Passion in Paradise
T’Len
Beendet: 27.10.1998
For my favourite
actor
-1-
"He
Babe, wie geht es!", lächelnd schob sich der dunkle Wuschelkopf vor ihr
Gesicht.
"Du
sollst nicht immer Babe zu mir sagen, Tommy!", verärgert hob sie den Kopf,
funkelte ihn an.
"Na
welche Laus ist dir denn heute wieder über die Leber gelaufen, B?", Thomas
Lauenschmidt wurde ernst, als er sich auf die Kante des Schreibtisches schwang.
Mit seinen Jeans und dem legeren Hemd sah er wie immer sehr sportlich aus. Er
war 1,80 groß, schlank, mit dunklen Locken und braunen Augen, 30 Jahre alt und
alles in allem sehr attraktiv. Es gab wohl keine Dame in der Redaktion, von der
18-jährigen, blutjungen neuen Volontärin bis zu Frau Meier, der ältlichen
Sekretärin des Chefs, die schon seit Urzeiten im Erfurter Verlagshaus Müller
& Lauenschmidt arbeitete, die nicht mehr oder minder heimlich in ihn
verliebt war. Kein Wunder, dass er in dem Ruf stand, ein Frauenheld zu sein,
obwohl er nur selten privat in weiblicher Begleitung gesehen wurde. Seine
Arbeit war ihm wichtiger als sein Privatleben. Was auch kein Wunder war, war er
doch der Sohn des Teilhabers und stellvertretenden Chefredakteurs des
"Bunten Wochenblattes" Hans Lauenschmidt, würde irgendwann die Hälfte
des Verlages erben. Das verpflichtete natürlich, zumal er trotz seines
jugendlichen Alters und erst weniger Jahre Erfahrung im Journalismus schon die
Kultur- und Adelsredaktion der Zeitschrift leitete. Aus unergründlichen Augen
musterte er B nachdenklich.
B,
englisch ausgesprochen wie Bi, das war der Spitzname von Birgit Markert, der
jungen Redaktionsmitarbeiterin. Sie war ein nettes, junges Mädchen, 1,68 groß,
schlank, mit einem dunklen Pferdeschwanz, grün-grauen Augen, 26 Jahre jung,
stets sportlich gekleidet, mit Hosen - Röcke und Kleider trug sie aus Prinzip
nie - und einer Vorliebe für T-Shirts mit Hawaii-Motiven. Sie war ruhig,
ernsthaft, zurückhaltend und etwas schüchtern, weckte so immer wieder seinen
Beschützerinstinkt. Aber sie war auch eine fleißige und talentierte Journalistin,
vielleicht sogar die Beste im ganzen Redaktions-Team. Und genau das war ihr
Problem.
Er
ahnte, was jetzt kommen würde. "Ich habe es so satt.", zornig warf
Birgit ihren Kopf zurück. "So satt."
"Was
ist passiert?"
Sie
deutete auf den Stapel Post neben dem Computer auf ihrem Schreibtisch.
"Tante Klara gibt Rat.", lachte sie zynisch. "Ich habe doch
nicht mein Abitur mit Auszeichnung, mit lauter Einsen und nur einer zwei in
Musik, gemacht und dann fünf Jahre Journalistik studiert, um jetzt frustrierten
alten Schachteln, bei denen es im Bett nicht mehr klappt, Sextipps zu geben.
Die Ratgeberseite ist doch nun wirklich der letzte Husten in einer Redaktion.
Das ist nicht gerade das, was ich mir unter meiner Karriere vorgestellt hatte.
Ich will recherchieren, Leute interviewen, ordentliche Storys schreiben, keine
Haushalts- und Sextips. Das könnte ja auch meine Oma. Und Gaby, diese
aufgedonnerte Schnepfe, fährt schon wieder nach Berlin zur Berlinale, trifft
die ganzen Stars und kriegt die Titelseite. Die war zu blöd, eine ordentliche
Ausbildung zu machen, aber ein großer Busen und lange Beine in einem Minirock
reichen ja aus, um bei den Chefs die Hormone in Wallung zu bringen. Wer weiß,
mit wem die alles gepennt hat, um ihren Job zu kriegen."
"Mach's
doch genauso! Entschuldigung!", er biss sich auf die Zunge. "Das
wollte ich nicht sagen. Ich weiß, das ist nicht dein Stil und das ist gut so,
aber wenn du auf Gaby sauer bist, übrigens zu Recht, wie ich finde, musst du es
auf mich auch sein. Denkst du, ich hätte den Posten ohne meinen Vater
bekommen?"
"Nein,
aber du hast echt was drauf und bist ein guter Journalist mit einer
ordentlichen Ausbildung. Außerdem wirst du eines Tages die Hälfte des Verlages
erben, also ist es nur normal, dass du schon vorher hier arbeitest. Das ist
doch etwas ganz anderes als bei Gaby.", erwiderte sie.
"Kopf
hoch, es wird schon besser werden. Irgendwann bekommst du deine Chance und dann
müssen alle einsehen, was du auf dem Kasten hast." Und vielleicht kann ich
ja etwas nachhelfen, dachte er. Ich muss mal wieder mit Dad reden. Er sprang
von der Schreibtischkante und klopfte Birgit aufmunternd auf die rechte
Schulter. "See you later, Alligator".
-2-
Ihre
Chance kam schneller, als sie gedacht hatte. Schon am nächsten Morgen wurde sie
ins Büro des Chefs gerufen. Mit zitternden Knien stand sie vor Klaus-Jürgen
Müller, Herausgeber und Chefredakteur des "Bunten Wochenblattes" -
eine Zeitschrift für die Frau von Heute, mit allem, was sie interessiert:
Prominente, Mode, Haushalt, Liebe, Reisen - so der Werbeslogan - für die sie
seit über einem Jahr arbeitete, die graue Eminenz des Hauses, von allen
Mitarbeitern respektvoll nur der Alte genannt. Was wird er wohl wollen, fragte
sie sich. Bleibe ruhig, dachte sie, schlimmer kann es nicht mehr kommen. Ein
schlechteres Ressort als "Tante Klara gibt Rat" gibt es nicht. Er
kann dich höchstens noch feuern.
Wieder
Erwarten lächelte der Alte freundlich: "Nehmen Sie doch Platz, Fräulein
Markert."
Sie
setzte sich in den großen Besuchersessel und ihre Hände wurden feucht. Der Alte
thronte gegenüber in seinem Sessel hinter seinem mächtigen Schreibtisch.
"Sie
arbeiten ja nun schon seit gut einem Jahr für uns und es gab nicht einmal Grund
zur Klage. Im Gegenteil, alle Mitarbeiter loben Ihre ausgezeichnete Arbeit,
Kollegialität und Hilfsbereitschaft. Sie springen immer ein, wo Not am Mann
ist. Thomas Lauenschmidt hat sich auch sehr für Sie verwendet. Ich hätte da
einen großen Spezialauftrag für Sie. Haben Sie Interesse?"
Einen
Spezialauftrag! Vielleicht war das endlich ihre Chance, auf die sie seit einem
Jahr wartete, immerhin wollte sie nicht ihr ganzes Leben lang nur Haushalts-
und Sextipps schreiben. Seit sie denken konnte, hatte sie nichts anderes werden
wollen als Journalistin. Geschrieben hatte sie schon immer gern und auf andere
Leute war sie neugierig. Sie wirkte zwar auf Außenstehende recht schüchtern,
konnte aber gut zuhören und andere Menschen befragen. Zielstrebig hatte sie
ihren Berufswunsch verfolgt. Schon während ihrer Schulzeit hatte sie für die
Lokalzeitung ihres Heimatkreises Arnstadt geschrieben. Nach dem Abitur machte
sie dort ein einjähriges Praktikum, um dann zu studieren. Damals stellte man
ihr in Aussicht, nach dem Studium wieder in der Redaktion zu arbeiten.
Aber
durch den Fall der Mauer vor fast sieben Jahren hatte sich die Situation auf
dem Arbeitsmarkt total verändert. Viele Journalisten aus dem Westen waren
herüber gekommen, hatten die Stellen besetzt. So blieben ihre Bewerbungen trotz
bester Zensuren erfolglos und sie war froh, wenigstens die Stelle beim
"Bunten Wochenblatt" bekommen zu haben, auch wenn der Klatschstil des
Blattes nicht gerade ihren Vorstellungen von seriösem Journalismus entsprach
und "Tante Klara" schon gar nicht. Vielleicht bekam sie jetzt endlich
die Chance, zu zeigen, dass sie weitaus mehr konnte.
"Aber
natürlich, Herr Müller. Worum geht es denn?", antwortete sie deshalb
sofort.
"Kennen
Sie den Schauspieler Robert Brockner?"
"Sie
meinen den Star aus "Das gebrochene Gelübde"? Natürlich."
"Er
hat in den letzten Wochen für SAT-TV einen Film über eine Sekte gedreht, mit
Titel "Die Todessekte". Dieser soll in einem Vierteljahr laufen. Wir
möchten dazu eine große Story über ihn im Blatt haben. Das ist immer gut für die
Verkaufszahlen und SAT-TV wird für die kostenlose Werbung auch dankbar sein.
Das können wir immer gebrauchen, eine Hand wäscht schließlich die andere. Wie
Sie vielleicht wissen, ist Robert Brockner nicht sehr mitteilsam gegenüber
Journalisten. Er gab auch während der Dreharbeiten keine Interviews. Wir haben
jetzt von jemanden aus der Filmcrew seine Privatadresse erfahren. Sie sollen
nach Hawaii fliegen, wo er lebt und dort Kontakt zu ihm aufnehmen. Liefern Sie
uns eine ordentliche Story! Wie Sie das anstellen, ist ihre Sache!
Selbstverständlich bezahlen wir die Reise und alle Spesen. Sie wissen ja, dass
man dem Herrn nachsagt, er stehe mehr auf Männer denn Frauen. Finden Sie
heraus, ob es stimmt, liefern Sie uns ein Foto mit seinem Lover oder ähnliches!
Hauptsache etwas Neues, was die Auflage steigert! Das ist Ihre Chance!"
"Ich
werde mein Bestes tun.", versprach sie. "Wann soll ich
fliegen?".
"Übermorgen.
Es ist alles gebucht. Meine Sekretärin gibt Ihnen die Unterlagen. Sie haben
doch einen gültigen Reisepass?" Sie nickte nur und wankte aufgeregt
hinaus.
-3-
Es
klingelte an der Tür ihrer kleinen Plattenbauwohnung im Erfurter Neubaugebiet.
Als sie öffnete, stand Tommy vor der Tür. "Was ist los, B? Ich bin so
schnell gekommen, wie ich konnte. Deine Nachricht auf dem Anrufbeantworter
klang sehr dringend."
"Komm
herein, ich muss dir etwas Tolles erzählen.", sie zog ihn an der Hand mit
sich.
Als
er das Chaos in dem Wohn- und Schlafzimmer ihrer kleinen Einraumwohnung sah, wo
der Inhalt des halben Kleiderschrankes auf Tisch, Sofa, Fußboden und den
Stühlen verteilt lag, lachte er. "Ist hier ein Orkan durch gefegt?"
"Ja,
beinahe. Ich weiß nicht, was ich einpacken soll. Was braucht man denn Anfang
September auf Hawaii? Ich nehme bestimmt viel zu viel mit. Und ich muss noch so
viel erledigen. Morgen abend fahre ich mit dem Zug nach Frankfurt. Freitag früh
geht das Flugzeug und ich muss unbedingt noch Filme für den Fotoapparat und die
Videokamera besorgen."
"Mach
mal halblang! Hawaii, was willst du auf Hawaii? Was ist denn überhaupt los,
Mensch?", verwirrt sah er sie an.
Ihre
Wangen glühten vor Aufregung. "Ich habe vom Alten einen Spezialauftrag
bekommen. Ich soll Robert Brockner suchen und eine Story schreiben.",
sprudelte es aus ihr heraus.
"Robert
Brockner, den Typ kenne ich doch irgendwie?", Tommy warf einen
bezeichnenden Blick an die Wand. Dort hing nämlich ein Poster des berühmten
Schauspielers, dass ihn in seiner Paraderolle zeigte, in der Rolle des
katholischen Priesters, der den Reizen eines hübschen Mädchens erliegt und sein
Gelübde der Keuschheit bricht. "Das gebrochene Gelübde" hatte ihm vor
14 Jahren großen internationalen Ruhm und viele Auszeichnungen eingebracht.
Kino- und TV-Produzenten rissen sich seitdem genauso um den Star, wie die Frauen
auf der ganzen Welt. Doch er zog ein zurückgezogenes Leben auf Hawaii dem
Glamour Hollywoods vor und ließ nur wenig über sein Privatleben verlauten,
seitdem blühten die Gerüchte.
"Ist
das nicht toll, ich kann meinen Schwarm kennen lernen und dann noch auf
Hawaii!"
"Nun
beruhige dich doch erst mal und erzähle der Reihe nach!" Tommy setzte sich
rücklings auf den einzigen freien Stuhl im Raum.
Birgit
schob ein paar Sachen beiseite und nahm auf ihrem roten Futonsofa, das in der
Nacht auch als Bett diente, Platz. "Heute morgen wurde ich zum Chef
gerufen. Ich hatte schon Angst, was nun kommen würde. Und dann bot er mir einen
Spezialauftrag an. Robert hat einen Film für SAT-TV gedreht und wenn er in
einem Vierteljahr läuft, will der Alte im Blatt eine große Story über ihn
haben. Da der Schauspieler als sehr zurückhaltend der Presse gegenüber gilt,
soll ich nach Hawaii und ihn dort aufspüren."
"So
klein ist aber Hawaii auch nicht, dass du ihn so ohne weiteres finden
könntest.", warf er besorgt ein.
"Ich
habe eine Adresse. Einer aus der Filmcrew hat geplaudert und sie verraten. Er
wohnt jetzt auf Kauai, außerhalb jeder Ortschaft am Meer. Das werde ich schon
finden und dann gehe ich nicht eher weg, als bis ich die Story habe. Das ist
meine Chance, Tommy! Wenn ich eine ordentliche Story abliefere, kriege ich in
Zukunft bestimmt weitere solche Aufträge und Tante Klara ist passé. Und ich
darf für umsonst zwei Wochen nach Hawaii! Du weißt doch, wie gern ich da schon
immer einmal hin wollte seit die Mauer fiel, nur konnte ich es mir nie leisten,
und von Robert träume ich schon so lange."
"Ich
weiß", Tommy nickte nachdenklich. Er wusste nur zu gut, von der
Schwärmerei und Sammelleidenschaft seiner Freundin für den bekannten
Schauspieler. Der Kerl sah ja auch sehr gut aus. 1,85 m groß, blaue Augen,
dunkelblonde Haare, war trotz seiner 61 Jahre noch top in Form. Der könnte mir
auch gefallen, dachte er. Er soll ja mehr auf Männer stehen. Trotzdem machte er
sich Sorgen um Birgit. Sie sollte sich lieber einen echten Freund suchen, als
dieser sinnlosen Schwärmerei für einen Star nachhängen, war seine Meinung. Sie
war ein klasse Mädchen, nur ging sie viel zu selten privat aus, um einmal unter
Leute zu kommen und jemanden kennen zu lernen. Er selbst war ihr leider da auch
keine große Hilfe, denn sein Privatleben fand quasi gar nicht statt. Er wusste,
dass einige Kollegen dachten, sie beide seien ein Paar.
Er
hatte Birgit seit ihrem ersten Tag in der Redaktion gemocht, als er sie durchs
Gebäude des Erfurter Verlagshauses Müller & Lauenschmidt führte, ihr alles
erklärte. Vor Schüchternheit hatte sie kaum ein Wort zu fragen gewagt. Trotzdem
oder gerade deshalb waren sie recht schnell Freunde geworden, aber mehr war da
nicht und würde auch nie sein. Ein paar Mal war er mit ihr privat ausgegangen.
