„Zeit der
Wunder“
(T’Sihek)
Teil 6/9
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Als Kirk am nächsten Morgen zum Frühstück herunterkam, saßen die beiden Frauen schon am Tisch. Sie hatten mehrere Backbücher und Rezeptkarten vor sich liegen und waren eifrig damit beschäftigt, eine Liste mit Rezepten aufzuschreiben.
„Guten Morgen.“ Kirk warf einen beiläufigen Blick auf das Chaos, während er sich eine Tasse Kaffee eingoss.
Es dauerte einen Moment, bis er überhaupt registriert wurde. Winona hielt kurz in ihren Notizen inne und stützte das Kinn auf die Hand. „Sag mal, wie nannten sich noch diese Plätzchen, von denen du und Sam nie genug bekommen konnten? Mir fällt der Name grad nicht mehr ein. Es ist schon so lange her, dass ich sie gebacken habe.“
Kirk grinste. „Keine Ahnung. Den Namen hast du uns nie verraten. Aber es war irgendwas mit Zimt und Koriander.“
Winona wirkte einen Moment lang verwirrt, dann hellte sich ihr Gesicht auf. „Ah! Das war das fehlende Stichwort. Jetzt weiß ich es wieder.“ Sie kramte in den Rezeptkarten und handschriftlich notierten Rezepten und zog schließlich einen schon etwas speckigen Zettel heraus.
„Das hier müssten sie sein“, murmelte sie, während sie die Zutaten überflog. Sie reichte das Rezept an Amanda weiter, die ebenfalls einen Blick darauf warf.
„Hm... Das hört sich sehr gut an, aber ich würde diese Plätzchen gesondert von den anderen aufbewahren. Die Kombination der Gewürze und die Menge an Zucker, die sie enthalten, ist für Vulkanier unverträglich. Ich bin mir sicher, dass weder Sarek noch Spock über die Wirkung erfreut wären.“
Kirk hob den Kopf, als ihm einfiel, dass auch Spock auf eine gewissen Unverträglichkeit hingewiesen hatte.
„Was ist das für eine Wirkung? Spock hat auch so was erwähnt, aber keine konkreten Angaben gemacht.“
Interessiert beobachtete er dann, wie eine feine Röte Amandas Wangen färbte. Sie wich seinem Blick aus. „Kein Vulkanier würde darüber genauere Informationen preisgeben“, murmelte sie.
Kirk begriff sofort und versteckte ein unwillkürliches Grinsen in seiner Kaffeetasse. Kein Wunder war Spock ausgewichen. Die Kombination musste wie eine Art Aphrodisiakum wirken. Das wäre zumindest eine naheliegende Erklärung, zumal Solak ja nicht davon betroffen zu sein schien. Andernfalls hätte Amanda auch ihn erwähnt.
Er würde seine Mutter wohl besser unter vier Augen darüber aufklären und raunte ihr ein „Später“ zu, als er ihren fragenden Gesichtsausdruck bemerkte.
Er nahm sich etwas Toast und Rührei und setzte sich wieder. „Wo sind Solak und Spock? Schlafen sie noch?“
„Ja. Die nächtliche Kälte hat Solak sehr erschöpft und ich habe ihn noch einmal ins Bett geschickt, als er sich eben beim Frühstück kaum hatte wach halten können.
Als ich vorhin nach Spock sah, schlief er noch tief“, antwortete Amanda und nippte genießerisch an ihrem Kaffee.
Kirk lächelte bei dem Anblick. „Ich werde gleich auch noch mal nach ihm sehen. Vielleicht ist er inzwischen wach und hungrig. Die Ruhe tut ihm gut. Es ist sogar besser, wenn er es nach dem Spaziergang durch den Weihnachtsmarkt gestern heute etwas ruhiger angehen lässt.“
Dann schaute er auf Winonas immer länger werdende Liste. „Hast du größeres vor, Mom?“
Sie grinste verschmitzt. „Kommt drauf an. Amanda hat mir vorhin erzählt, dass es auf Vulkan kein Gebäck gibt, das Weihnachtsplätzchen nahe kommt und sie auch kaum Gelegenheit hat, welche zu backen. Für mich allein lohnt sich die Arbeit auch nicht und ich backe deshalb meist nur ein oder zwei Sorten. Jetzt aber... Wir haben beschlossen, dass wir die Gelegenheit nutzen wollen.“
Kirk grinste noch breiter als seine Mutter und ein fröhliches Blitzen erschien in seinen Augen. „Versteck nicht wieder die Teigschüssel vor mir.“
Winona drohte ihm lachend mit dem Finger. „Ich gedenke genau das zu tun, Leckermaul.“
Leise Schritte lenkten Kirk ab und er drehte sich um. Spock stand im Türrahmen und stützte sich mit einer Hand daran ab. Er wirkte müde und tiefe Schatten lagen unter seinen Augen. Seine Bewegungen waren eher mühsam und übervorsichtig, als er langsam zum Tisch kam.
