"ACTIO, REACTIO"

von Jimaine

 

Übersetzung meiner Antwort auf den allfreitäglichen 5-min-Challenge der mash-slash vom 2.5.'03, beginnend mit "Sleeping with --"

 

Pairing: Hawkeye/Trapper, Trapper's POV

Archiv: Fanfiction Paradies, naturellement, und im Sumpf von T'Len & Lady Charena

Rating: PG

Disclaimer: Mir würde nicht einfallen, M*A*S*H oder seine Charaktere als meine eigenen darzustellen, sie gehören allesamt 20th Century Fox...und doch gibt es Tage, wo ich denke, daß FOX das nicht verdient. Kann daran nichts ändern, also spiele ich nur etwas mit den Jungs und lasse sie zu meiner kleinen Melodie tanzen. Kein Geld wurde hiermit verdient...Pfadfinderehrenwort.:-) Allerdings würde ich gerne genug verdienen, um einen gewissen Fernsehsender kaufen und dadurch die Menschheit retten zu können.

 

'Forsan et haec olim meminisse iuvabit.'

(Vielleicht wird man sich eines Tages auch an diese Dinge gerne erinnern).

— Virgil

 

Mit dem Wissen um eine unsichere Zukunft zu schlafen ist schlimmer, als alleine zu schlafen. Oder

gar nicht zu schlafen. Wo es Schlaf gibt, gibt es irgendwann Träume, wenn auch nicht

notwendigerweise...wir versuchen, Träumen aus dem Weg zu gehen.

 

Träume sind viel zu gefährlich.

 

Als Sklaven des Rhythmus der Stille, die durch unsere Gedanken hallt, greifen wir ohne

hinzusehen in die Dunkelheit hinein, doch ist Sicht nicht nötig, damit sich unsere Hände

finden...unsere Finger ineinander haken.

 

Manchmal denke ich, daß ich allein für diese flüchtigen Sekunden Körperkontakt lebe.

Daß mein einziger Daseinsgrund eine unsichtbare Berührung ist.

 

Ich muß fühlen können, daß er hier ist. Ja, er ist hier. Jeden Tag denke ich aus irgend einem

Grund, ihn verloren zu haben, irgendwo in den Schatten, die an diesem Ort regieren, aber die

Wahrheit ist, daß er niemals wirklich hier ist. Er ist woanders. Ist er immer. Vielleicht auf einer

anderen Seite der Zeit.

 

Meine Fingerspitzen berühren die seinen, der Kontakt ist so leicht, daß er kaum spürbar ist, ein

Streicheln über die Knöchel und weiter in die Krümmung der Handfläche in Richtung des

Handgelenks. Und wie jede Nacht, wenn die Schatten genügend Schutz bieten, erwidert er die

Geste, bestätigt mir ohne Worte (Zungen, wie Hände, ermüden nach einem 20-Stunden-Tag im

OP) seine Präsenz in der Dunkelheit. Langsam sinken wir von dem Adrenalin-High des Tages in

ginvernebelte Gelassenheit hinab und warten auf den Schlaf.

 

Keiner von uns will jedoch träumen, will nicht Träume brauchen müssen.

Soviel zu 'wollen' und 'brauchen', zwei paradigmatisch verwandte Ausdrücke, die im richtigen

Kontext eigentlich Gegensätze sind.

Wir können den Träumen nicht widerstehen, Nacht für Nacht werden wir in sie zurückgelockt.

Denn schließlich sind sie alles, was wir haben.

 

Der bessere Engel seiner Natur breitet zaghaft seine Schwingen aus, um noch etwas näher zu

kommen, aber wie bei dem meinigen sind seine Flügel beschnitten worden, damit er an diesem

Ort überleben kann. Der einzige Engel, der hier etwas zu sagen hat, ist der Todesengel.

 

"Triff' mich in meinem Traum", flüstert er. Nur ein schwaches Geräusch, das sich leicht als

Atemzug mißgedeutet werden kann, dann läßt er die Hand sinken. Und schon ein paar

Herzschläge später versuche ich mich zu erinnern, wie sich seine Berührung anfühlte.

 

_Triff' mich in meinem Traum._

Es ist der einzige Ort, wo sich mehr als bloß Hände berühren dürfen. Und wir wollen nicht, daß

dieser Traum verloren geht. Er ist zu schön...zu schmerzhaft...und zu real. Nur indem ich ihn

berühre, bin ich immer noch in ihm...und kann nicht mehr weiter, jetzt, wo ich fast sein Gesicht

sehen kann, in mir.

