Titel: The blue-eyed boy
Autor: Lady Charena (Juni 2017)
Fandom: The A-Team (Serie)
Episode: pre-series
Wörter: 5735
Charaktere: HM Murdock, Alvin Brennar (aka Templeton „Face“ Peck), Originalcharaktere
Pairing: ---
Rating: AU, gen
Beta: T’Len


Summe: Das Aufeinandertreffen zweier kleiner Jungs legt den Grundstein zu einer ungewöhnlichen Freundschaft.

Anmerkung: Eine Story, die so nie passiert ist, aber vielleicht doch hätte passieren können… * zwinker *


Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



„Und pass bitte auf, dass du dich nicht schmutzig machst, Alvin. Heute Nachmittag kommen uns meine Eltern besuchen und ich möchte dich ihnen vorstellen.“

Elise strich mit einem Seufzen über die blonden Haare des Jungen. Die Nonnen hatten es sicher gut gemeint, als sie ihm die Locken abgeschnitten hatten, aber das Ergebnis ließ doch sehr zu wünschen übrig… Nun ja, sobald der Junge etwas zur Ruhe gekommen war, würde sie mit ihm in die Stadt fahren und dann bekam er einen ordentlichen Haarschnitt.

Es entging ihr nicht, dass Alvin sich ein wenig von ihr weggeduckt hatte, als sie nach ihm griff, aber sofort wieder brav still hielt. Welche Erfahrungen er wohl gemacht haben mochte?

Viel hatte ihr Schwester Theodora nicht über den Jungen sagen können. Nur dass er auf der Straße aufgegriffen worden war, vollkommen verstört und nicht in der Lage, zu sagen, wie er hieß, woher er kam oder wer seine Eltern waren. Die Polizei schätzte ihn auf ein Alter von fünf Jahren.

Der Junge war körperlich in einem ausgezeichneten Zustand, gesund, wohlgenährt und wohlerzogen, aber ohne jede Erinnerung an seine Vergangenheit. Während die Polizei landesweit Fälle vermisster Kinder prüfte, kam der kleine Junge ins Guardian Angel Waisenhaus, in die Obhut der frommen Schwestern und Padres, die sich um Los Angeles‘ verstoßene Kinder kümmerten. Gaben ihm einem Platz zum Schlafen, zu essen – und einen neuen Namen.

Jetzt, zwei Jahre später, hatte die Polizei aus Mangel an Hinweisen die aktive Suche nach Alvins Eltern eingestellt. Elise konnte sich nicht vorstellen, wieso seine Eltern nicht ihrerseits nach ihm suchten. Welcher Gedanke war schlimmer – der, dass sie nicht nach dem Kind suchten, weil es ihnen gleichgültig war oder der, dass sie nicht dazu in der Lage waren? Vielleicht waren sie bei einem Unfall ums Leben gekommen und Alvin hatte das ganze miterleben müssen. Es würde sicherlich erklären, warum der Junge sich an nichts erinnern konnte.

„Ja, Mrs. Emory“, erwiderte Alvin höflich und verschränkte die Arme auf dem Rücken.

Elise lächelte. Der blonde Junge mit den strahlend-blauen Augen war nicht ihr erstes Pflegekind, aber sie war Alvins erste Pflegemutter. Nach der Zeit im Waisenhaus musste es ihm seltsam vorkommen, plötzlich das einzige Kind im Haus zu sein, aber das würde sich hoffentlich geben, wenn er nach den Sommerferien in die Schule kam. Bis dahin fand er vielleicht Anschluss in der Nachbarschaft. Ihre Nachbarin Lilly hatte ihr erzählt, dass sie Besuch von ihrem Neffen erwartete, der in etwa in Alvins Alter war.

„Dann geh jetzt spielen“, meinte sie und zog die Hand zurück. „Das Wetter ist so schön.“

Sie sah Alvin nach, der von der Terrasse zögernd auf den Rasen trat. Hatte sie einen Fehler gemacht, gerade jetzt ein Pflegekind anzunehmen? Vielleicht wäre Jonathan, ihr Mann, besser an den Jungen herangekommen, doch Jonathan kam erst in zwei Monaten zurück. Er arbeitete am Bau eines Hochhauses in New York mit und das war zu weit weg für einen kurzen Heimatbesuch. Nach einem letzten Blick auf Alvin, der auf die Schaukel am hinteren Ende des Gartens zu steuerte, kehrte sie ins Haus zurück. Sie hatte noch einiges zu erledigen, bevor ihre Eltern kamen.


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Er setzte sich auf die Schaukel, schaukelte halbherzig ein wenig vor und zurück. Unbehaglich sah er sich um. Wie leer und still es hier war. Keine schreienden Kinder, kein Lachen, kein Radio, nicht einmal Autos fuhren auf der Straße. Er hatte sich nicht mehr so klein, so einsam gefühlt, seit er ins Waisenhaus gekommen war.

Alvin schluckte gegen den Kloß in seiner Kehle an. Er würde sicher nicht weinen. Weinen war etwas für Babys. Und er war nun ein großer Junge. Große Jungs weinten nicht. Selbst wenn sie noch so viel Angst hatten.