Sofort sprang Kirk auf und griff nach seinem Arm, stützte ihn. Leicht ärgerlich musterte er seinen Freund.
„Warum bist du nicht oben geblieben? Ich wollte gerade hochkommen und nach dir sehen?“
„Nicht nötig, Jim. Ich denke, etwas Bewegung tut mir gut und ich bin hungrig.“
Kirk brummte etwas und zog einen Stuhl heran. Es klang wie *stures Spitzohr*, doch keiner verstand es genau.
Amanda musterte ihren sichtlich erschöpften Sohn. „Es wäre wirklich besser, du würdest dich hinlegen, Spock. Du bist sehr blass.“
Er nickte. „Das werde ich auch - nach dem Frühstück.“ Dann nahm er sich von dem Kaffee und griff nach einigen frischen Früchten, die Amanda stets für die Vulkanier bereit hielt.
Kirk zuckte mit den Schultern und setzte sich wieder auf seinen Platz. „Jetzt kann ich langsam verstehen, wie sich Bones fühlt. Sein Gemecker über unkooperative Patienten wird immer nachvollziehbarer für mich.“
Spock warf ihm einen Seitenblick zu und hob eine Braue. Ein amüsiertes Funkeln erschien in seinen Augen, wischte kurz die Erschöpfung fort. Dann widmete er sich wortlos seinem Essen.
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Einige Zeit später überließen sie die beiden Frauen ihren Plänen und gingen wieder nach oben. Kirk hatte zwar vorgeschlagen, dass sich Spock in der Bibliothek hinlegen könnte, doch dieser zog die Privatsphäre des Gästezimmers vor.
Er weckte dadurch noch mehr Kirks Besorgnis.
Kirk ließ sich nicht abwimmeln und half ihm dabei, sich wieder auszuziehen und ins Bett zu legen. Dann holte er auf Spocks Bitte hin eine kleine Schachtel mit Tabletten aus dessen Reisetasche und reichte sie ihm zusammen mit einem Becher Wasser.
Spock nahm wortlos drei der weißen Pillen ein und ließ sich dann wieder aufs Kissen zurücksinken.
Kirk deckte ihn führsorglich zu. „Ist das das Medikament, das Bones dir gegen die Krämpfe mitgegeben hat?“
Spock nickte knapp. „Ja. Ich habe keine Krämpfe momentan, aber er riet mir die Tabletten prophylaktisch zu nehmen, wenn ich gewissen Beschwerden bemerke.“
Kirk nickte nur. „Es tut mir leid, Spock. Ich dachte, es wäre eine schöne Abwechslung den Markt zu besuchen. Ich wollte nicht, dass du dich überanstrengst.“
Spock nestelte eine Hand unter der Decke hervor und ergriff eine von Kirks Händen, drückte sie sanft. „Ich habe den Abend genossen, Jim. Alles was ich jetzt brauche, ist etwas Ruhe. Würdest du mich vor dem Mittagessen wecken? Ich möchte deiner Mutter keine Umstände bereiten und zum Essen hinuntergehen.“
„Nichts da. Ich bringe dir etwas nach oben. Du bleibst heute liegen.“
Eine Braue hob sich amüsiert und Kirk merkte erst im Nachhinein, dass er seinen üblichen Kommandotonfall verwendet hatte. Er grinste.
„Das ist kein Befehl, aber eine Bitte. Du brauchst die Ruhe und Bones bringt mich um, wenn du dich nicht erholst, sondern in einem schlechteren Zustand wieder an Bord kommst, als in dem, in dem du den Urlaub angetreten hast.“
Spock nickte und ließ Kirks Hand los. Er blinzelte gegen eine plötzliche Müdigkeit an. „Wie mir scheint, haben die Tabletten auch eine sedierende Wirkung“, murmelte er.
„Würde mich nicht wundern. Bones kennt dich und geht kein Risiko ein. Schlaf jetzt. Ich schaue später noch mal nach dir.“
Er war sich nicht sicher, ob Spock ihn noch gehört hatte. Von dem Vulkanier kam keine Reaktion mehr und er atmete tief und gleichmäßig. Kirk steckte die Decke noch etwas enger um ihn herum fest und blieb dann noch einen Moment lang am Bett sitzen, betrachtete den schlafenden Mann.
