Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen

T’Len

2008

 

Fandom: Original

Kategorie: f/f-slash, PG

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Summe: Weihnachten bei den Schwiegereltern

 

Disclaimer: Die Rechte dieser Story liegt beim Autor Vielen Dank an Lady Charena fürs Beta.

 

 

Ein Baum, über und über mit Gold- und Silberschmuck bedeckt, im Schein echter Kerzen. Alte Weihnachtslieder, vom Plattenspieler nicht dem MP3-Player. Plätzchen- und Kaffeeduft. Kinder, sie mit strahlenden Augen ihre Geschenke auspacken und artig Danke sagen, nachdem sie zuvor die Erwachsenen mit Liedern und Gedichten beglückten. Vor dem Kaffee wurde doch tatsächlich gemeinsame Hausmusik gemacht, mit Geige, Flöte und Gesang.

 

Ich komme mir vor, wie in einem Kitschroman. Einem aus dem 19. Jahrhundert. Dass es so ein Weihnachtsfest im Jahre 2009 überhaupt noch gibt? In den Zeiten von Konsum und Kommerz. Ich will es albern und übertrieben finden und doch fühle ich mich seltsam berührt. Vielleicht, weil es genau das Fest ist, das ich mir als Kind so wünschte – und doch nie bekam.

 

Meine Mutter verlor nach der Wende ihre Arbeit, wie so viele Frauen im Osten. „Eine Frau mit zwei kleinen Kindern, die fehlt doch dauernd wegen Krankheit“, sagten die Personalchefs bei hunderten von Firmen, bei denen sie sich – erfolglos - bewarb. Irgendwann war sie die dauernden Demütigungen Leid und sparte sich die Bewerbungen. Ihre Frustration und das Gefühl nutzlos zu sein, ertränkte sie immer öfter in Alkohol. Sie wurde launisch und laut.

 

Bis mein Vater es irgendwann nicht mehr zu Hause aushielt und von einem Tag auf den anderen grußlos verschwand. Dass meine Schwester und ich nicht einfach fliehen konnten wie er interessierte ihn wenig. Er hatte sich rasch getröstet. Seine neue Frau schenkte ihm den Sohn, den er sich so sehr wünschte. Danny war sein kleiner Liebling. Ich erinnere mich an Weihnachtsfeste, an denen Sandra und ich abseits standen und beobachteten, wie er mit Danny unterm Baum spielte, mit all den Geschenken, mit denen er ihn überschüttete. Für die Wünsche von uns Mädchen interessierte er sich nicht, schon gar nicht für die nicht materiellen. Er erfüllte seine Pflicht und zahlte, das war es. Wie waren allenfalls geduldet, eine lästige Pflicht.

 

Ich fühlte mich damals ausgestoßen, fremd und nicht dazugehörend. Genauso fühle ich mich jetzt. Ich stehe abseits und beobachte Birte, wie sie ihren kleinen Neffen umarmt, als sie ihm sein Geschenk gibt. Ein rotes Feuerwehrauto – ich habe es ausgesucht und eingepackt. Birte ist nicht wirklich praktisch veranlagt in solchen Dingen. Ich sehe, wie sie mit ihrer Nichte lacht, als sie dem Mädchen die bunte Halskette umlegt. Birte, seit fast zwei Jahren die Liebe meines Lebens - und aus einer konservativen Familie, bayrisch, katholisch. Dass ihre Tochter eine andere Frau liebt, wird da bestenfalls ignoriert.

 

Es war keine gute Idee, sie zu ihrer Familie zu begleiten. Ich weiß, wie wichtig Birte diese Familienfeiern sind. Sie freute sich seit Wochen auf Weihnachten. Letztes Jahr fuhr sie allein, blieb ich in Berlin, wo wir leben und arbeiten. Doch diesmal sagte sie: „Du gehörst auch zu meiner Familie. Ich will, dass der Rest dich endlich kennen lernt und du sie. Das ist mein einziger Weihnachtswunsch.“ Ich wusste nicht, wie ich ihr das abschlagen sollte und so fuhr ich mit.

 

Der Empfang war höflich-kühl. Dass Birtes Eltern meinen, ich sei die Schuldige an der „Verfehlung“ ihrer Tochter ist unverkennbar. Als Birtes Nichte fragte, wer ich denn sei, fiel ihre Mutter mir ins Wort und sprach von „einer Bekannten deiner Tante.“ Das Wort Freundin war wohl schon zu intim. An der Kaffeetafel vermied man es, uns nebeneinander zu setzen. Und die Frage, ob ich denn mit zur Christmette um Mitternacht wolle oder um diese Zeit nicht lieber bereits schlafe, enthielt unverkennbar den Hinweis, ich möge es ja nicht wagen, mich in der Öffentlichkeit gemeinsam mit Birte zu zeigen. Viel mehr als diesen Satz sprach man den ganzen Nachmittag nicht mit mir. Auch jetzt kein Dank für die Geschenke, die von Birte und mir gemeinsam kamen.

