Licht für
die Seele
Kapitel 2 /13
Teil 1: Licht im Dunkel / Wenige Monate nach TOS / Kapitel 1 bis 3
Teil 2: Erkenntnis und Abschied / Direkt nach Teil 1 / Kapitel 4 bis 5
Teil 3: Licht und Dunkelheit / Zwischen dem ersten und dem zweiten Kinofilm / Kapitel 6 bis 11
Teil 4: Alles Dunkel sinkt hinweg / Nach dem fünften Kinofilm / Kapitel 12 und 13
Noch mehr Übersicht zur Story gibt es hier: http://myblog.de/lichtfuerdieseele1/page/1266116/Ubersicht_der_Story
Zusammenfassung: Die Welt ist voll von Gewalt und Missbrauch, Blindheit und Vorurteilen. Doch ungewöhnliche Kunstwerke bringen Licht in die Seelen.
ACHTUNG! Diese Story ist kein Mainstream K/S. Sie ist ein komplexes und idealistisches Weihnachtsmärchen mit einer Extraportion Kitsch und einer dreifachen Portion Harmonie. Wer so etwas nicht mag, sollte jetzt ganz schnell das Weite suchen. Diese Warnung ist ernst gemeint.
Autor: Liliane Romano
Beta: Paxstartrek
Ein Weihnachtsmärchen im Star Trek Universum
K/S, K/m,
S/f, m/m
PG 13
Mit dabei: unbeherrschte Künstler / faszinierende Vulkanier / eine traurige, lähmende Erinnerung / eine Spezies ohne Ethik / ein verzauberter Herbstwald / eine fesselnde Frau in Blau / Romantik / Erotik / Winter – und Weihnachtskitsch
Disclaimer: Das Star Trek Universum gehört mir nicht und ich verdiene damit kein Geld. Ich spiele nur ein bisschen mit den sexy Jungs und den netten Mädels die dort wohnen. Ich schreibe nur zum Spass und will keine Rechte verletzen.
*****
Am Freitag
vor dem 1. Advent
Art of
LightCrystal and Environment
Admiral Nogura empfing Kirk am Eingang seines Hauses und führte ihn in einen hellen Raum. Sie setzten sich in Korbsessel mit Sitzkissen und Noguras Ehefrau servierte ihnen Tee.
Einige Minuten tranken sie schweigend und Kirk fühlte sich immer unbehaglicher. Es war nicht der ungewöhnliche Befehl sich hier einzufinden und auch nicht der ungewohnte grüne Tee, der ihn unruhig machte. Es war der Raum. Das Licht, das in jeder Ecke des Zimmers allgegenwärtig schien und dessen Ursprung trotzdem ausschließlich natürlich war. Panoramafenster erhellten den Raum mehr, als es zu einem Nachmittag in der Vorweihnachtszeit passte und die karge Möblierung schien nur aus Beige – und Orangetönen zu bestehen. Kirk schloss die Augen. Warum konnte Nogura nicht wie alle anderen sein Haus weihnachtlich schmücken und das Licht dämmen? Dunkles Grün, Braun und Rot, Silber und Gold passten zu dieser Zeit viel besser und er erinnerte sich, dass sein eigenes Appartement zwar dunkler, jedoch auch noch ungeschmückt war.
‚Uhura hatte auf der Enterprise immer rechtzeitig für weihnachtliche Dekoration gesorgt…’, fiel ihm ein.
„Wir müssen miteinander reden, Jim. Sie sind nicht voll einsatzfähig. Das ist nicht akzeptabel, denn ich brauche Sie“, unterbrach Nogura seine Gedanken und Kirk nahm instinktiv eine Abwehrhaltung ein.
„Ich bin einsatzfähig, Sir“, widersprach er sofort.
