Titel: Humbug?

Autorin: Birgitt Schuknecht (birgitt.schuknecht@uni-essen.de)

Fandom: Star Trek: The Original Series

Charaktere: Kirk/Spock

Rating: G

Disclaimer: Ich besitze keine Rechte am Star Trek-Universum, noch versuche ich, mit dieser Geschichte materielle Vorteile zu erlangen.

Anzahl der Worte: 968 (ohne Header und Anmerkungen)

Datum: 5. Dezember 2003

 

 

Anmerkung der Autorin: Die Geschichten des Adventskalenders 2003 von der GermanKS haben mich inspiriert. Die Zitate habe ich auf der Grundlage der etext-Version von Dickens A Christmas Carol übersetzt. Den etext findet ihr hier: etext.lib.virginia.edu/toc/modeng/public/DicChri.html

 

The glory of creation is in its infinite diversity.

Spock, Is There in Truth No Beauty?

 

 

"Ein frohes Weihnachten, Onkel! Gott erhalte Euch!", rief eine fröhliche Stimme. Es war die Stimme von Scrooges Neffen, der so schnell zu ihm aufgeschlossen hatte, daß sie das erste Anzeichen seiner Annäherung war.

 

"Bah!", sagte Scrooge, "Humbug!"

 

Er hatte sich so erhitzt mit seinem schnellen Lauf durch Nebel und Frost, dieser Neffe, daß er  ein einziges Glühen war; sein Gesicht war rot und gutaussehend; seine Augen blitzten, und sein Atem dampfte wieder.

 

"Weihnachten Humbug, Onkel!", sagte Scrooges Neffe. "Das kannst du nicht meinen, da bin ich sicher!"

 

Kirk schwieg plötzlich, sah von dem in rotem Kunstleder gebundenen Band auf, der die Weihnachtsgeschichte von Dickens enthielt. McCoy hatte ihm vor einiger Zeit eine Erstausgabe geschenkt, zu Weihnachten vor drei Jahren, um genau zu sein. Kirk bewahrte sie in einer Vitrine auf, ein wahrer Schatz in der Sammlung eines Büchernarren. Doch wenn er die Weihnachtsgeschichte las - und dies tat er regelmäßig in der Vorweihnachtszeit, es gehörte einfach zum Advent - dann mußte es dieses Buch sein und kein anderes. Seine Mutter hatte es ihm an dem Weihnachten gegeben, nachdem er lesen gelernt hatte. Er war gerade fünf Jahre alt gewesen. Viele Jahre hatten sie es gemeinsam gelesen, und selbst wenn Kirk allein darin geschmökert hatte, hatte er gemeint, den Vanilleduft vernehmen zu können, der so typisch für seine Mutter war.

 

Später waren dann weitere Erinnerungen hinzugekommen. So unglaublich schöne und süße Erinnerungen, daß er von Zeit zu Zeit an der Funktionsfähigkeit seines Gedächtnisses zweifelte. Der Grund für seine Zweifel und für das Staunen über sein Schicksal saß in einem tiefen Sessel, der neben seinem Bett stand. Schlank, mit dunklen Haaren und Augen, mit den schönsten Händen in allen ihm bekannten Galaxien. Das Wesen, das ihm alles bedeutete...

 

"Was ist denn, Jim? Geht es dir schlechter?" Die tiefe Stimme drang in sein Bewußtsein ein und ihm wurde klar, daß seine Gedanken abgeschweift waren. "Wenn du dich ausruhen möchtest, werde ich mich in mein Quartier zurückziehen. Du weißt, Dr. McCoy hat dich davor gewarnt, die Nachwirkungen der callianischen Grippe zu unterschätzen." Es fiel Kirk mittlerweile nicht mehr schwer, die Besorgnis in Spocks Tonfall zu entdecken. Es waren nur Nuancen, die ihn Emotionen spüren ließen, wo andere nur Sachlichkeit, Distanz oder gar Kühle wahrnahmen.

 

"Das ist es nicht, Spock. Mir geht es besser, viel besser sogar, und müde bin ich auch nicht. Wenn du dem alten Knochenbrecher heute abend Bericht erstattest, kannst du ihm mitteilen, daß ich alle seine Anweisungen befolge und ein folgsamer Patient bin."