Doch er hatte ihr keine falschen Hoffnungen auf eine eventuelle Liebesbeziehung
zwischen ihnen machen wollen und dies deshalb lieber wieder sein lassen. Er
mochte sie und sah in ihr seinen einzigen echten Freund, dem er vertrauen und alles
erzählen konnte. Deshalb wollte er sie gern vor Unheil beschützen.
"Du
bist dir aber bewusst, was für eine Art Story man von dir erwartet?",
warnte er sie deshalb.
"Sicher,
ich bin doch nicht blöd. Ich weiß auch, was für ein Klatschblatt wir sind. Es
ist nicht ganz die Form von Journalismus, die mir vorschwebt. Aber bei einer
seriösen Zeitung habe ich nach dem Studium ja keine Stelle bekommen und ich
brauche nun einmal das Geld. Ich kann meinen Eltern nicht ewig auf der Tasche
liegen. Sie haben schon genug für mich getan in den letzten 26 Jahren. Ich
werde aber fair sein und ihn informieren, was ich schreibe. Ich könnte ja nicht
mehr in den Spiegel schauen, wenn ich irgendeine Lügenstory erfinden würde. Das
ist nicht mein Stil. Ich werde ihn schon dazu bringen, mir etwas zu erzählen,
was interessant ist. So ein faszinierender Mann, muss doch genug Storys kennen.
Er war doch schon fast überall auf der Welt und von den ganzen Dreharbeiten
gibt es sicher auch viel zu berichten, da muss ich nicht mal in seinem
Privatleben rum schnüffeln. Und übrigens noch schönen Dank für deine Empfehlung
beim Alten, sonst hätte sicher wieder Gaby den Job abgefasst."
"Gern
geschehen, ich habe ihm nur die Wahrheit über deine Fähigkeiten gesagt."
Ob dies aber in diesem Fall so glücklich war, wagte er mittlerweile zu
bezweifeln. Hoffentlich geht das nicht schief, dachte er. Er ahnte, dass noch
einiges auf sie beide zukommen würde.
-4-
Aufgeregt
und neugierig musterte Birgit das bunte Treiben auf dem Frankfurter Flughafen.
Durch große Glasfenster konnte sie vom Abflugwarteraum hinunter in die riesige
Halle schauen, wo Menschen einander verabschiedeten oder willkommen hießen, wo
andere zum Gepäckschalter oder zur Zollkontrolle eilten. Babylonisches
Stimmgewirr drang bis zu ihr hinauf. Eine Welt für sich, ist das, dachte sie
und war froh, dem ganzen Trubel entkommen zu sein. Die letzten 48 Stunden hatte
sie wie im Rausch erlebt. Seit der Alte ihr den Spezialauftrag gegeben hatte,
hatte sie kaum eine Minute der Besinnung gefunden. Noch immer glaubte sie, das
alles nur zu träumen. Bevor sie am gestrigen Abend in den Zug nach
Frankfurt/Main geklettert war, hatte sie noch genügend Filme für den
Fotoapparat und die Videokamera besorgt und ihren Koffer mindestens viermal
aus- und wieder eingepackt, weil sie fürchtete, etwas vergessen zu haben. Von
ihren Eltern hatte sie sich natürlich auch noch verabschiedet. Diese hatten
ihr, wie auch Tommy, der sie zum Bahnhof gefahren hatte, gute Ratschläge und
die Ermahnung, gut auf sich aufzupassen mit auf den Weg gegeben. Sie versprach
dies zu tun, genauso, wie gleich nach ihrer Ankunft auf Hawaii ungeachtet des
Zeitunterschiedes von 12 Stunden anzurufen. In Frankfurt war dann für eine
Nacht ein Hotelzimmer für sie gebucht gewesen. Das Geld hätte sich der Verlag
allerdings sparen können, denn vor Aufregung machte sie kaum ein Auge zu,
blätterte statt dessen lieber im Hawaii-Reiseführer. Obwohl sie in den letzten
Jahren unzählige Videos über die Inseln gesehen und Bücher gelesen hatte,
wollte sie doch noch einmal auf Nummer sicher gehen, dass sie auch alles
wusste, speziell über ihr besonderes Reiseziel, die nördlichste, älteste und
kleinste der vier größeren und touristisch erschlossenen Hawaii-Inseln: die
Garteninsel Kauai. Kauai war ja schon immer meine Lieblingsinsel, dachte sie
erfreut, wie schön, dass Robert sich gerade dort niedergelassen hat. Wir haben
eben doch beide den gleichen Geschmack in dieser Hinsicht.
Sie
konnte gut verstehen, warum Robert nun von Oahu nach Kauai gezogen war. Dort war
schließlich die Natur noch am unberührtesten und der Touristenauflauf nicht so
groß, wie auf den anderen Inseln, was sicher auch dazu führte, dass er nicht
von so vielen Fans behelligt wurde, außerdem hatte er ja dort einen Teil der
Szenen für "Das gebrochene Gelübde" gedreht. Sie wusste genau wo und
wollte diese Orte unbedingt besichtigen. Das nahm sie sich fest vor.
Hoffentlich stimmt aber die Adresse von Robert auch, dachte sie, sonst sehe ich
alt aus. Wenn ich ihn nicht finde, kann ich meine Story vergessen und meine
Chance damit auch. Es würde dem Alten nicht gefallen, das ganze Geld für
umsonst ausgegeben zu haben. Als ein freundlicher Taxifahrer sie dann am
Freitagmorgen vor dem Flughafenhauptgebäude abgesetzt hatte, war sie
erschrocken. So groß hatte sie sich den Frankfurter Flughafen nun wirklich
nicht vorgestellt. Sie fragte sich, ob sie da wohl auch die richtigen Schalter
finden würde. Aber zum Glück ging alles glatt und sie konnte samt Gepäck zum
Flug nach Hawaii via Los Angeles einchecken. Im Warteraum hatte sie dann erst
einmal neugierig aufs Rollfeld gespäht, wo fast minütlich einer der großen Jets
startete oder landete. Etwas mulmig war ihr nun doch zumute, war sie doch noch
nie in ihrem Leben geflogen. Dank der Großzügigkeit ihres Arbeitgebers konnte
sie sogar erster Klasse reisen, was ihr schon hier im Abfertigungsgebäude eine
kleine Sonderbehandlung einbrachte. Immerhin waren die VIP-Passagiere in einem
gesonderten Warteraum, wo kühle Getränke und kleine Erfrischungen bereit
standen, geführt wurden und mussten nicht zusammen mit dem Großteil der
Reisenden, welche nur Economyclass gebucht hatten, warten.
Erschrocken
fuhr sie herum, als eine Stewardess sie freundlich von hinten antippte.
"Würden Sie bitte ihre Bordkarte bereithalten und sich zum Ausgang
begeben. Die Passagiere erster Klasse können jetzt gleich einsteigen." Sie
tat, wie ihr geheißen und ging Richtung Ausgang. Das große Abenteuer konnte nun
beginnen.
-5-
Freundlich
wies ihr eine Stewardess im Flugzeug die Richtung zu ihrem Platz. Mit
Enttäuschung stellte Birgit fest, dass sie am Gang und nicht am Fenster sitzen
konnte. Dort hatte sich schon ein anderer Passagier niedergelassen. Der bärtige
Herr war bereits in eine der Zeitungen vertieft, die die Stewardessen gleich
beim Einsteigen verteilt hatten. Als sie ihn freundlich grüßte, hob er kurz den
Kopf und nickte ihr zu.
"Can
I help you?", fragte er kurz darauf, als er bemerkte, dass sie Probleme
hatte, die schwere Foto- und Videoausrüstung im Fach für das Handgepäck über
den Sitzen zu verstauen. Er stand auf und beförderte sie mit einer kurzen
Bewegung nach oben. Birgit dankte ihm herzlich auf englisch. Da der Herr sie in
dieser Sprache angesprochen hatte, nahm sie automatisch an, er sei Amerikaner
und vielleicht auf dem Weg nach Hause. Er lächelte sie an und wollte wieder
Platz nehmen, als er ihren sehnsuchtsvollen Blick zum Fenster bemerkte.
"Möchten Sie lieber am Fenster sitzen, Miß?", fragte er deshalb.
"Das
wäre sehr nett", erwiderte sie. "Wenn es Ihnen nichts ausmacht, ich
bin nämlich noch nie geflogen."
"Es
macht mir überhaupt nichts aus. Ich bin in meinem Leben schon so oft geflogen,
dass ich es nicht mehr zählen kann. Genießen sie den Blick aus dem Fenster!
Beim ersten Mal ist das garantiert ein Erlebnis."
Sie
dankte ihm noch einmal und nahm Platz. Neugierig musterte der Bärtige sie von
der Seite. Ein apartes Mädchen dachte er. So natürlich, ganz ungeschminkt. Er
hatte in seinem Leben schon zuviel Frauen aus der glitzernden Welt des Showbusiness
kennen gelernt, als dass ihm Äußerlichkeiten noch reizen würden. Nein, da war
ihm eine junge, natürliche Frau doch schon wesentlich lieber. Zu seiner großen
Überraschung stellte er fest, dass seine Nachbarin ihn äußerst zu interessieren
begann. "Wo soll es denn hingehen?", fragte er sie deshalb, um ein
Gespräch mit ihr zu beginnen und mehr über sie zu erfahren.
"Nach
Hawaii, hauptsächlich nach Kauai, um genau zu sein", war die Antwort.
"Oh,
da will ich auch hin.", erwiderte er lächelnd.
"Machen
Sie Urlaub dort?", fragte sie.
"Nein,
Hawaii ist mein Zuhause. Ich wohne dort schon seit vielen Jahren. Vor einem
Jahr bin ich von Oahu nach Kauai gezogen und nach einem Vierteljahr in Europa
geht es nach Hause zurück. Aber Sie wollen sicher Urlaub auf den Inseln
machen?"
"Eigentlich
soll ich dort...", sie unterbrach sich, weil eine Stewardess die
Passagiere um Aufmerksamkeit bat, da sie die Maßnahmen und Regeln für den
Notfall erklären wollte.
Ihr
Nachbar bemerkte, wie sie sich zu verkrampfen begann, als das Flugzeug nun auf
die Startbahn zu rollte. "Sie brauchen keine Angst zu haben. Das Flugzeug
ist das sicherste Verkehrsmittel überhaupt. Kommen Sie, schauen Sie aus dem
Fenster, wie die Welt unter Ihnen immer kleiner wird!" Er griff nach ihrer
Hand und hielt sie zärtlich fest.
"Danke!",
lächelte sie ihn an, als der Pilot verkündete, dass man sich nun in 10 000
Meter Höhe befinde und alles glatt gegangen sei beim Start. "Ohne Sie
hätte ich das sicher nicht so heil überstanden."
"Keine
Ursache, ich helfe Ihnen doch gern, Miss? Wie heißen Sie eigentlich, wenn ich
fragen darf?"
"Birgit
Markert.", erwiderte sie.
"Birgit,
ein schöner Name. Er gefällt mir. Ich heiße Robert. Sie dürfen mich aber gern
Rob nennen, wie alle meine Freunde."
"Was
ist denn?", fügte er hinzu, als er bemerkte, dass sie ihn mit offenem Mund
anstarrte. "Gefällt Ihnen mein Name nicht?"
"Doch
schon, natürlich ...", stotterte sie. "Ich meine, ich, ähem, ich habe
Sie vor lauter Aufregung gar nicht erkannt. Sie sind doch Robert Brockner, der
Schauspieler, nicht wahr?"
"Also
ist mein Inkognito wieder aufgeflogen." Er lächelte. "Aber verraten
Sie es bitte nicht weiter, sonst muss ich wieder den ganzen Flug lang Autogramme
geben."
"Ich
werde nichts sagen.", versprach sie. "Ich habe Sie erst gar nicht
erkannt, der Bart, wissen Sie, der hat mich erst total verwirrt."
"Den
musste ich mir wegen meiner letzten Rolle wachsen lassen. Sobald ich zu Hause
bin, kommt er ab, aber bis dahin kann er mir noch etwas Tarnung vor allzu
aufdringlichen Fans verschaffen."
"Das
ist der Film über die Sekte, nicht wahr?"
"Ah,
Sie haben schon davon gehört? Ja, ich habe dafür zuletzt über drei Monate in
der Schweiz gedreht. Die Berge waren sehr interessant für mich, aber jetzt
freue ich mich auf Sonne, Strand und Meer zu Hause."
"Und
ich freue mich, Sie kennen gelernt zu haben.", erwiderte Birgit mit
leuchtenden Augen und vor Aufregung geröteten Wangen.
"Warum
denn das?"
"Zum
Ersten, weil ich wirklich ein großer Fan von Ihnen bin, seit ich vor sechs
Jahren zum ersten Mal "Das gebrochene Gelübde" gesehen habe und mir
schon immer gewünscht habe, Sie einmal persönlich kennen zu lernen und zum
Zweiten ...", wieder wurde sie unterbrochen, als die Stewardess das Essen
auftrug und fragte, welche Getränke sie dazu gern wollten. Nun, dachte sie, ich
kann ihm später auch noch erzählen, dass ich ja eigentlich hinter ihm her bin.
Die Sache geht ja gut los, besser kann es ja eigentlich nicht mehr werden. So
einfach hätte ich es mir nun wirklich nicht vorgestellt, Robert Brockner zu
finden. Ich dachte, ich muss ganz Kauai nach ihm absuchen oder mich vor seinem
Haus tagelang auf die Lauer legen. Das war ja nun wirklich ein Volltreffer. Sie
musterte ihn neugierig von der Seite. Wie 61 sah er wirklich nicht aus mit
seiner schwarzen Hose und dem weißen, legeren Hemd. Er war nach wie vor rank
und schlank, sportlich durchtrainiert, seine blauen Augen strahlten richtig
Jugend und Lebensfreude aus, das dunkelblonde Haar war kurz und flott
geschnitten. Nur der Vollbart störte sie. Sie mochte einfach keine Männer mit
Bart und Robert sah ohne entschieden besser aus. Aber das wollte er ja gottlob
wieder ändern, wie er vorhin gesagt hatte, sobald er zu Hause auf Kauai war.
Das Schicksal meint es in letzter Zeit wirklich gut mit mir, dachte sie
glücklich, erst der große Auftrag und jetzt auch noch Robert neben mir. Das
hätte ich mir vor drei Tagen wahrlich nicht träumen lassen. Da war ich noch
eine unglückliche kleine Redaktionsmitarbeiterin, die nur von ihm und Hawaii
träumen konnte. Aber heute muss mein absoluter Glückstag sein. Sie ahnte nicht,
wie sehr sie sich irrte und was in Kürze noch alles passieren sollte.
-6-
"Worum
geht es eigentlich in Ihrem neuen Film?", fragte sie später, nachdem sie
beide ausführlich das leckere Mahl der Fluggesellschaft genossen hatten.
"Es
geht um eine dieser modernen Sekten, die ihren Mitgliedern ewige Erlösung
versprechen, wenn sie alle ihre finanziellen Mittel der Sekte geben. Ich spiele
einen Vater, der seine Tochter zu retten sucht, die in die Fänge der Sekte
geraten ist."
"Gibt
es ein happy end?"
"Leider
nicht, die Tochter hat mit den anderen Sektenanhängern Selbstmord
begangen."
"Schade,
ich liebe happy ends. Und warum haben Sie einen Bart?"
"Keine
Ahnung, der Regisseur meinte wohl, damit sähe ich väterlicher aus. Gefällt er
Ihnen nicht?"
"Nicht
sonderlich.", gestand sie ehrlich. "Ohne sehen Sie besser aus."
"Zu
Hause kommt er ab.", versprach er.
"Gott
sei Dank. Kann ich ein Autogramm von Ihnen haben, bevor wir aussteigen?"
Er
nickte: "Natürlich, kein Problem. Sie sind wirklich ein großer Fan von
mir, was?"