„Sie wissen, dass kurz nach Weihnachten das Erstkontaktprojekt auf Hannard beginnt und Sie sollen es leiten. Es ist ein äußerst schwieriges Unterfangen mit dieser Prä –Warp – Zivilisation Kontakt aufzunehmen.Wir haben es jahrelang vorbereitet. Die Hannardi sind wichtig für die Föderation und der Erstkontakt ist unumgänglich. Doch Sie sind nicht einsatzbereit.“
Nogura griff nach einem kleinen Pad.
„Drei verschiedene Starfleetärzte, einschließlich ihres Doktor McCoys, sagen das.“
Verständnislos sah Kirk auf das Pad.
„Ich fühle mich wohl, bin nach den vier Wochen Urlaub auf Tahiti erholt und beim letzten Fitnesstest habe ich besser abgeschnitten als in den fünf Jahren auf der Enterprise...“
„Weil sie täglich mindestens zwei Stunden lang trainieren. Sie verausgaben sich beim Gewichtheben und auf dem Laufband.“
„Sir, bei allem Respekt, ich verstehe nicht, was Sie mir sagen wollen.“
Kirks Stimme klang gereizt und seine Finger umschlossen fest die Seitenstreben des Korbsessels.
In einer einzigen Bewegung stellte Nogura die Tasse auf den Tisch und erhob sich. Er ging im Zimmer umher und blieb hinter Kirk stehen.
„Wovor laufen Sie weg, Jim?“
Noguras Stimme klang noch immer ruhig, doch eine fordernde Klarheit löste den sanften Tonfall ab.
Kirk schaute ihn fragend an.
„Ich laufe nicht weg. Ich trainiere.“
„Computer, dämme das Licht um 40%“, sagte er.
Die Scheiben verdunkelten sich und Jim atmete auf.
Der Admiral schaute ihn an und einige Worte lang nahm seine Stimme wieder einen sanften väterlichen Klang an: „Im Dunkeln ist es einfacher, über Probleme nachzudenken. Da stürmt die Realität mit all ihren Problemen und allen Erinnerungen, die wir nicht haben wollen, weniger intensiv auf uns ein. Im Licht dagegen wird alles sichtbar und man ist dem Chaos wehrlos ausgeliefert.
Deshalb meditiert man seit ewigen Zeiten im Dunkeln über die Welt und das Leben. Man schließt das Chaos aus, um sich besser besinnen zu können. Das Licht, die Wahrheit, entsteht dann aus der Dunkelheit. Sie ist der Ruhepol, wenn wir durch den Lärm der Welt die Welt selbst und uns selbst nicht mehr erkennen können.“
Nogura machte eine kurze Pause und fuhr in schärferem Tonfall fort.
„Ich fürchte, Sie sehen die Wahrheit nicht, weil in den letzten Jahren zu viel auf sie eingestürmt ist. Sie sind von emotionalem Stress überlastet. Ich will nicht behaupten, alle Ursachen dafür erkannt zu haben. Das wird Ihre Aufgabe sein.
Sie sind mein bester Mann, Jim. Ihre Fähigkeiten übersteigen die anderer Offiziere deutlich. Sie sind erstaunlich resistent gegen den Stress eines Kommandos und laufen unter Druck sogar zu Höchstform auf. Sie sind ein Teamarbeiter, wissen, wie man Aufgaben delegiert und dennoch die Kontrolle behält. Sie können im Sekundenbruchteil Entscheidungen treffen und kombinieren ihr Wissen und ihre Erfahrung mit denen ihrer Crew. Ihre Fähigkeit, instinktiv richtig zu entscheiden, hat Sie zum jüngsten Captain eines Sternenschiffes gemacht.
