Passion in Paradise

 

T’Len

 

Beendet: 27.10.1998

 

For my favourite actor

 

 

-1-

 

"He Babe, wie geht es!", lächelnd schob sich der dunkle Wuschelkopf vor ihr Gesicht.

 

"Du sollst nicht immer Babe zu mir sagen, Tommy!", verärgert hob sie den Kopf, funkelte ihn an.

 

"Na welche Laus ist dir denn heute wieder über die Leber gelaufen, B?", Thomas Lauenschmidt wurde ernst, als er sich auf die Kante des Schreibtisches schwang. Mit seinen Jeans und dem legeren Hemd sah er wie immer sehr sportlich aus. Er war 1,80 groß, schlank, mit dunklen Locken und braunen Augen, 30 Jahre alt und alles in allem sehr attraktiv. Es gab wohl keine Dame in der Redaktion, von der 18-jährigen, blutjungen neuen Volontärin bis zu Frau Meier, der ältlichen Sekretärin des Chefs, die schon seit Urzeiten im Erfurter Verlagshaus Müller & Lauenschmidt arbeitete, die nicht mehr oder minder heimlich in ihn verliebt war. Kein Wunder, dass er in dem Ruf stand, ein Frauenheld zu sein, obwohl er nur selten privat in weiblicher Begleitung gesehen wurde. Seine Arbeit war ihm wichtiger als sein Privatleben. Was auch kein Wunder war, war er doch der Sohn des Teilhabers und stellvertretenden Chefredakteurs des "Bunten Wochenblattes" Hans Lauenschmidt, würde irgendwann die Hälfte des Verlages erben. Das verpflichtete natürlich, zumal er trotz seines jugendlichen Alters und erst weniger Jahre Erfahrung im Journalismus schon die Kultur- und Adelsredaktion der Zeitschrift leitete. Aus unergründlichen Augen musterte er B nachdenklich.

 

B, englisch ausgesprochen wie Bi, das war der Spitzname von Birgit Markert, der jungen Redaktionsmitarbeiterin. Sie war ein nettes, junges Mädchen, 1,68 groß, schlank, mit einem dunklen Pferdeschwanz, grün-grauen Augen, 26 Jahre jung, stets sportlich gekleidet, mit Hosen - Röcke und Kleider trug sie aus Prinzip nie - und einer Vorliebe für T-Shirts mit Hawaii-Motiven. Sie war ruhig, ernsthaft, zurückhaltend und etwas schüchtern, weckte so immer wieder seinen Beschützerinstinkt. Aber sie war auch eine fleißige und talentierte Journalistin, vielleicht sogar die Beste im ganzen Redaktions-Team. Und genau das war ihr Problem.

 

Er ahnte, was jetzt kommen würde. "Ich habe es so satt.", zornig warf Birgit ihren Kopf zurück. "So satt."

 

"Was ist passiert?"

 

Sie deutete auf den Stapel Post neben dem Computer auf ihrem Schreibtisch. "Tante Klara gibt Rat.", lachte sie zynisch. "Ich habe doch nicht mein Abitur mit Auszeichnung, mit lauter Einsen und nur einer zwei in Musik, gemacht und dann fünf Jahre Journalistik studiert, um jetzt frustrierten alten Schachteln, bei denen es im Bett nicht mehr klappt, Sextipps zu geben. Die Ratgeberseite ist doch nun wirklich der letzte Husten in einer Redaktion. Das ist nicht gerade das, was ich mir unter meiner Karriere vorgestellt hatte. Ich will recherchieren, Leute interviewen, ordentliche Storys schreiben, keine Haushalts- und Sextips. Das könnte ja auch meine Oma. Und Gaby, diese aufgedonnerte Schnepfe, fährt schon wieder nach Berlin zur Berlinale, trifft die ganzen Stars und kriegt die Titelseite. Die war zu blöd, eine ordentliche Ausbildung zu machen, aber ein großer Busen und lange Beine in einem Minirock reichen ja aus, um bei den Chefs die Hormone in Wallung zu bringen. Wer weiß, mit wem die alles gepennt hat, um ihren Job zu kriegen."

 

"Mach's doch genauso! Entschuldigung!", er biss sich auf die Zunge. "Das wollte ich nicht sagen. Ich weiß, das ist nicht dein Stil und das ist gut so, aber wenn du auf Gaby sauer bist, übrigens zu Recht, wie ich finde, musst du es auf mich auch sein. Denkst du, ich hätte den Posten ohne meinen Vater bekommen?"

 

"Nein, aber du hast echt was drauf und bist ein guter Journalist mit einer ordentlichen Ausbildung. Außerdem wirst du eines Tages die Hälfte des Verlages erben, also ist es nur normal, dass du schon vorher hier arbeitest. Das ist doch etwas ganz anderes als bei Gaby.", erwiderte sie.

 

"Kopf hoch, es wird schon besser werden. Irgendwann bekommst du deine Chance und dann müssen alle einsehen, was du auf dem Kasten hast." Und vielleicht kann ich ja etwas nachhelfen, dachte er. Ich muss mal wieder mit Dad reden. Er sprang von der Schreibtischkante und klopfte Birgit aufmunternd auf die rechte Schulter. "See you later, Alligator".

 

-2-

 

Ihre Chance kam schneller, als sie gedacht hatte. Schon am nächsten Morgen wurde sie ins Büro des Chefs gerufen. Mit zitternden Knien stand sie vor Klaus-Jürgen Müller, Herausgeber und Chefredakteur des "Bunten Wochenblattes" - eine Zeitschrift für die Frau von Heute, mit allem, was sie interessiert: Prominente, Mode, Haushalt, Liebe, Reisen - so der Werbeslogan - für die sie seit über einem Jahr arbeitete, die graue Eminenz des Hauses, von allen Mitarbeitern respektvoll nur der Alte genannt. Was wird er wohl wollen, fragte sie sich. Bleibe ruhig, dachte sie, schlimmer kann es nicht mehr kommen. Ein schlechteres Ressort als "Tante Klara gibt Rat" gibt es nicht. Er kann dich höchstens noch feuern.

 

Wieder Erwarten lächelte der Alte freundlich: "Nehmen Sie doch Platz, Fräulein Markert."

 

Sie setzte sich in den großen Besuchersessel und ihre Hände wurden feucht. Der Alte thronte gegenüber in seinem Sessel hinter seinem mächtigen Schreibtisch.

 

"Sie arbeiten ja nun schon seit gut einem Jahr für uns und es gab nicht einmal Grund zur Klage. Im Gegenteil, alle Mitarbeiter loben Ihre ausgezeichnete Arbeit, Kollegialität und Hilfsbereitschaft. Sie springen immer ein, wo Not am Mann ist. Thomas Lauenschmidt hat sich auch sehr für Sie verwendet. Ich hätte da einen großen Spezialauftrag für Sie. Haben Sie Interesse?" 

 

Einen Spezialauftrag! Vielleicht war das endlich ihre Chance, auf die sie seit einem Jahr wartete, immerhin wollte sie nicht ihr ganzes Leben lang nur Haushalts- und Sextipps schreiben. Seit sie denken konnte, hatte sie nichts anderes werden wollen als Journalistin. Geschrieben hatte sie schon immer gern und auf andere Leute war sie neugierig. Sie wirkte zwar auf Außenstehende recht schüchtern, konnte aber gut zuhören und andere Menschen befragen. Zielstrebig hatte sie ihren Berufswunsch verfolgt. Schon während ihrer Schulzeit hatte sie für die Lokalzeitung ihres Heimatkreises Arnstadt geschrieben. Nach dem Abitur machte sie dort ein einjähriges Praktikum, um dann zu studieren. Damals stellte man ihr in Aussicht, nach dem Studium wieder in der Redaktion zu arbeiten.

 

Aber durch den Fall der Mauer vor fast sieben Jahren hatte sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt total verändert. Viele Journalisten aus dem Westen waren herüber gekommen, hatten die Stellen besetzt. So blieben ihre Bewerbungen trotz bester Zensuren erfolglos und sie war froh, wenigstens die Stelle beim "Bunten Wochenblatt" bekommen zu haben, auch wenn der Klatschstil des Blattes nicht gerade ihren Vorstellungen von seriösem Journalismus entsprach und "Tante Klara" schon gar nicht. Vielleicht bekam sie jetzt endlich die Chance, zu zeigen, dass sie weitaus mehr konnte.

 

"Aber natürlich, Herr Müller. Worum geht es denn?", antwortete sie deshalb sofort.

 

"Kennen Sie den Schauspieler Robert Brockner?"

 

"Sie meinen den Star aus "Das gebrochene Gelübde"? Natürlich."

 

"Er hat in den letzten Wochen für SAT-TV einen Film über eine Sekte gedreht, mit Titel "Die Todessekte". Dieser soll in einem Vierteljahr laufen. Wir möchten dazu eine große Story über ihn im Blatt haben. Das ist immer gut für die Verkaufszahlen und SAT-TV wird für die kostenlose Werbung auch dankbar sein. Das können wir immer gebrauchen, eine Hand wäscht schließlich die andere. Wie Sie vielleicht wissen, ist Robert Brockner nicht sehr mitteilsam gegenüber Journalisten. Er gab auch während der Dreharbeiten keine Interviews. Wir haben jetzt von jemanden aus der Filmcrew seine Privatadresse erfahren. Sie sollen nach Hawaii fliegen, wo er lebt und dort Kontakt zu ihm aufnehmen. Liefern Sie uns eine ordentliche Story! Wie Sie das anstellen, ist ihre Sache! Selbstverständlich bezahlen wir die Reise und alle Spesen. Sie wissen ja, dass man dem Herrn nachsagt, er stehe mehr auf Männer denn Frauen. Finden Sie heraus, ob es stimmt, liefern Sie uns ein Foto mit seinem Lover oder ähnliches! Hauptsache etwas Neues, was die Auflage steigert! Das ist Ihre Chance!"

 

"Ich werde mein Bestes tun.", versprach sie. "Wann soll ich fliegen?".

 

"Übermorgen. Es ist alles gebucht. Meine Sekretärin gibt Ihnen die Unterlagen. Sie haben doch einen gültigen Reisepass?" Sie nickte nur und wankte aufgeregt hinaus.

 

-3-

 

Es klingelte an der Tür ihrer kleinen Plattenbauwohnung im Erfurter Neubaugebiet. Als sie öffnete, stand Tommy vor der Tür. "Was ist los, B? Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte. Deine Nachricht auf dem Anrufbeantworter klang sehr dringend."

 

"Komm herein, ich muss dir etwas Tolles erzählen.", sie zog ihn an der Hand mit sich.

 

Als er das Chaos in dem Wohn- und Schlafzimmer ihrer kleinen Einraumwohnung sah, wo der Inhalt des halben Kleiderschrankes auf Tisch, Sofa, Fußboden und den Stühlen verteilt lag, lachte er. "Ist hier ein Orkan durch gefegt?"

 

"Ja, beinahe. Ich weiß nicht, was ich einpacken soll. Was braucht man denn Anfang September auf Hawaii? Ich nehme bestimmt viel zu viel mit. Und ich muss noch so viel erledigen. Morgen abend fahre ich mit dem Zug nach Frankfurt. Freitag früh geht das Flugzeug und ich muss unbedingt noch Filme für den Fotoapparat und die Videokamera besorgen."

 

"Mach mal halblang! Hawaii, was willst du auf Hawaii? Was ist denn überhaupt los, Mensch?", verwirrt sah er sie an.

 

Ihre Wangen glühten vor Aufregung. "Ich habe vom Alten einen Spezialauftrag bekommen. Ich soll Robert Brockner suchen und eine Story schreiben.", sprudelte es aus ihr heraus.

 

"Robert Brockner, den Typ kenne ich doch irgendwie?", Tommy warf einen bezeichnenden Blick an die Wand. Dort hing nämlich ein Poster des berühmten Schauspielers, dass ihn in seiner Paraderolle zeigte, in der Rolle des katholischen Priesters, der den Reizen eines hübschen Mädchens erliegt und sein Gelübde der Keuschheit bricht. "Das gebrochene Gelübde" hatte ihm vor 14 Jahren großen internationalen Ruhm und viele Auszeichnungen eingebracht. Kino- und TV-Produzenten rissen sich seitdem genauso um den Star, wie die Frauen auf der ganzen Welt. Doch er zog ein zurückgezogenes Leben auf Hawaii dem Glamour Hollywoods vor und ließ nur wenig über sein Privatleben verlauten, seitdem blühten die Gerüchte.

 

"Ist das nicht toll, ich kann meinen Schwarm kennen lernen und dann noch auf Hawaii!"

 

"Nun beruhige dich doch erst mal und erzähle der Reihe nach!" Tommy setzte sich rücklings auf den einzigen freien Stuhl im Raum.

 

Birgit schob ein paar Sachen beiseite und nahm auf ihrem roten Futonsofa, das in der Nacht auch als Bett diente, Platz. "Heute morgen wurde ich zum Chef gerufen. Ich hatte schon Angst, was nun kommen würde. Und dann bot er mir einen Spezialauftrag an. Robert hat einen Film für SAT-TV gedreht und wenn er in einem Vierteljahr läuft, will der Alte im Blatt eine große Story über ihn haben. Da der Schauspieler als sehr zurückhaltend der Presse gegenüber gilt, soll ich nach Hawaii und ihn dort aufspüren."

 

"So klein ist aber Hawaii auch nicht, dass du ihn so ohne weiteres finden könntest.", warf er besorgt ein.

 

"Ich habe eine Adresse. Einer aus der Filmcrew hat geplaudert und sie verraten. Er wohnt jetzt auf Kauai, außerhalb jeder Ortschaft am Meer. Das werde ich schon finden und dann gehe ich nicht eher weg, als bis ich die Story habe. Das ist meine Chance, Tommy! Wenn ich eine ordentliche Story abliefere, kriege ich in Zukunft bestimmt weitere solche Aufträge und Tante Klara ist passé. Und ich darf für umsonst zwei Wochen nach Hawaii! Du weißt doch, wie gern ich da schon immer einmal hin wollte seit die Mauer fiel, nur konnte ich es mir nie leisten, und von Robert träume ich schon so lange."

 

"Ich weiß", Tommy nickte nachdenklich. Er wusste nur zu gut, von der Schwärmerei und Sammelleidenschaft seiner Freundin für den bekannten Schauspieler. Der Kerl sah ja auch sehr gut aus. 1,85 m groß, blaue Augen, dunkelblonde Haare, war trotz seiner 61 Jahre noch top in Form. Der könnte mir auch gefallen, dachte er. Er soll ja mehr auf Männer stehen. Trotzdem machte er sich Sorgen um Birgit. Sie sollte sich lieber einen echten Freund suchen, als dieser sinnlosen Schwärmerei für einen Star nachhängen, war seine Meinung. Sie war ein klasse Mädchen, nur ging sie viel zu selten privat aus, um einmal unter Leute zu kommen und jemanden kennen zu lernen. Er selbst war ihr leider da auch keine große Hilfe, denn sein Privatleben fand quasi gar nicht statt. Er wusste, dass einige Kollegen dachten, sie beide seien ein Paar.

 

Er hatte Birgit seit ihrem ersten Tag in der Redaktion gemocht, als er sie durchs Gebäude des Erfurter Verlagshauses Müller & Lauenschmidt führte, ihr alles erklärte. Vor Schüchternheit hatte sie kaum ein Wort zu fragen gewagt. Trotzdem oder gerade deshalb waren sie recht schnell Freunde geworden, aber mehr war da nicht und würde auch nie sein. Ein paar Mal war er mit ihr privat ausgegangen. Doch er hatte ihr keine falschen Hoffnungen auf eine eventuelle Liebesbeziehung zwischen ihnen machen wollen und dies deshalb lieber wieder sein lassen. Er mochte sie und sah in ihr seinen einzigen echten Freund, dem er vertrauen und alles erzählen konnte. Deshalb wollte er sie gern vor Unheil beschützen.