"Ja,
ich habe fast alle Ihre Filme auf Video und schneide auch alles aus
Zeitschriften aus. Leider liest man da so wenig über Sie."
"Mein
Privatleben soll auch privat bleiben.", erwiderte er. "Das geht
niemanden etwas an. Und außerdem: diese Journalisten regen mich auf. Ich hasse
diese Leute."
Sie
biss sich auf die Zunge und dachte nur, na prima, er hasst mich also schon mal
vorab. "Warum?", fragte sie leise.
"Die
schnüffeln überall da herum, wo sie nichts zu suchen haben. Sie machen sich an
meine Freunde heran und quetschen sie aus. Einige haben sich sogar unter
falschem Vorwand in mein Leben geschlichen und mein Vertrauen gewonnen. Später
durfte ich dann in der Presse lesen, was ich angeblich alles gesagt hatte oder
mit wem ich angeblich alles ein Verhältnis hatte. Wenn ich eines nicht leiden
kann, dann ist es ein Vertrauensbruch. Das verzeihe ich nie."
Na
prima, dachte sie erneut, während sie aus dem Fenster auf die unter ihnen
vorbei gleitenden Wolken starrte. Ich muss ihm schnell sagen, dass ich
Journalistin bin, sonst ist es mit der Freundschaft vorbei, bevor sie richtig
begonnen hat und ich könnte es ihm nicht mal richtig verübeln.
Birgit
wandte sich Robert zu, doch er kam ihr zuvor, in dem er nach der Stewardess
rief. "Haben Sie Sekt oder noch besser Champagner?", fragte er. Die
Dame bejahte. "Gut, bringen Sie uns bitte zwei Gläser vom Besten!"
Und zu Birgit gewandt fuhr er fort: "Da wir ja sicher nicht nur die 10
Stunden bis Los Angeles, sondern, wenn wir Glück und den selben Weiterflug
gebucht haben, auch noch den Rest der Reise bis Hawaii zusammen verbringen werden,
schlage ich vor, wir trinken Brüderschaft und einigen uns auf das du. Das ist
doch viel bequemer so. Oder was meinst du?"
"Es
ist mir eine große Ehre.", erwiderte sie.
"Dann
auf du und du." Er reichte ihr eines der Gläser, welche die Stewardess gerade
gebracht hatte, die prickelnde Flüssigkeit perlte darin. "Also, ich heiße
Rob. Hast du auch einen Spitznamen?"
"Meine
Freunde nennen mich B.", erwiderte sie.
"B?",
fragte er verwundert.
"Ja
als Abkürzung meines Vornamens."
"Also,
B."
Die
Gläser klirrten leise aneinander. Sie nahmen beide einen Schluck. Birgit spürte
den süßen Geschmack des Champagners auf ihrer Zunge. Dann beugte sich Robert
plötzlich nach vorn und hauchte ihr einen sanften Kuss auf die rechte Wange.
Sie errötete und rührte sich nicht. "Na was ist, zur Brüderschaft gehören
zwei!", forderte er sie auf. Daraufhin gab auch sie ihm vorsichtig einen
Kuss auf die rechte Wange.
Er
lächelte sie an. "Na siehst du, war doch gar nicht so schwer. Ich beiße
dich doch nicht, keine Angst"
"Das
habe ich auch gar nicht angenommen. Ich muss dir aber gestehen, dass ich mir
das schon lange gewünscht habe, Dich mal zu küssen, meine ich.", gestand
sie ehrlich. "Und Millionen Frauen auf der ganzen Welt würden mich glühend
darum beneiden."
"Wenn
sie es wüssten, ja, aber glücklicherweise wissen sie es ja nicht.",
entgegnete Robert.
Bis
jetzt nicht, dachte Birgit und das sollte auch besser so bleiben. Über diesen
Teil werde ich ganz sicher nicht in meinem Artikel schreiben, schwor sie sich.
Das geht niemanden etwas an. Was privat ist sollte wirklich privat bleiben, da
hat Robert absolut, ganz und gar und vollkommen recht.
-7-
Die
nächsten Stunden vergingen buchstäblich wie im Flug. Robert war ein charmanter
Gesprächspartner. Er pries die Schönheiten Hawaiis und gab ihr
Besichtigungstipps für die nächsten Tage. Er erzählte ihr auch von seinen
vielen Reisen, von den Dreharbeiten zu seinen Filmen und Serien in der ganzen
Welt, von seiner Theatertournee vor über einem Jahr in Deutschland. Sie hörte
gespannt und neugierig zu, als er berichtete, wie es in Afrika oder Alaska
gewesen war. Er hatte wirklich schon viel erlebt, war auf Safari gewesen, hatte
ein Jahr in Japan verbracht, kannte Australien und halb Europa, Amerika
natürlich sowieso. Sie beneidete ihn um seine vielen Erlebnisse und
Erfahrungen. Das gibt Stoff für mehr als nur eine Story, dachte Birgit. Ich
brauche überhaupt nicht in seinem Privatleben herum schnüffeln. Aber eine Frage
musste sie ihm doch unbedingt stellen.
"Darf
ich dich etwas sehr Privates fragen?", sagte sie deshalb leise.
"Natürlich,
was hast du denn auf dem Herzen?", erwiderte er sofort. "Ich wüsste
gern, ob du... Ich meine, in der Presse steht oft, du und dein Freund..., du
weißt schon ...?" Sie errötete.
"Du
meinst, ob ich schwul bin?"
Birgit
nickte.
"Hat
die Antwort irgend einen Einfluss auf unsere Freundschaft?" Neugierig
musterte er sie. In der kurzen Zeit, die er mit ihr verbracht hatte, hatte er Birgit
schon richtig lieb gewonnen. Er genoss ihre offene, freundliche und ehrliche
Art, der jede Falschheit fremd zu sein schien. Eine angenehme Abwechslung für
ihn, wenn er an die gekünstelten und oberflächlichen Glamourgirls dachte, denen
er in seinem Beruf so oft begegnete und von denen er die Nase gestrichen voll
hatte.
"Nein,
natürlich überhaupt nicht. Ich wüsste nur gern die Wahrheit. Das ist
alles.", kam es zurück.
"Ich
bin definitiv nicht homosexuell.", erwiderte er. "Mein angeblicher
Liebhaber Mathew Rowlands ist mein bester Freund. Wir kennen uns seit vielen
Jahren. Früher haben wir zusammen als Schauspieler gearbeitet, zum Beispiel
auch beim "gebrochenen Gelübde", jetzt schreibt er lieber Drehbücher
und arbeitet als Produzent für verschiedene Fernseh- oder Theaterproduktionen.
Ich arbeite gern mit Matt zusammen, weil ich weiß, dass ich mich auf ihn voll
verlassen und ihm hundertprozentig vertrauen kann. Das ist für mich sehr
wichtig, weißt du. Dann arbeitet es sich einfach besser, wenn die Harmonie
stimmt. Deshalb war er bei den meisten meiner letzten Projekte auch dabei. Wir
verstehen uns wirklich blendend, sind auch privat oft zusammen, reden über
alles, deshalb gehen wir aber noch lange nicht miteinander ins Bett. Was die
Presse schreibt, das sind alles nur frei erfundene Lügen. Mehr nicht. Auch ein
Grund, warum ich diese Schmierfinken nicht mag. Das grenzte teilweise schon an
totalen Rufmord, was man uns da in den letzten Jahren so alles angedichtet hat.
Das hat Matt und mir schon einige Jobs gekostet. In Hollywood ist man ja immer
noch ziemlich prüde und tut sich schwer im Umgang mit Homosexuellen. Außerdem
trauten mir manche Produzenten dann wohl nicht mehr die Rolle des Liebhabers
zu, boten mir keine Rollen mehr an oder zumindest nichts Ordentliches mehr oder
meine Partnerinnen weigerten sich plötzlich mich zu Küssen und Liebesszenen mit
mir zu spielen, aus Angst vor AIDS. Nur weil ich finde, dass man sich für die
Aufklärung über diese schreckliche Krankheit engagieren sollte und erst recht,
wenn man einen Prominentenbonus hat, bin ich doch nicht gleich selber
krank." Er hatte sich richtig in Rage geredet.
"Warum
hast du es denn nicht richtig gestellt, in der Presse eine Gegendarstellung
verlangt?", fragte sie.
"Das
lohnt sich doch nicht.", erwiderte er ärgerlich. "Die schreiben doch
sowieso alle, was sie wollen."
"Aber
es gibt doch auch seriöse Zeitungen und ehrliche und faire Journalisten.",
entgegnete Birgit.
"Ach
ja, aber ich kenne keine davon.", kam es bitter zurück.
Na,
das kann ja heiter werden, dachte sie. Wahrscheinlich redet er kein Wort mehr
mit mir, wenn er die Wahrheit über mich erfährt. Ich muss ihn von meiner
Ernsthaftigkeit und meinen ehrlichen Absichten unbedingt überzeugen. Aber nicht
gerade jetzt, wo er sich so aufgeregt hat. Ich warte lieber, bis er wieder in
einer besseren Stimmung ist.
-8-
Müde
und erschöpft sank Birgit in die Kissen ihres Bettes auf Kauai. Der Verlag
hatte für sie ein Zimmer im luxuriösen Coconut Beach Resort in Kapaa gebucht.
Es besaß sogar einen Balkon mit Blick aufs blaue Meer. Das Zimmer war großzügig
und hell, mit modernen Möbeln eingerichtet. Robert wohnte nicht weit weg am
versteckten Anahola Beach, wie er ihr erzählt hatte und was mit den
Informationen, die sie besaß, übereinstimmte. Der Informant aus der Filmcrew
hatte also recht gehabt. Rob wird es sicher nicht gefallen, dass da einer
geplaudert hat, dachte sie. Bei dem Gedanken an ihren Schwarm musste sie
lächeln. Sie hatten den ganzen letzten Tag zusammen verbracht. In Los Angeles stellte
sich heraus, dass Rob mit seiner Vermutung, sie würden auch den gleichen
Weiterflug gebucht haben, richtig lag. Daraufhin hatte er am Schalter einfach
darum gebeten, man möge ihnen doch wieder nebeneinander liegende Plätze
zuweisen, was auch getan wurde. Da sie aber noch zwei Stunden Aufenthalt
hatten, bevor es weiterging, lud er sie erst noch ins Flughafenrestaurant ein.
Später auf dem sechsstündigen Flug nach Oahu war sie dann vor Erschöpfung an
seiner Schulter eingeschlafen. Die Aufregungen der letzten Tage hatten nun doch
langsam ihren Tribut gefordert und so fielen ihr letztendlich die Augen zu,
obwohl sie sich standhaft dagegen wehrte. Sie wollte doch viel lieber jeden
Augenblick Roberts Gegenwart genießen. Er hatte dann sanft den Arm um sie gelegt
und sie mit einer Decke zugedeckt, welche die Stewardess eilig brachte. In
Honolulu war sie dann wieder einigermaßen munter gewesen, so dass sie die
traditionelle Begrüßung mit dem Lei, dem hawaiianischen Blumenkranz, genießen
konnte. Der Weiterflug nach Lihue, der Hauptstadt Kauais, war dann nur kurz
gewesen. Mittlerweile hatte sie auch keine Angst vorm Fliegen mehr und konnte
so die herrliche Aussicht auf die blauen Wasser des Pazifik und die grünen
Inseln in ihm genießen. Vom Flughafen aus hatten sie ein Taxi genommen, welches
sie erst im Hotel abgesetzt hatte und
dann Rob nach Hause bringen sollte.
Nachdem
Birgit eingecheckt hatte, was schnell und problemlos ging, rief sie nur kurz
ihre Eltern zu Hause in Deutschland an und teilte ihnen mit, dass sie
wohlbehalten auf Kauai angekommen sei. Sie bat sie auch darum, dies Tommy
auszurichten, damit er sich selbst keine Sorgen um sie machen musste und auch
in der Redaktion Bescheid geben konnte. Sie sei jetzt zu müde, um ihn selbst
noch anzurufen, außerdem wolle sie die Kosten sparen, erklärte sie. Robert
erwähnte sie nicht. Das sollte vorerst noch ihr Geheimnis bleiben. Bevor er
sich im Hotel von ihr verabschiedet hatte, versprach er, sie am nächsten Morgen
dort abzuholen und ihr in den nächsten Tagen als Reiseführer die Schönheiten
der Insel zu zeigen. Ihr Herz hatte vor Freude einen Luftsprung gemacht und sie
hatte sich riesig gefreut, dass er sie wiedersehen wollte, denn ein plötzlicher
Abschied wäre ihr sehr schwer gefallen. Sie hatte in der kurzen Zeit, die sie
zusammen verbracht hatten, das Gefühl gewonnen, sie würde ihn schon ewig
kennen, so vertraut waren sie miteinander geworden. Natürlich hatte sie anhand
seiner Rollen und den Veröffentlichungen in der Presse schon ein bestimmtes
Bild von ihm gehabt, aber er war noch viel netter und sympathischer, als sie
ihn sich in ihren schönsten Träumen vorgestellt hatte. Und sie war auf dem
besten Wege seine Freundschaft zu gewinnen! Das hätte sie nun wirklich nicht
erwartet. Wie viele Frauen auf der ganzen Welt würden mich darum beneiden,
dachte Birgit. Sie konnte ihr Glück noch immer nicht fassen. Sie wünschte sich,
die Zeit würde für immer still stehen und sie müsste Robert nie wieder
verlassen. Aber leider war dies nun einmal unmöglich, wenigstens konnte sie
jetzt jedoch noch zwei Wochen lang seine wunderbare Gesellschaft genießen. Aber
noch immer wusste er nichts von ihrem Beruf und ihrem Auftrag. Ich muss es ihm
morgen aber unbedingt sagen, bevor er später deshalb vielleicht böse auf mich
ist, nahm sie sich ganz fest vor, bevor sie endlich erschöpft, aber glücklich,
einschlief und im Schlaf weiter von "ihrem" Robert Brockner träumte.
-9-
Kauai
war noch viel schöner, als sie es erwartet hatte. Alles grünte und blühte um
sie herum. Kein Wunder, dass die Insel den Namen "Garteninsel"
erhalten hatte. Robert kannte so manche geheime Ecke, die Touristen sonst nur
schwer entdeckten. Besonders neugierig war sie auf die Orte, an denen "Das
gebrochene Gelübde" gedreht wurde. Robert erzählte ihr, dass er sich
damals in die Inseln verliebt hatte und beschlossen hatte, für immer nach
Hawaii zu ziehen. Er erwähnte auch, dass er durchaus Parallelen zwischen seinem
Leben und dem des Priesters sah, da sie beide immer auf der Suche nach
Perfektion gewesen seien und ihren Job am Ende über ihr Privatleben gestellt
hätten. Mittlerweile wusste sie recht viel über ihn. Er erzählte von seiner
schwierigen Kindheit, dem lieblosen Elternhaus, seinen
Minderwertigkeitskomplexen und seinen Schulproblemen aufgrund einer angeborenen
Leseschwäche. Auch von ihr wusste er mittlerweile einiges. So hatte sie von
ihrer Familie berichtet, von ihrer Kindheit in der DDR, den Erfahrungen mit der
Wende und der Einheit Deutschlands. Durch seine Theatertournee hatte er im
letzten Jahr sechs Monate in Deutschland verbracht und war recht neugierig,
mehr über Birgits Heimat Thüringen zu erfahren. Doch noch immer wusste er
nicht, dass sie Journalistin war und erst recht nicht, dass sie einen Artikel
über ihn schreiben sollte. Sie brachte es einfach nicht fertig, Rob die
Wahrheit zu sagen. Immer wenn sie Anlauf nahm, kam etwas dazwischen oder er
wechselte plötzlich das Thema. Mit der Zeit wurde ihre Angst immer größer, er
würde ihre Freundschaft sofort beenden, wenn er alles erfuhr. Und sie wollte
doch so gern für immer und ewig seine Gesellschaft genießen. Sie hatte
Schmetterlinge im Bauch, wenn er sie nur ansah, und wünschte sich, die zwei
Wochen würden nie zu Ende gehen. Natürlich zeigte er ihr auch die bekanntesten
Sehenswürdigkeiten wie die Farn Grotte und den Waimea Canyon.
