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     T    Winterzauberwald        T

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Teil 3

Disclaimer siehe Teil1

 

 

Es war bereits dunkel, als Spock wieder erwachte. Kirk machte sich in der Küche zu schaffen und die leisen Geräusche hatten ihn geweckt. Er streckte sich behutsam und strich dann die Decke zur Seite. Das Feuer brannte nach wie vor im Kamin und er genoß einen Moment lang die angenehme Wärme. Dann stand er auf und gesellte sich zu Kirk.

 

„Ausgeschlafen?“ Kirk grinste ihn jungenhaft an und widmete sich dann wieder dem Abendessen. Offenbar bereitete er ein vegetarisches Nudelgericht zu und Spock sah ihm interessiert zu.

 

„Kann ich Ihnen zur Hand gehen?“

 

„Wie wärs mit ‚Tisch decken’?“

 

Als Spock nickte, deutete er auf einen Vitrinenschrank neben dem Eßtisch. „Im Schrank dort drüben finden Sie alles. Den Saft können Sie gleich mitnehmen.“

 

Er reichte ihm einen Krug mit frischem Fruchtsaft. Als Spock danach griff, berührten sich ihre Fingerkuppen und fast hätte er den Krug fallen lassen, als ein jähes Kribbeln ihn zusammenzucken ließ. Kirk schien nichts bemerkt zu haben und widmete sich wieder dem Abendessen.

 

Spock machte sich schweigend daran, den Tisch zu decken. Er war damit vertraut, da dies eine der Aufgaben war, die er in seiner Kindheit hatte erledigen müssen. So hatte er Muße über die Empfindungen nachzudenken, die die kurze Berührung in ihm ausgelöst hatten. Sicher, er war ein Berührungstelepath, wie alle Vulkanier. Aber das erklärte nicht das warme, prickelnde Gefühl und den Schauer, der durch seinen Körper gelaufen war.

Immer wieder sah er zu Kirk hinüber.

 

Dieser war schneller fertig, als Spock erwartet hatte und brachte das Abendessen zum Tisch. Sie aßen schweigend und Spock stellte überrascht fest, dass es ihm sehr gut schmeckte. Besser, als das replizierte Essen an Bord des Schiffes.

 

„Wo haben Sie gelernt so gut zu kochen?“

Kirk grinste ihn an. „Meine Mutter hat mir einige Tricks verraten und es kann sehr nützlich sein, wie ich festgestellt habe. Schmeckt es Ihnen?“

 

„Ja.“

 

„Sie essen kein Fleisch, nicht wahr?“

 

„Nein, jedoch nicht aus gesundheitlichen, sondern aus ethischen Gründen. Vulkanier lehnen Gewaltanwendung ab. Und dazu zählt auch das Töten von Tieren zu Nahrungszwecken.“

 

„Vertragen Sie tierisches Eiweiß, also Milch, Käse und Eier?“

 

Spock hob etwas irritiert eine Braue. Niemand hatte ihn jemals zuvor darauf angesprochen.

 

„Ich benötige sogar eine gewisse Menge tierisches Eiweiß und nehme es meist in Form der genannten Produkte zu mir.“

 

Diesmal war Kirk überrascht. „Weshalb? Ich meine, weshalb benötigen Sie es? Es klingt fast so, als stellten Sie unter Vulkaniern eine Ausnahme dar.“

 

Spock zögerte und suchte in der Mimik des Menschen nach einem Anhaltspunkt. Scherzte er, oder war es ihm ernst? Er musste wissen, wer er war. Schließlich waren alle Daten in seiner Personalakte enthalten.

 

„Ich stelle in gewisser Weise tatsächlich eine Ausnahme dar, da ich kein reinblütiger Vulkanier bin. Meine Mutter stammt von der Erde.“

 

Kirk musterte ihn verblüfft. Er hatte diesen Punkt offenbar überlesen.