 

"Du bist dir aber bewusst, was für eine Art Story man von dir erwartet?", warnte er sie deshalb.

 

"Sicher, ich bin doch nicht blöd. Ich weiß auch, was für ein Klatschblatt wir sind. Es ist nicht ganz die Form von Journalismus, die mir vorschwebt. Aber bei einer seriösen Zeitung habe ich nach dem Studium ja keine Stelle bekommen und ich brauche nun einmal das Geld. Ich kann meinen Eltern nicht ewig auf der Tasche liegen. Sie haben schon genug für mich getan in den letzten 26 Jahren. Ich werde aber fair sein und ihn informieren, was ich schreibe. Ich könnte ja nicht mehr in den Spiegel schauen, wenn ich irgendeine Lügenstory erfinden würde. Das ist nicht mein Stil. Ich werde ihn schon dazu bringen, mir etwas zu erzählen, was interessant ist. So ein faszinierender Mann, muss doch genug Storys kennen. Er war doch schon fast überall auf der Welt und von den ganzen Dreharbeiten gibt es sicher auch viel zu berichten, da muss ich nicht mal in seinem Privatleben rum schnüffeln. Und übrigens noch schönen Dank für deine Empfehlung beim Alten, sonst hätte sicher wieder Gaby den Job abgefasst."

 

"Gern geschehen, ich habe ihm nur die Wahrheit über deine Fähigkeiten gesagt." Ob dies aber in diesem Fall so glücklich war, wagte er mittlerweile zu bezweifeln. Hoffentlich geht das nicht schief, dachte er. Er ahnte, dass noch einiges auf sie beide zukommen würde.

 

-4-

 

Aufgeregt und neugierig musterte Birgit das bunte Treiben auf dem Frankfurter Flughafen. Durch große Glasfenster konnte sie vom Abflugwarteraum hinunter in die riesige Halle schauen, wo Menschen einander verabschiedeten oder willkommen hießen, wo andere zum Gepäckschalter oder zur Zollkontrolle eilten. Babylonisches Stimmgewirr drang bis zu ihr hinauf. Eine Welt für sich, ist das, dachte sie und war froh, dem ganzen Trubel entkommen zu sein. Die letzten 48 Stunden hatte sie wie im Rausch erlebt. Seit der Alte ihr den Spezialauftrag gegeben hatte, hatte sie kaum eine Minute der Besinnung gefunden. Noch immer glaubte sie, das alles nur zu träumen. Bevor sie am gestrigen Abend in den Zug nach Frankfurt/Main geklettert war, hatte sie noch genügend Filme für den Fotoapparat und die Videokamera besorgt und ihren Koffer mindestens viermal aus- und wieder eingepackt, weil sie fürchtete, etwas vergessen zu haben. Von ihren Eltern hatte sie sich natürlich auch noch verabschiedet. Diese hatten ihr, wie auch Tommy, der sie zum Bahnhof gefahren hatte, gute Ratschläge und die Ermahnung, gut auf sich aufzupassen mit auf den Weg gegeben. Sie versprach dies zu tun, genauso, wie gleich nach ihrer Ankunft auf Hawaii ungeachtet des Zeitunterschiedes von 12 Stunden anzurufen. In Frankfurt war dann für eine Nacht ein Hotelzimmer für sie gebucht gewesen. Das Geld hätte sich der Verlag allerdings sparen können, denn vor Aufregung machte sie kaum ein Auge zu, blätterte statt dessen lieber im Hawaii-Reiseführer. Obwohl sie in den letzten Jahren unzählige Videos über die Inseln gesehen und Bücher gelesen hatte, wollte sie doch noch einmal auf Nummer sicher gehen, dass sie auch alles wusste, speziell über ihr besonderes Reiseziel, die nördlichste, älteste und kleinste der vier größeren und touristisch erschlossenen Hawaii-Inseln: die Garteninsel Kauai. Kauai war ja schon immer meine Lieblingsinsel, dachte sie erfreut, wie schön, dass Robert sich gerade dort niedergelassen hat. Wir haben eben doch beide den gleichen Geschmack in dieser Hinsicht.

 

Sie konnte gut verstehen, warum Robert nun von Oahu nach Kauai gezogen war. Dort war schließlich die Natur noch am unberührtesten und der Touristenauflauf nicht so groß, wie auf den anderen Inseln, was sicher auch dazu führte, dass er nicht von so vielen Fans behelligt wurde, außerdem hatte er ja dort einen Teil der Szenen für "Das gebrochene Gelübde" gedreht. Sie wusste genau wo und wollte diese Orte unbedingt besichtigen. Das nahm sie sich fest vor. Hoffentlich stimmt aber die Adresse von Robert auch, dachte sie, sonst sehe ich alt aus. Wenn ich ihn nicht finde, kann ich meine Story vergessen und meine Chance damit auch. Es würde dem Alten nicht gefallen, das ganze Geld für umsonst ausgegeben zu haben. Als ein freundlicher Taxifahrer sie dann am Freitagmorgen vor dem Flughafenhauptgebäude abgesetzt hatte, war sie erschrocken. So groß hatte sie sich den Frankfurter Flughafen nun wirklich nicht vorgestellt. Sie fragte sich, ob sie da wohl auch die richtigen Schalter finden würde. Aber zum Glück ging alles glatt und sie konnte samt Gepäck zum Flug nach Hawaii via Los Angeles einchecken. Im Warteraum hatte sie dann erst einmal neugierig aufs Rollfeld gespäht, wo fast minütlich einer der großen Jets startete oder landete. Etwas mulmig war ihr nun doch zumute, war sie doch noch nie in ihrem Leben geflogen. Dank der Großzügigkeit ihres Arbeitgebers konnte sie sogar erster Klasse reisen, was ihr schon hier im Abfertigungsgebäude eine kleine Sonderbehandlung einbrachte. Immerhin waren die VIP-Passagiere in einem gesonderten Warteraum, wo kühle Getränke und kleine Erfrischungen bereit standen, geführt wurden und mussten nicht zusammen mit dem Großteil der Reisenden, welche nur Economyclass gebucht hatten, warten.

 

Erschrocken fuhr sie herum, als eine Stewardess sie freundlich von hinten antippte. "Würden Sie bitte ihre Bordkarte bereithalten und sich zum Ausgang begeben. Die Passagiere erster Klasse können jetzt gleich einsteigen." Sie tat, wie ihr geheißen und ging Richtung Ausgang. Das große Abenteuer konnte nun beginnen.

 

-5-

 

Freundlich wies ihr eine Stewardess im Flugzeug die Richtung zu ihrem Platz. Mit Enttäuschung stellte Birgit fest, dass sie am Gang und nicht am Fenster sitzen konnte. Dort hatte sich schon ein anderer Passagier niedergelassen. Der bärtige Herr war bereits in eine der Zeitungen vertieft, die die Stewardessen gleich beim Einsteigen verteilt hatten. Als sie ihn freundlich grüßte, hob er kurz den Kopf und nickte ihr zu.

 

"Can I help you?", fragte er kurz darauf, als er bemerkte, dass sie Probleme hatte, die schwere Foto- und Videoausrüstung im Fach für das Handgepäck über den Sitzen zu verstauen. Er stand auf und beförderte sie mit einer kurzen Bewegung nach oben. Birgit dankte ihm herzlich auf englisch. Da der Herr sie in dieser Sprache angesprochen hatte, nahm sie automatisch an, er sei Amerikaner und vielleicht auf dem Weg nach Hause. Er lächelte sie an und wollte wieder Platz nehmen, als er ihren sehnsuchtsvollen Blick zum Fenster bemerkte. "Möchten Sie lieber am Fenster sitzen, Miß?", fragte er deshalb.

 

"Das wäre sehr nett", erwiderte sie. "Wenn es Ihnen nichts ausmacht, ich bin nämlich noch nie geflogen."

 

"Es macht mir überhaupt nichts aus. Ich bin in meinem Leben schon so oft geflogen, dass ich es nicht mehr zählen kann. Genießen sie den Blick aus dem Fenster! Beim ersten Mal ist das garantiert ein Erlebnis."

 

Sie dankte ihm noch einmal und nahm Platz. Neugierig musterte der Bärtige sie von der Seite. Ein apartes Mädchen dachte er. So natürlich, ganz ungeschminkt. Er hatte in seinem Leben schon zuviel Frauen aus der glitzernden Welt des Showbusiness kennen gelernt, als dass ihm Äußerlichkeiten noch reizen würden. Nein, da war ihm eine junge, natürliche Frau doch schon wesentlich lieber. Zu seiner großen Überraschung stellte er fest, dass seine Nachbarin ihn äußerst zu interessieren begann. "Wo soll es denn hingehen?", fragte er sie deshalb, um ein Gespräch mit ihr zu beginnen und mehr über sie zu erfahren.

 

"Nach Hawaii, hauptsächlich nach Kauai, um genau zu sein", war die Antwort.

 

"Oh, da will ich auch hin.", erwiderte er lächelnd.

 

"Machen Sie Urlaub dort?", fragte sie.

 

"Nein, Hawaii ist mein Zuhause. Ich wohne dort schon seit vielen Jahren. Vor einem Jahr bin ich von Oahu nach Kauai gezogen und nach einem Vierteljahr in Europa geht es nach Hause zurück. Aber Sie wollen sicher Urlaub auf den Inseln machen?" 

 

"Eigentlich soll ich dort...", sie unterbrach sich, weil eine Stewardess die Passagiere um Aufmerksamkeit bat, da sie die Maßnahmen und Regeln für den Notfall erklären wollte.

 

Ihr Nachbar bemerkte, wie sie sich zu verkrampfen begann, als das Flugzeug nun auf die Startbahn zu rollte. "Sie brauchen keine Angst zu haben. Das Flugzeug ist das sicherste Verkehrsmittel überhaupt. Kommen Sie, schauen Sie aus dem Fenster, wie die Welt unter Ihnen immer kleiner wird!" Er griff nach ihrer Hand und hielt sie zärtlich fest.

 

"Danke!", lächelte sie ihn an, als der Pilot verkündete, dass man sich nun in 10 000 Meter Höhe befinde und alles glatt gegangen sei beim Start. "Ohne Sie hätte ich das sicher nicht so heil überstanden."

 

"Keine Ursache, ich helfe Ihnen doch gern, Miss? Wie heißen Sie eigentlich, wenn ich fragen darf?"

 

"Birgit Markert.", erwiderte sie.

 

"Birgit, ein schöner Name. Er gefällt mir. Ich heiße Robert. Sie dürfen mich aber gern Rob nennen, wie alle meine Freunde."

 

"Was ist denn?", fügte er hinzu, als er bemerkte, dass sie ihn mit offenem Mund anstarrte. "Gefällt Ihnen mein Name nicht?"

 

"Doch schon, natürlich ...", stotterte sie. "Ich meine, ich, ähem, ich habe Sie vor lauter Aufregung gar nicht erkannt. Sie sind doch Robert Brockner, der Schauspieler, nicht wahr?"

 

"Also ist mein Inkognito wieder aufgeflogen." Er lächelte. "Aber verraten Sie es bitte nicht weiter, sonst muss ich wieder den ganzen Flug lang Autogramme geben."

 

"Ich werde nichts sagen.", versprach sie. "Ich habe Sie erst gar nicht erkannt, der Bart, wissen Sie, der hat mich erst total verwirrt."

 

"Den musste ich mir wegen meiner letzten Rolle wachsen lassen. Sobald ich zu Hause bin, kommt er ab, aber bis dahin kann er mir noch etwas Tarnung vor allzu aufdringlichen Fans verschaffen."

 

"Das ist der Film über die Sekte, nicht wahr?"

 

"Ah, Sie haben schon davon gehört? Ja, ich habe dafür zuletzt über drei Monate in der Schweiz gedreht. Die Berge waren sehr interessant für mich, aber jetzt freue ich mich auf Sonne, Strand und Meer zu Hause."

 

"Und ich freue mich, Sie kennen gelernt zu haben.", erwiderte Birgit mit leuchtenden Augen und vor Aufregung geröteten Wangen.

 

"Warum denn das?"

 

"Zum Ersten, weil ich wirklich ein großer Fan von Ihnen bin, seit ich vor sechs Jahren zum ersten Mal "Das gebrochene Gelübde" gesehen habe und mir schon immer gewünscht habe, Sie einmal persönlich kennen zu lernen und zum Zweiten ...", wieder wurde sie unterbrochen, als die Stewardess das Essen auftrug und fragte, welche Getränke sie dazu gern wollten. Nun, dachte sie, ich kann ihm später auch noch erzählen, dass ich ja eigentlich hinter ihm her bin. Die Sache geht ja gut los, besser kann es ja eigentlich nicht mehr werden. So einfach hätte ich es mir nun wirklich nicht vorgestellt, Robert Brockner zu finden. Ich dachte, ich muss ganz Kauai nach ihm absuchen oder mich vor seinem Haus tagelang auf die Lauer legen. Das war ja nun wirklich ein Volltreffer. Sie musterte ihn neugierig von der Seite. Wie 61 sah er wirklich nicht aus mit seiner schwarzen Hose und dem weißen, legeren Hemd. Er war nach wie vor rank und schlank, sportlich durchtrainiert, seine blauen Augen strahlten richtig Jugend und Lebensfreude aus, das dunkelblonde Haar war kurz und flott geschnitten. Nur der Vollbart störte sie. Sie mochte einfach keine Männer mit Bart und Robert sah ohne entschieden besser aus. Aber das wollte er ja gottlob wieder ändern, wie er vorhin gesagt hatte, sobald er zu Hause auf Kauai war. Das Schicksal meint es in letzter Zeit wirklich gut mit mir, dachte sie glücklich, erst der große Auftrag und jetzt auch noch Robert neben mir. Das hätte ich mir vor drei Tagen wahrlich nicht träumen lassen. Da war ich noch eine unglückliche kleine Redaktionsmitarbeiterin, die nur von ihm und Hawaii träumen konnte. Aber heute muss mein absoluter Glückstag sein. Sie ahnte nicht, wie sehr sie sich irrte und was in Kürze noch alles passieren sollte.

 

-6-

 

"Worum geht es eigentlich in Ihrem neuen Film?", fragte sie später, nachdem sie beide ausführlich das leckere Mahl der Fluggesellschaft genossen hatten.

 

"Es geht um eine dieser modernen Sekten, die ihren Mitgliedern ewige Erlösung versprechen, wenn sie alle ihre finanziellen Mittel der Sekte geben. Ich spiele einen Vater, der seine Tochter zu retten sucht, die in die Fänge der Sekte geraten ist."

 

"Gibt es ein happy end?"

 

"Leider nicht, die Tochter hat mit den anderen Sektenanhängern Selbstmord begangen."

 

"Schade, ich liebe happy ends. Und warum haben Sie einen Bart?"

 

"Keine Ahnung, der Regisseur meinte wohl, damit sähe ich väterlicher aus. Gefällt er Ihnen nicht?"

 

"Nicht sonderlich.", gestand sie ehrlich. "Ohne sehen Sie besser aus."

 

"Zu Hause kommt er ab.", versprach er.

 

"Gott sei Dank. Kann ich ein Autogramm von Ihnen haben, bevor wir aussteigen?"

 

Er nickte: "Natürlich, kein Problem. Sie sind wirklich ein großer Fan von mir, was?"

 

"Ja, ich habe fast alle Ihre Filme auf Video und schneide auch alles aus Zeitschriften aus. Leider liest man da so wenig über Sie."

