Titel: Traveling On Skid Row
Autor: Lady Charena (August-Oktober 2017)
Fandom: The A-Team (Serie)
Episode: pre-series
Wörter: 2927
Charaktere: HM Murdock, OFC
Pairing: ---
Rating: gen
Beta: T’Len


Summe: Eine Frau trifft einen Jungen auf der Suche nach seiner Herkunft.

Anmerkung: In der Episode „The Road to Hope“ erwähnt Murdock beiläufig, dass er ein wenig Erfahrung mit Obdachlosigkeit habe. Nun, wie so oft bei ähnlichen Bemerkungen zuvor, hat sich meine Muse daran festgebissen und angefangen, zu spielen… ;)


Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



Sie hatte ihn schon geraume Zeit beobachtet, verstohlen aus den Augenwinkeln, während sie vorgab, ganz in die Betrachtung der Flammen vertieft zu sein. Aber jedes Mal, wenn sie sich abwandte, um einen weiteren Zweig oder ein paar zusammengeknüllte Zeitungsseiten ins Feuer zu werfen, damit es nicht vorzeitig erlosch, sah sie unauffällig in seine Richtung. In den Jahren, in denen sie hier lebte, hatte sie einen gewissen Sinn für Gefahren entwickelt. Doch von der Gestalt, die sich in den Schatten unter den Brückenpfeilern herumdrückte, spürte sie keine Gefahr ausgehen.

Sie hatte genug von ihm gesehen, um zu erkennen, dass er noch ein Junge war, kaum mehr als ein Kind. Die mageren Schultern, die Weichheit der Linien von Mund und Kinn. Der Rest seines Gesichts wurde von einer tief in die Stirn gezogenen Baseballmütze verdeckt. Die Unbeholfenheit in den Bewegungen der schlaksigen Gliedmaßen, als wäre er noch nicht so recht in seinen Körper hineingewachsen. Sie hätte nicht gewagt, einen erwachsenen Mann anzusprechen.

Sie lächelte, den Mund hinter den Händen verborgen. Das alles war ihr einmal so vertraut gewesen… Erinnerungen stiegen in ihr hoch, die sie aus Angst vor dem Schmerz jedoch zurückhielt. Sie hatte selbst drei Jungs geboren und großgezogen. Und vor langer Zeit verloren.

„Hier am Feuer ist es ein wenig wärmer“, sagte sie schließlich, einen Karton ins Feuer werfend, der einmal Graham Cracker enthalten hatte. Jemand hatte ihn auf einer Bank an einer Bushaltestelle stehen lassen, noch halb voll. Entweder aus Eile oder Achtlosigkeit, doch sie ergaben eine willkommene Abwechslung auf ihrem Speiseplan. „Und ich beiße nicht.“

Es war eine Weile still. Ein Wagen fuhr über die Brücke über ihren Köpfen, die Scheinwerfer leuchteten für einen Moment bis zu ihnen herunter. Als sich wieder Dunkelheit – nun es war eine sternklare Nacht, so dass es nicht komplett dunkel war – auf sie senkte, hörte sie das Rascheln von Schritten im trockenen Gras über das Knistern des Feuers hinweg.

Zögernd, wie ein Tier das bereits schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht hatte und deshalb scheute, kam der Junge näher.

Er war jünger als sie ihn zunächst eingeschätzt hatte. Vielleicht zwölf, höchstens vierzehn. Auf jeden Fall zu jung, um sich alleine auf der Straße herum zu treiben.

Sie schob den unförmigen Männerhut, der ihr als Kopfbedeckung diente, in den Nacken und musterte ihn im Widerschein der mageren Flammen, in die einem alten Waschzuber aus Blech brannten und ihr als Wärmequelle und Herd zugleich dienten.

„Hast du Hunger?“, fragte sie aus halb-vergessenem Mutterinstinkt heraus – und weil Jungs in diesem Alter immer hungrig waren. Es war eine gute Woche gewesen, sie konnte ihm etwas von ihren Vorräten abgeben, ohne selbst gleich zu darben.

Dann fiel ihr ein, dass in zwei Tagen Sonntag war, und die Kirchenladies wieder ihr wohltätiges Werk vollbrachten. Nun, sie teilten Traktate aus. Aber so lange die frommen Heftchen von belegten Broten, Suppe, Kaffee und Obst, vielleicht sogar von selbstgebackenen Keksen und Kuchen begleitet wurden, nahm sie diese gerne an. Ob sie für ihr Seelenheil sorgten, konnte sie nicht beurteilen – sie sah sich die schönen Bilder der Heiligen gerne an, aber sie konnte den Text nicht lesen. Das hatte sie nie gelernt.