Doch auch Sie sind nicht unverwüstlich. Auch ein Jim Kirk kann den Verlust von 72 Mann seiner Besatzung nicht so ohne weiteres verkraften. Sagen Sie mir, Jim, was haben Sie gedacht, wenn ein junger Mann neben Ihnen starb? Vielleicht war es nur ein Missverständnis gewesen und er starb ohne Sinn. 25 Jahre alt und sinnlos gestorben. Was dachten Sie dabei?“
Kirk schloss die Augen. Er hatte es zu oft erlebt. 72 junge Menschen, die ihm vertrauten, waren tot. Jedes Mal nahm es ihn mit und bei der nächsten Gelegenheit hatte er auf die Boxsäcke in der Sporthalle eingeschlagen, sich jedes Mal gefragt, was falsch gelaufen war und sich gefragt…
„Rechtfertigt Neugierde auf das Unbekannte den Tod dieser jungen Menschen? Diese Frage habe ich mir immer wieder gestellt. So wie es sicher auch alle anderen Offiziere tun. Wir wurden alle darauf vorbereitet und doch… kann man es nicht verkraften… Die eigene Unsicherheit zu überwinden ist genauso schwierig. Man zweifelt an seinen Entscheidungen… und fürchtet sich vor dem Tag, an dem der beste Freund auch… stirbt.“
Nogura nickte.
„Die Enterprise war das erste Forschungsschiff, das fünf Jahre lang ununterbrochen im All unterwegs war. Die Eindrücke, die Sie und Ihre Crew mitgebracht haben, überlasten den menschlichen Verstand und übersteigen die jahrtausende alte gemeinsame unterbewusste Erfahrung der Menschheit. Sie haben fünf Jahre Unbekanntes gesehen und zu der gemeinsamen Erfahrung der Menschen unfassbare Dinge hinzugefügt. Und Jim…Sie haben das alles erlebt. Fremde Wesen, Kulturen, die sich keiner von uns vorher vorstellen konnte, sinnloses Sterben, Verantwortung für das Leben von 400 Mann. Sie haben es wahrhaftig erlebt. Es war keine Abenteuerserie im Netz und kein Holo – Spiel.
Was ist mit Mr. Spock? Er wird nach Gol gehen. Fünf Jahre lang war er ihr bester Freund. Ein sehr enger Freund, glaube ich… Erst mussten Sie jahrelang mit dem Wissen leben, dass der Tod ihn genauso treffen könnte wie jeden anderen in der Crew und jetzt werden Sie ihn vielleicht nie wiedersehen. Ich glaube nicht, dass Sie das nicht belastet.“
‚Spock… mein bester Freund… ja, das ist er… und jetzt wird er gehen…’
Ein Kloß bildete sich in Jims Hals. Er konnte sich ein Leben ohne Spock nicht vorstellen.
„Ich habe mit allen Offizieren ihrer Kommandocrew gesprochen und keiner von ihnen hat die fünf Jahre unbeschadet überstanden. Sie haben sich auf weniger aufregende Posten versetzen lassen oder die Flotte verlassen. Auch Sie haben die Jahre nicht unbeschadet überstanden. Sie merken es nicht, doch den Menschen, mit denen Sie zusammen sind, fällt es auf. Sie sind fahrig, rasten leicht aus, ihre Arbeit ist nicht so exakt wie sie sein könnte und Sie grübeln stundenlang.“
Kirk hob in einer ärgerlichen Geste die Hände. Dann senkte er sie wieder und seine Stimme klang gefährlich leise und deutlich.
„SIE, Admiral Nogura, waren es, der mich gegen meinen Willen zum Admiral befördert hat, obwohl ich Ihren Worten nach die ideale Version eines Raumschiffcaptains bin. DAS ist der Grund dafür, dass ich gereizt bin und die Arbeit in einem Büro mir keine Freude bereitet. Mit Verlaub, Sir, Sie verdrehen die Tatsachen.“
Nogura sah ihn schweigend an. Dann reichte er ihm das Datenpad mit den Berichten der Ärzte.
