Titel:                Kaz und Das alte Volk

Autor:              Lady Charena

Fandom:           Death Sport

Paarung:           Kaz Oshay (Deneer, das Mädchen, Ankar Moor und Kaz Mutter Oshay in Erinnerungen und Rückblicken), Hale und Maksym

Rating:             PG-15, Fantasy

 

Summe:            Nachdem Kaz und Deneer ihren Clan aufgelöst haben, macht sich der Range Guide in neue Gefilde auf. Die alten Dämonen folgen ihm, doch eine überraschende Begegnung führt ihn auf einen neuen Weg.

 

Hale und Maksym sind von mir erfundene Charaktere, alle anderen stammen aus „Death Sport“

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Songtext aus “Wouldn’t it be good” von Nik Kershaw

 

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…I'm sick of fighting even though I ain’t should.
The cold is biting through each and ev'ry nerve and fibre
My broken spirit is frozen to the core.
I don't want to be here no more...
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“Unser Clan ist limitiert”, sagte Deneer.

 

Kaz Oshay nickte. Er legte die Hand auf den Knauf seines Schwertes. „Unser Clan ist limitiert“, wiederholte er. Unbewegt sah er zu, wie Deneer ihr Pferd wendete und dem namenlosen Mädchen nachritt, das sie vorausgeschickt hatten. Sie blickte sich nicht noch einmal nach ihm um, doch Kaz verharrte an Ort und Stelle, bis sie zwischen den Hügeln verschwanden. Dann wandte er sich ab und ritt in die entgegengesetzte Richtung.

 

‚Die Geächteten glauben nicht an die Beständigkeit von Bindungen.’ Der Wind flüsterte zu ihm in der Stimme seiner toten Mutter und Kaz lauschte ihm. Er erforschte sein Herz, wie sie es ihn gelehrt hatte, doch da war kein Bedauern darüber, dass ihn seine Gefährtin verlassen hatte. Zusammen mit der Namenlosen, die sie aus den Höhlen der Mutanten gerettet hatten, waren sie für einige Monate zu einem Clan geworden, doch jetzt war ihre gemeinsame Zeit vorbei. Er akzeptierte es mit der selben Gleichmut, mit der er alles akzeptierte, was das Leben ihm brachte. Außerdem war Deneers Entscheidung keineswegs überraschend für ihn gekommen. Kaz spürte seit geraumer Zeit, dass sie des Umherziehens müde war. Sie sehnte sich nach dem Stadtleben, ein Verlangen das seiner Natur fremd war. Er war selbst nach den Maßstäben seines Clans freiheitsliebender und unabhängiger als die meisten Range Guide es dieser Tage waren. Sein Herz und sein Geist lebten nach den alten Wegen, als die Geächteten einzeln die Wüsten durchstreiften und die Angehörigen eines Clans oft über Tausende von Meilen verstreut waren. Nur der Kampf um das Überleben ihrer Kinder hatte sie schließlich dazu gezwungen, sich zu Gruppen zusammen zu schließen. Und obwohl Kaz in einer solchen Gemeinschaft und in der Obhut seiner Mutter aufgewachsen war, hatte es ihn fortgetrieben, sobald er alt genug gewesen war, um alleine zurecht zu kommen. Und Oshay – die das Herz ihres Sohnes kannte - hatte ihn ziehen lassen.

 

Doch genauso wusste er, dass Deneer nicht für immer zwischen Mauern eingesperrt bleiben konnte, vielleicht ein paar Jahre, bis die Namenlose, die sie als Tochter angenommen hatte, erwachsen war. Dann würde sie den Schutz Tritons verlassen und in die Wüste zurückkehren. Und dort würden sich ihre Wege irgendwann wieder kreuzen. Das alles hatte Deneer nicht ausgesprochen, sie wusste, dass es nicht nötig war. Die Wahrheit brauchte keine Erklärung. Wenn die Sonne aufgeht, besteht keine Notwendigkeit, sie anzukünden.