Große, braune Augen sahen sie aus einem Gesicht - das eine Wäsche dringend nötig hatte - misstrauisch an. Dann nickte der Junge unsicher.

Sie streckte ihm die Hand hin. „Marianna. Mein Vater hat mich nach der Stadt benannt, in der ich geboren wurde. Marianna ist in Florida. Als ich drei Jahre alt war, sind wir nach Kalifornien umgezogen. Aber meine Freunde nennen mich Marty.“ Sie hatte vergessen, wieso man ihr diesen Spitznamen gegeben hatte. Schon als Kind riefen sie alle nur Marty. Nur ihr Mann weigerte sich, er zog es vor, sie Mari zu nennen. Er war in der Normandie gefallen. Hinterließ ihr einen Namen auf einer Plakette an einer Gedenktafel, die Sorge um drei Söhne, von denen der Älteste gerade seinen fünften Geburtstag gefeiert hatte und die Erinnerung an sieben glückliche, aber viel zu kurze, Jahre.

Noch immer zögernd reichte der Junge ihr eine schmutzige Hand. „HM Murdock“, stellte er sich höflich vor.

„HM“, wiederholte sie amüsiert. „HM und Marty. Das klingt wie der Titel eines Liedes, findest du nicht?“ Der Junge sah sie verwirrt an und Marty winkte ab. „Nun, ich habe eine Regel in meinem Haus, vor dem Essen wäscht man sich.“

„Haus?“, wiederholte HM und sah sich um. „Wo ist das Haus?“

Lachend deutete Marty um sie herum. „Das alles hier ist mein Haus.“ Sie zeigte auf ein altes Ölfass. „Das Badezimmer.“ Dann auf eine Art Zelt aus Segeltuch und Holzbrettern. „Mein Schlafzimmer.“ Und letztlich auf das Feuer in der Zinkwanne und die Obstkiste davor, die als Sitzplatz diente. „Das Speise- und Wohnzimmer.“ Sie sah den Jungen an. „Nun geh schon, wasch dir die Hände. Und das Gesicht. Ich hole dir etwas zu essen.“

Unsicher sah sie der Junge an, dann setzte er den schäbigen Rucksack ab, der über seinen dünnen Schultern hing und trat zu dem Ölfass, in dem Marty Regenwasser sammelte. Er fand den Eimer, der daneben stand, schöpfte damit ein wenig Wasser aus dem Fass und wusch sich.

Marty öffnete die Holzkiste, in der sie ihre Vorräte verwahrte und holte einen Blechteller heraus. Sie legte die Hälfte der verbliebenen Graham Cracker darauf, ein Stück Käse, das sie auf dem Farmers Market geschenkt bekommen hatte, zwei Pfirsiche, die leicht überreif und damit unverkäuflich waren und die sie aus einer Abfalltonne fischen konnte, bevor sie im Müll verschwanden.

HM kam zurück und zeigte ihr seine Hände, die wesentlich sauberer als zuvor waren. Abgetrocknet hatte er sie offensichtlich an seiner Hose, die jetzt dunkle Flecken aufwies. Genau wie das Hemd, das er trug, war sie verwaschen, geflickt, aber noch leidlich sauber. Sehr lange konnte der Junge also noch nicht auf der Straße leben. Jemand musste sich gut um ihn gekümmert haben. Jemand musste ihn vermissen.

„Gut gemacht“, lobte Marty und strich ihm ohne nachzudenken glättend über die Haare, die widerspenstig an den Seiten ab standen. Er sah sie wieder mit diesen großen Augen an. „Setz dich“, drängelte sie dann und als der Junge sich auf die Kiste setzte, reichte sie ihm den Teller. „Iss.“

„Danke, Ma‘am“, kam es schüchtern von HM. Gut erzogen war er auch.

Marty nahm auf einer zweiten Obstkiste Platz, die normalerweise Zeitungen zum Verbrennen enthielt und sah ihm zu, wie er hungrig das Essen verschlang. Er benutzte ein offensichtlich sehr altes, stumpfes Taschenmesser zum Schneiden, das er aus der Hosentasche holte.