„Ich bitte Sie um Entschuldigung, Spock. Zwar habe ich Ihre Personalakte gelesen, aber Dinge wie Herkunft oder Eltern sind für mich zweitrangig. Charakter und Fähigkeiten erscheinen mir wichtiger. Ich werde in Zukunft diesen Dingen mehr Beachtung schenken.“

 

Spock nickte nur und widmete sich wieder seinem Essen. Ein Kloß bildete sich in ihm und einmal mehr fühlte er die Distanz, die ihn von den Menschen trennte. Und speziell von diesem Menschen. Kirks Reaktion schien ihn einmal mehr zurück zu weisen und Enttäuschung lähmte ihn.

 

Kirk beobachtete ihn genauer, als es Spock bewusst war und er hatte den Vulkanier in den letzten Monaten sehr oft beobachtet.

Er konnte genau den Schatten der Selbstbeherrschung in den eleganten Zügen sehen, als sich Spock wieder in sein Schneckenhaus zurückzog. Himmel, was hatte dieser Mann erlebt, erleben müssen, um so unsicher und so schreiend einsam zu sein? Eine winzige Unachtsamkeit, eine unbedachte Äußerung und er wich sofort zurück, als hätte er sich verbrannt...

 

Kirk seufzte leise und aß schweigend weiter. Es war doch nur ein harmloses Gespräch gewesen, ein an sich unverfängliches Thema... Was hatte er Falsches gesagt?

Kirk biß sich ärgerlich auf die Lippen. Er wusste, dass Spock in der Crew nicht sonderlich gut integriert war. Pike selbst hatte ihn darauf hingewiesen, dass Spock es in seiner Freizeit stets vorzog, allein zu sein.

Zwar begegneten ihm seine neuen Offizierskollegen mit deutlich mehr Offenheit als Pikes Team es getan hatte, doch die meiste Zeit war er noch immer allein.

 

Aber war er allein, weil er es wollte, oder weil ihm keine andere Wahl blieb?

Kirk hob den Kopf und musterte den schweigenden, mit seinem Essen beschäftigten Vulkanier. Selbst hier waren alle Bewegungen elegant und er aß mit penibler Präzision – ein anderer Begriff fiel Kirk einfach nicht dafür ein.

 

Sicher, Spock spielte oft mit ihm Schach. Meist in der Mannschaftsmesse oder in seinem Quartier. Aber das war auch schon alles.

Einige Szenen zogen unauffgefordert an Kirks innerem Auge vorbei: Spock, der mit stoischem Gesichtsausdruck ganz offensichtlich das Getuschel einiger Mannschaftsmitglieder ignorierte. Hatte es ihm gegolten?

Spocks steife Körperhaltung wann immer seine Andersartigkeit erwähnt wurde – sei es positiv oder negativ gemeint gewesen.

Die undeutbaren Blicke des Vulkaniers, wenn er allein nach seinen Offizierskollegen einen Raum verließ.

 

Kirk  ahnte, dass Spock unbeschreiblich einsam war und mehr darunter litt, als er zugab.

 

Er wusste sehr genau, dass Vulkanier körperlichen Berührungen auswichen. Doch diesmal erschien es ihm genau das Mittel der Wahl zu sein, um Spock aus seinem Schneckenhaus zu holen.

Entschlossen griff er nach der warmen  Hand des Vulkaniers und hielt sie sanft fest, als Spock instinktiv zurückzuckte.

 

Ein erschrockener Blick aus dunklen Augen traf ihn und für einen Moment versank er darin. Spock konnte so viel mit seinen Augen ausdrücken, mehr als mancher Mensch...

 

„Spock, bitte nehmen Sie meine Entschuldigung an. Ich wusste wirklich nichts davon und es spielt für mich auch keine Rolle. Es ist für mich nicht wichtig, zu welchem Volk oder welcher Rasse Sie gehören. Sie selbst sind mir wichtig und ich würde gern Ihr Vertrauen gewinnen. Bitte geben Sie mir eine Chance, ´Sie´ besser kennen zu lernen.“

 

Spock verlor sich in den haselnußbraunen Augen und dem Empfinden der kühlen Hand, die seine überraschend energisch festhielt. Kirks Worte drangen nur langsam in sein Bewusstsein vor. Er blinzelte und senkte den Blick.