 

"Mein Privatleben soll auch privat bleiben.", erwiderte er. "Das geht niemanden etwas an. Und außerdem: diese Journalisten regen mich auf. Ich hasse diese Leute."

 

Sie biss sich auf die Zunge und dachte nur, na prima, er hasst mich also schon mal vorab. "Warum?", fragte sie leise.

 

"Die schnüffeln überall da herum, wo sie nichts zu suchen haben. Sie machen sich an meine Freunde heran und quetschen sie aus. Einige haben sich sogar unter falschem Vorwand in mein Leben geschlichen und mein Vertrauen gewonnen. Später durfte ich dann in der Presse lesen, was ich angeblich alles gesagt hatte oder mit wem ich angeblich alles ein Verhältnis hatte. Wenn ich eines nicht leiden kann, dann ist es ein Vertrauensbruch. Das verzeihe ich nie."

 

Na prima, dachte sie erneut, während sie aus dem Fenster auf die unter ihnen vorbei gleitenden Wolken starrte. Ich muss ihm schnell sagen, dass ich Journalistin bin, sonst ist es mit der Freundschaft vorbei, bevor sie richtig begonnen hat und ich könnte es ihm nicht mal richtig verübeln.

 

Birgit wandte sich Robert zu, doch er kam ihr zuvor, in dem er nach der Stewardess rief. "Haben Sie Sekt oder noch besser Champagner?", fragte er. Die Dame bejahte. "Gut, bringen Sie uns bitte zwei Gläser vom Besten!" Und zu Birgit gewandt fuhr er fort: "Da wir ja sicher nicht nur die 10 Stunden bis Los Angeles, sondern, wenn wir Glück und den selben Weiterflug gebucht haben, auch noch den Rest der Reise bis Hawaii zusammen verbringen werden, schlage ich vor, wir trinken Brüderschaft und einigen uns auf das du. Das ist doch viel bequemer so. Oder was meinst du?"

 

"Es ist mir eine große Ehre.", erwiderte sie.

 

"Dann auf du und du." Er reichte ihr eines der Gläser, welche die Stewardess gerade gebracht hatte, die prickelnde Flüssigkeit perlte darin. "Also, ich heiße Rob. Hast du auch einen Spitznamen?"

 

"Meine Freunde nennen mich B.", erwiderte sie.

 

"B?", fragte er verwundert.

 

"Ja als Abkürzung meines Vornamens."

 

"Also, B."

 

Die Gläser klirrten leise aneinander. Sie nahmen beide einen Schluck. Birgit spürte den süßen Geschmack des Champagners auf ihrer Zunge. Dann beugte sich Robert plötzlich nach vorn und hauchte ihr einen sanften Kuss auf die rechte Wange. Sie errötete und rührte sich nicht. "Na was ist, zur Brüderschaft gehören zwei!", forderte er sie auf. Daraufhin gab auch sie ihm vorsichtig einen Kuss auf die rechte Wange.

 

Er lächelte sie an. "Na siehst du, war doch gar nicht so schwer. Ich beiße dich doch nicht, keine Angst"

 

"Das habe ich auch gar nicht angenommen. Ich muss dir aber gestehen, dass ich mir das schon lange gewünscht habe, Dich mal zu küssen, meine ich.", gestand sie ehrlich. "Und Millionen Frauen auf der ganzen Welt würden mich glühend darum beneiden."

 

"Wenn sie es wüssten, ja, aber glücklicherweise wissen sie es ja nicht.", entgegnete Robert.

 

Bis jetzt nicht, dachte Birgit und das sollte auch besser so bleiben. Über diesen Teil werde ich ganz sicher nicht in meinem Artikel schreiben, schwor sie sich. Das geht niemanden etwas an. Was privat ist sollte wirklich privat bleiben, da hat Robert absolut, ganz und gar und vollkommen recht.

 

-7-

 

Die nächsten Stunden vergingen buchstäblich wie im Flug. Robert war ein charmanter Gesprächspartner. Er pries die Schönheiten Hawaiis und gab ihr Besichtigungstipps für die nächsten Tage. Er erzählte ihr auch von seinen vielen Reisen, von den Dreharbeiten zu seinen Filmen und Serien in der ganzen Welt, von seiner Theatertournee vor über einem Jahr in Deutschland. Sie hörte gespannt und neugierig zu, als er berichtete, wie es in Afrika oder Alaska gewesen war. Er hatte wirklich schon viel erlebt, war auf Safari gewesen, hatte ein Jahr in Japan verbracht, kannte Australien und halb Europa, Amerika natürlich sowieso. Sie beneidete ihn um seine vielen Erlebnisse und Erfahrungen. Das gibt Stoff für mehr als nur eine Story, dachte Birgit. Ich brauche überhaupt nicht in seinem Privatleben herum schnüffeln. Aber eine Frage musste sie ihm doch unbedingt stellen.

 

"Darf ich dich etwas sehr Privates fragen?", sagte sie deshalb leise.

 

"Natürlich, was hast du denn auf dem Herzen?", erwiderte er sofort. "Ich wüsste gern, ob du... Ich meine, in der Presse steht oft, du und dein Freund..., du weißt schon ...?" Sie errötete.

 

"Du meinst, ob ich schwul bin?"

 

Birgit nickte.

 

"Hat die Antwort irgend einen Einfluss auf unsere Freundschaft?" Neugierig musterte er sie. In der kurzen Zeit, die er mit ihr verbracht hatte, hatte er Birgit schon richtig lieb gewonnen. Er genoss ihre offene, freundliche und ehrliche Art, der jede Falschheit fremd zu sein schien. Eine angenehme Abwechslung für ihn, wenn er an die gekünstelten und oberflächlichen Glamourgirls dachte, denen er in seinem Beruf so oft begegnete und von denen er die Nase gestrichen voll hatte.

 

"Nein, natürlich überhaupt nicht. Ich wüsste nur gern die Wahrheit. Das ist alles.", kam es zurück.

 

"Ich bin definitiv nicht homosexuell.", erwiderte er. "Mein angeblicher Liebhaber Mathew Rowlands ist mein bester Freund. Wir kennen uns seit vielen Jahren. Früher haben wir zusammen als Schauspieler gearbeitet, zum Beispiel auch beim "gebrochenen Gelübde", jetzt schreibt er lieber Drehbücher und arbeitet als Produzent für verschiedene Fernseh- oder Theaterproduktionen. Ich arbeite gern mit Matt zusammen, weil ich weiß, dass ich mich auf ihn voll verlassen und ihm hundertprozentig vertrauen kann. Das ist für mich sehr wichtig, weißt du. Dann arbeitet es sich einfach besser, wenn die Harmonie stimmt. Deshalb war er bei den meisten meiner letzten Projekte auch dabei. Wir verstehen uns wirklich blendend, sind auch privat oft zusammen, reden über alles, deshalb gehen wir aber noch lange nicht miteinander ins Bett. Was die Presse schreibt, das sind alles nur frei erfundene Lügen. Mehr nicht. Auch ein Grund, warum ich diese Schmierfinken nicht mag. Das grenzte teilweise schon an totalen Rufmord, was man uns da in den letzten Jahren so alles angedichtet hat. Das hat Matt und mir schon einige Jobs gekostet. In Hollywood ist man ja immer noch ziemlich prüde und tut sich schwer im Umgang mit Homosexuellen. Außerdem trauten mir manche Produzenten dann wohl nicht mehr die Rolle des Liebhabers zu, boten mir keine Rollen mehr an oder zumindest nichts Ordentliches mehr oder meine Partnerinnen weigerten sich plötzlich mich zu Küssen und Liebesszenen mit mir zu spielen, aus Angst vor AIDS. Nur weil ich finde, dass man sich für die Aufklärung über diese schreckliche Krankheit engagieren sollte und erst recht, wenn man einen Prominentenbonus hat, bin ich doch nicht gleich selber krank." Er hatte sich richtig in Rage geredet.

 

"Warum hast du es denn nicht richtig gestellt, in der Presse eine Gegendarstellung verlangt?", fragte sie.

 

"Das lohnt sich doch nicht.", erwiderte er ärgerlich. "Die schreiben doch sowieso alle, was sie wollen."

 

"Aber es gibt doch auch seriöse Zeitungen und ehrliche und faire Journalisten.", entgegnete Birgit.

 

"Ach ja, aber ich kenne keine davon.", kam es bitter zurück.

 

Na, das kann ja heiter werden, dachte sie. Wahrscheinlich redet er kein Wort mehr mit mir, wenn er die Wahrheit über mich erfährt. Ich muss ihn von meiner Ernsthaftigkeit und meinen ehrlichen Absichten unbedingt überzeugen. Aber nicht gerade jetzt, wo er sich so aufgeregt hat. Ich warte lieber, bis er wieder in einer besseren Stimmung ist.

 

-8-

 

Müde und erschöpft sank Birgit in die Kissen ihres Bettes auf Kauai. Der Verlag hatte für sie ein Zimmer im luxuriösen Coconut Beach Resort in Kapaa gebucht. Es besaß sogar einen Balkon mit Blick aufs blaue Meer. Das Zimmer war großzügig und hell, mit modernen Möbeln eingerichtet. Robert wohnte nicht weit weg am versteckten Anahola Beach, wie er ihr erzählt hatte und was mit den Informationen, die sie besaß, übereinstimmte. Der Informant aus der Filmcrew hatte also recht gehabt. Rob wird es sicher nicht gefallen, dass da einer geplaudert hat, dachte sie. Bei dem Gedanken an ihren Schwarm musste sie lächeln. Sie hatten den ganzen letzten Tag zusammen verbracht. In Los Angeles stellte sich heraus, dass Rob mit seiner Vermutung, sie würden auch den gleichen Weiterflug gebucht haben, richtig lag. Daraufhin hatte er am Schalter einfach darum gebeten, man möge ihnen doch wieder nebeneinander liegende Plätze zuweisen, was auch getan wurde. Da sie aber noch zwei Stunden Aufenthalt hatten, bevor es weiterging, lud er sie erst noch ins Flughafenrestaurant ein. Später auf dem sechsstündigen Flug nach Oahu war sie dann vor Erschöpfung an seiner Schulter eingeschlafen. Die Aufregungen der letzten Tage hatten nun doch langsam ihren Tribut gefordert und so fielen ihr letztendlich die Augen zu, obwohl sie sich standhaft dagegen wehrte. Sie wollte doch viel lieber jeden Augenblick Roberts Gegenwart genießen. Er hatte dann sanft den Arm um sie gelegt und sie mit einer Decke zugedeckt, welche die Stewardess eilig brachte. In Honolulu war sie dann wieder einigermaßen munter gewesen, so dass sie die traditionelle Begrüßung mit dem Lei, dem hawaiianischen Blumenkranz, genießen konnte. Der Weiterflug nach Lihue, der Hauptstadt Kauais, war dann nur kurz gewesen. Mittlerweile hatte sie auch keine Angst vorm Fliegen mehr und konnte so die herrliche Aussicht auf die blauen Wasser des Pazifik und die grünen Inseln in ihm genießen. Vom Flughafen aus hatten sie ein Taxi genommen, welches sie  erst im Hotel abgesetzt hatte und dann Rob nach Hause bringen sollte.

 

Nachdem Birgit eingecheckt hatte, was schnell und problemlos ging, rief sie nur kurz ihre Eltern zu Hause in Deutschland an und teilte ihnen mit, dass sie wohlbehalten auf Kauai angekommen sei. Sie bat sie auch darum, dies Tommy auszurichten, damit er sich selbst keine Sorgen um sie machen musste und auch in der Redaktion Bescheid geben konnte. Sie sei jetzt zu müde, um ihn selbst noch anzurufen, außerdem wolle sie die Kosten sparen, erklärte sie. Robert erwähnte sie nicht. Das sollte vorerst noch ihr Geheimnis bleiben. Bevor er sich im Hotel von ihr verabschiedet hatte, versprach er, sie am nächsten Morgen dort abzuholen und ihr in den nächsten Tagen als Reiseführer die Schönheiten der Insel zu zeigen. Ihr Herz hatte vor Freude einen Luftsprung gemacht und sie hatte sich riesig gefreut, dass er sie wiedersehen wollte, denn ein plötzlicher Abschied wäre ihr sehr schwer gefallen. Sie hatte in der kurzen Zeit, die sie zusammen verbracht hatten, das Gefühl gewonnen, sie würde ihn schon ewig kennen, so vertraut waren sie miteinander geworden. Natürlich hatte sie anhand seiner Rollen und den Veröffentlichungen in der Presse schon ein bestimmtes Bild von ihm gehabt, aber er war noch viel netter und sympathischer, als sie ihn sich in ihren schönsten Träumen vorgestellt hatte. Und sie war auf dem besten Wege seine Freundschaft zu gewinnen! Das hätte sie nun wirklich nicht erwartet. Wie viele Frauen auf der ganzen Welt würden mich darum beneiden, dachte Birgit. Sie konnte ihr Glück noch immer nicht fassen. Sie wünschte sich, die Zeit würde für immer still stehen und sie müsste Robert nie wieder verlassen. Aber leider war dies nun einmal unmöglich, wenigstens konnte sie jetzt jedoch noch zwei Wochen lang seine wunderbare Gesellschaft genießen. Aber noch immer wusste er nichts von ihrem Beruf und ihrem Auftrag. Ich muss es ihm morgen aber unbedingt sagen, bevor er später deshalb vielleicht böse auf mich ist, nahm sie sich ganz fest vor, bevor sie endlich erschöpft, aber glücklich, einschlief und im Schlaf weiter von "ihrem" Robert Brockner träumte.

 

-9-

 

Kauai war noch viel schöner, als sie es erwartet hatte. Alles grünte und blühte um sie herum. Kein Wunder, dass die Insel den Namen "Garteninsel" erhalten hatte. Robert kannte so manche geheime Ecke, die Touristen sonst nur schwer entdeckten. Besonders neugierig war sie auf die Orte, an denen "Das gebrochene Gelübde" gedreht wurde. Robert erzählte ihr, dass er sich damals in die Inseln verliebt hatte und beschlossen hatte, für immer nach Hawaii zu ziehen. Er erwähnte auch, dass er durchaus Parallelen zwischen seinem Leben und dem des Priesters sah, da sie beide immer auf der Suche nach Perfektion gewesen seien und ihren Job am Ende über ihr Privatleben gestellt hätten. Mittlerweile wusste sie recht viel über ihn. Er erzählte von seiner schwierigen Kindheit, dem lieblosen Elternhaus, seinen Minderwertigkeitskomplexen und seinen Schulproblemen aufgrund einer angeborenen Leseschwäche. Auch von ihr wusste er mittlerweile einiges. So hatte sie von ihrer Familie berichtet, von ihrer Kindheit in der DDR, den Erfahrungen mit der Wende und der Einheit Deutschlands. Durch seine Theatertournee hatte er im letzten Jahr sechs Monate in Deutschland verbracht und war recht neugierig, mehr über Birgits Heimat Thüringen zu erfahren. Doch noch immer wusste er nicht, dass sie Journalistin war und erst recht nicht, dass sie einen Artikel über ihn schreiben sollte. Sie brachte es einfach nicht fertig, Rob die Wahrheit zu sagen. Immer wenn sie Anlauf nahm, kam etwas dazwischen oder er wechselte plötzlich das Thema. Mit der Zeit wurde ihre Angst immer größer, er würde ihre Freundschaft sofort beenden, wenn er alles erfuhr. Und sie wollte doch so gern für immer und ewig seine Gesellschaft genießen. Sie hatte Schmetterlinge im Bauch, wenn er sie nur ansah, und wünschte sich, die zwei Wochen würden nie zu Ende gehen. Natürlich zeigte er ihr auch die bekanntesten Sehenswürdigkeiten wie die Farn Grotte und den Waimea Canyon.