Sie stützte die Ellbogen auf die Knie und legte das Kinn auf die verschränkten Finger. „Hast du dich verirrt? Oder bist du von Zuhause weggelaufen?“, fragte sie nach einer Weile.

Der Junge erstarrte. Er warf ihr einen Blick zu, dann senkte er die Augen auf den Teller, kaute auf einem Stück Pfirsich als wäre es mit Nägel gespickt.

„Schon gut“, erwiderte Marty besänftigend. „Du kannst es mir morgen erzählen.“ Sie stand auf, nahm eine Blechtasse aus der Kiste mit den Vorräten und füllte sie mit frischem Wasser aus einer Glasflasche, die früher einmal Limonade enthalten hatte. Das Regenwasser war gut zum Waschen, eignete sich aber nicht zum Trinken. Deshalb füllte sie sich immer noch eine Flasche an einem öffentlichen Trinkbrunnen im Park, bevor sie nach Hause zurückkehrte. Sie stellte die Tasse in die Nähe des Jungen, bevor sie sich wieder auf die Obstkiste setzte.

„Ich habe einen Schlafsack“, meinte sie dann. „Für kalte Nächte. Aber du kannst ihn heute Nacht benutzen. Oder hast du vor, weiter hier im Dunkeln herum zu irren?“

HM schüttelte den Kopf. „Danke, Ma‘am“, flüsterte er, den Blick auf die Pfirsichkerne gerichtete, die er auf dem nun leeren Teller hin und her schob.

Marty nahm den Teller und warf die Kerne ins Feuer, das auszugehen drohte. Sie warf mehr trockene Zweige hinterher. Dann holte sie den Schlafsack und breitete ihn in einer Ecke aus, in der besonders dichtes Gras den Boden etwas polsterte. „Zeit zum Schlafengehen.“

Ohne weitere Aufforderung sammelte der Junge den Teller und den Becher ein, wusch sie im Eimer und stellte sie zum Trocknen auf die Obstkiste, auf der er gesessen hatte. Dann zog er seine Schuhe aus und kroch in den Schlafsack, seinen Rucksack als Kopfkissen nutzend.

Marianna blieb beim langsam erlöschenden Feuer stehen, bis der Junge eingeschlafen schien. Dann erstickte sie die letzten Flammen und ging selbst schlafen.


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„Ich bin nicht weggelaufen.“ HM kickte einen Stein aus dem Weg. „Ich suche nach meinem Vater. Er lebt hier.“

Marty sah ihn an. „Deine Großeltern haben dich also einfach so gehen lassen? Einen zwölfjährigen Jungen? Ganz alleine bis nach Los Angeles?“

„Ich habe ein Zugticket gekauft, von meinem gesparten Geld.“ Braune Augen wichen ihrem Blick aus, was ihr verriet, dass sich der Junge sehr wohl bewusst war, dass man genau das Weglaufen nannte. Zugfahrt hin oder her.

Eines der hölzernen Räder des Leiterwagens, den Marty für ihre Sammeltouren nutzte, verhakte sich an einer Wurzel und HM zerrte an der Deichsel, bis er ihn frei bekam.

„Sie müssen sich furchtbare Sorgen um dich machen.“ Marianna schob ihren Hut zurecht.

Nach einem kargen Frühstück, dass aus einem Kanten schon leicht trockenen Brotes und zwei weiteren Pfirsichen für jeden bestanden hatte – plus dem Rest des Wassers aus der Limonadenflasche – hatte sie den Jungen überredet, mit ihr in die Stadt zu gehen.

„Ich habe eine Postkarte an meine Großmutter geschickt.“ HM starrte auf den Boden. „Wir haben kein Telefon auf der Farm.“

Was zum Kuckuck sollte sie nur mit dem Kind anfangen? Den erstbesten Polizisten anhalten, der ihnen begegnete und ihm den Jungen übergeben? Sie hatte doch genug eigene Probleme, da konnte sie sich nicht auch noch um einen Streuner kümmern.

„Wie lange ist das her?“, fragte sie in dem Versuch, mehr aus ihm heraus zu bekommen. Gegenüber letzter Nacht war er geradezu gesprächig.

