Ein neuer Anfang

T’Len

2006

 

 

 

Fandom: SK Kölsch

Charaktere: Schatz, Taube, die anderen der SOKO

Kategorie: G

Hinweise: Spielt zwischen dem Pilotfilm „Karneval des Todes“ und der ersten Folge „Eine brandheiße Frau“ und versucht zu erklären, warum Taube in Köln bleibt und wie er und Jupp langsam Freunde werden.

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Summe: Der Mörder ist gefasst, der Karneval vorüber, doch Taube bleibt trotzdem in Köln.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Vielen Dank an Lady Charena fürs Beta.

 

 

„Sagen Sie mal, das war doch gestern Abend nur ein Scherz, nicht wahr?“ Jupp Schatz blickte Klaus Taube neugierig von der Seite an, als sie das Polizeipräsidium betraten.

 

Es war Aschermittwoch. Der Karneval war vorbei, beerdigt bis zum nächsten Jahr. Der „Sohn des Priesters“ saß sicher hinter Schloss und Riegel. Die nötigen Berichte hatten sie gestern geschrieben, bevor sie am Abend zusammen mit den Kollegen ihren Erfolg feierten. Auf den Straßen Kölns hatten längst die Reinigungskräfte das Konfetti, übriggebliebene Kamelle und alle anderen Reste des bunten Rosenmontagstreibens beseitigt und auch das Präsidium zeigte keine Spuren der ausgelassenen Feiern, welche es in den letzten Tagen gegeben hatte, mehr. Alles war so normal wie das ganze Jahr über, mit Ausnahme der „tollen Tage.“

 

„Was meinen Sie?“, fragte Taube zurück, während sie gemeinsam den etwas altersschwach wirkenden Aufzug betraten. Natürlich wusste er genau, worauf Jupp anspielte, auf sein „Coming Out“ am gestrigen Abend. Er hatte es Jupp einfach sagen müssen, es ihm nahezu unter die Nase reiben müssen, nach all den Sprüchen, welche der Kölner in den letzten Tagen losgelassen hatte. Dafür, dass er offensichtlich ein Problem mit Schwulen hatte, hatte Jupp dann aber erstaunlich gefasst reagiert. Allerdings hatte Klaus durchaus erwartet, dass er noch einmal auf das Thema zurückkommen würde. Nun war es also soweit.

 

„Dass Sie... dass Sie schw...“, stotterte Jupp. Er brachte das Wort einfach nicht heraus. „Na, dass Sie halt nicht mit Fr..:“

 

„Dass ich schwul bin“, fiel Taube ihm hilfreich ins Wort, als der Aufzug sich endlich in Bewegung setzte.

 

„Genau.“

 

„Scherzen Sie über Ihre Sexualität, Jupp?“, fragte Taube statt einer Antwort.

 

„Natürlich nicht“, erwiderte Schatz. Der Aufzug hielt.

 

„Na sehen Sie, ich auch nicht.“

 

Sie traten gemeinsam auf den Flur.

 

„Aber Sie sind ein ganzer Kerl“, sagte Jupp. „Ich meine, ein richtiger Mann halt. Keine...“

 

„Keine Tunte?“, fiel Klaus ihm ins Wort. Er blieb stehen und wandte sich dem anderen Mann zu. „Sie kennen nicht viele Schwule, nicht wahr?“, fragte er.

 

Jupp schüttelte den Kopf. „Wir hatten mal einen Fall, vor einem Jahr etwa, da trug die Leiche Frauenkleider. Der Mörder dann auch, als wir ihn fassten. Das war schon ziemlich verrückt.“

 

Klaus setzte sich wieder in Bewegung und Jupp fiel automatisch in den Schritt ein. „Es gibt viele Spielarten der menschlichen Sexualität, Jupp. Der hetero- wie der homosexuellen. Aber ich kann Sie beruhigen, ich bevorzuge Anzüge.“

 

Bevor Jupp etwas erwidern konnte, wurde die Tür von Haupts Büro geöffnet und sein Vorgesetzter bat sie hereinzukommen.