 

"Ich kann verstehen, warum Mark Twain so begeistert davon war und ihn mit dem Grand Canyon verglich.", meinte sie am Canyon-Aussichtspunkt.

 

Die pazifische Sonne zauberte ein buntes Farbenspiel auf die rote Erde und grünen Bäume tief unten in der Schlucht. "Es ist phantastisch hier. Die ganze Insel ist phantastisch. Es ist wirklich wie im Paradies hier.", sagte sie voll Enthusiasmus. Er nickte zustimmend.

 

"Ich weiß, deshalb lebe ich hier. Ganz davon abgesehen, dass auch die hawaiianischen Menschen sehr nett sind und mich nicht als Star aus Hollywood behandeln, sondern als einen der ihrigen."

 

"Warum bist du eigentlich von Oahu hierher gezogen?", fragte sie.

 

"Auf Oahu war es mir viel zu hektisch geworden, die ganzen Touristen, die Hochhäuser, immer neue Hotels und so weiter.", erwiderte er. "Außerdem war meine Adresse dort zu bekannt geworden. Andauernd standen irgendwelche Fans vor meiner Tür. Nicht, dass ich etwas gegen meine Fans habe, bitte verstehe mich nicht falsch. Ich freue mich, wenn den Leuten meine Arbeit gefällt und Fans gehören nun mal zum Job eines Schauspielers dazu. Ohne sie wären wir nichts. Aber wenn sie plötzlich in Scharen vor meiner Tür stehen und nicht wieder gehen wollen, ist das ganze doch sehr unangenehm. Und dann lauerten immer irgendwelche Journalisten oder Fotografen vor meinem Haus herum und schossen mich bei jeder Gelegenheit ab. Besuchte mich mal eine Bekannte, hatten wir gleich ein Verhältnis. Und Matt hat sich zuletzt schon nur noch im Dunkeln hereingeschlichen, damit ihn niemand sah und nicht wieder behauptet wurde, wir zwei hätten etwas miteinander. Die Adresse hier kennt fast niemand und so habe ich meine Ruhe und kann mich vor die Tür trauen, ohne Angst zu haben, erkannt zu werden. Außerdem muss ich mir keine Sorgen machen, dass mein Bild am nächsten Tag in der Zeitung ist, wenn ich mit so einer hübschen, jungen Frau, wie mit dir, ausgehe. Zum Glück weiß keiner von der Journaille, wo ich stecke. Kannst du dir die Schlagzeilen vorstellen, wenn die uns zusammen sehen würden?"

 

Sie nickte, das konnte sie, dank ihrer Berufserfahrung, natürlich nur allzu gut. Morgen sage ich es ihm, ganz bestimmt, nahm sie sich fest vor. Morgen oder Übermorgen.

 

-10-

 

Für den nächsten Tag hatte Robert Birgit eine ganz besondere Überraschung versprochen. Und dies hielt er auch. Zu ihrer großen Überraschung hatte er einen Hubschrauber gechartert. Sie hatte ihm sowieso schon erzählt, dass sie gern einen Hubschrauberrundflug machen wollte, um auch die wunderbare und unzugängliche Na Pali Küste zu sehen. Er hatte aber nicht nur einfach einen der Standardrundflüge über eine Stunde gebucht, sondern gleich für den ganzen Tag einen Hubschrauber gemietet. So sah sie nun den Waimea Canyon noch einmal aus der Luft. Dann umrundete der Pilot den Mount Waialeale, den regenreichsten Punkt der Erde. Schließlich landete der Hubschrauber auf einem Hochplateau über den Na Pali Klippen, das, von der ganzen Welt abgeschnitten, auf anderem Wege nicht zu erreichen war. Während der Pilot diskret in seiner Maschine blieb, breitete Rob, er hatte übrigens sein Versprechen gehalten und den Bart abgenommen, unter schattigen uralten tropischen Bäumen eine Decke aus und begann einen Picknickkorb zu leeren.

 

"Du hast wohl an alles gedacht?", fragte Birgit ihn.

 

"Natürlich, ich habe dir doch etwas ganz besonderes versprochen.", erwiderte er lächelnd.

 

"Du verwöhnst mich."

 

"Das mache ich doch gern, ich bin nämlich gern in deiner Gesellschaft und es macht mir Spaß, einmal einen anderen Menschen um mich zu haben. Sonst bin ich ja meist allein hier."

 

"Ist Mathew nicht auch hier?", fragte sie.

 

"Nein, er ist im Moment in Los Angeles und arbeitet an einem Fernsehfilm für CBS."

 

"Ohne dich?", fragte sie verwundert. "Na klar, er kann doch auch mal was alleine machen. Alt genug ist er ja wohl. Und ich wollte mich erst mal richtig erholen. Nach der Tournee habe ich ja gleich wieder gedreht. Jetzt mache ich erst mal richtig Pause, die erste seit ein paar Jahren."

 

"Hast du schon wieder Pläne für was Neues?"

 

"Nein, bis jetzt nicht. Mal sehen, was sich in Zukunft ergibt. Ich muss ja nicht unbedingt arbeiten, wenn ich nicht will. Und ich will nur, wenn mich eine Sache reizt, das Geld ist nicht so wichtig. Davon habe ich nun wirklich schon genug. Jetzt male ich erst mal lieber und spiele Fremdenführer für dich."

 

"Und Koch.", ergänzte sie mit Blick auf die ganzen Leckereien, die er vor ihr aufgebaut hatte.

 

"Nun, ich muss gestehen, dass war zum größten Teil Nana, meine hawaiianische Haushälterin. Sie ist der einzige Mensch, den ich im Moment hier regelmäßig sehe."

 

"Und sonst ist da wirklich niemand? Eine Freundin oder so?", fragte sie neugierig.

 

"Nein, wirklich nicht. Schon lange nicht mehr. Ich glaube, aus dem Alter bin ich schon raus. Oder willst du dich etwa um den Job bewerben?" Er lächelte sie verschmitzt an und seine blauen Augen funkelten lustig.

 

Auch Birgit lachte. "Ich wäre an deiner Stelle vorsichtig mit dem Angebot. Ich bin imstande und nehme es an."

 

"Ich schätze, dein Freund hätte da aber etwas dagegen.", meinte Rob darauf.

 

Verwundert fragte sie ihn: "Wie kommst du denn darauf, dass ich einen Freund habe?"

 

"Ganz einfach, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass so ein hübsches und nettes junges Mädchen, wie du, keinen hat." Gespannt wartete er auf ihre Antwort. Was geschieht bloß mit dir Rob, dachte er. Du bist 61, du kannst dich nicht auf deine alten Tage in eine 26-jährige verlieben und genau das passiert, wenn du nicht langsam aufpasst.

 

"Ich habe aber wirklich keinen, hatte auch noch nie einen.", erwiderte sie. "Mir ist einfach noch nicht der richtige begegnet und ich glaube an die große Liebe auf den ersten Blick."

 

"Ich auch."

 

Erleichtert atmete er auf. Sie war also noch frei, gut so. Und noch ehe er sich richtig versah, noch ehe er selbst wusste, was er eigentlich tat, beugte er sich zu ihr und gab ihr einen Kuss. Da sie ihn nicht wegstieß, sondern im Gegenteil seinen Kuss noch zu erwidern begann, wurde er noch weitaus länger, als er es beabsichtigt hatte. "Ich habe dich sehr, sehr gern, weißt du. Gibst du mir eine Chance?"

 

Sie nickte. "Ja, aber weißt du, ich muss dir vorher etwas Wichtiges sagen."

 

Er schüttelte den Kopf. "Nicht jetzt, nicht hier. Lass uns den Augenblick genießen, Darling. Morgen zeige ich dir mein Haus, dann können wir über alles reden."

 

Gut morgen, dachte sie, dann sage ich es ihm aber ganz bestimmt.

 

-11-

 

"Du bist dir doch der großen Ehre bewusst, nicht wahr?", fragte Robert, als er den Motor seines silberfarbenen Mercedes Cabrios abstellte.

 

"Welcher Ehre?", entgegnete Birgit. "Der Ehre, mein Haus zu betreten. Das haben bis jetzt nämlich nur zwei Menschen getan, Nana und Matt."

 

"Hast Du denn sonst keine Freunde?", fragte sie verwundert. "Doch schon, aber die leben alle auf Oahu und wenn ich sie sehen will, fliege ich rüber. Dies hier ist mein Refugium, da kommt sonst keiner rein." Er stieg aus und öffnete ihr die Autotür mit einer Verbeugung. "Darf ich bitten, Mylady."

 

Sie lachte: "Danke, Mylord." Kaum, dass sie die Füße auf den Boden gesetzt hatte, wich sie schon wieder erschrocken zurück. Ein riesiger Dalmatiner kam auf sie zu gerannt.

 

"Du brauchst keine Angst zu haben.", sagte Roberts schnell. "Das ist Charly, mein einziger dauerhafter Hausgenosse." Er streichelte den Dalmatiner, der ihn schwanzwedelnd begrüßte. "Sag guten Tag Charly. Das ist Birgit, du wirst dich an sie gewöhnen müssen. Sie bleibt hoffentlich für immer bei uns." Neugierig beschnupperte der schwarzgepunktete Hund die junge Frau.

 

Vorsichtig streckte Birgit ihre rechte Hand aus und kraulte ihm hinterm Ohr, worauf Charly freundlich zu knurren begann.

 

"Siehst Du, er mag dich, schon.", sagte Rob. "Komm, ich zeige Dir mein bescheidenes Heim!"

 

Auf der Treppe kam ihnen eine Hawaiianerin entgegen, in einem bunten Muumuu, rundlich, mit freundlichem Gesicht.

 

"Das ist Nana, die gute Seele meines Hauses.", stellte Rob sie vor. "Und dies ist Birgit Markert." Freundlich reichte Nana ihr die Hand. "Herzlich willkommen, mein Kind. Aloha!"

 

"Aloha!", erwiderte Birgit den Gruß. Sie senkte den Kopf, als sie den durchdringenden Blick bemerkte mit dem Nana sie musterte.

 

"Es ist schön, dass Sie endlich zu Mr. Brockner gefunden haben.", sagte diese.

 

"Wie soll ich denn das verstehen, Nana?", fragte Robert. "Nun, wir Hawaiianer glauben daran, dass es für jeden Menschen eine verwandte Seele gibt, die zu einem gehört. Nur manchmal dauert es sehr, sehr  lange, bis die Seelen endlich zueinander finden."

 

"Und Sie denken, dies ist nun mit uns geschehen?", fragte Birgit.

 

"Ja, Sie zwei gehören zusammen. Das Schicksal wird Ihre Liebe prüfen, Unwahrheiten und Ausflüchte werden sie bedrohen, aber am Ende werden Sie zusammen finden."

 

Nachdenklich blickte Birgit zu Boden. Sie hat Recht, dachte sie, ich gefährde unsere Beziehung, indem ich Rob nicht die Wahrheit sage. Ich werde ihm gleich nachher alles erzählen, nahm sie sich vor.

 

Robert griff nach ihrer Hand. "Komm, lass dich nicht durch Nanas Philosophie beunruhigen. Ich respektiere den Glauben der Hawaiianer, aber manchmal verwirren sie mich doch. Ich zeige Dir lieber erst einmal mein Haus."

 

Robert führte Birgit durch die Räume. Sein Haus war wirklich keine großartige Villa. Ein kleines, bescheidenes Heim, sei für ihn allein genug, erklärte er. So gab es nur ein Wohn- und ein Schlafzimmer, ein Arbeitszimmer, Küche und Bad und ein Gästezimmer für Mathew, wenn er seinen Freund einmal besuchte. Nana wohnte nicht im Haus, sondern in Kapaa und kam jeden morgen zu Robert heraus. Er zeigte ihr auch sein Atelier.

 

Bewundernd stand Birgit vor seinen Bildern. "Die hast du alle selbst gemalt?", fragte sie.

 

"Ja, Malerei war schon immer mein Hobby. Da kann ich gut abschalten. Ich würde dich gern mal malen, darf ich?"

 

"Natürlich, gern."

 

Robert lächelte sie an. "Ich war immer ein Romantiker, der an die große Liebe auf den ersten Blick geglaubt hat. Aber ich dachte nicht, dass mir das in meinem Alter noch passieren würde." Er umarmte sie. "Ich bin so glücklich, endlich habe ich den Menschen gefunden, den ich lieben und vertrauen kann."

 

"Rob ..."

 

Er verschloss ihr den Mund, in dem er sie küsste. "Keine Angst, ich lasse dir so viel Zeit, wie du willst. Hauptsache, ich weiß, dass ich mir Hoffnungen machen kann, dass du meine Gefühle erwiderst."

 

Sie nickte - und wie sehr sie ihn liebte. Er war ein wunderbarer Mensch. Sie war schon in den Star verliebt gewesen, doch der echte Mann war noch weitaus faszinierender. Aber bevor sie ihm das sagte, sollte er erst die Wahrheit über sie erfahren. Doch in dem Moment rief Nana sie beide zum Mittagessen.

 

-12-

 

Später liefen sie zum weißen Strand hinunter. Charly sprang bellend um sie herum. Ihm gefiel es offensichtlich, jetzt die Aufmerksamkeit von zwei Menschen zu bekommen.

 

"Was hast du, B?", fragte Robert. "Du bist seit dem Essen so schweigsam." Besorgt musterte er Birgit. Hatte er etwas Falsches gesagt? War sie aus irgendeinem Grund böse auf ihm? War er zu schnell vorgegangen und hatte sie verunsichert, mit seinem Liebesgeständnis.

 

"Du bist so lieb zu mir.", erwiderte sie. "Dabei weißt du doch überhaupt nichts über mich."

 

"Ich weiß genug, um zu wissen, dass ich dich liebe. Du bist ein wunderbarer Mensch.", entgegnete Robert. "Oder hast du irgendwo eine Leiche im Keller, von der ich wissen sollte?"

 

"Nein, aber ich muss dir unbedingt etwas sagen.", erwiderte Birgit ernst.

 

"Dann leg los, was es auch ist, es wird nichts an meiner Meinung über dich ändern.", beruhigte er sie.

 

Ich fürchte doch, dachte Birgit. Das wird dir bestimmt ganz und gar nicht gefallen. "Ich..."

 

"Mr. Brockner!", Nanas Ruf unterbrach sie. Die hawaiianische Haushälterin kam angerannt, so schnell es ihr rundlicher Körper ihr gestattete. "Mr. Rowlands ist am Telefon. Er möchte sie dringend sprechen."

 

"Ich komme gleich wieder." Robert wandte sich Birgit zu. "Lauf mir nicht weg in der Zwischenzeit!"

 

Bestimmt nicht, dachte sie, aber muss denn immer wieder etwas dazwischen kommen, wenn ich es ihm sagen will. Sie setzte sich in den weichen Sand und kraulte Charlies Hals. "Was wollte Mathew denn?", fragte sie Robert, als er nach ein paar Minuten zurückkam.

 

"Er wollte mir nur sagen, dass er ein Angebot für eine neue Rolle für mich hat."

 

"Wirst du annehmen?"

 

"Nein, ich denke nicht, ich will viel lieber erst mal die Zeit mit dir genießen."

 

"Aber ich kann nicht ewig hier bleiben, ich habe Verpflichtungen zu Hause und meine Familie, Freunde."

 

"Dann komme ich eben mit dir zurück nach Deutschland. Ich lasse dich auf jeden Fall nicht wieder von meiner Seite.", erwiderte er. "Komm, ich zeige dir meine Lieblingsstelle am Strand" Er griff nach ihrer Hand und zog sie mit sich.