Nicht vor Mrs. Emory. Sie hatte ihn gebeten, sie Elise zu nennen, aber das schien ihm falsch. Sie war nett. Er bekam so viel zu Essen wie er wollte, hatte Kleidung und Schuhe bekommen, die niemand anderes vor ihm getragen hatte, wurde nie getadelt - und er hatte ein eigenes Zimmer für sich ganz alleine, etwas um das ihn sein Freund Barry glühend beneiden würde.

Nun stiegen doch Tränen in seine Augen. Er vermisste seine Freunde. Alvin rieb sich hastig mit den Händen übers Gesicht. Er hatte früh gelernt, dass Tränen nichts halfen. Es war viel besser, zu lächeln. Wenn er lächelte, dann schimpften die Schwestern nie mit ihm, sie strichen ihm übers Haar und steckten ihm sogar manchmal heimlich Süßigkeiten zu, die er gegen andere Dinge tauschen konnte. Alle außer Schwester Theodora, die ihm immer wieder sagte, dass Eitelkeit eine Sünde wäre.

Alvin wusste nicht, was diese Eitelkeit war und hatte nur eine vage Vorstellung von Sünde – das war, wenn man etwas Verbotenes tat: wie mit einer Taschenlampe nachts unter der Decke zu lesen oder eine Münze, die man auf dem Gehweg fand, zu behalten – oder warum Schwester Theodora ihn nicht zu mögen schien.

Er kickte mit dem Fuß gegen die lose Erde, die sich unter der Schaukel befand, aber nur ein wenig, damit die neuen, glänzenden Schuhe, die Mrs. Emory für ihn gekauft hatte, nicht schmutzig und hässlich wurden.

Mrs. Emory hatte gesagt, ihre Eltern würden jetzt seine Großeltern sein. Er wusste nicht, was er davon halten sollte. Was machten Großeltern? Passten sie auf die Großen, also die Eltern, auf? Vielleicht…

Ein dumpfer Knall schreckte ihn auf. Alvin hob den Kopf und sah sich um. Wieder knallte es ganz in seiner Nähe. Dann sah er den Ball.

Nur eine Sekunde lang schwebte der Ball über den Bretterzaun, der das Nachbargrundstück abgrenzte. Dort drüben spielte jemand mit einem Baseball. Vielleicht ein anderes Kind?

Alvin stand auf und trat neugierig näher. Der Zaun war mehr als doppelt so hoch wie er und aus seiner Perspektive unüberwindbar. Sollte er rufen? Aber vielleicht wollte Mrs. Emory nicht, dass er mit anderen Kindern redete und der Zaun war deshalb so hoch.

Und dann sprach ihn der Zaun an. „Bist du ein Engel?“


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Lilly Bennings betrachtete hilflos ihren Neffen. Der Junge saß auf einem Stuhl am Küchentisch, starrte ins Leere und baumelte mit den Beinen, die noch nicht lang genug waren, um den Boden völlig zu erreichen.

Sie hatte ihn vor der Beerdigung ihrer Schwester vor zwei Jahren nur einmal gesehen, damals war er nicht einmal ein halbes Jahr alt gewesen. Der blasse, schmale Junge mit den großen braunen Augen, der sich verschüchtert gegen ihre Mutter presste, sah ihrer Schwester ähnlicher als seinem Vater.

Emily war fünf Jahre jünger gewesen als Lilly. Sie hatte immer ihren eigenen Kopf gehabt. Während Lilly die Schule abschloss, eine Stelle in einem Drugstore fand und sich mit neunzehn in Wayne Bennings verliebte, ihn heiratete und mit ihm nach Los Angeles zog – blieb Emily zunächst auf der Farm ihre Eltern. Und das obwohl sie, was Lilly neidlos zugab, die Intelligentere von ihnen beiden war. Ihre Noten waren so gut gewesen, dass sich der Direktor der örtlichen Highschool persönlich um ein College-Stipendium für sie bemühte. Zunächst wollte Emily nicht aufs College, sie wollte auf der Farm bleiben und ihren Eltern dabei helfen, sie zu betreiben. Obwohl sie von klein auf davon träumte, Tierärztin zu werden, seit sie dem Tierarzt bei der Geburt eines Kalbes hatte helfen dürfen.

Niemand hatte erwartet, dass die kluge, vernünftige Emily noch vor Ende des ersten Jahres nach Hause kam und verkündete, dass sie im vierten Monat schwanger sei. Und darüber hinaus nicht plane, den Vater des Kindes schnellstmöglich zu heiraten, damit das Baby ehelich zur Welt kam. Nun, das sorgte definitiv für einen Skandal.

Das Getratsche und Getuschel wurde schließlich so schlimm, dass Emily für ein paar Monate zu Lilly nach Los Angeles zog und erst kurz vor der Geburt nach Hause zurückkehrte. Lilly bot ihr sogar an, das Baby aufzunehmen und großzuziehen – zumindest so lange, bis Emily eine Form von Ausbildung abgeschlossen hatte. Aber davon wollte ihre Schwester nichts wissen.

Zwei Monate nach der Geburt des Babys - eines kräftigen, gesunden Jungens - tauchte eines Abends ein Mann in einer Air-Force-Uniform auf und fragte nach Emily Murdock und seinem Sohn. Lilly wusste davon aus einem Brief ihrer Mutter.