"Ich
kann verstehen, warum Mark Twain so begeistert davon war und ihn mit dem Grand
Canyon verglich.", meinte sie am Canyon-Aussichtspunkt.
Die
pazifische Sonne zauberte ein buntes Farbenspiel auf die rote Erde und grünen Bäume
tief unten in der Schlucht. "Es ist phantastisch hier. Die ganze Insel ist
phantastisch. Es ist wirklich wie im Paradies hier.", sagte sie voll
Enthusiasmus. Er nickte zustimmend.
"Ich
weiß, deshalb lebe ich hier. Ganz davon abgesehen, dass auch die hawaiianischen
Menschen sehr nett sind und mich nicht als Star aus Hollywood behandeln,
sondern als einen der ihrigen."
"Warum
bist du eigentlich von Oahu hierher gezogen?", fragte sie.
"Auf
Oahu war es mir viel zu hektisch geworden, die ganzen Touristen, die
Hochhäuser, immer neue Hotels und so weiter.", erwiderte er.
"Außerdem war meine Adresse dort zu bekannt geworden. Andauernd standen
irgendwelche Fans vor meiner Tür. Nicht, dass ich etwas gegen meine Fans habe,
bitte verstehe mich nicht falsch. Ich freue mich, wenn den Leuten meine Arbeit
gefällt und Fans gehören nun mal zum Job eines Schauspielers dazu. Ohne sie
wären wir nichts. Aber wenn sie plötzlich in Scharen vor meiner Tür stehen und
nicht wieder gehen wollen, ist das ganze doch sehr unangenehm. Und dann
lauerten immer irgendwelche Journalisten oder Fotografen vor meinem Haus herum
und schossen mich bei jeder Gelegenheit ab. Besuchte mich mal eine Bekannte,
hatten wir gleich ein Verhältnis. Und Matt hat sich zuletzt schon nur noch im
Dunkeln hereingeschlichen, damit ihn niemand sah und nicht wieder behauptet
wurde, wir zwei hätten etwas miteinander. Die Adresse hier kennt fast niemand
und so habe ich meine Ruhe und kann mich vor die Tür trauen, ohne Angst zu
haben, erkannt zu werden. Außerdem muss ich mir keine Sorgen machen, dass mein
Bild am nächsten Tag in der Zeitung ist, wenn ich mit so einer hübschen, jungen
Frau, wie mit dir, ausgehe. Zum Glück weiß keiner von der Journaille, wo ich
stecke. Kannst du dir die Schlagzeilen vorstellen, wenn die uns zusammen sehen
würden?"
Sie
nickte, das konnte sie, dank ihrer Berufserfahrung, natürlich nur allzu gut.
Morgen sage ich es ihm, ganz bestimmt, nahm sie sich fest vor. Morgen oder
Übermorgen.
-10-
Für
den nächsten Tag hatte Robert Birgit eine ganz besondere Überraschung
versprochen. Und dies hielt er auch. Zu ihrer großen Überraschung hatte er
einen Hubschrauber gechartert. Sie hatte ihm sowieso schon erzählt, dass sie
gern einen Hubschrauberrundflug machen wollte, um auch die wunderbare und unzugängliche
Na Pali Küste zu sehen. Er hatte aber nicht nur einfach einen der
Standardrundflüge über eine Stunde gebucht, sondern gleich für den ganzen Tag
einen Hubschrauber gemietet. So sah sie nun den Waimea Canyon noch einmal aus
der Luft. Dann umrundete der Pilot den Mount Waialeale, den regenreichsten
Punkt der Erde. Schließlich landete der Hubschrauber auf einem Hochplateau über
den Na Pali Klippen, das, von der ganzen Welt abgeschnitten, auf anderem Wege
nicht zu erreichen war. Während der Pilot diskret in seiner Maschine blieb,
breitete Rob, er hatte übrigens sein Versprechen gehalten und den Bart
abgenommen, unter schattigen uralten tropischen Bäumen eine Decke aus und
begann einen Picknickkorb zu leeren.
"Du
hast wohl an alles gedacht?", fragte Birgit ihn.
"Natürlich,
ich habe dir doch etwas ganz besonderes versprochen.", erwiderte er
lächelnd.
"Du
verwöhnst mich."
"Das
mache ich doch gern, ich bin nämlich gern in deiner Gesellschaft und es macht
mir Spaß, einmal einen anderen Menschen um mich zu haben. Sonst bin ich ja
meist allein hier."
"Ist
Mathew nicht auch hier?", fragte sie.
"Nein,
er ist im Moment in Los Angeles und arbeitet an einem Fernsehfilm für
CBS."
"Ohne
dich?", fragte sie verwundert. "Na klar, er kann doch auch mal was
alleine machen. Alt genug ist er ja wohl. Und ich wollte mich erst mal richtig
erholen. Nach der Tournee habe ich ja gleich wieder gedreht. Jetzt mache ich
erst mal richtig Pause, die erste seit ein paar Jahren."
"Hast
du schon wieder Pläne für was Neues?"
"Nein,
bis jetzt nicht. Mal sehen, was sich in Zukunft ergibt. Ich muss ja nicht
unbedingt arbeiten, wenn ich nicht will. Und ich will nur, wenn mich eine Sache
reizt, das Geld ist nicht so wichtig. Davon habe ich nun wirklich schon genug.
Jetzt male ich erst mal lieber und spiele Fremdenführer für dich."
"Und
Koch.", ergänzte sie mit Blick auf die ganzen Leckereien, die er vor ihr
aufgebaut hatte.
"Nun,
ich muss gestehen, dass war zum größten Teil Nana, meine hawaiianische
Haushälterin. Sie ist der einzige Mensch, den ich im Moment hier regelmäßig
sehe."
"Und
sonst ist da wirklich niemand? Eine Freundin oder so?", fragte sie
neugierig.
"Nein,
wirklich nicht. Schon lange nicht mehr. Ich glaube, aus dem Alter bin ich schon
raus. Oder willst du dich etwa um den Job bewerben?" Er lächelte sie
verschmitzt an und seine blauen Augen funkelten lustig.
Auch
Birgit lachte. "Ich wäre an deiner Stelle vorsichtig mit dem Angebot. Ich
bin imstande und nehme es an."
"Ich
schätze, dein Freund hätte da aber etwas dagegen.", meinte Rob darauf.
Verwundert
fragte sie ihn: "Wie kommst du denn darauf, dass ich einen Freund
habe?"
"Ganz
einfach, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass so ein hübsches und nettes
junges Mädchen, wie du, keinen hat." Gespannt wartete er auf ihre Antwort.
Was geschieht bloß mit dir Rob, dachte er. Du bist 61, du kannst dich nicht auf
deine alten Tage in eine 26-jährige verlieben und genau das passiert, wenn du
nicht langsam aufpasst.
"Ich
habe aber wirklich keinen, hatte auch noch nie einen.", erwiderte sie.
"Mir ist einfach noch nicht der richtige begegnet und ich glaube an die
große Liebe auf den ersten Blick."
"Ich
auch."
Erleichtert
atmete er auf. Sie war also noch frei, gut so. Und noch ehe er sich richtig
versah, noch ehe er selbst wusste, was er eigentlich tat, beugte er sich zu ihr
und gab ihr einen Kuss. Da sie ihn nicht wegstieß, sondern im Gegenteil seinen
Kuss noch zu erwidern begann, wurde er noch weitaus länger, als er es beabsichtigt
hatte. "Ich habe dich sehr, sehr gern, weißt du. Gibst du mir eine
Chance?"
Sie
nickte. "Ja, aber weißt du, ich muss dir vorher etwas Wichtiges
sagen."
Er
schüttelte den Kopf. "Nicht jetzt, nicht hier. Lass uns den Augenblick genießen,
Darling. Morgen zeige ich dir mein Haus, dann können wir über alles
reden."
Gut
morgen, dachte sie, dann sage ich es ihm aber ganz bestimmt.
-11-
"Du
bist dir doch der großen Ehre bewusst, nicht wahr?", fragte Robert, als er
den Motor seines silberfarbenen Mercedes Cabrios abstellte.
"Welcher
Ehre?", entgegnete Birgit. "Der Ehre, mein Haus zu betreten. Das
haben bis jetzt nämlich nur zwei Menschen getan, Nana und Matt."
"Hast
Du denn sonst keine Freunde?", fragte sie verwundert. "Doch schon,
aber die leben alle auf Oahu und wenn ich sie sehen will, fliege ich rüber.
Dies hier ist mein Refugium, da kommt sonst keiner rein." Er stieg aus und
öffnete ihr die Autotür mit einer Verbeugung. "Darf ich bitten,
Mylady."
Sie
lachte: "Danke, Mylord." Kaum, dass sie die Füße auf den Boden
gesetzt hatte, wich sie schon wieder erschrocken zurück. Ein riesiger
Dalmatiner kam auf sie zu gerannt.
"Du
brauchst keine Angst zu haben.", sagte Roberts schnell. "Das ist
Charly, mein einziger dauerhafter Hausgenosse." Er streichelte den
Dalmatiner, der ihn schwanzwedelnd begrüßte. "Sag guten Tag Charly. Das
ist Birgit, du wirst dich an sie gewöhnen müssen. Sie bleibt hoffentlich für
immer bei uns." Neugierig beschnupperte der schwarzgepunktete Hund die
junge Frau.
Vorsichtig
streckte Birgit ihre rechte Hand aus und kraulte ihm hinterm Ohr, worauf Charly
freundlich zu knurren begann.
"Siehst
Du, er mag dich, schon.", sagte Rob. "Komm, ich zeige Dir mein
bescheidenes Heim!"
Auf
der Treppe kam ihnen eine Hawaiianerin entgegen, in einem bunten Muumuu,
rundlich, mit freundlichem Gesicht.
"Das
ist Nana, die gute Seele meines Hauses.", stellte Rob sie vor. "Und
dies ist Birgit Markert." Freundlich reichte Nana ihr die Hand.
"Herzlich willkommen, mein Kind. Aloha!"
"Aloha!",
erwiderte Birgit den Gruß. Sie senkte den Kopf, als sie den durchdringenden
Blick bemerkte mit dem Nana sie musterte.
"Es
ist schön, dass Sie endlich zu Mr. Brockner gefunden haben.", sagte diese.
"Wie
soll ich denn das verstehen, Nana?", fragte Robert. "Nun, wir
Hawaiianer glauben daran, dass es für jeden Menschen eine verwandte Seele gibt,
die zu einem gehört. Nur manchmal dauert es sehr, sehr lange, bis die Seelen endlich zueinander
finden."
"Und
Sie denken, dies ist nun mit uns geschehen?", fragte Birgit.
"Ja,
Sie zwei gehören zusammen. Das Schicksal wird Ihre Liebe prüfen, Unwahrheiten
und Ausflüchte werden sie bedrohen, aber am Ende werden Sie zusammen
finden."
Nachdenklich
blickte Birgit zu Boden. Sie hat Recht, dachte sie, ich gefährde unsere
Beziehung, indem ich Rob nicht die Wahrheit sage. Ich werde ihm gleich nachher
alles erzählen, nahm sie sich vor.
Robert
griff nach ihrer Hand. "Komm, lass dich nicht durch Nanas Philosophie
beunruhigen. Ich respektiere den Glauben der Hawaiianer, aber manchmal
verwirren sie mich doch. Ich zeige Dir lieber erst einmal mein Haus."
Robert
führte Birgit durch die Räume. Sein Haus war wirklich keine großartige Villa.
Ein kleines, bescheidenes Heim, sei für ihn allein genug, erklärte er. So gab
es nur ein Wohn- und ein Schlafzimmer, ein Arbeitszimmer, Küche und Bad und ein
Gästezimmer für Mathew, wenn er seinen Freund einmal besuchte. Nana wohnte
nicht im Haus, sondern in Kapaa und kam jeden morgen zu Robert heraus. Er
zeigte ihr auch sein Atelier.
Bewundernd
stand Birgit vor seinen Bildern. "Die hast du alle selbst gemalt?",
fragte sie.
"Ja,
Malerei war schon immer mein Hobby. Da kann ich gut abschalten. Ich würde dich
gern mal malen, darf ich?"
"Natürlich,
gern."
Robert
lächelte sie an. "Ich war immer ein Romantiker, der an die große Liebe auf
den ersten Blick geglaubt hat. Aber ich dachte nicht, dass mir das in meinem
Alter noch passieren würde." Er umarmte sie. "Ich bin so glücklich,
endlich habe ich den Menschen gefunden, den ich lieben und vertrauen
kann."
"Rob
..."
Er
verschloss ihr den Mund, in dem er sie küsste. "Keine Angst, ich lasse dir
so viel Zeit, wie du willst. Hauptsache, ich weiß, dass ich mir Hoffnungen
machen kann, dass du meine Gefühle erwiderst."
Sie
nickte - und wie sehr sie ihn liebte. Er war ein wunderbarer Mensch. Sie war
schon in den Star verliebt gewesen, doch der echte Mann war noch weitaus
faszinierender. Aber bevor sie ihm das sagte, sollte er erst die Wahrheit über
sie erfahren. Doch in dem Moment rief Nana sie beide zum Mittagessen.
-12-
Später
liefen sie zum weißen Strand hinunter. Charly sprang bellend um sie herum. Ihm
gefiel es offensichtlich, jetzt die Aufmerksamkeit von zwei Menschen zu
bekommen.
"Was
hast du, B?", fragte Robert. "Du bist seit dem Essen so
schweigsam." Besorgt musterte er Birgit. Hatte er etwas Falsches gesagt?
War sie aus irgendeinem Grund böse auf ihm? War er zu schnell vorgegangen und
hatte sie verunsichert, mit seinem Liebesgeständnis.
"Du
bist so lieb zu mir.", erwiderte sie. "Dabei weißt du doch überhaupt
nichts über mich."
"Ich
weiß genug, um zu wissen, dass ich dich liebe. Du bist ein wunderbarer
Mensch.", entgegnete Robert. "Oder hast du irgendwo eine Leiche im
Keller, von der ich wissen sollte?"
"Nein,
aber ich muss dir unbedingt etwas sagen.", erwiderte Birgit ernst.
"Dann
leg los, was es auch ist, es wird nichts an meiner Meinung über dich
ändern.", beruhigte er sie.
Ich
fürchte doch, dachte Birgit. Das wird dir bestimmt ganz und gar nicht gefallen.
"Ich..."
"Mr.
Brockner!", Nanas Ruf unterbrach sie. Die hawaiianische Haushälterin kam
angerannt, so schnell es ihr rundlicher Körper ihr gestattete. "Mr.
Rowlands ist am Telefon. Er möchte sie dringend sprechen."
"Ich
komme gleich wieder." Robert wandte sich Birgit zu. "Lauf mir nicht
weg in der Zwischenzeit!"
Bestimmt
nicht, dachte sie, aber muss denn immer wieder etwas dazwischen kommen, wenn
ich es ihm sagen will. Sie setzte sich in den weichen Sand und kraulte Charlies
Hals. "Was wollte Mathew denn?", fragte sie Robert, als er nach ein
paar Minuten zurückkam.
"Er
wollte mir nur sagen, dass er ein Angebot für eine neue Rolle für mich
hat."
"Wirst
du annehmen?"
"Nein,
ich denke nicht, ich will viel lieber erst mal die Zeit mit dir genießen."
"Aber
ich kann nicht ewig hier bleiben, ich habe Verpflichtungen zu Hause und meine
Familie, Freunde."
"Dann
komme ich eben mit dir zurück nach Deutschland. Ich lasse dich auf jeden Fall
nicht wieder von meiner Seite.", erwiderte er. "Komm, ich zeige dir
meine Lieblingsstelle am Strand" Er griff nach ihrer Hand und zog sie mit
sich.