 

* * *

 

Als die Sonne begann, sich orange zu verfärben, machte Kaz Halt. Die Umgebung war ihm fremd und doch gleichzeitig vertraut. Zwar war er in diesem Teil des Landes noch nie gewesen, doch die Landschaft unterschied sich nicht im Geringsten von allen anderen Orten, die er in seinem Leben gesehen hatte. Er war weit genug von den Bergen entfernt, von den Höhlen, in denen die Mutanten tagsüber schliefen. Sie ertrugen das Sonnenlicht nicht besonders gut und so gingen sie nur des Nachts auf die Jagd nach unvorsichtiger Beute. Die Geächteten mieden ihre Gebiete, doch immer wieder fielen ihnen Reisende, die von Triton nach Helix City oder umgekehrt unterwegs waren, zum Opfer. Vor und hinter ihm erstreckte sich so weit er sehen konnte nur hügliges Steppengelände, bedeckt mit den wenigen, staubiggrauen Pflanzen, die hier überlebten. Ihre Eintönigkeit nur von ein paar Felsansammlungen und niederen, verkrüppelten Bäumen unterbrochen.

 

Er wählte eine dieser Felsformationen aus, um zu übernachten. Dort würde er Schutz finden vor den gefährlichen Flashwinds, den tödlichen nuklearen Stürmen, die über die Ebenen rasten. Er sprang von seinem Pferd und schickte es mit einem Klaps davon, sich sein Abendessen zu suchen. Es würde sich nicht weit von ihm entfernen und nachdem es sich an der spärlichen Vegetation sattgefressen hatte, zu ihm zurückkehren. Kaz zog sein Schwert aus der Scheide und stocherte damit in die Felsspalten zwischen den Blöcken, die wirkten, als hätte ein Riesenkind mit seinen Bauklötzen gespielt, sie aufeinandergetürmt und schließlich umgestoßen. Er scheuchte eine nicht geringe Anzahl von Insekten auf, ein paar Skorpione verschwanden im Gras und sogar eine Steinschlange steckte ihren eckigen Kopf hervor, um den Range Guide wütend anzuzischen. Kaz Schwert machte ihr den Garaus, und er stieß den Kadaver angewidert mit dem Fuß weg. Als Kind hatte ihn einmal eine Schlange gebissen und nur die Heilerfähigkeiten seiner Mutter hatten Kaz am Leben gehalten. Anders als die Stadtmenschen mit ihren Ärzten und Medikamenten waren die Geächteten auf die alten Überlieferungen ihrer Vorfahren angewiesen – und auf die angeborenen Heiler- und Seherfähigkeiten der weiblichen Angehörigen des Clans. Sie heilten Schwertwunden und Schlangenbisse durch Kräuter und Berührungen, nahmen die Schmerzen und vertrieben Fieber. Nur gegen das Gift der Mutanten waren auch sie machtlos. Zur Verwunderung seines Clans hatte Kaz einige Fähigkeiten seiner Mutter geerbt, obwohl er ein Mann war. Zwar konnte er keine Wunden heilen, doch er konnte den Fluss des Blutes aus einer Verletzung stoppen und er war wie Oshay in der Lage, zu spüren wenn sich die unberechenbaren Flashwinds erhoben, so dass Zeit genug war, sich in Sicherheit zu bringen.

 

Er sammelte trockenes Geäst und Blätter und hatte nach kurzer Zeit ein Feuer entfacht, das ihn bei Anbruch der kalten Wüstennacht wärmte. Kaz setzte sich davor, die Beine gekreuzt und starrte in die Flammen. Er aß nichts, obwohl Deneer ihm die Hälfte des erbeuteten Fleisches zurückgelassen hatte. Von frühester Kindheit an daran gewöhnt, zeitweise ohne Nahrung auskommen zu müssen, spürte er keinen Hunger.

 

Die Nacht kam rasch, doch Kaz schlief nicht. Bis auf ein gelegentliches Vorbeugen, um einen weiteren dürren Ast ins Feuer zu werfen, saß er völlig reglos.