Persönlich begegnet war sie dem Mann nie. Sie wusste nicht einmal seinen Familiennamen – nur, dass er Henry hieß, bei der Air Force diente, fast zehn Jahre älter als Emily war und dass sie sich bei einer Veranstaltung am College kennengelernt hatten, wo er vor den Studenten einen Vortrag hielt. Lilly vermutete, dass Henry bereits verheiratet war, das würde sicher erklären, warum Emily nicht einmal ihren Eltern seinen vollen Namen verriet. Sie hatte Sorge, dass ihr Vater die Sache in die Hand nahm und versuchen würde, Henry zu zwingen, zu seiner Verantwortung zu stehen.

Nun, soweit sie wusste, besuchte er die beiden wenigstens alle paar Monate auf der Farm, und er schickte auch ein wenig Geld für den Jungen, für Kleidung und Bücher.

Zu Emilys Beerdigung erschien er nicht. Den Jungen ließ er in der Obhut seiner Großeltern.

Nachdem ihre Mutter in diesem Frühling schwer unter der Grippe gelitten hatte und ihr einfach die Kraft fehlte, sich um einen Siebenjährigen zu kümmern, erbot sich Lilly, ihren Neffen für den Sommer zu sich zu nehmen.

Doch schon nach einem Tag kamen ihr erste Zweifel. Wayne befand sich noch bis Ende nächster Woche auf Geschäftsreise, ihr fehlte die eigene Erfahrung mit Kindern und der Junge litt sichtlich an heftigem Heimweh. Er vermisste seine Großeltern, die Farm, seinen Hund Billy und wohl auch die Freiheit, die er dort genossen hatte.

„Möchtest du noch ein Glas Milch?“, fragte Lilly. Sie hatte mit ihrer Nachbarin darüber gesprochen – Elise hatte als Pflegemutter Erfahrung genug mit Kindern, doch nicht sehr viel Zeit, da sie selbst gerade ein neues Pflegekind aufgenommen hatte.

Der Junge – er bestand darauf HM genannt zu werden – der Himmel wusste, warum Emily das angefangen hatte und ihre Eltern da mitspielten, sah auf. Er schüttelte den Kopf. „Nein danke, Tante Lilly“, sagte er höflich. Er biss sich auf die Unterlippe, dann baumelte er ein wenig mehr mit den Beinen. „Warum schmeckt die Milch hier anders als auf der Farm?“, fragte er.

„Das hat damit zu tun, dass die Milch zuerst in einer Molkerei – das ist eine Art Fabrik für Milch – gekocht wird, damit sie nicht so schnell verdirbt. Du bist gewohnt, die Milch roh zu trinken.“

Der Junge nickte. „Ich mag die Milch von Bessie am liebsten“, sagte er leise. „Ich kann sie ganz alleine melken, weil sie mich mag. Grandpa sagt, das kommt davon, weil Mami Bessies Mama dabei geholfen hat, sie zu bekommen.“

Lilly presste eine Hand auf den Mund, als ihr die Tränen in die Augen stiegen. Es war sicherlich nicht die gleiche Kuh, oder? Sie würde doch nicht immer noch Milch geben… Vielleicht hatten ihre Eltern sie aus Nostalgie behalten und sie durfte ihr Gnadenbrot auf der Farm fressen… „Das ist schon möglich, mein Schatz“, sagte sie und räusperte sich. „Warum gehst du dann nicht ein wenig in den Garten und spielst mit dem Baseball, den Onkel Wayne dir gekauft hat?“

Nach kurzem Zögern hüpfte er von seinem Stuhl, schob ihn ordentlich an den Tisch zurück und ging zur Küchentür, die in den Garten führte.

Lilly seufzte und stellte das leere Glas in die Spüle. Wie sehr sie doch ihre Schwester vermisste...


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HM betrachtete den Ball in seinen Händen. Er war neu. Makellos. Sauber. So ganz anders als die Bälle, die er Zuhause hatte. Die waren schmutzig, zerbeult von zahllosen Würfen gegen die Wand der Scheune, wenn er seinen Wurfarm übte und manche auch von Billy zerbissen. Er liebte es, auf den Bällen herum zu kauen, wenn HM nicht aufpasste.

Tante Lillys Garten war sehr langweilig im Vergleich zu dem von Grandma. Es gab keine Gemüsebeete, nur ein paar Blumen und Sträucher. Der Rest war von Gras bedeckt, aber anderem Gras, als das welches die Kühe aßen. Es war viel feiner und weicher und kitzelte seine Handfläche als er darüber strich.

Er verstand nicht, warum er den Sommer hier verbringen musste. Tante Lilly sagte, weil Grandma so schlimm krank gewesen war. Aber gerade dann sollte er doch auf der Farm bleiben und ihr helfen. Er konnte die Eier einsammeln und die Hühner füttern und sogar Geschirr spülen, wenn er auf den Hocker kletterte, den Grandpa für ihn gebastelt hatte, als er noch viel kleiner gewesen war. Sogar zum Einkaufen schickte in Grandma manchmal alleine. Und wer spielte mit Billy?

Hier war alles so eng und fremd. Überall waren Zäune und Häuser und Straßen. Es gab kaum Bäume, auf die man klettern konnte, um in einer Astgabel zu hängen und zu träumen. Keine weiten Felder, über die man so weit laufen konnte, bis die Beine weh taten.