Später,
dachte sie, später ganz bestimmt.
-13-
Verschlafen
blinzelte Birgit ins helle Sonnenlicht, das durch ein offenes Fenster hinein flutete.
Sie musste sich erst einmal besinnen, wo sie überhaupt war.
"Guten
Morgen, du Langschläfer.", Robert lächelte sie an, beugte sich dann
hinunter und gab ihr einen Kuss.
Langsam
kehrten ihr die Erinnerungen an den gestrigen Abend und die darauffolgende
Nacht wieder zurück. Nach dem Abendessen, was Nana mit besonders viel Liebe und
typischen hawaiianischen Gerichten zubereitet hatte, waren sie wieder hinunter zum Strand gelaufen. Roberts
Lieblingsplatz war ein großer Stein am Rande der Bucht, von wo aus er oft
stundenlang das Meer und die Sterne beobachtete, wie er ihr erzählt hatte. Sie
hatten beide eng nebeneinander auf dem Stein Platz genommen. Das blaue Meer
rauschte sanft, Palmen wiegten sich im Wind. Der pazifische Sternenhimmel
wirkte wie aus einer anderen Welt. Zehntausend Sterne schienen über ihnen zu
glitzern. Dieses romantische Szenario und die Wirkung des Champagners, den sie
beim Essen getrunken hatte, hatten sie in eine romantische Stimmung versetzt
und alle ihre Vorsätze, Robert nun endlich die Wahrheit, über ihren Beruf und
ihren Auftrag zu sagen, über Bord geworfen. Sie wollte einfach nur den Moment
genießen. Als eine Sternschnuppe hernieder fiel, wünschte sie sich nichts
sehnlicher, als daß dieser Augenblick nie enden möge. Rob hatte sie schließlich
zärtlich in seine Arme genommen, ihr Komplimente und Liebeserklärungen gemacht
und sie letztendlich lang und leidenschaftlich geküsst. Sie erwiderte seine
Küsse voll Liebe und Hingabe und irgendwann nahm er sie auf seine Arme und trug
sie in sein Haus und in sein Schlafzimmer. Er war sehr sanft und zärtlich
gewesen, hatte sie beruhigt, als er ihre Angst vor dem ersten Mal spürte. Immer
wieder überhäufte er sie mit zärtlichen Küssen und leidenschaftlichen
Liebesschwüren. Sie hatte das Gefühl gehabt, auf Wolken zu schweben. Und
irgendwann war dann die ganze Welt um sie herum in einen riesigen Strudel der
Leidenschaft und einem Rausch der Sinne versunken. Später schlief sie glücklich
in seinen Armen ein.
"Ist
alles in Ordnung?", fragte Robert nun besorgt.
Birgit
nickte stumm.
"Du
bereust doch nichts, was letzte Nacht geschehen ist, B?" Er setzte sich
auf den Rand des Bettes, nahm ihre Hände in die seinigen. Hoffentlich war er
nicht zu schnell vorgegangen, als er sich von seiner Leidenschaft mitreisen
ließ. Er wollte sie doch nicht verletzen.
"Nein,
aber wie geht es jetzt weiter?", erwiderte sie.
"Dies
ist vielleicht nicht der richtige Ort und der richtige Moment für einen
Heiratsantrag, aber könntest du dir vorstellen, für immer bei mir zu bleiben,
als meine Frau?"
Sie
nickte erneut. "Ja, natürlich, aber vorher muss ich dir erst noch einiges
über mich erzählen und ich muss noch einmal nach Hause zurück." Am
liebsten wäre sie sofort und für immer auf Kauai geblieben, hätte ihren Job und
ihr ganzes bisheriges Leben in Deutschland ganz einfach vergessen, aber dies
konnte sie ihren Eltern nun doch nicht antun. Außerdem würde man in der
Redaktion eine Erklärung erwarten und dies war das mindeste, was sie tun
musste. Ich werde das Geld für die Reise zurückzahlen, dachte sie. Wenn mein
Erspartes nicht reicht, Rob hilft mir bestimmt, und dann kündige ich. Vor allem
werde ich aber nichts über ihn schreiben, es sei denn, er hat absolut nichts
dagegen. Sie sah sich schon als seine Braut ganz in Weiß am pazifischen Strand
heiraten, wie sie es sich immer erträumt hatte.
"Ich
werde jetzt erst mal deine Sachen aus dem Hotel holen, denn natürlich bleibst
du die restlichen Tage deines Urlaubes bei mir, und dann schauen wir, welchen
Flug du hast und versuchen, ob ich noch einen Platz dafür buchen kann. Ich
werde dich begleiten. Ich würde doch auch gern deine Heimat kennen lernen und
mich wenigstens deinen Eltern vorstellen, wenn ich ihnen schon ihre Tochter
entführen will. Frühstücke du erst mal, wir reden, wenn ich zurück bin
weiter."
Dann
werde ich aber nicht eher Ruhe geben, bis er alles weiß, nahm Birgit sich ganz
fest vor, als sie aus seinem Bett aufstand. Es wird wirklich allerhöchste
Eisenbahn, dass ich Robert reinen Wein einschenke.
-14-
Der
Portier an der Hotelrezeption händigte Robert ohne Probleme den Zimmerschlüssel
aus, als dieser ihm erzählte, er wolle Birgits Sachen holen, da sie nun bei ihm
wohnen werde. Man kannte Robert im Hotel, immerhin hatte er Birgit die letzte
Woche jeden Tag abgeholt. Natürlich wusste der Portier, wer Robert Brockner
war. Aber wie es seine höfliche hawaiianische Art gebot, sprach er den Star
nicht darauf an. Auf jeden Fall gönnte er dem netten, deutschen Fräulein ihr
Glück. Robert Brockner war bestimmt nicht der Mann, der, wie so viele andere
Schauspieler, nur eine kurze Affäre suchte. Nein, er meinte es sicher ernst.
Als Robert mit Birgits Koffer zurückkam und den Schlüssel zurück gab, reichte
er ihm einen Zettel. "Würden Sie Miss Birgit bitte dieses Fax geben, es
kam heute Nacht für sie an."
Robert
nahm es dankend entgegen. Es wird doch hoffentlich nichts ernstes zu Hause
sein, dachte er. Das hätte ihm gerade noch gefehlt, dass irgendeine private
Tragödie, sein Glück mit Birgit überschattete. Neugierig warf er deshalb einen
Blick auf das Papier. Er konnte zwar kaum deutsch, hatte nur ein paar Worte im
Laufe seiner Tournee aufgeschnappt, als er jedoch seinen Namen sah, stutzte er.
Was sollte denn das bedeuten? Verwundert stieg er in sein Auto und fuhr nach
Hause. Birgit war nicht im Haus. So griff er nach einem deutsch-englischen
Wörterbuch, welches er noch von seiner Theatertournee besaß und begann den Text
zu übersetzen. Was da stand, konnte und wollte er nicht glauben. Der Text
lautete "Wie sieht es aus im Fall Robert Brockner? Haben Sie die Story?
Oder soll der Aufenthalt verlängert werden?" Der Absender war ganz
offensichtlich ein Zeitungsverlag. Das darf doch nicht wahr sein? Er schlug die
Hände vor sein Gesicht. Birgit eine Journalistin! Das alles nur eine abgekartete
Sache, eine große Lüge, um an ihn heran zu kommen! Und er hatte sie geliebt und
ihr vertraut, an die große Liebe geglaubt. Wie hatte er sich nur so täuschen,
sich so hintergehen lassen können. Wie
hatte er nur so naiv und blind vor lauter Liebe sein können. Wütend lief er
hinaus.
-15-
Birgit
saß am Strand und spielte mit Charly. Als sie Robert kommen hörte, stand sie
auf und lief ihm entgegen.
"Hallo
Darling, da bist du ja wieder.", sagte sie lächelnd. Doch als sie ihn
umarmen wollte, wich Robert zurück. Ihre Miene bewölkte sich "Was hast du
denn?", fragte sie besorgt.
Er
reichte ihr das Blatt Papier. "Wann wolltest du es mir denn sagen, in der
Hochzeitsnacht oder nie?" Seine Stimme klang eiskalt.
Birgit
warf einen Blick auf das Papier. Da wurde ihr sofort klar, dass er nun alles
wusste. Und was er jetzt von ihr hielt, konnte sie sich denken. "Robert,
ich..."
"Spare
dir deine Lügen. Ich will sie nicht hören!" Barsch unterbrach er sie.
"Ich habe ja schon einiges erlebt, aber so weit ist noch niemand gegangen.
Wolltest du über unsere Ehe einen Fortsetzungsroman schreiben, "So ist
mein Leben mit Robert Brockner", oder was? Wie wird denn die Schlagzeile
deiner Story lauten, "So ist Robert Brockner im Bett"? Nun, ich hoffe,
ich habe dich nicht enttäuscht."
Verzweifelt
bemühte sich Birgit, die Fassung zu bewahren. Sie musste ihm alles erklären,
sofort. Sonst war alles zu spät. "Robert, so war es doch gar nicht
geplant. Ich wollte doch nur..."
Mit
einer Handbewegung unterbrach er sie. "Ich will nichts mehr von dir sehen
und hören. Deine Sachen stehen im Flur. Den Weg findest du ja wohl allein. Ruf
dir ein Taxi und verschwinde!" Er wandte sich ab. "Komm Charly, wir
gehen!".
"Na
was ist!", wütend wandte er sich um, als der Hund ihm nicht gleich folgte.
Charly schaute verwirrt von einem zum anderen, konnte gar nicht verstehen,
warum die zwei Menschen, die sich vor kurzem noch so gut verstanden hatten,
sich so plötzlich stritten.
"Geh
nur Charly!", sagte Birgit leise. "Es ist vorbei." Robert lief
mit seinem Hund am Strand davon. Noch einmal rief sie seinen Namen, wollte
einen Versuch machen, ihm alles zu erklären. Doch Rob wandte sich nicht einmal
um. Wütend zerknüllte sie den Zettel und ließ ihn fallen. Tränen standen in
ihren Augen. Es ist alles deine Schuld, dachte sie. Du hättest es ihm von
Anfang an sagen müssen. Es ist aus ein für alle Mal.
-16-
Trübsinnig
starrte Birgit aus dem Flugzeugfenster. Doch sie nahm die hübschen
Wolkenformationen unter ihr kaum war. In den letzten Tagen war ihr alle
Lebensfreude abhanden gekommen. Nachdem Robert sie hinaus geworfen hatte, hatte
sie ein Taxi gerufen und war damit zurück ins Hotel gefahren. Dort hatte der
Portier ziemlich verwundert geschaut, als sie plötzlich wieder auftauchte, aber
glücklicherweise keine Fragen gestellt. Sie hätte eh nicht gewusst, was sie
antworten sollte und was er in dem Moment von ihr dachte, war ihr herzlich
egal. Sie faxte gleich an die Redaktion, dass sie planmäßig zurückkehren werde,
erwähnte aber nicht, ob sie mit ihrem Auftrag erfolgreich gewesen war. Die
letzten Tage bis zu ihrem Abflug nach Hause war sie dann kaum noch aus dem
Hotelzimmer gegangen. Sie hatte keine Lust mehr, sich noch etwas anzusehen. Die
Freude an den Schönheiten Kauais war ihr gründlich vergangen. Noch einmal
unternahm sie einen Versuch, Robert alles zu erklären. Doch als er ihre Stimme
am Telefon hörte, legte er wortlos auf. Den Mut, noch einmal zu ihm
hinauszufahren und mit ihm zu sprechen, brachte sie nicht auf. Wahrscheinlich
würde er sie sowieso sofort wieder hinauswerfen. Sie zermarterte sich das
Gehirn mit Selbstvorwürfen. Robert hatte ja so Recht. Kein Wunder, dass er
nichts mehr von ihr wissen wollte. Aus seiner Sicht musste es ja so aussehen,
dass alles nur ein gemeines und abgekartetes Spiel gewesen sei, um an eine
Story über ihn zu kommen. An seiner Stelle hätte sie sicher genauso reagiert.
Bei seinen schlechten Erfahrungen mit der Presse, musste er ja jetzt sonst
etwas von ihr denken. Hätte ich ihm doch nur von Anfang an alles erzählt, dachte
sie. Vielleicht hätte er mit ihrem Beruf ja gar keine Probleme gehabt und alles
hätte sich trotzdem so entwickelt. Und im schlimmsten Falle wäre unsere
Freundschaft nie entstanden, dann hätte ich mich nie in ihn verliebt und hätte
jetzt auch keinen Liebeskummer. Sie liebte Robert so sehr, so sehr und der
Gedanke ihn nun nie mehr wiederzusehen, seine Liebe für immer verloren zu
haben, zerriss ihr beinahe das Herz.
Sie
hätte nie gedacht, dass sie sich einmal so verlieben würde und schon gar nicht,
dass ausgerechnet Robert Brockner der Mann ihres Herzens sein würde. So lange
hatte sie schon von ihm geschwärmt, aber das war ja etwas ganz anderes gewesen,
als ihre nun so reale, unglückliche Liebe zu ihm. Die Zeit mit Robert war wie
ein wahr gewordener Traum gewesen und nun war alles vorbei. Bei dem Gedanken
ihn ihre verlorene Liebe stiegen ihr schon wieder die Tränen in die Augen. Sie
hatte gedacht, nach den letzten Tagen, an denen sie mehr weinte, als in ihrem
ganzen Leben zuvor, hätte sie überhaupt gar keine Tränen mehr. Doch sie wollten
einfach nicht versiegen. Verzweifelt kramte sie in ihrer Handtasche nach einem
trockenen Taschentuch.
"Hier
nehmen Sie meines.", freundlich reichte der blonde junge Mann, der seit
Los Angeles neben ihr saß, ihr ein Taschentuch herüber.
Mit
einem leisen Danke nahm sie es an. "Kein Mann ist es wert, so um ihn zu
weinen.", sagte ihr Nachbar in deutsch mit leicht englischem Akzent.
"Wie
kommen Sie darauf, dass ich wegen einem Mann weine?", fragte sie
verwundert.
"Wenn
so ein hübsches, junges Mädchen, wie Sie, weint, kann doch nur ein Mann
dahinter stecken.", kam es zurück. "Und der Kerl, der Ihnen weh tun
kann, ist ein Lump. Was immer er auch getan hat, er ist es garantiert nicht
wert, dass Sie um ihn weinen."
"Es
war nicht seine Schuld.", erwiderte sie leise. "Er hatte ganz recht,
ich habe ihm von Anfang an nicht die Wahrheit gesagt und nun vertraut er mir
nicht mehr."
"War
es Absicht, dass Sie ihn belogen haben?", fragte der Engländer.
"Natürlich
nicht. Es ergab sich einfach keine Gelegenheit und später hatte ich nicht mehr
den Mut dazu, ihm alles zu sagen. Als er es durch Zufall erfuhr, war es zu
spät. Ich verstehe ihn und bin ihm nicht böse."
Ihr
Nachbar nickte. "Dann mal Kopf hoch, Mädchen, das Leben geht weiter.
Morgen scheint wieder die Sonne. Bestimmt!"
Sie
nickte vorsichtig, dankbar für die Aufmunterung, bezweifelte jedoch stark, dass
für sie jemals irgendwann wieder die Sonne scheinen würde.