 

Jemand drückt mir einen Becher Glühwein in die Hand. Ich blicke auf und sehe Thomas, den Mann von Birtes Schwester neben mir stehen. Der einzige von der Familie, der mich tatsächlich herzlich willkommen hieß. „Wir Angeheirateten müssen doch zusammen halten“, scherzte er, als er mich umarmte. Der pikierte Blick seiner Frau entging mir dabei nicht.

 

Nun lächelt er mich an. „Es liegt nicht an dir“, sagt er. „Ich habe fünf Jahre und zwei Kinder gebraucht, bis sie mich als Schwiegersohn akzeptiert haben. Immerhin bin ich „nur“ ein Fischkopp und kein Bayer.“

 

„Aber du bist wenigstens ein Mann. Mich werden sie nie akzeptieren“, erwidere ich mit Bitterkeit in der Stimme. Ich leere den Becher in drei Zügen. Der Alkohol tut gut. Ich bin es nicht gewohnt zu trinken, nicht viel und nicht so schnell. Er benebelt und wärmt und füllt angenehm die leere Stelle, die ich in mir spüre. „Ich hätte nicht hier her kommen sollen“, sage ich und stelle den Becher auf der Anrichte ab.

 

Ich blicke zu Birte. Sie hat sich vor den Rollstuhl ihrer Großmutter gekniet, streichelt liebevoll die faltigen Hände der alten Frau, spricht leise mit ihr. Meine Großmutter habe ich nie kenne gelernt. Noch etwas, das uns trennt. „Ich gehöre nicht hier her“, murmle ich leise. Ich wende mich an Thomas. „Sag Birte bitte, ich gehe in die Pension zurück. Ich wünsche euch noch einen schönen Abend.“

 

Obwohl Birtes Elternhaus sehr groß ist und genug Platz gewesen wäre, dass wir dort übernachten, buchten wir ein Zimmer. Mit Birte in einem Bett unter dem Dach ihrer Eltern, das wäre mehr als diese und ich ertragen können.  

 

Niemand bemerkt meinen Aufbruch. Nur der Hofhund bellt mir nach. Langsam laufe ich durch die Straße. Sie ist einsam und verlassen. Über mir leuchtet ein klarer Sternenhimmel. Der Schnee knirscht unter meinen Füßen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal weiße Weihnachten erlebte. Es muss in meiner frühsten Kindheit gewesen sein – vor mehr als 20 Jahren.

 

Ich sehe die leuchtenden Weihnachtsbäume hinter den Fenstern. Dann und wann dringen ein paar Töne eines Weihnachtsliedes zu mir heraus. Überall, so scheint es, feiern fröhliche Familien in trauter Gemeinsamkeit.

 

Mit ist plötzlich kalt. Ich sehne mich nach einem warmen Bad und meinem Bett. Ich beschließe, ich werde den Rest des Heiligen Abends verschlafen. Es wäre nicht der erste, den ich so verbringe. Ich beschleunige meinen Schritt.

 

Plötzlich höre ich keuchendes Atmen und schnelle Schritte hinter mir. Jemand greift nach meinem Arm. „Maya“, japsend stößt Birte meinen Namen aus. Ganz außer Atem steht sie hinter mir.

 

„Geh zu deiner Familie und feiere Weihnachten mit ihnen“, sage ich zu ihr. „Ich warte in der Pension. Es ist besser so. Für uns alle.“

 

Entschlossen schüttelt Birte den Kopf. „Du bist meine Familie“, stößt sie hervor. „Ich habe ihnen gesagt, wenn sie dich nicht als meine Partnerin akzeptieren können, werden sie nicht mehr meine Familie sein.“

 

Ich muss nicht fragen, wie sie reagiert haben. Die Antwort steht in Birtes blauen Augen, die ich so liebe, mehr als deutlich geschrieben. „Es tut mir Leid“, murmle ich und meine es aus ganzem Herzen. „So Leid.“ Meiner Familie ist mein Liebesleben so gleichgültig wie alles andere, was mich betrifft, es seit Jahren ist. Doch Birte hätte ich gewünscht, dass die ihrige sie so akzeptieren wird, wie sie es. Langsam frage ich mich, wie sie es in diesem familiären Umfeld überhaupt schaffte, zu sich selbst zu finden.

 

Birte schüttelt den Kopf und sagt entschlossen: „Ihr Problem, nicht das meinige.“

 

Sie zieht ein Kästchen aus der Tasche. „Ich wollte dich eigentlich unter dem Weihnachtsbaum fragen, aber hier ist es besser.“

 

Sie strahlt mich an: „Willst du meine Frau werden?“

 

Plötzlich ist mir gar nicht mehr kalt und die Sterne, so scheint es mir, strahlen heller als zuvor.


Ende