 

So schlafe ich ein und weiß, daß er nie mehr als einen Schritt hinter mir ist, nie mehr als einen

Atemzug entfernt.

 

_Triff' mich in meinem Traum._

 

Ich bin ihm schon weit voraus, bin schon dort. Hier. Mein Ich ist hier, und er auch. Meistens

zumindest.

Manchmal geht er absichtlich auf Distanz und zieht sich an diesen Anderort zurück, diesen Ort, an

den ich ihm nicht folgen kann, wo ich ihn nicht erreichen kann. Nichts und niemand kann das. Es

ist kein Traum, sondern etwas anderes, etwas viel Gefährlicheres als Träume.

 

Aber nicht heute, stelle ich dankbar fest.

 

Für jedes Mal, daß wir Schlaf als Vorwand für die Flucht in Träume nutzen können, müssen wir

dankbar sein.

 

Träume...die Aktionen, mit denen der menschliche Geist auf die Realität reagiert.

 

An manchen Tagen sind wir gezwungen, mit offenen Augen zu träumen.

 

Unsere Träume werden dadurch nur noch gefährlicher.

 

Denn würden wir in der Realität schlafen und Realität träumen, und aus der Realität aufwachen,

um uns der Realität zu stellen...bliebe nichts übrig.

 

_Triff' mich in meinem Traum._

 

Die Furcht vor diesem Verlust ist ebenso überwältigend wie die Furcht vor dem Traum selbst,

und ich bete, daß wir niemals mit dieser Furcht zu leben lernen. Sie hilft uns, die Dinge so zu

sehen, wie sie sind. Alle möglichen Dinge. Zum Beispiel den andauernden Versuch, Liebe und

Krieg und Verlust gleichbedeutend zu machen, zu einem Chimärenwesen zu formen.

Oder die dunklen unter- und unbewußten Ironien der menschlichen Existenz, die in Wahrheit

Realitäten jenseits des Todes sind.

Die Bewegungen einer anderen Person drei Fuß entfernt...und die Sorge, mit der man nach dem

nächsten Atemzug oder leisen Murmeln lauscht. Vielleicht sogar dem eigenen Namen.

Manchmal bin ich mir meiner Furcht kaum bewußt...zumindest nicht im Tageslicht. Die Tränen

kommen erst wieder in der Dunkelheit.

 

Er bringt mich zum Weinen. Nur er bringt das fertig. Actio, reactio, ganz einfach. Keine

Berührung, ohne berührt zu werden, kein Blick, ohne daß dieser erwidert wird. Wir sind Ärzte,

wir sollten es wissen. Wissen ist der einfache Teil, es laut auszusprechen ist viel schwieriger.

Unmöglich sogar.

 

Wir wären lieber in die Hölle gegangen als hierher; genaugenommen sehen wir die Hölle täglich

und das seit einem Jahr, also können wir einen Vergleich ziehen. Aber es scheint, daß eine höhere

Macht uns aufzeigen will, daß es mehr als eine Hölle gibt.

 

Und daß wir sie noch längst nicht alle gesehen haben.

Die Hölle...seltsam, wie Leute die Erfahrung machen können, ohne die Bedeutung zu verstehen.

Wir gehören nicht dazu.

 

Nein, wir ganz gewiß nicht. Und für uns kann die Bedeutung nie endgültig sein, da sich das

Muster unserer Hölle fortlaufend ändert, das System sich ständig weiterentwickelt.

Jede Aktion hat ihre Reaktion, jede Situation erfordert ihre individuelle Lösung, auch wenn sie

unmöglich ist...oder sich nur einmal am Tag ausdrücken läßt, in einer flüchtigen Berührung

zwischen Wachen und Träumen.

 

Ich will wirklich lieben, Hawk, ich will die Bedeutung kennen.

 

Ich sage, daß das, was ich will, Freundschaft ist...aber ich fühle, wie ich mich auf etwas anderes

zu bewege...auf mehr.

Ich weiß, es ist falsch, denn es ist etwas, das ich schon lange nicht mehr gefühlt habe.

Dieses Etwas brennt und windet sich in mir.

Dieses Etwas ist mit Fragen verbunden.

 

Und dort, wo wir stehen, können wir die Antworten nicht sehen.

 

 

FINIS