Nur der blaue Himmel war noch der gleiche, vielleicht war er hier ein wenig heller als Zuhause. HM legte sich in das weiche Gras, schob seine Mütze in den Nacken und starrte nach oben. Irgendwo da war wohl sein Vater, in einem Flugzeug. Und seine Mami auch. Er kniff die Augen zusammen und versuchte etwas zu sehen, bis sie zu tränen begannen. Er setzte sich auf und rieb sich mit den Fäusten übers Gesicht.

Lustlos begann er den Ball gegen den Zaun zu werfen, doch die Bretter federten zu stark und der Ball kam nicht zu ihm zurück. Schließlich gab er es auf und warf ihn einfach nur in die Luft und fing ihn wieder auf.

Auch das wurde ihm rasch langweilig. HM musterte den Zaun. Es war ein grober Zaun mit Brettern voller Astlöchern. Eines davon befand sich auf Höhe seines Gesichts. Er schmiegte sich gegen den Zaun und sah auf das Nachbargrundstück.

Nur ein paar Schritte entfernt stand ein anderer Junge. Er musterte seinerseits den Zaun.

HM biss sich auf die Unterlippe. Der andere Junge hatte ganz helle Haare, die in der Sonne leuchteten und so blaue Augen, wie er noch nie bei jemandem gesehen hatte. Nur auf einem Bild in der Kirche.

Ohne nachzudenken sagte er das erste, das ihm in den Sinn kam. „Bist du ein Engel?“


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Alvin trat vorsichtig näher an den Zaun. Der hatte plötzlich ein Auge. Er streckte den Finger aus, um es zu berühren, doch bevor er es tat, verschwand das Auge und er konnte das Astloch erkennen. Neugierig stellte er sich auf die Zehenspitzen und sah durch es in den Nachbargarten.

Auf der anderen Seite stand ein Junge. Er trug eine Baseballmütze und hielt einen Ball in der Hand.

Er stellte sich ein wenig mehr auf die Zehenspitzen, so dass sein Mund das Astloch erreichte. „Ich bin Alvin. Ich bin bestimmt kein Engel. Das sagt Schwester Theodora immer.“

Der andere Junge kam näher. „Deine Schwester hat einen komischen Namen.“

„Das ist nicht meine Schwester. Sie ist mit Jesus verheiratet. Ich habe nur bei ihr gewohnt, bis ich hierher gekommen bin.“ Alvin ließ sich auf die Fersen zurückfallen. „Wo wohnst du?“

„Auf der Farm meiner Großeltern.“ HM war an der Reihe durch das Astloch zu sehen. Der andere Junge war ein bisschen kleiner als er. „Das Haus hier gehört meiner Tante. Ich verbringe die Sommerferien bei ihr.“

Mrs. Emory ist meine neue Pflegemutter.“ Alvin kickte den Zaun leicht.

„Was ist eine Pflegemutter?“, kam es nach einer Weile leise von der anderen Seite.

„Das ist jemand, der sich um einen kümmert, wenn man keine echte Mama mehr hat.“ Alvin dachte, dass der Junge nebenan wohl ziemlich dumm war, wenn er das nicht wusste.

„Ich habe keine echte Mama mehr.“ Die Worte waren so leise, dass Alvin sie kaum hörte. „Ich habe meine Grandma und meinen Grandpa. Und Billy.“

„Wer ist Billy?“, fragte Alvin neugierig.

„Mein Hund. Er schläft in meinem Zimmer und wir spielen immer zusammen.“ HM setzte sich ins Gras, mit dem Rücken zum Zaun. „Warum hast du eine Pflegemutter?“, fragt er dann.

„ich habe auch keine echte Mama mehr.“ Für Alvin war das einfach eine Tatsache. Im Waisenhaus hatte es nur Kinder gegeben, die keine Mamas und Papas hatten. Wieso sollte es ihn dann wundern, dass der Junge nebenan in der gleichen Situation war.

„Alvin?“, erklang Mrs. Emorys Stimme von der Terrasse aus. „Kommst du bitte ins Haus?“

„Sofort, Mrs. Emory“, rief Alvin zurück. „Ich muss gehen“, sagte er zu dem Jungen auf der anderen Seite des Zaunes. „Wie heißt du?“

„HM.“

„Das ist ein komischer Name“, erwiderte Alvin.

„Alvin ist ein komischer Name. Oder bist du ein Chipmunk?“ Leises Kichern folgte den Worten.

Alvin streckte dem Zaun die Zunge heraus, drehte sich auf dem Absatz um und eilte ins Haus. Er fragte sich, ob der andere Junge wieder da sein würde, wenn er das nächste Mal zum Spielen nach draußen ging.

HM spähte durch das Astloch, als keine Antwort von drüben kam, doch er sah nur noch den Rücken des Jungen, der auf ein Haus zuging, das größer und bunter als Tante Lillys aussah.

Dann hob er den Ball auf und ließ ihn übers Gras rollen. Es wäre schön, jemanden zum Spielen zu haben. Der Junge mit den blauen Augen würde zwar kein Ersatz für Billy sein, aber besser als alleine in Tante Lillys Garten zu sitzen.

Und er hatte etwas gesagt, dass HM nicht aus dem Kopf ging. „Ich habe auch keine echte Mama.“ Bisher war er noch keinem anderen Kind begegnet, dessen Mama nicht mehr bei ihm sein konnte.