 

Es begann, wie es in den meisten Nächten seit dem Duell begonnen hatte – in den Flammen erschien Ankar Moors Gesicht und im Knistern des Feuers lauschte er dem Spott, den ihm der Mörder seiner Mutter an den Kopf geworfen hatte. Kaz hatte ihren Tod gerächt und die Welt von einem skrupel- und gewissenlosen Mann gesäubert, der Helix City fast in einen vernichtenden Krieg mit Triton getrieben hatte. Doch das lag in der Vergangenheit. Warum verfolgten ihn Ankar Moors Worte noch immer? Warum verspottete ihn sein Gesicht, das seinen hasserfüllten Ausdruck auch nicht verloren hatte, nachdem Kaz ihm mit einem einzigen, gewaltigen Schwerthieb den Kopf vom Körper getrennt hatte... Er hatte mehr Feinde und Mutanten getötet, als er sich erinnern konnte und ihre Gesichter hatten nie seine Träume heimgesucht. Was gab Ankar Moor die Macht seine Nächte mit Unruhe zu erfüllen? Deneer hatte ihn einige Male aus Alpträumen geweckt, deren Bilder verblassten, sobald er die Augen aufschlug, so dass er nicht in der Lage war, ihr oder sich zu erklären, was ihn verfolgt hatte.

 

Kaz legte den Kopf in den Nacken und starrte in die kalte Pracht des Sternenhimmels. Er zog unwillkürlich seinen Umhang enger um seinen Körper, mehr als die Wüstennacht ließ ihn frösteln. Wie schon seit einigen Nächten beobachtete er die Sternschnuppen, die sich wie feurige Schwerthiebe über die unendliche Schwärze zogen. Es schien, als würden sich für einen Moment Risse im Firmament öffnen, durch die ein blendend grelles Licht strahlte. Er hatte so etwas in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Und es war sicher kein gutes Omen. 

 

Zu gefangen waren Kaz Sinne von dem feurigen Spektakel am Himmel, als dass er die Steinschlange noch rechtzeitig bemerkt hatte. Ihre Zähne gruben sich im gleichen Augenblick in sein Bein, als seine Hand vorschnellte, um sie zu packen. Mit einem Schrei schleuderte Kaz sie weg, doch das Gift war bereits in seinen Körper gedrungen. Seine Finger zitterten jedoch nicht, als er rasch einen Beutel von seinem Gürtel löste der Blätter enthielt, die gegen das Schlangengift wirkten. Mit der anderen Hand griff er nach seinem Schwert und öffnete die Wunde, um dann die Blätter hinein zu drücken, damit sie das Gift herausziehen konnten. Es war nicht das erste Mal, dass er das tat und er stieß zischend den Atem durch zusammengebissene Zähne aus, als ein heißes Brennen durch sein Bein schoss.

 

Ein Geräusch in seiner Nähe ließ ihn aufsehen – doch im gleichen Moment explodierte Schmerz in seinem Kopf und Dunkelheit verschlang ihn.

 

Der Mann, der ihn niedergeschlagen hatte, warf den Stein beiseite und schob ein paar Zweige in die fast erloschene Glut, um das Feuer neu zu schüren. Hinter ihm trat eine Frau in den zitternden, matten Lichtkreis, den die nun auflodernden Flammen schufen.

 

„Wenn du ihn getötet hast, kostet es dich deinen Hals.“ Sie kniete neben dem reglosen Range Guide nieder und drehte seinen Kopf herum, damit sie sein hageres Gesicht sehen konnte.

