Titel: Schrammen
Autor: Lady Charena (Juli 2014)
Fandom: The A-Team
Episode: pre-series
Wörter: 2244
Charaktere: HM Murdock, Emma Murdock, Henry Murdock
Rating: gen, pg
Beta: T’Len

Summe: HM holt sich ein paar Schrammen.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



Der perfekt gelungene Wurf ließ die zusammengerollte Zeitung direkt auf der obersten Treppenstufe des alten Mr. Simpson landen. Sie schlidderte noch ein bisschen weiter und prallte dann sanft gegen die Haustür.

Er stoppte einen Moment und beugte sich tief über den Lenker, um seine Arbeit zu begutachten, bevor er die Arme hoch riss und so tat als wäre er ein Baseballspieler, der eben den Sieg für seine Mannschaft errungen hatte und sich von den jubelnden Zuschauern dafür feiern ließ.

Die meisten Leute schimpften, wenn er die Zeitung von der Straße aus auf die Treppe warf, anstatt sie auf den Fußabtreter zu legen oder in den Briefkasten zu stecken. Aber Mr. Simpson war nicht mehr so gut zu Fuß und sparte sich gern den Weg zum Briefkasten, der draußen an der Straße stand.

HM kannte Mr. Simpson. Manchmal schickte ihn seine Großmutter nach der Schule zu dem alten Mann, damit er für ihn einkaufen ging oder ihm aus der Zeitung vorlas, da seine Augen nicht mehr so gut mit den kleinen Buchstaben zurecht kamen.

Mr. Simpson hatte Kinder und eigene Enkel, aber die waren viel älter als HM und arbeiteten den ganzen Tag in der Stadt. Es machte ihm eigentlich nichts aus, der alte Mann war nett zu ihm, und steckte ihm die eine oder andere Münze zu, damit er sich Comics kaufen konnte oder gab ihm Limonade und Süßigkeiten. Aber wenn Mr. Simpson begann, über den Krieg zu sprechen und über Russen und Nazis schimpfte, wünschte er sich auf die Farm zurück. Sein Vater war auch Soldat gewesen, das hatte er einmal gehört, als Grandma mit einer ihrer Freundinnen sprach und sie nicht wusste, dass er vor dem geöffneten Küchenfenster mit Billy spielte und Teile ihrer Unterhaltung mitbekam.

Aber sein Vater war nicht tot, wie Mr. Simpsons Sohn Willie-Ray. Sein Vater war in Flagstaff - er wusste nicht, wo das war, vielleicht auf einem anderen Planeten (wie die in seinen Comics, stellte er sich vor) - und hatte dort eine neue Familie. Grandma hatte ihm nach langem Zögern den Brief gezeigt, den sein Vater zu seinem letzten Geburtstag geschrieben hatte, um zu erklären, dass es ihm nicht mehr möglich war, Geld für den Unterhalt und die Ausbildung seines Sohnes zu schicken, er habe eine Frau und zwei kleine Mädchen zu versorgen.

Clara Watkins, die Mr. Simpson seit dem Tod von Mrs. Simpson den Haushalt führte - das heißt, sie kam jeden Tag für ein paar Stunden, kochte und machte die Wäsche und ab und zu staubte sie ab - sagte, sie hätte keine Zeit ihm auch noch vorzulesen.

HM argwöhnte, dass sie nicht lesen konnte oder zumindest nicht besonders gut. Einmal hatte er sie in der Küche gesehen, wie sie seine sauber geschriebene Einkaufsliste mit zusammengekniffenen Augen angestrengt studierte, die Worte mit dem Finger abfuhr  und offenbar zu entscheiden versuchte, ob der Murdock-Junge wohl ein oder zwei Cents für sich abzweigte. HM las alles, was ihm in die Finger geriet, seit er drei Jahre alt war.