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Die beiden Jungen musterten sich misstrauisch über den Tisch hinweg – wenn auch vereint in der Erniedrigung, wie Babys an einem Spieltisch essen zu müssen.

Sicherlich hatte Mrs. Emory es nur gut gemeint, den Spieltisch ins Wohnzimmer zu stellen und für sie zu decken, während sie sich mit Tante Lilly an den großen Tisch setzte, um Kaffee zu trinken.

Alvin fuhr mit dem Zeigefinger eine der Linien des in die Tischoberfläche geschnitzten Schachbrettmusters nach und schob den Teller mit Keksen ein wenig in Richtung des anderen Jungen. Man bot immer zuerst Gästen an, bevor man selbst etwas nahm, das hatten ihm die Schwestern beigebracht.

HM kaute auf seiner Unterlippe. Sollte er einfach einen der Kekse nehmen? Sie sahen so aus wie die, die Grandma machte. Rund und mit kleinen Schokoladenstückchen drin. Und er hatte Hunger. Statt ihm Mittagessen zu geben, hatte Tante Lilly ihn in die Badewanne gesteckt und danach waren sie direkt hierher gekommen. Oder sollte er warten, bis Alvin einen genommen hatte? Das war schließlich sein Haus.

Alvin nestelte an seinen Haaren herum. Mrs. Emory hatte ihn nach dem Frühstück ins Auto gesetzt und war mit ihm in die Stadt gefahren. Eine nette Lady in einer bunten Schürze hatte ihm die Haare geschnitten. Es hatte weniger geziept und gezerrt, als letzte Woche, als Schwester Louisa mit der größten Schere der Welt aufgetaucht war. Damit hätte sie glatt seinen ganzen Kopf abschneiden können! Der Kragen seines neuen Hemdes juckte.

„Habt ihr keinen Hunger? Greift zu, ich habe noch jede Menge Kekse in der Küche“, wandte sich Elise ermunternd an die beiden Jungen.

Alvin und HM griffen beide gleichzeitig so schnell nach den Keksen, dass ihre kleinen Hände über dem Teller kollidierten. Sie sahen sich erschrocken an, dann zog Alvin höflich die Hand zurück.

Elise beugte sich zu Lilly. „Vielleicht sollten wir sie ein wenig alleine lassen“, meinte sie leise. „Die meisten Kinder sind viel unbefangener, wenn wir sie nicht beobachten.“

Lilly nickte. Sie nahm die beiden Kaffeetassen und Elise die Kaffeekanne, und die beiden Frauen gingen in die Küche.

HM und Alvin sahen sich über die Milchgläser auf dem Tisch an.

Alvin schob den Teller noch näher zu dem anderen Jungen und brachte beinahe seine Milch zum Umkippen. „Die schmecken wirklich gut“, meinte er.

Zögernd nahm HM einen der Kekse und biss vorsichtig hinein. Er verzog das Gesicht.

„Nicht gut?“ Alvin breitete die Serviette aus, die Mrs. Emory bereit gelegt hatte. Die Schwestern hatten auch immer sehr auf gute Tischmanieren geachtet.

„Mein Zahn tut weh“, flüsterte HM, als vertraue er ihm ein Geheimnis an. „Er wackelt. Tante Lilly sagt, er wird bald ausfallen. Es ist ein Milchzahn.“

„Echt?“ Alvin wusste, was das bedeutete. Der Zahn würde ausfallen und dann kam die Zahnfee und holte ihn ab. Sie hinterließ ein kleines Geschenk unter dem Kissen, wenn man den Zahn vor dem Schlafengehen drunter steckte. Das hatte ihm eines der älteren Kinder im Waisenhaus erzählt. Barry hatte schon zwei Zähne verloren. Einen davon hatte er sogar verschluckt! Ein Geschenk hatte er aber unter seinem Kissen nicht gefunden. „Darf ich mal sehen?“ Die Schwestern wurden böse, wenn man nach der Zahnfee fragte und sagten, das wäre ein albernes Märchen.

HM öffnete den Mund und drückte mit der Zunge gegen einen Zahn unten in der Mitte.

Alvin konnte sehen, wie er wackelte. „Krass“, urteilte er.

Der Junge mit den braunen Augen grinste stolz und biss in seinen Keks, darauf achtend, auf der anderen Seite zu kauen.

Im Handumdrehen waren die Kekse alle verschwunden.

Alvin wischte Krümel von seinem Hemd. „Willst du mit mir im Garten spielen?“, fragte er. „Mrs. Emory hat sicher nichts dagegen.“

„Tante Lilly bestimmt auch nicht.“ HM wischte sich den Mund mit dem Ärmel seines T-Shirts ab, nachdem er seine Milch ausgetrunken hatte. „Können wir Cowboy und Indianer spielen? Bevor ich zu Tante Lilly gekommen bin, hat mich Grandpa mit ins Kino genommen und wir haben einen Film gesehen. Ich weiß ganz genau wie das geht.“

„Kann ich ein Cowboy sein?“, fragte Alvin.

„Okay, gut.“ HM setzte seine Mütze auf. Tante Lilly hatte darauf bestanden, dass er sie im Haus abnahm.

Kurze Zeit später hallte lautes Indianergeheul durch den Garten.

