Hause gekommen? Sein Herz schlug plötzlich so heftig, dass das Geräusch alles andere zu übertönen schien. Doch dann hörte er seine Mutter laut lachen und die Anspannung verließ seinen Körper. Seine Mutter lachte nie laut, wenn sein Vater da war.

 

Seine Gedanken kehrten zu dem zurück, womit er zuvor beschäftigt gewesen war. Er schob sich noch ein wenig mehr hoch, beide Unterarme nun fest auf die Fensterbank gestützt, damit das Gewicht seines schmalen Körpers auf ihr ruhte. Wieso sagte seine Mutter immer, er wäre groß für sein Alter, wenn er nicht einmal das Fenster richtig erreichte? Am liebsten hätte er sich auf die Fensterbank hochgeschwungen, sie war breit genug, dass er auf ihr sitzen konnte und noch standen keine Pflanzen oder irgendwelcher Krimskrams drauf. Aber das war ihm streng verboten worden, nachdem er es in ihrem alten Haus einmal versucht hatte und eine der Figuren seiner Mutter aus Versehen auf den Boden gestoßen hatte. Seine Mutter hatte den abgebrochenen Kopf der Figur seufzend betrachtet – und sie dann in einen Karton gepackt und ganz unten in einer Schublade voll Tischdecken versteckt. Das hatte ihn mehr getroffen, als die Strafe seines Vaters, als der später durch einen Zufall davon erfuhr.

 

Jetzt hatte er einen besseren Blick auf die Bäume im Garten. Jahreszeiten, die Art wie sich die Natur veränderte, faszinierte ihn. So einen großen Garten mit Bäumen hatten sie noch nie gehabt. Das Haus, in dem sie jetzt wohnten, stand am Rand der Militärbasis, zuvor hatten sie meist im Zentrum gewohnt, in einem langweiligen Haus, das genauso aussah wie allen anderen Häuser oder in einer Wohnung in einem großen, grauen Wohnblock. Die Bäume erinnerten ihn an den Garten hinter dem Haus seiner Großmutter. Er wusste genau, dass er dort gespielt hatte. Er hatte gerne bei Oma gewohnt, auch wenn er seine Mutter schrecklich vermisste...

 

Auf der anderen Seite des Drahtzaunes war ein Mann damit beschäftigt, das Laub der Bäume zusammen zu rechen.

 

Zuletzt war sein Vater in Kalifornien stationiert gewesen und er hatte sich in das Meer verliebt, als sein Vater sie eines Sonntagsnachmittags an den Strand brachte. Hier in Virginia war es mitten im Herbst und die Welt ein Kaleidoskop aus Gelb-, Orange- und Rottönen. Wie ein dicker Teppich bedeckten die Blätter den Rasen und noch viel mehr davon klammerte sich noch an die Bäume. Die Farbpracht verschlug ihm dem Atem, auch wenn es ihm entsetzlich kalt vorkam.

 

Wieder lehnte er die Stirn gegen das kühle Glas. Seine Mutter hatte ihm nicht erlaubt, nach draußen zu gehen, sie hatte Sorge, er würde sich erkälten, obwohl er versprochen hatte, eine Jacke anzuziehen und eine Mütze aufzusetzen. Manchmal behandelte sie ihn wirklich wie ein Baby, und das, obwohl er schon ganze sechs Jahre alt war.

 

Seine Arme kribbelten von der abgeschnürten Blutzufuhr und auch seine Beine schmerzten davon, dass er die ganze Zeit auf den Zehenspitzen stand. Er ließ sich zurücksacken und drehte sich um, lehnte mit dem Rücken gegen das Fensterbrett, die Hände in die Hosentaschen gestopft. Seine Mutter telefonierte immer noch.

 

Schließlich fasste er einen Entschluss. Er ging leise an der offenen Küchentür vorbei, seine Mutter drehte ihm den Rücken zu und er erfasste genug von ihrem Gespräch, um zu verstehen, dass sie mit Tante Sarah telefonierte. Dann nahm er im Flur seine Jacke und eine Mütze, bevor er die Haustür öffnete und sich hinausstahl.

 

Draußen blieb er einen Moment stehen und sah sich um. Die Luft war feucht und kalt und durchzogen von schwerem Rauch, der in seiner Kehle kratzte. Er umrundete das Haus und blieb in einiger Entfernung vom Zaun stehen. Der Mann, den er vom Fenster aus gesehen hatte, war nicht mehr da. Ordentliche Laubhaufen, die darauf warteten, ebenfalls verbrannt zu werden, zeugten von seinem Fleiß.

 

Er sah sich um. Direkt am Zaun befanden sich drei besonders große Laubhaufen. Als niemand in Sicht war, kletterte er über den Zaun und stand staunend vor einem Laubberg, der so groß war, wie er selbst. Neugierig stieß er ihn mit dem Fuß an. Die Blätter glitten übereinander, knisterten und ein paar wirbelten sogar auf in die Luft, schwebten ein klein wenig, bevor sie wieder auf dem Boden landeten.

 

Er kickte noch einmal gegen den Laubberg, wirbelte mehr Blätter auf. Ihm gefiel das Knistern und Rascheln. Unsicher sah er sich nochmals um. Aber er war alleine. Mit einem wilden Schrei warf er sich auf den Laubhaufen und wühlte sich in die Blätter wie ein verrückt gewordener Maulwurf. Die Blätter stoben wie eine Farbexplosion in alle Richtungen, wirbelten um ihn herum, schlossen ihn in einen Kokon aus Gerüchen und Geräuschen ein, der ihn schwindlig machte. Er warf sich auf den Rücken, wälzte sich lachend in den Blättern, warf Hände voll davon in den Himmel und ließ sie auf sich herabsegeln. Schließlich lag er erschöpft und atemlos da und starrte hinauf in die rot- und goldgefleckte Krone eines nahen Baumes.

 

Schließlich sickerte die Kälte durch die Rückseite seiner Hose und seiner Jacke und er stand widerwillig auf. Ein wenig entsetzt und auch schuldbewusst starrte er auf den zerstörten Laubberg und die überall verstreuten Blätter. An einem anderen Baum lehnte die Harke, die der Mann benutzt hatte, um das Laub zusammen zu rechen. Sie war schwer und unhandlich, aber er machte sich daran, die Blätter wieder ordentlich auf zu schichten, so gut es ihm mit seinen kurzen Armen und kleinen Händen gelingen wollte.

 

* * *

 

Blythe hörte einen Schrei und bat ihre Schwester, einen Moment zu warten. Dann legte sie den Hörer weg und trat zum Küchenfenster. Sie sah Greg aus einem Laubhaufen auftauchen und ihre Augen weiteten sich. So ausgelassen, so... kindlich... hatte sie ihn nicht mehr gesehen, seit sie ihn von seiner Großmutter wieder zu sich genommen hatten. Er war für seine sechs Jahre so erschreckend intelligent, so ernst, so wissbegierig und voller Fragen, dass er ihr manchmal kaum mehr wie ein Kind vorkam. Doch jetzt sah sie lächelnd zu, wie er sich auf den Blätterberg stürzte.

 

Sie kehrte zurück an den Küchentisch, behielt aber weiter das Fenster und ihren Sohn im Auge, als sie den Hörer aufnahm. „Nein, es ist alles in Ordnung, Sarah, nichts passiert. Es war nur Gregory, er spielt draußen.“

 

Ende