Natürlich stahl er nicht, seine Großmutter würde ihm so den Hintern versohlen, dass er eine Woche lang nicht sitzen könnte, sollte er es auch nur versuchen. Sie würde es ihm an der Nasenspitze ansehen. Obwohl Strafen nur graue Theorie für ihn waren. Seine Großeltern hatten nie Hand an ihn gelegt, nicht wie er es von manchen Kindern in der Schule kannte, die sich regelmäßig Ohrfeigen oder Prügel einfingen. Grandma Emmas schlimmste Form der Bestrafung bestand darin, die Bücher seiner Mutter wegzusperren. Wenn er nicht schlafen konnte, kuschelte er sich mit einem davon in sein Bett und in ihnen zu lesen war, wie die Stimme seiner Mutter zu hören, als ob sie wieder da wäre, neben ihm saß und ihm vorlas, bis er einschlief.

Aber heute stand kein Besuch bei Mr. Simpson an. Er hatte lediglich hier länger Halt gemacht, weil es die letzte Zeitung war, die er an diesem Tag auslieferte. Und noch besser war, dass er nicht in die Schule musste. Ein ewig langer Tag mit endlosen Möglichkeiten lag vor ihm.

Der Vorhang neben der Tür zuckte und Mr. Simpsons faltiges Gesicht tauchte hinter der Scheibe auf. HM winkte ihm zu und fuhr weiter… pardon, startete seine Rakete. Wild in die Pedale tretend, sauste er den kleinen Hügel hoch, der Mr. Simpsons Anwesen von der Farm der Murdocks trennte. Die dünne Jacke, die ihn gegen die morgendliche Kühle schützen sollte, flatterte hinter ihm wie Supermans Cape.

Oben angekommen stoppte HM einen Augenblick um Luft zu holen. Er konnte bereits das Haus seiner Großeltern sehen. Hier stand ein Schild, dass sein Großvater selbst geschnitzt hatte. Er durfte sogar beim Aufstellen helfen. „Murdock Farm“, flüsterte er die Worte, kaum bewusst, dass er es tat.

In der dritten Klasse hatte Charlie gesagt, dass Kinder immer den gleichen Nachnamen wie ihr Vater hätten. Also könne er kein Murdock sein, sondern wäre ein Bastard. HM hatte ihn einen dreckigen Lügner geheißen, obwohl keiner der beiden wirklich wusste, was ein Bastard war und sie sprachen den Rest des Monats nicht mehr miteinander.

Grandma setzte sich mit ihm zusammen und erklärte ihm, dass es stimme, dass seine Eltern nicht verheiratet gewesen waren und dass er deshalb den Nachnamen seiner Mutter trage.

Offenbar dachten manche Leute, dass das etwas Schlimmes war, wenn eine Frau und ein Mann nicht heirateten, bevor sie ein Baby bekamen.

Grandma Emma sagte, seine Mami und sein Vater hätten sich damals einfach so lieb gehabt, dass sie nicht so lange warten wollten, um ihn zu bekommen.

Das war etwas, dass HM zu verstehen glaubte. Als Leila, die Golden Retriever Hündin von Mr. Bannock, Welpen bekam und er sich einen aussuchen durfte, konnte er kaum den Moment erwarten, an dem sie Billy mit zur Farm nahmen. Wenn es seinen Eltern ebenso gegangen war, dann konnte er ihnen wohl kaum böse sein, dass sie nicht auf die Erlaubnis von jemand anderem gewartet hatten, um ihn zu bekommen. Seit dem Tod seiner Mutter war er doppelt froh, dass er ihren Namen trug. Ein weiterer kleiner Teil von ihr, der mit ihm weiterlebte. Grandma und Grandpa sagten, er habe die Augen seiner Mutter und ihr Lachen und ihre grenzenlose Energie. Und die Liebe zu Büchern, die hatte er ebenfalls von ihr.

Er würde alle Bücher der Welt hergeben, um sie zurück zu bekommen.

HM sah sich um, dann stieß er sich ab und trat wieder kräftig in die Pedale. Wildes Kriegsgeheul ausstoßend, nahm er beide Hände von der Lenkerstange während das Fahrrad den Hügel hinunterraste und breitete die Arme aus, als wäre er ein Flugzeug beim Abheben.