 

Später, dachte sie, später ganz bestimmt.

 

-13-

 

Verschlafen blinzelte Birgit ins helle Sonnenlicht, das durch ein offenes Fenster hinein flutete. Sie musste sich erst einmal besinnen, wo sie überhaupt war.

 

"Guten Morgen, du Langschläfer.", Robert lächelte sie an, beugte sich dann hinunter und gab ihr einen Kuss.

 

Langsam kehrten ihr die Erinnerungen an den gestrigen Abend und die darauffolgende Nacht wieder zurück. Nach dem Abendessen, was Nana mit besonders viel Liebe und typischen hawaiianischen Gerichten zubereitet hatte,  waren sie wieder hinunter zum Strand gelaufen. Roberts Lieblingsplatz war ein großer Stein am Rande der Bucht, von wo aus er oft stundenlang das Meer und die Sterne beobachtete, wie er ihr erzählt hatte. Sie hatten beide eng nebeneinander auf dem Stein Platz genommen. Das blaue Meer rauschte sanft, Palmen wiegten sich im Wind. Der pazifische Sternenhimmel wirkte wie aus einer anderen Welt. Zehntausend Sterne schienen über ihnen zu glitzern. Dieses romantische Szenario und die Wirkung des Champagners, den sie beim Essen getrunken hatte, hatten sie in eine romantische Stimmung versetzt und alle ihre Vorsätze, Robert nun endlich die Wahrheit, über ihren Beruf und ihren Auftrag zu sagen, über Bord geworfen. Sie wollte einfach nur den Moment genießen. Als eine Sternschnuppe hernieder fiel, wünschte sie sich nichts sehnlicher, als daß dieser Augenblick nie enden möge. Rob hatte sie schließlich zärtlich in seine Arme genommen, ihr Komplimente und Liebeserklärungen gemacht und sie letztendlich lang und leidenschaftlich geküsst. Sie erwiderte seine Küsse voll Liebe und Hingabe und irgendwann nahm er sie auf seine Arme und trug sie in sein Haus und in sein Schlafzimmer. Er war sehr sanft und zärtlich gewesen, hatte sie beruhigt, als er ihre Angst vor dem ersten Mal spürte. Immer wieder überhäufte er sie mit zärtlichen Küssen und leidenschaftlichen Liebesschwüren. Sie hatte das Gefühl gehabt, auf Wolken zu schweben. Und irgendwann war dann die ganze Welt um sie herum in einen riesigen Strudel der Leidenschaft und einem Rausch der Sinne versunken. Später schlief sie glücklich in seinen Armen ein.

 

"Ist alles in Ordnung?", fragte Robert nun besorgt.

 

Birgit nickte stumm.

 

"Du bereust doch nichts, was letzte Nacht geschehen ist, B?" Er setzte sich auf den Rand des Bettes, nahm ihre Hände in die seinigen. Hoffentlich war er nicht zu schnell vorgegangen, als er sich von seiner Leidenschaft mitreisen ließ. Er wollte sie doch nicht verletzen.

 

"Nein, aber wie geht es jetzt weiter?", erwiderte sie.

 

"Dies ist vielleicht nicht der richtige Ort und der richtige Moment für einen Heiratsantrag, aber könntest du dir vorstellen, für immer bei mir zu bleiben, als meine Frau?"

 

Sie nickte erneut. "Ja, natürlich, aber vorher muss ich dir erst noch einiges über mich erzählen und ich muss noch einmal nach Hause zurück." Am liebsten wäre sie sofort und für immer auf Kauai geblieben, hätte ihren Job und ihr ganzes bisheriges Leben in Deutschland ganz einfach vergessen, aber dies konnte sie ihren Eltern nun doch nicht antun. Außerdem würde man in der Redaktion eine Erklärung erwarten und dies war das mindeste, was sie tun musste. Ich werde das Geld für die Reise zurückzahlen, dachte sie. Wenn mein Erspartes nicht reicht, Rob hilft mir bestimmt, und dann kündige ich. Vor allem werde ich aber nichts über ihn schreiben, es sei denn, er hat absolut nichts dagegen. Sie sah sich schon als seine Braut ganz in Weiß am pazifischen Strand heiraten, wie sie es sich immer erträumt hatte.

 

"Ich werde jetzt erst mal deine Sachen aus dem Hotel holen, denn natürlich bleibst du die restlichen Tage deines Urlaubes bei mir, und dann schauen wir, welchen Flug du hast und versuchen, ob ich noch einen Platz dafür buchen kann. Ich werde dich begleiten. Ich würde doch auch gern deine Heimat kennen lernen und mich wenigstens deinen Eltern vorstellen, wenn ich ihnen schon ihre Tochter entführen will. Frühstücke du erst mal, wir reden, wenn ich zurück bin weiter."

 

Dann werde ich aber nicht eher Ruhe geben, bis er alles weiß, nahm Birgit sich ganz fest vor, als sie aus seinem Bett aufstand. Es wird wirklich allerhöchste Eisenbahn, dass ich Robert reinen Wein einschenke.

 

-14-

 

Der Portier an der Hotelrezeption händigte Robert ohne Probleme den Zimmerschlüssel aus, als dieser ihm erzählte, er wolle Birgits Sachen holen, da sie nun bei ihm wohnen werde. Man kannte Robert im Hotel, immerhin hatte er Birgit die letzte Woche jeden Tag abgeholt. Natürlich wusste der Portier, wer Robert Brockner war. Aber wie es seine höfliche hawaiianische Art gebot, sprach er den Star nicht darauf an. Auf jeden Fall gönnte er dem netten, deutschen Fräulein ihr Glück. Robert Brockner war bestimmt nicht der Mann, der, wie so viele andere Schauspieler, nur eine kurze Affäre suchte. Nein, er meinte es sicher ernst. Als Robert mit Birgits Koffer zurückkam und den Schlüssel zurück gab, reichte er ihm einen Zettel. "Würden Sie Miss Birgit bitte dieses Fax geben, es kam heute Nacht für sie an."

 

Robert nahm es dankend entgegen. Es wird doch hoffentlich nichts ernstes zu Hause sein, dachte er. Das hätte ihm gerade noch gefehlt, dass irgendeine private Tragödie, sein Glück mit Birgit überschattete. Neugierig warf er deshalb einen Blick auf das Papier. Er konnte zwar kaum deutsch, hatte nur ein paar Worte im Laufe seiner Tournee aufgeschnappt, als er jedoch seinen Namen sah, stutzte er. Was sollte denn das bedeuten? Verwundert stieg er in sein Auto und fuhr nach Hause. Birgit war nicht im Haus. So griff er nach einem deutsch-englischen Wörterbuch, welches er noch von seiner Theatertournee besaß und begann den Text zu übersetzen. Was da stand, konnte und wollte er nicht glauben. Der Text lautete "Wie sieht es aus im Fall Robert Brockner? Haben Sie die Story? Oder soll der Aufenthalt verlängert werden?" Der Absender war ganz offensichtlich ein Zeitungsverlag. Das darf doch nicht wahr sein? Er schlug die Hände vor sein Gesicht. Birgit eine Journalistin! Das alles nur eine abgekartete Sache, eine große Lüge, um an ihn heran zu kommen! Und er hatte sie geliebt und ihr vertraut, an die große Liebe geglaubt. Wie hatte er sich nur so täuschen, sich so hintergehen lassen  können. Wie hatte er nur so naiv und blind vor lauter Liebe sein können. Wütend lief er hinaus.

 

-15-

 

Birgit saß am Strand und spielte mit Charly. Als sie Robert kommen hörte, stand sie auf und lief ihm entgegen.

 

"Hallo Darling, da bist du ja wieder.", sagte sie lächelnd. Doch als sie ihn umarmen wollte, wich Robert zurück. Ihre Miene bewölkte sich "Was hast du denn?", fragte sie besorgt.

 

Er reichte ihr das Blatt Papier. "Wann wolltest du es mir denn sagen, in der Hochzeitsnacht oder nie?" Seine Stimme klang eiskalt.

 

Birgit warf einen Blick auf das Papier. Da wurde ihr sofort klar, dass er nun alles wusste. Und was er jetzt von ihr hielt, konnte sie sich denken. "Robert, ich..."

 

"Spare dir deine Lügen. Ich will sie nicht hören!" Barsch unterbrach er sie. "Ich habe ja schon einiges erlebt, aber so weit ist noch niemand gegangen. Wolltest du über unsere Ehe einen Fortsetzungsroman schreiben, "So ist mein Leben mit Robert Brockner", oder was? Wie wird denn die Schlagzeile deiner Story lauten, "So ist Robert Brockner im Bett"? Nun, ich hoffe, ich habe dich nicht enttäuscht."

 

Verzweifelt bemühte sich Birgit, die Fassung zu bewahren. Sie musste ihm alles erklären, sofort. Sonst war alles zu spät. "Robert, so war es doch gar nicht geplant. Ich wollte doch nur..."

 

Mit einer Handbewegung unterbrach er sie. "Ich will nichts mehr von dir sehen und hören. Deine Sachen stehen im Flur. Den Weg findest du ja wohl allein. Ruf dir ein Taxi und verschwinde!" Er wandte sich ab. "Komm Charly, wir gehen!".

"Na was ist!", wütend wandte er sich um, als der Hund ihm nicht gleich folgte. Charly schaute verwirrt von einem zum anderen, konnte gar nicht verstehen, warum die zwei Menschen, die sich vor kurzem noch so gut verstanden hatten, sich so plötzlich stritten.

 

"Geh nur Charly!", sagte Birgit leise. "Es ist vorbei." Robert lief mit seinem Hund am Strand davon. Noch einmal rief sie seinen Namen, wollte einen Versuch machen, ihm alles zu erklären. Doch Rob wandte sich nicht einmal um. Wütend zerknüllte sie den Zettel und ließ ihn fallen. Tränen standen in ihren Augen. Es ist alles deine Schuld, dachte sie. Du hättest es ihm von Anfang an sagen müssen. Es ist aus ein für alle Mal.

 

-16-

 

Trübsinnig starrte Birgit aus dem Flugzeugfenster. Doch sie nahm die hübschen Wolkenformationen unter ihr kaum war. In den letzten Tagen war ihr alle Lebensfreude abhanden gekommen. Nachdem Robert sie hinaus geworfen hatte, hatte sie ein Taxi gerufen und war damit zurück ins Hotel gefahren. Dort hatte der Portier ziemlich verwundert geschaut, als sie plötzlich wieder auftauchte, aber glücklicherweise keine Fragen gestellt. Sie hätte eh nicht gewusst, was sie antworten sollte und was er in dem Moment von ihr dachte, war ihr herzlich egal. Sie faxte gleich an die Redaktion, dass sie planmäßig zurückkehren werde, erwähnte aber nicht, ob sie mit ihrem Auftrag erfolgreich gewesen war. Die letzten Tage bis zu ihrem Abflug nach Hause war sie dann kaum noch aus dem Hotelzimmer gegangen. Sie hatte keine Lust mehr, sich noch etwas anzusehen. Die Freude an den Schönheiten Kauais war ihr gründlich vergangen. Noch einmal unternahm sie einen Versuch, Robert alles zu erklären. Doch als er ihre Stimme am Telefon hörte, legte er wortlos auf. Den Mut, noch einmal zu ihm hinauszufahren und mit ihm zu sprechen, brachte sie nicht auf. Wahrscheinlich würde er sie sowieso sofort wieder hinauswerfen. Sie zermarterte sich das Gehirn mit Selbstvorwürfen. Robert hatte ja so Recht. Kein Wunder, dass er nichts mehr von ihr wissen wollte. Aus seiner Sicht musste es ja so aussehen, dass alles nur ein gemeines und abgekartetes Spiel gewesen sei, um an eine Story über ihn zu kommen. An seiner Stelle hätte sie sicher genauso reagiert. Bei seinen schlechten Erfahrungen mit der Presse, musste er ja jetzt sonst etwas von ihr denken. Hätte ich ihm doch nur von Anfang an alles erzählt, dachte sie. Vielleicht hätte er mit ihrem Beruf ja gar keine Probleme gehabt und alles hätte sich trotzdem so entwickelt. Und im schlimmsten Falle wäre unsere Freundschaft nie entstanden, dann hätte ich mich nie in ihn verliebt und hätte jetzt auch keinen Liebeskummer. Sie liebte Robert so sehr, so sehr und der Gedanke ihn nun nie mehr wiederzusehen, seine Liebe für immer verloren zu haben, zerriss ihr beinahe das Herz.

 

Sie hätte nie gedacht, dass sie sich einmal so verlieben würde und schon gar nicht, dass ausgerechnet Robert Brockner der Mann ihres Herzens sein würde. So lange hatte sie schon von ihm geschwärmt, aber das war ja etwas ganz anderes gewesen, als ihre nun so reale, unglückliche Liebe zu ihm. Die Zeit mit Robert war wie ein wahr gewordener Traum gewesen und nun war alles vorbei. Bei dem Gedanken ihn ihre verlorene Liebe stiegen ihr schon wieder die Tränen in die Augen. Sie hatte gedacht, nach den letzten Tagen, an denen sie mehr weinte, als in ihrem ganzen Leben zuvor, hätte sie überhaupt gar keine Tränen mehr. Doch sie wollten einfach nicht versiegen. Verzweifelt kramte sie in ihrer Handtasche nach einem trockenen Taschentuch.

 

"Hier nehmen Sie meines.", freundlich reichte der blonde junge Mann, der seit Los Angeles neben ihr saß, ihr ein Taschentuch herüber.

 

Mit einem leisen Danke nahm sie es an. "Kein Mann ist es wert, so um ihn zu weinen.", sagte ihr Nachbar in deutsch mit leicht englischem Akzent.

 

"Wie kommen Sie darauf, dass ich wegen einem Mann weine?", fragte sie verwundert.

 

"Wenn so ein hübsches, junges Mädchen, wie Sie, weint, kann doch nur ein Mann dahinter stecken.", kam es zurück. "Und der Kerl, der Ihnen weh tun kann, ist ein Lump. Was immer er auch getan hat, er ist es garantiert nicht wert, dass Sie um ihn weinen."

 

"Es war nicht seine Schuld.", erwiderte sie leise. "Er hatte ganz recht, ich habe ihm von Anfang an nicht die Wahrheit gesagt und nun vertraut er mir nicht mehr."

 

"War es Absicht, dass Sie ihn belogen haben?", fragte der Engländer.

 

"Natürlich nicht. Es ergab sich einfach keine Gelegenheit und später hatte ich nicht mehr den Mut dazu, ihm alles zu sagen. Als er es durch Zufall erfuhr, war es zu spät. Ich verstehe ihn und bin ihm nicht böse."

 

Ihr Nachbar nickte. "Dann mal Kopf hoch, Mädchen, das Leben geht weiter. Morgen scheint wieder die Sonne. Bestimmt!"

 

Sie nickte vorsichtig, dankbar für die Aufmunterung, bezweifelte jedoch stark, dass für sie jemals irgendwann wieder die Sonne scheinen würde.