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Die folgenden Tage vergingen in ruhiger Gemütlichkeit.
Beide Frauen zogen sich in die Küche zurück und sorgten dafür, dass sich der Duft frisch gebackener Plätzchen im ganzen Haus verbreitete. Spock und Kirk nutzten die Zeit, um in der Bibliothek zu lesen oder Schach zu spielen.
Der einzige, der sich langweilte, war Solak. Sobald er seine täglichen Studien beendet hatte, wanderte er zwischen Küche und Bibliothek hin und her und konnte für keine der Beschäftigungen der Erwachsenen Interesse aufbringen. Selbst die Bücher interessierten ihn nicht sonderlich.
Statt dessen richtete sich sein Augenmerk immer mehr auf Spock und er verlegte sich darauf, seinen Bruder zu beobachten.
Spock bemerkte es, zog es aber vor, nicht darauf zu reagieren. Er ahnte welche Konsequenz sich daraus ergeben würde und wollte sich dem schlicht nicht aussetzen. Statt dessen konzentrierte er sich auf Kirk und dessen Nähe. Das war es, was er sich von diesem Urlaub erhofft hatte. Auch wenn sich ihre Freundschaft nicht ändern würde, waren es kostbare Momente für ihn. Momente, die er sich nicht nehmen lassen wollte.
Manchmal saßen sie einfach nur schweigend und dösend in den bequemen Sesseln und sahen nach draußen. Es war nicht besonders kalt und als Resultat schneite es sehr viel und mit sehr großen Flocken. Nächtlicher Forst konservierte die weiße Pracht dann für den nächsten Tag.
Es hatte bei ihrer Ankunft schon viel Schnee gelegen, doch inzwischen hatte die Schneedecke eine Höhe von knapp einem Meter erreicht. Knapp in halber Höhe befand sich eine feste Schicht aus Eis, auf der man durchaus laufen konnte wenn man vorsichtig war. Spock hatte aus Neugierde einen kurzen Spaziergang unternommen und festgestellt, dass es schwerer war als gedacht, durch frisch gefallenen Schnee zu gehen. Fortan blieb er im Haus oder der unmittelbaren Nähe. Die Wege und Plätze rund ums Haus wurden regelmäßig geräumt, so dass dort nur eine wenige Zentimeter dicke Schneeschicht verblieb. Gerade genug für den Pferdeschlitten, wie Kirk am vergangenen Abend eher beiläufig bemerkt hatte.
Beiläufig genug, um Spocks Neugierde zu wecken.
Er drehte den Kopf und musterte seinen Freund, der mit untergeschlagenen Beinen auf dem Sofa saß und las. Jim wirkte jung in dieser Umgebung. So jung wie er tatsächlich war. Er war der jüngste Captain der Flotte. War es nicht ohne Grund, wie Spock wusste und anerkannte. Es war ein einsames Leben voller Verantwortung und Pflichten, Gefahren. Hier, in seinem Elternhaus, fiel diese Bürde von ihm ab und ließ den jungen Mann darunter zum Vorschein kommen. So jung wie er selbst?
Plötzlich sah Kirk auf und begegnete Spocks Blick. Er ließ das Buch sinken.
„Du siehst aus, als würdest du über etwas sehr ernstes nachgrübeln.“
„Nicht ernst.“ Spock neigte den Kopf leicht zur Seite. „Du hattest gestern Abend einen Pferdeschlitten erwähnt. Was meintest du damit?“
Kirk grinste. „Meine Mutter ist eine begeisterte Reiterin und es stehen drei Pferde im Stall. Eines davon ist auch als Kutschpferd ausgebildet und sie nutzt es manchmal, um mit dem Einspänner in die Stadt zu fahren. Es gibt irgendwo auch noch einen offenen Schlitten, wobei ich nicht weiß, ob der noch fahrtauglich ist. Sam und ich haben ihn meist im Winter benutzt, weil er schwerer zu lenken ist als die Kutsche. Es ist aber ein besonderer Reiz damit durch die verschneite Landschaft zu fahren. Wie wär’s? Lust, damit eine kleine Ausfahrt zu machen? Ich könnte schnell nachschauen, ob es möglich wäre.“
Etwas überrumpelt nickte Spock. Er war noch nie in einer Kutsche gefahren, geschweige denn in einem Pferdeschlitten, kannte solche Fahrzeuge nur von Bildern.
Kirk war bereits aufgestanden und aus der Bibliothek verschwunden. Er kehrte nur Minuten später zurück. Seine Augen strahlten förmlich, als er auf Spock zueilte.