 

„Ich gratuliere Ihnen noch einmal zur raschen Lösung des Falles“, sagte er.

 

„Nicht rasch genug“, bemerkte Jupp. Wären sie schneller gewesen, dann hätte es weniger Opfer gegeben. Vor allem der tote, behinderte Junge ging ihm nicht aus den Kopf. Taube sah ihn prüfend von der Seite an. Er verstand nur zu gut. Auch er sah jedes weitere Opfer als persönliche Niederlage an. Und sie würden ihn wieder in seinen Träumen jagen.

 

„Ihre Versetzung ist übrigens so eben bestätigt worden, Herr Taube“, wandte sich Kriminaloberrat Heinrich Haupt an Klaus. „Ich freue mich, Sie in unserem Team begrüßen zu können.“

 

„Was ist los?“ Jupp blickte verständnislos von einem zum anderen.

 

„Herr Taube wird Ihr neuer Stellvertreter, Jupp“, erklärte Haupt. „Sie wissen doch, dass wir die Stelle neu besetzen wollten. Herr Taube schien mir dafür die ideale Wahl und glücklicherweise hatte er selbst bereits einen Wechsel nach Köln in Erwägung gezogen. Man sieht Sie“, fügte er an Klaus gewandt hinzu, „In Wiesbaden zwar nicht gern gehen, stimmt Ihrem Versetzungsgesuch aber zu.“

 

„Ist ja schön, dass ich das auch schon erfahre“, knurrte Jupp, drehte sich herum und stürmte aus dem Büro.


“Aber...“, nahm Klaus Anlauf, kam aber nicht weiter, da die Tür bereits lautstark ins Schloss schepperte.

 

Haupt sah ihn entschuldigend an. „Ich hoffe, Sie denken jetzt nicht, Sie sind unwillkommen?“, fragte er besorgt.

 

Klaus schüttelte den Kopf. Jupps Reaktion überraschte ihn nicht allzu sehr. Er war eindeutig jemand, der gern alles unter Kontrolle hielt und selbst die Entscheidungen traf. Wahrscheinlich hatte er auch erwartet, seinen Stellvertreter selbst bestimmen zu können, zumindest aber bei der Auswahl mitzureden.

 

///

 

„Was ist denn los?“, wunderte sich Achim Pohl, als Jupp ihn auf dem Weg in sein Büro fast über den Haufen rannte, wobei einige Aktenordner lautstark zu Boden fielen.

 

„Frag ihn, er hat jetzt hier das Sagen.“ Jupp deutete auf Klaus, der ihm gefolgt war.

 

„Ich bleibe in Köln, als stellvertretender Leiter der Sonderkommission“, erklärte Taube.

 

„Das ist schön“, sagte Gabi, die mit Dino durch den Lärm angelockt worden war. Sie drückte Klaus ein Küsschen auf die Wange. Auch Achim und Dino freuten sich sichtlich.

 

Jupp war derweil in seinem Büro verschwunden, lautstark die Tür hinter sich zuknallend.

 

///

 

„Es tut mir leid, dass Sie mit der Entscheidung nicht einverstanden sind, Jupp“, sagte Klaus, nachdem er Schatz in sein Büro gefolgt war und die Tür hinter sich geschlossen hatte.

 

„Wann wollten Sie es mir denn sagen?“, fragte Jupp zurück. „Wenn ich anfange mich zu wundern, dass Sie noch immer bei mir wohnen?“

 

„Ich wollte heute in Ruhe mit Ihnen darüber sprechen“, erklärte Klaus. „Ich hatte nicht erwartet, dass Herr Haupt meine Versetzung so schnell bewerkstelligen würde.“

 

„Oh, wenn er mir einen Aufpasser vor die Nase setzen kann, dann ist er schnell.“ Jupp trat ans Fenster und starrte hinab in den grauen Hof des Polizeipräsidiums.

 

„Ich bin Ihr Stellvertreter nicht Ihr Vorgesetzter, Jupp“, erklärte Taube und setzte sich an den Schreibtisch, den er die letzten Tage benutzt hatte.