 

„Er ist nur bewusstlos“, sagte der Mann am Feuer. Er stöberte in den verdeckten Taschen des Umhangs, der von Kaz Schultern gerutscht war und fand mit einem zufriedenen Grunzen das getrocknete Fleisch. „Er hat Nahrung.“

 

Die Frau antwortete nicht. Sie betrachtete die Wunde an Kaz Bein, von der frisches Blut floss. „Er wurde von einer Schlange gebissen. Vermutlich hat er uns deshalb nicht gehört.“ Sie entdeckte die Blätter, die Kaz umklammert hielt und löste sie aus seinen Fingern, um sie in die Wunde zu pressen. Ohne hinzusehen griff sie nach dem Umhang ihres Begleiters und riss einen Streifen Stoff davon ab. Der Mann protestierte nicht einmal, er schien daran gewöhnt zu sein. Mit dem Fetzen verband sie die Wunde und setzte sich dann neben den bewusstlosen Geächteten. „Bist du sicher, dass er der Richtige ist?“, fragte sie. „Er sieht nicht anders aus als jeder andere Mann, dem wir in der Wüste begegnet sind.“

 

Ihr Begleiter nickte. „Ich habe ihn in Helix City gesehen, als sie ihn in eine Zelle schleppten. Ankar Moor selbst hat ihn mit Kaz, Sohn der Oshay angesprochen. Er ist der, den wir suchen.“

 

„Es ist besser für dich, wenn du recht behältst, Maksym. Wir brauchen ihn.“ Die Frau gab ihrem Begleiter einen unsanften Tritt in die Seite. „Hör auf zu fressen und schaff unsere Pferde her. Wir brauchen Wasser für ihn.“

 

Wortlos verschwand Maksym in die Dunkelheit. Ihm gefiel das Theater überhaupt nicht, das Hale um den Fremden machte.

 

* * *

 

Als Kaz die Augen öffnete, stand die Sonne hoch am Himmel und blendete ihn. Sein Kopf pulsierte dumpf und als er die Hand hob und seinen Nacken betastete, spürte er dort verkrustetes Blut. Jemand hatte ihn niedergeschlagen. Er blinzelte, bis seine Umgebung langsam Konturen annahm und setzte sich dann langsam auf. Das erste, auf das sein Blick fiel, war die Bandage um sein Bein. Der Schlangenbiss... Er blickte auf und sah sich einer fremden Frau gegenüber.

 

Sie trug die Kleidung einer Stadtbewohnerin, darüber einen ähnlichen Umhang wie er, die Kapuze zurückgeschlagen. Ihr Haar wurde von einem geflochtenen Stirnband zurückgehalten und fiel als dicker Zopf über ihren Rücken. Ein breiter Gürtel, mit funkelnden Steinen und glitzernden Metallstückchen verziert, hielt ihr Schwert an ihrer Seite. Sie saß seitlich zu ihm, so dass er ihr Gesicht nur im Profil sehen konnte, doch ihre Aufmerksamkeit schien auf die Weite vor ihnen gerichtet. Kaz hatte bereits im Moment des Erwachens registriert, dass seine eigene Waffe verschwunden war, doch er beabsichtigte, diesen Zustand sofort zu ändern.

 

Blitzschnell warf er sich herum, eine Hand ausgestreckt, um der Fremden das Schwert vom Gürtel zu reißen. Doch sie schien auf seinen Angriff vorbereitet gewesen zu sein und wich ihm nicht minder flink aus. Eine Sekunde später stand sie über ihm und Kaz hatte die Spitze ihres Schwertes an der Kehle. Er starrte in zwei dunkle Augen, die den seinen sehr ähnlich waren.

 

„Was ich über dich gehört habe, scheint nicht übertrieben gewesen zu sein“, sagte sie. „Allerdings warst du nicht schnell genug für mich. Hat dich der Schlangenbiss so geschwächt, Kaz Oshay?“

 

Einen Moment lang verstärkte sich der Druck gegen Kaz Kehle, dann zog sie das Schwert zurück und schob es in die Scheide. Dann streckte sie die Hand aus und nach einem Augenblick des Zögerns ergriff Kaz sie. Doch anstatt sich auf die Beine helfen zu lassen, zog er die Frau zu sich herunter und rollte sich über sie, sie mit seinem Körper auf den Boden pressend.

 

Dunkle Augen funkelten ihn wütend an und sie spuckte ihm ins Gesicht, während sie erfolglos versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien. Kaz warf den Kopf in den Nacken und lachte.