„Der Schlitten ist voll funktionsfähig. Meine Mutter hat ihn erst im Herbst warten lassen. Kommen Sie, Spock. Es ist nicht kalt draußen und der Schneefall hat auch im Moment aufgehört. Eine bessere Gelegenheit werden wir so schnell nicht wieder bekommen.“
„Stimmt. Ich hätte da noch einen Vorschlag“, mischte sich plötzlich Winona ein. Sie wischte ihre Hände an der Schürze ab und kam ebenfalls herein, gefolgt von Amanda und Solak.
„Ab morgen soll es deutlich kälter werden und es werden Winterstürme mit Schneetreiben vorhergesagt. Wie wäre es, wenn du die Gelegenheit nutzt, Jim, und dich um den Weihnachtsbaum kümmerst? Es ist zwar noch Zeit genug bis Weihnachten, aber ich weiß nicht, ob das Wetter vorher noch mal besser wird.
In der Schonung stehen genug Bäume, die sich eignen. Es wäre nicht weit und ihr könntet vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück sein.“
Kirk grinste breit, ignoriere Spocks fragenden Blick. „Gute Idee.“
Er wandte sich, noch immer lächelnd, an Spocks Mutter. „Möchten Sie mitkommen, Lady Amanda?“
Sie schüttelte den Kopf. „Danke für das Angebot, James, aber ich würde lieber hier bleiben. Ich bin doch noch schnell erschöpft und würde mich gerne etwas hinlegen.“
Kirk nickte. „Was ist mit dir, Solak? Neugierig auf eine Schlittenfahrt?“
Der Junge sah ihn mit regloser Mimik an, übte sich ganz offensichtlich in Selbstbeherrschung. „Nein. Ich sehe keinen Sinn darin, mich dem kalten Fahrtwind auszusetzen.“
Kirk zuckte mit den Schultern. „Es ist deine Entscheidung.“
Sein Blick wanderte zu Spock, der wortlos aufstand. „Ich gehe davon aus, dass wärmere Kleidung angebracht wäre?“
„Ja. Ich bereite schon mal den Schlitten vor, während du dich umziehst. Wir treffen uns dann draußen... in zehn Minuten.“
Dann drehte er sich zu Winona um. „Hast du alte Decken, mit denen ich die Sitzbänke abdecken kann? Dann kann ich den Baum hinten aufladen.“ Plaudernd verließen Kirk und seine Mutter den Raum.
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Kirk war pünktlich fertig. Es war nicht weiter schwer das an die Kutsche gewöhnte Pferd anzuspannen und den Schlitten vorzufahren.
Spock war noch nicht da, doch Kirk konnte ihn und Solak in der Eingangshalle hören. Kirk verstand nichts von der auf vulkanisch geführten Diskussion zwischen den beiden Brüdern. Aber Tonfall und Gesichtsausdruck der beiden sagten ihm genug, als sie aus dem Haus traten.
Schließlich drehte sich Spock weg, die Lippen unmerklich zusammengekniffen, das Gesicht ansonsten eine einzige Maske, und nickte Kirk knapp zu. Dann kam er zum Schlitten und kletterte ungelenk auf den Kutschbock.
Kirk überprüfte noch einmal das Zaumzeug, während er über die Situation eben nachdachte. Solak benahm sich gegenüber Spock auf eine Art und Weise, die ihm missfiel. Wobei er aber nicht sagen konnte, was genau ihn daran störte. Solak war noch ein Kind, selbst nach vulkanischen Maßstäben. Erst in vier Monaten würde er sein Kash-wan ablegen und damit in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen werden. In einem Alter, in dem er selbst noch unbeschwert über die Wiesen geritten war und seine Sommer in Baumhäusern und Badeseen verbracht hatte. Jeder Gedanke an Bildung, Verantwortung und Vernunft hatte für ihn noch in weiter Ferne gelegen in jener Zeit.
Spocks Kindheit war ebenfalls mit sieben Jahren beendet gewesen - kein Wunder staunte der Vulkanier wie ein Kind über all die Dinge, die für ihn selbst so selbstverständlich zu Weihnachten gehörten wie der Schnee auf den Feldern und die klirrende Kälte, die seine Wangen prickeln ließ und seinen Atem zu weißen Wolken formte.
Spock hatte sich inzwischen in die bereitliegende Thermodecke gehüllt, die Hände waren in einem dicken Pelzmuff verborgen, Mütze und Schal schützten den empfindlichen Kopf. Er schaute starr geradeaus, reagierte nicht einmal, als Kirk ebenfalls auf den Kuschbock kletterte, die Zügel aufnahm und mit einem Schnalzen in einem zügigen Tempo anfuhr.