 

-17-

 

Müde und erschöpft schloss Birgit die Tür zu ihrer kleinen Wohnung auf. In den letzten Stunden hatte sie gedacht, die Heimreise würde nie zu Ende gehen. Die sechs Stunden von Lihue über Honolulu nach Los Angeles waren ja noch gegangen, aber die folgenden zwölf Stunden bis Deutschland kamen ihr vor wie eine Ewigkeit, zumal das Flugzeug diesmal anders als beim Hinflug auch noch in London zwischen landete, was die Flugzeit um zwei Stunden verlängerte. Und dann hatte sie ja noch drei Stunden mit dem Zug von Frankfurt nach Erfurt fahren müssen. In Erfurt gönnte sie sich schließlich ein Taxi, weil sie keine Lust hatte, erst noch auf die Straßenbahn zu warten. Jetzt wollte sie nur noch schlafen. Sie ließ einfach alles Gepäck fallen. Auspacken konnte sie auch  noch morgen. Nur noch schnell den Eltern Bescheid sagen, dass sie wieder zu Hause war, wollte sie. Doch bei ihnen meldete sich nur der Anrufbeantworter. Also sagte Birgit nur, dass sie wieder gut angekommen sei, bat aber, sie in nächster Zeit nicht zurückzurufen, die sie erst einmal ausschlafen wolle. Als sie sich gerade ausziehen wollte, klingelte es an der Tür. Auch das noch, dachte sie.

 

Als sie öffnete, stand Tommy vor der Tür. "Ich wollte nur sehen, ob du auch wieder gut zu Hause gelandet bist.", sagte er. Sie nickte und bat ihn herein. "Und wie war es auf Kauai?", fragte er neugierig.

 

"Schön.", erwiderte sie knapp.

 

"Du siehst aber nicht sehr begeistert aus, B.", bemerkte Tommy besorgt.

 

"Ich bin hundemüde und will nur noch schlafen", sagte sie. "Ich bin seit fast 24 Stunden auf den Beinen und dazu noch die Zeitverschiebung von 12 Stunden, ich kann nicht mehr."

 

"Dann gehe ich wohl lieber gleich wieder.", meinte er einfühlsam. "Du kannst mir ja morgen in der Redaktion alles erzählen."

 

Birgit brachte ihn zur Tür. Nachdem Tommy gegangen war, ließ sie sich auf ihr Bett fallen. Ihr Blick fiel dabei auf das Poster von Robert Brockner. Ich muss bis morgen eine Entscheidung fällen, dachte sie, was ich nun mache. Sie schloss die Augen und sank in einem tiefen Schlaf. Im Traum war sie wieder mit Robert auf Kauai.

 

-18-

 

Mit zitternden Knien betrat Birgit das Büro des Alten, der ihren Bericht über das Gelingen des Auftrages erwartete. Als sie am Morgen aufwachte, hatte sie eine Entscheidung getroffen. Aber eigentlich war dies gar nicht notwendig gewesen, denn sie wusste von vornherein, wie sie sich verhalten würde. Sie würde Robert nicht verraten. Auch wenn er dies nie erfahren würde und dies ihn ihr auch nicht zurückbrachte, so wollte sie doch auf keinen Fall sein Vertrauen missbrauchen. Eine reißerische Privatstory hatte sie sowieso nie vorgehabt. Aber wenn er ihr die Erlaubnis gegeben hätte, hätte sie gern einen Bericht über seine zahlreichen Erlebnisse bei den diversen Dreharbeiten geschrieben oder eine Vorschau auf "Die Todessekte". Aber da sie seine Erlaubnis nun einmal nicht hatte, würde sie gar nichts tun. Hoffentlich ertappt mich der Alte nicht, dachte sie, sonst kann ich hier gleich einpacken.

 

"Waren Sie erfolgreich, Fräulein Markert?", fragte er sie, noch mit freundlichem Blick.

 

"Leider, nein.", log sie.

 

"Soll das heißen, Sie haben Robert Brockner nicht angetroffen, oder was?" Der Ton wurde schon barscher.

 

Sie versuchte, sich zusammenzureißen und ihn ihre Angst nicht anmerken zu lassen. "Die Adresse, die Sie mir gaben, hat nicht gestimmt. Die Quelle war wohl falsch informiert. Ich habe alles versucht, herauszufinden, wo Robert Brockner sich aufhält, aber es war vergebens. Bei so einer bekannten Persönlichkeit bekommt man ja leider von der Auskunft keine Informationen. Es tut mir sehr leid, Herr Müller, ich habe wirklich alles versucht." Sie senkte beschämt den Kopf.

 

"Nun, da kann man nichts machen.", erwiderte der Alte. "Den Versuch war es wert. Haben Sie wenigstens Bilder von der Insel gemacht?" Sie nickte. "Dann schreiben Sie für die Reiseseite einen Bericht, damit wir wenigstens etwas haben. Geben Sie unseren Fotografen die Negative zum Entwickeln."

 

"Ich habe sie heute morgen schon selbst zum Entwickeln gebracht.", antwortete sie. Immerhin sollten sie nicht in falsche Hände fallen, auf einigen war schließlich auch "ihr" Robert zu sehen.

 

"Auch gut, dann bringen Sie bitte die fertigen Fotos mit.", entgegnete der Alte. "Und nun, gehen Sie wieder an Ihre Arbeit."

 

Mit diesen Worten entließ er sie. Ich werde "Tante Klara" nun nie los werden, dachte Birgit deprimiert, als sie den Stapel Leserpost sah, der sich in den letzten zwei Wochen auf ihrem Schreibtisch angesammelt hatte. Dies wäre meine Chance gewesen. Aber sie hatte eine Entscheidung gefällt, wie ihr Gewissen sie ihr diktierte, und das war gut und richtig so. Vielleicht bekam sie irgendwann einmal wieder eine Chance und bis dahin musste sie halt das Beste aus ihrem Leben und ihrem Job machen.

 

"Na ausgeschlafen, B?", Tommy kam strahlend zur Tür herein und ließ sich wie gewohnt auf der Schreibtischkante nieder.

 

"Einigermaßen.", entgegnete Birgit. "Und hast du die große Story schon fertig?"

 

"Es gibt keine Story.", antwortete sie leise.

 

"Warum nicht?", fragte er neugierig.

 

"Ich habe Robert Brockner nicht angetroffen. Die Adresse stimmte nicht." Es fiel ihr nicht leicht, auch ihren besten Freund zu belügen, aber es war besser, wenn nie jemand etwas von ihrer Beziehung zu Robert erfuhr. Und selbst wenn sie sich Tommy eines Tages anvertrauen würde, jetzt war sie auf keinen Fall bereit dazu.

 

"Das tut mir leid.", meinte Tommy mitfühlend. "War der Alte sehr sauer?"

 

"Es ging.", erwiderte Birgit. "Ich soll wenigstens einen Reisebericht schreiben, damit das Ganze nicht ganz für umsonst war. Aber ansonsten", sie deutete auf den Stapel Post neben ihrem Computer, "werde ich nun wohl ewig an "Tante Klara" hängen bleiben."

 

"Ich werde meinem Vater noch einmal die Hölle heiß machen, dass man dir weitere ordentliche Aufträge gibt.", versprach Tommy.

 

"Ach, lass nur. Das lohnt sich ja doch nicht. Bei meinem Glück, geht doch eh wieder alles schief.", entgegnete Birgit sarkastisch. Vor ein paar Tagen hatte ich den Himmel auf Erden in Roberts Armen und nun ist es wieder so trübe, trist und einsam wie vorher, nur noch viel, viel schlimmer, dachte sie. Ich werde wohl nie glücklich in meinem Leben werden. Aber daran hast du ja schließlich auch selber Schuld.

 

-19-

 

Robert Brockner lief mit seinem Hund Charly am Strand von Anahola entlang, wie so oft in der letzten Woche. Immer häufiger quälten ihn Fragen und Vorwürfe. Seit Birgit vor sieben Tagen gegangen war, hatte er kaum noch eine Nacht ruhig geschlafen. Er fragte sich immer wieder, wie er nur so naiv hatte sein können, um auf sie hereinzufallen. Aber war denn wirklich alles nur Täuschung gewesen? Mittlerweile waren ihm Zweifel gekommen, ob er Birgit nicht doch unrecht getan hatte. Er besaß doch auch eine gewisse Menschenkenntnis. Vielleicht hatte sie ja ursprünglich vorgehabt, irgendwie an Informationen über ihn zu kommen, aber dann hatte sie sich wirklich in ihn verliebt. Ihre Gefühle mussten einfach echt gewesen sein. Er hatte doch gespürt, wie sie seine Liebe erwiderte. Das konnte doch nicht alles nur ein Trick gewesen sein. Nein, so skrupellos war sie bestimmt nicht, um wegen einer guten Story sogar mit ihm ins Bett zu gehen. Nana hatte ihm in den letzten Tagen heftige Vorwürfe gemacht, dass er Birgit so ohne weiteres hinausgeworfen hatte. Sie war nach wie vor der Meinung, dass er und Birgit füreinander bestimmt wären. Ich muss herausfinden, was sie über mich geschrieben hat, dachte Robert. Er holte einen zerknüllten Zettel - das Fax, welches sie damals wütend weggeworfen hatte - aus seiner Hosentasche und lief eilig zum Haus zurück. Er ging zum Telefon und wählte die beim Absender angegebene Nummer. Es dauerte eine Weile bis er sich verständlich gemacht hatte und jemanden am anderen Ende der Leitung vorfand, der genug englisch sprach, um zu verstehen, was er eigentlich wollte.

 

"Ich möchte gern ab sofort das "Bunte Wochenblatt" abonnieren.", sagte er. Und Robert ließ auch nicht nach, als man ihm klar machte, dass eigentlich kein Auslandsabonnement für die Zeitschrift vorgesehen war. Doch er blieb hartnäckig. "Die Kosten fürs Porto spielen keine Rolle. Ich zahle gern, was Sie wollen." Und schließlich sagte man ihm zu, dass er die Zeitung nun wöchentlich erhalten würde. Vielleicht erfahre ich dann ja, dachte Robert, ob ich Birgit unrecht getan habe.

 

-20-

 

"Du sollst sofort zum Alten kommen!", mit einem süffisanten Lächeln begrüßte Gaby, wie immer aufgedonnert und im super kurzen Minirock, trotz schon beinahe winterlicher Temperaturen draußen, Birgit eines Morgens in der Redaktion.

 

"Was ist denn los?", fragte sie verwundert.

 

"Keine Ahnung, aber er klang sehr wütend. Was hast du denn ausgefressen?" Triumphierend stolzierte Gaby auf ihren hochhackigen Schuhen mit Pfennigabsätzen hinaus.

 

Das hat mir gerade noch gefehlt, dachte Birgit, Ärger mit dem Alten und ich weiß nicht einmal, warum. Mittlerweile war sie seit vier Wochen von Hawaii zurück. Letzte Woche hatte sie ihren Reisebericht über Kauai und die dazugehörigen Fotos bei den Kollegen von der Reiseredaktion abgegeben. Er sollte nächste Woche nun erscheinen. Es war Mitte Oktober, der Herbst hatte langsam Einzug gehalten und fegte beharrlich das bunte Laub von den Bäumen. Ihre persönliche Stimmung passte zu dem trüben und regnerischen Wetter der letzten Tage. Sie war noch ruhiger und ernster geworden, als sie es vor der Reise eh schon war.

 

Tommy machte sich mittlerweile große Sorgen um sie. "Was ist denn nur los mit dir B?", fragte er sie deshalb immer wieder.

 

"Nichts.", hatte sie jedes Mal beharrlich geantwortet.

 

Doch er ahnte, dass dies nicht stimmte. "Ist etwas passiert auf Kauai?", hakte er deshalb nach. "Du weißt doch, dass du mit mir über alles reden kannst. Wir sind doch Freunde."

 

Doch sie war noch nicht bereit, über Robert und das Geschehene zu sprechen. Als sie ihre Fotos vom Fotografen abgeholt und betrachtet hatte, war sie wieder in Tränen aufgelöst gewesen. Sich die Videoaufnahmen anzuschauen, hatte sie bis heute noch nicht gewagt. Sie hatte sogar überlegt, Roberts Poster von der Wand zu nehmen, aber dies brachte sie nun doch nicht fertig. Es ist ja nicht seine Schuld, sondern ganz allein deine, sagte sie sich immer wieder. Und die Selbstvorwürfe quälten sie Tag und Nacht. Jetzt also zu allem Überfluss auch noch Ärger an der Arbeit. Es kam ja mal wieder alles zusammen, aber das war ihr nun beinahe auch schon alles vollkommen egal.

 

"Würden Sie mir bitte dieses Foto erklären!" Ohne ihren Gruß zu erwidern, reichte ihr Klaus-Jürgen Müller ein Foto über seinen riesigen Schreibtisch herüber, als sie im Besuchersessel Platz nahm. Seine Stimme klang dabei alles andere als freundlich.

 

Verwirrt warf Birgit einen Blick auf das Bild und erschrak sogleich aufs Heftigste. Es zeigte nämlich Robert Brockner, wie er lachend in ein riesiges Sandwich biß. Sie wusste genau, wo sie es aufgenommen hatte, bei dem Picknick hoch oben über den Klippen der Na Pali Küste. "Woher haben Sie es?", fragte sie leise. Die Antwort konnte sie sich aber denken. Es musste ihr zwischen ihre Reisefotos geraten sein. Dabei hatte sie doch sorgfältig darauf geachtet, kein verräterisches Foto mit Robert dabei zu haben, als sie sie in der Redaktion abgab.

 

Der Alte bestätigte ihren Verdacht sofort. "Es war unter den Fotos, die Sie für Ihren Reisebericht ausgewählt hatten. Ein Kollege der Reiseredaktion gab es mir heute morgen. Wenn mich nicht alles täuscht, ist dies doch Robert Brockner. Würden Sie mir bitte erklären, wie jemand, den Sie angeblich gar nicht angetroffen haben, auf ein Foto von Ihnen kommt?" 

 

Birgit war blass geworden. Ihre Lüge war also aufgeflogen. Jetzt hatte sie wohl keine Gnade mehr zu erwarten. Sie versuchte, ihre Fassung zu bewahren, als sie gestand: "Ich habe gelogen, als ich sagte, ich hätte Robert Brockner nicht angetroffen. Ich traf ihn schon beim Überflug. Aber er wäre nie einverstanden mit einer Veröffentlichung über ihn. Deshalb wollte ich nichts schreiben. Ich dachte diese Meinung würden Sie nicht verstehen und log deshalb lieber, ich hätte ihn gar nicht getroffen."

 

"Sein nicht vorhandenes Einverständnis ist ein Hinderungsgrund für Sie?", verwundert schüttelte der Alte den Kopf. "Mensch Mädchen, wissen Sie nicht, bei was für einer Zeitung Sie arbeiten? Wenn wir alle Prominenten erst um ihr Einverständnis bitten würden, könnten wir gleich dicht machen. Sie schreiben jetzt sofort für die nächste Ausgabe eine ordentliche Story über Brockner! Egal, ob es stimmt oder nicht, Hauptsache, es zieht ordentlich Leserinnen an."

 

Sie schüttelte energisch den Kopf. "Das werde ich nicht tun. Ich werde keine Story ohne Robert Brockners Einverständnis schreiben und schon gar keine Lügen über ihn erfinden." Der Alte stand auf. "Ist das Ihre ernsthafte Meinung, Ihr letztes Wort?"

 

Birgit nickte. "Es tut mir leid, ich habe meine Prinzipien. Meine Eltern erzogen mich nach gewissen moralischen Grundsätzen und auch an der Universität brachte man mir entsprechende journalistische Ethiken bei. Ich werde nichts tun, was gegen mein Gewissen verstößt. Und dies wäre hier der Fall." Er wird mich eh feuern, wegen meiner Lüge, dachte sie, dann will ich wenigstens ein ruhiges Gewissen haben. Ich werde Robert nicht verraten, niemals. Sie stand ebenfalls auf und straffte die Schultern. Mutig wartete sie ab, was nun kommen würde. Jetzt war ihr sowieso schon alles egal.