 

„Lass’ Hale auf der Stelle los oder ich töte dich.“

 

Kaz sah auf und sah einen Mann, das Schwert gezückt, auf sie zustürmen. Er setzte sich zurück, hielt aber die Arme der Frau fest, bevor sie ihm mit den Fingernägeln das Gesicht zerkratzen konnte. Er sah sie an. „Hale? Ist das dein Name?“

 

„Halt dich da raus, Maksym“, drohte die Frau wütend, ohne ihren Begleiter anzusehen. „Ich werde mit ihm schon selbst fertig.“ Sie warf den Kopf stolz zurück. „Nimm’ deine dreckigen Pfoten von mir.“ Wie eine Schlange schnellte sie sich herum und brach aus Kaz Griff. Sie kam auf die Beine und stand vor ihm, die Hand auf dem Schwertknauf, ihre Züge wutverzerrt.

 

Der andere Mann, den sie Maksym genannt hatte, starrte mit ärgerlich zusammengepressten Lippen zuerst Hale, dann Kaz an.

 

Kaz richtete sich auf und wischte sich den Schmutz aus dem Gesicht. „Wer bist du?“, fragte er, Maksym ignorierend.

 

Die Kriegerin schien sich uneins zu sein, ob sie ihm antworten oder die Augen auskratzen sollte. Schließlich siegte die Vernunft. „Ich bin Hale, vom Clan Je-Gyu“, erklärte sie.

 

„Diesen Clan gibt es nicht.“ Kaz überprüfte seinen Zustand. Die Wirkung des Giftes hatte noch nicht völlig nachgelassen – aber es sah auch nicht unbedingt so aus, als wollten die Fremden ihn töten. Wieso hätten sie sonst seine Wunde versorgt. Er ließ seinen Blick rasch über das Lager gleiten. Sein Pferd stand neben zwei anderen Reittieren, die so aussahen, als hätten sie eine lange, anstrengende Reise hinter sich. Die Wasserschläuche an ihren Sätteln ließen seine Kehle trocken werden. Als er sich wieder den Fremden zuwandte, begegnete er Hales Augen. Sie hatte seinen Blick bemerkt.

 

Hale ließ sich auf dem Boden nieder und kreuzte die Beine. „Unser Clan ist limitiert.“

 

Kaz schwieg.

 

Dunkle Augen füllten sich mit Wut. „Du weist mich zurück?“ Sie zog ein Messer aus dem Stiefelschaft und schleuderte es nach Kaz.

 

Zitternd blieb die Klinge in der hartgebackenen Erde dicht neben dem Range Guide stecken. Kaz zuckte nicht einmal mit der Wimper. „Ich habe kein Interesse daran, mich deinem Clan anzuschließen. Ich bin ein Range Guide, ich reise allein.“

 

„Auch ein Range Guide braucht Schutz und Hilfe.“ Zum ersten Mal ließ sich Maksym wieder vernehmen. Er starrte Kaz noch immer wütend an.

 

„Ich nicht.“

 

Hale hob eine Hand. „Ich schlage vor, wir beruhigen uns alle ein wenig“, meinte sie mit einem Seitenblick auf ihren Begleiter. „Mein Clan lebt weit von hier. Im Westen. In den Wüsten hinter Triton.“

 

„Niemand lebt in diesem Teil der Welt. Das Land ist verseucht, nicht einmal Skorpione und Sandwürmer können dort existieren.“

 

Hale schüttelte den Kopf. „Das ist nicht wahr. Schon seit fast tausend Jahren siedeln dort Menschen. Sie flohen vor dem Krieg in die Wüsten und gründeten eine neue Zivilisation.“

 

Kaz musterte sie aus misstrauisch zusammengekniffenen Augen. „Niemand hat je davon gehört.“

 

„Unsere Vorfahren haben während des Krieges so viel Leid erlebt, dass sie strenge Regeln erließen, die sicherstellen sollten, dass ihre Kinder niemals wieder mit den Grausamkeiten der Welt in Berührung kommen würden. In der Isolation träumten sie von der Erschaffung Utopias. Nach den Kriegen ging das Wissen um sie verloren und für den überlebenden Rest der Menschheit existierten wir nicht mehr.“

 

„Und was wollt ihr dann hier? Diese Wüsten gehören den Geächteten.“ Kaz bewegte seine Schultern, die nach der langen Zeit seiner Bewusstlosigkeit steif und verspannt waren.