Kirk wartete, bis sie außer Sichtweite des Hauses waren. „Musst du dir dieses Benehmen von Solak gefallen lassen?“
Spock schwieg so lange, dass Kirk schon nicht mehr mit einer Antwort rechnete.
„Hast du verstanden, was er gesagt hat?“ fragte Spock schließlich leise. Resignation schwang in der ruhigen Stimme mit, was Kirk erstaunt einen Blick auf die verschlossenen Züge werfen ließ.
„Nein. Aber sein Tonfall dir gegenüber... ärgert mich. Er wirkt arrogant, überheblich... so als hielte er sich dir für überlegen.“
„Er ist es.“
Kirk zog die Zügel an und ließ den Rappen in einen
gemächlichen Schritt fallen. „Was soll das heißen?“
Fast seine volle Aufmerksamkeit war auf seinen Freund gerichtet, der sich, die
Augen gesenkt, den Kopf abgewendet, in seine Decke zu verkriechen schien.
„Solak besitzt zwar wie ich eine Hybridstruktur, doch ist das Verhältnis bei ihm anders. Während bei mir menschliche und vulkanische Genomanteile in etwa gleich stark wirken, besitzt er zu 90% eine rein vulkanische Genetik. Das macht ihn mir in vielen Dingen überlegen. Er weiß das und nutzt das, um mich zu provozieren.“
Kirk brummte unwillig. „Das erscheint mir nicht sehr logisch.“
„Er ist noch ein Kind, sein Verhalten noch nicht völlig von Disziplin und Vernunft geleitet. Ihn trifft keine Schuld. Zudem weißt er mich lediglich auf eine mangelhafte Disziplin meinerseits hin. Das ist sein gutes Recht.“
„Mag sein“, Kirk setzte sich seitlicher, um Spock genauer sehen zu können, als nur aus den Augenwinkeln. „Aber das gibt ihm nicht das Recht dich zu verletzen.“
„Er weiß es nicht besser, Jim. Nach dem Kash-wan wird sich sein Unterrichtsstoff anderen Themen zuwenden als bisher und er wird lernen, sich besser zurückzuhalten. Zudem... er kann nicht nachvollziehen, warum meine mentalen Disziplinen nicht so perfekt sind wie die seinen. Durch seine eher vulkanische Genetik kann er vieles instinktiv, was ich mir erst mühsam antrainieren musste und teilweise heute noch nicht in ausreichendem Maße beherrsche.“
Kirk schaute ihn ungläubig an. „Amanda müsste das wissen. Warum erklärt sie es ihm nicht und fordert mehr Zurückhaltung von ihm? Ich kann nicht glauben, dass sie es so einfach akzeptiert, wenn er dich so behandelt.“
„Sie tut es. Aber da Sarek Solak in seinem Selbstverständnis bestätigt und er zudem überwiegend in einem Internat bzw. von Privatlehrern erzogen und unterrichtet wird, hat ihr Wort nicht viel Gewicht bei ihm.“
„Unglaublich!“ Kirk schüttelte den Kopf und richtete seine
Aufmerksamkeit wieder auf das Pferd. Doch das scherte sich gar nicht um das
Gespräch der beiden Männer, sondern trotte friedlich über den freigeräumten Weg.
Eine Weile hing er seinen Gedanken nach, warf immer wieder nachdenkliche Blicke
auf den schweigsamen Vulkanier neben sich.
Spock grübelte vor sich hin, von seiner Vorfreude auf den Ausflug war nicht viel geblieben. Er saß stumm und in sich gekehrt einfach nur da. Die verschneite Umgebung glitt unbeachtet an ihm vorbei, während er in seinen Gedanken und Erinnerungen gefangen war.
Kirk wusste, dass die harschen Worte Solaks Spock mehr
verletzt hatten, als dieser ihn sehen ließ. Er bereute es inzwischen, das Kind
ebenfalls eingeladen zu haben. Für Spock und für Amanda und vor allem für ihn
selbst wären es wunderbare Wochen gewesen. So aber...
Kirk seufzte leise als er sich daran erinnerte, wie er sich vorgestellt hatte,
Spock die verzauberte weihnachtliche Atmosphäre näher zu bringen, die er als
Kind so geliebt hatte. In Gegenwart des jüngeren Bruders erschien das
unmöglich. Wann immer Solak zugegen war, zog sich Spock in sein vulkanischen
Schneckenhaus zurück, doch selbst das schien dem Kind nicht genug zu sein. Sein
Ärger auf den Jungen wuchs.