 

"Dann tut es mir sehr leid. Mit dieser Einstellung haben Sie hier nichts verloren.", entgegnete der Alte hart. Sie nickte. "Seien Sie froh, dass ich nicht Schadenersatz oder eine Rückerstattung der Reisekosten von Ihnen verlange. Aber Sie haben im letzten Jahr gute Arbeit für uns geleistet und Thomas Lauenschmidt ist Ihr Freund, ihm würde dies sicher nicht gefallen, deshalb werde ich von solchen Forderungen absehen.", erklärte er weiter. "Aber Sie brauchen ab sofort nicht mehr an Ihrem Arbeitsplatz zu erscheinen. Zum 1. November erhalten Sie ihre Papiere."

 

"Ich verstehe.", erwiderte Birgit. "Und danke."

 

Der Alte nickte. "Sie sind eine fähige Journalistin. Ich wünsche Ihnen viel Glück. Hoffentlich finden Sie einen Job, der Ihren moralischen Vorstellungen entspricht."

 

Birgit bedankte sich noch einmal und ging hinaus. Nun war es also vorbei. Sie hätte wissen müssen, dass ihre Lüge irgendwann auffliegen würde. Nun würde sie sich einen neuen Job suchen müssen und das würde nicht einfach werden. Aber es war besser so, als dass sie etwas gegen ihr Gewissen getan hätte. Trotzdem traten ihr die Tränen in die Augen als sie ihren Schreibtisch ausräumte und nach Hause ging. Robert würde leider niemals erfahren, was sie jetzt alles nur für ihn geopfert hatte.

 

-21-

 

"B, mach endlich die Tür auf.", Thomas Lauenschmidt drückte erneut auf den Klingelknopf und hämmerte an die Tür der Wohnung seiner Freundin. Er war so laut, dass eine Nachbarin verwundert den Kopf zu ihrer Tür hinaus steckte. "Ich weiß, dass du da bist!", rief er nochmals.

 

Als Birgit endlich öffnete, trat er schnell ein und schloss die Tür hinter sich, bevor noch das ganze Haus mithörte. Birgit sah müde und erschöpft aus, um ihre Augen zeichneten sich Ringe ab. Sie hatte ganz offensichtlich geweint. Er wusste, dass sie seine Hilfe jetzt brauchen würde und war deshalb gleich zu ihr geeilt, nachdem er in der Redaktion erfahren hatte, was geschehen war und nach einer unerfreulichen Auseinandersetzung mit seinem Vater deshalb. "Was ist los?", fragte er sie.

 

"Das weißt du doch bestimmt.", kam es resignierend zurück.

 

"Ja, schon. Aber ich würde gern deine Variante des ganzen hören." Er ging ins Wohnzimmer und nahm auf einem Stuhl Platz.

 

Birgit ließ sich auf ihr Sofa fallen und zuckte nur die Schultern. "Der Alte hat mich gefeuert, weil ich nicht die Wahrheit gesagt habe und mich geweigert habe, einen Auftrag zu erfüllen. Das war sein gutes Recht. Mehr ist nicht. Ganz einfach."

 

Doch Tommy schüttelte energisch den Kopf. "Ich kenne dich, B. Vergiß das bitte nicht! Da steckt mehr dahinter und du weißt, du kannst mit mir über alles reden. Du bist schon die ganzen letzten Wochen verändert, seit deiner Rückkehr aus Hawaii. Also, was ist los?"

 

Birgit schwieg einen Augenblick, dann begann sie leise zu erzählen. "Ich hatte ungeheures Glück, ich lernte Robert Brockner nämlich schon auf dem Flug nach Hawaii kennen. Er saß ab Frankfurt im Flugzeug neben mir. Er war ganz toll, total nett und charmant. Jedenfalls waren wir schon Freunde als wir in Hawaii ausstiegen. Er hat dann in den nächsten Tagen für mich Fremdenführer gespielt. Und dann ist es halt passiert." Sie brach ab.

 

"Was ist passiert?", fragte Tommy vorsichtig.

 

"Naja, wir haben uns ineinander verliebt und so weiter."

 

"Und warum bist du dann nicht bei ihm auf Hawaii oder er ist bei dir hier?", wunderte sich Tommy.

 

"Weil es schief gegangen ist. Er wusste nicht, dass ich Journalistin bin. Ich wollte es ihm immer wieder sagen, ehrlich. Aber immer kam irgend etwas dazwischen und dann habe ich mich einfach nicht mehr getraut. Ich dachte, er würde nichts mehr von mir wissen wollen, wenn er die Wahrheit erfährt. Er mag nun einmal keine Journalisten. Dann bekam er ein Fax von der Redaktion in die Hand und daraus musste er zwangsläufig entnehmen, dass ich quasi hinter ihm her war. Er hat mich hochkant rausgeschmissen, ohne die Chance auf eine Erklärung."

 

"So ein Mistkerl.", knurrte Tommy wütend. "Dazu hatte er kein Recht."

 

Birgit schüttelte den Kopf. "Ich verstehe ihn und bin ihm nicht böse. Er hat so viele schlechte Erfahrungen gemacht, dass er ja zwangsläufig von mir nur das Schlimmste annehmen musste. Es war meine Schuld, dass ich nicht von Anfang an, ehrlich zu ihm war, und jetzt muss ich halt die Konsequenzen tragen und das Beste aus diesen Umständen machen."

 

"Umstände!", Tommy horchte auf. "Du bist doch nicht etwa schwanger?"

 

"Nein, natürlich nicht.", beruhigte Birgit ihn. "Keine Angst. Das hätte mir nun wahrlich noch gefehlt. Jedenfalls wollte ich aber keine Story über Robert schreiben, ohne sein Einverständnis zu haben. Auch nichts Seriöses, über uns hätte ich ja sowieso nicht geschrieben. Das kann ich einfach nicht tun. Da macht mein Gewissen nicht mit. Also habe ich dem Alten gesagt, dass ich Robert Brockner gar nicht angetroffen habe. Ich dachte, das sei das Beste. Natürlich war er nicht begeistert, aber ich sollte ja wenigstens den Reisebericht schreiben. Dummerweise ist mir ein Foto mit Robert zwischen die abgegebenen Bilder geraten und damit flog alles auf. Der Alte wollte, dass ich sofort eine Story schreibe, aber das habe ich abgelehnt. Das Ergebnis kennst du ja. Ich muss noch froh sein, dass er von mir nicht Schadenersatz oder die Reisekosten zurück verlangt, dann sähe ich absolut alt aus."

 

"Du hast absolut richtig gehandelt.", erwiderte Tommy. "Ich hätte es an deiner Stelle genauso getan. Du bist dir und deinem Gewissen treu geblieben. Und nur das ist es, was wirklich zählt."

 

"Nur kann ich mir dafür nichts kaufen.", kam es bitter von Birgit zurück.

 

"Was willst du jetzt machen?", fragte Tommy.

 

"Keine Ahnung, ich kann nur hoffen, dass ich so schnell wie möglich wieder einen Job finde. Aber du weißt ja, wie es im Journalismus aussieht. Da habe ich wohl kaum Chancen."

 

"Dann komm mit mir nach London.", bot Tommy ihr an.

 

"London, was willst du denn in London?", fragte Birgit verwundert.

 

"Arbeiten.", erwiderte ihr Freund. "Ich habe nämlich auch gekündigt."

 

"Meinetwegen?"

 

"Nicht nur. Ich war mit meiner Arbeit auch schon lange unzufrieden. Das ich quasi der Kronprinz bin, macht es nicht gerade einfacher. Ich mag trotzdem unseren Klatschstil genauso wenig wie du und ich wollte schon lange mal etwas anderes machen und mir fremden Wind um die Nase wehen lassen."

 

"Aber warum ausgerechnet London?", hakte Birgit nach. Sie verstand noch immer nicht, was plötzlich mit Tommy los war, dachte sie doch bisher, er sei glücklich mit seiner Stellung. Jetzt kam er ihr seltsam verändert vor. Er wirkte irgendwie befreit.

 

"Ich habe da jemanden kennen gelernt, als ich vor einem halben Jahr dort war, um über das ganze Scheidungstheater von Charles und Diana zu berichten.", erzählte er.

 

Birgit lächelte. "Ich wusste ja gar nicht, dass du eine Freundin hast, wurde aber auch Zeit."

 

"Habe ich auch nicht." Tommy stand auf und schaute aus dem Fenster hinunter auf den Anwohnerparkplatz des Hochhauses. Dann wandte er sich um und sagte leise: "Ich bin schwul."

 

"Was?" Birgit sprang auf.

 

"Ich bin homosexuell. Ich meine, ich stehe nicht auf Frauen, sondern Männer.", erklärte er

 

"Ich weiß, was schwul bedeutet.", erwiderte Birgit. "Aber du? Darauf wäre ich nie gekommen. Und ich habe mich immer gefragt, warum du mich so unattraktiv findest, dass du nicht mehr von mir willst, als unsere Freundschaft. Ich hatte ja schon Minderwertigkeitskomplexe deswegen."

 

"Du bist eine attraktive und nette junge Frau und unsere Freundschaft bedeutet mir alles, aber ich wollte bei dir nie falsche Hoffnungen wecken, auf irgend etwas mit mir, was nie würde sein können. Aber ich war auch noch nicht soweit, mich zu outen, auch dir gegenüber nicht." Er lachte. "Du hättest das Gesicht meines Vaters sehen sollen, als ich es ihm vorhin sagte. Es war köstlich. Er braucht garantiert eine Weile, um den Schock zu verdauen. Ich war so wütend, über den Umgang mit dir und als er anfing, mir wegen meiner Kündigung zu drohen, dachte ich, da versetze ich ihm doch gleich noch einen Schock."

 

"Also hast du einen Freund in London?", fragte Birgit.

 

Tommy nickte. "Ja, er heißt Marc Shepard. Er ist auch Journalist, besser gesagt der Chefredakteur eines kleinen Kultur- und Szeneblattes. Er hat mir schon damals angeboten, doch zumindest für eine Weile zu ihm zu kommen und für das Blatt zu arbeiten. Es wäre ja auch ein gutes Sprachtraining. Das kann ja nicht schaden für die Zukunft. Ich muss einfach mal, was anderes machen, raus aus diesem Kleinstadtmief hier. Und du kommst jetzt ganz einfach mit. Marc hat sicher auch für dich etwas zu tun. Und seine Wohnung ist groß genug für drei."

 

"Ich kann doch nicht einfach mitkommen. Dein Freund wird sich bedanken, wenn du plötzlich mit mir auf der Türschwelle stehst.", warf Birgit ein.

 

"Quatsch, Marc ist okay. Ihr werdet euch garantiert mögen. Du brauchst ja keine Angst zu haben, dass einer von uns dir etwas tut."

 

"Aber vielleicht hat er Angst, dass ich einem von euch etwas tue?", entgegnete Birgit lächelnd.

 

Doch Tommy schüttelte nur energisch den Kopf und ließ keinen Einwand gelten. "Papperlapapp, du kommst mit. Außerdem wird dir ein Tapetenwechsel gut tun. Dann kommst du auf andere Gedanken und musst nicht hier rum sitzen und Trübsal blasen."

 

Er hat recht, dachte Birgit. Hier fällt mir auf Dauer die Decke auf den Kopf und ich drehe noch durch. "Also gut, ich komme mit."

 

"Wunderbar!", Tommy strahlte. "Du wirst sehen, wir werden viel Spaß haben und alles wird wieder gut."

 

Dein Wort in Gottes Ohr, dachte sie, aber schlimmer als in den letzten Wochen kann es wirklich nicht mehr kommen. Also auf nach London. Vielleicht kann ich dort auch Robert vergessen und ein neues Leben anfangen zu führen.

 

-22-

 

Als Birgit Markert Marc Shepard eine Woche später am Londoner Flughafen Heathrow gegenüber stand, staunte sie nicht schlecht, denn Tommys Freund entpuppte sich als ihr Flugnachbar, der sie auf dem Flug von Los Angeles nach London getröstet hatte.

 

Marc begrüßte sie herzlich in gebrochenem Deutsch mit den Worten "Ich hoffe, es geht dir jetzt besser?"

 

Birgit nickte und Tommy schaute erstaunt. "Ihr kennt euch?", fragte er misstrauisch.

 

"Ja.", erwiderte Marc. "Als ich neulich vom Urlaub in Los Angeles kam, saß Birgit im Flugzeug neben mir. Natürlich wusste ich damals noch nicht, dass ihr euch kennt. Ich hoffe aber, du warst nicht der Kerl, wegen dem sie weinte."

 

"Natürlich nicht, das war ein ganz mieser Schuft.", entgegnete Thomas Lauenschmidt sofort und ungeachtet des wütenden Blickes, den Birgit ihm zuwarf. Er war noch immer nicht gut auf Robert Brockner zu sprechen. Da er seiner Meinung nach, Birgit großes Unrecht getan hatte.

 

"Gut.", Marc nickte. "Dann herzlich willkommen hier. Tommy hat mir am Telefon erzählt, warum du deinen Job verloren hast. Ich finde, es war sehr vernünftig von euch beiden, von eurem Klatschblatt weg zugehen. Wir finden schon genug zu tun für euch beim "London Scenic", aber erst einmal zeige ich euch die Stadt."

 

Gesagt, getan. In den nächsten Wochen durchstreiften sie London in allen Himmelsrichtungen. Marc zeigte seinen deutschen Freunden, alles was sehenswert war: Buckingham Palace und Westminster Abbey, St. Pauls und den Picadilly Circus, Tower und Covent Garden. Das mittlerweile vorweihnachtliche London erstrahlte in hellem Lichterglanz. In Marcs großer Wohnung im Stadtteil Kensington war genug Platz, dass alle drei ihr eigenes kleines Reich fanden. Natürlich kam auch die Arbeit nicht zu kurz, denn Marc konnte in seiner kleinen Redaktion jede Hilfe gebrauchen und so schrieben Tommy und Birgit fleißig Artikel. Sich nun in der vielfältigen Londoner Kulturszene zu bewegen, war für beide eine angenehme Abwechslung im Gegensatz zu ihrer früheren wenig seriösen und befriedigenden Tätigkeit in Erfurt beim "Bunten Wochenblatt".

 

Am 2. Adventssonntag kam Marc nach Hause und sagte: "Heute Abend muss ich einmal das Fernsehprogramm bestimmen. Im TV läuft die Europapremiere "Der Todessekte"", des neuesten Filmes von Robert Brockner und ich will die Fernsehkritik darüber schreiben."

 

"Muss das sein?", fragte Tommy und er sah Birgit besorgt an, die blass geworden war.

 

"Wieso?", fragte Marc, verwundert über die ablehnende Haltung seines Freundes.

 

"Weil ich den Kerl nicht leiden kann, diesen Mistkerl!", knurrte Tommy.

 

Marc sah verwundert Birgit an, die energisch den Kopf schüttelte und Tommy ihrerseits wütend anblickte. "Irgendwie verstehe ich hier wohl etwas nicht ganz.", meinte er.

 

"Hat Tommy dir nicht die ganze Geschichte meiner Entlassung erzählt?", fragte Birgit.

 

Marc schüttelte den Kopf und Tommy warf ein: "Ich erzähle doch nicht deine Privatsachen weiter."

 

Birgit nickte: "Aber Marc ist dein Freund und er kann ruhig alles erfahren." Und zu Marc gewandt, fuhr sie fort: "Als wir uns damals im Flugzeug trafen, kam ich von Hawaii zurück. Ich sollte dort eine Story über Robert Brockner schreiben. Das war quasi meine große Chance, endlich etwas in der Redaktion zu erreichen. Ich traf Robert schon auf dem Hinflug und wir wurden schnell Freunde und schließlich ein Liebespaar. Er wußte jedoch nichts von meinem Auftrag. Und ich fand nicht den Mut und die Gelegenheit ihm alles zu erklären. Als er es später herausfand, wollte er nichts mehr von mir wissen. Da ich mich aber weigerte, einen Artikel über das ganze zu schreiben, verlor ich meinen Job."

