Sternenträume

T’Len

 

Geschrieben: September 2002

Für den Weltbild-Autorenwettbewerb

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war einmal ein kleiner Stern, irgendwo in den Tiefen des Weltalls, geboren vor Äonen, um Licht und Wärme hinaus zu senden in die kalte, leere Schwärze seiner Umgebung.

 

Es gab andere seiner Art, doch sie waren weit entfernt. Auch wenn er ihnen Blinksignale sendete und sie antworteten, dauerte es doch fast Ewigkeiten, bis diese Antworten eintrafen. Manchmal kreuzten kleine Steinbrocken, aus den Urzeiten des Universums stammend, seinen Weg. Doch sie waren so kalt und leblos. Wenn er versuchte, sie mit seine Wärme zu erreichen, zerbarsten sie oder sie setzten ihren Weg unbeeindruckt seines Flehens, sie mögen doch bleiben, einfach unbeirrt fort. 

 

Und so fühlte er sich einsam und allein, träumte immer öfters von Gesellschaft. Zuerst waren es nur vage Träume, doch immer mehr glaubte er in ihnen eine Vision zu erkennen – von Wesen, die seine Kinder waren, denen er Wärme und Licht spenden würde. Er hatte so viel zu geben, der kleine, einsame Stern. Wenn nur jemand dies würde empfangen wollen...

 

Er wusste nicht, wie lange er diesen Traum geträumt hatte. Zeit spielte kaum eine Rolle in seinem scheinbar unendlich dauernden, eintönigem Leben. Mitunter sah er in weiter Ferne einen alten Stern sterben – mancher explodierte in einem großen Feuerball, andere verschwanden in ewiger Dunkelheit. Aber alles in allem, änderte sich nicht viel.

 

Bis er eines Tages eine Stimme hörte. „Wenn du bereit bist, einen Teil von dir zu geben, dann wird dein Wunsch in Erfüllung gehen.“

 

Er sah sich überrascht – und auch ein bisschen erschrocken, denn noch nie hatte jemand außer mit Blinksignalen zu ihm gesprochen – um, doch seine Umgebung hatte sich auch nicht die kleinste Spur verändert.

 

„Wer bist du? Wo bist du?“, fragte der kleine Stern überrascht.

 

„Ich bin überall und nirgends“, antwortete ihm die fremde Stimme. Sie klang freundlich, fand er – und sehr alt. „Ich bin der Anfang und das Ende. Ich war immer und werde immer sein. Ich bin die Urkraft des Universums. Von mir ging alles aus, in mir wird alles enden.“

 

Der kleine Stern war sich nicht sicher, ob er sie richtig verstand, aber das war ihm auch nicht weiter wichtig. Die Stimme hatte ihm die Erfüllung seines Traumes verhießen, nur das zählte und so fragte er: „Du kannst mir meinen Wunsch nach Gesellschaft erfüllen?“

„Nein“, antwortete die Stimme. „Das kannst nur du selbst. Wenn du bereit bist zu geben, dann wird auch dir gegeben werden.“ Und sie erklärte ihm, wie er einen Teil von sich verwenden konnte, um Leben aus der Leblosigkeit zu erschaffen.

 

Obwohl er der Stimme glaubte und sich nichts mehr ersehnte als Gesellschaft, zögerte er noch eine Weile. Immerhin sollte er sich einen Teil von sich selbst aus dem Leib reißen. Doch dann nahm er allen Mut zusammen und schleuderte etwas von seiner Masse hinaus ins kalte All, nicht weit genug, das es seinem Einflussbereich entfliehen konnte.

 

Nachdem er dies neunmal getan hatte, fühlte er sich erschöpft. Mit Erstaunen sah der kleine Stern, wie sich seine Massebrocken zu Kugeln verdichteten, die sich auf Ellipsenbahnen um ihn zu bewegen begannen. Leider, so musste er feststellen, hatte er seine Kraft mitunter falsch

eingeschätzt. Die zwei innersten Kugeln waren zu nah an ihm, blieben heiß und unwirtlich, während er den entferntesten kaum noch Wärme spenden konnte. Einige waren ihm zu groß

geraten, sie behielten ihre gasförmige Konsistenz.

 

Doch mit der dritten Kugel hatte er Glück. Es dauerte lang, aber dann sah er, wie ihre Kruste zu erkalten begann. Noch war ihr Kern heiß und spukte Feuer auf die unruhige Oberfläche, doch schon begann sich eine Atmosphäre zu bilden.

 

Jahrtausende vergingen in seiner Vorfreude wie Sekunden, Jahrmillionen wie Minuten. Er sah Ozeane entstehen und erste Landmassen. Und dann – endlich – regte sich Leben auf der mittlerweile blauen Kugel unter den weißen Wolken. Zart zuerst und zerbrechlich, doch es wurde größer und stärker, kroch aus den Ozeanen und besiedelte das Land.

 

Er sah pflanzliches Leben entstehen, gefolgt von tierischem. Der kleine Stern war glücklich. Endlich war er nicht mehr allein. Er sandte seine Wärme und sein Licht, um alles auf

zu umarmen, um es wachsen und gedeihen zu lassen.

 

Schließlich erhoben sich riesige Schachtelhalmwälder aus dem Boden, mächtige Saurier wandelten unter ihnen und verschwanden wieder. Langsam, aber stetig veränderte sich

die Welt. Und dann gab es eine weitere Veränderung, welche den kleinen Stern mit Stolz und Freude erfüllte.

 

Es hatte sich eine neue Spezies an Lebewesen entwickelt; eine, die lernte aufrecht zu gehen, ihre Hände zu benutzen und schließlich zu sprechen. Im Laufe der folgenden Jahrtausende sah der kleine Stern Weltreiche entstehen und untergehen. Manche seiner Kinder – er betrachtete die Lebewesen als solche – beteten ihn an, andere fürchteten sich vor seiner Macht, wieder andere nahmen ihn gleichgültig als gegeben hin. Endlich war er nicht mehr allein, hatte er eine Aufgabe, wurde gebraucht.

 

Irgendwann richteten die Ersten ihre Geräte auf ihn und begannen ihn, zu erforschen. Zaghaft zunächst, doch mit wachsendem Interesse. Und er war stolz auf seine Geschöpfe, auf ihre Neugier, auf ihren scheinbar unstillbaren Wissensdrang.

 

Manchmal jedoch wandelte sich dieser Stolz in Ärger. Wenn er sah, wie sie sein Geschenk – seine ehemalige Masse, die ihre Welt geformt hatte – misshandelten, wie sie ihre Rohstoffe ausbeuteten, ihre Atmosphäre vergifteten, Löcher schufen, durch die seine Strahlen, die doch Leben spenden sollten, zur tödlichen Bedrohung wurden, wollte er weinen. Wussten sie sein Geschenk wirklich so wenig zu schätzen?, fragte er sich. Oder nahmen sie etwa an, er würde es ihnen erneut machen können, wäre diese Welt einmal zerstört?

 

Aber er sah auch Hoffnung – in denjenigen, die mahnend ihre Stimme erhoben. Und da gab es andere, die Geräte bauten, mit denen sie in das Weltall vorstießen, seine anderen Kugeln

erforschten und auch ihn selbst.

 

Es begann sich ein neuer Traum in dem kleinen Stern zu regen, ein Traum von seinen Kindern, die zu den anderen seiner Art reisen würden, um ihre und seine Grüße zu

überbringen.

 

So blinkte der kleine Stern hinaus zu seinen Brüdern und Schwestern im tiefen All: „Wir kommen.“

 

Und plötzlich war es gar nicht mehr so kalt und einsam.

 

                                   -Ende-