„Ich werde niemals Kinder haben“, meinte er plötzlich unvermittelt, sprach einfach aus, was ihn beschäftigte.
Spock sah ihn überrascht an. „Warum nicht?“
Kirk grinste schief. „Welche Gründe willst du hören? Die
offiziellen, oder meine ganz privaten?“ Er warf seinem Freund einen Blick zu,
zuckte dann mit den Schultern.
„Ich fühle mich in der Gegenwart von Kindern nicht besonders wohl. Irgendwie
kann ich nichts mit ihnen anfangen und sie wohl auch nicht mit mir. Zudem... „
Er zögerte, sah starr auf das Pferd vor ihnen. „Es ist unwahrscheinlich, dass ich jemals eine Familie gründe.“
Spock nickt, glaubte zu verstehen. „Du bist Captain eines Raumschiffes, liebst das All, die Herausforderung, die ein solches Leben, eine solche Umgebung darstellt.“
„Hm...“ Kirk sah kurz zur Seite, dann wieder nach vorn. „Mag sein. Aber das ist nur einer der Gründe.“ Froh, das Thema wechseln zu können, deutete er auf eine, hinter einer Kuppe sichtbar werdende Baumgruppe. „Dort beginnt der Wald. Wir sind bald da.“
Spock sah kurz hinüber, registrierte zum ersten Mal den
Anblick der dicken, unberührten Schneedecke auf den Wiesen und Feldern rings um
sie. Doch Kirks Bemerkung ließ ihn nicht los, erinnerte ihn einmal mehr an die
Gründe, warum sich Solak ihm überlegen fühlte. Mit einem leisen Seufzen ließ er
den Kopf hängen und schloss die Augen.
Er hatte sich über die Möglichkeit, einige Wochen mit Kirk zu verbringen,
gefreut. Die Aussicht, sich während der ganzen Zeit mit Solaks überheblicher
Arroganz konfrontiert zu sehen, bedrückte ihn und es war sogar schlimmer, als
er erwartet hatte. Wann immer er auch nur für Sekundenbruchteile seine strenge
Selbstkontrolle lockerte, sich begann in Kirks Nähe zu entspannen, spürte er
den missbilligenden Blick seines Bruders auf sich gerichtet. Solak brauchte gar
nichts zu sagen, die Blicke, die denen Sareks so ähnelten, reichten schon aus.
Plötzlich legte sich eine Hand auf seinen Arm. „Spock,
bitte... du bist hier mit mir allein. Es gibt keine Gründe, dich auch jetzt so
sehr zu beherrschen.“
Kirk sah ihn bittend an, doch Spock schüttelte langsam den Kopf.
„Ich kann nicht Jim. Der noch andauernde Heilungsprozess der Verletzung fordert viel Kraft von mir. Wenn ich beginne meine Kontrollen zu lockern, fällt es mir danach um so schwerer, sie wieder zu verstärken. Das würde Solaks ungebührliches Benehmen nur noch forcieren.“
„Wenn er das versucht, lege ich den Bengel übers Knie. Aber deine Kontrollen allein können nicht der Grund für sein abfälliges Verhalten dir gegenüber sein. Da steckt noch mehr dahinter, nicht wahr?“
Spocks abgewendeter Blick sagte Kirk genug. Entschlossen stoppte er das Pferd und drehte sich zu dem Vulkanier um. „Raus damit, Spock. Was bedrückt dich so sehr? Ich bin dein Freund, das weißt du. Wenn du dich mir nicht anvertrauen kannst, wem dann? Und erzähl mir nicht, dass da nichts ist, was dich beschäftigt. So gut kenne ich dich inzwischen, auch wenn du dich so völlig kontrollierst wie gerade eben.“
Der Vulkanier wich Kirks Blick aus, starrte auf die in der Sonne funkelnde Schneedecke neben ihnen. Seine Stimme war leise und sehr ruhig, als er schließlich sprach. „Ich werde niemals Kinder haben, im Gegensatz zu Solak. Er weiß das, weiß, dass er mir auch hierin überlegen ist, wie in so vielen anderen Dingen, die Sarek von uns beiden erwartet.“
Kirk schluckte, nickte dann verstehend. „Deine Hybridnatur? Es ist aber doch ein biologisches Gesetz, dass du als Hybride steril bist. Sarek muss das doch wissen.“
Spock schüttelte knapp den Kopf. „Ich bin nicht steril, im Gegenteil. Rein theoretisch kann ich sowohl menschliche als auch vulkanische Frauen schwängern, doch die Föten wären auf Grund meiner stark gemischten Genetik missgebildet und letztendlich nicht lebensfähig. Das wurde hinlänglich... überprüft.“
Kirk hörte die Spannung in der ruhigen Stimme, den Schmerz
und wusste plötzlich, dass Spock gezwungen worden war, seine Zeugungsfähigkeit
nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch zu beweisen. Und er wusste, dass
er als Telepath das sich bildende Leben hatte wahrnehmen können. Kirk konnte
sich nicht vorstellen, was das für Spock bedeutete, konnte es nur ahnen.