„Ich brauche Sie hier, Jim, damit ich Sie mit einem Raumschiff losschicken kann, wenn ich den besten Mann brauche und ich brauche Sie mit der Entscheidungsgewalt eines Admirals. Das habe ich Ihnen mehrfach erklärt. Notwendigkeiten und Tatsachen nicht einsehen zu können ist auch ein Zeichen von zuviel innerem Chaos, das man nicht mehr kontrollieren kann. Ich werde Sie in Urlaub schicken und dann können Sie die Mission auf Hannard leiten. Übrigens empfehlen die Ärzte, auch ihr Dr. McCoy, Ihnen zur Zeit kein Raumschiff anzuvertrauen.“
Fassungslos las Kirk die Berichte der Ärzte und konnte es nicht glauben. Er, unfähig ein Schiff zu kommandieren? Überlastet von emotionalem Stress?
„Zum Teil haben Sie sicher recht, doch ich BIN einsatzfähig. Alles zu überwinden wird sicher einige Zeit in Anspruch nehmen, doch…“
„Drei Tage nur.“
Kirk glaubte sich verhört zu haben.
„Drei Tage Urlaub nur? Nach dem Vortrag, den Sie mir gehalten haben und der Behauptung, ich sei nicht einsatzfähig, hätte ich mit mindestens zwei Wochen…“
„Wir haben keine zwei Wochen und sie werden auch nicht notwendig sein. Es gibt eine Methode, die Ihnen helfen könnte. Danach werden Sie die Ordnung in sich wiederfinden und loslassen können, was Sie belastet. Auch die Probleme, von denen Sie nur selbst wissen. Bei anderen hat es auch gewirkt. Die Methode ist wissenschaftlich nicht anerkannt und doch extrem wirkungsvoll.“
Kirk richtete sich auf und sein Blick verlangte eine Erklärung.
„Ich wende die Methode selbst an.“
Nogura erhob sich.
„Folgen Sie mir.“
*
In dem Raum, in den Nogura ihn geführt hatte, wartete ein großer attraktiver Mann mit schwarzem Haar und sanftem Lächeln.
„Darf ich vorstellen, Admiral James T. Kirk – Liam Dendres.“
Sie reichten sich die Hände und Liam deutete auf ein 60 Zentimeter hohes und ebenso breites und tiefes Modell in einer Ecke des Raumes.
Schweigend stand Kirk vor dem Modell eines traditionellen japanischen Dorfes. Es bestand aus Naturmaterialien. Er sah den Kristall in der Mitte und erkannte, was er vor sich hatte.
„Ein A.L.C.E. Ich habe erst eines gesehen. >Survive< in Yosemite.“
Liam nickte zustimmend.
„Es zeigt, wie man durch Wissen über das Universum, Vertrauen in sich selbst und durch die Liebe eines anderen sogar die feindlichste und fremdeste Umgebung überleben und zu seinem Verbündeten machen kann. >Survive< ist das berühmteste und mit drei Metern Seitenlänge auch das größte A.L.C.E. Stéphane Bonner hat es erschaffen. Der dritte der drei größten Künstler.“
„Ein entfernter Verwandter von mir ist auch einer der Künstler, die dazu in der Lage sind, so etwas zu anzufertigen“, sagte er schließlich leise.
„Robin Alliani“, bestätigte Liam.
„Sind Sie auch ein A.L.C.E. Künstler? Kennen sie Robin?“
„Ja, bin ich und ich kenne Robin gut.“
„Hat er dieses hier erschaffen oder Sie?“
„Nein, Ladina Charane war es, die zweite der drei größten Künstler. Sie schuf es für Admiral Nogura aus Dankbarkeit, weil er sich dafür eingesetzt hat, dass die Künstler weiterhin Zugang zu den Kristallen von Pamar Onut erhalten. Der Admiral findet damit leichter zu schwierigen Entscheidungen. Es verschafft ihm Ruhe und gibt ihm die Kraft, die seinen japanischen Vorfahren eigen war. Ist Ihnen die Geschichte der Kristalle bekannt?“
„Nicht ganz…“
„Vor 40 Jahren untersuchte ein Forschungsschiff Pamar Onut, einen ehemals besiedelten Planeten, und fand Millionen Kristalle, die von innen heraus leuchteten. Die Wissenschaftler untersuchten sie lange Zeit ergebnislos. Sie sind unzerstörbar, außer wenn man sie beamt. Dann lösen sie sich auf. Die Analysegeräte konnten ihre Zusammensetzung nicht bestimmen. Da sie sich aber ansonsten als ungefährlich erwiesen, brachte man sie zur Erde. Doch man konnte mit ihnen nichts anfangen.