 

Hale verzog das Gesicht, es fiel ihr sichtlich schwer, die nächsten Worte auszusprechen. „Wir brauchen deine Hilfe.“

 

„Meine Hilfe?“

 

„Mein Clan stirbt langsam. Unsere Kinder werden bereits krank geboren. Kaum noch jemand erreicht das Alter der Weisheit. Die Welt verändert sich. Die Flashwinds, die früher kaum die Außenbezirke unserer Siedlungen erreichten, dringen jetzt bis in ihre Herzen vor und bringen uns die tödlichen Strahlen.“

 

Kaz neigte den Kopf zur Seite. „Dann müsst ihr die Wüsten verlassen. Sicher würden die Menschen in Triton und Helix City euch aufnehmen.“

 

„Das kann mein Volk nicht akzeptieren. Wir würden unsere Identität verlieren und damit alles vernichten, wofür meine Vorfahren gekämpft und ihr Leben geopfert haben. Der Rat der Alten hat beschlossen, dass wegziehen. Weiter nach Westen, hinter die bekannten Gebiete. So, wie es unsere Ahnen gemacht haben.“

 

„Ich verstehe immer noch nicht, was du von mir willst.“ Kaz betastete seinen Hinterkopf. „Außerdem finde ich es ausgesprochen unzivilisiert, jemand einen Stein über den Schädel zu ziehen, wenn man ihn um Hilfe bitten will.“ Er warf einen Blick auf sein Schwert, das am Sattel seines Pferdes hing. „Oder ihn zu entwaffnen.“

 

Hale zuckte mit den Schultern. „Maksym ist ein wenig... impulsiv“, meinte sie mit einem Lächeln. „Er hat dich in Helix City gesehen und du musst ihn sehr beeindruckt haben. Sogar in Triton hörten wir die Menschen über dich sprechen.“ Sie warf ihrem Begleiter einen Blick zu. „Gib’ ihm sein Schwert zurück“, befahl sie. „Wir sind nicht seine Feinde.“

 

Maksym wirkte einen Moment lang, als wolle er protestieren, entschied sich aber dann doch, dem Befehl nachzukommen. Er holte das Schwert und warf es Kaz vor die Füße. Sein Gesicht verzog sich, als hätte er lieber ausgespuckt. „Ich hätte dich töten sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte“, knurrte er.

 

„Dann wärst du jetzt ebenfalls tot“, mischte sich Hale ein. „Benimm’ dich, Maksym. Wir brauchen ihn.“

 

„Wozu?“ Kaz schlang sich den Riemen über die Schulter, das Gewicht des Schwertes an seinem Rücken fühlte sich an, als hätte eine Gliedmaße ihre Taubheit verloren.

 

„Mein Volk hat so lange in Sicherheit gelebt, dass wir das Wissen um die alten Pfade verloren haben. Wir brauchen jemand, der uns auf der Reise nach Westen begleitet. Jemand der das Leben in den Wüsten kennt und uns lehrt, dort zu überleben. Aus diesem Grund wurden wir hierher geschickt. Es gibt nur noch wenige Menschen wie dich, Kaz Oshay.“

 

Kaz hob die Augenbrauen, als sie ihn mit seinem vollen Namen ansprach. „Es gibt viele Geächtete.“

 

„Dein Volk hat ebenso wie das meine vieles vergessen. Auch die Geächteten suchen den Schutz der Städte, wenden sich von den alten Wegen ab. Wir haben in Helix City viele Geschichten über die Range Guides gehört. Und noch mehr über dich. Du hast Ankar Moor, den Tyrannen, getötet und seine Höllenmaschinen vernichtet. Du bist der Sohn einer der großen Führerinnen der Geächteten und man sagt, du weißt alles über das Leben und die Wege der Alten. Dieses Wissen braucht mein Volk zum Überleben. Es braucht dich, als Lehrer.“ Hale sah ihn an. In ihren Augen blitzte es wütend. „Ein Range Guide ist verpflichtet, zu helfen, wenn er Hilfe leisten kann.“