Dann dämmerte ihm, was Solak von Spock unterschied. In seiner Wange zuckte ein
Muskel, als ihm die volle Bedeutung mit einem Schlag aufging.
„Solak kann Kinder zeugen... gesunde Kinder, nicht wahr? Er hat mehr vulkanische Gene als du, vor allem in für die Fortpflanzung wichtigen Bereichen, nehme ich an. Das allein dürfte ihm Sareks Wohlwollen sichern, so erpicht wie dieser auf Nachkommen ist.“
„Die Blutlinie muss erhalten bleiben. Ich weiß das. Es wäre
mit Hilfe der Genetiker möglich, mein Erbgut so aufzusplitten, dass auch ich
gesunde Kinder zeugen könnte. Doch es wären dann nicht wirklich meine Kinder...
wären nur zum *Teil* von mir. Sie würden nicht für die Blutlinie anerkannt
werden, da sie nicht meine komplette Genstruktur in sich tragen.
Nach der Trennung von T'Pring bin ich zwar frei einen Partner nach meiner Wahl
zu suchen. Mit dem Wissen um meine Zeugungsunfähigkeit ist die Chance eine
vulkanische Partnerin zu finden aber sehr gering und eine menschliche Frau...
ich... das ist nicht, was ich...“
Spock brach ab, die Hände fest innerhalb des Muffs verkrampft, so dass die
Fingernägel sich tief in seine Haut bohrten. Er konnte die Feuchtigkeit des
austretenden Blutes spüren.
Er wollte keine Frau als Partnerin. Der Gedanke daran stieß ihn ab.
Es war unangenehm und ein Stück weit sogar entwürdigend genug gewesen, als er
vor einigen Jahren gezwungen worden war zunächst mit T'Pring, dann mit zwei
weiteren Vulkanierinnen und sogar einer Terranerin Kinder zu zeugen, da die
rein theoretische Überprüfung seiner Zeugungsfähigkeit keine sicheren
Erkenntnisse erbracht hatte. Als klar geworden war, dass er niemals seine komplette
Genstruktur würde vererben können, hatte er der Missbilligung - und
Skrupellosigkeit - seines Vaters endgültig den Rücken gekehrt und sich für
einen dauerhaften Posten auf einem Raumschiff beworben. Seine Ausbildung war
abgeschlossen gewesen, sein Rang als Lieutenant und seine
überdurchschnittlichen Leistungen erlaubten es ihm sich unter den freien Posten
einen passenden auszusuchen. Er war dorthin geflohen, wo er zumindest so etwas
wie Akzeptanz seiner Person kennen gelernt hatte.
Pike hatte ihn mit offenen Armen wieder auf der Enterprise
willkommen geheißen, hatte dafür gesorgt, dass ihm eine Beförderung zum
Wissenschaftsoffizier und damit eine dauerhafte Position innerhalb der
Kommandostruktur sicher war.
Es war ein Schock für Spock gewesen, als er kurz darauf von der Geburt seines
Bruders erfuhr. Niemand hatte ihm gesagt, dass seine Eltern sich dazu
entschlossen hatten, erneut die Gesundheit und das Leben Amandas zu gefährden,
in dem sie ein weiteres gemischt-genetisches Kind austrug. Und niemand brauchte
ihm sagen, was der wirkliche Grund für die Existenz dieses Kindes war. Trotzdem
hatte er das Gespräch mit Sarek gesucht, hatte ihm vorgeworfen aus
selbstsüchtigen Gründen das Leben seiner Partnerin zu gefährden.
Sarek hatte ihn kalt abgewiesen, die Erhaltung der Blutlinie
als einzige Rechtfertigung angegeben.
Spock war gegangen, wortlos, ohne das Kind oder seine Mutter auch nur gesehen
zu haben. Er flüchtete in seine Arbeit als Offizier und fand schließlich in
Kirk jemanden, der ihn um seiner selbst willen akzeptierte. Etwas, das er kaum
kannte. Dann kam sein Pon farr und mit ihm das Wissen, dass T'Pring ihn nicht
als vollwertigen Mann und Partner akzeptierte, sogar bereits einen anderen
Partner gewählt hatte.