Die Bildhauerin und Kunstwissenschaftlerin Gianna Berrydor bewahrte in ihrem Zuhause einen dieser Kristalle auf und machte schließlich die verblüffende Entdeckung.
„Hier…“, Liam tippte etwas in ein Datenpad ein und reichte es ihm, „ihr Originalbericht über die Entdeckung der besonderen Eigenschaften der Kristalle.“
>Ich hatte mir schon immer gewünscht, ein Kunstwerk zu schaffen, das die Schönheit unseres Planeten widerspiegelt und sie dem Betrachter in die Seele schreibt. Ich besorgte mir in der Bretagne, wo ich jedes Jahr im August Urlaub mache, Naturmaterialien wie Gräser, Blumen, Rinde, Steine und Früchte. Dann baute ich daraus ein Modell der bretonischen Küste. Es war nicht einfach ein Abbild sondern wie ein Symbol. Ich hatte die Bestandteile aus der Umwelt verknüpft, kombiniert, verflochten, getürmt, verstreut; mit Farben, die ich aus Steinen und Pflanzen der Küste gewonnen hatte, gefärbt…
Ich arbeitete so lange daran, bis es mir richtig erschien, bis ich glaubte, die Essenz der bretonischen Küste gefunden, sie als Sinnbild gestaltet zu haben.
Ich betrachtete das Modell und aus einer Eingebung heraus stellte ich den Kristall in seine Mitte.
Dann geschah etwas Unerwartetes. Es knisterte, ein goldgrüner Funkenschauer erschien und dann wurde meine Hand aus dem Modell gestoßen.
Erschrocken stellte ich fest, dass um das Modell ein unsichtbares Kraftfeld gelegt worden war, gleichzeitig eine Art Stasisfeld, das die Naturbestandteile am natürlichen Zerfall hinderte, wie ich später erfuhr. Die Flottenwissenschaftler untersuchten das Kraftfeld und fanden, wie bei den Kristallen jedoch nichts darüber heraus.
Während ich mich in das Modell vertiefte, das ich nun nur noch von außen betrachten, jedoch nicht mehr berühren und verändern konnte, schien die Küste plötzlich lebendig zu werden. Wellen rauschten, das dünne Salzgras bewegte sich hin und her, die Blumen neigten sich zur Seite, Sonne und Wolken ließen Muster auf den Steinen erscheinen.
Doch ich sah noch mehr. Halbdurchsichtige Figuren. Sie bewegten sich, waren Spaziergänger am Strand, Jogger, Tiere und auch Druiden und Feen aus alten Märchen und Sagen. Menhire, Haine, Fischer, Bauern und Handwerker mit altem Werkzeug. Die Küste der Bretagne war in dem Modell zum Leben erwacht.<
Liam nahm Kirk das Pad aus der Hand.
„Den Rest erzähle ich Ihnen lieber mit meinen eigenen Worten.
Gianna Berrydor hatte die Essenz der Bretagneküste in ihrem Kunstwerk eingefangen. Sie hatte es aus den Dingen geschaffen, die man dort findet.
Sie war eine Künstlerin, die schon vorher durch ihre intuitive Erfassung von Eindrücken unseres Planeten und auch anderer Welten aufgefallen war. Doch all das übertraf sie mit diesem Kunstwerk.