 

„Ein Range Guide ist nur sich selbst verpflichtet“, entgegnete Kaz. „Ich bin kein Lehrer.“

 

Maksym trat einen Schritt vor. „Er will uns nicht helfen, Hale“, knurrte er. „Lass mich ihn töten.“

 

„Nein.“ Hale trat ihm in den Weg. „Nein. Auf keinen Fall.“ Sie drehte ihm den Rücken zu und sah Kaz an. „Jeder Mensch hat einen Preis. Nenne uns deinen.“

 

Der Range Guide hatte nicht einmal das Schwert gezogen, sondern war ruhig sitzen geblieben. „Mein Preis ist Freiheit.“

 

„Niemand will dir deine Freiheit nehmen.“ Hale trat vor ihn. „Nenne mir deinen Preis.“

 

Kaz sah zu ihr auf und blinzelte, als die harten Strahlen der Mittagssonne ihn blendeten. Er grinste breit. „Du bist mein Preis“, spottete er und stand auf. „Ich will dich.“

 

Hale versteifte sich sichtlich. Hinter ihr setzte sich Maksym in Bewegung, sein Gesicht eine Maske blinden Zorns. Hale streckte einen Arm aus und hielt ihn zurück. In ihren Augen blitzte es wütend, doch ihre Stimme klang ruhig. „Einverstanden.“ Sie stand sehr still, als Kaz sich vorbeugte und sie küsste. Sie leistete keinen Widerstand, ihre Lippen öffneten sich bereitwillig, doch sie erwiderte seine Berührung nicht.

 

Belustigt ließ Kaz sie los. Diese stolze Kriegerin zu unterwerfen wäre eine amüsante Herausforderung. Hale wäre eine ebenbürtige Gefährtin, noch mehr als Deneer. Aber er hatte kein Interesse, für einen Haufen degenerierter Stadtmenschen den Aufpasser zu spielen. „Ich werde darüber nachdenken.“ Er wandte sich ab, sehr wohl bewusst, dass Maksym die Gelegenheit nutzen könnte, ihm das Schwert in den Rücken zu stoßen. Insgeheim hoffte er sogar darauf, dass Maksym ihn angriff. Er langweilte sich und ein guter Kampf war niemals zu verachten.

 

Doch nichts geschah. Kaz ließ sich im Schatten der Felsen nieder, dort wo er geschützt war vor dem Brennen der Mittagssonne. Er konzentrierte sich auf seinen Atem, machte seinen Geist so leer, wie es ihn seine Mutter gelehrt hatte. Seine Augen schlossen sich, als er uralte Worte sprach. „Ich bewege mich im Rhythmus der Erde. Niemals verlasse ich den Pfad meiner Wahrheit. Ich habe ein klares Ziel, doch es hat nicht mehr Bedeutung für das Universum als das Blatt im Wind. Ich bin still, lausche dem Leben, bin ein Teil davon. Ich verteidige mein Ich. Ich erhalte all die Kraft, die ich brauche. Ich gebe, was ich kann, bin ohne Schuld. Ich stehe über allem, niemand soll Hand an mich legen – ich bin mein eigener Meister.“ Erfrischt öffnete er die Augen. Hale saß ihm gegenüber. Maksym war nicht zu sehen.

 

„Was sind das für Worte?“, fragte Hale.

 

„Sie wurden aus alten Zeiten überliefert. Es ist eine Konzentrationsübung. Sie macht den Kopf frei, hilft dem Körper, sich zu erholen, fast wie ein langer Schlaf. Wunden heilen schneller.“ Kaz löste den Verband an seinem Bein.