 

Jupp drehte sich herum und nahm auf seinem Stuhl Platz.

 

„Ich verstehe, wenn Sie sich übergangen fühlen“, fuhr Taube fort. „Das war nicht meine Absicht. Glauben Sie mir das bitte.“

 

„Erklären Sie mir nicht, wie ich mich fühle“, murrte Jupp. „Und sparen Sie sich Ihr Verständnis.“

 

„Jupp, ich bin auch Psychologe“, erklärte Klaus. „Ich habe die letzten Tage erlebt, wie Sie arbeiten. Mir ist klar, dass Ihre Methoden mit Sicherheit nicht bei allen Ihren Vorgesetzten auf große Sympathie stoßen. Aber Sie haben Erfolg damit und das wird man zweifelsohne zu würdigen wissen.“

 

„Sicher, mit einem Anstandwauwau vom BKA“, erwiderte Jupp voller Sarkasmus. Er stand wieder auf und begann im Raum auf- und abzulaufen.

 

„Wenn das die Intentionen Ihrer Vorgesetzten waren, so sind es nicht die meinigen“, versicherte ihm Taube. „Ich denke, dass wir uns sehr gut ergänzen und zusammenarbeiten können, so wie wir es die letzten Tage bereits getan haben. Ich will dasselbe wie Sie, Verbrechen aufklären, die Täter so schnell wie möglich fassen, bevor es weitere Opfer gibt. Ich bin nicht hier, um Sie zu bevormunden. Und was eine Wohnung betrifft, ich werde umgehend einen Makler beauftragen, etwas für mich zu suchen. Ich muss sowieso noch einmal nach Wiesbaden, meinen Schreibtisch aufräumen und meine Wohnung kündigen. Ich bin sicher, bis ich offiziell hier anfange, habe ich etwas gefunden und muss Sie nicht weiter behelligen. “

 

„Darum geht es doch gar nicht.“ Jupp blieb skeptisch. „Warum sind Sie wirklich hier?“, wollte er wissen.

“Das sagte ich doch...“

„Papperlapapp“, unterbrach ihn Jupp. „Erzählen Sie mir doch nicht, dass dies Ihr Traumjob ist. Beim BKA haben Sie doch hundertpro größere Karrierechancen und wahrscheinlich auch ne bessere Bezahlung.“

 

„Aber beides ist nicht alles“, erwiderte Klaus. „Sie haben hier etwas, was ich in meiner alten Abteilung vermisste. Sie sind ein wahres Team. Und um ehrlich zu sein, ich habe festgestellt, dass mir die hiesige Arbeit direkt am Fall mehr Spaß macht, als in Wiesbaden am Schreibtisch Täterprofile zu erstellen. Ich sah zwar zumeist die Tatorte und Opfer, aber mit den eigentlichen Ermittlungsarbeiten hatte ich nur wenig zu tun.“

 

Jupp blieb stehen und musterte Klaus neugierig. „Weil Sie mehr Action wollen, kommen Sie hier her?“, fragte er verwundert. Taube schien doch der geborene Paragraphenreiter zu sein.


„Und aus privaten Gründen“, ergänzte Klaus.

 

„Private Gründe?“

 

Klaus stützte das Kinn auf seine Hände, zögerte kurz, dann sagte er: „Ich hatte eine langjährige Beziehung, gut sechs Jahre um genau zu sein. Sie ging vor etwa einem Monat in die Brüche. Ich ziehe es vor, auch eine gewisse räumliche Distanz zu meiner Vergangenheit zu schaffen. In dem Sinne, kam mir Herrn Haupts Ansinnen sehr gelegen.“

 

„Mit einem Mann?“, fragte Jupp. Er setzte sich auf die Kante des Schreibtischs.

 

Taube nickte. „Nicht nur heterosexuelle Ehen scheitern, Jupp. Sie haben es doch selbst erlebt. Der Beruf, die zeitliche und emotionale Belastung durch ihn – all das war im Endeffekt auch bei mir der Beziehungskiller.“

 

„Ich wäre nie aus Köln weggegangen, als Ellen mich rauswarf“, bemerkte Jupp.