Der oft geflickte Rahmen des alten Fahrrades ächzte und knackte. Die Pedallager quietschten. Die Kette – Staub vermischt mit dem Kettenöl machte sie schwergängig - gab ein trockenes Knattern von sich und die Spielkarten, die zwischen den Speichen des Hinterrades steckten, klangen wie Gewehrschüsse. Sie übertönten alles, das Rauschen des Windes und des Blutes in seinen Ohren und das Zischeln der Gummireifen auf dem staubigen Asphalt. Kleine Steinchen auf und Trockenheitsrisse in der Straße ließen das Fahrrad unter ihm bocken wie ein Wildpferd, aber HM gelang es, die Balance zu halten.

Er hatte das Ende des Hügels erreicht, kurz vor der Stelle, an der die Fahrbahn sich ausflachte und er auf den ungeteerten Weg, der zur Farm führte, abbiegen musste. Regenwasser hatte einen Tunnel in die Straße gegraben, eine Querrille, über die er normalerweise problemlos drüber hoppelte.

Dieses Mal verklemmte sich jedoch der Vorderreifen des Fahrrades in der Querrille - und als wäre es tatsächlich ein bockendes Wildpferd, flog HM über den Lenker und landete ein Stück entfernt im Dreck des Straßengrabens.

Er rollte sich benommen auf den Rücken und starrte nach oben in den wolkenlosen Himmel, in den sich das erste Gelb der Morgensonne mischte. Sein Herz schlug wilde Trommelwirbel und schien sich von seinem angestammten Platz in seiner Brust gelöst zu haben – es steckte jetzt als Kloß in seiner Kehle. Die linke Seite, auf der er gelandet war, pochte und er spürte kalten Schweiß auf seiner Stirn, der in seine Augen lief und sie zum Brennen brachte. Er blinzelte die Tränen weg – HM war zehn Jahre alt, kein Junge weinte in diesem Alter, nur doofe Mädchen – und schluckte ein paar Mal, bis der Kloß aus seinem Hals in seinen Magen rutschte.

Alles tat weh. Seine linke Seite, mit der er auf dem Boden aufgeschlagen war, vor allem sein Arm. Etwas kitzelte an seiner Schläfe und als er danach griff, sah er Blut an seinen Fingerspitzen. Seine Knie brannten wie Feuer und er hatte einen Schuh verloren. Vorsichtig schob er den rechten Ellbogen unter seinen Rücken – nicht der linke, der linke Arm tat so weh, dass er glaubte, er müsse sich gleich übergeben – und stemmte sich hoch, bis er aufrecht saß.

Einen langen Moment drehte sich alles vor ihm, die Straße und das staubige Gras, das an ihren Rändern wuchs und der blaue Himmel über ihm. Es gab kein Oben und Unten mehr, alles verschwamm ineinander.

Er schmeckte Blut in seinem Mund und Sand knirschte zwischen seinen Zähnen als er schluckte.

Da war ein Geräusch und er wusste, dass er es kannte, aber er fühlte sich zu benommen. Dann verdeckte ein dunkler Umriss die Landschaft vor ihm. Große, kühle Hände umfassten seinen Kopf.

„HM? Kannst du mich hören?“

Er blinzelte ein paar Mal und Grandpa Henrys besorgtes Gesicht tauchte aus den verschwommenen Bildern auf. „Grandpa?“

„Bleib ganz ruhig sitzen“, sagte sein Großvater, mit einer Hand seine Gliedmaßen abtastend. „Wo tut es weh, mein Junge?“

Es ging ihm schon sehr viel besser. „Mein Kopf und mein Arm“, sagte er, zu seinem Großvater aufsehend. „Das Fahrrad…“

„Mach dir darüber keine Gedanken“, unterbrach ihn Grandpa Henry. „Du scheinst noch ganz zu sein, das ist das Wichtigste.“ Er legte den Arm um HMs Schultern, schob den anderen unter seine Beine und hob ihn hoch. „Festhalten, Sohn, ich bringe dich zu deiner Großmutter, damit sie deinen Dickkopf untersucht.“

„Okay.“ HM presste das Gesicht gegen das Hemd seines Großvaters und schluckte gegen die Übelkeit an. Und falls er ein bisschen weinte, weil sein Arm so weh tat, dann sah es ja niemand…


***


Emma seufzte, als ihr Mann neben sie trat und den Arm um ihre Taille legte. „Er schläft“, sagte sie, obwohl das kaum zu übersehen war.

