Titel: Ein anderer Tag (Feb.05)

Autor: Lady Charena

Fandom: Kung Fu - Im Zeichen des Drachen

Codes: POV Caine, Peter, PG

Archiv: TOSTwins, ffp

 

Summe: Caine wird von einem Alptraum verfolgt, der ihm Bilder aus der Vergangenheit erneut vor Augen hält.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Songtexte stammen von L'ame Immortelle.

 

 

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...as the silence fades away

I gather strength to another day

Another day I've to go through

Another day here, without you...

(L'ame Immortelle)

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I. Der Traum / Die Suche

 

Ich öffne meine Augen in einer vertrauten Umgebung.

 

Ich stehe am Ufer des klaren Sees - dort, wo sich die Klippen langsam dem Plateau mit den Ruinen unseres Tempels entgegenheben. Die

sinkende Sonne überzieht sie mit einem sanften, orangefarbenen Schein. Ein kalter Windstoß zerrt an meinen Haaren, an meiner Kleidung - und bringt mit sich einen vage vertrauten Geruch - Kerzenwachs und Räucherstäbchen - und darunter etwas anderes. Etwas, das von Feuer und vergossenem Blut erzählt. Von Tod. Nach einem Moment beginnt der Geruch schwächer zu werden und ich drehe das Gesicht in den Wind, um auch noch die letzten Spuren davon wahrzunehmen. Dann ist er verschwunden. Es wird rasch dunkler.

 

Ich brauche... etwas. Etwas, dass einst an diesem Ort zu finden war und jetzt nicht mehr da ist. Etwas, das einst mir gehörte und jetzt

verloren ist. Etwas Wertvolles. Vielleicht etwas... Heiliges. Etwas, für das keine Mühe zu scheuen ist. Und es ist nicht mehr hier.

 

Warum ist es nicht hier, wenn ich es so dringend brauche?

 

Also steht mir eine Suche bevor.

 

Ich renne auf die Tempelruinen zu.

 

* * *

 

Zwischen den Trümmern, noch immer schwarz vom Feuer, lauert Blutgeruch. Der Anblick von dunkelroten Flecken auf der ausgedorrten

Erde lässt mich fast zögern. Während ich meinen Weg durch den Schutt suche, tauchen bekannten Gesichter auf, in die Überreste der

zerborstenen Wände und Säule gebrannt...

 

Durch ein Loch in der Decke bricht ein rötlicher Sonnenstrahl und zeichnet das Bild meines Vaters auf eine der noch stehenden Säulen.

Sein Rücken ist mir zugewandt. Ich schließe kurz die Augen und das Bild ist weg - ersetzt von einem anderen... es zeigt Serena, wie sie

vor über dreißig Jahren ausgesehen hat, als wir in San Francisco zusammen lebten, jung und verliebt und - wie wir glaubten - sorglos. Sie drückt ihre Tochter Maia an sich und starrt aus einem Fenster ins Nichts. Plötzlich verändern sich ihre Züge und dann ist es Teresa,

die mich ansieht, in ihrem Armen statt des Kindes einen Pinsel. Vielleicht habe ich sie damals geliebt... aber ich konnte nicht bei ihr bleiben, ich musste... ich war auf der Suche. Wie jetzt. Ich wende mich von ihr ab, suche mir blindlings einen Weg durch die Trümmer. Abrupt stehe ich vor einer Mauer und als ich den kalten Stein berühre, beginnt die Oberfläche zu beben und zu zittern, als bestände sie aus Wasser. Das lächelnde Gesicht meines alten Freundes Ping Hi sieht mir entgegen. Davor zurückweichend, wende ich mich nach rechts, wo die Stufen einer breiten Treppe in den großen Innenhof des zerstörten Shaolintempels führen.