Die beiden Frauen unterbrachen ihr Gespräch, um aus dem Fenster zu sehen.

HM führte einen enthusiastischen Siegestanz auf, während Alvin hinter einem Blumentopf – der wohl ein Gebüsch darstellen sollte – lauerte, einen unsichtbaren Revolver im Anschlag.

Das Eis zwischen den beiden Jungen schien gebrochen und die beiden Frauen wandten sich beruhigt wieder ihrem Gespräch zu.


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Von da an verbrachten die beiden Jungen jede freie Minute zusammen. Sie eroberten versunkene Städte und entdeckten unglaubliche Schätze. Durchquerten den wilden Amazonas-Dschungel – wo Alvin beinahe von einer Würgeschlange erwischt wurde und gingen in Indien auf Tigerjagd. Mrs Garretts Katze war nicht begeistert davon, sich in einen Tiger zu verwandeln, als sie ohne jegliche Absicht in den Garten der Emorys wanderte und HM wurde von ihr böse gekratzt. Er musste sogar zum Arzt und bekam eine Spritze. Alvin bestaunte den Verband entsprechend.

Ihre Phantasie schien unerschöpflich, genauso wie die aufgeschlagenen Knie und verschrammten Ellbogen, die sie von ihren Abenteuerreisen mit nach Hause brachten.

HM brachte Alvin bei, wie man auf jeden Baum klettern konnte und Alvin verriet seine besten Tricks, wie man die Erwachsenen dazu brachte, besonders nett zu sein.

Seite an Seite bestiegen sie Berge, überquerten reißende Flüsse und kämpften sich durchs ewige Eis. Teilten all ihre Geheimnisse und ihren Kummer.

Und dann endete der Sommer und es war an der Zeit für HM, Tante Lilly zu verlassen und nach Hause zu seinen Großeltern zurück zu kehren.


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Alvin saß auf der Schaukel, lustlos mit den Beinen baumelnd. Von Zeit zu Zeit grub er eine Furche mit der Schuhspitze in den weichen Boden unter der Schaukel.

HM stand ein Stück von ihm entfernt, die Schultern hochgezogen, die Hände in den Taschen seiner Latzhose vergraben. Er bohrte mit der Ferse seiner abgetragenen Schuhe eine Kuhle in den Rasen.

Tante Lilly hatte seinen Koffer bereits gepackt und morgen früh würden sie zusammen mit dem Zug nach Hause fahren. Sie hatte ihm erlaubt, vor dem zu Bett gehen Alvin ein letztes Mal zu besuchen, um sich zu verabschieden.

Mrs. Emory hatte ihn gefragt, ob er sich freue, nach Hause zu gehen, als sie ihn herein ließ.

Natürlich freute er sich. Er konnte es kaum erwarten, Grandma, Grandpa und Billy wieder zu sehen. Aber er würde Alvin vermissen. Die Farm seiner Großeltern lag etwas entfernt vom nächsten Ort, es gab dort keine anderen Kinder in der Nähe, mit denen er spielen konnte. Er hatte das Gefühl, mehr als einen Spielkameraden zu verlieren.

Alvin verstand ihn, sogar besser als Grandma. Er hatte ihm von seiner Mama erzählt, als sie in Mrs. Emorys Garten im Zelt übernachten durften. Wie sehr er sie vermisste. Und Alvin hatte eingestanden, ihn darum zu beneiden. Er konnte sich nicht einmal mehr an das Gesicht seiner Mutter erinnern.

Und Alvin hatte ihn auch nicht ausgelacht, als HM mitten in der Nacht aufwachte und sich im Dunkeln zu fürchten begann. Alvin hatte einfach die Taschenlampe eingeschaltet, die er mitgebracht hatte, sie dann zwischen sie gelegt und seine Hand gehalten, bis er wieder einschlafen konnte.

Dafür nahm HM die Schuld auf sich, als ein Blumentopf kaputt ging, weil Alvin ihn übersah. Nicht, dass Mrs. Emory böse gewesen wäre. Sie lachte nur und meinte, der Topf wäre ohnehin schon alt gewesen. HM half ihr, die Erde auf zu fegen und die Scherben auf zu sammeln.

Er zog erneut die Nase hoch und Alvin sah ihn an.

Man gewöhnte sich in einem Waisenhaus daran, dass Freundschaften endeten. Das wusste Alvin. Manche Kinder wurden von Verwandten aufgenommen oder sogar von neuen Familien adoptiert. Sie gingen dann einfach eines Tages weg und kamen nicht zurück. Es gab auch Kinder, die weg liefen. Manche kamen zurück, andere blieben verschwunden. Barry wollte einmal weg laufen, aber die Nonnen erwischten ihn und er durfte nicht auf den nächsten Ausflug ans Meer mit.

Aber er würde HM vermissen. Nicht nur, weil der ihn bestimmen ließ, was sie spielten. Oder weil er immer der Anführer sein durfte, obwohl HM der Größere von ihnen beiden war. Sondern weil es mit HM nie leise und leer war. Weil er ihn besser verstand, als irgendeiner der Erwachsenen.