-17-
Müde
und erschöpft schloss Birgit die Tür zu ihrer kleinen Wohnung auf. In den
letzten Stunden hatte sie gedacht, die Heimreise würde nie zu Ende gehen. Die
sechs Stunden von Lihue über Honolulu nach Los Angeles waren ja noch gegangen,
aber die folgenden zwölf Stunden bis Deutschland kamen ihr vor wie eine Ewigkeit,
zumal das Flugzeug diesmal anders als beim Hinflug auch noch in London zwischen
landete, was die Flugzeit um zwei Stunden verlängerte. Und dann hatte sie ja
noch drei Stunden mit dem Zug von Frankfurt nach Erfurt fahren müssen. In
Erfurt gönnte sie sich schließlich ein Taxi, weil sie keine Lust hatte, erst
noch auf die Straßenbahn zu warten. Jetzt wollte sie nur noch schlafen. Sie
ließ einfach alles Gepäck fallen. Auspacken konnte sie auch noch morgen. Nur noch schnell den Eltern
Bescheid sagen, dass sie wieder zu Hause war, wollte sie. Doch bei ihnen
meldete sich nur der Anrufbeantworter. Also sagte Birgit nur, dass sie wieder
gut angekommen sei, bat aber, sie in nächster Zeit nicht zurückzurufen, die sie
erst einmal ausschlafen wolle. Als sie sich gerade ausziehen wollte, klingelte
es an der Tür. Auch das noch, dachte sie.
Als
sie öffnete, stand Tommy vor der Tür. "Ich wollte nur sehen, ob du auch
wieder gut zu Hause gelandet bist.", sagte er. Sie nickte und bat ihn
herein. "Und wie war es auf Kauai?", fragte er neugierig.
"Schön.",
erwiderte sie knapp.
"Du
siehst aber nicht sehr begeistert aus, B.", bemerkte Tommy besorgt.
"Ich
bin hundemüde und will nur noch schlafen", sagte sie. "Ich bin seit fast
24 Stunden auf den Beinen und dazu noch die Zeitverschiebung von 12 Stunden,
ich kann nicht mehr."
"Dann
gehe ich wohl lieber gleich wieder.", meinte er einfühlsam. "Du
kannst mir ja morgen in der Redaktion alles erzählen."
Birgit
brachte ihn zur Tür. Nachdem Tommy gegangen war, ließ sie sich auf ihr Bett
fallen. Ihr Blick fiel dabei auf das Poster von Robert Brockner. Ich muss bis
morgen eine Entscheidung fällen, dachte sie, was ich nun mache. Sie schloss die
Augen und sank in einem tiefen Schlaf. Im Traum war sie wieder mit Robert auf
Kauai.
-18-
Mit
zitternden Knien betrat Birgit das Büro des Alten, der ihren Bericht über das
Gelingen des Auftrages erwartete. Als sie am Morgen aufwachte, hatte sie eine
Entscheidung getroffen. Aber eigentlich war dies gar nicht notwendig gewesen,
denn sie wusste von vornherein, wie sie sich verhalten würde. Sie würde Robert
nicht verraten. Auch wenn er dies nie erfahren würde und dies ihn ihr auch
nicht zurückbrachte, so wollte sie doch auf keinen Fall sein Vertrauen
missbrauchen. Eine reißerische Privatstory hatte sie sowieso nie vorgehabt.
Aber wenn er ihr die Erlaubnis gegeben hätte, hätte sie gern einen Bericht über
seine zahlreichen Erlebnisse bei den diversen Dreharbeiten geschrieben oder
eine Vorschau auf "Die Todessekte". Aber da sie seine Erlaubnis nun
einmal nicht hatte, würde sie gar nichts tun. Hoffentlich ertappt mich der Alte
nicht, dachte sie, sonst kann ich hier gleich einpacken.
"Waren
Sie erfolgreich, Fräulein Markert?", fragte er sie, noch mit freundlichem
Blick.
"Leider,
nein.", log sie.
"Soll
das heißen, Sie haben Robert Brockner nicht angetroffen, oder was?" Der
Ton wurde schon barscher.
Sie
versuchte, sich zusammenzureißen und ihn ihre Angst nicht anmerken zu lassen.
"Die Adresse, die Sie mir gaben, hat nicht gestimmt. Die Quelle war wohl
falsch informiert. Ich habe alles versucht, herauszufinden, wo Robert Brockner
sich aufhält, aber es war vergebens. Bei so einer bekannten Persönlichkeit
bekommt man ja leider von der Auskunft keine Informationen. Es tut mir sehr
leid, Herr Müller, ich habe wirklich alles versucht." Sie senkte beschämt
den Kopf.
"Nun,
da kann man nichts machen.", erwiderte der Alte. "Den Versuch war es
wert. Haben Sie wenigstens Bilder von der Insel gemacht?" Sie nickte.
"Dann schreiben Sie für die Reiseseite einen Bericht, damit wir wenigstens
etwas haben. Geben Sie unseren Fotografen die Negative zum Entwickeln."
"Ich
habe sie heute morgen schon selbst zum Entwickeln gebracht.", antwortete
sie. Immerhin sollten sie nicht in falsche Hände fallen, auf einigen war
schließlich auch "ihr" Robert zu sehen.
"Auch
gut, dann bringen Sie bitte die fertigen Fotos mit.", entgegnete der Alte.
"Und nun, gehen Sie wieder an Ihre Arbeit."
Mit
diesen Worten entließ er sie. Ich werde "Tante Klara" nun nie los
werden, dachte Birgit deprimiert, als sie den Stapel Leserpost sah, der sich in
den letzten zwei Wochen auf ihrem Schreibtisch angesammelt hatte. Dies wäre
meine Chance gewesen. Aber sie hatte eine Entscheidung gefällt, wie ihr
Gewissen sie ihr diktierte, und das war gut und richtig so. Vielleicht bekam
sie irgendwann einmal wieder eine Chance und bis dahin musste sie halt das
Beste aus ihrem Leben und ihrem Job machen.
"Na
ausgeschlafen, B?", Tommy kam strahlend zur Tür herein und ließ sich wie
gewohnt auf der Schreibtischkante nieder.
"Einigermaßen.",
entgegnete Birgit. "Und hast du die große Story schon fertig?"
"Es
gibt keine Story.", antwortete sie leise.
"Warum
nicht?", fragte er neugierig.
"Ich
habe Robert Brockner nicht angetroffen. Die Adresse stimmte nicht." Es
fiel ihr nicht leicht, auch ihren besten Freund zu belügen, aber es war besser,
wenn nie jemand etwas von ihrer Beziehung zu Robert erfuhr. Und selbst wenn sie
sich Tommy eines Tages anvertrauen würde, jetzt war sie auf keinen Fall bereit
dazu.
"Das
tut mir leid.", meinte Tommy mitfühlend. "War der Alte sehr
sauer?"
"Es
ging.", erwiderte Birgit. "Ich soll wenigstens einen Reisebericht
schreiben, damit das Ganze nicht ganz für umsonst war. Aber ansonsten",
sie deutete auf den Stapel Post neben ihrem Computer, "werde ich nun wohl
ewig an "Tante Klara" hängen bleiben."
"Ich
werde meinem Vater noch einmal die Hölle heiß machen, dass man dir weitere
ordentliche Aufträge gibt.", versprach Tommy.
"Ach,
lass nur. Das lohnt sich ja doch nicht. Bei meinem Glück, geht doch eh wieder
alles schief.", entgegnete Birgit sarkastisch. Vor ein paar Tagen hatte
ich den Himmel auf Erden in Roberts Armen und nun ist es wieder so trübe, trist
und einsam wie vorher, nur noch viel, viel schlimmer, dachte sie. Ich werde
wohl nie glücklich in meinem Leben werden. Aber daran hast du ja schließlich
auch selber Schuld.
-19-
Robert
Brockner lief mit seinem Hund Charly am Strand von Anahola entlang, wie so oft
in der letzten Woche. Immer häufiger quälten ihn Fragen und Vorwürfe. Seit
Birgit vor sieben Tagen gegangen war, hatte er kaum noch eine Nacht ruhig
geschlafen. Er fragte sich immer wieder, wie er nur so naiv hatte sein können,
um auf sie hereinzufallen. Aber war denn wirklich alles nur Täuschung gewesen?
Mittlerweile waren ihm Zweifel gekommen, ob er Birgit nicht doch unrecht getan
hatte. Er besaß doch auch eine gewisse Menschenkenntnis. Vielleicht hatte sie
ja ursprünglich vorgehabt, irgendwie an Informationen über ihn zu kommen, aber
dann hatte sie sich wirklich in ihn verliebt. Ihre Gefühle mussten einfach echt
gewesen sein. Er hatte doch gespürt, wie sie seine Liebe erwiderte. Das konnte
doch nicht alles nur ein Trick gewesen sein. Nein, so skrupellos war sie
bestimmt nicht, um wegen einer guten Story sogar mit ihm ins Bett zu gehen.
Nana hatte ihm in den letzten Tagen heftige Vorwürfe gemacht, dass er Birgit so
ohne weiteres hinausgeworfen hatte. Sie war nach wie vor der Meinung, dass er
und Birgit füreinander bestimmt wären. Ich muss herausfinden, was sie über mich
geschrieben hat, dachte Robert. Er holte einen zerknüllten Zettel - das Fax,
welches sie damals wütend weggeworfen hatte - aus seiner Hosentasche und lief
eilig zum Haus zurück. Er ging zum Telefon und wählte die beim Absender
angegebene Nummer. Es dauerte eine Weile bis er sich verständlich gemacht hatte
und jemanden am anderen Ende der Leitung vorfand, der genug englisch sprach, um
zu verstehen, was er eigentlich wollte.
"Ich
möchte gern ab sofort das "Bunte Wochenblatt" abonnieren.",
sagte er. Und Robert ließ auch nicht nach, als man ihm klar machte, dass
eigentlich kein Auslandsabonnement für die Zeitschrift vorgesehen war. Doch er
blieb hartnäckig. "Die Kosten fürs Porto spielen keine Rolle. Ich zahle
gern, was Sie wollen." Und schließlich sagte man ihm zu, dass er die
Zeitung nun wöchentlich erhalten würde. Vielleicht erfahre ich dann ja, dachte
Robert, ob ich Birgit unrecht getan habe.
-20-
"Du
sollst sofort zum Alten kommen!", mit einem süffisanten Lächeln begrüßte
Gaby, wie immer aufgedonnert und im super kurzen Minirock, trotz schon beinahe
winterlicher Temperaturen draußen, Birgit eines Morgens in der Redaktion.
"Was
ist denn los?", fragte sie verwundert.
"Keine
Ahnung, aber er klang sehr wütend. Was hast du denn ausgefressen?"
Triumphierend stolzierte Gaby auf ihren hochhackigen Schuhen mit
Pfennigabsätzen hinaus.
Das
hat mir gerade noch gefehlt, dachte Birgit, Ärger mit dem Alten und ich weiß
nicht einmal, warum. Mittlerweile war sie seit vier Wochen von Hawaii zurück.
Letzte Woche hatte sie ihren Reisebericht über Kauai und die dazugehörigen
Fotos bei den Kollegen von der Reiseredaktion abgegeben. Er sollte nächste
Woche nun erscheinen. Es war Mitte Oktober, der Herbst hatte langsam Einzug
gehalten und fegte beharrlich das bunte Laub von den Bäumen. Ihre persönliche
Stimmung passte zu dem trüben und regnerischen Wetter der letzten Tage. Sie war
noch ruhiger und ernster geworden, als sie es vor der Reise eh schon war.
Tommy
machte sich mittlerweile große Sorgen um sie. "Was ist denn nur los mit
dir B?", fragte er sie deshalb immer wieder.
"Nichts.",
hatte sie jedes Mal beharrlich geantwortet.
Doch
er ahnte, dass dies nicht stimmte. "Ist etwas passiert auf Kauai?",
hakte er deshalb nach. "Du weißt doch, dass du mit mir über alles reden
kannst. Wir sind doch Freunde."
Doch
sie war noch nicht bereit, über Robert und das Geschehene zu sprechen. Als sie
ihre Fotos vom Fotografen abgeholt und betrachtet hatte, war sie wieder in
Tränen aufgelöst gewesen. Sich die Videoaufnahmen anzuschauen, hatte sie bis
heute noch nicht gewagt. Sie hatte sogar überlegt, Roberts Poster von der Wand
zu nehmen, aber dies brachte sie nun doch nicht fertig. Es ist ja nicht seine
Schuld, sondern ganz allein deine, sagte sie sich immer wieder. Und die
Selbstvorwürfe quälten sie Tag und Nacht. Jetzt also zu allem Überfluss auch
noch Ärger an der Arbeit. Es kam ja mal wieder alles zusammen, aber das war ihr
nun beinahe auch schon alles vollkommen egal.
"Würden
Sie mir bitte dieses Foto erklären!" Ohne ihren Gruß zu erwidern, reichte
ihr Klaus-Jürgen Müller ein Foto über seinen riesigen Schreibtisch herüber, als
sie im Besuchersessel Platz nahm. Seine Stimme klang dabei alles andere als
freundlich.
Verwirrt
warf Birgit einen Blick auf das Bild und erschrak sogleich aufs Heftigste. Es
zeigte nämlich Robert Brockner, wie er lachend in ein riesiges Sandwich biß.
Sie wusste genau, wo sie es aufgenommen hatte, bei dem Picknick hoch oben über
den Klippen der Na Pali Küste. "Woher haben Sie es?", fragte sie
leise. Die Antwort konnte sie sich aber denken. Es musste ihr zwischen ihre
Reisefotos geraten sein. Dabei hatte sie doch sorgfältig darauf geachtet, kein
verräterisches Foto mit Robert dabei zu haben, als sie sie in der Redaktion
abgab.
Der
Alte bestätigte ihren Verdacht sofort. "Es war unter den Fotos, die Sie
für Ihren Reisebericht ausgewählt hatten. Ein Kollege der Reiseredaktion gab es
mir heute morgen. Wenn mich nicht alles täuscht, ist dies doch Robert Brockner.
Würden Sie mir bitte erklären, wie jemand, den Sie angeblich gar nicht
angetroffen haben, auf ein Foto von Ihnen kommt?"
Birgit
war blass geworden. Ihre Lüge war also aufgeflogen. Jetzt hatte sie wohl keine
Gnade mehr zu erwarten. Sie versuchte, ihre Fassung zu bewahren, als sie
gestand: "Ich habe gelogen, als ich sagte, ich hätte Robert Brockner nicht
angetroffen. Ich traf ihn schon beim Überflug. Aber er wäre nie einverstanden
mit einer Veröffentlichung über ihn. Deshalb wollte ich nichts schreiben. Ich
dachte diese Meinung würden Sie nicht verstehen und log deshalb lieber, ich
hätte ihn gar nicht getroffen."
"Sein
nicht vorhandenes Einverständnis ist ein Hinderungsgrund für Sie?",
verwundert schüttelte der Alte den Kopf. "Mensch Mädchen, wissen Sie
nicht, bei was für einer Zeitung Sie arbeiten? Wenn wir alle Prominenten erst
um ihr Einverständnis bitten würden, könnten wir gleich dicht machen. Sie
schreiben jetzt sofort für die nächste Ausgabe eine ordentliche Story über
Brockner! Egal, ob es stimmt oder nicht, Hauptsache, es zieht ordentlich
Leserinnen an."
Sie
schüttelte energisch den Kopf. "Das werde ich nicht tun. Ich werde keine
Story ohne Robert Brockners Einverständnis schreiben und schon gar keine Lügen
über ihn erfinden." Der Alte stand auf. "Ist das Ihre ernsthafte
Meinung, Ihr letztes Wort?"
Birgit
nickte. "Es tut mir leid, ich habe meine Prinzipien. Meine Eltern erzogen
mich nach gewissen moralischen Grundsätzen und auch an der Universität brachte
man mir entsprechende journalistische Ethiken bei. Ich werde nichts tun, was
gegen mein Gewissen verstößt. Und dies wäre hier der Fall." Er wird mich
eh feuern, wegen meiner Lüge, dachte sie, dann will ich wenigstens ein ruhiges
Gewissen haben. Ich werde Robert nicht verraten, niemals. Sie stand ebenfalls
auf und straffte die Schultern. Mutig wartete sie ab, was nun kommen würde.
Jetzt war ihr sowieso schon alles egal.