 

Nach den ersten zwei Schritten bleibe ich entsetzt stehen. Auf dem Boden zusammengekauert, zu Füßen der Treppe, liegt meine Frau Laura,

sie hält ein Kind mit Peters Augen in ihren Armen. Meinen Mut zusammennehmend, nähere ich mich ihr - doch einen Moment bevor ich

sie erreiche, verschwindet sie - und das Kind mit ihr.

 

Ich wünschte, ich könnte um sie weinen... um sie alle. Aber ich habe keine Tränen.

 

Vor mir ist der Boden übersät mit Körpern... Erinnerungen... Priester und Schüler, die den Tempel lange vor dem Tag verlassen hatten, an

dem er von Dao und den Einwohnern Braniffs niedergebrannt wurde. Andere Schüler und Priester, die getötet wurden, als der abtrünnige

Shaolinpriester den Tempel angriff. Die Kinder... so viele von ihnen starben an diesem Tag. Ich kannte das Leben jedes einzelnen. Ich weiß

um ihren Tod. Sie liegen da, als würden sie schlafen - in ihrer grauen Kleidung, so jung. Dazwischen entdecke ich Freunde, die ich während meiner Jahre der Wanderschaft kennen gelernt habe.

 

Mit jedem Körper, an dem ich vorbei gehe, verdichten sich die Tränen, von denen ich vergessen habe, wie ich sie weinen soll, in meiner

Brust. Ein Gewicht, das auf mein Herz drückt und es mir schwer macht, zu atmen.

 

Ich suche nach dem, was ich brauche auf diesem Schlachtfeld, aber es ist nicht hier und mit Erleichterung kann ich es verlassen.

 

Als die Ruinen hinter mir liegen, erstreckt sich leeres Niemandsland so weit ich blicken kann. In mir wächst das Gefühl von Dringlichkeit,

eine Ahnung, dass die Zeit knapp wird, durch meine Finger rinnt wie Sand und dass ich bald nichts mehr werde tun können, um zu finden,

was ich brauche. Ich beginne zu rennen, während in mir eine Stimme ‚schneller' schreit und hinter jeder Verzögerung nur noch mehr Schmerz lauert...

 

Gegen die untergehende Sonne tauchen Gestalten auf, ihre Gesichter sind mir fremd - doch die Emotionen, die sie widerspiegeln, sind

deutlich zu erkennen: Ignoranz, Misstrauen, Furcht - sogar Hass. Gefühle... wie Schatten... die mich angreifen. Ich kämpfe gegen sie, so gut ich es vermag, meine einzigen Waffen Liebe und Vertrauen.

 

Plötzlich ist es vorbei, der Kreis der Schatten, der mich angriff, verschwindet - und mit ihm alle Gestalten, bis auf eine.

 

Dao...oder Tan, wie er sich später nannte.

 

Der Mann, der den Tempel niederbrennen ließ und meinen Sohn tötete. Er steht vor mir, die Arme vor der Brust verschränkt, die Augen

hinter dunklen Gläsern verborgen. Sein raues, bitteres Gelächter füllt das Schweigen. "Ich habe dich verletzt, Kwai Chang Caine und will dich immer weiter verletzen... bis in alle Ewigkeit."

 

Ich blinzle und Dao ist verschwunden.

 

Ich spüre, wie wenig Zeit mir noch bleibt, die Nacht ist fast da. Eine dunkle Nacht ohne Sterne. Ich beginne erneut zu rennen, ignoriere den Schmerz in meinen Beinen und Armen und die Stimme in mir, die mich anfleht, noch schneller zu werden.

 

Wieder ändert sich die Landschaft und ich stehe plötzlich im Apartment meines Sohnes. Die Tür zu seinem Schlafzimmer ist weit offen und als ich hineingehe, sehe ich Peter auf seinem Bett liegen. Er hat sich zusammengekauert, die Arme schützend um seinen Kopf geschlungen. Verlassen und verletzt. Sterbend. Ich weiß es, noch bevor ich an seiner Seite bin. Mit Schrecken sehe ich Wunden auf seiner blassen Haut auftauchen, über sein Gesicht und seinen nackten Oberköper gestreut wie Samenkörner vom Wind. Sie bluten nicht, doch das macht es nur noch schlimmer anzusehen, da Blut Wunden sowohl ent- , als auch verhüllen kann.