„Vier… fünf Tage“, erwiderte der Junge nach einem Moment des Nachdenkens. „Drei Tage nachdem ich in Los Angeles angekommen bin.“

„Du streifst seit sieben Tagen alleine durch die Stadt?“ Marianna schüttelte den Kopf. Dieses Kind hatte ja mehr Glück als Verstand. Los Angeles war eine gefährliche Stadt. „Hast du denn überhaupt eine Vorstellung, wo du deinen Vater suchen willst?“

„Ich habe ein Foto von seinem Haus.“ Der Junge kramte in der Brusttasche seines Hemdes herum, dann zog er ein mehrfach gefaltetes Foto hervor und hielt es ihr hin. „Das ist seine neue Familie“, setzte er scheu hinzu.

Das schwarzweiß-Foto zeigte einen Mann mit schütterem Haar, den Arm um die Taille einer Frau gelegt, die ein Baby im Arm hielt. Dahinter erkannte man ein kleines Haus, ohne bestimmte Merkmale, wie man es zu hunderten in den Vorstädten finden konnte. Sie reichte es ihm zurück. „Hast du es mit einem Telefonbuch versucht?“ Marty konnte zwar selbst nicht lesen, aber sie wusste trotzdem, dass man die Adresse von Leuten, deren Namen man kannte, dort nachschlagen konnte.

„Am Bahnhof.“ Das Ruckeln des Wagens auf der unebenen Straße übertönte fast die Stimme des Jungen. „Aber da sind so viele Leute, die Murdock heißen. Und bei vielen steht kein Vorname. Ich habe die richtige Adresse noch nicht gefunden.“ Er zog die Nase hoch. „Und dann habe ich mich verirrt und die Stadt hat einfach aufgehört. Ich wusste nicht, wohin ich sollte. Ich bin einfach immer weiter geradeaus gelaufen. Bis ich das Feuer unter der Brücke gesehen habe.“

Marianna musterte ihn prüfend, als sie ihm die Fotografie zurück reichte. Was sollte sie ihm sagen? Los Angeles war groß. Die Chance, seinen Vater zu finden, musste verschwindend gering sein. Vielleicht war er weggezogen. Irgendwohin um Arbeit zu finden. Vielleicht gehörte das Haus seiner Frau oder sein Name stand überhaupt nicht im Telefonbuch, falls sie überhaupt einen Telefonanschluss hatten.

Wieder musste sie an ihre eigenen Jungen denken, Halbwaisen wie HM.

Nach dem Tod ihres Mannes war Marianna nicht viel Zeit geblieben, ihn zu betrauern. Sie  hatte gearbeitet, geputzt und Näharbeiten übernommen. Viele andere Möglichkeiten gab es für eine Frau wie sie nicht, um Geld zu verdienen. Aber es gab viele andere Frauen in der gleichen Situation und der Verdienst gering. Bald konnte sie die Hypothekenraten für ihr kleines Haus nicht mehr bezahlen. Also zog sie mit ihren Söhnen in eine kleine Wohnung, die aus nur zwei Räumen bestand. Die Jungs teilten sich das eine, das andere war Küche und Wohnzimmer zugleich. Dort schlief auch Marianna. Ein eigenes Bad hatten sie nicht, nur eine Etagentoilette einen Stock tiefer, die sie mit zehn anderen Bewohnern teilten. Das Geld, dass sie vom Staat erhielt, reichte gerade so für Miete, Lebensmittel und gelegentliche Kleidung.

Sobald ihre Jungs alt genug dazu waren, verließen sie die Schule und suchten sich Jobs. Und nach und nach flohen sie aus der Enge der Wohnung, bis Marianna alleine zurückblieb. Am Ende verließen alle drei Kalifornien und der Kontakt zu ihnen brach schließlich ab.

Sie verlor ihre Arbeit und konnte keine neue finden. Man kürzte ihre Witwenrente mit der Begründung, dass sie ja nun keine Kinder mehr zu versorgen hätte. Und als sie deswegen vorsprach, wurde sie von dem Beamten gefragt, warum sie nicht einfach wieder geheiratet hätte. Aber sie trug bereits einen Ring an ihrem Finger, und niemand hatte je Joe ersetzen können.

Es gab zu viele Menschen und zu wenig Arbeit, vor allem für eine ungebildete, schwarze Frau, die nicht einmal lesen konnte. Für die harte, körperliche Arbeit auf einem Gemüsefeld, als Erntehelferin oder in einer Fabrik war sie zu alt. Für Putzstellen wurde junge, mexikanische Mädchen bevorzugt, die oft nur wenige Worte englisch sprachen.