"Dann
tut es mir sehr leid. Mit dieser Einstellung haben Sie hier nichts
verloren.", entgegnete der Alte hart. Sie nickte. "Seien Sie froh,
dass ich nicht Schadenersatz oder eine Rückerstattung der Reisekosten von Ihnen
verlange. Aber Sie haben im letzten Jahr gute Arbeit für uns geleistet und
Thomas Lauenschmidt ist Ihr Freund, ihm würde dies sicher nicht gefallen,
deshalb werde ich von solchen Forderungen absehen.", erklärte er weiter.
"Aber Sie brauchen ab sofort nicht mehr an Ihrem Arbeitsplatz zu
erscheinen. Zum 1. November erhalten Sie ihre Papiere."
"Ich
verstehe.", erwiderte Birgit. "Und danke."
Der
Alte nickte. "Sie sind eine fähige Journalistin. Ich wünsche Ihnen viel
Glück. Hoffentlich finden Sie einen Job, der Ihren moralischen Vorstellungen
entspricht."
Birgit
bedankte sich noch einmal und ging hinaus. Nun war es also vorbei. Sie hätte
wissen müssen, dass ihre Lüge irgendwann auffliegen würde. Nun würde sie sich
einen neuen Job suchen müssen und das würde nicht einfach werden. Aber es war
besser so, als dass sie etwas gegen ihr Gewissen getan hätte. Trotzdem traten
ihr die Tränen in die Augen als sie ihren Schreibtisch ausräumte und nach Hause
ging. Robert würde leider niemals erfahren, was sie jetzt alles nur für ihn
geopfert hatte.
-21-
"B,
mach endlich die Tür auf.", Thomas Lauenschmidt drückte erneut auf den
Klingelknopf und hämmerte an die Tür der Wohnung seiner Freundin. Er war so
laut, dass eine Nachbarin verwundert den Kopf zu ihrer Tür hinaus steckte.
"Ich weiß, dass du da bist!", rief er nochmals.
Als
Birgit endlich öffnete, trat er schnell ein und schloss die Tür hinter sich,
bevor noch das ganze Haus mithörte. Birgit sah müde und erschöpft aus, um ihre
Augen zeichneten sich Ringe ab. Sie hatte ganz offensichtlich geweint. Er
wusste, dass sie seine Hilfe jetzt brauchen würde und war deshalb gleich zu ihr
geeilt, nachdem er in der Redaktion erfahren hatte, was geschehen war und nach
einer unerfreulichen Auseinandersetzung mit seinem Vater deshalb. "Was ist
los?", fragte er sie.
"Das
weißt du doch bestimmt.", kam es resignierend zurück.
"Ja,
schon. Aber ich würde gern deine Variante des ganzen hören." Er ging ins
Wohnzimmer und nahm auf einem Stuhl Platz.
Birgit
ließ sich auf ihr Sofa fallen und zuckte nur die Schultern. "Der Alte hat
mich gefeuert, weil ich nicht die Wahrheit gesagt habe und mich geweigert habe,
einen Auftrag zu erfüllen. Das war sein gutes Recht. Mehr ist nicht. Ganz
einfach."
Doch
Tommy schüttelte energisch den Kopf. "Ich kenne dich, B. Vergiß das bitte
nicht! Da steckt mehr dahinter und du weißt, du kannst mit mir über alles
reden. Du bist schon die ganzen letzten Wochen verändert, seit deiner Rückkehr
aus Hawaii. Also, was ist los?"
Birgit
schwieg einen Augenblick, dann begann sie leise zu erzählen. "Ich hatte
ungeheures Glück, ich lernte Robert Brockner nämlich schon auf dem Flug nach
Hawaii kennen. Er saß ab Frankfurt im Flugzeug neben mir. Er war ganz toll,
total nett und charmant. Jedenfalls waren wir schon Freunde als wir in Hawaii
ausstiegen. Er hat dann in den nächsten Tagen für mich Fremdenführer gespielt.
Und dann ist es halt passiert." Sie brach ab.
"Was
ist passiert?", fragte Tommy vorsichtig.
"Naja,
wir haben uns ineinander verliebt und so weiter."
"Und
warum bist du dann nicht bei ihm auf Hawaii oder er ist bei dir hier?",
wunderte sich Tommy.
"Weil
es schief gegangen ist. Er wusste nicht, dass ich Journalistin bin. Ich wollte
es ihm immer wieder sagen, ehrlich. Aber immer kam irgend etwas dazwischen und
dann habe ich mich einfach nicht mehr getraut. Ich dachte, er würde nichts mehr
von mir wissen wollen, wenn er die Wahrheit erfährt. Er mag nun einmal keine
Journalisten. Dann bekam er ein Fax von der Redaktion in die Hand und daraus
musste er zwangsläufig entnehmen, dass ich quasi hinter ihm her war. Er hat
mich hochkant rausgeschmissen, ohne die Chance auf eine Erklärung."
"So
ein Mistkerl.", knurrte Tommy wütend. "Dazu hatte er kein
Recht."
Birgit
schüttelte den Kopf. "Ich verstehe ihn und bin ihm nicht böse. Er hat so
viele schlechte Erfahrungen gemacht, dass er ja zwangsläufig von mir nur das Schlimmste
annehmen musste. Es war meine Schuld, dass ich nicht von Anfang an, ehrlich zu
ihm war, und jetzt muss ich halt die Konsequenzen tragen und das Beste aus
diesen Umständen machen."
"Umstände!",
Tommy horchte auf. "Du bist doch nicht etwa schwanger?"
"Nein,
natürlich nicht.", beruhigte Birgit ihn. "Keine Angst. Das hätte mir
nun wahrlich noch gefehlt. Jedenfalls wollte ich aber keine Story über Robert
schreiben, ohne sein Einverständnis zu haben. Auch nichts Seriöses, über uns
hätte ich ja sowieso nicht geschrieben. Das kann ich einfach nicht tun. Da
macht mein Gewissen nicht mit. Also habe ich dem Alten gesagt, dass ich Robert
Brockner gar nicht angetroffen habe. Ich dachte, das sei das Beste. Natürlich
war er nicht begeistert, aber ich sollte ja wenigstens den Reisebericht
schreiben. Dummerweise ist mir ein Foto mit Robert zwischen die abgegebenen
Bilder geraten und damit flog alles auf. Der Alte wollte, dass ich sofort eine
Story schreibe, aber das habe ich abgelehnt. Das Ergebnis kennst du ja. Ich
muss noch froh sein, dass er von mir nicht Schadenersatz oder die Reisekosten
zurück verlangt, dann sähe ich absolut alt aus."
"Du
hast absolut richtig gehandelt.", erwiderte Tommy. "Ich hätte es an
deiner Stelle genauso getan. Du bist dir und deinem Gewissen treu geblieben.
Und nur das ist es, was wirklich zählt."
"Nur
kann ich mir dafür nichts kaufen.", kam es bitter von Birgit zurück.
"Was
willst du jetzt machen?", fragte Tommy.
"Keine
Ahnung, ich kann nur hoffen, dass ich so schnell wie möglich wieder einen Job
finde. Aber du weißt ja, wie es im Journalismus aussieht. Da habe ich wohl kaum
Chancen."
"Dann
komm mit mir nach London.", bot Tommy ihr an.
"London,
was willst du denn in London?", fragte Birgit verwundert.
"Arbeiten.",
erwiderte ihr Freund. "Ich habe nämlich auch gekündigt."
"Meinetwegen?"
"Nicht
nur. Ich war mit meiner Arbeit auch schon lange unzufrieden. Das ich quasi der
Kronprinz bin, macht es nicht gerade einfacher. Ich mag trotzdem unseren
Klatschstil genauso wenig wie du und ich wollte schon lange mal etwas anderes
machen und mir fremden Wind um die Nase wehen lassen."
"Aber
warum ausgerechnet London?", hakte Birgit nach. Sie verstand noch immer
nicht, was plötzlich mit Tommy los war, dachte sie doch bisher, er sei glücklich
mit seiner Stellung. Jetzt kam er ihr seltsam verändert vor. Er wirkte
irgendwie befreit.
"Ich
habe da jemanden kennen gelernt, als ich vor einem halben Jahr dort war, um
über das ganze Scheidungstheater von Charles und Diana zu berichten.", erzählte
er.
Birgit
lächelte. "Ich wusste ja gar nicht, dass du eine Freundin hast, wurde aber
auch Zeit."
"Habe
ich auch nicht." Tommy stand auf und schaute aus dem Fenster hinunter auf
den Anwohnerparkplatz des Hochhauses. Dann wandte er sich um und sagte leise:
"Ich bin schwul."
"Was?"
Birgit sprang auf.
"Ich
bin homosexuell. Ich meine, ich stehe nicht auf Frauen, sondern Männer.",
erklärte er
"Ich
weiß, was schwul bedeutet.", erwiderte Birgit. "Aber du? Darauf wäre
ich nie gekommen. Und ich habe mich immer gefragt, warum du mich so unattraktiv
findest, dass du nicht mehr von mir willst, als unsere Freundschaft. Ich hatte
ja schon Minderwertigkeitskomplexe deswegen."
"Du
bist eine attraktive und nette junge Frau und unsere Freundschaft bedeutet mir
alles, aber ich wollte bei dir nie falsche Hoffnungen wecken, auf irgend etwas
mit mir, was nie würde sein können. Aber ich war auch noch nicht soweit, mich
zu outen, auch dir gegenüber nicht." Er lachte. "Du hättest das
Gesicht meines Vaters sehen sollen, als ich es ihm vorhin sagte. Es war
köstlich. Er braucht garantiert eine Weile, um den Schock zu verdauen. Ich war
so wütend, über den Umgang mit dir und als er anfing, mir wegen meiner
Kündigung zu drohen, dachte ich, da versetze ich ihm doch gleich noch einen
Schock."
"Also
hast du einen Freund in London?", fragte Birgit.
Tommy
nickte. "Ja, er heißt Marc Shepard. Er ist auch Journalist, besser gesagt
der Chefredakteur eines kleinen Kultur- und Szeneblattes. Er hat mir schon
damals angeboten, doch zumindest für eine Weile zu ihm zu kommen und für das
Blatt zu arbeiten. Es wäre ja auch ein gutes Sprachtraining. Das kann ja nicht
schaden für die Zukunft. Ich muss einfach mal, was anderes machen, raus aus
diesem Kleinstadtmief hier. Und du kommst jetzt ganz einfach mit. Marc hat
sicher auch für dich etwas zu tun. Und seine Wohnung ist groß genug für
drei."
"Ich
kann doch nicht einfach mitkommen. Dein Freund wird sich bedanken, wenn du
plötzlich mit mir auf der Türschwelle stehst.", warf Birgit ein.
"Quatsch,
Marc ist okay. Ihr werdet euch garantiert mögen. Du brauchst ja keine Angst zu
haben, dass einer von uns dir etwas tut."
"Aber
vielleicht hat er Angst, dass ich einem von euch etwas tue?", entgegnete
Birgit lächelnd.
Doch
Tommy schüttelte nur energisch den Kopf und ließ keinen Einwand gelten.
"Papperlapapp, du kommst mit. Außerdem wird dir ein Tapetenwechsel gut
tun. Dann kommst du auf andere Gedanken und musst nicht hier rum sitzen und
Trübsal blasen."
Er
hat recht, dachte Birgit. Hier fällt mir auf Dauer die Decke auf den Kopf und
ich drehe noch durch. "Also gut, ich komme mit."
"Wunderbar!",
Tommy strahlte. "Du wirst sehen, wir werden viel Spaß haben und alles wird
wieder gut."
Dein
Wort in Gottes Ohr, dachte sie, aber schlimmer als in den letzten Wochen kann
es wirklich nicht mehr kommen. Also auf nach London. Vielleicht kann ich dort
auch Robert vergessen und ein neues Leben anfangen zu führen.
-22-
Als
Birgit Markert Marc Shepard eine Woche später am Londoner Flughafen Heathrow
gegenüber stand, staunte sie nicht schlecht, denn Tommys Freund entpuppte sich
als ihr Flugnachbar, der sie auf dem Flug von Los Angeles nach London getröstet
hatte.
Marc
begrüßte sie herzlich in gebrochenem Deutsch mit den Worten "Ich hoffe, es
geht dir jetzt besser?"
Birgit
nickte und Tommy schaute erstaunt. "Ihr kennt euch?", fragte er
misstrauisch.
"Ja.",
erwiderte Marc. "Als ich neulich vom Urlaub in Los Angeles kam, saß Birgit
im Flugzeug neben mir. Natürlich wusste ich damals noch nicht, dass ihr euch
kennt. Ich hoffe aber, du warst nicht der Kerl, wegen dem sie weinte."
"Natürlich
nicht, das war ein ganz mieser Schuft.", entgegnete Thomas Lauenschmidt
sofort und ungeachtet des wütenden Blickes, den Birgit ihm zuwarf. Er war noch
immer nicht gut auf Robert Brockner zu sprechen. Da er seiner Meinung nach,
Birgit großes Unrecht getan hatte.
"Gut.",
Marc nickte. "Dann herzlich willkommen hier. Tommy hat mir am Telefon
erzählt, warum du deinen Job verloren hast. Ich finde, es war sehr vernünftig
von euch beiden, von eurem Klatschblatt weg zugehen. Wir finden schon genug zu
tun für euch beim "London Scenic", aber erst einmal zeige ich euch
die Stadt."
Gesagt,
getan. In den nächsten Wochen durchstreiften sie London in allen
Himmelsrichtungen. Marc zeigte seinen deutschen Freunden, alles was sehenswert
war: Buckingham Palace und Westminster Abbey, St. Pauls und den Picadilly
Circus, Tower und Covent Garden. Das mittlerweile vorweihnachtliche London erstrahlte
in hellem Lichterglanz. In Marcs großer Wohnung im Stadtteil Kensington war
genug Platz, dass alle drei ihr eigenes kleines Reich fanden. Natürlich kam
auch die Arbeit nicht zu kurz, denn Marc konnte in seiner kleinen Redaktion
jede Hilfe gebrauchen und so schrieben Tommy und Birgit fleißig Artikel. Sich
nun in der vielfältigen Londoner Kulturszene zu bewegen, war für beide eine
angenehme Abwechslung im Gegensatz zu ihrer früheren wenig seriösen und
befriedigenden Tätigkeit in Erfurt beim "Bunten Wochenblatt".
Am
2. Adventssonntag kam Marc nach Hause und sagte: "Heute Abend muss ich
einmal das Fernsehprogramm bestimmen. Im TV läuft die Europapremiere "Der
Todessekte"", des neuesten Filmes von Robert Brockner und ich will
die Fernsehkritik darüber schreiben."
"Muss
das sein?", fragte Tommy und er sah Birgit besorgt an, die blass geworden
war.
"Wieso?",
fragte Marc, verwundert über die ablehnende Haltung seines Freundes.
"Weil
ich den Kerl nicht leiden kann, diesen Mistkerl!", knurrte Tommy.
Marc
sah verwundert Birgit an, die energisch den Kopf schüttelte und Tommy
ihrerseits wütend anblickte. "Irgendwie verstehe ich hier wohl etwas nicht
ganz.", meinte er.
"Hat
Tommy dir nicht die ganze Geschichte meiner Entlassung erzählt?", fragte
Birgit.
Marc
schüttelte den Kopf und Tommy warf ein: "Ich erzähle doch nicht deine
Privatsachen weiter."
Birgit
nickte: "Aber Marc ist dein Freund und er kann ruhig alles erfahren."
Und zu Marc gewandt, fuhr sie fort: "Als wir uns damals im Flugzeug
trafen, kam ich von Hawaii zurück. Ich sollte dort eine Story über Robert
Brockner schreiben. Das war quasi meine große Chance, endlich etwas in der
Redaktion zu erreichen. Ich traf Robert schon auf dem Hinflug und wir wurden
schnell Freunde und schließlich ein Liebespaar. Er wußte jedoch nichts von
meinem Auftrag. Und ich fand nicht den Mut und die Gelegenheit ihm alles zu
erklären. Als er es später herausfand, wollte er nichts mehr von mir wissen. Da
ich mich aber weigerte, einen Artikel über das ganze zu schreiben, verlor ich
meinen Job."