 

Ich nehme seine Hände, drücke seine Arme vorsichtig nach unten und sehe die Brandmale auf seinen Unteramen, den Tiger und den Drachen

der Shaolin. Brandmale, die er niemals empfangen hat. Peters Augen öffnen sich, aber sie sprechen nicht zu mir - leblos wie schwarze Steine. Um uns erhebt sich eine Hitzewoge, Flammen knistern und ich höre das ferne Brüllen von näherkommenden Explosionen – und Angstschreie.

 

Ich greife nach Peter, ziehe ihn an mich, drücke ihn fest an mich, um ihn mit meinem Körper vor den Flammen zu schützen. Wie oft wird er

sterben müssen? Wie oft muss ich ihn sterben sehen?

 

Nein. Nicht sein Leben allein wird dieses Mal ausgelöscht. Dieses Mal werde ich bei ihm sein, wenn er stirbt.

 

Die Flammen schlagen über uns zusammen, doch ich halte mein Kind fest. Meine Seele.

 

 

 

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When I hold you in my arms

The silence, that I did evade

Turns into voices screaming joy

And my pain to rest is laid

(L'ame Immortelle)

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II. Das Erwachen

 

Als ich mich aufsetze und langsam die letzten Bilder des Alptraumes schwinden, zittere ich noch immer. Mühsam wickle ich mich aus dem

schweißgetränkten Laken, in das ich mich verwickelt hatte. Nur langsam beruhigen sich mein Atem und das wilde Flattern meines Herzens.

 

Ich stehe auf und zünde ein paar Kerzen an, als ob ihr Licht die alptraumhaften Bilder aus meinem Kopf vertreiben könnte. Ein Alptraum... ich hatte in der Vergangenheit ähnliche Alpträume, vor allem nach der Zerstörung meines Tempels, als ich glaubte, Peter wäre tot. Warum kommen sie jetzt zurück?

 

En paar tiefe Atemzüge helfen mir, mich zu beruhigen. Es ist mir unmöglich, jetzt zu schlafen, also ziehe ich mich an, nehme meine Flöte und trete auf den Balkon. Nachdem ich mich auf der Brüstung niedergelassen habe, versuche ich mich in den meditativen Tönen der Flöte zu verlieren, doch es misslingt mir. So bleibe ich einfach sitzen und betrachte die Sterne am nächtlichen Himmel.

 

Eine sanfte Brise spielt mit meinem Haar und streift über mein Gesicht, fast wie eine tröstende Berührung.

 

Es ist nicht unangenehm, doch es erinnert mich an meinen Traum und unwillkürlich beginne ich zu zittern. Langsam, unaufhaltsam, kehren

Bilder daraus zurück. Die Gesichter auf den Mauern und Säulen der Tempelruine... die Schatten... Tan. Ich werde seine Worte in alle Ewigkeit hören, selbst tot verfolgt er mich noch.

 

Ich erinnere mich, dass ich Peter einmal gesagt habe, dass manchmal ein Traum nichts mehr, als ein Traum ist.

 

Doch heute Nacht finde ich es schwierig, meinem eigenen Rat zu vertrauen.

 

Ich schließe meine Augen und fast sofort erscheint das letzte Bild... Peter und ich, eingeschlossen von den Flammen, wie ich in der Nacht der Zerstörung von den Flammen eingeschlossen war, unfähig zu meinem Sohn zu gelangen, ihn zu retten... ihre Hitze versengte meine Haut,

während ich auf den verletzten, sterbenden Körper meines einzigen Kindes starrte.

 

"Paps? Geht es dir gut?"