„Ich habe ein Geschenk für dich.“ HM grub in seinen Hosentaschen und hielt ihm schließlich die Hand hin. Auf seiner leicht schmutzigen Handfläche glitzerte eine Glasmurmel. Sie war größer als eine normale Murmel und mit blauen, braunen und goldenen Einschlüssen durchzogen. HM hatte sie, seit er denken konnte.

Alvin hüpfte von der Schaukel und trat zu ihm. „Echt?“, fragte er.

HM nickte und hielt ihm weiter die Hand hin.

Vorsichtig nahm Alvin die Murmel und hielt sie hoch. Das Sonnenlicht ließ die Farben aufleuchten. „Wow. Danke.“

„Tante Lilly hat gesagt, ich kann dir schreiben. Wenn ich besser schreiben gelernt habe.“ Er schob die Hand wieder in die Hosentasche.

„Du schreibst jetzt viel besser. Wir haben so viel geübt“, erinnerte ihn Alvin. Er schloss die Finger fest um die Murmel. „Warte einen Moment hier.“ Er wandte sich ab und lief ins Haus, bevor HM etwas sagen konnte. Gleich darauf war er wieder zurück und hielt dem anderen Jungen seine Taschenlampe hin. „Falls du wieder einmal Angst im Dunkeln hast.“

HM lächelte scheu und zeigte dabei seine Zahnlücke. „Danke“, flüsterte er und knipste die Taschenlampe einmal an und wieder aus.

„Alvin? HM?“ Mrs. Emory erschien auf der Terrasse. „Ich weiß, dass HM morgen nach Hause fährt, aber es ist wirklich Zeit zum Schlafengehen. Ich bin sicher, deine Tante wartet auch schon auf dich“, wandte sie sich an den anderen Jungen.

„Natürlich, Mrs. Emory“, murmelte HM und sah auf den Boden.

„Nur noch fünf Minuten. Bitte“, bettelte Alvin.

„Na gut.“ Elise tat es ja selbst leid, die beiden zu trennen, aber es ging nicht anders. „Auf Wiedersehen, HM. Gute Reise.“ Sie legte dem Jungen kurz die Hand auf die Schulter und ging dann zurück ins Haus.

„Vielleicht kommst du ja deine Tante wieder besuchen. Nächstes Jahr“, versuchte Alvin ihn zu trösten.

HM schien nicht überzeugt. Er nickte und kickte ein Grasbüschel.

„Vielleicht...“, begann Alvin, doch er brach ab, als der andere Junge ihn umarmte und wortlos weg lief.

Alvin rollte die Murmel in seiner Handfläche hin und her, bevor er ebenfalls ins Haus ging, wo Mrs. Emory und die Badewanne auf ihn warteten.


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Ein paar Wochen vergingen, dann landete tatsächlich ein Brief für Alvin im Briefkasten der Emorys.

Doch zu diesem Zeitpunkt war Alvin bereits ins Waisenhaus zurück gekehrt, weil Mrs. Emorys Mann einen Unfall hatte und sie musste die Pflegschaft aufgeben, um sich um ihn zu kümmern.

Manchmal dachte Alvin noch an den Jungen mit den braunen Augen, wenn er die Murmel aus der Schachtel mit seinen Schätzen nahm und ansah, aber das geschah seltener und seltener, als er sich wieder an das Leben im Waisenhaus gewöhnte.

Ein paar Wochen lang lief HM zum Briefkasten, um zu sehen, ob Alvin geantwortet hatte, doch schließlich gab er es auf.

Auf den Sommer folgte der Herbst und er gewöhnte sich wieder daran, allein mit Billy über die Felder zu streifen und Entdecker zu spielen, wenn er nicht auf der Farm gebraucht wurde. Ab und zu spielte er mit anderen Kindern auf dem Schulhof, doch es war nicht das gleiche.

Und wenn er die Taschenlampe anknipste – unter der Bettdecke, damit seine Großeltern nicht merkten, dass er immer noch manchmal wie ein Baby Angst im Dunkeln hatte – dann dachte er an den furchtlosen Jungen mit den blauen Augen und die Angst lockerte ihren Klammergriff um ihn.







Viele Jahre später, in Vietnam.


Templeton Peck wischte eine Fluse von seinem Uniformoberteil und strich sich prüfend über die Haare. Sie waren ein wenig länger als die Vorschriften erlaubten, aber Colonel Smith duldete es stillschweigend (so lange Peck dafür sorgte, dass ihm die Zigarren nicht ausgingen) – und die Ladies liebten es.

Der Colonel hatte ihn los geschickt, um ihren neuen Piloten aufzusammeln, der sie künftig bei allen Einsätzen fliegen sollte. Colonel Smith – Hannibal genannt – fand, dass zu ihrer Kommandoeinheit ein fester Pilot gehören sollte, jemand den er nach seinen Vorstellungen formen konnte, nicht jemand, der gerade verfügbar war.

Offenbar hatte er einen Problemfall aufgetrieben – das war Hannibals Spezialität – einen Piloten, den die einen für verrückt zu halten schienen, weil er die Angewohnheit hatte, im Cockpit lauthals italienische Opern zu singen und schon mal beim Start eine Art Wolfsheulen ausstieß. Und mit dem andere sich komplett zu fliegen weigerten, weil er für spektakuläre Flugmanöver bekannt war. Genauso wie für womöglich noch spektakulärere Abstürze, bei denen er es jedoch bisher auf wundersame Weise geschafft hatte, dass alle seine Passagiere überlebten. Zumindest die, die noch lebendig gewesen waren.