"Das
tut mir leid.", sagte Marc leise. "Das wusste ich nicht."
"Und
ich bin stinksauer auf den Kerl.", warf Tommy ein. "Er hatte nicht
das Recht, Birgit hinauszuwerfen, ohne ihr die Chance auf eine Erklärung zu
geben.
"Er
hatte alles Recht der Welt.", entgegnete Birgit "Schließlich habe ich
ihm die ganze Zeit über die Wahrheit verschwiegen."
"Wenn
du willst, gebe ich den Auftrag jemand anderem.", bot Marc an.
Doch
Birgit schüttelte den Kopf "Nein, lass nur. Ich kann nicht immer und ewig
allem, was irgendwie mit Robert zusammenhängt aus dem Weg gehen."
-23-
"Würdest
du mir bitte endlich sagen, was mit dir los ist?" Ärgerlich musterte
Mathew Rowlands seinen Freund Robert Brockner, der auf seinem großen Stein am
Ufer des Pazifiks saß.
"Nichts
ist los.", war die stereotype Antwort, die Matt in den letzten Tagen
öfters gehört hatte. Eigentlich war er nach Kauai gekommen, um die
Vorweihnachtszeit bei seinem besten Freund zu genießen. Doch seit seiner
Ankunft machte er sich Sorgen um Rob. Er war seltsam verändert, wirkte auf ihn
geradezu deprimiert. Heute morgen hatte er dann auf Roberts Leinwand das
Porträt einer jungen Frau entdeckt. Daneben lagen Fotos, nach denen er sie
offensichtlich malte. Irgendwas stimmte da doch nicht und deshalb hakte der
schlanke, blonde und blauäugige Mann nach.
"Mach
mir doch nichts vor. Ich kenne dich. Und ich mag zwar nicht viel von der Liebe
im allgemeinen und den Frauen im besonderen verstehen, aber wenn jemand
Liebeskummer hat, erkenne ich das schon. Und du zeigst eindeutig alle Symptome.
Wer ist die Frau, die du malst?"
Ruckartig
hob Robert Brockner den Kopf, musterte seinen vor ihm stehenden 40-jährigen
Freund. "Was weißt du?"
"Nichts.",
entgegnete Matt. "Ich habe nur heute morgen das Gemälde und die Fotos
gesehen. Wer ist sie?"
"Meine
große Liebe.", sagte Robert leise.
"Was
ist passiert?"
"Ich
Idiot habe sie verloren.", erzählte Robert. "Als ich von den
Dreharbeiten in der Schweiz zurückkam, lernte ich im Flugzeug eine junge Frau
kennen, eine Deutsche, Birgit. Es war Liebe auf den ersten Blick, aber das war
mir damals noch nicht bewußt. Jedenfalls verbrachte ich die nächsten Tage mit
ihr und zeigte ihr die Insel. Ich dachte, sie sei als Touristin hier. Nun,
irgendwann gestand ich ihr meine Gefühle und sie schien sie zu erwidern."
Er unterbrach sich, streichelte Charly, der zu seinen Füßen lag.
Matt
setzte sich in den weichen, warmen Sand neben dem Hund. "Und was ist dann
passiert?", fragte er.
"Ich
bekam ein Fax an sie in die Hände. Daraus habe ich schließlich entnommen, daß
sie Journalistin ist und es ihr Auftrag war, eine Story über mich zu
schreiben."
"Ach
du großer Mist, so eine Gemeinheit!", rief Matt empört.
"Das
dachte ich erst auch.", entgegnete Robert Brockner. "Also warf ich
sie hochkant hinaus. Aber ganz offensichtlich hat sie diesen Artikel nicht
geschrieben. Ich habe die Zeitschrift abonniert, von der das Fax kam. Es hat
mich zwar eine ganze Menge Mühe gekostet, die Leute zu überzeugen, dass sie mir
die Zeitung nach Hawaii schicken, aber schließlich taten sie es doch. Es stand
aber nie auch nur ein Satz über mich drin. Und ich denke doch, wenn sie einen
Artikel hätte schreiben wollen, hätte sie es längst getan. Ich denke, nein ich
weiß, dass ich Birgit großes Unrecht getan habe. Ich habe ihr ja nicht einmal
die Chance auf eine Erklärung gelassen. Und vor allem habe ich dadurch die
Chance, privat doch noch glücklich zu werden in meinem Leben, zerstört."
"Warum
rufst du sie nicht an oder schreibst ihr, erklärst ihr alles?", schlug
Matt vor. "Vielleicht verzeiht sie dir ja."
Robert
zuckte resignierend die Schultern. "Weil ich nicht weiß, wie ich sie
erreichen kann. Ich habe in dieser Redaktion angerufen. Dort, sagte man mir,
würde sie nicht mehr arbeiten. Schließlich gab man mir ihre private Adresse und
Telefonnummer. Aber unter der Nummer erhält man keinen Anschluss und gestern
kam auch mein Brief zurück. Empfänger unbekannt verzogen. Vielleicht ist sie
meinetwegen weggegangen. Ich weiß nur, dass ich nicht weiß, was ich noch machen
soll, um sie zu finden. Nein, ich habe wohl meine letzte und einzige Chance auf
eine große Liebe leichtfertig verspielt. Das Einzige, was mir geblieben ist,
sind die paar Fotos, die ich von ihr gemacht habe."
Matt
schwieg, weil er nicht wusste, wie er seinen Freund aufmuntern sollte.
Schließlich sagte er: "Und was willst du in Zukunft machen?"
"Arbeiten,
viel arbeiten.", kam es zurück. "Hier drehe ich noch durch, weil ich
immer nur an sie denken muss. Deshalb werde ich wieder drehen und habe auch
zugesagt nächste Woche nach London zu kommen und bei der UNICEF Weihnachtsgala
dort aufzutreten. Das lenkt mich wenigstens für eine Weile ab."
-24-
Marc
Shepard stand abwartend im Garderobengang der Londoner Albert Hall. Hier fand
gerade die Generalprobe für die diesjährige UNICEF-Weihnachtsgala statt. Dank
seiner Position als Chefredakteur einer Londoner Kulturzeitung war der
38-jährige natürlich bestens informiert und so wusste er auch, dass Robert
Brockner als Stargast der Gala auftreten sollte. Er hoffte einfach, dass der
Schauspieler auch bei der Probe schon anwesend war, denn er hatte eine
Entscheidung gefällt. Sie war ihm nicht leicht gefallen, doch er war überzeugt,
dass er das Richtige tat. Tommy wäre da sicher anderer Meinung, dachte er.
Deshalb hatte er den Freund auch nicht eingeweiht. Er wollte lieber erst einmal
sehen, ob die ganze Sache auch gelang. Nachdem er vor anderthalb Wochen von
Birgit die ganze Geschichte über ihre Liebe zu Robert Brockner erfahren hatte,
konnte er ihr Verhalten in den letzten Wochen besser verstehen. Zwar schien es
oberflächlich so, als ginge es ihr wieder besser und sie genoss die
vorweihnachtliche Stimmung in der Stadt auch sichtlich. Doch er hatte auch
bemerkt, dass sie tief in ihrem Inneren immer noch litt und deshalb wollte er
ihr gern helfen. Als er Schritte näher kommen hörte, wurde er aufmerksam. Und
tatsächlich es war Robert Brockner, der sich näherte. Den Hollywoodstar
erkannte Marc sofort. Also trat er vor.
"Mr.
Brockner!", sprach er ihn mutig auf englisch an. "Ich bin Marc
Shepard vom "London Scenic". Kann ich Sie sprechen?"
"Ich
gebe keine Interviews!", unwirsch trat der Schauspieler an ihm vorbei auf
die Tür seiner Garderobe zu.
"Deshalb
bin ich auch nicht hier.", Marc ließ sich nicht beirren. "Ich möchte
mit ihnen über Birgit Markert reden."
Abrupt
blieb Robert Brockner stehen. Er musterte den blonden jungen Mann, der ihn
durch seine blauen Augen und die große, schlanke Statur an Matt erinnerte.
"Was wissen Sie?", fragt er heiser. Er deutete auf die Tür.
"Kommen Sie bitte herein!"
Marc
schloss die Tür hinter sich und blieb mit dem Rücken an sie gelehnt stehen.
Robert
Brockner setzte sich nervös auf einen Stuhl. "Wo ist Birgit?"
"Bei
mir zu Hause".
Robert
Brockners Miene verdunkelte sich. "Keine Angst.", sagte Marc schnell.
"Es ist nicht das, was Sie jetzt vielleicht denken. Mein Lebensgefährte
ist ihr bester Freund. Er brachte sie mit nach London, als sie ihren Job
verlor."
"Man
sagte mir, dass sie nicht mehr beim "Bunten Wochenblatt" arbeitet,
als ich dort anrief.", erzählte Robert.
"In
der Tat.", erwiderte Marc. "Sie verlor ihren Job, weil sie sich
weigerte, eine Story über Sie zu schreiben, ohne Ihr Einverständnis. Mr.
Brockner, ich weiß was auf Kauai passiert ist.", fuhr er fort. "Aber
Birgit wollte Sie nie hintergehen. Sie sagte mir, dass sie mehrmals versucht
hat, Ihnen alles zu erzählen, aber es kam immer etwas dazwischen. Mehrmals
hätten Sie sie auch unterbrochen. Birgit ist ein lieber, netter Mensch. Sie
würde nie jemanden hintergehen, am allerwenigsten Sie. Der Auftrag, einen
Artikel über Sie zu schreiben, war ihre große Chance, in der Redaktion voran
zukommen. Aber sie wollte die ganze Sache von Anfang an seriös behandeln.
Leider ließen Sie ihr keine Chance."
"Ich
weiß.", Robert nickte. "Ich habe die Zeitschrift abonniert. Ich weiß,
dass sie nichts über mich geschrieben hat. Ich wollte mich bei ihr
entschuldigen, aber ich konnte sie nicht erreichen. Die Post kam zurück und
unter der Telefonnummer gab es keinen Anschluss."
"Tommy,
mein Freund, hat sie mit nach London gebracht, damit sie auf andere Gedanken
kommt. Ich dachte nur, Sie sollten wissen, dass Birgit es immer ehrlich gemeint
hat. Was Sie jetzt machen, ist mir egal."
"Ich
danke Ihnen.", sagte Robert Brockner herzlich. "Ich muss mit Birgit
reden. Wo kann ich sie finden?"
"Wir
sind für heute 16.00 Uhr in Kensington Gardens verabredet. Wir wollen dann
hinüber zu Harrods und ein paar Weihnachtsgeschenke für Tommy kaufen, aber das
kann warten. In der Mitte des Parks ist ein See. Kommen Sie ans rechte Ufer.
Dort ist ein Imbisskiosk. Ich werde mit ihr in der Nähe sein.", erklärte
Marc.
"Danke.
Ich werde pünktlich sein.", erwiderte Robert herzlich. Vielleicht wird ja doch
noch alles gut, dachte er, jetzt darfst du es aber auf keinen Fall wieder
vermasseln.
-25-
Birgit
warf den Enten und Schwänen auf dem kleinen See im Park von Kensington ein paar
Brotkrumen zu, die diese begierig aufpickten, als Marc neben sie trat. Die
Glocke einer nahen Kirche schlug gerade 16.00 Uhr.
"Ich
habe Durst.", sagte er zu ihr nach der Begrüßung. "Ich schaue noch
schnell mal zum Kiosk und hole mir etwas."
"Ich
werde nicht weglaufen.", versprach Birgit und zog den Kragen ihres Mantels
höher, da ein eisiger Wind aufzukommen begann. Robert Brockner kam Marc
entgegen, als dieser sich dem Kiosk näherte. "Viel Glück.", sagte er
zu dem Star, der ihm dankbar zu nickte.
Birgit
war so auf die Tiere, die sie fütterte, konzentriert, dass sie Robert nicht
kommen sah und erst aufblickte, als er neben ihr stand und sie mit einem leisen
"Hallo, Darling!" begrüßte. Ihre Augen weiteten sich vor Überraschung
und dann wollte sie, einem plötzlichen Impuls folgend, wegrennen.
Doch
Robert hielt sie am Arm fest. "B, lass uns miteinander reden,
bitte.", bat er flehentlich.
Birgit
nickte. "Robert, ich wollte das Ganze doch nicht. Ehrlich. Ich wollte dir
nicht weh tun, dich nicht verraten. Ich wollte es dir doch die ganze Zeit
sagen, aber ...", ihre Stimme überschlug sich fast
"Ich
weiß.", sagte Robert leise. "Ich weiß alles. Marc hat mir alles
erklärt. Aber ich wusste es auch schon vorher. Ich habe deine Zeitschrift
abonniert und gesehen, dass du nichts über mich geschrieben hast."
"Das
hätte ich doch nie getan, ohne deine Zustimmung, Rob.", erwiderte Birgit.
"Das weiß ich jetzt auch und dein Beruf stört mich auch überhaupt nicht.
Ehrlich. Ich wollte dir das schon die ganze Zeit sagen, konnte dich aber nicht
erreichen."
"Mein
Freund Tommy hat mich mit nach London genommen, damit ich auf andere Gedanken
komme. Außerdem war ich meinen Job ja eh los.", erklärte Birgit.
"Und
das ist nur meine Schuld. Es tut mir so leid, Schatz.", sagte Rob betrübt.
"Mach
dir deswegen bitte keine Vorwürfe.", erwiderte Birgit. "Es ist besser
so, ich war sowieso nicht glücklich mit ihm. Das war eh nicht die Form von
Journalismus, die ich mir immer für mich vorgestellt habe."
"Aber
was machst du eigentlich jetzt hier in London?", fragte sie ihn
verwundert.
Robert
lächelte. "Ich wollte durch Arbeit Ablenkung finden. Ich war so betrübt,
als ich dich nirgends erreichen konnte. Ich dachte, ich hätte dich für immer
verloren und deshalb wollte ich mich wieder in Arbeit stürzen. Als erstes habe
ich das Angebot, als Gaststar bei der diesjährigen UNICEF-Weihnachtsgala in der
Albert Hall aufzutreten, angenommen. Ich dachte ja, je weiter ich weg bin von
Hawaii und damit von den Erinnerungen an dich und unsere glückliche Zeit dort,
um so besser. Und jetzt muss ich sagen, dass war die beste Entscheidung meines
Lebens." Er wurde ernst. "Birgit, ich liebe dich. Bitte verzeih mir
und gib mir noch eine Chance. Komm mit mir nach Hawaii oder, wenn dir das
lieber ist, bleiben wir hier. Ich gehe mit dir auch überall hin, wo du willst,
vom Nordpol bis Australien, nur verlass mich nie wieder." Er hielt den
Atem an, als er sie musterte. Würde sie ihm verzeihen, wie er sie auf Kauai
behandelt hatte? Er hoffte es so sehr, denn er konnte sich nicht vorstellen,
sich je wieder von ihr zu trennen. Er wollte den Augenblick festhalten, für
immer.
Birgits
Herz machte vor Freude einen Sprung. Jetzt würde also doch noch alles gut
werden. Sie und Robert für immer vereint. Sie hätte es nicht mehr zu hoffen
gewagt. Nana hatte also doch recht gehabt, dachte sie, unsere Seelen gehören
zusammen und Marc werde ich ewig dankbar sein, für seine Hilfe als Postillion
D'Amour. "Ich liebe dich doch auch so sehr und ich würde gern für immer
mit dir auf Hawaii zusammen sein.", erwiderte sie strahlend. Robert
umarmte sie fest und ihre Lippen fanden sich zu einem langen und innigen Kuss.
Und diesmal sollte ihr Glück und ihre Liebe für immer und ewig sein.
- ENDE -