Kirk bot ihm mehr, als er sich je erhofft hatte. Von Kindheit an, war er wegen seiner Geburt beurteilt worden. Kaum jemand hatte sich dafür interessiert, was er dachte oder wer er war.

 

Spock hatte es akzeptierte und verbannte seinen Kummer tief in seinem Innersten. Er zeigte den anderen die stoische Selbstbeherrschung, die sie zu sehen erwarteten, doch er selbst zerbrach Stück für Stück.

 

Und nun, nach so vielen Jahren allein war da dieser Mensch, dem all dies egal war. Spock spürte, dass sich Kirk wirklich für ihn interessierte, dass er ihm etwas bot, von dem Spock nie auch nur zu träumen gewagt hatte.

 

Langsam nickte er.

„Sie haben mein Vertrauen bereits, Captain.“

 

Kirk lachte, kurz und bitter. „Ja, als Offizier. Sie vertrauen meinen Entscheidungen als Captain, als Vorgesetzter. Doch ich will mehr, Spock. Ich weiß dass Sie allein sind. Und dass will ich ändern, weil Sie mich faszinieren. Ich bin nie zuvor jemandem begegnet, der mir so wichtig war wie Sie, verstehen Sie das endlich?!“

 

Spock sah ihn nur an und er spürte, dass sich in diesem Augenblick aus Feuer und Eis etwas änderte.

 

„Ja, Jim.“

 

Kirk nickte und drückte kurz seine Hand, dann ließ er ihn los. „Lassen Sie Ihr Essen nicht kalt werden, Spock.“

 

Er verwendete wieder seinen üblichen Tonfall und gab so dem Vulkanier Gelegenheit, zur ‚Routine’ zurückzukehren.

 

 T T T

 

Später lag Spock noch lange wach in seinem Bett und starrte an die Decke. Er konnte noch immer den Nachhall von Kirks sanfter Berührung fühlen. Sehnsucht zitterte in ihm und er sehnte sich immer mehr danach, jenen Instinkten nachzugeben...

Auf Vulkan wäre es einfacher gewesen, aber kaum einer der Menschen ahnte etwas von der sorgsam verborgenen Sexualität der Vulkanier. Vermutlich würde es auch niemand glauben. Spock unterdrückte ein bitteres Lachen, als er an die ausgeprägte Bisexualität seines Volkes dachte. Allein die strikte Diskretion verbarg jenes für Vulkanier so offensichtliche Verhalten vor Außenweltlern. Es würde schon genügen, nur mal genauer hinzusehen, und es wäre vorbei mit der Aura der Unberührbarkeit...

 

Spock fühlte, wie jeder andere Vulkanier auch, jene Instinkte in sich. Er wünschte sich einen Gefährten, einen T’hyla. War Kirk vielleicht jener Mann, der seine Leidenschaft stillen konnte? Er wusste natürlich von den zahlreichen Liebschaften des Captains und oft genug hatte er – aufgrund seines feinen Gehörs – die nächtlichen Aktivitäten Kirks gehört. Aber es gab keinerlei Hinweise, dass Kirk sich zu Männern hingezogen fühlte. Obwohl Spock in Hinblick auf Gary Mitchel einige Vermutungen hegte.

 

Trotz allem wagte er es nicht, Kirk gegenüber zu offen zu sein. Dieser Mann war die erste Person in seinem Leben überhaupt, abgesehen von der Mutter, die ihn so akzeptierte wie er war. Die Nähe und das Vertrauen das er ihm entgegenbrachte war für Spock zu wertvoll, als dass er es gewagt hätte, das alles aufs Spiel  zu setzen. Und einmal mehr entschied er sich dafür, mit dem zufrieden zu sein, was Kirk ihm bot: ein Blick, ein aufmunterndes Grinsen, eine unbeabsichtigte Berührung am Arm oder am Rücken...

Es war wenig genug, verglichen mit seiner brennenden Sehnsucht nach mehr, aber es würde genügen müssen.

 

Und mit diesem Gedanken schlief er schließlich ein.

 

 T T T

 

Es geht weiter in Teil 4