Mit der vollen sexuellen Reife, des vollen Bewusstseins seines Körpers, das im
Pon farr endgültig erwachte, begriff er schließlich auch, warum er die intime
Berührung einer Frau als abstoßend empfand. Eine Erkenntnis, die sein Leben
nicht gerade erleichterte.
Kirk war langsam weiter gefahren, warf dabei immer wieder
Blicke auf seinen schweigenden Freund. Deutlich konnte er die Schatten
seelischer Wunden in dessen Zügen sehen, als Spock es schließlich nicht mehr
länger fertig brachte, alles zu verbergen.
Am liebsten hätte er ihn in den Arm genommen, den Schmerz aus diesen Augen
weggeküsst. Spock bedeutete ihm mehr als jemals eine Person zuvor. Ihn so
bedrückt und tief verletzt zu sehen tat Kirk körperlich weh.
Er wusste, dass Spocks Kindheit und Jugend nicht einfach gewesen waren, wusste,
dass der Vulkanier noch heute mit der Ablehnung anderer Vulkanier kämpfte und
um den Respekt und die Achtung seines Vaters rang. Aber dass es Sarek fertig
brachte, ihm derartig deutlich zu zeigen, wie viel ihm Spock wirklich
bedeutete, grenzte an seelische Folter.
Impulsiv beugte er sich zu ihm und legte ihm einen Arm um die Schultern, zog die in einen dicken Mantel und in Decken gehüllte schlanke Gestalt dicht an sich. Spock versteifte sich kurz, sichtlich überrascht. Doch dann lehnte er sich an Kirk, ließ es einfach zu. Jim hatte Recht, sie waren hier allein, niemand außer ihnen beiden würde wissen, dass er wenigstens diese kurze Zeit hatte genießen können, hatte seinen Traum leben können.
„Ich habe dich eingeladen, weil ich dir zeigen wollte, wie schön Weihnachten
sein kann. Das will ich immer noch. Ignoriere Solak, lass ihn doch toben und
zappeln. Du wirst ohnehin niemals seinen echten Respekt gewinnen, höchstens
eine antrainierte, höfliche Achtung der allgemeinen Etikette. Alles was er
sieht sind Normen und Regeln, nicht die Person, die du bist.
Wenn er deine Aufgabe wahrnimmt, die Blutlinie des Clans weiterzuführen,
genieße die Freiheit, die dir das ermöglicht. Genieße es, du selbst sein zu
können.“
Spock drehte den Kopf etwas und drückte sein Gesicht gegen
Kirks Schulter, dankbar für das Verständnis seines Freundes. Es tat so gut, war
das, wovon er schon oft geträumt hatte, wenn er in langen Nächten in seiner
Kabine wach gelegen hatte. Dennoch drifteten seine Gedanken jetzt zu Amanda und
zu dem Preis, den sie zahlen musste.
„Amandas Gesundheit ist seit der Schwangerschaft stark angeschlagen. Sie war
fast schon zu alt, um noch ein Kind auszutragen. Hinzu kamen die Strapazen der
gemischten Genetik und jetzt auch die für sie schwierige Situation. Es gefällt
ihr nicht, dass Sarek Solak in allem bestätigt, ihn mir gegenüber vorzieht.
Aber sie hat keinen Einfluss auf die Situation, hatte vermutlich auch keine
Wahl, als es darum ging, ein weiteres Kind zu bekommen.“
Kirk strich seinem Freund sanft über die vom Fahrtwind kalte Wange. „Ich weiß. Ich kann sehen, dass ihr die Situation nicht gefällt. Aber sie ist stark und ich habe nicht den Eindruck, dass sie sich wirklich von Sarek oder Solak unterdrücken lässt. Auch wenn mir Vulkanier allgemein oft als sehr dominant erscheinen.“
Spock hob den Kopf und sah Kirk kurz an, wich dann dem
schelmischen Blick aus. Neckte Jim ihn?
„Das ist eine Verallgemeinerung der Tatsachen. Nicht alle Vulkanier sind
dominant, obgleich das aus menschlicher Sicht zutreffen mag. Zudem... ich habe
kein Bestreben danach andere zu dominieren.“
„Ich weiß“, versicherte ihm Kirk und drückte in fester an sich, ignorierte dabei erneut die eherne Regel, dass Vulkanier nicht berührt werden wollten.
Spock wusste nicht, was er antworten sollte, wusste nicht mal genau, worauf sich Kirk bezog. Meinte er nur seinen Widerwillen gegen ein eigenes Kommando oder ahnte er, was Spock vorhin nicht länger hatte verschweigen, doch nur hatte andeuten können?
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Es geht weiter in Teil 7