 

Zuerst glaube ich, die Stimme meines Sohnes ist irgendwie Teil meines Traumes geworden, doch dann öffne ich die Augen und sehe Peter an der Balkontür stehen. "Peter! Ist etwas passiert, mein Sohn?"

 

"Es geht mir gut. Aber um ehrlich zu sein, du siehst mies aus." Er kommt zu mir. "Du hast nicht einmal bemerkt, dass ich da bin, oder?

Ich stehe seit mehr als fünf Minuten hier."

 

Sein Blick fällt auf meine Hände und auch ich sehe darauf. Meine Finger umklammern das Instrument so fest, dass meine Knöchel weiß

hervortreten. Ich lockere meinen Griff um die Flöte und ein scharfes Stechen schießt durch meine Arme, als sich die Muskeln plötzlich

entspannen und das Blut wieder ungehindert fließen kann. "Warum kommst du so spät zu mir?"

 

Peter nimmt vorsichtig die Flöte aus meinen Fingern. "Ich habe Kermit bei einem Fall geholfen. Wir haben einen Mordverdächtigen überwacht.

Die halbe Nacht sind wir ihm von einem Ende der Stadt ans andere gefolgt, ohne Ergebnis. Als ich auf dem Weg nach Hause war, spürte ich plötzlich etwas...", er zuckt mit den Schultern. "...etwas seltsames. Als ob du nach mir rufen würdest. Du weißt, dass ich besser mit unserer mentalen Verbindung umgehen kann, seit ich meine Shaolinausbildung beendet habe."

 

Ich sehe ihn an und lese die Besorgnis in seinen Augen. "Es tut mir leid, wenn ich dich beunruhigt habe, Peter. Es war nur ein...

unerfreulicher... Traum."

 

Peter lächelt, aber das Lächeln erreicht nicht seine Augen. "Ein Alptraum, Paps? Willst du darüber sprechen?"

 

"Ich würde es vorziehen, nicht darüber zu sprechen."

 

Er nickt, akzeptiert meine Antwort. Wir sind uns in dieser Hinsicht sehr ähnlich, mein Sohn und ich. Wir erlauben uns nicht, unsere Ängste mit anderen zu teilen. Zögernd legt er die Hand auf meine Schulter. "Es ist wirklich spät", meint er leise. "Hast du etwas dagegen, wenn ich hier schlafe?"

 

Ich schüttle den Kopf, nein. Vielleicht kann dann auch ich schlafen, wenn ich Peter sicher in meiner Nähe weiß.

 

 

 

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And I feel your warmth and love

As it into me does flow

I come to only one conclusion

I will never let you go

(L'ame Immortelle)

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III. Ein Ende

 

Peter murmelt etwas unverständliches, als ich die Decke über ihn hochziehe und den Raum so leise wieder verlasse, wie ich ihn betreten habe, um zu sehen, ob mein Sohn noch schläft. Dann gehe ich nach draußen, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Meine Flöte liegt auf der Balkonbrüstung, wo Peter sie liegen ließ.

 

Ich habe nicht geschlafen, doch mein Herz ist nun leichter. Die Schreckensbilder des Alptraumes verblassen, jetzt, wo ich mich mit eigenen Augen überzeugen kann, dass Peter hier ist. Gesund und in Sicherheit. Kein verlorener Traum mehr, keine schmerzerfüllt Erinnerung.

 

Etwas in mir reißt, Wände brechen ein, die so lange meine Tränen zurückgehalten haben, doch es jetzt nicht mehr vermögen. Am Ende erinnere ich mich daran, zu weinen.

 

Ein Geräusch hinter mir sagt mir, dass Peter wachgeworden ist. Er legt beide Hände auf meine Schultern und ich wende den Kopf, sehe ihn

an. Zögernd streift er mit dem Handrücken meine feuchten Wangen. "Tränen? Warum?", fragt er schläfrig.

 

Ich lächle und schüttelte den Kopf. "Mach dir keine Sorgen, Peter. Sie... gehören... einem anderen Tag..."

 

Ende