 

"Das tut mir leid.", sagte Marc leise. "Das wusste ich nicht."

 

"Und ich bin stinksauer auf den Kerl.", warf Tommy ein. "Er hatte nicht das Recht, Birgit hinauszuwerfen, ohne ihr die Chance auf eine Erklärung zu geben.

 

"Er hatte alles Recht der Welt.", entgegnete Birgit "Schließlich habe ich ihm die ganze Zeit über die Wahrheit verschwiegen."

 

"Wenn du willst, gebe ich den Auftrag jemand anderem.", bot Marc an.

 

Doch Birgit schüttelte den Kopf "Nein, lass nur. Ich kann nicht immer und ewig allem, was irgendwie mit Robert zusammenhängt aus dem Weg gehen."

 

-23-

 

"Würdest du mir bitte endlich sagen, was mit dir los ist?" Ärgerlich musterte Mathew Rowlands seinen Freund Robert Brockner, der auf seinem großen Stein am Ufer des Pazifiks saß.

 

"Nichts ist los.", war die stereotype Antwort, die Matt in den letzten Tagen öfters gehört hatte. Eigentlich war er nach Kauai gekommen, um die Vorweihnachtszeit bei seinem besten Freund zu genießen. Doch seit seiner Ankunft machte er sich Sorgen um Rob. Er war seltsam verändert, wirkte auf ihn geradezu deprimiert. Heute morgen hatte er dann auf Roberts Leinwand das Porträt einer jungen Frau entdeckt. Daneben lagen Fotos, nach denen er sie offensichtlich malte. Irgendwas stimmte da doch nicht und deshalb hakte der schlanke, blonde und blauäugige Mann nach.

 

"Mach mir doch nichts vor. Ich kenne dich. Und ich mag zwar nicht viel von der Liebe im allgemeinen und den Frauen im besonderen verstehen, aber wenn jemand Liebeskummer hat, erkenne ich das schon. Und du zeigst eindeutig alle Symptome. Wer ist die Frau, die du malst?"

 

Ruckartig hob Robert Brockner den Kopf, musterte seinen vor ihm stehenden 40-jährigen Freund. "Was weißt du?"

 

"Nichts.", entgegnete Matt. "Ich habe nur heute morgen das Gemälde und die Fotos gesehen. Wer ist sie?"

 

"Meine große Liebe.", sagte Robert leise.

 

"Was ist passiert?"

 

"Ich Idiot habe sie verloren.", erzählte Robert. "Als ich von den Dreharbeiten in der Schweiz zurückkam, lernte ich im Flugzeug eine junge Frau kennen, eine Deutsche, Birgit. Es war Liebe auf den ersten Blick, aber das war mir damals noch nicht bewußt. Jedenfalls verbrachte ich die nächsten Tage mit ihr und zeigte ihr die Insel. Ich dachte, sie sei als Touristin hier. Nun, irgendwann gestand ich ihr meine Gefühle und sie schien sie zu erwidern." Er unterbrach sich, streichelte Charly, der zu seinen Füßen lag.

 

Matt setzte sich in den weichen, warmen Sand neben dem Hund. "Und was ist dann passiert?", fragte er.

 

"Ich bekam ein Fax an sie in die Hände. Daraus habe ich schließlich entnommen, daß sie Journalistin ist und es ihr Auftrag war, eine Story über mich zu schreiben."

 

"Ach du großer Mist, so eine Gemeinheit!", rief Matt empört.

 

"Das dachte ich erst auch.", entgegnete Robert Brockner. "Also warf ich sie hochkant hinaus. Aber ganz offensichtlich hat sie diesen Artikel nicht geschrieben. Ich habe die Zeitschrift abonniert, von der das Fax kam. Es hat mich zwar eine ganze Menge Mühe gekostet, die Leute zu überzeugen, dass sie mir die Zeitung nach Hawaii schicken, aber schließlich taten sie es doch. Es stand aber nie auch nur ein Satz über mich drin. Und ich denke doch, wenn sie einen Artikel hätte schreiben wollen, hätte sie es längst getan. Ich denke, nein ich weiß, dass ich Birgit großes Unrecht getan habe. Ich habe ihr ja nicht einmal die Chance auf eine Erklärung gelassen. Und vor allem habe ich dadurch die Chance, privat doch noch glücklich zu werden in meinem Leben, zerstört."

 

"Warum rufst du sie nicht an oder schreibst ihr, erklärst ihr alles?", schlug Matt vor. "Vielleicht verzeiht sie dir ja."

 

Robert zuckte resignierend die Schultern. "Weil ich nicht weiß, wie ich sie erreichen kann. Ich habe in dieser Redaktion angerufen. Dort, sagte man mir, würde sie nicht mehr arbeiten. Schließlich gab man mir ihre private Adresse und Telefonnummer. Aber unter der Nummer erhält man keinen Anschluss und gestern kam auch mein Brief zurück. Empfänger unbekannt verzogen. Vielleicht ist sie meinetwegen weggegangen. Ich weiß nur, dass ich nicht weiß, was ich noch machen soll, um sie zu finden. Nein, ich habe wohl meine letzte und einzige Chance auf eine große Liebe leichtfertig verspielt. Das Einzige, was mir geblieben ist, sind die paar Fotos, die ich von ihr gemacht habe."

 

Matt schwieg, weil er nicht wusste, wie er seinen Freund aufmuntern sollte. Schließlich sagte er: "Und was willst du in Zukunft machen?"

 

"Arbeiten, viel arbeiten.", kam es zurück. "Hier drehe ich noch durch, weil ich immer nur an sie denken muss. Deshalb werde ich wieder drehen und habe auch zugesagt nächste Woche nach London zu kommen und bei der UNICEF Weihnachtsgala dort aufzutreten. Das lenkt mich wenigstens für eine Weile ab."

 

-24-

 

Marc Shepard stand abwartend im Garderobengang der Londoner Albert Hall. Hier fand gerade die Generalprobe für die diesjährige UNICEF-Weihnachtsgala statt. Dank seiner Position als Chefredakteur einer Londoner Kulturzeitung war der 38-jährige natürlich bestens informiert und so wusste er auch, dass Robert Brockner als Stargast der Gala auftreten sollte. Er hoffte einfach, dass der Schauspieler auch bei der Probe schon anwesend war, denn er hatte eine Entscheidung gefällt. Sie war ihm nicht leicht gefallen, doch er war überzeugt, dass er das Richtige tat. Tommy wäre da sicher anderer Meinung, dachte er. Deshalb hatte er den Freund auch nicht eingeweiht. Er wollte lieber erst einmal sehen, ob die ganze Sache auch gelang. Nachdem er vor anderthalb Wochen von Birgit die ganze Geschichte über ihre Liebe zu Robert Brockner erfahren hatte, konnte er ihr Verhalten in den letzten Wochen besser verstehen. Zwar schien es oberflächlich so, als ginge es ihr wieder besser und sie genoss die vorweihnachtliche Stimmung in der Stadt auch sichtlich. Doch er hatte auch bemerkt, dass sie tief in ihrem Inneren immer noch litt und deshalb wollte er ihr gern helfen. Als er Schritte näher kommen hörte, wurde er aufmerksam. Und tatsächlich es war Robert Brockner, der sich näherte. Den Hollywoodstar erkannte Marc sofort. Also trat er vor.

 

"Mr. Brockner!", sprach er ihn mutig auf englisch an. "Ich bin Marc Shepard vom "London Scenic". Kann ich Sie sprechen?"

 

"Ich gebe keine Interviews!", unwirsch trat der Schauspieler an ihm vorbei auf die Tür seiner Garderobe zu.

 

"Deshalb bin ich auch nicht hier.", Marc ließ sich nicht beirren. "Ich möchte mit ihnen über Birgit Markert reden."

 

Abrupt blieb Robert Brockner stehen. Er musterte den blonden jungen Mann, der ihn durch seine blauen Augen und die große, schlanke Statur an Matt erinnerte. "Was wissen Sie?", fragt er heiser. Er deutete auf die Tür. "Kommen Sie bitte herein!"

 

Marc schloss die Tür hinter sich und blieb mit dem Rücken an sie gelehnt stehen.

 

Robert Brockner setzte sich nervös auf einen Stuhl. "Wo ist Birgit?"

 

"Bei mir zu Hause".

 

Robert Brockners Miene verdunkelte sich. "Keine Angst.", sagte Marc schnell. "Es ist nicht das, was Sie jetzt vielleicht denken. Mein Lebensgefährte ist ihr bester Freund. Er brachte sie mit nach London, als sie ihren Job verlor."

 

"Man sagte mir, dass sie nicht mehr beim "Bunten Wochenblatt" arbeitet, als ich dort anrief.", erzählte Robert.

 

"In der Tat.", erwiderte Marc. "Sie verlor ihren Job, weil sie sich weigerte, eine Story über Sie zu schreiben, ohne Ihr Einverständnis. Mr. Brockner, ich weiß was auf Kauai passiert ist.", fuhr er fort. "Aber Birgit wollte Sie nie hintergehen. Sie sagte mir, dass sie mehrmals versucht hat, Ihnen alles zu erzählen, aber es kam immer etwas dazwischen. Mehrmals hätten Sie sie auch unterbrochen. Birgit ist ein lieber, netter Mensch. Sie würde nie jemanden hintergehen, am allerwenigsten Sie. Der Auftrag, einen Artikel über Sie zu schreiben, war ihre große Chance, in der Redaktion voran zukommen. Aber sie wollte die ganze Sache von Anfang an seriös behandeln. Leider ließen Sie ihr keine Chance."

 

"Ich weiß.", Robert nickte. "Ich habe die Zeitschrift abonniert. Ich weiß, dass sie nichts über mich geschrieben hat. Ich wollte mich bei ihr entschuldigen, aber ich konnte sie nicht erreichen. Die Post kam zurück und unter der Telefonnummer gab es keinen Anschluss."

 

"Tommy, mein Freund, hat sie mit nach London gebracht, damit sie auf andere Gedanken kommt. Ich dachte nur, Sie sollten wissen, dass Birgit es immer ehrlich gemeint hat. Was Sie jetzt machen, ist mir egal."

 

"Ich danke Ihnen.", sagte Robert Brockner herzlich. "Ich muss mit Birgit reden. Wo kann ich sie finden?"

 

"Wir sind für heute 16.00 Uhr in Kensington Gardens verabredet. Wir wollen dann hinüber zu Harrods und ein paar Weihnachtsgeschenke für Tommy kaufen, aber das kann warten. In der Mitte des Parks ist ein See. Kommen Sie ans rechte Ufer. Dort ist ein Imbisskiosk. Ich werde mit ihr in der Nähe sein.", erklärte Marc.

 

"Danke. Ich werde pünktlich sein.", erwiderte Robert herzlich. Vielleicht wird ja doch noch alles gut, dachte er, jetzt darfst du es aber auf keinen Fall wieder vermasseln.

 

-25-

 

Birgit warf den Enten und Schwänen auf dem kleinen See im Park von Kensington ein paar Brotkrumen zu, die diese begierig aufpickten, als Marc neben sie trat. Die Glocke einer nahen Kirche schlug gerade 16.00 Uhr.

 

"Ich habe Durst.", sagte er zu ihr nach der Begrüßung. "Ich schaue noch schnell mal zum Kiosk und hole mir etwas."

 

"Ich werde nicht weglaufen.", versprach Birgit und zog den Kragen ihres Mantels höher, da ein eisiger Wind aufzukommen begann. Robert Brockner kam Marc entgegen, als dieser sich dem Kiosk näherte. "Viel Glück.", sagte er zu dem Star, der ihm dankbar zu nickte.

 

Birgit war so auf die Tiere, die sie fütterte, konzentriert, dass sie Robert nicht kommen sah und erst aufblickte, als er neben ihr stand und sie mit einem leisen "Hallo, Darling!" begrüßte. Ihre Augen weiteten sich vor Überraschung und dann wollte sie, einem plötzlichen Impuls folgend, wegrennen.

 

Doch Robert hielt sie am Arm fest. "B, lass uns miteinander reden, bitte.", bat er flehentlich.

 

Birgit nickte. "Robert, ich wollte das Ganze doch nicht. Ehrlich. Ich wollte dir nicht weh tun, dich nicht verraten. Ich wollte es dir doch die ganze Zeit sagen, aber ...", ihre Stimme überschlug sich fast

 

"Ich weiß.", sagte Robert leise. "Ich weiß alles. Marc hat mir alles erklärt. Aber ich wusste es auch schon vorher. Ich habe deine Zeitschrift abonniert und gesehen, dass du nichts über mich geschrieben hast."

 

"Das hätte ich doch nie getan, ohne deine Zustimmung, Rob.", erwiderte Birgit. "Das weiß ich jetzt auch und dein Beruf stört mich auch überhaupt nicht. Ehrlich. Ich wollte dir das schon die ganze Zeit sagen, konnte dich aber nicht erreichen."

 

"Mein Freund Tommy hat mich mit nach London genommen, damit ich auf andere Gedanken komme. Außerdem war ich meinen Job ja eh los.", erklärte Birgit.

 

"Und das ist nur meine Schuld. Es tut mir so leid, Schatz.", sagte Rob betrübt.

 

"Mach dir deswegen bitte keine Vorwürfe.", erwiderte Birgit. "Es ist besser so, ich war sowieso nicht glücklich mit ihm. Das war eh nicht die Form von Journalismus, die ich mir immer für mich vorgestellt habe."

 

"Aber was machst du eigentlich jetzt hier in London?", fragte sie ihn verwundert.

 

Robert lächelte. "Ich wollte durch Arbeit Ablenkung finden. Ich war so betrübt, als ich dich nirgends erreichen konnte. Ich dachte, ich hätte dich für immer verloren und deshalb wollte ich mich wieder in Arbeit stürzen. Als erstes habe ich das Angebot, als Gaststar bei der diesjährigen UNICEF-Weihnachtsgala in der Albert Hall aufzutreten, angenommen. Ich dachte ja, je weiter ich weg bin von Hawaii und damit von den Erinnerungen an dich und unsere glückliche Zeit dort, um so besser. Und jetzt muss ich sagen, dass war die beste Entscheidung meines Lebens." Er wurde ernst. "Birgit, ich liebe dich. Bitte verzeih mir und gib mir noch eine Chance. Komm mit mir nach Hawaii oder, wenn dir das lieber ist, bleiben wir hier. Ich gehe mit dir auch überall hin, wo du willst, vom Nordpol bis Australien, nur verlass mich nie wieder." Er hielt den Atem an, als er sie musterte. Würde sie ihm verzeihen, wie er sie auf Kauai behandelt hatte? Er hoffte es so sehr, denn er konnte sich nicht vorstellen, sich je wieder von ihr zu trennen. Er wollte den Augenblick festhalten, für immer.

 

Birgits Herz machte vor Freude einen Sprung. Jetzt würde also doch noch alles gut werden. Sie und Robert für immer vereint. Sie hätte es nicht mehr zu hoffen gewagt. Nana hatte also doch recht gehabt, dachte sie, unsere Seelen gehören zusammen und Marc werde ich ewig dankbar sein, für seine Hilfe als Postillion D'Amour. "Ich liebe dich doch auch so sehr und ich würde gern für immer mit dir auf Hawaii zusammen sein.", erwiderte sie strahlend. Robert umarmte sie fest und ihre Lippen fanden sich zu einem langen und innigen Kuss. Und diesmal sollte ihr Glück und ihre Liebe für immer und ewig sein.

 

 

 

- ENDE -