Als Gianna Berrydor in ihrem Kunstwerk die natürlichen Bestandteile der bretonischen Küste intuitiv mit ihrem Herzen kombinierte, reagierte der Kristall.
Er erkannte die Essenz und umschloss das Modell mit einem Kraftfeld, um sie für immer zu bewahren.
Noch immer leben wir Menschen nur mit fünf Sinnen. Wir wissen vom sechsten, doch im Gegensatz zu anderen Spezies kann die Menschheit ihn nicht nutzen. Nur manchmal und nur selten bewusst und geplant. Deshalb haben wir Menschen auch keinen bewussten Zugang zum morphogenetischen Feld der Erde, zu ihrer Erinnerung. Im Verlauf der Evolution wird sich das sicher ändern, doch noch ist es nicht soweit.
Das ist ein großer Nachteil, denn in der Erinnerung des Planeten steckt die Weisheit unzähliger Jahre, das Wissen und die Erfahrung der Menschheit, ihre Träume und Visionen, Legenden und religiösen Gefühle.
Kein Kristall hat jemals auf etwas anderes reagiert als auf ein solches Kunstwerk wie zum Beispiel das von Gianna.
Sie gehörte zu den wenigen, denen ein Zugang zur Erderinnerung zeitweise möglich war und ist, oft unerwartet, manchmal durch intensive Meditation. Wir sind trotz dieser Fähigkeit keine Elite, denn es ist oft schwer, mit dieser Fähigkeit umzugehen. Einige der A.L.C.E. Künstler sind außerhalb ihrer Kunst, also im wahren Leben, im Nachteil gegenüber den anderen Menschen. Der Umgang mit dem sechsten Sinn übersteigt oft unser Vermögen, ihn zu verarbeiten. Wir sind anfälliger für unkontrollierte Emotionen und die gegenwärtige Welt wird oft zu viel für uns.
Auch die Gestaltung der A.L.C.E. übersteigt beinahe unsere Kräfte. Von den 138 lebenden Künstlern und den elf schon verstorbenen wie Gianna wurden insgesamt nur 921 A.L.C.E. erschaffen. Versuche gab es unzählige mehr. Doch sie blieben nur Umweltkompositionen, denn der Kristall reagierte nicht auf sie. Die Essenz der Erde lässt sich von uns nicht beliebig einfangen.
Ein Kristall errichtet in dem Moment, wo die perfekte Umweltkomposition erreicht ist, das schützende Kraftfeld. Dann reflektierte er die Essenz, die er erkannt hat. Bei Giannas erstem Modell erweckte er die Bretagne zum Leben. Er schuf feine, halbdurchsichtige Figuren, die in einer Art Animation die Region zeigten – die Geschichte, die Bewohner, die Legenden und die Natur.
Wenn das Kunstwerk keine Landschaft darstellt, sondern Immaterielles wie zum Beispiel ein Ereignis oder ein Gefühl wie Liebe oder andere Emotionen ist es im Prinzip auch so. Dann verwenden die Künstler Naturmaterialien, die bestimmte Ereignisse oder Gefühle symbolisieren.“
„Aber das ist nicht alles, Liam. Die Wirkung des Kristalls endet nicht mit der Darstellung der Planetenessenz…“, wusste Jim und bat Liam fortzufahren.
„Nein - und das ist das Wichtigste daran. Nach einigen Minuten tritt beim entspannten Betrachter eine Wirkung ein. Sie ist höchst individuell und hat mit den Dingen und Problemen zu tun, die den Betrachter beschäftigen.
Der Kristall hilft mit dem aus dem Kunstwerk absorbierten Wissen, der Erfahrung der Erde, dem Betrachter bei der Lösung seiner Probleme.
Wie? Er koppelt sich mit ihm, erkennt den Betrachter, da auch er ein Teil der Erde ist und sendet seine Erfahrung. Diese Sendung wird von den Betrachtern unterschiedlich empfunden und sie wirkt auch unterschiedlich.