„Doktor Rasmussen ist sicher, dass er wieder ganz gesund wird.“ Henry musterte den Jungen, der auf dem Sofa im Wohnzimmer schlief. Sie hatten ihn zum Arzt in der Nachbarstadt gebracht, als klar wurde, dass ihr Enkel sich den Arm gebrochen hatte. Jetzt steckte HMs linker Arm vom Handgelenk bis zum Ellbogen in einem Gipsverband und ein großes Pflaster verdeckte die Schramme an seiner Stirn. Er hatte eine Injektion gegen die Schmerzen bekommen und war noch auf der Rückfahrt zur Farm eingeschlafen.

Emma legte den Kopf gegen die Schulter ihres Mannes. „Wir können ihn nicht auch noch verlieren.“

Em, er ist ein Junge. Das sind nicht die ersten Schrammen, die er sich holt und es werden nicht die letzten sein.“ Henry presste einen Kuss gegen das Haar seiner Frau, und legte dann eine Hand über ihre Finger, die ein Taschentuch kneteten. „Wir können nicht mehr tun, als auf ihn aufzupassen und ihm beizubringen, keine unnötigen Risiken einzugehen.“

„Ich weiß.“ Emma seufzte erneut. „Sieh dir nur an, wie spät es schon ist. Ich muss mich ums Mittagessen kümmern. Er wird hungrig sein, wenn er aufwacht.“ Sie drückte die Hand ihres Mannes, löste sich dann aus seinem Griff und prüfte die Temperatur des Jungen mit dem Handrücken an der Stirn. Doktor Rasmussen hatte gesagt, sie müssten ihn ins Krankenhaus bringen, sollte er Fieber bekommen, doch seine Temperatur war normal.

Kratzen und aufgeregtes Winseln war von der Tür zu hören und Henry erbarmte sich, öffnete die Tür und ließ Billy ins Haus. Der Golden Retriever lief zum Sofa, schnüffelte an HMs Beinen und leckte ihm dann über die Hand. Dann legte Billy den Kopf neben der Brust des Jungen auf die Kante des Sofas und winselte leise, darauf wartend, dass sein Besitzer auf seine Anwesenheit reagierte.

„Still, Billy“, befahl Emma und packte Billys Halsband, um ihn vom Sofa weg zu ziehen. Der Retriever ging einen Schritt zur Seite, dann setzte er sich auf den runden Teppich vor dem Sofa.

„Lass ihn.“ Henry nahm den Arm seiner Frau. „Er kann genauso gut ein Auge auf den Jungen halten wie wir. Ich muss in den Stall.“

Billy ließ sich mit einem fast menschlich klingenden Seufzen auf den Boden plumpsen, den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt, die dunklen Augen auf den schlafenden Jungen gerichtet.

Emma strich sich eine Haarsträhne zurück, die sich aus ihrem Haarknoten gelöst hatte und ging zögernd in die Küche, einen Blick über die Schulter zurück auf ihren Enkel werfend.

Henry streichelte Billy über den Kopf und zog die Decke noch ein Stückchen höher über HMs Beine, bevor er das Haus verließ. Die Arbeit auf der Farm nahm keine Rücksicht auf Unfälle. Als er leise die Tür hinter sich ins Schloss zog, verbannte er den erschreckenden Anblick seines blutenden, benommenen Enkels aus seinen Gedanken. Er konnte nur beten, dass ein paar Schrammen und ein gebrochener Arm die schlimmsten Verletzungen waren, die HM je erlebte.


Ende