Als sie die Wohnung nicht mehr bezahlen konnte, zog sie in ein kleines Zimmer in einer Pension, das sie mit Fürsorgeschecks bezahlte. Bis das Gebäude wegen überalterter, nicht ordentlich gewarteter Leitungen bis auf die Grundmauern niederbrannte, und mit ihm fast alles was von Mariannas alten Leben geblieben war.

Letztendlich fand sie sich auf der Straße wieder, lebte von den Fürsorgeschecks und wenn das Geld aufgebraucht war, von dem was sie finden konnte oder von der Barmherzigkeit Fremder.

Kein Leben für einen Jungen.

Marianna blieb stehen und wandte sich HM zu. „Ich werde dir helfen, deinen Vater zu suchen“, sagte sie. „Aber nur fünf Tage lang. Wenn wir ihn dann nicht gefunden haben, musst du mir versprechen, dass wir eine Möglichkeit finden, dich nach Hause zu schicken. Deine armen Großeltern müssen verrückt vor Sorge sein.“

Der Junge scharrte mit den Füßen im Staub. Er starrte auf den Boden, die Fotografie noch immer unbewusst zwischen den Fingern zerknitternd und sie sah, dass er mit den Tränen kämpfte. „Versprochen“, flüsterte der Junge.

Marianna legte die Hand auf seine magere Schulter. „Jetzt suchen wir uns zuerst etwas zum Frühstück“, meinte sie hilflos, als HM sie ansah. „Dann überlegen wir uns, was wir als nächstes machen.“

Marianna zeigte ihm, wo man in der Stadt Essen bekam, wo man willkommen war und welche Orte man besser mied. Sie erklärte ihm, wie man nachts nicht fror, wenn die Temperaturen absanken, aber sie hielt ihn fern von den Orten, an denen sich Betrunkene versammelten oder Jugendgangs.

Und als die fünf Tage verstrichen waren, sorgte Marianna dafür, dass der Junge sich wusch, seine Haare kämmte und hielt ihn fest an der Hand, als sie gemeinsam ein Polizeirevier betraten.

Sie umarmte HM kurz, küsste ihn zum Abschied auf die Stirn und verspürte einen schmerzhaften Stich, als eine Polizistin HM mitnahm.


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„Marty?“

Die alte, fast blinde Frau, die auf einer Parkbank in der Sonne saß, drehte den Kopf. Die Stimme kam ihr bekannt vor, doch sie wusste nicht, wer sie angesprochen hatte. Sie griff instinktiv nach ihrer Handtasche, drückte sie enger an sich.

„Marty, ich bin es. HM. Erinnerst du dich an mich?“

Sie versuchte das Gesicht des Mannes zu erkennen, der offenbar vor ihr stand. „Hast du deinen Vater gefunden, mein Junge?“, fragte sie mit einem Lächeln. Oh ja, sie erinnerte sich an den schlaksigen Jungen mit den großen, braunen Augen.

„Nein. Ich habe etwas besseres gefunden.“

Sie spürte, dass er sich neben sie setzte und Marianna griff blindlings nach seiner Hand. Kräftige Finger umschlossen sanft ihre. „Und du bist trotzdem zurückgekommen.“

„Los Angeles ist ein guter Ort, um verloren zu gehen“, erwiderte HM. „Du lebst nicht immer noch unter der Brücke, oder?“

„Nein, mein Junge. Nicht mehr seit meine Augen so schlecht sind. Die Kirchenladies betreiben ein Pflegeheim. Ich komme nur noch aus Gewohnheit in den Park.“ Marty drückte seine Finger. „Erzähl mir von dir. Wo kommst du her? Du bist nicht obdachlos, oder?“

„Aus der Hölle“, murmelte der junge Mann neben ihr. „Nein. Ich lebe auch in einer… Einrichtung.“

„Captain Murdock!“

Eine strenge Stimme unterbrach ihn, Marianna zuckte zusammen, sie hatte nicht bemerkt, dass sie nicht mehr alleine waren.

„Wenn Sie nicht in der Lage sind, beim Rest Ihrer Gruppe zu bleiben, ist das der erste und letzte Ausflug in den Park, bis Sie gelernt haben, sich an die Regeln zu halten.“

Murdock drückte sanft Mariannas Finger. „Ich muss gehen, Marty“, sagte er leise. Er beugte sich vor. „Aber ich komme wieder hierher, versprochen.“

Marianna nickte und zog ihre Hand zurück, als sie ihn aufstehen spürte. Sie freute sich darauf.



Ende