 

„Natürlich nicht. Sie haben schließlich Ihren Sohn hier und hoffen noch immer, es gäbe ein Zurück zu Ihrer Familie.“

 

„Das haben Sie bemerkt?“

 

„Es ist schwer zu übersehen“, bekannte Klaus. Er hatte schnell gemerkt, dass Jupp noch viel für seine Ex-Frau empfand, auch wenn er mit „Pfeffer und Salz“ angebändelt hatte. Und auch Ellen schien durchaus noch Gefühle für ihn zu hegen. Er konnte sich jedenfalls einen so liebevollen Umgang, wie die beiden pflegten, mit seinem Ex nicht vorstellen.

 

„Was ist mit Ihnen? Noch Hoffnung?“, fragte Jupp neugierig. Ehrlich gesagt, war er von Klaus Geständnis bezüglich seiner gescheiterten Beziehung überrascht. Er hätte nicht erwartet, dass Schwule sich auf so was überhaupt einließen. Hatten die nicht eher jede Nacht einen anderen Kerl im Bett?


“Nein“, Klaus schüttelte den Kopf. „Er hat einen Neuen.“

 

„Tut mir leid“, sagte Jupp und meinte es ehrlich.


“Was vorbei ist, ist vorbei“, erwiderte Klaus.

“Na, so viel ich weiß, dürfte in Köln die Auswahl für Sie größer sein als in Wiesbaden:“

 

Klaus schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich bin kein Szenetyp“, sagte er. „Lieber verbringe ich einen netten Abend mit guten Freunden. Nur leider lässt unser Beruf uns ja auch dafür kaum Gelegenheit.“

 

Eigentlich, so dachte Jupp, hatten sie mehr gemeinsam, als er gedacht hatte. Sie gingen beide voll in ihrem Job auf, brachten dafür viele private Opfer, vielleicht manchmal zu viele. Sie hatten gescheiterte Beziehungen hinter sich und selbst die engste Freundschaft überlebte wiederholte, kurzfristige Absagen lang geplanter Verabredungen kaum. Klaus schien genauso ein – zwangsweise - Einzelgänger zu sein, wie er.

 

Wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann hatten sie doch wirklich gut zusammen gearbeitet. Ohne Klaus psychologisches Wissen hätten sie den Priester nicht so schnell geschnappt und wären auch nicht seinem angeblichen Sohn auf die Schliche gekommen. Und es war Klaus, der die Situation beim Rosenmontagsumzug richtig eingeschätzt hatte und ihm den Hinweis gab, den Mörder auf den Wagen kommen zu lassen, da er vor lauter Verzückung am Ziel seiner Jungfrauen-Träume zu sein, leichter zu überwältigen sein würde, als wenn sie sich auf einen Kampf unter dem Wagen mit ihm einließen. Schließlich konnten sie aufgrund der Menschenmenge nicht schießen. Vielleicht war er ja manchmal wirklich zu impulsiv und brauchte jemanden an seiner Seite, der alles gründlich und aus den verschiedenen Blickwinkeln überdachte.

 

Außerdem war Klaus doch ein netter Kerl, ob schwul oder nicht.

 

„Ich glaube, so verschieden, wie ich dachte, sind wir gar nicht“, sagte Jupp und streckte Klaus die Hand entgegen. „Partner?“

 

„Partner“, bestätigte Klaus und ergriff die dargebotene Hand.

 

„Aber eine Bedingung“, ergänzte Jupp.

 

„Und die wäre?“ Fragend hob Klaus die Augenbrauen.

 

„Wir duzen uns hier alle“, sagte Jupp.

 

„Kein Problem“, versicherte Taube.

 

„Jupp.“ Schatz schüttelte noch einmal die Hand seines neuen Kollegen.

 

„Klaus“, sagte dieser.

 

Jupp zog die Hand weg. „Aber damit eines klar ist, anmachen lass ich mich von dir nicht.“

 

Klaus lachte. Er war sich sicher, er würde sich in Köln und bei diesem verrückten Kerl wohl fühlen.

 

Ende