 

Kirk mußte sich auf die Lippen beißen, um nicht laut heraus zu lachen, als Spock seine linke Braue hochzog. "Komm schon, hast du wirklich gedacht, ich wüßte nichts von eurer Absprache? Der gute Doktor beschränkt sich auf Routinebesuche und überläßt es einem Wachhund, auf mich aufzupassen." Kirk lachte leise. "Wahrscheinlich glaubt er, ich würde mich bei ihm ohnehin nur über die lange Bettruhe beschweren. Und er hat wohl auf die beruhigende Wirkung deiner Anwesenheit gesetzt." Kirk streckte seine rechte Hand aus und ein warmes Gefühl durchströmte ihn, als Spock sie ohne Zögern mit seiner linken faßte. "Er hatte Recht."

 

"Du hast es auch. Ich werde ihm heute abend berichten, daß deine mentalen Fähigkeiten durch die Krankheit keinerlei Schaden genommen haben."

 

"Huh, Spock, das war ja fast Sarkasmus. Ich färbe doch nicht auf dich ab, oder?"

 

"Die physikalische Unmöglichkeit eines solchen Ereignisses war eine Vorbedingung für meine Kooperation in Dr. McCoys Plan." Spock drückte leicht Kirks Hand. "Du bist wirklich nicht zu müde? Wir können morgen weiterlesen."

 

Kirk schüttelte den Kopf, ließ aber seine Hand in Spocks und das Buch auf dem Bauch liegen. "Erinnerst du dich an das erste Mal, als ich dir die Geschichte vorgelesen habe?" Eine dumme Frage, bei seinem phänomenalen Gedächtnis könnte Spock die Geschehnisse der damaligen Nacht Sekunde für Sekunde rekonstruieren, könnte jedes Wort, das sie gewechselt hatten, hier und jetzt wiederholen. Kirk hatte jedoch einen ganz bestimmten Moment im Sinn.

 

"Du beziehst dich auf meine Reaktion bei dem Wort Humbug." Es war eine Feststellung, keine Frage. Kirk nickte und Spock fuhr fort. "Wie heute hast du die Lesung an dieser Stelle abgebrochen. Und damals hast du mich gefragt--"

 

"Manchmal frage ich mich, Spock, ob Sie nicht denken wie Scrooge. Über Weihnachten, meine ich. Über die Sentimentalitäten, die Traditionen, die unlogischen Handlungen, zu der wir Menschen gerade zu dieser Jahreszeit neigen. Was ich wissen möchte, ist... Warum sitzen Sie hier bei mir und hören mir zu, wie ich eine uralte Geschichte vorlese, die ich auswendig kenne und die Sie innerhalb einiger Minuten auf dem Bildschirm ihrer Datenstation lesen und analysieren könnten, anstatt Ihre wertvolle Zeit im Labor oder im Maschinenraum mit ihren Experimenten zu verbringen?"

 

"Captain, als ich mich entschloß, auf einem Schiff der Föderation Dienst zu tun, dessen Besatzung hauptsächlich menschlich ist, war mir klar, daß ich gewisse... Kompromisse würde eingehen müssen. Dazu gehört auch die Akzeptanz von Bräuchen und Traditionen, egal wie obzön, reaktionär oder unlogisch sie mir erscheinen mögen."

 

"Und das hier ist auch so ein Kompromiß?"

 

"Nein, Captain.... Jim... das hier ist das Privileg, einen Menschen, den ich schätze und respektiere, näher kennen- und besser verstehen zu lernen. Sie haben mich eingeladen, diese Tradition mit Ihnen zu teilen. Die Einladung abzulehnen wäre unlogisch gewesen."

 

"Wäre es das?"

 

"In der Tat. Denn ist dies nicht die Botschaft des Geistes der Weihnacht? Freude zu teilen?"

 

Spock nahm Kirks Hand jetzt in beide Hände, rieb sie sanft. "Hast du immer noch Angst davor, ich könnte etwas, das dir am Herzen liegt, für Humbug halten?"

 

Kirk zog seine Hand weg, nahm das Buch wieder auf und reichte es Spock. "Nein. Ich hatte vor, eine neue Tradition einzuführen."

 

Augenblicke später füllte Spocks Stimme den Raum.

 

"Das tue ich", sagte Scrooge. "Frohe Weihnachten! Welches Recht hast du, froh zu sein? Welchen Grund hast du, froh zu sein? Du bist doch wohl arm genug."