 

„Kannst du mir das beibringen?“ Hale beugte sich eifrig vor. „Genau dieses Wissen sucht mein Volk.“

 

„Es ist nicht einfach zu lernen.“ Kaz zuckte mit den Schultern.

 

„Ich will es versuchen.“ Hales Augen suchten seine und hielten seinen Blick fest. „Lehre es mich. Und dann komm’ mit mir und lehre mein Volk.“

 

„Aus welchem Grund sollte ich das tun?“

 

„Ich gebe, was ich kann – bin ohne Schuld“, zitierte Hale. „Das ist nicht wahr. Wer einem anderen Hilfe verweigert, obwohl er ihm helfen kann, ist niemals ohne Schuld.“

 

„Ich bin kein Lehrer.“

 

Sie kam näher, bis ihre Knie an Kaz stießen. „Und ich bin es nicht gewohnt, ein Schüler zu sein. Ich bin eine Kriegerin, kein Kind. Dennoch bin ich bereit, zu lernen, alles was du mich lehrst. Kannst du nicht ebenso deinen Stolz überwinden?“ Sie legte die Hände auf seine Schultern. „Und ich bin bereit, deinen Preis zu bezahlen. Ich bin bedeutungslos im Angesicht des Überlebens meines Volkes.“

 

„Kein Leben ist bedeutungslos.“

 

„Es gibt ein altes Wort in meinem Clan. Der Mensch ist wie eine Kerze, er muss Leben ausstrahlen und dabei verbrennen...“

 

„Niemand entgeht seinem Schicksal“, beendete Kaz den Satz. „Es scheint, als hätten wir einige Gemeinsamkeiten mehr... als nur Stolz.“

 

„Ja.“ Hale blickte ihn an. „Wie lautet deine Entscheidung, Kaz Oshay?“

 

Kaz hielt ihrem Blick stand. Er dachte an die Träume, an die Dämonen der Vergangenheit, die ihn verfolgten. Vielleicht war es an der Zeit, neue Wege zu gehen. Vielleicht mit Hale. Die Zukunft hielt unzählige Möglichkeiten bereit. Er löste Hales Hände von seinen Schultern, verflocht ihre Finger mit seinen. „Unser Clan ist limitiert“, sagte er.

 

„Unser Clan ist limitiert“, wiederholte Hale. „Du kommst mit uns?“

 

Kaz nickte. „Ich werde tun, was ich kann.“

 

„Es ist mir eine Ehre, dein Preis zu sein.“ Hale beugte sich vor und küsste ihn. „Und deine Schülerin.“

 

Er zog Hale näher zu sich. „Ich glaube, die erste Lektion hat noch Zeit...“

 

Ende

 

 

* * *

„Morgen - der Planet Erde besteht nur noch aus nuklearverseuchten Wüsten und isolierten Stadtstaaten. Aus der Erinnerung heraus benutzen die Stadtmenschen Motorräder, die sie Todesmaschinen nennen. In den Wüsten zwischen den Städten streifen die gefürchteten, kannibalischen Mutanten umher, sowie die Geächteten, die ein freies, unabhängiges Wanderleben führen.“

 

Mit diesen Worten beginnt der Roger Corman-Film „Death Sport“, der als eine Art Fortsetzung zu „Death Race 2000“ zu verstehen ist, aber in einer noch weiteren Zukunft (ca. im Jahre 3000) spielt, in der die Menschheit in den Trümmern einer nuklearen Auseinandersetzung existiert, aufgesplittet in die in den Metropolen Triton und Helix City lebenden Stadtbewohner, die Clans der Geächteten und die durch die Strahlung entstandenen Mutanten, geistlose, kannibalische Wesen, die in dunklen Höhlen hausen. Die sogenannten Range Guides sind Angehörige der Geächteten, die sich aber unabhängig von den Clans frei in den Wüsten bewegen und - einem uralten Kodex verpflichtet - dafür sorgen, dass niemandem Gefahr droht. Neben Skorpionen, Schlangen und Mutanten sind es vor allem die gefürchteten Flashwinds, plötzlich auftretende nukleare Sandstürme, die Reisende bedrohen.