Ray hatte diese Gerüchte aufgeschnappt und ihnen auch erzählt, dass man ihn deshalb nur „Howling Mad“ nannte. Oh, er würde sich großartig in ihre kleine Bande von Außenseitern einfügen. Vielleicht sollte er Wetten darauf abschließen, wie lange es dauerte, bis BA versuchte, ihn ungespitzt in den Boden zu rammen. Der grimmige Sergeant hatte ohnehin keine große Meinung von Piloten und dieser versprach ihm besonders auf die Nerven zu gehen.

Eigentlich handelte es sich um eine Aufgabe, die weit unter seiner Würde war, aber Peck hatte einen Kontakt in der Nähe, so ersparte er sich eine Ausrede zu finden, um das Camp zu verlassen.

Er lehnte sich gegen den Jeep und kontrollierte den Sitz seiner Frisur im Außenspiegel, als er hinter sich eine Stimme hörte.

„Bist du ein Engel?“

Vier Worte, die ihn schlagartig in eine andere Zeit katapultierten. Der blonde Lieutenant erstarrte einen Moment, dann richtete er sich auf und drehte sich um.

Vor ihm stand ein großgewachsener, schlaksiger Mann in einer Pilotenjacke, eine Baseballmütze auf dem Kopf, weit in den Nacken geschoben. Neben ihm auf dem Boden lag eine Art Seesack im Staub, offenbar sein ganzes Gepäck. Pecks Blick wanderte von den abgestoßenen Chucks langsam nach oben, blieb an dem breiten Grinsen und den großen, braunen Augen hängen. „HM Murdock“, meinte er langsam.

Und fand sich einen Moment später in einer enthusiastischen Umarmung wieder, die ihm die Luft aus den Lungen presste.

„Ich war nicht sicher, ob du mich erkennen würdest.“ Nachdem er ihn losgelassen hatte, steckte der Pilot die Hände in die Taschen seiner Jacke und scharrte verlegen mit den Füßen im Staub.

„Wenn du das mit dem Engel nicht gesagt hättest, wäre ich vermutlich nicht so schnell darauf gekommen.“ Peck musterte ihn. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns noch einmal wiedersehen.“

Murdock hob die Schultern. „Du hast dich nicht wirklich verändert“, erwiderte er. „Du siehst immer noch aus wie eine Weihnachtskarte.“ Der Pilot grinste. „Man hat mir gesagt, dass ein Lieutenant Peck mich abholt, nicht Alvin „ChipmunkBrennar.“

Peck lachte. „Wenn du diesen Namen noch einmal erwähnst, dann muss ich dich in einem Sumpf verschwinden lassen, verstanden? Ich heiße jetzt ganz offiziell Templeton Peck.“

Templeton?“, wiederholte Murdock. „Ist das dein Ernst? Hey, das ist ja noch schlimmer als Alvin!“

Peck gab ihm einen Klaps auf die Schulter. „Und das von einem Mann, den alle nur Howling Mad nennen.“

Der Pilot sah weg. „So schön es ist, hier von alten Zeiten zu plaudern, Muchacho“, wechselte er das Thema – offenbar war es ihm unangenehm, darauf angesprochen zu werden. „Ich soll mich bei einem Colonel Smith melden. Kennst du ihn?“

„Ja, natürlich. Ich gehöre zu seiner Einheit. Du jetzt übrigens auch, HM. Du kannst mir auf der Fahrt ins Camp erzählen, wie es dir in der Zwischenzeit ergangen ist.“ Peck wartete, bis der andere Mann sein Gepäck aufgesammelt und im Jeep verstaut hatte. „Hey, in unserer Baracke ist das Bett neben meinem frei, dort kannst du schlafen. Hannibal will uns alle in einem Raum haben, damit er uns im Auge behalten kann.“

„Hannibal?“, fragte der Pilot, als er auf dem Beifahrersitz Platz nahm.

„So nennen wir Colonel Smith. Nach Hannibal… dem General mit den Elefanten?“ Peck startete den Motor. „Fast alle haben einen Spitznamen in unserer Einheit.“

„Ach ja?“ Murdock schob seine Mütze zurück. „Wie ist deiner?“

„Ich habe noch keinen.“ Peck warf ihm einen warnenden Blick zu. „Komm ja nicht auf irgendwelche Ideen und fang an, mich Chipmunk zu nennen, okay? So etwas bleibt ganz leicht an einem hängen.“

„Du siehst nicht aus wie ein Chipmunk“, beschied Murdock. Er grinste. „Nicht mit deinem Babyface. Hey! Babyface… Nein, Face. Das wäre ein guter Spitzname für dich.“

Peck runzelte die Stirn. Face? Was für eine Art Spitzname sollte das sein? Er sah wieder zu dem Mann, der neben ihm saß und spürte, wie die alte Vertrautheit zurückkam. Einen Sommer lang waren sie wie Brüder gewesen. Und er hatte das Gefühl, dass er hier einen Bruder brauchen konnte. „Ich weiß nicht.“

Murdock hielt sich fest, als der Jeep durch ein Schlagloch hoppelte. „Wie du meinst“, entgegnete er und zwinkerte ihm zu. „Face.“

Ende