Sie lässt sich am besten mit einer Vision vergleichen. Es ist etwa so, dass der Betrachter Bilder und Erlebnisse aus seiner Vergangenheit oder der möglichen Zukunft sieht und erlebt Das A.L.C.E. ihm hilft, damit fertig zu werden. Es gibt Dinge die wir verdrängen und die uns unbewusst belasten. Ein A.L.C.E. bringt das ans Tageslicht.
Oder wir versuchen ein Problem zu lösen, eine Frage zu klären oder eine Erkenntnis zu gewinnen. Ein A.L.C.E. kann dabei helfen. Im Grunde hilft jedes A.L.C.E. Doch wie intensiv ein Mensch auf eine bestimmte Darstellung reagiert, kommt auf die Persönlichkeit, den Kulturkreis und natürlich auf die Art der eigenen Lebenserfahrung an.
Wenn der Betrachter jedoch zu unsicher, ängstlich und unruhig ist, nützt die mögliche Wirkung des Kristalls ihm nichts. Es ist bizarr, ausgerechnet von ihren emotional oft so überladenen Erschaffern kann sie kaum genutzt werden.
Jim, darf ich fragen… was haben Sie an dem Modell in Yosemite erlebt?“
Kirk schüttelte den Kopf.
„Für einen Moment glaubte ich, ein Bild in mir zu sehen. Zu mehr kam es nicht und bei so vielen Besuchern, die dorthin drängen, ist es schwer möglich, noch einmal das Kunstwerk von Nahem zu sehen.“
Liam nickte.
„Es ist schwer sich zu entspannen, wenn man mit 100 Menschen davor steht.“
Jim war beeindruckt von Liams gefühlvollen, prosaischen Ausführungen und hing förmlich an seinen sinnlichen Lippen. Er trat zu dem japanischen Modell, wollte die Gelegenheit nutzen, ein „Art of LightCrystal and Environment“, wie man solche Kunstwerke nannte, endlich mal zu erleben.
„Nicht dieses, Jim, es gibt Ihnen nicht das, was sie brauchen. Vielleicht hätte es gar keinen Effekt. Für Sie sind andere Darstellungen besser geeignet, A.C.L.E., die sie erden und sie zurückfinden lassen. Eines davon steht in dem A.L.C.E. Haus in Schweden, das ich führe.“
Kirk sah ihn fragend an.
Admiral Nogura, den er schon fast vergessen hatte, trat näher.
„Jim… ich habe mir erlaubt, mit meinem Freund Liam die emotionale Situation zu besprechen, in der Sie stecken. Ich weiß, dass ich Sie damit übergangen habe und ich bitte Sie dafür aufrichtig um Entschuldigung.
In Nordschweden steht ein Haus, das schon ohne die acht A.L.C.E. darin ein wunderbarer Ort ist, um seine Mitte wiederzufinden… und wo man langsam wieder an die Realität herangeführt wird.“
Kirk schluckte.
„Sagten Sie… acht?“
Liam antwortete an Noguras Stelle.
„Acht kleine Modelle, ja. Zwei Werke sind von Robin Alliani, zwei von mir selbst, zwei von Ladina und zwei von Stéphane. Wir schufen sie in einer euphorischen erfolgreichen Phase vor ein bis zwei Jahren.
Das Haus ist eine Art Heimat für die Modelle und vor einiger Zeit kamen wir auf die Idee, die Möglichkeiten stärker zu nutzen, die uns von den A.L.C.E. geboten werden und andere Menschen daran teilhaben zu lassen. Das Haus und die Umgebung, die wir gestalteten, sind die ideale Ergänzung zu der Wirkung der A.L.C.E. und beides kann von den Gästen genutzt werden.“
Nogura trat lächelnd zu Jim.
„Am besten, Sie gehen jetzt nach Hause, packen ein paar Sachen und beamen morgen früh mit Liam nach Schweden.“
Weiter in Kapitel 3